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II. Objektfreie, ungeordnete Kritzeleien.

Bei manchen Kranken, die Briefe schreiben, beobachtet man, daß sie öfters ihre Absicht, Angehörigen oder Freunden Nachricht von sich zu geben, nicht ausführen, sondern das bereitgelegte Papier in anscheinend sinnloser Weise bekritzeln. Ferner findet man Zeitschriften, Zeitungen, und was nur an bedrucktem und unbedrucktem Papier den Kranken in die Hand gegeben wird, unordentlich bedeckt mit Kritzeleien. Der ordnungsliebende Abteilungsarzt, der sein Personal gut geschult hat, wird dergleichen vielleicht viel seltener zu sehen bekommen, als es entsteht, da es vor seinen Augen weggeräumt wird. Das Interesse beginnt meist erst rege zu werden, wenn der Kranke einigermaßen sinnvoll schreibt oder zeichnet. Immerhin findet man gelegentlich in Krankengeschichten auch solche Blätter verwahrt, die jedes rationalen Sinnes bar sind. Diese nun, die meist verworfenen – nur in geringem Bruchteil bewahrten – Niederschläge ödester Spielerei mit Papier und Stift, sollen hier zunächst einer kurzen Betrachtung unterzogen werden.

Man kann einige Dutzend dieser unansehnlichen Spielereien leicht so ordnen, daß sie – obgleich die Grundeigenschaft »gegenstandsloses Gekritzel« ihnen allen gemeinsam ist – doch eine relativ ansteigende Reihe bilden. Das eine Ende wäre bezeichnet durch völlige Unordnung des Gestrichels, Undurchsichtigkeit, ein Chaos von Stiftspuren, deren keine die Bewegung, aus der sie entsprang, dem Betrachter mehr verrät. Auf manchen Blättern dann ist das Gewirre nicht völlig undurchschaubar. Einzelne Stellen heben sich heller heraus. Dort erblickt man deutlicher eine Kurve, einen Punkt, einen geraden Strich. Noch mehr Einblick gewähren andere Blätter, die nicht durch Wischen verschmiert wurden, sondern ein mit hartem Stift im wahrsten Sinne »gekritzeltes« Liniengewirr darbieten. Da läßt sich hier ein einzelner Buchstabe, dort eine Silbe, ein Wort mit mühsam spähendem Auge herauslösen, dann wieder Zahlen, Bruchstücke geometrischer Kurven, Punkte, parallele Strichelei. Aber nirgends fügt sich dieser Schriftdetritus zu irgendeinem noch so einfachen Gebilde, sei es Wort oder Figur, zusammen. Und nirgends spricht aus der Gesamtansicht die Verteilung hellerer und dunklerer Stellen oder einzelner Linienzüge uns so an, daß wir eine Absicht oder eine Gesetzmäßigkeit darin suchen möchten.

Ist nun auch weder nach der Seite des Abbildens, noch nach der Seite der Ordnung irgendein Anfang gemacht, der dem einzelnen Blatt eine eigentliche Individualität sicherte, so kann man doch keineswegs von völliger Gleichmäßigkeit, selbst bei diesem Gesamteindruck des Strukturlosen, reden. Vielmehr ist es mit geringem Opfer an Zeit und Mühe leicht, in diesem scheinbar nichtssagenden Gesudel eine Ausdruckssprache zu finden, die über eine gar nicht so dürftige Skala von Nuancen verfügt. Noch der kleinste Schnörkel, erst recht die weiter ausholende Kurve, läßt sich als Ausdrucksbewegung auffassen und, wenn auch in geringstem Ausmaß, deuten. So wenig brauchbare Vorarbeiten nach dieser Richtung bekannt sind, so ist es doch nicht aussichtslos, durch Vergleich zahlreicher gut beobachteter Fälle eine Art Alphabet der Ausdrucksbewegungen aufzustellen. Aus diesem Gleichnis ist auch der beschränkte Erkenntniswert solcher Studien leicht klarzumachen: wie der einfache Kritzel, so verdankt der einfache Laut seine Entstehung zwar eindeutig einer Muskelkonstellation, einem motorischen Nervenreiz, kurz der Dynamik eines physiologischen Ablaufs. Trotz dieser übersichtlichen Determiniertheit aber trägt der so entstehende Laut an sich keinen begrifflichen Sinn, sondern er kann höchstens Ausdrucksträger sein, und als solcher, zumal im Affekt, eindeutig wirken (Schmerzensschrei z. B.). Dementsprechend wäre zu untersuchen, ob etwa ausfahrende spitze Zacken regelmäßig einer Stimmung oder aber einer charakterologischen Anlage des Urhebers entsprechen u. dgl. mehr. Für derartige Untersuchungen steht leider Material von Gesunden kaum zur Verfügung. Und es kommt alles darauf an, nur spontan Entstandenes zu verwerten. Daß Krankheit des Urhebers allgemein die Brauchbarkeit solches Materials aufhebt, trifft nicht zu. Die geringe Unsicherheit, die etwa durch das Bedenken gestiftet wird, ob denn der Zorn eines Schizophrenen mit dem Zorn eines Gesunden verglichen werden könne, muß in Kauf genommen werden, wo so wenig Material in Frage kommt. Motorische Reizzustände auf physiologischer Grundlage dagegen müssen als grundsätzlich anders zu bewertende Antriebe gesondert zum Vergleich geprüft werden, – aber auch sie möglichst in Spontanerzeugnissen Die von Ludwig Klages ausgebaute Methodik der Handschriftendeutung (vgl. Handschrift und Charakter, 4. Aufl. Leipzig 1921) und seine theoretische Grundlegung der Ausdruckslehre geben ein tragfähiges Fundament für jegliche derartige Untersuchung ab, die freilich viel Geduld und Kritik erfordert. Heranzuziehen ist ferner das erwähnte Buch von Krötzsch: »Rhythmus und Form usw.«, die Arbeit von Mohr und besonders für die Erscheinungsweise organisch bedingter Schreibstörungen Erlenmeyer: »Die Schrift, Grundzüge ihrer Physiologie und Pathologie«, Stuttgart 1879; Köster: »Die Schrift bei Geisteskranken«, Leipzig 1903; Rogues de Fursac: »Les Ecrits et les Dessins dans les maladies nerveuses et mentales«, Paris 1905..

Erst nach solchen Vorarbeiten kann über die »Bedeutung« einfacher Kurven und Formelemente weiterverhandelt werden, wobei dann besonders die Symboldeutung einfacher Kritzel, wie sie von psychoanalytischer Seite mehrfach versucht worden ist, kritisch verwertet werden muß. Niemand, der auf diesem Gebiete einige Erfahrung besitzt, kann im Zweifel sein, daß hier wertvollstes psychologisches Studienmaterial besonnener Bearbeitung harrt. Es liegt an der außerordentlichen Feinheit und Flüchtigkeit der Probleme, daß bislang noch so wenig Stichhaltiges darüber vorliegt. Aus diesem Grunde, weil wir eindrucksmäßige Deutungen scheuen, die sich nicht empirisch-kritisch stützen lassen, verzichten wir darauf, diese einfachen Zeichnungen als Persönlichkeitsspiegelungen darzustellen, werden dies aber mit den verwickelteren Bildwerken der zehn genauer zu schildernden Fälle versuchen.

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Fall 165. Abb. 1a u. b. Kritzelei (Bleistift). je 14x21.

Hier beschränken wir uns darauf, einen Überblick über die Vielgestaltigkeit unseres Materials zu geben, indem wir den Akzent darauf legen, die Gestaltungstendenzen in ihrem mannigfachen Spiel deutlich zu machen, d. h. die überpersönlichen Komponenten des Gestaltungsvorganges. In ihrem Zusammenwirken werden wir einige Störungen aufweisen können, die psychologisch sicher deutbar sind.

Ein Beispiel für die einfachsten Kritzeleien gibt Abb. 1a und 2a. Die einzelnen Linienzüge klingen am häufigsten an Buchstabenformen an, manchmal an geometrische Gebilde, ohne daß man Anlaß hätte, darin eine Absicht zu sehen. Auch die Verteilung der Formelemente auf der Fläche läßt keinerlei Ordnungstendenz erkennen. Ein einziges Merkmal nur, das der überwiegenden Zahl von solchen Kritzeleien eigen ist, können wir namhaft machen: das ganze Blatt ist bis zum Rande gefüllt mit Kritzeln, als ob ein »horror vacui« dem Zeichner keine Ruhe ließe, ehe jede freie Stelle bedeckt ist – oder, positiv gesprochen: als ob jede freie Stelle den Zeichner zur Betätigung anspornte. Wir bezeichnen diesen Typus als objektfreie, ungeordnete Kritzelei und sehen darin die für jede theoretische Betrachtung wichtige Vorform des Zeichnens, die sozusagen dem Nullpunkt der Gestaltung am nächsten steht.

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Fall 216. Abb. 2a-d. Kritzeleien (Bleistift). je 10x16.

Fragen wir uns, was psychologisch geschieht in einer solchen Kritzelei, so müssen wir dreierlei als wesentlich bezeichnen. Auch das einfachste Gestrichel ist einmal – wie mehrfach betont – als Niederschlag von Ausdrucksbewegungen Träger von Seelischem, und der ganze Umkreis seelischen Lebens liegt gleichsam in Perspektive hinter dem geringsten Formelement. Den Antrieb zu der Zeichenbewegung können wir als Ausdrucksbedürfnis eigens benennen (vgl. S. 16). Ferner müssen wir von einem Betätigungsdrang sprechen, den wir ebenfalls als Grunderscheinung alles Lebens auffassen und trotz enger Verwandtschaft von dem Ausdrucksbedürfnis sondern. Und schließlich wurden wir schon durch unsere Schilderung der ersten Blätter auf jene Tendenz zur Bereicherung der Umwelt hingewiesen.

In diesen drei Tendenzen sehen wir die bestimmenden Komponenten eines Gestaltungsdranges, der noch auf keinerlei Objekte gegenständlicher, formaler oder inhaltlich-symbolischer Art gerichtet ist. Man könnte aus einem solchen, noch blinden Gestaltungsdrang ein »Zeichnenwollen« ableiten, eine Bereitschaft, mit Stift und Papier oder was für Material immer sich zu betätigen, oder die »Einstellung« dazu, womit der Vorgang des objektlosen ungeordneten Kritzelns in seinen Hauptphasen wohl lückenlos geschildert wäre.

Die Abb. 2a-c und 1b repräsentieren den entscheidenden Schritt über das soeben beschriebene Urstadium des Zeichnens hinaus. Das Neue besteht darin, daß die Elemente nicht mehr gleichmäßig über die Fläche verteilt sind, sondern sich auf Abb. 2a und b zu dunklen Punkten und Streifen ballen und auf Abb. 1b und 2d feste Gestalt annehmen, wobei sie sich als noch so primitive Formindividuen nach Regeln auf der Fläche ordnen. Damit haben wir eine Ordnungstendenz in diesen Kritzeleien anerkannt und finden die grundlegenden Gestaltungsprinzipien: Reihung, regelmäßigen Wechsel, Symmetrie in ihnen bereits verkörpert. Abb. 1b würde als Urform der Ornamentik, Abb. 2a und b der Dekoration anzusprechen sein. Nach ganz anderer Richtung weist Abb. 3, auf der die Schriftelemente allerdings stark überwiegen. Hier erscheinen unvermittelt reale Objekte in einem Gestrichel, das durchaus nicht dekorativ geordnet ist. Auch zwischen den abgebildeten Objekten, dem Kopf mit Mütze und dem kleinen Haus an dessen Ecke, ist keine anschauliche Beziehung aufzufinden, außer daß sie sinnlos nebeneinandergesetzt sind. Beide Motive scheinen unabhängig voneinander in den Vorstellungsablauf getreten zu sein, einfach mit dem Anspruch, auf dem Papier dargestellt zu werden. War also bei der ersten Gruppe die Gestaltungstendenz rein auf Ordnung gerichtet ohne jede abbildende Nebenabsicht, so ist sie hier umgekehrt reih auf Abbildung einzelner Objekte gerichtet, ohne jede Ordnungsabsicht, und beides noch im Bereich einfachster Kritzelei. Wir verfolgen nunmehr diese beiden Richtungen getrennt, um an Hand einiger typischer Blätter ihren Wirkungsspielraum zu umreißen. Dabei ordnen wir die zwei Reihen so an, daß wir von den mehr spielerischen, inhaltsarmen zu den verwickelteren Werken aufsteigen, in denen bestimmte stoffliche Antriebe zur Wahl des Motivs geführt haben, etwa umgrenzte komplexe Vorstellungen, Wünsche, Erlebnisse.

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Fall 231. Abb. 3 Kritzelei (Feder). 16x21.


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