Frank Norris
Der Ozean ruft
Frank Norris

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Neuntes Kapitel

Hoangs Gefangennahme

»Wodurch wurde denn die Dschonke zerschlagen?« fragte Moran.

Ängstlich standen die Chinesen um Charlie geschart. Dicht drängten sie sich aneinander, als sollte das Gefühl des Naheseins ihren Mut aufwärmen.

»Ich nicht kann sagen«, gab Charlie zur Antwort, »Dschonke stark geschüttelt, dann gehoben, wie damals wir, vielleicht noch mehr, alles, alles in Stücke, viel Chinesen ertrunken.«

»Ertrunken?« erstaunte Moran.

»Ja, viel ertrunken«, wiederholte Charlie, »nur neun an Land kommen, nur neun!«

»Wo sind denn diese jetzt?«

Charlie wies nur mit der Hand in die Nacht

»Ein Lager machen bei altem Haus.«

»Ach, dort bei der alten Walfischfängerhütte«, erwiderte Moran.

Dann meinte sie zu Wilbur:

»Erinnerst du dich – etwa hundert Meter vom Bache nach Norden!«

Moran, Wilbur und Charlie gingen etwas abseits von der übrigen Besatzung der »Bertha Millner«.

In einer langen Reihe standen die Chinesen entlang der Küste, wo sie schweigend, Schrecken im Herzen, seewärts in die Nacht blickten.

Moran ergriff wieder das Wort:

»Warum meinst du denn, daß die Piraten unser Schiff haben wollen?«

»Bestimmt wollen haben Schoner. Wollen heimfahren. Nichts mehr haben, alles verloren.«

»Ich glaube, wir entschließen uns am besten, noch über Nacht loszusegeln«, schlug Wilbur vor.

»Das Wasser steht zu niedrig!« warf Moran ein, »und noch etwas, Charlie, hast du die Leute ganz nahe gesehen?«

»Nein«, sagte Charlie, »nicht nahe genug sehen!«

Moran ließ nicht locker: »Hatten die Piraten etwas bei sich, ein Ding in eine Hängematte gewickelt, es roch so süß! Wie eine Opferkerze!«

Charlie verneinte:

»Nicht ich wissen, nicht sagen können. Sicher sie wollen nehmen Schoner. Sehr schlimm Chinesen. See Yup Chinesen, sehr bös. Ich sein Sam Yup, du wissen?«

»Aha, diese Stämme!«

»Ja, ich Sam Yup, die da«, dabei wies er auf das Lager der Küstenräuber, »alle See Yup! Verstehen?«

»Das ist Stammhaß!« erklärte Wilbur, »es sind Todfeinde, die See Yup und die Sam Yup!«

Moran war in Gedanken vertieft. Sie grub die Absätze in den Sand und hakte die Daumen in den Gürtel – ihre Stirn war in Falten gezogen.

Alles schwieg.

Endlich brach sie die Stille.

»Eines steht fest! Den Schoner geben wir nicht preis. Die Bande würde auch unsere Vorräte mitnehmen, was aber machen dann wir? Wir wären zum Verzweifeln hilflos. Wie weit, meint ihr, ist wohl die nächste Stadt entfernt? Bestimmt einige hundert Meilen. Unsern Schatz, unser Ambra haben die Schufte ganz gewiß, ich könnte es beschwören. Sie ließen es sicherlich nicht an Bord, als die Dschonke sank.«

»Höre zu, Charlie«, sagte sie weiter, zu dem Chinesen gewendet, »wenn die Banditen unseren Schoner, unsere »Bertha Millner« nehmen, müssen wir hier an der Bucht umkommen!«

»Ich glauben so!« gab Charlie zu.

»Wie kommen wir denn von hier weg? Sollen wir das so zulassen? Wollt ihr denn das Schiff einfach preisgeben?«

»Ich glauben, das unmöglich!«

»Höre nun«, ihre Worte erfüllte ein tatkräftiger Ton, »jetzt sind es nur mehr neun Räuber, gegen uns acht. Also sind wir fast gleich stark. Wir können getrost den Kampf wagen. Ich bin überzeugt, daß wir es schaffen. Wenn wir plötzlich das Lager der Schurken angreifen, können wir alle ins Meer jagen, Maat!« Ein rascher Blick auf Wilbur begleitete den Ruf, »du machst doch mit! Die Bande greift uns gewiß morgen an, ehe die Flut da ist – das ist klar. Also Kampf gibt es auf jeden Fall. So einfach können wir den Schoner nicht lassen. Tun wir das, ist es unser Ende. Sie wollen die »Bertha« anfallen, wir müssen uns zur Wehr setzen. Weshalb sollten wir nicht angreifen? Mein Vorschlag ehe es hell wird, noch im Schutze der Nacht, greifen wir das Lager an, wir überraschen sie und packen die Burschen. Einen oder zwei erledigen wir, wenn es nicht anders geht, und das Ambra, unser Ambra, holen wir uns auch. Dann aber schnell zurück zum Schoner, die Segel hoch und fort! Die Flut muß uns hinausnehmen. Es muß gelingen – ich weiß es. Maat, hilfst du mit?«

»Helfen? Moran, du weißt, daß ich zu dir stehe!«

»Aber«, Wilbur sagte es zögernd, »können wir sie nicht erfolgreicher vom Deck des Schoners aus bekämpfen? Weshalb erwarten wir sie nicht am Schoner? Die Segel könnten schon hochgezogen sein, es gilt nur, die Piraten so lange in Schach zu halten, bis das Wasser hoch genug ist. Geht es nicht auch so?«

Charlie pflichtete bei:

»Ich denken auch, besser warten auf Schiff!«

»Ja, warum nicht so, Moran!« fragte Wilbur.

»Weil sie unsere Beute haben!« rief das Mädchen, »ich will nicht um einhundertachtzigtausend Dollar bestohlen werden, wenn ich es verhindern kann.«

»Was du sagen?« forschte da Charlie, »hundertachtzigtausend Dollar ihr haben gefunden?«

»Ja, ich hatte sie gefunden, wir, will ich sagen, mein Maat und ich. Wir zogen einen Pottwal hoch für diese Kerle und als sie meinten, alles herausgeholt zu haben, fanden wir noch einen Klumpen Ambra darin, der etwa zweihundert Pfund wog. Nun höre, Charlie, dieses Stück Ambra haben uns diese Banditen geraubt. Es ist aber mein, ich muß es wieder haben. Ich will dir etwas vorschlagen, wir wollen ein Geschäft machen, doch du mußt kämpfen und deine Leute müssen kämpfen. Wenn ihr uns helft, das Ambra wieder zu erlangen, so will ich, wenn wir es wieder in Händen haben, jedem deiner Leute tausend Dollar, dir aber fünfzehnhundert geben. Wie du willst, du kannst zugreifen und das Geld haben, kannst aber auch ablehnen und hier in der Bucht dein Ende erwarten. Wir haben die Wahl, entweder verteidigen oder verlieren wir unser Schiff. Doch du weißt das ebensogut wie ich. Wenn also der Kampf unabwendbar ist, warum nicht erst recht dann, wenn er am meisten lohnt?« Charlie stutzte und machte einen spitzen Mund. »Was meinst du, Moran?«, flüsterte Wilbur ihr leise zu, »ich dachte eben darüber nach, ob wir denn tatsächlich ein Recht haben auf das Ambra? Die Räuber fanden doch den Wal. Er war ihr Eigentum. Wir haben aber ebensowenig ein Recht, ihnen das Ambra streitig zu machen, wie wir es ja auch nicht bei Öl und Walrat gemacht haben. Es ist einmal ihr Fund. Ich bin im Zweifel, ob ein Recht von uns darauf besteht.«

»Blödsinn!« empörte sich Moran, »ein Recht, ein Recht darauf! Wenn es nicht uns gehört, wem gehört es denn! Wer war der Finder! Diese schmutzigen Affen hätten zumindest eine Teilung vorschlagen müssen, wenn schon diese Verabredung bestand. Aber wir waren die Schwächeren. Jetzt würde ich einem solchen Vertrag nie mehr beistimmen, um zusehen zu müssen, wie sie mit hunderttausend Dollar abziehen. Mein Recht darauf ist ebensogut wie das ihre. Aber es wäre nutzlos, sich Gedanken zu machen, sie haben es nun. Jetzt gibt es kein Teilen mehr. Dem Stärkeren gehörte auch der Fund – jetzt freut mich das! Denn die Banditen glaubten, die Stärkeren zu sein, nun werden sie aber Augen machen. Uns hat es an diese gottverlassene Küste verschlagen, hier aber gilt kein Gesetz. Das Leben gehört dem Starken, der Schwache aber gehört dem Tode. Ich will und werde leben, werde auch meine Beute mir wieder holen, nicht lange um Recht und Unrecht mit diesen Räubern hadern. Alles will ich haben, das ist das Gesetz, unter dem du im Augenblick stehst, mein rechtsbeflissener Freund!«

Moran wandte sich kurz von ihm, Wilbur gab ihr innerlich nicht recht und empfand doch Stolz auf dieses Mädchen.

»Ich gehen reden mit Chinaboys«, näherte sich Charlie.

Die Chinesen berieten einige Minuten lang, wobei sie In einem Kreise am Strande beisammenhockten.

Moran schritt neben dem Boote auf und ab. Wilbur lehnte sich mit dem Rücken an den bleichen Schädel des Wals, die Hände in den Hosentaschen.

Er blickte auf die Uhr, es war zwei.

»Wir sind uns einig!« sagte Charlie, sich endlich von der Chinesengruppe lösend, »wir wollen kämpfen.«

»Nun denn«, ermunterte Moran, »nun ist keine Zeit zu verlieren. Wie steht es um unsere Waffen?«

»Wir besitzen die fünf langen Spaten«, antwortete Wilbur, »jeder fast drei Meter lang, mit Schneiden scharf wie Messer. Bessere Waffen können wir uns nicht wünschen.«

»Das läßt sich hören«, sprach Moran, die gestimmt schien, ihren Zornesausbruch zu vergessen, sie hatte ihn wohl schon bereut.

Sie gingen, die Waffen zu holen, jene fünf langen Spaten, und fanden auch ein schweres Messer.

Wilbur hatte seinen Revolver.

Moran war mit ihrem eigenen Messer bewaffnet, es war ein Dolchmesser ohne Heft, wie es alle Norweger, Landmenschen oder Seeleute, mit Vorliebe tragen.

Erst wurden die Waffen geprüft, dann entwarf Moran einen Plan für den Angriff.

Da tauchte plötzlich an der Küste in einiger Entfernung Hoang, der Führer der Strandräuber, auf und hinter ihm folgte ein anderer Chinese.

Der Mond stand schon sehr tief, hell war es nun nicht mehr, aber die Räuber nahmen dennoch das Blitzen der Spaten wahr.

Sie hielten inne, beobachteten aufmerksam und sahen mit Mißtrauen zu der Gruppe hin.

»Bestie!« wütete Moran, »nun wissen sie Bescheid, eine Überraschung können wir ihnen nun nicht mehr bereiten. Charlie, geh, rede mit Hoang, hör einmal, was er will!«

Moran, Wilbur und Charlie gingen Hoang entgegen und hielten dann in einiger Entfernung.

Nun entspann sich eine längere Unterhaltung. Allmählich brachten sie heraus, daß Hoang den Wunsch hatte, die »Bertha Millner« für die Heimfahrt zu chartern.

»Das ist nicht seine wahre Meinung!« flüsterte Moran zu Wilbur, dabei ließ sie keinen Blick von den Räubern. »Er glaubt vielleicht, er kann den Schoner doch nehmen, ohne auch nur einen Cent zu bezahlen. Die kamen doch nur, um zu spionieren und das gelang ihnen auch. Der Überfall ist gescheitert. Jetzt gehen sie zurück und warnen die anderen.«

Noch immer herrschte Dunkelheit.

Die Besatzung stand in der Nähe des Schiffes. Ein jeder hatte einen langen, hellebardenähnlichen Spaten zur Hand, alle lauschten gespannt auf die Auseinandersetzung ihrer Führer.

Inzwischen war der Mond ganz tief gesunken und verfärbte sich blutrot, sein Spiegelbild glitt über die graue glatte Flut der Bucht.

Das Wasser war ganz zurückgegangen und schlug leise gegen den nassen Sand.

In den Pausen der Unterhaltung herrschte jedesmal eine so tiefe, lautlose Stille, als hätte jemand momentan eine Tür geschlossen.

Was nun geschah, wer den Anfang machte, ob es nun so oder anders geplant war, wo die Ursache lag, konnte Wilbur später nicht mehr enträtseln.

Es folgte eine unvermittelte Bewegung, ein Laufen über die knirschende Fläche des Sandes, ein kurzes Ringen mit einer halbnackten, kleinen Gestalt, welche mit Messer, Nägeln und Zähnen kämpfte – dann war rings wieder tiefe Stille, nur von keuchendem Atem unterbrochen.

In dem Chaos der Ereignisse behielt Wilbur nur zwei Bilder vor Augen:

Ein Chinese, der Begleiter Hoangs, der wie ein Amokläufer die Küste entlang rannte, dann Hoang selbst, der mit ungeahntem Schwung in die Arme der Kulis von der »Bertha Millner« flog, dann Moran mit blitzenden Augen, flatternden Zöpfen, gehobener Faust, als sie schrie:

»Jedenfalls, dich haben wir!«

Hoang war gefangen, war nun Verrat im Spiel gewesen oder nicht, Wilbur wußte es nicht genau. Es mochten auch unehrliche Kriegsmittel angewandt worden sein, aber die Freude war doch in ihm, die Befriedigung, sich sagen zu können, daß er und seine Gefährten in dem sich entspinnenden Gefechte schon den ersten Vorteil in Händen hatten.

Je mehr die Geschehnisse dieser Nacht anwuchsen, desto sichtbarer wurde für Wilbur eine seltsame Veränderung im Wesen Morans. Offenbar war das Kämpferblut der alten Nordmänner in ihr lebendig geworden: gewalttätig, erbarmungslos und in voller Wildheit

Als der Beginn der Feindseligkeiten ganz nahe bevorstand, erschien Moran wie besessen von wilder Kampfeslust, die keine Hindernisse kannte, und sie wurde taub gegen jede hemmende Mahnung.

Sie hörte gar nicht hin, was er zu ihr sagte, und wenn sie es tat, erfaßte sie den Sinn seiner Worte nicht mehr.

Ihre Augen verschleierten sich.

Sie erschien Wilbur nicht mehr als eine Frau aus dieser Zeit, aus diesem Zeitalter, dem der Zivilisation.

Moran schien wieder ins achte Jahrhundert versetzt, die Zeit der Wikinger, der Seewölfe, der Berserker.

»Jetzt werden wir dich sprechen machen«, fuhr sie Hoang an, als dieser, den Rücken, an den Walfischschädel gelehnt, in Fesseln auf dem Sande saß.

»Charlie, frag ihn, ob er das Ambra gerettet hat, ehe die Dschonke unterging, und wo es jetzt ist.«

Charlie verdolmetschte Hoang diese Fragen, doch der Räuberhäuptling zwinkerte nur mit den Augen und sprach kein Wort.

Moran schlug ihn mit der Faust ins Gesicht.

»Willst du jetzt reden?« schrie sie, Hoang wischte Blut von seinem Gesicht. Aber er schwieg.

»Du wirst bald Worte finden, mein Freund, täusche dich nicht!« fuhr Moran mit zusammengebissenen Zähnen fort.

»Charlie«, sagte sie zu diesem, »befindet sich an Bord des Schoners eine Feile?«

»Denken ja, Boß haben Feile.«

»Im Werkzeugkasten, nicht?«

Charlie nickte; Moran aber befahl, die Feile zu holen.

»Wenn wir den Kampf gegen diese Bande aufnehmen müssen«, sprach Moran zu sich mit hastiger, leidenschaftlicher Stimme, »so ist es unumgänglich, zu wissen, wo der Fund versteckt ist, welche Waffen sie besitzen. Sollten sie ein Gewehr oder Geschütz haben, wird die Lage für uns unangenehm. Der andere Schurke entkam uns und warnte die andern. Jetzt gibt's nur eines, Kampf!«

Einer der Chinesen brachte vom Schoner eine grobkörnige Feile mit. Moran nahm sie sogleich an sich.

Sie stellte sich vor Hoang hin.

»Also«, erklärte sie, »eine Gelegenheit zu antworten will ich dir noch geben. Hast du das Ambra an Land gebracht, als deine Dschonke sank? Wo ist es jetzt? Wie viele seid ihr, und was für Waffen habt ihr? Habt ihr ein Gewehr? Charlie, sag ihm das in seiner Sprache, ich will sicher sein, daß er alles verstanden hat. Sag ihm auch, wenn er nicht sprechen will, werde ich Mittel finden, ihn dazu zu zwingen!«

Charlie übertrug Hoang alle Fragen ins Chinesische, immer entsprechende Pausen einschaltend.

Hoang verharrte in Schweigen.

»Ich habe dich gewarnt«, schrie Moran voll Wut. und wies auf die Feile, »willst du Antwort geben?«

»Er wird nicht sprechen«, bemerkte Charlie.

»Dann hol eine Leine«, befahl Moran.

Man brachte die Leine und allem Drehen und Widerstreben Hoangs zum Trotz wurde die Feile in seinen Mund geklemmt. Die beiden Kiefer preßte man mit der Leine, welche ihm um Kopf und Kinn gebunden wurden, fest zusammen.

Einige Zentimeter der Feile sahen aus seinem Mund hervor, Moran faßte das Ende, zog sie zwischen den Zähnen hervor und schob sie langsam wieder in seinen Mund.

Gräßlich klang das Kratzen und Knirschen an Wilburs Ohr und ließ sein Blut erstarren.

Er mußte fortblicken, auf die See, über die Bai, wohin auch immer, nur um nicht zu sehen, was vorging.

Aber das Schleifen und Scharren blieb in seinem Gehör.

Er wandte sich ab.

»Ich – ich – ich will nur entlang der Bucht gehen«, sagte er hastig, »ich will es nicht – ich muß achtgeben, ob etwa die Piraten kommen.«

Wenige Augenblicke später vernahm er, wie ihn Charlie rief:

»Chin-chin – will sprechen«, sagte er mit hämischem Grinsen, als Wilbur, seinem Rufe folgend, herankam.

Hoang saß inmitten des Kreises.

Neben ihm im Sande lagen die Feile und die Seilschlingen. Der Piratenhäuptling sprach in einem hohen Sing-Sang, doch lispelte er dabei.

Zum Teil in gebrochenem Englisch, mit eingeflochtenen chinesischen Brocken, die Charlie verdolmetschte, brachte Hoang heraus, daß sie acht Mann waren. Sie hätten den Plan gefaßt, die »Bertha Millner« in dieser Nacht zu überfallen, was nun durch seine Gefangennahme zunichte geworden sei. Gewehr besäßen sie keines. An Bord der Dschonke sei wohl ein Geschütz gewesen, das wäre aber mit in die Tiefe gesunken. Das Ambra hätten sie in zwei Teile geschnitten und läge nun in zwei alten Mehlsäcken verpackt im Heck des Bootes, in dem sie das Land erreicht hätten. Allesamt trügen sie als Waffen nur ihre kleinen Dolche, zwei Leute hätten außerdem Messer. Revolver oder Pistolen besäße keiner.

»Es scheint, daß der Vorteil bei uns liegt«, warf Wilbur ein.

»Wir haben fangen Führer«, zeigte Charlie auf Hoang.

»Wir haben die besseren Waffen«, fügte Moran hinzu, »unsere guten langen Spaten.«

»Außerdem den Revolver, mit dem man weit schießen kann, wenn der Schlag nicht mehr hinreicht.«

Doch Moran mahnte: »Sie werden sich zähe zur Wehr setzen.«

»Oh, die Chin-Chin kämpfen wie Teufel.«

»Gib deinen Leuten einen Schnaps, Charlie«, befahl Moran, »wir wollen doch das Lager überfallen.«

Der Whisky wurde gebracht und ging in der Runde. Moran und Wilbur tranken aus einem Zinnbecher, die Kulis aus der Flasche.

Hoang wurden Fesseln angelegt und in die Kajüte eingesperrt

Dann drängte Moran: »Nun, sind wir bereit?«

»Ich glauben, alles in Ordnung«, erwiderte Charlie.

Entlang der Bucht bewegte sich die Reihe.

Der Mond war schon lange untergegangen, über dem Horizont im Osten stand die Dämmerung. Landeinwärts ruhten dichte Schwaden des morgendlichen Nebels über den Senken. Lautlose Stille herrschte allerorts.

Noch funkelten vereinzelte Sterne. Die Fläche der Magdalena-Bai war glatt wie graue Seide.

Minuten gingen dahin, eine halbe Stunde, eine Stunde.

Immer weiter zog der kleine Trupp, Moran, Wilbur und Charlie an der Spitze.

Dicht aufgeschlossen folgten die Kulis, die langen Spaten geschultert. Behutsam und schweigend gingen sie, schon war die halbe Bucht umgangen.

Weit draußen in der Ferne lag die »Berta Millner«, ein grauer, formloser Schatten im blassen Scheine des frühen Morgens.

»Hast du in deinem Leben schon gekämpft?« fragte Moran Charlie unvermittelt.

»Ich – – einmal kämpfen, in San Franzisko in Washingtonstraße, kämpfen mit See Yup.«

Wieder schwand eine halbe Stunde.

Manchesmal, wenn sie innehielten; konnten sie das Murmeln des Baches vernehmen, der gerade hinter einer zerfallenen Hütte dahinfloß, dem Überrest eines alten Lagers eines portugiesischen Walfischfängers, wo nun die Banditen lagerten.

Sie befolgten Charlies Vorschlag und gingen in einem Halbkreis dem Lande zu, um sich im Schutze der Sandhügel dem Feind zu nähern.

Einige Minuten später standen sie bereits wohl vierhundert Meter von der Küste entfernt, vor dem Bach.

Hier löste sich die Gruppe in eine lange Kette auf, einer mehrere Meter hinter dem anderen, pirschten sie sich vorsichtig vorwärts.

Das hügelige Gelände verbarg die Küste vor ihnen Blicken, Moran und Wilbur aber wußten genau, daß sie direkt zu dem Hause gelangen mußten, wenn sie den Fluß immer zur linken Hand ließen.

Bald hob Charlie die Hand, die Leute hielten.

Deutlich konnte man hören, wie drüben der Bach in die Bucht flutete.

Vor ihnen lag noch ein Streifen sandigen Landes, mit niedrigem Buschwerke bedeckt, von ihm stieg eine dünne Rauchsäule in der Luft.

Sie standen also dicht vor dem Lager.

Die Chinesen deckten sich schnell im Sand, die Gruppe der drei Anführer bewegte sich kriechend zur Höhe hinan.

Wilbur lag flach auf dem Boden, einige Büsche verdeckten ihn, sein Blick war zur Bucht gerichtet.

Erst bot sich ihm der Anblick eines seltsamen, dachlosen Hauses, aus Treibholz erbaut, Schlamm verklebte die Spalten, die Türe war eingestürzt. Drüben an der Bucht lag ein flaches, farbloses Boot, von Schmutz starrend. Rings um das Haus war der Sand zu einem niedrigen Wall aufgeworfen und hinter diesem Schutz konnte Wilbur die Köpfe der Banditen ausnehmen. Alle waren wach und kampfbereit, die Dolche blitzten in ihren Händen, ihre Blicke verkrampften sich gerade in die Sandwelle, welche Führer und Mannschaft der »Bertha Millner« verbarg. Wilbur hatte den Eindruck, als starrten sie ihm gerade ins Auge.

Nichts rührte und regte sich drüben.

Schauerlich, grausig, wirkte die Starre und Stille dieser kleinen, halbnackten Chinesen mit ihren affenähnlichen Mäulern und den blinkenden Augen.

Es gab keinen Zweifel, dieses Räubergesindel war genauestens über jede Bewegung des Feindes unterrichtet und mußte auch wissen, daß sich er hinter der Düne befand.

Moran stand auf, Wilbur und Charlie folgten ihrem Beispiel.

»Es ist sinnlos und ohne Zweck, sich zu verstecken. Die wissen doch genau, daß wir da sind!«

Charlie rief seine Chinesen heran. Nun standen sich die beiden Gruppen gegenüber.

Über dem östlichen Horizont des Ozeans verwandelte sich die bläuliche Weiße der Morgendämmerung in hauchartiges, rosarotes Gold, welches die aufgehende Sonne ankündete.

Die Sandzungen der Magdalena-Bai hoben sich dunkel aus diesem blassen Schimmer, darüber glitzerte nur noch das Licht der ganz großen Sterne.

Eintönig plätscherte ferne der Bach, es war der einzige Laut.

Jetzt mochte es etwa vier Uhr sein.


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