Frank Norris
Der Ozean ruft
Frank Norris

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Zweites Kapitel

Erziehung zum Seemann

Während das Schiff in Fahrt kam und Ridgeways Jacht »Petrel« in blauer Ferne verblaßte, hatte Wilbur Zeit, in seiner neuen Umgebung allerhand Beobachtungen zu machen.

Der Schoner, auf dem er sich wiedergefunden hatte, trug den Namen »Bertha Millner«.

Es war ein Kielschoner von 28 Tonnen, mit zwei Masten von 40 Fuß Länge, und war mit allerhand Dingern versehen, wie Hauptsegel, Vorsegel, Klüver, Flieger, zwei Toppsegel und einem Stagsegel.

Das Schiff war gräßlich schmutzig und stank allerorts entsetzlich; es mochte ranziges Öl sein, wonach es stank.

Die Bemannung bestand aus Chinesen; seltsamerweise gab es keinen Steuermann, jedoch der Koch – auch er ein Chinese –, der sich von Zeit zu Zeit in der Tür der Kombüse zeigte, mit einem Kartoffelquetscher in der Hand, schien den Männern gegenüber eine gewisse Respektsperson darzustellen.

Er war so etwas wie ein Verbindungsmann zwischen dem Kapitän und der Mannschaft, indem er des öfteren dessen Befehle auslegte und gelegentlich selbst welche gab.

Wilbur hörte, wie der Kapitän ihn mit Charlie ansprach. Seine Sprache war ein Kauderwelsch von Englisch und Chinesisch.

Der Rest der Besatzung, die fünf Chinesen, blieb für Wilbur unenträtselt.

Diese sprachen nie, weder zu Kapitän Kitchell, noch zu Charlie, dem Koch, auch nicht untereinander, und er sah sich selbst von ihnen ebensowenig beachtet wie ein Sandsack.

Wilbur fühlte unwillkürlich, daß sein Erscheinen auf der »Bertha Millner« ein ganz besonderes Ereignis bedeuten mußte.

Doch die unendliche Gleichgültigkeit dieser braun gekleideten Mongolen, die Ausdruckslosigkeit ihrer platten, feisten Gesichter, die Stumpfheit ihrer schlitzförmigen Fischaugen, die ihn nie anblickten, nicht einmal in seine Richtung sahen, muteten ihn unheimlich, beunruhigend an.

Welch seltsames Abenteuer umfing ihn, in welchen ungeahnten Strudel würde ihn dieser Strom treiben, der ihn plötzlich aus dem festen Grunde seines gewohnten Lebens entwurzelt hatte.

Er gab sich dem Glauben hin, vielleicht kostenlos eine Segelfahrt längs der San-Franzisko-Bay, etwa bis Alviso, zu machen.

Möglich auch, daß die »Bertha Millner« sogar die Bucht aufwärts segelte, ehe sie nach San Franzisko zurückkehrte.

Sollte das Abenteuer auch eine ganze Woche dauern! Wilbur träumte schon im Geiste von den Schlagzeilen in den Morgenzeitungen, die das rätselhafte Verschwinden eines »wohlbekannten Mitgliedes der Gesellschaft« meldeten.

»Hallo, das geht dich an, meine Lilie, setze das Klaufall durch!«

Kaum waren zwei Minuten nach dem letzten Kreuzschlag vergangen, so lag die »Bertha Millner« in einer schweren Bö, die zwischen den beiden Landzungen geradewegs aus dem offenen Pazifik hereinschlug. schwer über.

»Klar zum Wenden!«

Wie zuvor griff einer der Chinesen an die Schoten des Klüvers.

»Klüver holen!«

Der Klüver fing Wind.

Der Schoner legte sich auf den Backbordschlag, Lime Point verschwand unter der Reeling des Hecks.

Die gewaltigen Grundseen kamen näher und als sich die »Bertha Millner« vor der ersten hob und senkte, schien es, als wollte sie ihre Ehrerbietung dem großen, grauen Ozean bezeigen, der nun erstmals auf der Steuerbordseite voll in Sicht kam.

Das Schiff rauschte durch den Mittelkanal in die offene See hinaus.

Kaum durch das »Goldene Tor« geglitten, nahm der Schoner seinen Kurs auf Cliff House. Im nächsten Stoß legte er Point Benito hinter sich. Das Meer wogte auf und ab, schauerlich und ernst anzusehen, jetzt kreuzten sie auf das Riff. Alles war festgemacht, durch die Speigatts rann das Wasser, die Ankerlöcher sprudelten nach dem Niedertauchen wie Springbrunnen.

Einmal befahl der Kapitän alle Mann in die Strickleitern, gerade noch zur rechten Zeit, um einer gigantischen, grünen Rollflut zu entwischen, die wie ein Niagarafall über den Bug des Schoners hereinstürzte und im Augenblick das Deck fußhoch mit Wasser überschwemmte.

Der Wind blieb stark und kalt, der Gischt spritzte wie kleine Eiskugeln. Unermüdlich rollte und tauchte, hob und senkte sich die »Bertha Millner«.

Wilburs Gewand war völlig durchnäßt, seine Glieder schmerzten, da er dauernd zwischen Reeling und Mast wie ein Spielball hin- und hergeschleudert worden war.

Im Tauwerk sang es wie in den Saiten einer Harfe, des Schoners Vordersteven durchschnitt zischend die anstürmenden Wellen, dazwischen brüllte der Kapitän seine Befehle, Tauenden prallten gegen das hohle Deck, bis es wie ein Trommelfell bebte.

Das Umkreuzen des Schiffs bedingte eine ewiglange halbe Stunde voll Tumult und Geschrei.

Endlich hatten sie die Sandbank hinter sich; da befahl der Kapitän dem Koch, der Besatzung das Essen auszugeben.

»Komm herbei, Sonny!« fügte er, Wilbour betrachtend, seinem Befehle hinzu. »Komm, hier ist unsere Table d'hôte, nobel, wie?«

Wilbur arbeitete sich kriechend das rollende Deck vorwärts, einmal an den Mast geklammert, dann nach einer Beleglampe fassend, dort an einem Stag Halt suchend, immer bedacht, die Pausen in den schwankenden Bewegungen des Schiffes zu nützen.

Nun stieg er durch die Lücke hinunter ins Vorderschiff.

Hier fand er die Chinesen bereits anwesend, sie saßen auf den Rädern ihrer Schlafstellen.

Am Fuße der Leiter, auf dem Boden, glimmten Holzreiser in einer alten Tomatendose.

Charlie brachte die Abendmahlzeit, gekochtes Rind- und Schweinefleisch in einer Bratpfanne und einen hölzernen Eimer. Schweigend aßen die Chinesen mit Messern von den Zinntellern. Dazu trank man eine Flüssigkeit, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Kaffee hatte.

Später erfuhr Wilbur, daß dieser aus Gerste bereitet war, mit Melasse gesüßt wurde und »Schwarzer Jack« hieß.

Mitten über der Gruppe schwang eine qualmende Lampe mit den Schwingungen des Schiffes. Lange nachher noch haftete Wilbur dieses gräßliche Bild in der Erinnerung:

Die glimmenden Holzreiser, die Eisenpfanne gefüllt mit Fleischstücken, der ölige, widerliche Geruch und rings der schweigsame Kreis der Chinesen, die, auf den Schlafstellen sitzend, ihre Fleischstücke emsig verschlangen und zwischen die Füße die Kanne mit dem »Schwarzen Jack« klemmten, um sie gegen das Schlingern des Schiffes zu sichern.

Entsetzt blickte Wilbur auf die Masse in der Pfanne; seine Gedanken wanderten zu seinem letzten Lunch, zu Schokolade und eingemachten Oliven.

»Nun denn«, murmelte er, die Zähne zusammenbeißend, »früher oder später muß ich mich doch daran gewöhnen.«

Sein Taschenmesser steckte in der Westentasche unter dem Ölzeug. Er klappte es auf, spießte ein Fleischstückchen auf und legte dieses auf seinen Zinnteller.

Er aß es langsam, aber mit wilder Entschlossenheit. Doch der »Schwarze Jack« überstieg das Maß des Erträglichen.

»Dazu fehlt mir noch der nötige Appetit«, meinte er bei sich. »Hör, Jim«, redete er den Chinesen an, der neben ihm auf der Schlafstelle saß, »sag, was ist das für ein Schiff? Was macht Ihr? wohin fahrt Ihr?«

Doch der andere aß mit Zeichen von Ungeduld weiter.

»Nichts verstehen, nichts verstehen«, antwortete er schließlich, kopfschüttelnd und grinsend. Dies waren die einzigen Worte, die während des seltsamen Mahles laut wurden.

Als Wilbur wieder an Deck war, bemerkte er, daß die »Bertha Millner« längst über die äußerste Tonne hinaus war.

Weit im Osten nahm er ein Lotsenboot wahr, mit der Nummer 7 im Hauptsegel, die Segel ragten noch gerade über die Wellen hervor.

Als der Abend sich senkte, waren die Faralloninseln dicht vor ihnen. In äußerster Ferne, in schweren Schatten, die blauer waren als der Himmel, sah er blinkende Lichter – San Franzisko.

Eine halbe Stunde später kam Kitchell aus der hinteren Kabine von seinem Nachtmahl.

Sein Blick spähte nach dem Festlande, das jetzt kaum noch zu sehen war, dann nahm er einem Chinesen das Steuer aus der Hand und befahl:

»Wirf Vor- und Hauptsegel los!«

Die Männer hasteten dahin und das Schiff ging vor Wind. Das Stagsegel wurde gesetzt.

Die »Bertha Millner« nahm Kurs auf Südwest und glitt leicht, mit acht Knoten Geschwindigkeit, dahin.

Dann hieß der Befehl:

»Alle Mann nach achtern!«

Wilbur und die übrige Mannschaft liefen nach dem Achterdeck. Charlie ergriff das Steuer und er und Kitchell fingen an, die Leute für die Wache auszusuchen.

Wilbur entsann sich, daß man in seiner Schulzeit genau so die Parteien zum Baseball gewählt hatte.

»Sonny, ich wähle dich, du gehörst zu meiner Wache«, sagte der Kapitän zu Wilbur, »ich will doch die Verantwortung für deine seemännische Ausbildung auf mich nehmen.«

»Ich muß dir gleich melden«, sprach Wilbur, »daß ich kein Segler bin.«

»Aber du wirst bald einer sein«, gab der Kapitän, tröstend und drohend zugleich, zurück. »Du wirst es bald sein, meine Lilie, verlaß dich drauf; bald bist du einer der besten Segler an der ganzen Küste, wie unser treuer Freund Jim zu sagen pflegt. Du gehörst zu meiner Wache, tritt herüber, mein Sohn.«

Die Wachen waren eingeteilt, Charlie und drei andere Chinesen an Backbord, Kitchell, Wilbur und zwei Chinesen auf Steuerbord.

Die Leute gingen wieder nach vorne. Die kleine Welt des Schoners war in tiefe Stille gesunken.

Die »Bertha Millner« war jetzt von der Küste klar, die tief im Osten, in ungewissem, purpurnem Dunste, der immer undurchdringlicher wurde, lag.

Die Farallonen wiesen nur ihre Spitzen über den Horizont. Weit ab vom Lande lag das Schiff, sogar jenseits der Straße der Küstendampfer und Passagierschiffe, die den Handel vom Nordwesten führten.

Die Sonne versank majestätisch, die weite Fläche des Ozeans schimmerte wie Mosaik.

Die See lag glatt, vergessen war die stürmische Fahrt über die Sandbank. Auch die Wärme der Luft hatte zugenommen.

An Bord befanden sich die beiden Wachen, rauchten Opium und spielten, es war so etwas ähnliches wie Damespiel.

Drei wuschen das Deck rein. Zum ersten Male, seit Wilbur an Bord gekommen war, vernahm er den Klang ihrer Stimmen.

Prachtvoll war der Abend.

Niemals war das Meer Wilbur so unendlich weit, so leuchtend, so göttlich erschienen. Die ersten Sterne blinkten allmählich am Himmel auf, da, wo sein Rot in das Blau überging.

Charlie bewegte sich nach vorn und setzte die Seitenlichter, rot backbord, grün steuerbord.

Als er an Wilbur vorbeikam, der über Reeling lehnte und die Phosphorstrahlen unter dem Wasserspiegel betrachtete, sagte er:

»He, du gehen sprechen zum Boß – verstehen Boß – chin – chin –« Wilbur ging nach achtern, zum Steuerhaus, wo Kitchell am Steuerrad stand und seine Pfeife rauchte.

»Nun, mein Sohn«, fing Kitchell an, »ich liebe dich so sehr, daß ich dir eine große Gunst erweisen will, verstehst du? Ich will dir erlauben, in der Kajüte zu schlafen, neben mir und Charlie, zudem kannst du dich auch auf dem Achterdeck aufhalten. Mag sein, daß dir die Gebräuche der Seeleute fremd sind, aber verlaß dich drauf, es sind zwei große Zugeständnisse, verstehst du? Ich bin kein Dummrian wie mein Freund Jim. Du aber bist kein Gauner, das seh' ich, selbst wenn man mir meine Hand auf den Rücken bindet. Du bist nur ein Salonheld, das bist du und so siehst du auch aus. Ich frage dich nicht aus, du bist, glaube ich, klug und so werde ich aus dir mehr herausholen, wenn ich dir den Willen ein wenig freilasse. Aber merk dir eines, wenn du übermütig wirst, Sonny, oder probieren willst, mich zu übertölpeln, oder etwa vergessen solltest, daß ich der Boß von dieser Badewanne bin, und mich dann hinters Licht zu führen gedenkst, so jage ich dir mein Messer zwischen deine Rippen, darauf kannst du dich verlassen, mein Sohn. Also, nun kennst du das Spiel: du bedienst das Schiff, zusammen mit den Kulis, führst meine Befehle gut aus, ich aber lehre dich die Navigation und will dir die Seefahrt so angenehm wie möglich machen. Willst du es so nicht, werde ich dich behandeln müssen, daß dir dabei die Knochen durch das Fell kommen.«

»Mir bleibt keine Wahl«, meinte Wilbur, »ich muß aus dieser peinlichen Lage das beste für mich herausholen.«

»Wie ich es sagte, du hast Verstand«, bemerkte der Kapitän.

»Aber, da hab' ich auch noch so eine Sache«, fuhr Wilbur fort, »wenn du mir doch, wie du sagtest, ein bißchen meinen Willen lassen willst, siehst du es bestimmt auch ein, daß wir einander besser verstehen werden, wenn du mir diese ganze Geschichte etwas erklärst. Warum wurde ich eigentlich an Bord geschleppt, warum gibt es hier nur Chinesen, wohin segeln wir, was wollen wir laden und wie lange wird die Fahrt dauern?«

Kitchell spuckte im Bogen über Bord und sog den braunen Rest aus seinem Schnurrbart.

»Gut denn«, sprach er, und steckte die Pfeife wieder zwischen die Zähne. »Also, das ist so, mein Sohn. Das Schiff ist Eigentum einer der »Sechs chinesischen Kompanien« in Chinatown in Frisko. Charlie, der Koch, ist einer der Gesellschafter in der Firma. Wir fahren zweimal des Jahres nach Cap Saint Lucas in Unter-Kalifornien und fangen blaue Haifische oder auch weiße, wenn wir solche erwischen. Wir entnehmen ihnen die Leber, um daraus Öl zu pressen. Dies bringen wir heim und die Chinesen verkaufen es in ganz Franzisko als echten Lebertran, verstehst du? Das wirft einen Gewinn ab, wie ein Salpeterbergwerk, Ich aber bin da, weil es eine Verfügung der Zollbehörde gibt, daß kein Chinese ein Schiff aus Frisko leiten darf.«

»Und weshalb bin ich hier?« forschte Wilbur.

»Mein guter Freund Jim warf ein Betäubungsmittel in deinen Cocktail. Eine Pille war es mit einem Schlafmittel. Du wurdest shanghaied, mein Sohn«, sagte der Kapitän frei heraus.

Eine Stunde danach ging Wilbur in die Kabine.

Kitchell wies ihm seine »Hundehütte«, worin eine übel duftende Decke lag. Der Verschlag war gerade unter der Kajütentreppe, die in die Kabine führte. Hier schlief Kitchell auf der einen, Charlie auf der anderen Seite.

Ein alter Kieferntisch, dessen Füße am Boden festgeschraubt waren und den ein Wachstuch bedeckte, weiters eine Hängelampe, zwei Stühle, ein Bücherbrett, einige Kisten und ein grelles Bild, aus dem Plakat eines Balletts ausgeschnitten, bildeten Inventar und Zierde des Raumes.

Wilbur saß auf dem Rande seiner Koje, ehe er sich entkleidete.

Nun überdachte er noch einmal die seltsamen Ereignisse dieses Tages. Da nahm er in einer der anderen Kojen Bewegung wahr.

Er sah Charlie auf der Seite liegen und in die Flamme einer Spirituslampe einen Spieß halten, an dem eine dicke, braune Masse prasselte und zischte. Diese Masse füllte er in den Kopf einer großen Pfeife und zog hörbar einige Male daran. Im nächsten Augenblick sank er wie ohnmächtig auf sein Lager, einen langen Seufzer seliger Befriedigung tuend.

»Vieh!« sagte Wilbur mit tiefer Verachtung vor sich hin.

Er entledigte sich des Ölzeugs und suchte in der Tasche seiner Weste, die er anbehalten, als er im Vorschiff seine Kleider wechseln mußte, nach seiner Uhr.

Nun zog er sie hervor.

Sie zeigte gerade neun Uhr.

Ein Gedanke durchfuhr ihn.

Er griff in seine andere Tasche und entnahm ihr eine Visitkarte.

Einen Atemzug lang saß er regungslos auf der Kante seiner Koje und lächelte verbittert, während sein Blick durch die dürftige Kabine der »Bertha Millner« und über den opiumberauschten Chinesen in der »Hundehütte« glitt, um dann auf die Karte in seiner Hand gebannt zu bleiben.

Auf die Karte hatte er vor Stunden geschrieben:

»Erster Walzer – Jo.«


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