Frank Norris
Der Ozean ruft
Frank Norris

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Zwölftes Kapitel

Neue Umgebung

Die Saison im Hotel von Coronado war in diesem Winter besonders lebhaft gewesen.

Eine junge Dame, welche für eine der Wochenzeitschriften von San Franzisko die gesellschaftlichen Sensationen in Tagebuchform berichtete, hatte eine vortreffliche Schilderung der pausenlosen Folge der Feste des Hotels geboten.

Sie hatte auch bei der Anführung der neuangekommenen »bekannten Persönlichkeiten« mitgeteilt, daß Mr. Nat Ridgeway aus San Franzisko auf seiner feudalen Yacht »Petrel« eine fröhliche Gesellschaft der populären Größen San Franziskos mitgebracht hatte.

Unter diesen erschien der Name von Miß Josie Herrich, deren Fest am Beginn der Saison noch überall besprochen wurde, in der Folge konnte man dann das Alltägliche lesen.

Die »Petrel« war erst wenige Tage im Hafen und an diesem Abend gab es einen Ball, zu ihren Ehren veranstaltet. Zu Beginn desselben tanzte man einen Kotillon, bei welchem Nat Ridgeway Josie Herrick führen sollte.

Am Nachmittag hatte ein Ausflug nach Tia Juana stattgefunden und Miß Herrick hatte gerade noch Zeit genug gehabt, sich für den Abend anzukleiden.

Gegen halb zehn Uhr war sie mit dieser sehr wichtigen Beschäftigung, bei der ihre Mutter, ihre jüngere Schwester, die Zofe und ein Stubenmädchen des Hotels geholfen hatten, endlich fertig geworden.

Bald darauf schwebte sie in den Ballsaal, eine hauchzarte Wolke von Tüll, weißer Seide und Marschall Niel-Rosen, welche man telegraphisch aus Monterey hatte kommen lassen.

Eine Stunde verflog. Ridgeway gab der Kapelle ein Zeichen, um gleich nach dem Takt eines Twosteps mit Josie Herrick dahinzufliegen, die auf dem Parkett des prachtvollen, runden Ballsaales des Coronado-Hotels die schönste Tänzerin war.

Der Ball war ein Bombenerfolg.

Die Kadetten und jungen Offiziere des Monitors waren in Uniform erschienen.

Die erlesenste Gesellschaft San Franziskos hatte sich hier zusammengefunden.

Selbst Jerry Haight, der den Beginn der Saison in Oregon verbracht hatte, um da Elche zu jagen, befand sich unter den Tänzern.

Ridgeway war dem Tanz mit Miß Herrick hingegeben, welche die Schar der Tänzer überblickte und nach Jerry Haight suchte.

»Sehen Sie Mr. Haight irgendwo?« fragte sie Ridgeway, »ich muß ihm diesen Tanz geben. Schon bin ich ihm zwei Tänze schuldig, er würde es mir niemals verzeihen, wenn ich ihn überginge.«

Jerry Haight war für einen Moment in die Hotelhalle gegangen, um auszuspannen und eine Zigarette zu rauchen; keiner fand ihn da.

Doch als Miß Herrick einen der folgenden Tänze mit einem jungen Kadetten tanzte, erblickte sie Jerry.

»Ach«, rief sie, »Mr. Haight, Sie haben Ihre Chance versäumt, ich suchte Sie!«

Doch Jerry hörte gar nicht – ihn schien irgend etwas sehr erregt zu haben. Er ging schnell, lief fast, quer über das Parkett, sprang aufs Podium, wo eben die Kapelle gefühlvoll »La Paloma« spielte und unterbrach die Musik.

»Hallo! Haight!« rief Ridgeway, der wieder getanzt hatte, »wie kannst du so diesen meinen Tanz ...«

»Gib ein Signal mit der Trompete, daß Ruhe wird«, rief Jerry einen der Musiker an, ohne auf Ridgeway zu achten.

Der Tanz wurde richtig abgeblasen. Alle Füße standen still, die Unterhaltung schwieg.

Was mochte geschehen sein? Hatte man einen Diamantenschmuck gefunden, sollte das Essen angekündigt werden?

Aber Jerry Haight machte mit seinem Arm, zwischen den Fingern immer noch die Zigarette, eine heftige Geste und rief außer Atem:

»Ross Wilbur, Ross Wilbur ist in der Halle des Hotels!«

Ein Augenblick tiefer Stille folgte, – dann brach ein wilder Aufruhr los.

Wilbur, Ross Wilbur ist gefunden? Ross Wilbur von den Toten zurückgekehrt? Ross Wilbur, den man von Buenos Aires im Süden bis zu den Alëuten im Norden fieberhaft gesucht hatte? Ross Wilbur, das Rätsel aller Detektivbüros an der ganzen Küste, der Mittelpunkt von unzähligen Theorien, ein Name, der in den Schlagzeilen sämtlicher Zeitungen westlich des Mississippi in großen Lettern gestanden hatte, Ross Wilbur, den man letztmalig an einem Nachmittag bei einem vornehmen Tee und später in einem Klub gesehen hatte, der daraufhin aber spurlos aus der Welt verschwunden war?

Keine, auch nicht die geringfügigste Spur, hatte man von ihm entdecken können.

Ross Wilbur, der Ermordete, Ross Wilbur, das Opfer einer Entführerbande, der Held eines schauerlich geheimnisvollen Romans, der ungeschildert bleiben würde.

Nun war er, – er da!

Zurückgekehrt aus dem Geheimnis, wie vom Himmel gefallen. Er mußte nun in alle Mutmaßungen, alle Gerüchte der letzten Wintermonate Licht bringen können!

»Da kommt er!« schrie Jerry und sein Blick war wie gebannt auf eine Gruppe blinkender Uniformen und goldener Tressen gerichtet, die durch den Ballraum marschierte, auf den Schultern eine unbeschreibliche Gestalt.

»Hier kommt er, die Jungen tragen ihn her! Oh!« rief er der Kapelle zu, »könnt ihr nicht irgend etwas spielen? Was auch immer! Los, so gut es geht!«

»Ridgeway, Nat, hierher! Ihr wißt doch, Ross Wilbur war ein Yale Mann, wir sind doch genug Yale-Leute hier, um ihn mit unserem Schlachtruf zu begrüßen!« Die Kapelle schmetterte mit voller Kraft die Nationalhymne. Jerry, der auf einem Stuhl der Plattform stand, brachte Wilbur mit einigen Freunden, die ihn umringten, ein langes, donnerndes:

»Brek - kek - kek - kek -, co - ex, co - ex.«

In der Halle war heller Aufruhr. Erregte junge Mädchen und Mütter, die sich auf Stühle und Tische gestellt hatten, zerrissen vor Begeisterung ihre Handschuhe, indes die Kadetten in goldbetreßtem Frack und weißen Hemden schrien und johlten und einander bekämpften, um jenem Mann die Hand zu schütteln, den zwei ältere Yale-Leute, in Erinnerung an ihre gemeinsamen Sporttriumphe, hoch auf den Schultern durch den Ballsaal trugen.

Er aber, der Held, Mittelpunkt dieser Ovationen, den man nun im Triumph in diese Gesellschaft in Abendanzügen und weißem Tüll, in den Duft kostbarer Parfüms, getragen hatte, war eine unsagbar schmutzige, verwahrloste Gestalt!

Sein Haar war lang, über die Augen herabhängend. Ein zerzauster Bart ließ von Mund und Kinn kaum etwas sehen. Eine chinesische Bluse und Hosen, in zerrissenen Stiefeln steckend, bekleideten ihn dürftig. Sonne und Wasser hatten in diesen sechs Monaten sein Gesicht fast bis zur Unkenntlichkeit gebräunt. An Schläfen und Wangen waren halbverheilte Wunden zu sehen. Seine Hände und Fingernägel waren schmutzig. Die Kleidung klebte von Schlamm, Öl, Pech und allem Schmutz eines verwahrlosten Schiffes.

Als dann die Träger sich an ihn drängten, hundert behandschuhte Hände sich ihm entgegenstreckten, fiel aus seinem Gürtel das Messer auf das glatte Parkett, mit dem er im Kampf in der Bucht getötet hatte und auf der Scheide waren noch dunkle, grausige Flecke.

An diesem Abend wurde nicht mehr getanzt.

Endlich ließen sie Wilbur herunter, mit wenigen Sätzen erzählte er von seiner Zwangsheuerung, von der Magdalena-Bai, von seinem kostbaren Fund und von dem Kampf mit den Strandräubern.

»Ihr fahrt doch wieder zu Schießübungen da hinunter, nicht?« wandte er sich zu Offizieren des »Monterey«, die ihn umringt hatten. »Dort findet ihr die geflüchteten Chinesen in der Bucht, sie warten auf euch, alle sind da, bis auf einen«, bemerkte er grimmig. »Wir ließen sechs Mann dort, den siebenten brauchten wir nicht dort zu lassen. Sie wollten unser Schiff kapern, aber zum Teufel, die Suppe haben wir ihnen gründlich versalzen.«

»Langsam, alter Freund!« rief Nat Ridgeway dazwischen und blickte besorgt auf die Damen ringsum, »du mußt bedenken, hier ist nicht die Magdalena-Bai.«

Und nun erst empfand Wilbur Enttäuschung und Bedauern, daß es wirklich so sei.

Eine halbe Stunde später zog ihn Ridgeway zur Seite.

»Hör, Ross, wir wollen weggehen. Du kannst hier nicht stehen bleiben und die ganze Nacht erzählen. Jerry, du und ich wollen zu mir aufs Zimmer gehen. da können wir in Ruhe reden. Ich will noch Champagner bestellen.«

»Verdammt mit deinem Champagner!« meinte Wilbur, »wenn du mich gern hast, gib mir lieber einen anständigen Tabak.«

Als sie aus dem Ballsaal gingen, sah er Josie Herrick. Er ließ die Kameraden stehen und trat vor sie hin.

»Ach!« atemlos rief sie es, »es ist kaum auszudenken, daß Sie wieder da sind. Ich kann es noch gar nicht richtig glauben! Die ganze Nacht werde ich daran denken müssen. Ich weiß nur, daß ich seliger bin, als je in meinem Leben. Ach!« sagte sie, »muß ich noch mehr sagen, wie sehr ich mich freue? Es ist zu schön, um es in Worte zu kleiden. Ich war der Mensch, mit dem Sie zuletzt gesprochen haben. Die Reporter kamen und alle ..... doch wir müssen darüber sprechen, wenn wir in Ruhe beisammen sind. Und unser Tanz? Wir kamen nie dazu! Noch habe ich Ihre Karte! Entsinnen Sie sich, die Karte, welche Sie mir bei dem Tee schrieben. Eine Faksimile davon brachten alle Zeitungen. Wenn Sie nach San Franzisko kommen, werden Sie als Held gefeiert werden. Ach, Ross Wilbur!« sagte sie, als ihr schon die Tränen in die Augen kamen, »Sie kamen wirklich zurück und freuen sich selbst, ebenso wie ich, daß Sie wieder da sind, bei mir sind!«

Nachher in Ridgeways Zimmer berichtete Wilbur über seine Erlebnisse ausführlicher. Nur eines unterschlug er. Er brachte es nicht übers Herz, zu diesen Gesellschaftsmenschen von Moran zu sprechen.

Er konnte sich keine Vorstellung machen, wie er sein künftiges Leben, sein Leben, das ihm wertlos erschien ohne sie, gestalten mochte. Das schob er für später auf.

»Wir wollen einen anderen Ball veranstalten«, sagte Ridgeway, »in der Stadt – dir zu Ehren, Ross! Es wird das Ereignis der Saison sein!«

Wilbur erwiderte voll Geringschätzung: »Mit solchen Unsinn laßt mich in Frieden!«

»Ach was, stell dir vor, dir zu Ehren! Denk nur, alle Mädchen der Stadt werden da sein und du als Löwe inmitten.«

»Du scheinst mich nicht zu verstehen!« rief Wilbur unruhig, »glaubst du, daß mir das wirklich Vergnügen bereiten würde? Mann, ich habe gekämpft, mit nacktem Messer gekämpft, mit einem Chinesen gerungen, der nach mir schnappte wie ein gereizter Affe, und du erzählst mir von Vergnügen, von Tanz! Euch Jungen würde es gar nicht schaden, wenn ihr auch einmal shanghaied würdet und wenn es sonst zu nichts nütze wäre, es gäbe euch zu mindestens den fehlenden Ernst. Ihr macht mich krank mit solchen Dingen, als existiere sonst nichts, als Tanz und neue Touren auszusinnen.«

»Also denn, was gedenkst du zu tun?« fragte Nat Ridgeway, »wohin willst du jetzt – zurück nach jener Magdalena Bai?«

»Nein, das nicht!«

»Wohin denn sonst?«

Wilbur schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Nach Kuba!« schrie er, »ich habe einen kleinen, aber seetüchtigen Schoner hier in der Bucht vor Anker und etwa hunderttausend Dollar an Bord! Ich habe auch eine Zeit Küstenräuber gespielt, warum soll ich nicht weiter auf Abenteuer gehen? Es mag verrückt klingen, diese Idee, aber besser ist sie gewiß, als ans Tanzen zu denken. Ich will lieber eine Expedition führen als einen Kotillon, verlaß dich drauf, Nathaniel Ridgeway.«

Jerry musterte ihn aufmerksam, wie dieser Wilbur so vor ihm stand, in einer schmutzigen, scheußlich riechenden Bluse und Hose, den zerlumpten Stiefeln, einer wilden Haarmähne und dem struppigen Bart. Er gedachte jenes Wilbur mit den sorgfältig gebügelten Hosen, den seidenen Krawatten und Hemden.

»Du bist ein anderer geworden, Ross!« versetzte Jerry.

»Da hast du recht!« erwiderte Wilbur.

»Doch ich will es wagen, dir etwas vorauszusagen!« meinte Jerry und blickte Wilbur ernst an. »Ross Wilbur, du bist durch und durch ein Stadtmensch, das sitzt dir in Fleisch und Blut. Ich gebe dir drei Jahre Zeit, bis dahin ist deine neue Ansicht verflogen. Jetzt glaubst du, den Rest deines Lebens als Abenteurer verbringen zu müssen. In nicht ganz drei Jahren wirst du deinen Schatz, wie du so sagst, oder dessen Zinsen dazu verwenden, um deine Steuern, den Schneider, die Miete für einen Kirchensitz und deine Klubbeiträge zu begleichen, du aber wirst das darstellen, was die Zeitungsschreiber »ein achtbares Mitglied der Gesellschaft« nennen.«

»Hast du jemals einen Menschen getötet, Jerry?« fragte Wilbur, statt einer Antwort. »Nun denn, töte einen im ehrlichen Kampfe, und du wirst erfahren, was du fühlst, wie so etwas den Menschen ändert, und dann komm und sag mir deine Meinung!«

Es war lange Mitternacht vorbei. Wilbur stand auf.

»Wir wollen nach einem Boy läuten«, meinte Ridgeway, »damit du ein Zimmer bekommst. Ich kann dir morgen auch mit Kleidung aushelfen.«

Wilbur sah ihn erstaunt an, dann erwiderte er:

»Nein, ich muß nach dem Schoner, ich kann die Kulis nicht die ganze Nacht allein lassen.«

»Du willst doch nicht sagen wollen, daß du jetzt noch, mitten in der Nacht, an Bord gehst?«

»Selbstverständlich!«

»Aber du kannst dich doch erkälten!«

Wilbur sah Ridgeway an, entsetzt, aber dann nickte er resigniert, kratzte sich den Kopf und meinte halb laut:

»Nein, es ist zwecklos, sie begreifen es nicht. Gute Nacht! Wir sehen uns morgen früh!«

»Wir werden alle hinkommen und dich auf deiner Yacht besuchen!« rief Ridgeway ihm nach, doch Wilbur hörte nichts mehr. Auf einen Pfiff Wilburs holte Jim ihn mit dem Boot hinüber.

Moran kam ihm entgegen, als er das Schiff betrat.

»Ich nahm selbst die Wache über Nacht und ließ die Kulis schlafen gehen«, sagte sie, »wie ist es denn an Land, Maat?«

»Moran, wir sind in die Welt der Nichtigkeiten zurückgekehrt«, erklärte Wilbur.

»Aber am Morgen segeln wir los, damit wir in Gegenden gelangen, wo es Wirklichkeit gibt!«

»Deine Nachricht ist gut, Maat! Laß uns aufs Achterdeck gehen, ich habe dir einen Vorschlag zu machen.«

Moran legte ihren Arm um seine Schulter und beide begaben sich nach achtern.

Länger als eine halbe Stunde legte er ihr ganz ernsthaft seine neuen Pläne vor.

Als er von Kampf und Abenteuern zu sprechen begann, entflammte er sich bei dem bloßen Gedanken, seine Wangen glühten, in den Augen leuchtete es.

Plötzlich aber brach er ab.

»Nein, nein«, rief er aus, »du verstehst es doch nicht, Moran. Wie denn auch, du bist fremd in diesem Lande. Es wäre nichts für dich!«

»Maat, Maat«, rief Moran wiederum, die Hände auf seine Schultern legend, »du selbst bist es, der nicht begreift, der mich nicht versteht. Fühlst du es nicht, siehst du's nicht? Dein Volk ist auch das meine. Ich kann nur glücklich sein, wenn du es bist! Du hattest recht, das schönste Geschenk ist jenes, welches man teilt. Deine Sorgen gehören auch mir, ebenso wie ich zu dir gehöre! Liebster! Deine Feinde sind auch die meinen, dein Kampf ist auch mein Kampf!«

Sie zog seinen Kopf zu sich und küßte Wilbur.

Am Morgen war von den beiden schon ein, wenn auch noch reichlich unbestimmter Plan festgelegt.

Ein Ziel stand zunächst fest .... fort von hier, irgendwohin!

Moran war von Natur aus nicht für die Zivilisation geschaffen, in Wilburs Blut aber war jäh der Drang nach Abenteuer und die Freude an Taten lebendig geworden.

Sie beschlossen also, nach San Franzisko zu fahren, den Schatz zu verkaufen, die Versicherung flüssig zu machen, die Ausrüstung der »Bertha Millner« zu vervollständigen und wieder in See zu gehen.

Sie hatten überlegt, ob es klug sei, Kap Horn in einem so kleinen Schiff zu umsegeln, aber Moran war entschieden dafür.

»Ich habe den Schoner jetzt genau kennengelernt«, sagte Moran, »er ist gesund wie eine Nuß. Also nur weg von hier!«

Gegen zehn Uhr morgens aber, als sie eben unter Segel gehen wollten, berührte Hoang Wilburs Arm.

»Ein Dampfboot sehen, kommen, schnell!«

Wirklich näherte sich eine Dampfpinasse rasch dem Schoner.

Im nächsten Augenblick schon war sie längsseits.

Jerry, Nat Ridgeway, Josie Herrick und eine ältere Dame, die Wilbur flüchtig als eine verheiratete Schwester Miß Herricks erkannte, befanden sich an Deck.

»Wir sind gekommen, um ihre Yacht zu bewundern!« rief Miß Herrick Wilbur an, als die Pinasse gegen den Rumpf des Schoners anlief. »Können wir an Bord kommen?« Wilbur blickte sie groß an.

»Du mein Gott!« brachte er hervor. »Ja, kommt doch!«

Die Gesellschaft betrat das Deck.

»0 Gott!« erschrak Josie Herrick und blieb wie gebannt stehen.

Das Deck, die Masten, Reling des Schoners starrten vor Schmutz, die Segel waren grau, ein scheußlicher Gestank von Öl und Teer, Opium, chinesischem Feuerschwamm und getrockneten Fischen schlug den Gästen entgegen.

Inmitten des Decks standen Hoang und Jim, entblößt bis zum Gurt, die Zöpfe um den Hals geschlungen. Die Chinesen machten gerade das Boot fest, einander chinesische Ausrufe wie Bälle zuwerfend.

Die Schwester Miß Herricks war nicht mit an Bord gekommen.

Die drei Besucher, Jerry, Ridgeway und Josie drängten sich nervös aneinander, als ob sie Angst hätten, ihre tadellose weiße Kleidung an dem dreckigen Schoner zu verunreinigen.

Sie leuchteten aus dieser Umgebung hervor.

»0 Gott!« wiederholte Josie vor Grauen mit halbgeschlossenen Augen, »was mögen sie alle durchgemacht haben! Ich war der Meinung, Sie hätten eine Art Yacht. Ich war ahnungslos, daß mich hier dieser Anblick erwarte.«

Noch als sie sprach, trat Moran hinter dem Vorsegel hervor und ging auf die Gruppe zu. Überrascht hielt sie an, die Daumen im Gürtel festgehakt. Sie trug noch immer Männerkleidung und hohe Stiefel. Das derbe, blaue Hemd war am Halse geöffnet, die Ärmel halb hochgerollt. Im Gürtel stak das skandinavische Dolchmesser. Wie gewöhnlich war sie ohne Hut, die schweren Zöpfe ihres kornblonden Haares fielen ihr über Schultern und Brust bis unter den Gürtel.

Miß Herrick zuckte erschreckt zusammen und Moran sah fragend zu Wilbur hin.

Dieser nahm all seinen Mut zusammen.

»Miß Herrick«, sprach er, »dies ist Moran – Moran Sternersen.«

Moran trat ein wenig vor, streckte ihre Hand hin. Josie, noch immer erschrocken, legte ihre schmalen Finger in die große Hand und sah ängstlich in Morans Gesicht.

»Ich freue mich«, meinte Josie schwach, fast ohne Atem, »ich freue mich, Miß Sternersen kennen zu lernen.«

Es brauchte allerhand Zeit, bis dieses Bild aus Wilburs Geiste schwand.

Josie Herrick, schmächtig, weiß gekleidet – und Moran, Tochter der Wikinger, gegürtet, in Stiefeln, Josie Herrick hoch überragend und die zierliche Hand in ihrer großen Faust einschließend.


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