Friedrich Wilhelm Nietzsche
Fragmente 1869-1874, Band 1
Friedrich Wilhelm Nietzsche

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[Frühjahr – Sommer 1874]

[Dokument: Mappe loser Blätter]

35 [1]

Es giebt eine ethische Aristokratie, in die niemand hineinkommen kann, wer nicht schon in und zu ihr geboren ist.

Nun ist beobachtungswerth, wie in dieser gehandelt wird.

Man wirft der Schopenh<auerischen> Ethik vor, daß sie keine imperativische Form habe, ja diese eingeständlich zurückweise.

35 [2]

Die Sphaere der Wahrheit fällt aber nicht zusammen mit der des Guten.

35 [3]

Der Tiefsinn, der sich mit Kraft, hart, derb, fordernd äussert, ist besonders zu verehren: während er meist bei den Deutschen nebelhaft weichlich schwimmend gewahrt wird. Muthige Gelehrte sind eine Seltenheit. Thätige und harte Denker sind noch seltener in Deutschland.

35 [4]

Aristipp sagte, der vornehmste Nutzen, den er von seiner Weltweisheit hätte, wäre, dass er mit jedem frei und offenherzig redete, –

Ariston sagte – ein Bad und eine Rede, die nicht reinigen und säubern, sind zu nichts nütze.

35 [5]

Die Philosophie

in

Bedrängniss.

Vorläufiges und Einzelnes.

35 [6]

Goethe "Freunde, treibt nur Alles mit Ernst und mit Liebe, die beiden stehen dem Deutschen so schön, den noch so vieles entstellt".

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Es ist schrecklich zu denken, dass wenn man den Deutschen von Mangel an Cultur spricht, sie heraushören, man werfe ihnen Mangel an Eleganz vor.

35 [8]

Schopenhauer unter den Deutschen. Was hat gerade hier sein Erscheinen zu bedeuten? Was bedeutet in einem Volke, in dem die Philosophie zu Grunde geht, die Jugend Schopenhauers? Was hat die Philosophie unter Deutschen für einen Sinn?

Er hätte sehr gut unter Italiänern geboren werden können: siehe Leopardi.

Leopardi nur er (der Gedanke der Schönheit) vermag zu mindern

des Schicksals Schuld, des harten,

das fruchtlos hier auf Erden

so viel zu dulden giebt uns Menschenkindern,

und nur durch ihn zuweilen

kann edlen Seelen auch, nicht bloss gemeinen

das Leben süsser als der Tod erscheinen."

35 [9]

Es sind vielleicht nicht Viele, welche das Bild dieses Schopenhauerischen Menschen als ein Ideal empfinden und gelten lassen.

35 [10]

Ein mystisches Ideal und ein gefährliches obendrein! dieser Schopenhauerische Mensch – werden die Ängstlichen und Alltäglichen sagen; was geht er uns an? –

35 [11]

Schopenhauer ist einfach und ehrlich, er sucht keine Phrasen und keine Feigenblätter, sondern sagt einer in Unehrlichkeit verkümmerten Welt "seht, das ist wieder einmal der Mensch!" Welche Kraft haben alle seine Conceptionen, der Wille (der uns mit Augustin, Pascal, den Indern verbündet), die Verneinung, die Lehre vom Genius der Gattung; er hat in der Darstellung keine Unruhe, sondern die helle Tiefe des Sees, der unbewegt ist oder leicht seine Wellen schlägt, während die Sonne über ihm liegt. Er ist grob wie Luther. Er ist bis jetzt das strengste Muster eines deutschen Prosaschreibers, keiner hat es so ernst mit der Sprache und der Pflicht, die sie auferlegt, genommen. Wie viel Würde und Grösse <er> hat, kann man e contrario sehen, wenn man seinen Nachahmer Hartmann sieht (der sein eigentlicher Gegner ist). Seine Grösse ist ausserordentlich, wieder dem Dasein ins Herz gesehen zu haben, ohne gelehrtenhafte Abziehungen, ohne ermüdendes Verweilen und Abgesponnenwerden in der philosophischen Scholastik. Das Studium der Viertelsphilosophen nach ihm ist nur deshalb anziehend, um zu sehen, wie sie sofort auf die Stelle gerathen, wo das gelehrtenhafte Für und Wider, wo Grübeln, Widersprechen, aber nichts weiter, vor allem nicht zu leben erlaubt ist. Er zertrümmert die Verweltlichung, aber ebenso die barbarisirende Kraft der Wissenschaften, er erweckt das ungeheuerste Bedürfniss, wie Sokrates der Erwecker eines solchen Bedürfnisses war. Was die Religion war, ist vergessen gewesen, ebenso welche Bedeutung die Kunst für das Leben hat. Schopenhauer steht zu allem in Widerspruche, was jetzt als Cultur gilt: Plato zu allem, was damals in Griechenland Cultur war. Er ist vorausgeschleudert.

35 [12]

5.

Der Philosoph als der wahre Widersacher der Verweltlichung, als der Zerstörer jedes scheinbaren und verführerischen Glücks und alles dessen, was ein solches Glück verspricht, der Staaten, Revolutionen, Reichthümer, Ehren, Wissenschaften, Kirchen unter den Menschen – dieser Philosoph muss, zum Heile von uns Allen, noch unendliche Male wiedergeboren werden; mit der Einen gebrechlichen Erscheinung desselben in Schopenhauer ist es nicht gethan. Aber er bleibt für alle kommenden Zeiten Eins: der bedeutendste Erzieher und Erleichterer jener nicht zahlreichen Menschen, welchen, bis zu irgend einem Grade, jener heroische Sinn der Wahrhaftigkeit und zugleich, als Werkzeug dafür, Scharfsinn und Weitblick eingeboren ist. Gewiss sind noch viele andersartige Offenbarungen derselben weltfeindlichen und unzeitgemässen Grundgesinnung möglich, volksthümliche, bildlichere, liebevollere, sprechendere – und nicht wenige davon mag gerade unsere Zeit, im Zustande der hastigsten besinnunglosesten Verweltlichung und zugleich an der Grenze der schrecklichsten Gefahren für alles Weltenglück, noch im Schoosse tragen. Diesen ganzen noch möglichen Cyclus von Offenbarungen mit Einem Worte zu benennen – wem möchte das möglich sein, ohne Missverständnisse zu wecken? Aber immerhin: ich will den Namen "Cultur" aussprechen und in demselben jenen ganzen werdenden Cyclus verstanden wissen.

Das Ziel dieser kommenden Cultur liegt nicht in dieser Welt, und gleichfalls weisen die grössten Äusserungen vergangner Culturen auf ein unaussprechbares Ende hin und waren welt- und werdefeindlich. Erzwingt sich nicht jedes wahre Kunstwerk ein Bekenntniss, mit dem der Satz des Aristoteles Lügen gestraft wird? Ist es nicht die Natur, welche die Kunst nachahmt? Stottert sie nicht mit der Unruhe ihres Werdens etwas nach, in unzureichender Sprache und in immer neuen Versuchen, was der Künstler rein ausspricht? Sehnt sie sich nicht nach dem Künstler, dass er sie von ihrer Unvollkommenheit erlöse? Goethe war es, der das übermüthig tiefsinnige Wort sprach "ich habe es oft gesagt und werde es noch oft wiederholen, die causa finalis der Welt- und Menschenhändel ist die dramatische Dichtkunst. Denn das Zeug ist sonst absolut zu nichts zu brauchen." Will nicht jede Cultur den einzelnen Menschen heraus aus dem Stossen, Schieben und Zermalmen des historischen Stromes nehmen und ihm zu verstehen geben, dass er nicht nur ein historisch begrenztes, sondern auch ein ganz und gar ausserhistorisch-unendliches Wesen sei, mit dem alles Dasein begann und aufhören wird? Ich mag es nicht glauben, dass dies der Mensch sei, was da mit trübem Fleisse durch das Leben kriecht, lernt, rechnet, politisirt, Bücher liest, Kinder zeugt und sich zu sterben legt – das ist wohl nur eine Insectenlarve, etwas Verächtliches und Vergängliches und ganz und gar Oberfläche. So zu leben heisst nur auf eine schlechte Art zu träumen. Nun ruft der Philosoph und der Künstler dem, der also träumt, ein paar Worte zu, Worte aus der wachen Welt; werden sie den unruhigen Schläfer wecken? Selten genug: gewöhnlich hört er auch in diesen Tönen nichts, was seinen Traum zerstörte, er webt sie mit hinein und vermehrt die Unklarheit und das Gedränge seines Lebens.

So giebt es eine Art von abgeirrter Cultur, welche welt- und werdefreundlich ist und emsig beflissen, den Menschen recht streng im Bereiche seiner historischen Existenz einzuschliessen. Durch sie soll gerade die Aufgabe gelöst werden, die geistigen Kräfte einer Generation so weit zu entbinden, dass sie mit ihnen den bestehenden Institutionen, Staat, Verkehr, Kirche, Gesellschaft, am nützlichsten werden kann: aber nur soweit: wie ein Waldbach durch Dämme und auf Gerüsten theilweise abgeleitet wird, um mit der kleineren Kraft Mühlen zu treiben, während seine volle Kraft die Mühle mit fortreissen würde. Jenes Entbinden ist zugleich und noch viel mehr ein in-Fesseln-Schlagen. Wenn die grossen historischen Gewalten den Versuch wagen und zugestehn, die im Grunde weltfeindliche Cultur mit sich zu versöhnen, so verstehen sie unter Versöhnung immer nur dies Abdämmen und Wegleiten des Bachs auf ihre Mühlen. Ist dies gelungen, wie es dem modernen Staat gelungen, so nimmt man hinterdrein das heftigste und wortreichste Bemühen wahr, dieser in Dienst genommenen, geschwächten und weltfreundlich gewordnen Cultur ein Sonder- und Einzelrecht zu erkämpfen, als ob gerade nur sie und nichts sonst Cultur sein dürfe: sie selbst, diese missgebrauchte Cultur, kräht am lautesten, weil sie sich schuldig weiss und von ihrem Wesen abgefallen ist. So ist das Christenthum, eine der wundervollsten Einzeloffenbarungen und Ausdrucksweisen jener unerschöpflich ausdrucksfähigen weltfeindlichen Cultur, allmählich in hundertfacher Weise benutzt worden, um die Mühlen der Weltmächte zu treiben und wurde deshalb bis in die Wurzeln hinein verheuchelt und verlogen; und selbst sein letztes Ereigniss, die deutsche Reformation, wäre nichts als ein plötzliches Aufflackern und Verlöschen gewesen, wenn sich nicht von seinem Brande die Weltstaaten, der päpstliche und der deutsche voran, neue Kräfte und Flammen gestohlen hätten. Wenn jetzt noch christliche Theologen sich gebärden, als ob die moderne Staatskultur mit dem Christenthume versöhnt werden müsste, so handelt es sich nur um Worte: denn das Christenthum existirt gar nicht mehr anders als in der Form jener Staatskultur.

Und die Kunst des Tages? Sie soll gerade die moderne Art zu leben, rechtfertigen, als Abbild ihrer hastigen und überreizten Verweltlichung, als ein immer bereites Zerstreuungs- und Auseinanderstreuungsmittel, unerschöpflich in der Abwechslung des Reizenden und Prickelnden, gleichsam der Gewürzladen des ganzen Occidents und Orients, für jeden Geschmack eingerichtet, ob ihm nun nach Wohl- oder Übelriechendem, nach Sublimirtem oder Bäurisch-Grobem, nach Griechischem oder Chinesischem, nach Trauerspielen oder dramatisirten Zoten gelüstet. Und wirklich ist es ziemlich gleichgültig, ob jemand hierin einen guten oder schlechten "Geschmack" zeigt. So lange er nämlich mit der Kunst nur als Schmeckender zu thun hat, ist und bleibt sie eine eitle und verächtliche Sache und schickt sich nicht für den Ernst-thätigen und –leidenden. Wenn ich das Geschrei nach "schöner Form", nach Eleganz höre, wie es unsre Kunstschriftsteller jetzt anstimmen, so klingt es mir nicht viel anders als ob ein Indianer darnach schreit, tätowirt zu werden, oder sich einen Ring durch die Nase wünscht.

Ähnliche Wünsche scheinen die Deutschen aus ihrem letzten Kriege mit Frankreich allesammt nach Hause gebracht zu haben. Jener Krieg war für viele die erste Reise in die elegantere Hälfte der Welt; wie herrlich nimmt sich nun die Unparteilichkeit des Siegers aus, welcher es nicht verschmäht, bei dem Besiegten sich seine "Cultur" zu holen. Besonders das Kunsthandwerk wird immer von Neuem wieder auf den Wetteifer mit dem gebildeteren Nachbar hingewiesen, die Einrichtung des deutschen Hauses soll der des französischen angeähnlicht werden, selbst die deutsche Sprache soll, vermittelst einer nach französischem Muster gegründeten Akademie, "gesunden Geschmack" sich aneignen und von dem bedenklichen Einflusse gereinigt werden, welchen Goethe auf sie ausgeübt hat. Unsere Theater haben längst, nicht durch Worte, wie jener Berliner Akademiker Dubois-Reymond, sondern durch Thaten bewiesen, dass sie von einem gleichen Triebe nach jenem "gesunden Geschmack" und nach der französischen Eleganz beseelt sind. Selbst der elegante deutsche Gelehrte ist erfunden: nun, da ist ja zu erwarten, dass Alles, was sich bis jetzt jenem Gesetze der Eleganz nicht recht fügen wollte, deutsche Musik, Tragödie und Philosophie, allmählich als "undeutsch" oder, wie man wohl sagt, als "reichsfeindlich" bei Seite geschafft wird. Die Reichsfreundschaft hat die Eleganz – nun Gott segne beide! – Oder, um einmal deutsch zu reden, der Teufel hole die erste, wenn sie uns den ekelhaften Begriff der Eleganz einimpfen will. Wahrhaftig, es wäre kein Finger für die deutsche Cultur zu rühren, wenn der Deutsche unter der Cultur, die ihm noch fehlt und die er sich erwerben soll, nichts weiter verstünde als Gefälligkeit, noch deutlicher, eine gewisse Tanzmeister- und Tapezierer-Erfindsamkeit, wenn er sich auch in der Sprache nur noch nach einer akademisch gutgeheissenen Regel und gemäss der Anforderung an Manierlichkeit bewegen wollte. Höhere Ansprüche kann aber der letzte Krieg und die Vergleichung mit den Franzosen kaum hervorgebracht haben; vielmehr scheint sich der Deutsche den alten Verpflichtungen gewaltsam entziehn zu wollen, welche seine wunderbare Begabung, der eigenthümliche Schwer- und Tiefsinn seiner Natur ihm auflegt; lieber möchte er einmal gaukeln, Affe sein; lieber lernte er Manieren und Künste, wodurch das Leben verhübscht wird, nicht solche, wodurch es verklärt und durchleuchtet wird. Man kann den deutschen Geist gar nicht mehr schänden, als wenn man ihn behandelt als ob er von Wachs wäre, so dass man ihm eines Tages auch die Eleganz ankneten könnte. Und wenn es leider wahr ist, dass ein guter Theil der Deutschen sich gern derartig kneten und formen lassen will, so soll doch dagegen so oft gesagt werden, bis man es hört: bei euch wohnt sie gar nicht mehr, jene deutsche Art, die zwar hart, herbe und voller Widerstand ist, aber ein köstlicher Stoff, an dem nur die grössten Künstler arbeiten dürfen, weil sie allein seiner werth sind. Was ihr in euch habt, ist ein weichliches breiiges Material: macht damit, was ihr wollt und besonders was ihr könnt, formt lächerliche Puppen und nationale Götzenbilder daraus und nehmt dann selber vor ihnen elegante Gebetsstellungen an – es wird auch hierin bei Richard Wagner's Wort verbleiben: "der Deutsche ist eckig und ungelenk, wenn er sich manierlich geben will; aber er ist erhaben und allen überlegen, wenn er in das Feuer geräth." Und vor diesem deutschen Feuer haben die Eleganten allen Grund, sich sehr in Acht zu nehmen, es möchte sie sonst eines Tages fressen, sammt allen ihren Puppen und Götzenbildern. –

Aber um nicht von den Deutschen allein zu reden: soweit ist es überhaupt und überall mit jener Afterkultur, der welt- und werdefreundlichen, gekommen, dass sie äusserlich Manierlichkeit und neueste Moden, innerlich hastigste Kenntniss und Ausnützung des Ephemeren, ja des Augenblicklichen verlangt: und nichts sonst! Sie verkörpert sich folglich in dem verruchten Wesen des Journalisten, des Sclaven der drei M: des Moments, der Meinungen und der Moden; und je mehr Einer mit jener Cultur verwandt ist, um so ähnlicher wird er dem Journalisten sehen. Nun ist es gerade das Werthvollste an der Philosophie, immerfort die Gegenlehre alles Journalistischen zu lehren,. um den Menschen darin zu behüten, dass er den Augenblick zu wichtig nehme und von ihm fortgerissen werde. Ihre Absicht ist vielmehr, den Menschen für alle Schläge und Plötzlichkeiten des Schicksals gleich fest hinzustellen und gegen jede Überraschung zu wappnen. So ist sie die grösste Feindin jener Hast, jenes athemlosen Erfassens des Augenblicks, jener Übereile, die alle Dinge zu grün vom Zweige bricht, jenes Rennens und Jagens, das den Menschen jetzt Furchen in's Gesicht gräbt und alles, was sie thun, gleichsam tätowirt. Als ob ein Trank in ihnen wirkte, der sie nicht mehr ruhig athmen liesse, stürmen sie fort, in unanständiger Sorglichkeit: so dass freilich der Mangel an Würde allzu peinlich in die Augen springt und nun wieder eine lügnerische Eleganz nöthig wird, mit der die Krankheit der würdelosen Hast maskirt werden soll. Denn so hängt jene modische Gier nach der "schönen Form", wie es heisst, mit dem hässlichen Inhalt des jetzigen Menschen zusammen: jene soll verstecken, dieser soll versteckt werden. "Gebildet sein" heisst nun: sich nicht merken lassen, wie elend und schlecht man ist, wie raubthierhaft im Streben, wie unersättlich im Sammeln, wie eigensüchtig und schamlos im Geniessen. So entsteht die entsetzliche Stufenleiter: je mehr Geld, desto mehr Bildung, oder anders ausgedrückt: je mehr Begierde und Wildheit, desto mehr Verstellung und Politur. Wer das Dasein um jeden Preis bejahen will, muss sich so stellen, als ob er selbst die wohlschmeckende und anmuthige Frucht jenes Baumes und als ob überhaupt das Dasein bejahenswerth sei; denn dadurch verführt er andere zu einem gleichen Glauben. So lange der Reiche sich auf das Kunststück der "schönen Formen" versteht, wird auch der, Arme darnach trachten, reich zu werden.

Mehrmals ist mir schon, wenn ich Jemandem die Abwesenheit einer deutschen Cultur vor Augen stellte, eingewendet worden "aber jene Abwesenheit ist ja ganz natürlich, denn die Deutschen sind bisher zu arm gewesen: lassen sie unsre Landsleute nur erst reich werden, dann werden sie auch eine Cultur haben!" Mag der Glaube immerhin selig machen: diese Art des Glaubens macht mich unselig, weil ich fühle, dass jene deutsche Cultur, an deren Zukunft hier geglaubt wird – die des Reichthums, der Politur und der manierlichen Verstellung – das feindlichste Gegenbild der deutschen Cultur ist, an die ich glaube. Gewiss, wer unter Deutschen zu leben hat, leidet sehr an der berüchtigten Grauheit ihres Lebens und ihrer Sinne, an der Formlosigkeit, dem Stumpf- und Dumpfsinn, an der Plumpheit im zarteren Verkehr, noch mehr an der Scheelsucht und einer gewissen Verstecktheit und Unreinlichkeit des Characters; es schmerzt und beleidigt ihn die überhand nehmende Lust am Falschen und Unächten, am Übel-Nachgemachten, an der Übersetzung des guten Ausländischen in ein schlechtes Einheimisches: aber ganz und gar ekelhaft ist es zu denken, dass alle diese Krankheiten und Schwächen grundsätzlich nie geheilt werden, sondern immer nur überschminkt werden sollen – durch eine solche Luxus-Cultur, wie sie der unmenschliche Reichthum zu allen Zeiten um sich ausgebreitet hat, um sich den Anschein der Menschlichkeit zu geben. Eine solche Cultur wird über das gemeine und thierische Gesicht einer wilden Daseinsgier wie ein Schleier gehängt: gewoben aus Scheinreligionen, Scheinkünsten, Scheinwissenschaften, Scheinphilosophien, [+ + +]

35 [13]

Schopenhauer spricht einmal den Satz aus, dass man allemal wohl thut, hinter seiner Zeit zurückzubleiben, wenn man sieht, dass sie selbst im Zurückschreiten begriffen ist.

35 [14]

Ich pflege deshalb als die Wurzeln dieser jetzigen gesammten zeit- und werdefreundlichen Cultur zweierlei zu betrachten und zu unterscheiden: einmal die üppige Richtung der Gesellschaft auf Erwerb und Besitz, sodann die kluge Selbstsucht des modernen Staates. Erdenglück: so heisst in beiden Fällen der Köder, mit dem die Cultur in das Netz gelockt wird; der reiche und mächtige Mensch, die freie Persönlichkeit, der Culturstaat – das sind die Verheissungen, mit denen unsre Zeitgenossen betrogen werden sollen. Dass es sich nämlich hier um Betrug handelt, überkommt uns sofort wie eine Offenbarung, wenn wir nur einen Augenblick in jene Höhle niedergestiegen sind, in welcher wir die Wurzeln der ächten, weltfeindlichen Cultur sehen können.

Die tieferen Menschen haben zu allen Zeiten gerade deshalb Mitleid mit den Thieren gehabt, weil sie am Leben leiden und doch nicht die Kraft besitzen, den Stachel des Leidens wider sich selbst zu kehren und ihr Dasein metaphysisch zu verstehn; und es empört im tiefsten Grunde, das sinnlose Leiden zu sehen. Deshalb entstand nicht nur an einer Stelle der Erde die Vermuthung, dass die Seelen schuldbeladner Menschen in diese Thierleiber gesteckt seien und dass jenes auf den nächsten Blick empörende sinnlose Leiden vor der ewigen Gerechtigkeit sich in lauter Sinn und Bedeutung, nämlich als Strafe und Busse, auflöse. Wäre aber eine härtere Strafe zu ersinnen, als dergestalt unter Hunger und Begierde als Thier zu leben und gar nicht zur Besonnenheit über das Leben zu kommen, als Raubthier zum Beispiel von der nagendsten Qual durch die Wüste gejagt zu werden, selten befriedigt und auch dies nur so, dass die Befriedigung zur Pein wird, im zerfleischenden Kampfe mit andern Thieren oder durch ekelhafte Gier und Übersättigung. So blind und toll am Leben zu hängen, um keinen höheren Preis, ferne davon zu wissen, dass und warum man so gestraft wird, sondern gerade nach dieser Strafe wie nach einem Glücke mit der Dummheit einer entsetzlichen Begierde zu lechzen – das heisst Thier sein; und wenn die Natur sich zum Menschen hindrängt, so fühlt sie, dass er zu ihrer Erlösung nöthig ist und dass in ihm das Dasein sich einen Spiegel vorhält, auf dessen Grunde das Leben nicht mehr sinnlos, sondern in seiner metaphysischen Bedeutsamkeit erscheint. Doch wo hört das Thier auf, wo fängt der Mensch an! Solange jemand nach dem Leben wie nach einem Glücke verlangt, hat er den Blick noch nicht über den Horizont des Thieres hinausgehoben, nur dass er mit mehr Bewusstsein will, was das Thier im blinden Drange sucht – das heisst, wir verbringen Alle den grössten Theil unsres Daseins in der Thierheit, wir selbst sind die Thiere, welche sinnlos zu leiden scheinen.

Aber es giebt Augenblicke, wo die Wolken zerreissen und wo wir uns, sammt aller Natur, zum Menschen hindrängen. Schaudernd blicken wir, in jener plötzlichen Helle, um uns, rückwärts: wir sehen die verfeinerten Raubthiere rennen, uns mitten unter ihnen. Die ungeheure Bewegtheit der Menschen auf der grossen Erdwüste, ihr Städte- und Staatengründen, ihr Kriege-führen, ihr rastloses Sammeln und Auseinanderstreuen, ihr Durcheinander-Laufen, von einander Ablernen, Ablisten, ihr gegenseitiges Überlisten und Niedertreten, ihr Geschrei in Noth, ihr Lustgeheul im Sieg – alles ist Fortsetzung der Thierheit: als ob der Mensch absichtlich zurückgebildet und um seine metaphysische Anlage betrogen werden sollte, ja als ob die Natur, nachdem sie solange den Menschen ersehnt und erarbeitet hat, nun vor ihm zurückbebte und lieber wieder zurück in die Unbewusstheit des Triebes wollte. Ach, sie braucht Erkenntniss, und ihr graut vor der Erkenntniss, die ihr eigentlich Noth thut; und so flackert die Flamme unruhig und gleichsam vor ihrer Aufgabe erschreckt, hin und her und ergreift tausend Dinge zuerst, bevor sie das ergreift, dessentwegen überhaupt die Natur der Erkenntniss bedarf. Wir wissen es Alle in einzelnen Augenblicken, wie die weitläuftigsten Anstalten unseres Lebens nur gemacht werden, um vor unserer eigentlichen Aufgabe zu fliehen, wie wir gerne irgendwo unser Haupt verstecken wollen, als ob uns dort unser hundertäugiges Gewissen nicht erhaschen könne, wie wir unser Herz an den Staat oder den Geldgewinn, die Wissenschaft, die Geselligkeit hastig wegschenken, bloss um es nicht mehr zu haben, wie wir selbst der schweren Tagesarbeit hitziger und besinnungsloser fröhnen, als nöthig wäre um zu leben – weil es uns nöthiger scheint nicht zur Besinnung zu kommen. Allgemein ist die Hast, weil jeder auf der Flucht vor sich selbst ist, allgemein auch das scheue Verbergen dieser Hast, weil man zufrieden scheinen will und die scharfsichtigeren Zuschauer über sein Elend täuschen möchte, allgemein das Bedürfniss nach neuen klingenden Wort-Schellen, mit denen behängt das Leben etwas Festlich-Lärmendes bekommen soll. Jeder weiss aus seiner Erfahrung, wie plötzlich sich mitunter unangenehme Erinnerungen aufdrängen und wie wir dann durch heftige Gebärden und Worte bemüht sind, sie uns aus dem Sinne zu schlagen – aber die allgemeine Gestalt unseres Lebens lässt errathen, dass wir uns immer in einem solchen Zustande befinden: was ist es doch, was uns so häufig anficht, welche Mücke lässt uns nicht schlafen? Es geht geisterhaft um uns zu, jeder Augenblick des Lebens will uns etwas sagen, aber wir wollen diese Geisterstimmen nicht hören. Wir fürchten uns, wenn wir allein und stille sind, dass uns etwas in das Ohr geraunt werde; und so hassen wir die Stille und betäuben uns durch Geselligkeit. Der Mensch weicht nach Kräften dem Leiden aus, aber noch mehr der Deutung des erlittenen Leidens, in immer neuen Zielen sucht er das dahinten Liegende zu vergessen. Wenn der Arme und Geplagte sich gegen das Schicksal aufbäumt, welches ihn gerade an diese rauheste Küste des Daseins warf, so will auch er sich nur betrügen: er mag nicht in das tiefe Auge hineinsehen, das ihn aus der Mitte seines Leidens fragend anblickt, als ob es sagen wollte: ist es dir nicht leichter gemacht, das Dasein zu begreifen? Jene scheinbar Beglückteren, die sich in Unruhe und Flucht vor sich selbst verzehren, um nur ja nicht die natürliche böse Beschaffenheit der Dinge, des Staates zum Beispiel oder der Arbeit oder des Eigenthums, zugeben zu [+ + +]


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