Frank Norris
Der Ozean ruft
Frank Norris

 << zurück weiter >> 

Siebentes Kapitel

Strandräuber

Wilbur ging zu Moran auf das Achterdeck, die das fremde Schiff schon durch das Glas beobachtete.

»Das ist eine ganz neue Art von Schiff für mich«, meinte sie und reichte Wilbur das Glas.

Wilbur sah lange und aufmerksam hindurch. Die Erscheinung hatte das Aussehen und die Größe einer portugiesischen Karavelle des fünfzehnten Jahrhunderts – hoch am Bug und Heck – und schien ebenso seefest zu sein wie eine Suppenterrine. Nur auf alten Drucken erinnerte sich Wilbur, ein ähnliches Schiff gesehen zu haben.

Das Fahrzeug besaß nur einen Mast, der nach vorn geneigt war. Das Luggersegel überspannte zwölf Bambusstäbe. Ein riesiges, rotes Auge war auf jeder Seite des hohen, stumpfen Bugs gemalt, hinter dem Schiffsrumpf aber ragte ein mächtiger Riemen in die Luft, ganze zwölf Meter in der Länge, länger als das Schiff selbst. Er mochte sowohl zur Fortbewegung als auch zum Steuern dienlich sein.

»Sie haben Kurs auf uns zu«, erklärte Wilbur, als er Moran das Glas zurückgab.

»Stimmt«, bestätigte sie und sagte im gleichen Augenblick: »Schrecklich! Schon wieder Chinesen, die Kiste wimmelt von Kulis; es dürfte eine chinesische Dschonke sein.«

»Ach«, rief Wilbur aus und erinnerte sich an Charlies Worte, »ich weiß schon!«

»Du weißt es?«

»Ja, das sind richtige Küstenräuber. Ich hörte aus den Reden der Chinesen, daß solche an der Küste leben. Die Dschonke wird jede Nacht ans Ufer geschleppt und da schlägt die Bande ihr Lager auf. Sie sind wie Straßenkehrer, sammeln und stehlen alles, was sie an der Küste finden: Abalonen, Haiflossen, Wrackteile, altes Messing, Kupfer und Eisen, Seehunde, Schildkröten und Schildpatt. Oft fischen sie auch Garnelen, und ich hörte Kitchell erzählen, daß sie oft Perlen machen, indem sie Schrotkörner in die Austern einführen. Von allen Menschen werden sie gefürchtet, denn es ist das abscheulichste Gesindel, das an der Küste lebt.«

Langsam näherte sieh die Dschonke dem Schoner. Schneller als erwartet lag sie längsseits.

Außer den riesigen roten Augen fehlte dem Fahrzeug jede Färbung. Mit Schmutz und Schlamm überzogen, stank die Dschonke entsetzlich. Die Besatzung bestand aus Chinesen, aber was für einer Sorte Chinesen! Im Vergleich zu diesen waren die Kulis der »Bertha Millner« die reinsten Engel.

Die Küstenfledderer, dreizehn an der Zahl, waren kleinwüchsig, und ihre Gesichter hatten Sonne und Schmutz zugleich fast schwarz gefärbt. Ihre Köpfe waren nicht geschoren, obgleich sie Zöpfe trugen, so daß ihr starres, schwarzes Haar in Strähnen und Knäueln unter den breiten, korbförmigen Hüten her vortrat und über die Augen fiel.

Sie waren alle barfuß. Keiner trug mehr als zwei Kleidungsstücke, eine kurze Hose und die Bluse.

Das waren die verkommensten Geschöpfe, welche Wilburs Augen jemals gesehen hatten.

Die Gesichter ähnelten denen von Menschenaffen, die untere Partie – Kinnladen, Lippen und Zähne – war vorspringend, die Nasen aufgestülpt, ihre winzigen Augen flackernd, die Stirne niedrig und faltig –durch all dies unnatürlich alt erscheinend.

Der allgemeine Anblick verriet die Affen eigene Verschlagenheit, tierische Wildheit ohne Mut.

»Ah«, sagte Moran mit zusammengebissenen Zähnen, »wäre der Satan ein Hirte, das wäre die richtige Herde für ihn. Aber, meine Freunde, ihr werdet diesen Schoner nicht betreten! Ich wünsche so lange zu leben, wie ich kann und kann sterben, wenn es sein muß. Boot ahoi!«

Als Antwort kam ein chinesischer Sing-Sang von der Dschonke herüber und der Sprecher wies auf den Ozean hinaus.

Dann entspann sich ein langes Hin und Her. Eine halbe Stunde lang hörten Moran und Wilbur einen Vorschlag an, den die Küstenräuber unermüdlich immer wieder in fürchterlichem Englisch vorbrachten, aber trotz dieser Geduldsübung konnten beide nichts davon begreifen.

Es war unmöglich, zunächst auch nur ein Wort zu verstehen. Endlich gelang es ihnen, herauszuhören, daß von einem Walfisch die Rede war; es stellte sich heraus, daß er sogar tot sei und schließlich, nach langen, weiteren Pantomimen, Gesten und Worten, erriet Moran, daß die Chinesen die »Bertha Millner« verwenden wollten, um den Leviathan hochzuholen, während man ihm Öl und Fischbein entnahm.

»Das muß es sein«, meinte Moran zu Wilbur, »darum deuten sie dauernd nach unseren Masten und der Takelage. Mit ihrem Streichholz bringen sie das selbstverständlich nicht fertig, aber sie wollen uns ein Drittel der Beute überlassen.«

»Maat, wir wollen zustimmen, ich will dir sagen, warum. Der Wind liegt stiller, die aber können uns hinausschleppen. Wenn sie einen Pottwal gefangen haben, dann hat dieser mindestens vierzig Faß Öl, ohne vom Speck und Fischbein zu reden. Das Öl steht jetzt etwa auf fünfzig Dollar und Walrat bringt immer hundert Dollar ein. Wir wollen das Angebot annehmen, Maat, aber wir dürfen diese Ratten keine Sekunde aus den Augen lassen. Unter keinen Umständen will ich sie an Bord haben. Sieh dir diese Gürtel an, fast jeder trägt einen kleinen Dolch. Pfui Teufel!«

»So eine Teufelsbrut!«

Es erwies sich, daß Moran richtig verstanden hatte.

Ein Tau kam zur »Bertha Millner« herübergeflogen, die Dschonke streckte ihre langen Riemen heraus und bei einem langgedehnten, schauerlichen Gesang wurde der Schoner aus der Bai geschleppt.

»Was werden nun wohl Charlie und unsere Chinaboys denken?« meinte Wilbur, mit einem Blick nach der Küste, wo die Fahnenflüchtigen eine schweigsame, betrachtende Gruppe darstellten.

»Wir haben sie vom Halse«, sagte Moran, die Daumen in den Gürtel gehakt, »aber nie und nimmer werden wir wissen, was in diesen vergangenen Nächten mit dem Schoner vorgegangen ist. Eigentlich wundere ich mich gar nicht so sehr, daß die Burschen auswischten.«

Der tote Wal lag ungefähr vier Seemeilen vor der Einfahrt in die Magdalena-Bai und erschien, als Dschonke und Schoner nahe kamen, wie die Silhouette eines großen dunklen Bootes, das kieloben schwamm.

Um den Walfisch schwärmten und kreischten Tausende von Seevögeln, im Wasser aber wimmelte es von gierigen Haien.

Es war ein Potwal, zweimal so lang wie die »Bertha Millner« und sie brauchten einen ganzen Tag, um ihn nur ein Stück hochzuwinden.

Es wurde unmöglich, die Chinesen vom Schoner fernzuhalten, Moran und Wilbur waren auch zu klug, um diesen Versuch zu wagen.

Auf dem Vorschiff und in der Takelage wimmelte es von den Chinesen; wie eine Schar schmieriger Affen kletterten sie mit einer Behendigkeit und Beweglichkeit, die Wilbur vor Staunen den Atem raubte.

Sie waren so unterschiedlich von den übrigen Chinesen, die er bisher zu Gesicht bekommen hatte, so abscheulich, wie er es bei einem menschlichen Wesen nie für möglich gehalten hätte.

Zweimal kam es zu einem Zwist, sogleich blitzten die kleinen Messer auf, wie die Zähne einer Schlange.

Als der Abend kam, kehrte einer, quieckend wie ein gestochenes Schwein, auf die Dschonke zurück. Man hatte ihm ein Stück Kinn abgebissen.

Moran und Wilbur blieben auf dem Achterdeck, stets in Reichweite der großen scharfen Spaten, aber die Küstenräuber waren von ihrem Fang so in Anspruch genommen, daß sie den beiden kaum Aufmerksamkeit schenkten.

Das tote Ungeheuer war aber auch wirklich eine wahre Schatzkammer.

Als der Tag zur Neige ging, war der Wal vom Vordermast aus emporgezogen; alle Mann eilten an die Winde und allmählich tauchte der große Kopf aus der Flut.

Als die Chinesen auf den glatten schwarzen Riesenkörper kletterten, rutschten ihre nackten Füße bei jedem Schritt aus. Sie fanden nur dadurch Halt, daß sie ihre Messer in die Haut feststachen, wie Erkletterer von Gletschern ihre Eispickel handhaben.

Der Kopf spendete tonnenweise Öl und eine beträchtliche Menge Fischbein; der Speck wurde auf die Dschonke gebracht, mit Messern geteilt und die Stücke in Fässer gestopft.

Schließlich schnitten die Chinesen noch ein Loch in den Wal und stiegen im wahrsten Sinne des Wortes in den Kopf des Tieres hinein, holten den Walrat heraus, der klar war wie Kristall, packten ihn in einen Eimer, welcher an Deck der Dschonke befördert wurde.

Die Arbeit währte drei Tage.

Während der ganzen Zeit war die »Bertha Millner« infolge des Gewichtes des toten Fischriesen, bis fast zwanzig Grad übergeneigt.

Doch Moran und Wilbur duldeten es ohne Widerspruch, die Chinesen sollten tun können, was notwendig war, das war vereinbart.

Sie gaben auch den Schoner nicht früher frei, ehe sie nicht alles Öl, den gesamten Speck, Walrat und Fischbein herausgeholt hatten.

Endlich, es war der Nachmittag des dritten Tages, kam der Kapitän der Dschonke, der Hoang hieß, auf das Achterdeck. Er war nackt bis zu den Hüften, sein brauner Oberkörper glänzte von Öl und Schweiß, sein Zopf war wie eine Schlange im Nacken zusammengeringelt, im Gürtel stak sein Messer.

»Nun?« fragte Moran im Herbeikommen.

Wilbur beobachtete den Gegensatz zwischen den beiden, wie sie da nebeneinander standen.

Der Mann, Mongole, klein, faltig und lederfarben, verschlossen – ein Andersgearteter, wie vom Geheimnisvollen des Orients umgeben, das Mädchen hingegen, groß, blond, kräftig und frei, einfach und klar wie der Tag, die langen, gelben Zöpfe fielen über ihre Brust, reichten fast bis an die Knie.

Wilbur mußte sich fragen, als er die beiden so betrachtete, wo sonst wohl in der Welt, außer in Kalifornien, solche Gegensätze bestünden.

»Alles fertig«, verkündete Hoang, »alles Öl haben, Fischbein alles viel. Ihr helfen, jetzt haben Anteil, nicht so?«

Die Einigung erfolgte schnell und ohne Schwierigkeiten.

Wie alle Chinesen, hielt auch Hoang Wort und hatte bereits dreieinhalb Tonnen Walrat, zehn Tonnen Öl und etwa zwanzig Pfund Fischbein für die Hilfe beiseite gestellt.

Kein Wort wurde darüber mehr verloren.

Er teilte den beiden mit, daß er damit seine Verpflichtungen erfüllt hätte, und eilte, um seine Leute auf die Dschonke zu rufen und loszufahren.

Die Küstenräuber kehrten auf ihr Schiff zurück und Wilbur begann mit Moran, den Körper des Wales loszumachen.

Sie merkten bald, daß es leichter sein würde, rund um die Haken die Haut auszuschneiden, als die Taue selbst zu lösen.

»Die Knoten sind fest wie Eisen«, erklärte Moran, »gib mir einen Spaten und nimm du einen andern, versuchen wir gleichzeitig loszuschneiden, damit der Zug zugleich von den Tauen läßt. Fertig, schneide!«

Moran legte den Haken in der schwarzen Haut mit wenigen Hieben bloß, Wilbur aber war unbeholfen, die Haut gab nicht nach.

Er hieb kräftig mit dem schweren Spaten zu, die Schärfe traf aber den Eisenhaken, glitt ab und plötzlich klaffte ein Schlitz unterhalb des Walkopfes, Eingeweide quollen hervor, Moran wetterte.

»Los, mach schnell! Du wirst bald den Mast ausheben – los! Packe den Spaten – aber, was ist denn das?«

Wilbur hatte einen fürchterlichen Gestank aus dem toten Tier erwartet, umso überraschter war er, als ihm plötzlich ein starker, wohliger, würziger Geruch entgegenströmte, der schnell rings die ganze Luft durchsetzte.

Der aromatische Geruch war stärker als der Atem des salzigen Ozeans, stärker als der Gestank des Öls und Specks vom Schoner. Süß wie Weihrauch, eindringlich wie Parfüm, köstlich wie ein Sommerwind war dieser Duft.

»Was es auch sein mag, es riecht vorzüglich«, erwiderte er.

Moran kam näher, bis zu ihm, und sah in den Spalt der von Wilburs Hieb in dem Körper klaffte. Eine unbestimmte trübe, weiße Masse, graugefleckt, ragte daraus hervor: es war ein festes Stück von ungleichmäßiger Form und der Größe eines Fasses.

Moran warf einen Blick auf die Dschonke, die noch nahe lag.

Die Chinesen hißten ihr Luggersegel.

Hoag stand am Steuerruder.

»Bring es an Bord«, rief Moran leise.

»Dies hier?« rief Wilbur, und deutete auf das Stück, In Morans Augen leuchtete es auf.

»Ja, natürlich, mach schnell, bevor die Kulis dich sehen.«

»Aber ... ich versteh das nicht!«

Moran begab sich zum Achterdeck, löste die Hängematte, in der Wilbur immer schlief, und warf sie ihm zu.

»Pack es da hinein, ich werfe dir noch eine Leine zu, dann wollen wir es an Bord holen. Geb's Gott, daß diesen Banditen drüben genug anderes in die Nase weht, daß sie nichts hievon bemerken. Beeile dich Maat, nachher erklär ich's dir!«

Wilbur schwang sich über die Reling und holte, so gut als möglich auf dem glitschigen Wal stehend, den Klumpen heraus und barg ihn in der Hängematte.

»Ah!« frohlockte Moran überrascht, »was für eine Menge, welch ein großes Stück!« Ihre Stimme ging in Flüstern über. »Ist nicht noch mehr davon da, Maat? – Schau genau nach.«

»Nein, es ist schon alles. Gib nur acht, wenn du es hochholst«, erwiderte Wilbur, »Hoang und seine Chinesen passen gut auf. – Was ist es denn eigentlich. Warum legst du so großen Wert darauf? Ist es so kostbar?«

Moran zog das Bündel an Bord, Wilbur kletterte nach.

»Angelangt«, rief er mit halb geschlossenen Augen.

»Es ist wie in der Geschichte von Simson und dem toten Löwen. Das Süße kommt vom Starken.«

Der ganze Schoner war in eine Wolke von Wohlgeruch gehüllt.

»Es erscheint unglaublich«, sagte Moran vor sich hin, »aber es kann kein Irrtum sein. Es ist sicherlich jene Masse. Ich hörte schon davon, aber das da ... dies ..«

Erregt sprang sie auf und warf ihr Haar zurück.

»Nun«, fragte Wilbur, »was ist es denn?«

»Im Augenblick ist die Hauptsache«, gab Moran zurück, »so rasch und unauffällig wie möglich von hier zu verschwinden und diesen Klumpen mitzunehmen. Ich kann es dir noch nicht erklären, aber er ist wertvoll – äußerst wertvoll. Sein Wert kommt beinahe der Bank von England gleich.«

»Ich fürchte, die Räuber haben Wind davon bekommen«, meinte Wilbur, »sieh, wie sie uns beobachten. Dies Ding duftet ja über den ganzen Ozean.«

»Verdammte Kulis! Gott sei Dank, haben wir ein wenig Wind, können daher schneller vorwärts kommen als sie. Wenn sie nur schon weg wären.«

Moran sprach's und trug die Hängematte in die Kajüte. Als sie wieder an Bord kam, half sie Wilbur, noch das letzte Tau zu lösen.

Der Schoner richtete sich langsam auf.

Mittlerweile hatten die auf der Dschonke ihre Luggersegel gesetzt und die Leute hatten die langen Ruder hinausgelegt.

Hoang ergriff das Steuerruder und führte sein Schiff bis auf einige Meter entfernt quer vor den Bug der »Bertha«.

»Sie bewachen uns genau«, sagte Wilbur.

»Hoch dein Hauptsegel«, befahl Moran.

Die beiden setzten mit großen Mühen die Vor- und Hauptsegel. Moran übernahm das Steuer, Wilbur aber ging nach vorne, um die Leine loszuwerfen, die an einer Flosse des Wals befestigt war.

»Abschneiden!« rief ihm das Mädchen zu, »halte dich nicht mit dem Loslösen auf!«

Die Küstenräuber schrien etwas herüber, die Riemen auf Steuerbord der Dschonke tauchten ein und das Fahrzeug näherte sich.

»Beeil dich!« sagte Moran, kümmere dich nicht um sie. Sind wir vorne klar? Was ist denn da jetzt los? Irgend etwas bremst das Schiff.«

Der Schoner legte sich langsam nach Steuerbord und lag vorne fest.

»Wir sitzen fest«, rief Wilbur vom Bug her, »was ist geschehen?«

»Der Schoner ist leck«, erwiderte Moran wütend, »bei dem ewigen Auf und Nieder, dem Heben und Tanzen ist er leckgesprungen.«

Wilbur rannte nach dem Achterdeck.

»Das ist eine vermaledeite Lage«, sagte er zu Moran, »jetzt kommen uns die Verbrecher wieder an Bord. Sie wittern etwas und gerade in dem unglückseligen Zeitpunkt muß der Schoner leck werden.«

»Sie jagen hinter dem Ambra her«, preßte Moran durch die Zähne, »sie haben es schon gerochen, diese Schweine!«

»Ambra?«

»Ja, Ambra ist es, was wir im Wal fanden.«

»Und?«

Moran sagte gereizt, »nun weißt du es, der Klumpen, den wir fanden, wiegt fast 250 Pfund, und ich sage dir noch, daß man in San Franzisko eine Unze davon – etwa 28 Gramm – mit 40 Dollar verkauft! Bist du dir klar darüber, daß wir hier aus dem Ozean fast 180.000 Dollar gefischt haben und nun nahe daran sind, sie wieder zu verlieren?«

»Können wir nicht entwischen?«

»In einem Schiff, das leck ist wie ein Sack? Unser Boot ist dahin und die »Bertha Millner« sinkt. Was tun wir nun? Wenn wir wenigstens unsere Leute an Bord hätten, wenn wir zehn zu zwölf wären – nur sechs sagen wir –, bei Jupiter, ich würde den Kampf wagen!«

Die beiden großen, roten Augen der Dschonke nahten längsseits, starr auf das Deck der »Bertha Millner« gerichtet.

Hoang kam, gefolgt von sieben Kulis, an Bord.

»Was wollt ihr?« rief ihnen Moran entgegen, als sie ihnen gegenüberstand. Ihre Augen drohten. »Ist dies euer oder mein Schiff? Wir waren es, die für euch eure schmutzige Arbeit verrichteten. Macht, daß ihr von dem Deck kommt!«

Wilbur stellte sich neben sie, unentschlossen, was er beginnen sollte, aber bereit, sie unter allen Umständen zu verteidigen.

Hoangs Blicke wanderten suchend über den Schoner.

Er sagte:

»Ich denken, ihr etwas finden, sehr riechen!«

Moran gab sofort zurück.

»Ich fand gar nichts weiter, als diesen scheußlichen Gestank hier.«

Als Hoang Miene machte, in die Kajüte zu dringen, stellte sich ihm Moran in den Weg.

»Nein, du gehst nicht weiter!« Die anderen Chinesen kamen heran.

Wilbur glaubte bei einem das Messer gelockert zu sehen.

»Dies ist mein Schiff«, rief Moran. den Weg zur Kajütentür versperrend.

Wilbur blieb dicht hinter ihr.

Bald waren beide von den Chinesen umringt.

»Es hat nicht viel Sinn, Moran«, flüsterte er ihr zu. »im Nu werden sie uns überwältigt haben.«

»Aber das Ambra gehört mir – gehört mir«, antwortete sie und ließ keinen Blick von den Kulis.

»Wir finden Wal«, erklärte Hoang, »ihr nicht finden Wal, Wal unser, alles im Wal unser, verstanden?«

Auch die Verwirrung des Augenblicks konnte in Wilbur den Gedanken nicht übertönen, daß eigentlich zwei Drittel des Ambra den Chinesen gebühre. Schließlich hatten diese doch den Wal gefunden. Als er dies später bedachte, entsann er sich beim besten Willen nicht mehr, ob er es auch zu Moran gesagt hatte. Wenn er es wirklich getan hatte, war sie taub dafür gewesen.

Die Wut der Verzweiflung drang plötzlich in ihre blauen Augen.

Wilbur, der neben ihr stand, konnte hören, wie ihre Zähne knirschten.

Der Augenblick machte sie blind gegen alle Gefahr und erfüllte sie nur mit Zorn über die vermeintliche Ungerechtigkeit.

Hoang sagte dann etwas auf chinesisch; da sprang einer der Kulis vor. Die Faust Morans traf sein Gesicht und er stürzte zu Boden.

Nun kam der Angriff, den Wilbur geahnt hatte. Er konnte eben noch sehen, wie Moran Hoang packte, gerade als das kleine Messer über ihr blitzte.

Wilbur schlug wild zwischen die Chinesen ... als er die Augen öffnete, wurde er gewahr, wie Moran das Blut von seinem Haar wusch, – er lag auf dem Deck, den Kopf in ihren Armen.

Alles war still.

Die Chinesen waren wie ein Spuk verschwunden.

»Hallo, was ... was ... was ist mit uns?« fragte er und sprang auf die Füße, doch sein Kopf war benommen und schmerzte.

»Wir haben gekämpft, nicht wahr? Haben sie dich verletzt? Ach, nun entsinne ich mich, ich erhielt einen Stich in den Kopf ... einer dieser Messerstecher ... bist du verletzt?«

»Das Ambra haben sie«, erwiderte sie, »das vermaledeite Gesindel! Und um das Unheil vollkommen zu machen, beginnt unser Schiff zu sinken.«


 << zurück weiter >>