Friedrich Wilhelm Nietzsche
Fragmente 1869-1874, Band 1
Friedrich Wilhelm Nietzsche

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[Winter 1872-73]

[Dokument: Heft]

24 [1]

Gesundes Hineinblicken in sich selbst, ohne sich zu untergraben; nicht mit Wahn und Fabelei, sondern mit reinem Schauen in die unerforschte Tiefe sich wagen, ist eine seltne Gabe. Goethe.

24 [2]

Zwei Behandlungsarten sind zu Hinderniß und Verspätung der Wissenschaft die traurigsten Werkzeuge; entweder man nähert und verknüpft himmelweit entfernte Dinge, in düsterer Phantasie und witziger Mystik; oder man vereinzelt das Zusammengehörige, durch zersplitternden Unverstand, bemüht sich nahverwandte Erscheinungen zu sondern, jeder ein eigen Gesetz unterzulegen, woraus sie zu erklären sein soll.

Da im Wissen sowohl als in der Reflexion kein Ganzes zusammengebracht werden kann usw.

Erfordernisse zu einem wissenschaftlichen Kunstwerke: man müßte keine der menschlichen Kräfte bei wissenschaftlicher Thätigkeit ausschließen. Die Abgründe der Ahnung, ein sicheres Anschauen der Gegenwart, mathematische Tiefe, physische Genauigkeit, Höhe der Vernunft, Schärfe des Verstandes, bewegliche sehnsuchtsvolle Phantasie, liebevolle Freude am Sinnlichen, nichts kann entbehrt werden zum lebhaften fruchtbaren Ergreifen des Augenblicks, wodurch ganz allein ein Kunstwerk, von welchem Gehalt es auch sey, entstehen kann. – Sie können jeden Augenblick hervortreten, wenn sie nicht durch Vorurtheile, durch Eigensinn einzelner Besitzender und wie sonst alle die vorkommenden zurückschreckenden und tödtenden Verneinungen heißen mögen –

Denn ob wir gleich, was Wissenschaft und Kunst betrifft, in der seltsamsten Anarchie leben, die uns von jedem erwünschten Zweck immer mehr zu entfernen scheint – – –

24 [3]

Von der Natur. Sie spielt ein Schauspiel: ob sie es selbst sieht, wissen wir nicht und doch spielt sie's für uns, die wir in der Ecke stehen. – Ihr Schauspiel ist immer neu, weil sie immer neue Zuschauer schafft. Leben ist ihre schönste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben. Goethe.

24 [4]

Von der Gelehrten-Republik ist oft die Rede, aber nicht von der Genialen-Republik. In dieser geht es so zu: – ein Riese ruft dem andern zu, durch den öden Zwischenraum der Jahrhunderte, ohne daß die Zwergenwelt, welche darunter wegkriecht, etwas mehr vernähme als Getön, und mehr verstände als daß überhaupt etwas vorgeht. Und wiederum, dies Gezwerge treibt da unten unaufhörliche Possen und macht großen Lärm, schleppt sich mit dem, was jene haben fallen lassen, proklamirt Heroen, die selbst Zwerge sind, wovon jene Riesengeister sich nicht stören lassen, sondern ihr hohes Geistergespräch fortsetzen. Schopenhauer.

24 [5]

Meine Zeitgenossen haben durch die gänzliche Vernachlässigung meiner Leistungen und derweiliges Celebriren des Mediokren und Schlechten alles Mögliche <gethan,> mich an mir selbst irre zu machen. Schopenhauer.

24 [6]

Das Genie der Kreuzträger der Menschheit, um sie aus Rohheit und Barbarei zu erlösen. Schopenhauer.

24 [7]

Es zwingt sich mir Alles auf, ich sinne nicht mehr drüber, es kommt mir alles entgegen, und das ungeheure Reich simplificirt sich mir in der Seele, daß ich bald die schwerste Aufgabe gleich weglegen kann. Wenn ich nur jemandem den Blick und die Freude mittheilen könnte, es ist aber nicht möglich. Und es ist kein Traum, keine Phantasie; es ist ein Gewahrwerden der wesentlichen Form, mit der die Natur nur gleichsam immer spielt und spielend das mannigfaltige Leben hervorbringt. Hätt' ich Zeit in dem kurzen Lebensraum, so getraute ich mich es auf alle Reiche der Natur – auf ihr ganzes Reich auszudehnen. G<oethe>.

24 [8]

Ich habe es oft gesagt und werde es noch oft wiederholen, die causa finalis der Welt- und Menschenhändel ist die dramatische Dichtkunst. Denn das Zeug ist sonst absolut zu nichts zu brauchen. G<oethe>.

24 [9]

Bei der anatomischen Entdeckung. Ich habe eine solche Freude, daß sich mir alle Eingeweide bewegen.

24 [10]

Grillparzer in knöchernen Versen:

Kunstliebe ohne Kunstsinn

Bringt bei Fürsten wenig Gewinn,

Sie öffnet Kunstschwätzern ihr Ohr,

Und die Kunst bleibt einsam wie zuvor.

24 [11]

Es giebt zwei Arten der Kultur, die hellenische und die römische: die erstere ein natürliches Gewächs, das in allen seinen Gestalten und Gliedern die wesentliche Form immer wieder spielend umschreibt, so daß die ungeheure Vielheit sich dem betrachtenden Auge simplificirt: die andre eine vornehme Convention und Dekoration, mit entlehnten, auch vielleicht nicht verstandenen, aber in's Prachtvolle und Üppige oder Zierliche umgedeuteten Formen.

24 [12]

Ist das Leben eines Volkes unter die griechisch oder römisch geartete Herrschaft der Kunst gerathen, so reden wir von der Kultur dieses Volkes: welche Stellung wird aber die Philosophie zu der fest und normativ gewordenen Herrschaft der Kunst über das Leben einnehmen, wenn diese Kunst in einem Falle Natur, im anderen Convention ist? Beantworten wir diese Frage zuerst aus einer Analogie.

24 [13]

Es ist meine Absicht, Jünglinge, die der lateinischen und der griechischen Sprache fähig sind, durch eine einfache Erzählung von den großen griechischen Meistern der Philosophie zu unterhalten.

24 [14]

Vorträge über die griechische Philosophie.

Erster Theil.


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