Frank Norris
Der Ozean ruft
Frank Norris

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Viertes Kapitel

Moran

Inzwischen steuerte Charlie die »Bertha Millner« in Rufweite der Barke.

Kitchell befahl Wilbur, nach dem Schoner zurückzukehren und einige Äxte mitzubringen.

»Wir müssen etliche Löcher schlagen und alle Luken aufbrechen, damit das Gas entweichen kann. Vordem können wir gar nichts unternehmen. Bring den Jungen hinüber, gib ihm Whisky, dann aber komm rasch zurück und hilf mir.«

Wilbur kämpfte mit großen Schwierigkeiten, um mitsamt seiner fast ohnmächtigen Last von dem schwankenden Deck der Barke in das Boot zu gelangen. Selbst als er schon an dem Tau hinab in das kleine Boot glitt, und dem Mädchen half, ihm zu folgen, sah er, wie knapp unter dem Wasserspiegel, wenige Meter entfernt, zwei undefinierbare braungrüne Schatten dahinhuschten. Er bemerkte, daß er heimlich beobachtet wurde.

Die Chinesen schenkten dem Überlebenden der »Lady Letty« kaum Beachtung, sie verharrten in der sonderbaren Gleichgültigkeit, welche dieser Rasse eigen ist. Sie glaubten, einen Matrosen zu sehen.

Wilbur beobachtete das Mädchen jedoch mit großem Interesse, als es am Heck des Bootes saß, traurig, in stummer Abwehr und Angst, sprachlos.

Sie war nicht schön zu nennen – dazu war ihre Gestalt zu groß –, maß sie doch fast gleichviel wie Wilbur und hatte den robusten Knochenbau eines Mannes.

Ihr Gesicht war rot, ihre Augen schienen wie blaues Eis. Lider und Augenbrauen, auch der kaum sichtbare Flaum ihrer Wangen, erschienen, gegen das Licht gewandt, hellblond, fast weiß.

Ihre Schönheit war die der harten nordischen Rasse. Rot und hart waren ihre Hände, selbst unter dem Ölzeug mochte man kräftige Muskeln ahnen.

Sie war bestimmt körperlich wie geistig derb, aber ihre Herbheit war gewiß die eines einfachen und nicht die eines verweichlichten Charakters.

Wilbur wurde es jedenfalls in den Minuten des Weges von der Barke zum Schoner ernsthaft klar: die Entdeckung, daß sein Schützling ein Mädchen war, mußte Kapitän Kitchell ein Geheimnis bleiben.

Wilbur kannte ihn nun gut. Es war zu erwarten, daß Kitchell und er die »Lady Letty« so rasch wie möglich in den nächsten Hafen bringen würden. Das Geheimnis brauchte also nur ein bis zwei Tage gewahrt werden.

Er ließ das Mädchen an Bord des Schoners und kehrte mit einigen Äxten zum Wrack zurück.

Dort fand er Kitchell am Kajütenhaus stehen, eben von einer flüchtigen Untersuchung des Schiffes zurückgekehrt.

»Ein schmuckes Schiff«, rief er Wilbur entgegen, »ich habe mir es schon ein wenig angesehen. Es ist nagelneu, Sieh doch, dort ist das Datum. Sein Heimathafen ist Christiania, es wurde auch auf einer norwegischen Werft gebaut. Nur die Schiffspapiere müssen wir noch suchen. Dann werden wir ganz genau Bescheid wissen. – Was macht denn unser Findling?«

»Es geht ihr gut«, erwiderte Wilbur, bevor er seine Worte überdacht hatte.

Der Kapitän aber glaubte, die »Bertha Miliner« sei gemeint.

»Ich fragte nach dem Jungen, den wir im Steuerhaus fanden. Er soll für unsere Bergung kein Hindernis sein. Die Barke ist jedenfalls restlos verlassen. Hätte ich befürchtet, daß er uns behindern könnte«, Kitchells Kinn streckte sich vor, »so würde ich ihn zu dem Alten in die Kajüte gesteckt haben, bis auch er erledigt gewesen wäre. Nun, mein Sohn, zunächst müssen wir das Kajütenhaus erschließen.«

»Warte – das können wir bequemer haben«, meinte Wilbur, um die wütende Ungeduld Kitchells zu besänftigen. »Schlag die große Luke ab, sie wackelt ohnedies schon.« Einige Männer des Schoners wurden an Bord der »Lady Letty« geholt. Sie halfen die Luke beseitigen.

Vorerst waren die entströmenden Gasmengen überwältigend, doch mit der Zeit wurden sie schwächer.

Nach einer halben Stunde verlor Kitchell den letzten Rest Geduld.

»Komm«, rief er und nahm eine Axt, »jetzt ist mir alles gleich!« Alle räuberischen Instinkte dieses Mannes waren entfesselt und hetzten ihn vorwärts. Er glich einem Wolfe, der seine Beute wittert – einer Hyäne, die über ihr Opfer herfällt.

»Mein Gott«, rief er, »wenn ich mir vorstelle, daß alles, was wir hier sehen, was wir finden, unser ist!«

Seine Erregung riß Wilbur mit.

In irgend einem verborgenen Winkel jedes Seefahrers schlummern die uralten Instinkte seiner Vorfahren. Mochte er als guter Bürger gelten und ein anständiger Steuerzahler sein wollen, das Blut der Wikinger forderte manchmal sein Recht.

Eine Treppe mit sechs Stufen, messingbeschlagen und geziert mit dem doppelten L, dem Monogramm der Barke, führte in eine Art Vorraum hinunter. Hier aber öffnete sich eine Tür unmittelbar zur Hauptkabine.

Dort traten sie ein. Die Kabine maß etwa sechs Meter in der Länge und war außergewöhnlich geräumig. Wenn Wilbur einen Vergleich mit dem Schoner anstellte, mußte er diesen Raum als ausgesprochen vornehm bezeichnen: sein Anstrich war in Blau, Gold und Pfaugrün gehalten. Auf jeder Seite führten drei Türen in die Schlafräume und Privatkabinen. Bei der leisesten Bewegung des Schiffes schlugen diese Türen zu, als würden da unten Revolverschüsse gewechselt. In der Mitte stand ein Speisetisch, mit einer roten Decke behangen, um ihn herum vier Sessel, deren Beine an den Boden geschraubt waren, am Ende der Tafel aber stand ein großer Lehnstuhl. Auf schwingenden Regalen an den Wänden befanden sich Gläser, Whiskyflaschen und Weinbouteillen.

Die anheimelnde Stimmung in der Kajüte störte lediglich der leblose Körper des Kapitäns, dessen Gesicht nach oben gerichtet war.

Er war ein wohlgenährter Mann in mittleren Jahren und trug jene Pelzkappe mit Ohrklappen, die Norweger selbst in den Tropen nicht entbehren können. Weit geöffnet starrten seine Augen, fahl war sein Gesicht. Sein letztes Ringen mit dem Tode hatte die falschen Zähne aus dem Munde gleiten lassen, nun gaben diese dem Gesicht den Ausdruck eines affenartigen Grinsens.

Kitchells Blick haschte sofort nach dem Gold, in welches die Zähne gefaßt waren.

»Da sind schon etwa hundert Dollar«', rief er, nahm das Gebiß und ließ es in die Tasche gleiten.

Der Körper des toten Kapitäns wurde durch die Luke hinaufgebracht, Wilbur und Kitchell betrachteten nun mit viel Interesse die Kabine. Der Raum des Kapitäns war der größte von den sechsen, die neben der Hauptkabine lagen.

»Nun sind wir endlich da!« sagte Kitchell, als er mit Wilbur eintrat, »hier wohnte bestimmt der Kapitän!«

Außer der Schlafkoje befand sich in dem Raum noch ein mit rotem Plüsch bezogenes Ruhebett, welches mit Schrauben an der Wand befestigt war. In einer Ecke lehnte eine Rolle Karten, da stand ein Wecker, dessen Zeiger auf 1.15 stehen geblieben waren, daneben waren mehrere Bücher – Romane – und in einem Trinkglas befanden sich Zigarren. Über dem Sofa war ein Regal mit Instrumenten an der Wand befestigt: Sextant, Barometer, Chronometer und Thermometer nebst anderen Meßgeräten.

Gegenüber aber vor einem festgeschraubten Lederfauteuil stand ein verschlossener Sekretär.

»Da, weitere tausend Dollar, sieh doch, schau doch bloß her!« rief Kitchell, und streichelte liebevoll das blinkende Messing der Instrumente. »Dieser Chronometer von Bennet & Sons allein ist fünfhundert wert.«

Dann wandte er sich dem Sekretär zu.

»Endlich!« Ein tiefes Aufatmen begleitete seinen Ausruf.

Was aber nun folgte, erfüllte Wilbur mit aufregender Spannung und gleichzeitig wurde er durch das Erlebnis von Entweihung und Schändung tief aufgewühlt. Um keinen Preis der Welt konnte er dies mit seinen Augen für Recht ansehen, hatte aber andererseits weder Willenskraft noch Macht, Kitchell an seinem Tun zu hindern.

Der Kapitän schob die Schneide der Axt in die Fuge der Schreibtischtüre und knackte sie auf. Die Türe klappte nieder, eine Schreibplatte bildend, dahinter wurden eine Reihe Fächer und zwei kleine, verschlossene Türchen sichtbar. Diese Türchen drückte Kitchell mit dem Axtkopf ein. Dann ließ er sich in den Drehstuhl nieder und war eifrig mit der Sichtung des Inhalts beschäftigt.

Wilbur blickte über Kitchells Schulter. Aus dem Raum unter ihnen strömte eine fast unerträgliche Hitze. In der Kajüte knallten die sechs Türen noch immer mit betäubendem Lärm, als hörte man ein halbes Dutzend Männer ihre Revolver wirr durcheinander abfeuern.

Durch die offene Luke kam von draußen das Sing-Sang-Geschwatze der Chinesen und das Klatschen der Wellen.

Die beiden Schiffe lagen jetzt Seite an Seite.

Die Luft war entsetzlich schlecht und es roch nach Messing.

In den Köpfen rauschte und schmerzte es, als müßten sie davon platzen.

Aber, die beiden waren so vertieft, daß sie sich weder der fliehenden Zeit, noch der unerquicklichen Lage bewußt wurden.

Während der Untersuchung der Schiffspapiere schickte Kitchell Wilbur zweimal in die Kajüte, um von dem pendelnden Regal Whisky zu holen.

»Hier sind die Ladepapiere«, erklärte Kitchell, sie einzeln ausbreitend, »das hier die Zollpapiere aus Blyth in England. Hier die Versicherung und da, – verdammt, das ist nichts ... nur die Statuten für die Besatzung ... für uns ganz wertlos.«

In einem besonderen Umschlag, gewissenhaft versiegelt und verschnürt, befanden sich die Privatdokumente des Kapitäns: eine Heiratsurkunde über die Ehe zwischen Eilert Sternersen aus Fruholmen, Norwegen, und Sarah Moran, aus einem Seehafen Nordenglands – der Name war unleserlich. Ein Geburtsschein einer Tochter mit dem Namen Moran kam zu Tage, das Datum wies zweiundzwanzig Jahre zurück, weiters ein Verkaufsvertrag der Barke »Lady Letty«, wonach zwei Drittel des Wertes von dem früheren Eigentümer einer Schiffswerft in Christiania an Kapitän Eilert Sternersen übertragen wurden.

»Der alte Mann war also sein eigener Herr«, bemerkte Kitchell. »Hallo!« rief er plötzlich, »sieh her!« Seine Hand hielt eine vergilbte Photographie, das Bild einer kräftigen, blondhaarigen Frau von etwa vierzig Jahren, mit riesigen Ohrringen. Darunter war geschrieben: In memoriam S. Moran Sternersen.

»Die alte Dame ist also schon gestorben«, meinte Kitchell, »besser für uns, können also keine Erben jemals in die Quere kommen. Doch da – ich glaube – es ist das Testament, unser Glück!«

Der einzige wesentliche Punkt in dem letzten Willen war die Bestätigung des Todes seiner Frau und die klare Bestimmung:

»Die Barke, bekannt und segelnd unter dem Namen »Lady Letty«, gehört meiner einzigen und geliebten Tochter Moran.«

»Gut«, brummte Wilbur.

Der Kapitän sog an seinem Bart, dann ließ er wütend die Faust auf die Tischplatte fallen. »Die Barke ist unser!« Seine Stimme verbarg eine gewisse Überwindung. »Zum Teufel mit dem Testament! Ich bin mir nicht so ganz klar über das Gesetz, aber ich will es schon klar machen.«

»Wie denn?« fragte Wilbur.

Kitchell warf das Papier durch die offene Luke in die Wellen.

»So!« rief er, »der Erbe bin ich. Ich habe die Barke gefunden, mein ist sie und bleibt sie – uns beiden gehört sie, will ich sagen.«

Doch Wilbur vermochte nicht die Freude mitzuempfinden, die aus den Worten des Kapitäns klang.

Ein Gedanke fuhr ihm durch den Kopf. Das Mädchen, von ihm an Bord der Barke entdeckt, das rotbackige blonde Mädchen mit dem freien Nordlandstyp, war doch wohl die Tochter, war Moran.

Klar stand in seiner Vorstellung der Hergang vor ihm: Vater und Tochter, unzertrennliche Freunde, beide Segler ihr Leben lang, fanden in der »Lady Letty«, die ihr Ehrgeiz, ihr Traum gewesen war, die Erfüllung und konnten schließlich das Schiff ihr Eigen nennen.

Dann aber diese verhängnisvolle Fahrt – es war vielleicht die erste auf dem neuen Schiff –, die Entzündung der Kohle, die Panik unter der Besatzung und das fluchtartige Verlassen der Barke, sie wurden nicht der Anlaß für den verbissenen Entschluß von Vater und Tochter, allein die »Lady Letty« in den Hafen zu führen. Das Vorhaben mißlang, das Gas tötete den Vater, das Mädchen wurde – vorübergehend – von den Dünsten betäubt.

Die Erbin also befand sich an Bord. Kitchell war im Irrtum, wenn er die Barke als treibendes Wrack ansah, auch nicht einen Heller konnten sie für die Bergung bekommen.

Einen Augenblick lang empfand Wilbur doch ganz leise Enttäuschung, als er die dreißigtausend Dollar in nichts zerrinnen sah: doch schnell siegte seine Rechtlichkeit über solche Gefühle. Oder war nur der Steuerzahler stärker in ihm als der Pirat.

Er sah es als eine Verpflichtung für sich an, dafür zu sorgen, daß jenes Mädchen nicht um sein Recht komme. Kitchell mußten die Zusammenhänge klar gemacht werden, er mußte ihm sagen, daß Moran, des toten Kapitäns Tochter und Erbin, sich hier an Bord des Schoners befinde, daß eben der Junge, den sie aus dem Steuerhaus gerettet hatten, Moran sei.

Als jedoch Wilbur dies überlegte, fand er, daß er vor einer Unmöglichkeit stünde: unter keinen Umständen durfte er diese Bestie Kitchell wissen lassen, daß sich an Bord seines Schoners, auf dem er unumschränkt herrschte, ein Mädchen befinde.

Abgesehen aber von Morans Geschlecht, mußte es Geheimnis bleiben, daß sie Erbin der Barke sei.

Wilbur erkannte den Zwiespalt in dem Kapitän: der eine, der alltägliche Kitchell war ein Schwächling, gemessen an dem anderen Kitchell, dem Piraten und Räuber. Diese Trennung wurde angesichts der Beute erst so richtig sichtbar.

»Mein Sohn«, sagte der Kapitän, und schnürte die Papiere zu einem Bündel zusammen, »nimm dies hier mit in meine Schlafkoje, versteck es dort unter meiner Decke.«

»Wart noch einen Augenblick«, fügte er hinzu, als Wilbur sich zum Gehen wandte, »ich will doch mitkommen. Wir müssen ja den alten Kapitän versenken.«

Während des ganzen Nachmittags hatte Kitchell aus der Whiskyflasche getrunken, welche sie in der Kajüte vorgefunden hatten. Jetzt erhob er sich taumelnd und rief, sein Glas erhebend, aus: »Sonny, wir trinken auf das Wohl von Kitchell, Wilbur & Co., unbeschränkte Freibeutergesellschaft. Was hältst du davon?«

»Ich möchte nur die Gewißheit haben, daß wir ein Recht auf die Barke besitzen«, sagte Wilbur.

»Ein Recht darauf, R-Recht, da-darauf«, gluckste Kitchell, »den möchte ich kennen, zum Teufel nochmal, der den Versuch wagt, jetzt dem Alvinza Kitchell die Barke zu nehmen.« Er reckte sein Kinn nach vor.

»Na, dann ist es ja gut«, meinte Wilbur und steckte die Papiere in die Tasche.

Dann stiegen die beiden an Deck.

Die Versenkung des Kapitäns Sternersen war eine entsetzliche Szene.

Neben dem Kajütenaufbau stand Kitchell in ziemlich trunkenem Zustande, er erteilte von da seine Befehle, und trank zwischendurch aus der Flasche, die er mitgenommen hatte.

Zuvor hatte er die Taschen des Toten durchsucht und dessen Stiefel und Pelzmütze an sich genommen.

Man riß Stoff vom Besan und hüllte den Körper des Toten darin ein. Dann wand Kitchell die Fahnenleine um die Leinwand, in der der Leichnam lag. Das Notsignal – die roten und weißen Flaggen – haftete noch daran.

»Dranlassen – laßt sie nur dran«, befahl er hastig, »laßt sie als Leichentuch. Alles klar – herunter lassen!«

Wilbur warf einen Blick nach dem Schoner und stellte zu seiner großen Erleichterung fest, daß von Moran nichts zu sehen war.

Da vollzog sich plötzlich an dem trunkenen Kitchell eine Veränderung.

»Nein, ohne Zähne kann ich ihn nicht beisetzen«, murmelte er feierlichen Gesichts.

Er schlug das Segelleinen zurück und legte dem Toten das Gebiß in den Mund.

»Der alte Mann würde mich nicht schlafen lassen, wenn ich seine Zähne behielte. Verdammt, sieh doch, verkehrt hab' ich sie ihm eingesetzt! Das ist egal – oben unten, unten oben – ist doch alles gleich für den alten Bill – he, alter Bill, alles gleich, he?«

Unvermittelt schüttelte ihn ein krampfhaftes Lachen. »Wenn ich mir vorstelle, mit verkehrten Zähnen ins Grab zu müssen. Mag er nun mit ihnen knirschen. Hebt den alten Onkel Bill hinüber –fertig, los – hebt – nachlassen! Da fährt er dahin.«

Er lief zur Seite; sah hinüber und schwenkte seinen Hut.

»Fahr wohl, alter Bill, fahr wohl. Da fährst du hin mit dem Notsignal: ich brauche Hilfe. Mein Gott, da kommen die Haie heran, schau! Schaut, wie sie sich raufen, jetzt fassen sie den alten Bill! Ich brauche Hilfe! Wahrhaftig, Bill, du brauchst sie!« Wilbur blickte in das sprühende, schäumende Wasser, dann wandte er sich angeekelt ab, ihm war übel bis zum Erbrechen.

Nach kaum dreißig Sekunden war es ruhig im Wasser, kein Hai mehr zu sehen.

»Los, fahr mit den Papieren zur ›Bertha‹ hinüber«, befahl Kitchell, »ich will dableiben und weiter forschen. Ich will diese alte Pillenschachtel von vorn bis hinten durchstöbern, bevor ich sie verlasse. Auch nicht eine Kupferniete lasse ich an ihr, nicht eine, hörst du mich?« Er gröhlte diese Worte mit unbegründeter Wut, feuerrot im Gesicht.

Wilbur fuhr mit den beiden Chinesen nach dem Schoner zurück, Kitchell sich selbst überlassend.

In der Nähe des Steuers fand er das Mädchen. Es saß da in der gleichen Stellung, beinahe, wie er es verlassen hatte.

Ihre Augen waren ausdruckslos, ihr Blick nahm nichts auf.

»Du heißt doch Moran, nicht?« fragte er sie, »Moran Sternersen?«

»Ja«, kam es nach einer Pause aus ihr, dann blieb ihr Blick an dem Ende eines geteerten Tau's haften.

Mehr als dieses Wort war aus ihr nicht herauszubekommen. Lange sprach Wilbur auf sie ein und versuchte ihr die Lage begreiflich zu machen, aber sie faßte nichts.

Nur jedesmal, so oft ihr Name genannt wurde, nickte sie:

»Ja, ja, ich, ich bin Moran!« Wilbur ließ von ihr ab und biß sich verlegen auf die Unterlippe.

»Was tu' ich nur?« sagte er für sich, »eine verwickelte Geschichte! Sage ich zu Kitchell ein Wort, so ist des Mädchens Urteil gesprochen. Entweder würde er sie töten oder ihr noch Schlimmeres antun – oder beides. Erzähle ich ihm aber nichts, ist ihr Erbrecht, sechzigtausend Dollar beim Teufel, die Arme steht allein in der Welt.«

»Es geht schon los«, fügte er hinzu, das Geräusch erlauschend, das von der Barke kam. Da tobte Kitchell in seinem Rausch, mir der Axt in der Hand, in der Kabine umher und zerschlug die Gläser, hackte in das Holz. Dabei sang er, so laut er konnte.

»Mit so etwas von Menschen lebe ich«, brummte Wilbur, »nicht gerade erhebend; dabei kann ich mit niemandem reden. Was helfen mir die Chinesen und das fast bewußtlose Mädchen noch weniger! Es ist die schwierigste Lage, der ich jemals in meinem Leben gegenübergestanden bin, allein noch dazu! Der Teufel hole alles, was tu' ich nur?«

Es stand fest, daß er Kitchell in keiner Weise ankonnte, dieser war stärker, und was noch schlimmer war, viel gemeiner als er.

Jetzt, die Macht in Händen, war der Kapitän in seinem Element.

»Aber soll ich hier stehen und ruhig mitansehen, wie das Schwein alles demoliert, was ihm in den Weg kommt! Was ist zu tun? An Land, da hätte es etwas anders ausgesehen! In der Stadt, wo überall Polizisten in der Nähe waren, würde er schon gewußt haben, was zu tun wäre.

Auf einmal, noch während er überlegte, war die Sonne vom Himmel gelöscht, wie die Schrift von einer Schiefertafel. Der Horizont schwärzte sich und verschwamm, eine lange weiße Schaumlinie rauschte mächtig über das Meer.

Das tiefe Brausen, immer stärker werdend, wuchs zu einem wilden Gebrüll an. Eisigkalt war die Luft Eine Sturmböe fiel ein. Der schwarze Himmel drohte auf den Ozean zu fallen, wie ein Deckel auf einen kochenden Topf. Vor- und Hauptsegel des Schoners, die nicht festlagen, scherten sich beim ersten Anprall aus und begannen wild hin- und herzuschlagen.

Auf dem Deck kauerten die Chinesen, klammerten sich an den Klampen, Stagen und Masten an. Sie waren verzagt – entsetzt vor Angst. Charlie krallte sich an einen Stag, den einen Arm über dem Kopfe, als hätte er einen Schlag abzuwehren.

Wilbur hing am Reling, die Zähne zusammengebissen, mit weitgeöffneten Augen starrte er vor sich und wartete auf den Untergang des Schoners.

Nur ein Gedanke beherrschte ihn: das Ende konnte nicht mehr ausbleiben.

Er hatte schon von plötzlichen tropischen Sturmböen gehört, diese kamen zumeist so schnell, wie Szenen im Film wechseln.

Das Schiff legte sich mächtig über.

Der Anfang vom Ende, noch eine solche Welle wie die letzte und der Ozean würde über sie hinwegrauschen.

»Und ihr wollt Seeleute sein! Wollt ihr wie die Ratten auf einer Planke ersaufen?« Eine Stimme, für Wilbur unbekannten Klanges, drang hart durch das chaotische Brüllen von Wind und See wie der Ruf eines Hornes.

Er wandte sich schnell um und sah Moran aufrecht auf dem Achterdeck stehend das Steuer des Schoners fest in der Hand.

Die Verwirrung dieses furchtbaren Augenblickes hatte der Besatzung den Verstand betäubt, ihren aber wieder erweckt.

Nun war sie wieder sie selbst, wild, herrlich, überragend, prächtig in ihrem Zorne über die Schwäche und Feigheit der Mannschaft. Über ihren flammenden Augen waren die Brauen zusammengezogen, der Hut war weg und die schweren Flechten ihres blonden Haares wehten im Sturme, leuchtend wie die Strahlen des Nordlichts.

Sie rief und gestikulierte erregt mit den Männern, dabei glitt die Haut ihres Ölzeuges herunter, und ihr Arm, kräftig und rund, weiß wie Alabaster, wurde frei, die gebräunten Hände und Gelenke erschienen wie mit Handschuhen bedeckt.

Sie schrie und tobte über die Ohnmacht der Besatzung.

»Faßt zu, Leute! Packt an! Kommt zu euch! Macht die Falle des Stagsegels am Tau des Bootes fest. Die Enden los, alles klar! Holt das Ende außen um die Wanten herum! Außen! Ihr Idioten! Vorn festlegen – loslassen, so – da, er dreht!«

Das Boot war hinten am Heck festgelegt gewesen, die überstürzenden Seen hatten es vollgeschlagen.

Moran hatte den rettenden Gedanken gefunden, das vollgeschwemmte Boot als Treibanker zu benützen, indem sie dieses nicht am Heck, sondern vorne am Bug festlegen ließ.

Der Bug der »Bertha« reagierte auf den Zug und der Schoner drehte in den Wind. Die »Bertha« kehrte die Nase in den Wind und nahm die Böen.

Es war richtig eine Meisterleistung der Besatzung. im Augenblicke höchster Gefahr vollbracht, und rettete so das Schiff.

An sich selbst zu denken, fand keiner Zeit. An Bord der Barke war noch kein Segel gesetzt.

Die Böe stieß breitseits in die »Lady Letty« die sich auch gleichzeitig überlegte, aber dann wieder aufrichtete. Doch nun hatten sich die Kohlen verlagert.

Des Schiffes Schicksal schien besiegelt: Wilbur sah einen Atemzug lang durch einen Schleier von sprühender See, von Schaum und Regen hindurch die Gestalt Kitchells, der mit der Axt um sich schlug.

Dann legte sich die »Lady Letty« über, so tief, daß ihre Masten das Wasser berührten, ein Augenblick noch und sie ging nach oben. Ihr Kiel und das rote Unterwasserschiff tauchten für einen Moment durch Nebel und Gischt auf.

Plötzlich sank sie . . . und verschwand.

Mit einem Male war die Sturmböe vorüber.

Die Sonne rang sich durch, der Himmel leuchtete In reinem Blau, der Ozean wurde spiegelglatt und die Wärme der tropischen Lüfte umfing die »Bertha Millner«, welche leicht über die Wellen glitt.

Keine Spur verriet mehr etwas von der Existenz der »Lady Letty« und dem betrunkenen Kapitän.

Kitchell war mit seiner Beute zum Meeresgrund gesunken.

Die Besatzung der »Bertha Millner« drängte sich auf dem Vorderschiff zusammen, sprach erregt durcheinander und deutete angsterfüllt über Bord.

Wilbur und Moran waren allein auf dem weiten Pazifik.


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