Frank Norris
Der Ozean ruft
Frank Norris

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Sechstes Kapitel

Ein Meeresgeheimnis

Wenn sich Wilbur auch zusammennahm, meinte er doch, es griffe eine kalte Hand an sein Herz.

Dieses beängstigende, geheimnisvolle Heben und Senken des Schoners im ruhigen Wasser zu einer Zeit, da kaum Wind genug war, um die Oberfläche zu kräuseln, jagte ihm einen entsetzlichen Schrecken in die Glieder.

Wieder sah er über die Seite in das tankgefüllte Wasser.

Nichts – nicht einmal ein Lufthauch.

Das Sternenlicht ließ keine einzige Welle auf der Magdalena-Bai sichtbar werden, auch am Lande regte sich nichts.

»Ruhig, da vorne!« übertönte Morans Stimme die schreienden Kulis.

Sofort war tiefe Stille.

Alles an Bord lauschte angespannt.

Vom Heck der »Bertha Millner« tropfte das Wasser, als ob ein Uhrwerk tickte.

Der Bug des Schoners hob sich empor, das Schiff sank fast bis an die Reling ins Wasser.

»Sonderbar«, murmelte Moran finsteren Blicks. Charlies Schrei zerriß die Stille:

»Ich Angst, ich Angst!« kreischte er mit schriller Stimme, und sein Antlitz färbte sich plötzlich grün.

Wilbur konnte den Schimmer der geweiteten Augen sehen, die denen einer angstgepeinigten Katze glichen.

Als sie dann, Moran, Wilbur und Charlie, in der Mitte des Schiffes standen, einander anstarrend, verspürten sie auf einmal Brandgeruch.

Am Vorschiff hatten die Chinesen Räucherstäbchen angezündet, die Kulis lagen da, mit den Stirnen das Deck berührend.

Moran ging nach vorne, brachte sie auf die Beine und warf ihre Götzenfackeln in die See.

»Feng Shui! Feng Shui!« schrien sie außer Atem, »wir Feng Shui fürchten!«

Fern im Osten hob sich allmählich der Horizont vom Himmel ab. Es kam der Morgen.

Die Chinesen wurden nach unten geschickt, eine Wache an Deck gelassen.

Wilbur ging die Runde ab, horchte und wartete, ob jene erschreckende Bewegung wiederkehren würde.

Endlich bei Tagesanbruch begann Charlie in der Kombüse mit seinem Geschirr zu klappern, er bereitete das Frühstück.

Der Rest der Nacht war ohne Zwischenfall abgelaufen.

Nach dem Frühstück fand sich das merkwürdige Trio – Moran, Wilbur und Charlie – in der Kajüte zu einer Besprechung ein.

Sie faßten den Entschluß, nach der anderen Seite der Bai zu segeln.

»Feng Shui auf diese Platz, wir Angst«, meinte Charlie.

»Wer ist denn Feng Shui?«

Charlie schwieg sich aus, Moran und Wilbur vermochten nun zu erraten, daß es wohl die Götter seien, die diesen Teil der Magdalena-Bai beherrschten.

Auf keinen Fall waren in diesem Grunde noch Haie zu fangen, daher ging man unter Segel und gegen Mittag warf die »Bertha Millner« am gegenüberliegenden Ende der Bai Anker, eine halbe Seemeile von der Küste entfernt.

Hier war keine Not an Haien und der Fischfang begann von neuem.

Manchen der Haie holte man an Deck, betäubte ihn mit einem Schlag auf den Kopf und schnitt ihm dann die Flossen ab.

Die Chinesen verpackten diese Flossen dann in besondere Fäßchen, wohl um sie nach China zu schicken.

Zwei, drei Tage vergingen, die Besatzung arbeitete mit Feuereifer.

Es geschah nichts, keine Unterbrechung der Eintönigkeit der glühenden Tage und regungslosen Nächte.

Der Schoner lag bewegungslos auf dem Wasser, als stünde er auf freiem Grunde.

Bald zog man auch die Nachtwache ein.

Die drei Führer lebten in diesen Tagen geradezu üppig.

Es gab reichlich Schildkröten und die Tafel prunkte mit ihrem Fleisch und den Suppen, mit gebackenen Abalonen, Seefischen, wirklich köstlichen Haifischflossen, besonders aber mit Wachteln, welche Charlie und Wilbur an der Küste fingen. Das Trio konnte sich keine besseren Leckerbissen wünschen.

Die Küste und das Innere waren völlig öde, sie boten den Anblick einer unberührten Wildnis aus Sand und Steinen.

Oft trieb Wilbur die Langeweile an Land und er wanderte rings um die Bucht, von einer Landzunge zur anderen.

Wenn er auf einer stand, den Ozean überblickend, schien er ihm ebenso öde und leer wie das Land.

Niemals durchfurchte eines Schiffes Kiel die Flut, nie tauchte am Horizont ein Segel auf, keine Rauchfahne schattete in der Ferne. Alles war leer – weit und unsagbar einsam –, zitternd vor Hitze.

Wiederum verrann eine Woche.

Charlie klagte bereits von neuem, daß die Haie wieder selten würden.

»Ich denken sie gehen – dann wieder Angst.«

In eben dieser Nacht weckte Wilbur, der in der Hängematte schlief, die Berührung eines Armes.

Moran stand neben ihm, als er aufsah.

»Hörtest du etwas?« fragte sie leise und sah ihn gespannt an.

»Nein! Nichts!« sagte er, stand auf und tastete nach seinen Sandalen.

»Du, etwa?«

»Mir kam es so vor – irgend etwas! Fühlst du etwas?«

»Ich schlief, bemerkte gar nichts. Geht es wieder los?«

»Ja, der Schoner hebt sich, kaum merklich. Ich war gerade wach, sonst hätte ich nichts gemerkt.«

Sie sprachen leise, wie es Menschen im Dunkeln tun.

»Da, horch, was war das?« stieß Wilbur hervor.

Ein feines Zittern, unmerklich fast, lief durch den Schoner. Wilburs Hand, die Reling umklammernd, spürte das leise Beben des Schiffes.

Es schwand, begann von neuem und verebbte allmählich.

»Teufel nochmal, was mag das sein?« brummte Wilbur ungeduldig, und bemühte sich, die wieder aufsteigende Angst niederzuzwingen.

Moran schüttelte den Kopf und biß sich mißmutig auf die Lippe.

»Ich verstehe es einfach nicht«, versetzte sie mißmutig, »kannst du etwas sehen?«

In unendlicher Einsamkeit lagen Himmel, See und Land. Nicht einmal ein Windhauch regte sich.

»Horch!« sagte Moran.

Von weither kam das zarte schlaftrunkene Glucksen einer Wachtel und das Zirpen einer Grille. Eine lange Welle lief zum Ufer und glitt in den Ozean zurück. Wilbur schüttelte den Kopf.

»Ich vermag nichts zu hören«, flüsterte er. »still ... da – ich fühlte wieder das Beben.«

Noch einmal lief ein langanhaltendes, doch schwaches Zittern vom Bug zum Heck und vom Kiel zur Mastspitze durch die »Bertha Millner«.

Man vernahm ein kaum hörbares Ächzen des Holzes. Das Öl in den Kübeln an Deck bewegte sich.

Das Beben war so fein und so stoßweise, daß es Wilbur wie ein Kitzeln spürte, als er auf Deck stand.

»Ich würde zwei Finger meiner Hand opfern, wenn ich wüßte, was das alles heißen soll«, sagte Moran leise. »Ich bin auf See gewesen«, – dann rief sie plötzlich:

»Aufpassen! Der Schoner hebt sich wieder!«

Wirklich, der Schoner hob sich wieder unter ihnen, ganz langsam, diesmal beim Heck.

Höher, immer höher ging es.

Wilbur erfaßte ein Stag, um sich festzuhalten.

Er suchte sein Herz zu beruhigen, es schlug ihm bis zum Halse.

»Mein Gott!« rief Moran aus, seltsamen Glanz in den Augen, »das – ist doch –«

Die »Bertha Millner« ging auf einmal wieder nieder und stampfte in dem glatten Wasser wie in einer Flutwelle.

Vom Deck triefte das Öl.

In den vom Schoner weglaufenden Wellen tanzte drüben in der Bai das Spiegelbild der Sterne.

Die Chinesen kamen lärmend die Treppe herauf.

Wiederum begann das Heben und Senken der »Bertha Millner«, die Kübel rutschten das Deck entlang. Die Masten bebten, Balken ächzten. Am Heck aber krachte und splitterte etwas.

Dann war es wieder vorüber, die Wogen glätteten sich, das Schiff lag regungslos.

»Schau«, sprach Moran und blickte nach dem Heck, »das Ruder löste sich aus den Ösen.«

Es stimmte, das Steuer der »Bertha Millner« war auch herausgesprungen.

An Bord schloß in dieser Nacht niemand mehr ein Auge. Wilbur irrte auf dem Achterdeck herum, ihn peinigte ein Gefühl, das er nicht zu deuten wagte.

Moran saß neben dem zerborstenen Ruderkopf, in der Hand sinnlos eine Pistole haltend, und ließ von Zeit zu Zeit einen Fluch vernehmen.

Hin und wieder zeigte sich Charlie auf dem Achterdeck, starrte auf Moran und Wilbur mit weit aufgerissenen Augen und verschwand sogleich.

Auf dem Vorschiff klebten die Kulis rote Papierstreifen, die mit Sprüchen beschriftet waren, an die Maste.

Dann entzündeten sie wieder ihre Götzenfackeln, deren Gestank die Luft erfüllte.

»Wenn wir nur feststellen könnten, was das war«, grübelte Moran verbissen, »Aber dieses – dieses vermaledeite Heben und Zittern mutet mich so sonderbar an.«

»So ist es«, stimmte Wilbur bei, mit einem raschen Blick auf sie, »was sollen wir tun, Moran?«

»Durchhalten!« rief sie dann aus und schlug mit der Faust auf ihr Knie. »Wir können dieses Schiff nicht verlassen – ich lasse es nicht im Stich. Ich will auf diesem alten Backtrog bleiben, so lange noch zwei Planken aneinanderhalten. Hast du etwa im Sinn, fortzugehen?« Fest und forschend richtete sich ihr Blick auf Wilbur.

Dieser betrachtete sie, wie sie da aufrecht neben dem Ruder saß, ohne Hut, die blonden Zöpfe hingen ihr über die Brust.

Sie, in Männerkleidern und Stiefeln, die Pistole neben sich, ein seltsamer Anblick. Er schüttelte den Kopf.

»Ich verlasse diese ›Bertha Millner‹ nicht eher, als du es tust«, erwiderte er, und fügte hinzu: »Ich bleibe bei dir, Kamerad, bis wir –«

»Fühlst du es?« warf Moran ein und hob die Hand.

Ganz fein lief ein Zittern durch den Körper des Schoners, jedes Tau schwang und sang wie die Saite einer Harfe.

Es ging vorüber, doch ehe noch Moran und Wilbur ein Wort äußern konnten, war es schon wieder da, nur deutlicher noch wie zuvor.

Charlie kam nach achtern gestürzt, fliegenden Zopfes.

»Was machen schütteln?« rief er, »warum schütteln? Nicht wissen, nicht lieben, viel, viel große Angst, ay – yah, ay – yah!«

Langsam hob sich das Schiff, als trüge es der Rücken einer großen Welle, langsam senkte es sich, wiederum ging es empor.

Wilbur mußte sich an der Reling festhalten. Immer heftiger wurde das Zittern, zum Zähneklappern.

Sie hörten, wie unten in der Kajüte mancherlei Gegenstände von den Regalen und vom Tische polterten.

Da, mit einem jähen Ruck fiel die »Bertha Millner« nieder, das ausgeschüttete Öl lief durch die Speigatts Speigatt – Loch in der Reling, Abfluß für das Wasser auf Deck. die Maste ächzten, das Wasser schäumte und spritzte um die Seiten.

Doch das war alles.

Kein Laut zu vernehmen, nichts zu sehen, nur das furchtbare Zittern des kleinen Schoners und immer das gleiche, langsame Heben und Senken.

Wieder kam der Morgen.

Verstört und wortlos verzehrte man das Frühstück.

Nun war das Ruder zerstört, man konnte nicht mehr fort.

Die »Bertha Millner« mußte verharren, wo sie eben war.

»Wenn der Tanz so weiter geht«, rief Moran, »springen die Planken aus dem Achtersteven!«

Charlie nickte feierlich mit dem Kopfe. Er sprach nichts – seine schweigsame Würde war wiedergekehrt und im vollen Licht des hellen Tages, da die »Bertha Millner« wie eine Möwe auf den Wellen schwamm, war er wieder Herr seiner Nerven.

»Ich glaube ja«, sagte er zögernd.

»Nun denn, ich meine, wir würden richtig handeln, wenn wir versuchten, das Ruder in Ordnung zu bringen und nach Frisko zurückzukehren«, erklärte Moran.

»Auf diese Weise macht ihr ohnedies kein Geld. Hier gibt es keine Haie mehr. Sie sind alle verschwunden, es muß etwas los sein. Die Besatzung bringt ja gar nicht genug herein, um auch nur die Unterhaltskosten zu decken. Was meinst du?«

»Ich glaube ja.«

»Wenn ich dich recht verstehe, meinst du auch, heimfahren sei besser?«

»Ich denken, ja, morgen!«

»Morgen?«

»Ja.«

»Also einverstanden denn«, drängte Moran, von einer so schnellen Bereitwilligkeit überrascht, »wir fahren also morgen los?«

Charlie nickte: »Morgen«, wiederholte er.

Es ergab sich, daß der Schaden am Ruder gar nicht so übermäßlig war, wie man ursprünglich angenommen hatte.

Bald war alles behoben, doch es war notwendig, daß einer der Leute über Bord kletterte.

»Jim, geh du hinunter!« befahl Moran.

»Charlie, sag ihm, was er zu machen hat, wir können den Ruderhaken nicht von Deck aus hineinstecken.«

Doch Charlie schüttelte den Kopf.

»Er nicht gehen, viel zu viel Angst.«

Moran fluchte gewaltig.

»Was kümmert mich, daß er Angst hat. Er muß den Ruderhaken in die untere Öse stecken.«

»Mein Gott«, brach sie in tiefer Verachtung aus, »welch ein feiges Pack! Eine Besatzung Affen wäre mir lieber. Wilbur, ich muß dich ersuchen, hinunterzuklettern. Ich lebte im Glauben, hier Kapitän zu sein, aber die erbärmliche Feigheit dieses Gesindels betäubt mich der Macht.«

»Viele, sehr viele Haie«, rief Charlie. »Leute fürchten, Haie zurückkommen und sie fressen.«

»Einige Spaten müßt ihr zur Hand nehmen«, erklärte Moran, »und die Haie verjagen. Nun, Maat, bist du bereit?«

Wilbur gab seinem Herzen einen Stoß. Er warf Rock und Sandalen ab und schwang sich über die Reling des Hecks.

»Leg das Ohr aufs Wasser«, rief ihm Moran von oben zu, »oft kann man so schon ihre Flossen hören.«

Eine Minute währte es bloß, um den Ruderhaken einzusetzen, dann kam Wilbur wieder triefend und ein wenig blaß an Deck. Er war ahnungslos, welch ein entsetzlicher Tod da unten auf ihn gewartet hätte.

Als er sich eben trockene Kleider holen wollte, war er überrascht, als Moran ihm lächelnd die Hand entgegenhielt

»Brav gemacht«, sagte sie, »ich danke dir dafür. Ich habe schon Seeleute gesehen, die viel älter waren als du und diese Tat doch nicht gewagt hätten.«

Nie zuvor war sie ihm schöner erschienen als eben in dieser Stunde.

Nachdem er im Vorschiff seine Kleider gewechselt hatte, saß er noch lange Zeit, das Kinn in beide Hände gestützt und tief in Gedanken versunken.

Als er sich dann endlich erhob, sprach er laut, als müßte er das Ergebnis seiner Überlegungen in diese Worte fassen: »Dass ist natürlich ausgeschlossen.«

Er dachte eben daran, daß morgen doch die Rückfahrt beginnen sollte, in vierzehn Tagen sollte er wieder in San Franzisko sein, als Steuerzahler, als Bürger im wohligen Schutze der Polizei.

Trotz allen Widerwärtigkeiten war das Leben auf der »Bertha Millner« in diesen drei Wochen doch sehr interessant gewesen, eine sonderbare Episode, welche völlig aus dem Rahmen seines gewohnten Lebens herausfiel.

Im Geiste ließ er die Ereignisse dieser denkwürdigen Fahrt an sich vorüberziehen:

Kitchell erst, dann die Schildkrötenjagd, die aufregende Entdeckung des Wracks, der tote Kapitän, das schauerliche Bild der versinkenden Barke, – Moran –, Moran am Steuer, das widrige Geschäft des Haifangs und nun die rätselhaften Bewegungen, das Heben und Zittern des Schoners. Niemals wohl würde er die Enthüllung dieses Geheimnisses erleben.

Dieser Tag galt zur Gänze den Vorbereitungen für das Klarmachen des Schoners. Man verstaute die Kübel und Fässer unter Deck und räumte die Angelleinen auf.

Bis Abend war alles klar, bei Tagesanbruch konnten sie schon unter Segel sein.

Es war anzunehmen, daß der Schoner mit dem Boot herausgeschleppt werden mußte, es war zu wenig Wind, erst draußen, wenn sie einmal die Bai verlassen hatten, konnte man mit Sicherheit eine Brise erwarten.

Gegen zehn Uhr nachts durchschauerte den Schoner wieder das gleiche unheimliche Beben.

Eine halbe Stunde später etwa hob es das Schiff ein-, zweimal leicht auf.

Dann lag es still.

Es war schon spät in dieser Nacht, dem frühen Morgen nahe, da erwachte Wilbur plötzlich aus dem Schlummer in seiner Hängematte, ohne sich einer Ursache dieses Erwachens bewußt zu werden.

Er stand auf und horchte.

Die »Bertha Millner« lag vollkommen ruhig.

Die Nacht war heiß und ringsum alles still.

Der zunehmende Mond stand wie das Bild eines sinkenden Schiffes tief am Himmel.

Wilbur lauschte angestrengt.

Jetzt, jetzt nahm er etwas wahr.

Zwischen dem Schoner und der Küste konnte er ein leises Plätschern hören, in regelmäßigen Zeitabständen quietschten Riemen auf.

Sollte zwischen der Küste und dem Schoner ein Boot sein? Konnte dies sein?

Was mochte das für ein Boot sein und wer?

Unverkennbar klang das Geräusch der Wellen, klatschten die eintauchenden Riemen.

Da rief Wilbur laut an:

»Boot ahoi!«

Nichts; keine Antwort kam. Das Geräusch der Ruder entfernte sich.

Moran kam aus der Kajüte gelaufen, ihr Ölzeug erst im Laufen anziehend.

»Was ist geschehen – was gibt es?«

»Ich glaube, es ist ein Boot; es kann gar nicht weit sein. Still – hörst du die Riemen?«

»Du hast recht. Ruf die Leute herbei, wir wollen das Boot aussetzen und das andere verfolgen. Hallo, da vorn, Charlie, alle Mann an Deck!«

Dann sahen Moran und Wilbur einander fest in die Augen.

Etwas Ungewisses – wohl die unheimliche Stille, die auf dem Schoner herrschte – ließ sie fühlen, daß sie ohne Antwort bleiben würden.

Sie eilten beide nach vorne.

Moran schwang sich in die Luke des Vorschiffes und sprang, ohne die Leiter zu benützen, auf das untere Deck.

»Die Kojen sind alle leer, die Chinesen sind fort, sie haben uns verlassen.«

Sie kletterte die Leiter herauf.

Als sie wieder an Deck kam, sagte Wilbur zu ihr: »Sie haben das Boot mitgenommen, unser einziges Boot war es, nun können wir nicht mehr ans Land.«

»Solche feige, abergläubische Ratten! Ich hätte damit rechnen müssen. Die wären gewiss vor Angst gestorben, hätten sie noch länger an Bord des Schoners bleiben müssen. Die und ihr Feng Shui!«

Als es Morgen wurde, konnten sie die Flüchtigen an der Küste lagern sehen, dicht dabei lag das Boot.

Moran und Wilbur waren außerstande, die Absichten der anderen zu deuten, aber es war nun eines klar, daß die Chinesen, erfüllt von ihrem tiefen, orientalischen Aberglauben, sich lieber jedem, auch einem ungewissen Schicksal ausgesetzt hätten, als auf dem Schoner zu verbleiben.

»Nun, werden wir auch ohne die fertig werden?« fragte Wilbur, »vermögen wir beide ohne Hilfe das Schiff in einen Hafen zu bringen?«

»Wir wollen allenfalls den Versuch wagen, Maat«, bedeutete Moran, »vielleicht schaffen wir es bis San Diego.«

Die Chinesen hatten hinreichend Verpflegung an Bord zurückgelassen und so schickte sich Moran an, das Frühstück zu bereiten.

Zu ihrem Glück stieg gegen acht Uhr eine leichte Brise vom Westen auf, Moran und Wilbur banden die Zeisinge auf und setzten Vor- und Hauptsegel.

Wilbur war eben daran, den Anker zu holen und Moran stand auf ihrem Platz am Steuer, da rief sie plötzlich:

»Segel ahoi! – Gott steh' mir bei, was ist das für ein Segel?«

Ein sonderbar gestaltetes Fahrzeug erschien am Eingang der Magdalena-Bai.


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