Friedrich Wilhelm Nietzsche
Fragmente 1869-1874, Band 1
Friedrich Wilhelm Nietzsche

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[August-September 1870]

[Dokument: Notizbuch]

4 [1]

Erlangen Samstag den 20. August.

Hier seit acht Tagen: Samstag mit einem Zuge, der verwundete Preussen Franzosen und Turcos enthielt, angekommen. Früh von Lindau aus: Mosengel, Schwester und ich. Im Wallfisch einlogirt, breit und bequem. Unsere Karten noch Abends an Heinecke geschickt: um über die Felddiakonie Auskunft zu bekommen. Damit bekannt geworden durch eine Nummer der Augsburger am selben Tage.

Sonntag. Heinecke ist nicht hier. Besuch bei Ziemsen, dann bei Ebrard. Im Hospital mit Dr. Hess bekannt geworden, Ziemsen verspricht, mit uns im Lauf der Woche abzureisen. Abends bei der Visite, Mosengel als Interpret. Jeden Morgen ½9 – 10 Verbandlehre bei Hess. Früh um 7, Abends um 6 bei der Visite.

Montag Abend. In der Harmonie, ein Chassepot vorgelegt. Dienstag Besuch von Plitt. Donnerstag Abreise meiner Schwester nach Oelsnitz. Alle zwei Tage Schlachtnachrichten. Heute (Samstag) Telegramm des Königs über den entscheidenden Sieg unter seiner Führung. Wir chloroformirten gerade einen Franzosen zu einem Gypsverband (die Hand ist zerschossen: er rief in der Narkose "mon dieu mon dieu je viens"), vorher ein Mädchen von elf Jahren, Sequester im Bein zu entfernen. Ein paar Tage vorher in einem Hause einen Jungen mit grosser Kopfwunde chloroformirt; viel Mühe. Gestern starb ein Preusse im Hospital, Schuss in die Lunge, heute ein zweiter. Gutes Befinden eines Preussen "Liebig": viel Appetit, guter Schlaf, doch wenig Hoffnungen, Armknochen zersplittert, kein Gypsverband möglich. Die Turcos gefallen uns, angenehme Kranke.

Schreckliche Professorenexemplare als Tischvisàvis, Kraus (Botaniker, von uns genannt "Süssmaul") und Lommel (genannt Schnoller, gleichsam ein Bierbrauer, aber Physiker).

Gestern Brief von Tribschen. Sofort mit einer Composition beantwortet. – Wunderbare Schicksale von Mosengel in Paris, Liebesgeschichte und undurchdringlicher Stoff eines ungarischen Grafen (vom Kaiser beim Orsinischen Attentat getragen?).

Ausbruch der Diphtheritis im Spital. Der Prof. Reinsch und Familie: fürchterliche Angst erregt. Preussenbegräbniss mit Schwarzrothgold.

Montag. Auftrag vom Verein, der uns Souverainität giebt. Abfahrt mit Ziemsen. In Nürnberg selbständig. Wir nach Stuttgart (50 Napol. Cigarrenkiste).

(In Erlangen widerwärtige Tischgespräche, entsetzliche Baiernrohheit und Philisterei.)

Die "stotzige" Periode endet mit der Abreise meiner Schwester. Eines Abends in einer Studentenkneipe mit Hess (die "Baireuther").

Grosse Bummelei des Zuges: wir kommen Dienstag nur bis Nördlingen. Dort ein Baseler Arzt im Gasthof (Dr. Courvoisier).

Mittwoch – früh fort 5 Uhr: während der Wirth uns belogen hat, sind wir mit schnellem Zuge bis Stuttgart, von da bis Carlsruhe (½ 4 Uhr), hier verpassen wir um eine halbe Minute den Zug nach Maxau und sind darüber froh, weil es keinen Anschluss von dort gab. Wir essen im Hotel d' Angleterre sehr gut zu Abend und logieren im Hotel Prinz Max: gut. Ungeheurer Schlaf. Um ½ 8 Donnerstag nach Maxau mit einem Dragonerhauptmann, dort kein Anschluss bis ½ 2. Wir sitzen zusammen in einem Hôtel. (In Carlsruhe kaufen wir Wurst und Burgunder für die Feldflasche.)

Ehrensalven vom Bürgermeister.

Königs Geburtstag. Jude als Wirth. Dann bis Winden. Hier mit Bremse weiter. Abends in Weissenburg, schönste Abendbeleuchtung, alterthümliche Stadt befestigt, wir logiren im Engel: gut. Ein Lübecker ist dort, der eine Sendung für 24000 Thaler begleitet hat. Dr. Edler Richter. Freitag Regen. Weg zum Gaisberg verunglückt. Zwei Züge verpasst. Um ½ 1 eingesetzt, um 3 fort nach Sulz, geschwätziger Rheinbayer. In Sulz im Hirsch, schöne Gaststube, dann mit Stabsarzt und baierischem Hauptmann zusammen. Gut gegessen. Sonnabend Morgen nach Gersdorf, schöne Lage, Maire Pfarrer. Keine Nachricht. Wörth Begräbniss Tornister und Gewehre aufgeladen. Sehr theuer, Zeitungen fehlen. Schlacht.

4 [2]

Eierkuchen Johanniter. Zwei Drittel spricht kein Französisch. Die Kerle haben mich zum Dirigent eines französischen Hospitals gemacht. Student aus dem zweiten Semester.

4 [3]

Feld Briefe Bücher. Montur. Starker Geruch Mitrailleuse. Starker Regen. Zerschossenes Haus, "einige reich" (nach Langensulzbach, dort von einem Bauer mitgenommen, zum Pfarrer (protestantisch-traurig-freundlich) Jäger. Von dort durch schönen Wald über Gersdorf nach Sulz, zusammen 12 Stunden. Schicksal der Cigarrenkiste. Sonntag früh auf den Zug, bis 2 warten, plötzlich übersteigen, nach Hagenau. Dort nicht Hotel de la Poste, sondern Sauvage. Abends treffen wir den Major wieder, dann zwei Docenten aus Heidelberg und einen Berliner Juden. Über Johanniter Strassburg. Unsinnige Gerüchte, Metz und Paris und Chalons uneinnehmbar, eine Schlacht von Mac Mahon bei Verdun usw.

Montag bis Bischweiler. Cavallerie, dort lange Nacht. Feuer von Strassburg.

4 [4]

Commandant von Strassburg lässt den Maire erschiessen.

4 [5]

Ein Pferd aus dem Wagen. Kafefeuer der Soldaten. Eisenbahnbeamte, in Zabern zu Mittag feindselig: bis Luneville tief in der Nacht, die Eisenbahn besetzt, 13 Züge. Mittwoch erstes Hôtel, schöner Park. Cafe. Niedergeschlagene Leute: gestern eine Million, heute an 100000 verloren. Mittag Dom Cafe Park. Auf der Eisenbahn unnütz, Transport aus Schlesien. Park Abends Herzog von Würtemberg. Café de Paris. Donnerstag früh um 5 fort.

Nach Nancy, Hôtel Dombasle. Soldaten auf dem Markt (Place Stanislaus). Spion. Schmutz. Freitag Park Bahnhof Erlanger Hoffmann Bartosch. Nach Ars sur Moselle. Verwundetenzug. Johanniter Frauen. Dort Offizier, orientalische Cigaretten. Liebig. Verwundeter. Herr Stolbie aus Leipzig. Bild des [-]. Weg zur Stadt zerstört.

Wachtfeuer. Nacht.

Samstag. Cafe Weinkeller

Verbunden Johanniter.

4 [6]

Goethe, 4. Bd., p. 149.

4 [7]

Wenn es Ictus in dem Sprechen giebt – verschieden vom Accent – dann muß der im Verse sich wiederfinden. Aber die Worte haben die verschiedenste Stellung im Verse, bald in der Arsis, bald <in der> Thesis, somit haben sie keinen Ictus.

Giebt es einen Versictus (a), dann gewiß keinen Wortiktus (b).

Wenn es aber keinen Wortiktus (b) giebt, dann gewiß keinen Versictus (a).

Wenn a ist, dann ist b nicht.

Wenn b nicht ist, ist a nicht. Also giebt es nicht a.

Giebt es keinen Versictus, dann ist Wortiktus möglich.

Wenn es Wortiktus giebt, dann ist Versictus möglich.

4 [8]

ω καλλινικε.

− − ∣ ⋃ − ∣ ⋃

Sammlung von Volkszurufen bei Griechen und Römern.

Thella kallinike,

− − ∣ ⋃ − ∣ ⋃ − ∣ ⋃

4 [9]

Die Bacchen des Euripides haben nach der Aussage meiner Schüler einen starken Eindruck gemacht und Lust erweckt.

4 [10]

Geographie!

[September 1870 – Januar 1871]

[Dokument: Heft]

5 [1]

Gedanken zu

"die Tragoedie und die

Freigeister"

"Und sollt' ich nicht, sehnsüchtigster Gewalt,

In's Leben ziehn die einzigste Gestalt?" Faust.

Herbst 1870.

5 [2]

Wir dürfen keinen Abgrund der Betrachtung scheuen, um die Tragödie bei ihren Müttern aufzufinden: diese Mütter sind Wille, Wahn, Wehe.

22. Sept. 1870.

5 [3]

"Um- und Weiterbildung des Germanenthums durch Musik."

5 [4]

Goethe von Klopstock:

und doch führet er selbst den überepischen Kreuzzug hin auf Golgatha's Hügel, ausländische Götter zu ehren.

5 [5]

- facultas lacrimatoria –

5 [6]

Als Motto Livius' Satz:

"In unsern Zeiten können wir weder unsre Fehler, noch die Mittel gegen dieselben ertragen."

5 [7]

Das Fatum.

Das Orakel.

5 [8]

1 Apollo und Dionysos.

3 Sokrates und die Tragödie.

2 Die Tragödie, Bau, Chor, Tetralogie d. h. Ursprung Wesen Auflösung. Die aristotelische

Aesthetik.

5 [9]

Einleitung. Bildung der Jugend nach neuen Principien, mit Beihülfe des Theaters.

Schutz vor Verachtung der Religion. Die gelehrte Bildung erst möglich, nach Erfahrungen, Ereignissen, errungenen Weltanschauungen. "Einige Jahre Hellenenthum." Sittlichkeit ist eine Voraussetzung, besonders bei dem deutschen Wesen.

Oder Schlußcapitel. Tragödie als Bildungsmittel.

5 [10]

4, 324.

Gervinus: "wir haben es mehrfach beklagt, daß die neuere Zeit, in der die Verstandesbildung in den Vordergrund trat, jene lebhafte Phantasie verlor, die sich den Inhalt der ruhigen Erzählung des Rhapsoden und Epikers zu vergegenwärtigen wußte, und daß, um diesen Verlust zu ersetzen, der Dichter die dramatischen Mittel ergreift, mit denen er lebendiger auf die stumpferen Organe wirkt: Gegenwart der Darstellung und die lebhaftere Schilderung des Dialogs: stärkere Wirkung auf die äußeren Sinne und zugleich auf ein sympathetisches Interesse des Zuschauers, durch Erregung seiner Leidenschaften."

Der rechte und schlechte Rationalismus der Kunst!

5 [11]

Sophocles über den Eros in Plato's Staat 3.

5 [12]

Socrates sagt von den dramatischen Dichtungen, Pol. X 4: "Entblößt von dem Farbenglanz des musikalischen Zaubers und rein nach dem bloßen Tacte vorgetragen – sehen sie dann aus, wie die Gesichter jugendlicher, aber nicht schöner Menschen, wenn sie die Jugendblüthe verlieren."

5 [13]

Zum Oedipus auf Colonos.

v. 7. Resignation gelehrt durch Mißgeschick, lange Lebensdauer und edlen Sinn.

5 [14]

p. 120.

Plato legg. 83 a: in der Zwischenzeit, in der ein Wesen noch nicht die ihm zukommende vernünftige Einsicht hat, tollt ein jedes und schreit regellos, und sobald es nur aufrecht gehen gelernt hat, springt es wiederum ebenso. Dies die Anfänge der musischen und gymnastischen Künste.

lib. II p. 68.

Lust und Unlust die eigentlich kindlichen Empfindungen, Tugend und Untugend treten in dieser Gestalt vor die Seele.

Feste sind dazu da, damit die Menschen durch das Zusammensein mit den Göttern die Erziehung wieder in ihren früheren Zustand zurückführen lernten. Alles was noch jung ist kann seinem Körper und seiner Stimme keinen Augenblick Ruhe geben. Die Götter sind die Geber des Gefühls für Rhythmus und Harmonie.

Unsere erste Erziehung stammt von Apollo und den Musen.

5 [15]

Über die Bedeutung der Trunkenheit und der Trinkgelage stellt Plato im Hinblick auf die Volkserziehung wichtige Untersuchungen an. 1. und 2tes Buch legg.

5 [16]

Der Chor in der Tragödie verglichen mit dem Orchester?

Das Gleichniß wird verständlich gemacht durch das Generelle? Wie?

5 [17]

Daraus daß die Einzelkünste sich im aeschyleischen Drama nicht auf der Höhe befinden, folgt nicht, daß dies nothwendig sei.

Warum war die Schauspielkunst, die Malerei, die Musik auf ihren Höhen nicht mehr im Dienste des musikalischen Drama's?

Die Musik im Drama, ist, ebenso wie die Malerei, etwas Andres geworden: sie will täuschen, sie ist nicht reine Kunst des Scheins mehr. Sie wirkt elementarischer, sie ist Mittel, sie ist bewußter, weil sie plastisch sein soll. Wie ist es aber im Gesange? In diesem einfachsten Verhältnisse? –

5 [18]

Schiller in der Max- und Thekla-Episode, ist am deutschesten: aber ihm fehlt hier das Organ, der Ton. Werther Iphigenie haben dieselbe unendliche Zartheit.

Die Scene des Prinzen Homburg, seine Todesfurcht.

5 [19]

Schiller und Kleist – der Mangel an Musik.

Letzterer ist viel höher zu stellen. Er ist bereits aus der Aufklärungsperiode völlig heraus. Die Kunst hielt ihn fest: aber die politische Wahnvorstellung war noch stärker.

5 [20]

Das Orchester entwickelt für unser gebildetes Gehör die orchestischen Bewegungen der Gefühle, es ist der Tanz der Empfindungen versinnlicht.

5 [21]

Die Auflösung des aeschyleischen Drama's ist nicht nur Symptom, sondern auch Mittel gewesen für die Auflösung der athenischen Demokratie.

Darin daß sich an die Tragödie keine Philosophie anschloß, zeigt sich eine Verkümmerung.

Oder hat es keine Schule von orphischen Pythagoreern gegeben, die das Drama pflegten? Doch nicht die cynischen Pythagoriker? Oder Arcesilaus oder Polemon? Nein!

Wie verhielten sich die Philosophen zur Kunst? zum Drama?

Sie haben es nie erreicht, Dank ihrem sokratischen Ursprunge.

5 [22]

"Die Tragödie und die Freigeister."

 

Betrachtungen

über

die ethisch-politische Bedeutung

des musikalischen Drama's.

5 [23]

5 [23]

Überwindung der "Aufklärung" und ihrer Hauptdichter.

Deutschland als das rückwärtsschreitende Griechenland: wir sind in der Periode der Perserkriege angelangt.

5 [24]

Die Wahnvorstellungen.

Die ernsthaftere Aufgabe der Kunst.

Allein der musikalisch dramatischen Kunst.

Beispiel am Hellenenthum. Apollo und Dionysos.

Auflösung im Sokratismus.

Das neue Erziehungswesen der Freigeister.

Pflicht des Staates dem Drama gegenüber.

5 [25]

Wie offenbart sich der Instinkt in der Form des bewußten Geistes?

In Wahnvorstellungen.

Selbst die Erkenntniß über ihr Wesen vernichtet nicht ihre Wirksamkeit. Wohl aber bringt die Erkenntniß einen qualvollen Zustand hervor: dagegen nur Heilung in dem Schein der Kunst.

Das Spiel mit diesen Instinkten.

Die Schönheit ist die Form, in der ein Ding unter einer Wahnvorstellung erscheint z. B. die Geliebte etc.

Die Kunst ist die Form, in der die Welt unter der Wahnvorstellung ihrer Nothwendigkeit erscheint.

Sie ist eine verführerische Darstellung des Willens, die sich zwischen die Erkenntniß schiebt.

Das "Ideal" eine solche Wahnvorstellung.

5 [26]

Die Wahnvorstellungen: wer sie durchschaut, hat nur die Kunst zum Trost. Das Durchdringen ist jetzt für die Freigeister Nothwendigkeit: wie sich dazu die Menge verhält, ist nicht zu errathen. Genug, daß wir die Kunst brauchen: wir wollen sie durch alle Mittel, nöthigenfalls im Kampfe. Eine neue Bildungssekte, als die Richterin und Herrscherin über die verschliffene und ekelhafte Bildung des Tages. Anzuknüpfen an die wirklichen Bildungselemente, an die reine wissenschaftliche Begeisterung, an die strenge militärische Subordination, an das tiefe Gemüthsbedürfniß der Frauen usw., an das noch vorhandene Christenthum usw.

Der Sokratismus als die eingebildete Weisheit (in allen Erscheinungen, im orthodoxen Christenthum, im Judenthum des Tags) ist der Kunst abgeneigt oder gleichgültig.

Wie Oedipus, gelangen wir erst im Hain der Eumeniden zum Frieden.

5 [27]

Wahn des Individuums.

Vaterlandsliebe.

Confession.

Geschlecht.

Wissenschaft.

Willensfreiheit.

Frömmigkeit.

5 [28]

Der Realismus des jetzigen Lebens, die Naturwissenschaften haben eine unglaublich bildungsstürmerische Kraft; ihnen muß die Kunst entgegengebracht werden.

Die klassische Bildung ist immer in Gefahr, in scheue Gelehrsamkeit auszuarten. Die Frömmigkeit der Kunst gegenüber fehlt: scheußliche Kronoserscheinung, die Zeit verschlingt ihre eignen Kinder. Es giebt aber Menschen mit ganz andern Bedürfnissen, diese müssen sich das Dasein erzwingen, in ihnen ruht die deutsche Zukunft.

5 [29]

"Socrates treibe Musik" als Schlußcapitel.

5 [30]

Monotheismus als ein Minimum von poetischer Welterklärung.

Bei den Juden ein Nationalgott, ein kämpfendes Volk mit einer Fahne: eine Sittlichkeitsrigorosität verkörpert, Strenge gegen sich selbst, imperativischer Gott (charakteristisch, daß er das Opfer des einzigen Sohns verlangt).

Unsre Nationalgötter und unsre Gefühle dafür haben einen Wechselbalg dafür bekommen: wir widmen diesem alle jene Empfindungen.

Das Ende der Religion ist da, nachdem man die Nationalgötter eskamotirt hat. Schreckliche Quälerei hat dies in der Kunst angerichtet. Ungeheure Arbeit des deutschen Wesens, jenes fremde unnationale Joch abzuschütteln; und es gelingt ihm.

Der indische Hauch bleibt zurück: weil er uns verwandt ist.

5 [31]

Gottheiten unter der Form des Königs, des Vaters, des Priesters –

Die griechische Mythologie hat alle Formen einer bedeutsamen Menschlichkeit vergöttlicht.

Der Glaube an einen Geist ist eine Einbildung: sofort anthropomorphische, ja polytheistische Stellvertreter.

Der Verehrungstrieb als Lustempfindung am Dasein schafft sich ein Objekt.

Wo diese Empfindung fehlt – Buddhismus.

Buddha übergab sich den dramatischen Vorstellungen, als er mit seiner Erkenntniß durchgedrungen war: ein Schlußsatz.

Ein Volk ist höher oder tiefer moralisch begabt: die Griechen haben nicht die Höhe erreicht, vielleicht aber war es die nothwendige Grenze, um nicht in Weltverneinung umzuschlagen. Ihre Erkenntniß und ihr Leben blieben im Ganzen zusammen.

Die Weltverneinung ist ein unglaublicher Standpunkt: wie ließ ihn der Wille zu?

Erstens ist er verbunden mit dem höchsten Wohlwollen, er hindert nichts, er ist nicht aggressiv.

Zweitens wird er sofort wieder eskamotirt durch eine andersartige Verherrlichung des Daseins, Unsterblichkeitsglauben, Sehnsucht zur Seligkeit.

Drittens ist der Quietismus auch eine Daseinsform.

5 [32]

"Alles ist eitel."

Dies ist nicht wahr – sagen Viele.

Dies ist wahr: wir wollen nicht mehr leben und handeln – sagen Andere.

Aber sie handeln doch fort – auch der Quietismus ist ein Minimum des Handelns; und es ist hier gleichgültig, ob viel oder wenig gelebt wird.

Also wir handeln in völliger Selbstbejahung – sagen andre: wir dienen dem Weltprozeß. Die Erkenntniß, daß der Einzelne sich nicht entziehen kann, hält uns.

Es ist aber gar nicht die Frage, was der Einzelne darüber denkt: jedenfalls muß er handeln und leben, trotz aller Erkenntniß von der Eitelkeit. Diese Erkenntniß ist sehr selten: wo sie da ist, vereinigt sie sich mit dem religiösen oder künstlerischen Bedürfniß.

Eine Weltcorrektion – das ist Religion oder Kunst. Wie muß die Welt erscheinen, um lebenswerth zu sein?

Jetzt kommen die anthropomorphischen Hülfsvorstellungen; die Religionen sind ebenfalls für die bewußte Erkenntniß da, ein Thier hat nichts davon. Das Bedürfniß nach ihnen ist um so stärker, je größer die Erkenntniß von der Eitelkeit ist. Bei den Griechen ist es gering, dagegen ist die Häßlichkeit des Daseins corrigirt durch ihre Götterwelt.

5 [33]

Die meisten Menschen spüren gelegentlich, daß sie in einem Netz von Illusionen hinleben. Wenige aber erkennen, wie weit diese Illusionen reichen.

Von Illusionen sich nicht beherrschen lassen, ist ein unendlich naiver Glaube, aber es ist der intellektuelle Imperativ, das Gebot der Wissenschaft. Im Aufdecken dieser Spinngewebe feiert der ανθρωπος θεωρητικος und mit ihm der Wille zum Dasein ebenfalls seine Orgien: er weiß, daß die Neugier nicht zu Ende kommt und betrachtet den wissenschaftlichen Trieb als eine der mächtigsten μηχαναι zum Dasein.

5 [34]

Der Jude hängt mit ungeheurer Zähigkeit am Leben.

5 [35]

Es ist naiv zu glauben, daß wir je aus diesem Meer der Illusion herauskommen könnten. Die Erkenntniß ist völlig unpraktisch.

5 [36]

Cap. I. Darlegung des Trugmechanismus in dem Willen.

Ein Individuum soll dienstbar dem Gesammtzweck sein: ohne ihn zu erkennen. Dies thut jedes Thier, jede Pflanze. Beim Menschen kommt nun, im bewußten Denken, ein Scheinzweck hinzu, ein vorgeschobner Wahn: der Einzelne glaubt etwas für sich zu erreichen.

Wir wehren uns gegen den Instinkt, als etwas Thierisches. Darin liegt selbst ein Instinkt. Der natürliche Mensch empfindet eine starke Kluft zwischen sich und dem Thier; im Begriff es sich deutlich zu machen, worin die Kluft bestehe, verfällt er auf dumme Unterscheidungen. Die Wissenschaft lehrt den Menschen, sich als Thier zu betrachten. Er wird nie darnach handeln. Die Inder haben die richtigste Einsicht, intuitiv, und handeln darnach.

5 [37]

"Mensch" bedeutet "Denker": da steckt die Verrücktheit.

5 [38]

Unsre musikalische Entwicklung ist das Hervorbrechen des dionysischen Triebes. Er zwingt allmählich die Welt: die Kunst zwingt er im musikalischen Drama, aber auch die Philosophie.

Die Musik ganz gesund – bei der furchtbaren Verkommenheit der epischen Kultur.

5 [39]

"Der Mensch begreift nie, wie anthropomorphisch er ist" sagt Goethe.

5 [40]

Die bornirte Überzeugung M<ax> Müllers, daß Christenthum, auf einen Schafskopf gepflanzt, noch was Rechtes ist. Als ob die Menschen durch die Religion nivellirt würden!

5 [4]]

Das musikalische Drama und die Freigeister.

5 [42]

Die Tragödie und die Freigeister.

 

Betrachtungen

über

die ethisch-politische Bedeutung

des

musikalischen Drama's.

5 [43]

Die philosophische Fakultät. An die Lehrer.

5 [44]

Dem Buddhisten fehlt die Kunst: daher der Quietismus.

Dem deutschen Freidenker schweben immer Wahngebilde künstlerische Ideale vor: daher sein Zeugen im Schönen, sein Weltkampf.

Alle Erkenntniß der Wahrheit ist unproduktiv: wir sind die Ritter, die im Walde die Vogelstimmen verstehen, wir folgen ihnen.

5 [45]

Die Aufklärung verachtet den Instinkt: sie glaubt nur an Gründe.

Die Romantiker ermangeln des Instinktes: die Kunstwahngebilde reizen sie nicht zur That, sie verharren im Reizungszustande.

Man überwindet solche Zustände nicht eher theoretisch als bis sie praktisch überwunden sind.

5 [46]

Unsre epische Kultur kommt in Goethe zum vollen Ausdruck. Schiller weist auf die tragische Kultur hin.

Diese epische Kultur breitet sich in unserm Naturwissen, Realismus und Romanwesen aus. Der Philosoph derselben ist Hegel.

5 [47]

Als Künstler müssen wir so frei über der Religion stehen und mit ihrem Mythus handhaben, wie es der athenische Tragiker in der Produktion that, ohne alle pathologische Theilnahme.

5 [48]

Der Blüthemoment unsrer epischen Kultur ist Goethe in Italien.

5 [49]

Bei Goethe ist gemäß seiner epischen Natur die Dichtung das Heilmittel, das ihn gegen die volle Erkenntniß schützt – bei den tragischen Naturen ist die Kunst das Heilmittel, das von der Erkenntniß befreit. Den einen beunruhigt das Leben: sofort weicht es wie ein Bild vor ihm zurück, und er findet das beunruhigte Leben darstellenswerth.

5 [50]

"Die Fidschier opfern sich selbst: sie halten es für Recht, ihre besten Freunde umzubringen, um sie von dem Elend dieses Lebens zu befrein; sie betrachten es wirklich für ihre Pflicht, daß der Sohn seine Eltern erdrosseln müsse, wenn er darum gebeten wird."

Der indische Philosoph, wenn er denkt, er habe Alles gelernt, was die Welt ihn lehren könne, und der sich darnach sehnt, in die Gottheit aufzugehen, schreitet ruhig in den Ganges.

Die jüdische Religion hat einen unsäglichen Schauder vor dem Tod, das Hauptziel ihrer Gebete – um langes Leben.

- Bei den Griechen ist auch hierin alles mäßig. Bei aller pessimistischen Erkenntniß kommt es nie zur That des Pessimismus.

5 [51]

Religion und Philosophie haben in Indien alle praktischen Instinkte aufgesaugt. Die Erkenntniß als Intuition und Instinkt –

5 [52]

Wahnvorstellungen, z. B. das heilige Grab in den Händen der Ungläubigen.

5 [53]

Rigveda, X Buch, Hymn. 129.

"Und Liebe überkam zuerst das Eine,

der geistigen Inbrunst erste Schöpfungssonne,

Im Herzen sinnend spürten weise Seher

das alte Band, das Sein an Nichtsein bindet."

5 [54]

Die Parsis haben eine unerklärliche Scheu vor Licht und Feuer, die einzigen Orientalen, die nicht rauchen, sie hüten sich ein Licht auszublasen.

Die Religion des Zoroaster hätte, wenn Darius nicht überwunden wäre, Griechenland beherrscht.

5 [55]

"Der Parsi glaubt an einen Gott, an den er seine Gebete richtet: Seine Moral – Reinheit der Gedanken, der Worte, der Handlungen. Er glaubt an die Strafe des Bösen, Belohnung des

Guten, er erwartet seine Sündenvergebung von der Gnade Gottes."

5 [56]

"Ein freidenkender Inka bemerkte, daß das beständige Wandern der Sonne ein Zeichen von Knechtschaft sei."

5 [57]

"Alle Götter müssen sterben" die urdeutsche Vorstellung, die die Wissenschaft mit höchster Kraft bis jetzt durchführt. "Der Tod Sigurds, des Abkömmlings Odins, konnte den Tod Balders, des Sohns des Odin, nicht abwenden: auf Balders Tod folgte bald der Tod Odins und der andren Götter."

5 [58]

Das siebente Gebot Buddha's an seine Jünger ist – sich öffentlicher Schauspiele zu enthalten.

5 [59]

Was ist die Tugend? "Sie hilft zur andern Küste überzusetzen" d. h. zum Nichtsein.

5 [60]

Buddha: "lebt ihr Heiligen, indem ihr eure guten Werke verheimlicht und eure Sünden sehen laßt."

5 [61]

Die Ideen nicht die göttlichen Wesenheiten, sondern Illusionen.

5 [62]

Singularität des griechischen Dramas. (Trag<ödie>). Woher?

5 [63]

Ich erzähle ein Beispiel.

Bespreche nachher die Weltanschauung.

Und ziehe die praktische Konsequenz.

5 [64]

Wir haben es Buddha nachzumachen, der die Weisheit der Wenigen nahm und davon einen Theil zum Nutzen der Menge ausprägte.

5 [65]

"Gunnar wurde von Atli gebunden und unter die Schlangen geworfen. Doch selbst die Schlangen bezaubert er, indem er mit den Zähnen auf der Harfe spielt, bis endlich eine der Vipern an ihm emporkriecht und ihn tödtet."

5 [66]

Gervinus glaubt, es sei viel richtiger daß wir mit aller Macht streben, die leidigen Hindernisse unsrer nationalen Fortbildung zu brechen, als daß wir jene faustischen Probleme immer wiederholen, "die wie ein Geyer an dem Herzen unsrer Jugend nagen." Natürlich sind diese Probleme historischer Natur, sie verschwinden bei freierer politischer Bewegung!! Pack! Gesindel! Historisches Gesindelpack!

5 [67]

Goethe brachte in allen Lagen "seinen Lebensrausch zu Papiere".

Goethe's Hingebung an Natur und Kunst: eine Religion.

5 [68]

Das höchste Zeichen des Willens:

der Glaube an die Illusion und der theoretische Pessimismus beißt sich selbst in den Schwanz.

5 [69]

Der wahre Schauspieler verhält sich so zu seiner Rolle, wie der dramatische Künstler zum Leben, das er darstellt. Aeschylus dichtete so, wie er als Schauspieler spielte.

Die dramatische Musik ist demnach Plastik im höheren Sinne: das künstlerische Auge ruht sonnenhaft auf dem Ganzen.

5 [70]

Es ist die Kraft der Phantasie, die hier den Willen (in der Musik) beherrscht. Damit verändert allerdings die Musik ihr Wesen.

Es ist doch kein Widerspruch: dramatische Musik. Das Lied ist die einfachste Form.

5 [71]

Max Müller ist an den Pranger zu stellen als ein das deutsche Wesen verleugnender, in englischem Aberglauben untergegangener Deutscher. Dabei begeht er die Unsauberkeit von Leuten zu reden, die sich herausnehmen, auf Kant (sic!) Hegel und Schelling mit Geringschätzung herabzusehn. Frech! Frech! Und ignorant! (Essays, I p. 203.)

5 [72]

Ich werde mich nicht scheuen, Namen zu nennen: man macht seinen Standpunkt schneller klar, wenn man ad homines hier und da demonstrirt. Auf Deutlichkeit soll mir alles ankommen.

5 [73]

Wirkung der Kunst gegen die Erkenntniß.

In der Architektur: die Ewigkeit und Größe des Menschen.

In der Malerei: die Welt des Auges.

In der Poesie: der ganze Mensch.

In der Musik: sein Gefühl

bewundert, geliebt, begehrt.

5 [74]

"Nur die Galeerensklaven kennen sich": darum – die Kunst.

5 [75]

Theil I.

Instinkt Wahn und Kunst.

Theil II.

Das musikalische Drama.

Theil III.

Sokrates und die Freigeister.

5 [76]

Der Wille als Einer

der bewußte Intellekt.

5 [77]

Die Weit der Vorstellungen ist das Mittel, uns in der Welt der That festzuhalten und uns zu Handlungen im Dienste des. Instinkts zu zwingen. Die Vorstellung ist Motiv zur That: während sie das Wesen der Handlung gar nicht berührt. Der Instinkt der uns zur That nöthigt und die Vorstellung die uns als Motiv ins Bewußtsein tritt liegen auseinander. Die Willensfreiheit ist die Welt dieser dazwischen geschobenen Vorstellungen, der Glaube daß Motiv und Handlung nothwendig einander bedingen.

5 [78]

Daß die Welt der Vorstellungen realer ist als die Wirklichkeit, ist ein Glaube, den Plato theoretisch aufgestellt hat, als Künstlernatur. Praktisch ist es der Glaube aller produktiven Genien: das ist die Ansicht des Willens, dieser Glaube. Diese Vorstellugen als Geburten des Instinkts sind jedenfalls ebenso real als die Dinge; daher ihre unerhörte Macht.

5 [79]

Die Vorstellung ist von allen Mächten die geringste: sie ist als Agens nur trug, denn es handelt nur der Wille. Nun aber beruht die individuatio auf der Vorstellung: wenn diese nun Trug ist, wenn sie nur scheinbar ist, um dem Willen zum Thun zu verhelfen – der Wille handelt – in unerhörter Vielheit für die Einheit. Sein Erkenntnißorgan und das menschliche fallen keineswegs zusammen: dieser Glaube ist ein naiver Anthropomorphismus. Erkenntnißorgane bei Thieren Pflanzen und Menschen sind nur die Organe des bewußten Erkennens. Die ungeheure Weisheit seiner Bildung ist bereits die Thätigkeit eines Intellekts. Die individuatio ist nun jedenfalls nicht das Werk des bewußten Erkennens, sondern jenes Urintellekts. Dies haben die kantisch-schopenhauerischen Idealisten nicht erkannt. Unser Intellekt führt uns nie weiter als bis zum bewußten Erkennen: insofern wir aber noch intellektueller Instinkt sind, können wir noch etwas über den Urintellekt zu sagen wagen. Über diesen trägt kein Pfeil hinaus.

In den großen Organismen wie Staat Kirche kommen die menschlichen Instinkte zur Geltung, noch mehr im Volk, in der Gesellschaft, in der Menschheit; viel größere Instinkte in der Geschichte eines Gestirns:

in Staat Kirche usw. giebt es eine Unzahl Vorstellungen, vorgeschobenen Wahn, während hier schon der Gesammtinstinkt schafft.

Vom Standpunkte des bewußten Denkens erscheint die Welt wie eine Unsumme ineinander geschachtelter Individuen: womit eigentlich der Begriff des Individuums aufgehoben ist. Die Welt ein ungeheurer sich selbst gebärender und erhaltender Organismus: die Vielheit liegt in den Dingen, weil der Intellekt in ihnen ist. Vielheit und Einheit dasselbe – ein undenkbarer Gedanke.

Vor allem wichtig einzusehn, daß die Individuation nicht die Geburt des bewußten Geistes ist. Darum dürfen wir von Wahnvorstellungen reden, unter der Voraussetzung der Realität der Individuation.

5 [80]

Die mitleidige Handlung ist eine Korrektur der Welt im Handeln; im Reiche des Denkens entspricht ihr die Religion.

So steht das Schaffen im Schönen neben dem Schön-finden.

Ist das Individualsystem im Guten durchbrochen?

Das reine Nach-Existenz-haschen des Willens ist genügend, um daraus die Ethik abzuleiten.

Die Pflicht: der Gehorsam gegen Vorstellungen: eine Täuschung! Die wahren Beweggründe des Willens werden von diesen Pflichtvorstellungen verdeckt. Man denke an die Pflichten gegen das Vaterland usw. Eine Pflichthandlung ist ethisch werthlos als Pflichthandlung; weil weder ein Gedicht noch eine Handlung durch Abstraktion gemacht wird. Sie ist aber werthvoll, weil sie eben nicht aus der Abstraktion, aus der Pflicht entstehen kann und doch geschehn ist.

Güte und Liebe sind geniale Eigenschaften: die höchste Macht geht von ihnen aus, also spricht hier der Instinkt, der Wille. Es ist ein Einheitstrieb, die Offenbarung einer höheren Ordnung, die sich in Güte Liebe Barmherzigkeit Mitleid kundgiebt.

Güte und Liebe praktische Weltcorrektionstriebe – neben der Religion, die als Wahnvorstellung dazwischentritt.

Sie sind mit dem Intellekt nicht verwandt, er hat gar keine Mittel sich mit ihnen zu befassen. Sie sind reiner Instinkt, Gefühl mit einer Vorstellung gemischt.

Die Vorstellung im Gefühl hat zu der eigentlichen Willensregung nur die Bedeutung des Symbols. Dies Symbol ist das Wahnbild, durch das ein allgemeiner Trieb eine subjektive individuelle Reizung ausübt.

Das Gefühl – mit Willen und unbewußter Vorstellung

die That – mit Willen und bewußter Vorstellung.

Wo fängt die That an? Sollte "That" nicht auch eine Vorstellung, etwas Undefinirbares sein? Eine sichtbar werdende Willensregung? Aber sichtbar? Diese Sichtbarkeit ist etwas Zufälliges und Äußerliches. Die Bewegung des Mastdarms ist auch eine Willensregung, die sichtbar wäre, wenn wir dorthin Augen bringen könnten.

Der bewußte Wille charakterisirt auch nicht die That; denn wir können auch eine Empfindung bewußt erstreben, die wir doch eben nicht That nennen würden.

Was ist das Bewußtwerden einer Willensregung? Ein immer deutlicher werdendes Symbolisiren. Die Sprache, das Wort nichts als Symbol. Denken d. h. bewußtes Vorstellen ist nichts als die Vergegenwärtigung Verknüpfung von den SprachSymbolen. Der Urintellekt ist darin etwas ganz Verschiednes: er ist wesentlich Zweckvorstellung, das Denken ist Symbolerinnerung. Wie die Spiele des Sehorgans bei geschlossenen Augen, die auch die erlebte Wirklichkeit im bunten Wechsel durcheinander reproduziren, so verhält sich das Denken zur erlebten Wirklichkeit: es ist ein stückweises Wiederkäuen.

Die Trennung von Wille und Vorstellung ist ganz eigentlich eine Frucht der Nothwendigkeit im Denken: es ist eine Reproduktion, eine Analogie nach dem Erlebniß, daß wenn wir etwas wollen, uns das Ziel vor Augen schwebt. Dies Ziel aber ist nichts als eine reproduzirte Vergangenheit: in dieser Art macht sich die Willensregung verständlich. Aber das Ziel ist nicht das Motiv, das Agens der Handlung: obwohl dies der Fall zu sein scheint.

Es ist Unsinn, die nothwendige Verbindung von Wille und Vorstellung zu behaupten: die Vorstellung erweist sich als ein Trugmechanismus, den wir nicht im Wesen der Dinge vorauszusetzen brauchen. Sobald der Wille Erscheinung werden soll, beginnt dieser Mechanismus.

Im Willen giebt es Vielheit, Bewegung nur durch die Vorstellung: ein ewiges Sein wird erst durch die Vorstellung zum Werden, zum Willen, d. h. das Werden, der Wille selbst als Wirkender ist ein Schein. Es giebt nur ewige Ruhe, reines Sein. Aber woher die Vorstellung? Dies ist das Räthsel. Natürlich ebenfalls von Anbeginn, es kann ja niemals entstanden sein. Nicht zu verwechseln ist der Vorstellungsmechanismus im sensiblen Wesen.

Wenn aber Vorstellung bloß Symbol ist, so ist die ewige Bewegung, alles Streben des Seins nur Schein. Dann giebt es ein Vorstellendes: dies kann nicht das Sein selbst sein.

Dann steht neben dem ewigen Sein eine andre ganz passive Macht, die des Scheins – – Mysterion!

Wenn dagegen der Wille die Vielheit, das Werden in sich enthält, so giebt es ein Ziel? Der Intellekt, die Vorstellung muß unabhängig vom Werden und Wollen sein; das fortwährende Symbolisiren hat reine Willenszwecke. Der Wille selbst aber hat keine Vorstellungen nöthig, dann hat er auch keinen Zweck : der nichts als eine Reproduktion, ein Wiederkäuen des Erlebten im bewußten Denken ist. Die Erscheinung ist ein fortwährendes Symbolisiren des Willens.

Weil wir bei den Wahnvorstellungen die Absicht des Willens erkennen, so ist die Vorstellung Geburt des Willens, so ist Vielheit bereits im Willen, so ist die Erscheinung eine μηχανη des Willens für sich.

Man muß im Stande sein, die Grenzen zu umzeichnen und dann sagen: diese nothwendigen Denkconsequenzen sind die Absicht des Willens.

5 [81]

Ich scheue mich, Raum Zeit und Kausalität aus dem erbärmlichen menschlichen Bewußtsein abzuleiten: sie sind dem Willen zu eigen. Es sind die Voraussetzungen für alle Symbolik der Erscheinungen: nun ist der Mensch selbst eine solche Symbolik, der Staat wiederum, die Erde auch. Nun ist diese Symbolik unbedingt nicht für den Einzelmenschen allein da –

5 [82]

Die Theologie unsrer Zeit scharf zu charakterisiren.

Die Schulabsichten gleichfalls.

Ziel: das Schillersche bedeutend erhoben: Erziehung durch die Kunst, aus dem germanischen Wesen abgeleitet.

5 [83]

Die Intelligenz bewährt sich in der Zweckmäßigkeit. Wenn nun der Zweck nichts als ein Wiederkäuen von Erfahrungen ist, das eigentliche agens sich verbirgt, so dürfen wir das Handeln nach Zweckvorstellungen durchaus nicht auf die Natur der Dinge übertragen, d. h. wir brauchen eine Vorstellung habende Intelligenz gar nicht. Von Intelligenz kann nur in einem Reiche die Rede sein, wo etwas verfehlt werden kann, wo der Irrthum stattfindet – im Reiche des Bewußtseins.

Im Reiche der Natur, der Nothwendigkeit ist Zweckmäßigkeit eine unsinnige Voraussetzung. Was nothwendig ist, ist das einzig Mögliche. Aber was brauchen wir dann noch einen Intellekt in den Dingen vorauszusetzen? – Wille, wenn damit eine Vorstellung verbunden sein muß, ist auch kein Ausdruck für den Kern der Natur.

5 [84]

Die hellenischen Wahnvorstellungen und die ihnen entgegenarbeitenden Auflösungskräfte. Welche ist die Absicht des Willens in diesen Auflösungen?

- Die Geburt der Gelehrsamkeit und der Wissenschaft als neuer Daseinsformen.

5 [85)

Bei den meisten Gelehrten giebt es einen luxuriösen Trieb zu lernen. Wer will noch weise werden? Wer will noch denken und forschen, um zu handeln? Trägheit der gelehrten Ponderabilien: sie sinken immer tiefer. Man muß 40 Wochen in die Wüste gehen: und mager werden.

5 [86]

Die Einheit des dramatischen Kunstwerks –

5 [87]

Wenn das musikalische Element weicht und doch die musikalische Weltanschauung bleiben soll, wohin flüchtet sich's?

5 [88]

Die Experimente des Bewußtseins, die Thatsache der Tragödie und ihrer Erschütterung sich begreiflich zu machen – in ihrer Rückwirkung auf die Kunstwerke. Dazu ist Betrachtung der Katastrophe nöthig. – Der Kampf mit dem Schicksal, die Perspektive auf eine neue Zeit, der Selbstmord usw.

5 [89]

Alle Erweiterung unsrer Erkenntniß entsteht aus dem Bewußtmachen des Unbewußten. Nun fragt es sich, welche Zeichensprache wir dazu haben. Manche Erkenntnisse sind nur für Einige da und Anderes will in der günstigsten vorbereiteten Stimmung erkannt sein.

5 [90]

Begriff des "Dramas" als "Handlung".

Dieser Begriff ist sehr naiv in seiner Wurzel: die Welt und die Gewohnheit des Auges entscheidet hier. Was ist aber schließlich – bei geistigerer Betrachtung – nicht Handlung? Das sich kundgebende Gefühl, das sich Klarwerden – keine Handlung? Muß immer gehenkert und gemordet werden? – Aber eins ist noth: das Werden gegenüber dem Sein und der plastischen Kunst. Versteinerungen des Moments dort – hier Wirklichkeit.

Zweck solcher Wirklichkeit ist allerdings, als solche zu wirken. Wir sollen nicht zwischen Schein und Wahrheit schwanken. Das pathologische Interesse ist hier Gebot. Wir fühlen als ob wir es erlebten. Wer diesen Schein am stärksten erregt, ist der beste Dichter: nur ist es wesentlich, wen er zu täuschen hat. Das Ideal ist, daß er sich selbst zu täuschen weiß. Hier liegt allerdings der Maaßstab des Kunstwerks außerhalb. Es treibt zur Erkenntniß und zur That als "wirkendes wirkliches Kunstwerk".

5 [91]

Wenn man die Wahnvorstellung sich als solche auflöst, so muß der Wille – wenn anders er unser Fortbestehen will – eine neue schaffen. Bildung ist ein fortwährendes Wechseln von Wahnvorstellungen zu den edleren hin, d. h. unsre "Motive" im Denken werden immer geistigere, einer größeren Allgemeinheit angehörige. Das Ziel der Menschheit" ist das Äußerste, was uns der Wille als Phantom bieten kann. Im Grunde ändert sich nichts. Der Wille thut seine Nothwendigkeit und die Vorstellung sucht das universell besorgte Wesen des Willens zu erreichen. In dem Denken an das Wohl größerer Organismen, als das Individuum ist, liegt die Bildung.

5 [92]

Denken und Sein sind keinesfalls dasselbe. Das Denken muß unfähig sein, dem Sein zu nahen und es zu packen.

5 [93]

Die ungeheure mimische Kraft der Musik – auf Grund einer ungeheuren absoluten Kunstentwicklung.

Einfluß der Musik auf die Dichtung.

5 [94]

Die Rhythmik in der Dichtung beweist, daß das musikalische Element noch in der Gefangenschaft lebte.

Wirklich ist die hellenische Tragödie nur das Vorzeichen einer höheren Kultur: sie war das Letzte, was das Griechenthum erreichen konnte, auch das Höchste. Diese Stufe war das Schwerste, was zu erreichen war. Wir sind die Erben.

Die höchste That des Hellenenthums: die Bändigung der orientalischen Dionysus-Musik und Zubereitung derselben zum bildlichen Ausdruck.

Aeschylus wird angeklagt, die Mysterien profanirt zu haben: ein Symbol!

Mit der orientalisch-christlichen Bewegung überschwemmte das alte Dionysosthum die Weit, und alle Arbeit des Hellenenthums schien vergebens. Eine tiefere Weltanschauung, eine unkünstlerische, brach sich Bahn.

Man glaube nur nicht, daß Phidias und Plato ohne die Tragödie gewesen wären.

Die alten Philosophen, die Eleaten Heraklit Empedokles als die tragischen Philosophen.

Die tragische Religion bei den Orphikern. –

Empedocles ist der reine tragische Mensch. Sein Sprung in den Aetna aus – Wissenstrieb! Er sehnte sich nach Kunst und fand nur das Wissen. Das Wissen aber macht Fausten.

Das Festspiel und die tragische Weltanschauung.

Die tragische Frau.

Die Geschlechtsliebe in der Tragödie.

Aeschylus als Volksprediger.

Das Opfer. Das Sektenwesen.

Aegypten als Ursprung scenischer Darstellungen.

Die tragischen Stoffe in der Heroengeschichte.

Wanderung durch die Kunst.

Das tragische Griechenland besiegte die Perser.

Vernichtung des Weltschmerzes als eines Schwächezustandes.

Der tragische Mensch ist die Natur in ihrer höchsten Kraft des Schaffens und des Erkennens und deshalb mit Schmerzen gebärend:

Die Menschen sind meist nach einer Seite hin ausgeartet, selbst bei höchsten Talenten.

5 [95]

Das tragische Kunstwerk.

Der tragische Mensch.

Der tragische Staat.

5 [96]

Die Scham – das Gefühl unter dem Banne der Illusion zu stehen obwohl wir sie durchschauen.

Mit dieser Empfindung müssen wir leben, müssen wir unsre irdischen Pläne fördern. Sie ist ein Tribut, den wir dem Individuationsprincip zollen. Unser Verkehren mit Menschen hat diese zarte Haut um sich – für den tragischen Menschen nämlich.

5 [97]

Das Wohlergehen auf Erden ist die jüdische Religionstendenz.

Die christliche liegt im Leiden. Der Kontrast ist ungeheuer.

5 [98]

Die Zustände, in denen wir von Volkspoesie reden, sind so nebelhaft, daß wir das schaffende Genie nicht bei Namen nennen können. Aber die Sprachen- Religionen- und Mythenschöpfung, ebenso die der großen Volksdichtungen geht auf Einzelne zurück: es giebt immer wenig Produktive den Empfangenden gegenüber. Daß etwas vom ganzen Volke approbirt wird, hat nur für dasselbe den Werth, daß unter der Masse des Volkes sich auch die urtheilsfähigen Genien befinden.

Im Volke finden wir überall die zurückgelassenen Spuren der durchgegangenen Löwen des Geistes: in Sitte Recht Glauben, überall hat sich die Menge dem Einfluß Einzelner gebeugt.

Das "rein Menschliche" ist eine Phrase, noch mehr: eine Illusion der gemeinsten Art.

5 [99]

Wenn nun zwischen dem Begriffe und Vorstellungen erzeugenden Intellekt und der anschaulichen Welt ein untrennbares Band ist!

5 [100]

Die metaphysische Bedeutung der Welt als ein Läuterungsprozeß? – es ist doch der Wille, der sich selbst zerfleischt, der Schmerz liegt doch im Willen, der Intellekt wird durch Phantome getäuscht – warum wohl? Der Wille muß doch den Intellekt fürchten. Diese Phantome sind nicht zu verdrängen: weil wir handeln sollen. Das Bewußtsein ist schwach dagegen. Leiden und Wahn, der das Leid verhüllt – ein nicht durchdringendes Bewußtsein.

Hier tritt die Kunst ein, hier bekommen wir instinktive Erkenntniß vom Wesen jenes Leidens und Wahns.

5 [101]

Die aristophanische Komödie ist die Vernichtung der alten dramatischen Poesie. Mit ihr schließt die alte Kunst ab.

5 [102]

Indem die Tragödie eine Welterlösung ahnen läßt, giebt sie die erhabenste Illusion: die Freiheit vom Dasein überhaupt.

Hier ist Nothwendigkeit des Leidens – aber ein Trost.

Der Illusionshintergrund der Tragödie ist der der buddhistischen Religion.

Hier zeigt sich Seligkeit im Erkennen des höchsten Wehes. Darin triumphirt der Wille. Er sieht seine schrecklichste Configuration als den Born einer Daseinsmöglichkeit an.

5 [103]

Gegen die nichtswürdige jüdische Phrase vom Himmel auf Erden –

Jene Erhebung ist ganz religiös – das dramatische Kunstwerk ist deshalb im Stande, die Religion zu vertreten.

5 [104]

Warum sollten wir nicht jenen Standpunkt der Kunstverklärung erreichen, den die Griechen hatten? Offenbar waren doch die dionysischen Festspiele das Ernsthafteste ihrer Religion – mit Ausnahme der Mysterien – in denen aber wieder dramatische Aufführungen stattfanden.

5 [105]

Der tragische Mensch – als der berufene Lehrer der Menschen.

Die Bildung und Erziehung muß nicht die Durchschnittsbegabung an ηθος und Intellekt zur Norm nehmen, sondern eben jene tragischen Naturen –

Hier liegt die Lösung der socialen Frage. Der reiche oder begabte Egoist ist ein Kranker und dem Mitleiden preisgegeben.

Ich sehe ungeheure Conglomerate an Stelle der vereinzelten Capitalisten treten. Ich sehe die Börse dem Fluche verfallen, dem jetzt die Spielbanken gefallen sind.

5 [106]

Was ist Erziehung?

Daß man sofort alles Erlebte unter bestimmten Wahnvorstellungen begreift. Der Werth dieser Vorstellungen bestimmt den Werth der Bildungen und Erziehungen.

In diesem Sinne ist Erziehung Intellekt-Sache, somit bis zu einem Grade wirklich möglich.

Diese Wahnvorstellungen werden nur durch die Wucht der Persönlichkeiten mitgetheilt. Insofern hängt die Erziehung von der moralischen Größe und dem Charakter der Lehrer ab.

Zauberische Einwirkung von Person auf Person alle höhere Willenserscheinung (die schon aus dem Bann der Einzelleben-Bejahung herausgetreten ist und damit sich die noch niederen Willenserscheinungen unterwirft).

Diese Einwirkung äußert sich in Übertragung der Wahnvorstellungen.

5 [107]

Bildung: nach dem Charakter von Wahnvorstellungen.

Wie ist Bildung übertragbar? Nicht durch reine Erkenntniß, sondern durch Macht des Persönlichen.

Die Macht des Persönlichen liegt in seinem Werthe für den Willen (je weiter und größer die Welt ist, die er beherrscht).

Jede Neuschaffung einer Kultur somit durch starke vorbildliche Naturen, in denen sich die Wahnvorstellungen neu erzeugen.

5 [108]

Der tragische Mensch

Schlußcapitel.

Der Vorstellungsmechanismus.

Die Möglichkeit der Erziehung.

Der Gegensatz der "Wissenschaft" und ihr Ziel.

Das neue "Griechenland".

5 [109]

Stürzen wir uns immer von neuem in den Aetna, in immer neuen Geburten wird uns der Trieb des Wissens als eine Daseinsform erscheinen: und nur in dem rastlosen apollinischen Triebe nach Wahrheit wird die Natur gezwungen , auch immer höhere Ergänzungsweiten der Kunst und der Religion zu bauen.

5 [110]

In der tragischen Weltanschauung hatte sich der Wahrheits- und Weisheitstrieb versöhnt. Die logische Entwicklung löste diese auf und zwang zur Schöpfung der mystischen Weltanschauung. Die großen Organismen gehen jetzt zu Grunde, die Staaten und Religionen usw.

Das Verhältniß des Dionysischen und Apollinischen ist auch in jener Staatsform, überhaupt in allen Äußerlichkeiten des Volksgeistes wieder zu erkennen.

Die absolute Musik und die absolute Mystik entwickeln sich zusammen.

Bei der allgemeiner werdenden hellenischen Aufklärung bekommen die alten Götter einen spukhaften Charakter.

5[111]

Wie entsteht der Sklave: dies führt zur Besprechung des griechischen Staats.

5 [112]

Fortsetzung der "Geburt".

Ist das Ziel der hellenischen Kultur, die höhere Verherrlichung durch die Kunst, so muß von da aus das griechische Wesen begreiflich werden. Welches sind die Mittel, deren sich jener Kunstwille bedient?

Arbeit und Sklaventhum.

Das Weib.

Der politische Trieb.

Die Natur.

Mangel des Gelehrten.

5 [113]

Vernichtung der Kunst. Vereinzelung der Künste und gegenseitiger Übergriff.

Die verständige Kunst.

Der Sokratismus.

Spukhafter Charakter der Götter.

Der tragische Mensch.

5 [114]

Der tragische Mensch.

Einleitung. Die Mystagogen.

5 [115]

Die Kunstgötter.

Was ist über die Griechen zu lehren, wenn man von ihrer heiteren Welt ausgeht? und sich den Ernst verhüllt? Die Angriffe auf das klassische Alterthum sind so ganz berechtigt.

Man muß zeigen, daß eine tiefere Weltoffenbarung in ihm liegt als in unsern zerrissenen Zuständen, mit einer künstlich eingeimpften Religion. Entweder sterben wir an dieser Religion oder die Religion an uns. Ich glaube an das urgermanische Wort: alle Götter müssen sterben.

Es mag jeder von denen, die sich als Freunde des Alterthums geberden, zusehn, auf welchem Wege er sich dem Alterthum nähere: nur müssen wir verlangen, daß ein jeder dieser sehnsüchtigen Freunde sich wirklich und ernsthaft um jenes verzauberte Schloß bemühe, um irgendwo einen versteckten Eingang zu finden, durch den gerade er sich hineinschleichen könne. Wem dies nämlich nur an irgend einer Stelle gelungen ist, der wird befähigt sein zu urtheilen, ob wir im Folgenden von einer wahrhaft geschauten und erlebten Welt der Dinge reden.

5 [116]

Act. I. E<mpedokles> stürzt den Pan, der ihm die Antwort verweigert. Er fühlt sich geächtet.

Die Agrigentiner wollen ihn zum König wählen, unerhörte Ehren. Er erkennt den Wahn der Religion, nach langem Kampfe.

Die Krone wird ihm von der schönsten Frau dargebracht.

II. Furchtbare Pest, er bereitet große Schauspiele, dionysische Bacchanale, die Kunst offenbart sich als Prophetin des Menschenwehs. Das Weib als die Natur.

III. Er beschließt bei einer Leichenfeier das Volk zu vernichten, um es von der Qual zu befrein. Die Überlebenden der Pest sind ihm noch bemitleidenswerther.

Bei dem Pantempel. "Der große Pan ist todt".

5 [117]

Das Weib in der Theatervorstellung, stürzt heraus und sieht den Geliebten niedersinken. Sie will zu ihm, Empedokles hält sie zurück und entdeckt seine Liebe zu ihr. Sie giebt nach, der Sterbende spricht, Empedokles entsetzt sich vor der ihm offenbarten Natur.

5 [118]

Empedocles, der durch alle Stufen, Religion Kunst Wissenschaft getrieben wird und die letzte auflösend gegen sich selbst richtet.

Aus der Religion durch die Erkenntniß daß sie Trug ist.

Jetzt Lust am künstlerischen Scheine, daraus durch das erkannte Weltleiden getrieben. Das Weib als die Natur.

Jetzt betrachtet er als Anatom das Weltleiden, wird Tyrann, der Religion und Kunst benutzt, und verhärtet sich immer mehr. Er beschließt Vernichtung des Volks, weil er dessen Unheilbarkeit erkannt hat. Das Volk, um den Krater versammelt: er wird wahnsinnig und verkündet vor seinem Verschwinden die Wahrheit der Wiedergeburt. Ein Freund stirbt mit ihm.

5 [119]

23. Warum aus Tragödie attische Komödie. Dialektik. Optimismus der Ethik.

24. Wissenschaft.

25. Erziehung.

26. Heiterkeit-Mechanismus.

5 [120]

Die Tragödie und die griechische

Heiterkeit.

Vorrede.

Einleitung.

1. Die Geburt des tragischen Gedankens. Vorbereitungen der Tragödie.

2. Die Mittel des hellenischen Willens, um zur Tragödie zu gelangen.

3. Das tragische Kunstwerk.

4. Der Tod der Tragödie.

5. Erziehung und Wissenschaft.

6. Homer.

7. Metaphysik der Kunst.

5 [121]

Republ. VIII, von cap. 10 an, Schilderung der Demokratie und der Tyrannis.

Lib. X Austreibung der Dichter.

5 [122]

Abhandlungen.

Zur Philosophie des Tragischen.

Philologen als Metriker.

Hesiod.

Homerische Frage und Antwort.

Sprache im Unterricht.

Das Gymnasium.

Geschichte im Unterricht.

5 [123]

Hauptpunkte.

Die Mysterien und das Drama Geburten einer Zeit, auch ihrer Weltanschauung nach verwandt.

Das sechste Jahrhundert als der Höhepunkt: das Ersterben des Epos in der faustischen Gegenwart. Ungeheures politisches Ringen.

Simplicität des Griechischen: die Stimme der Natur den Frauen und den Sklaven gegenüber unverdorben. Der besiegte Feind. Humanität ist ein ganz ungriechischer Begriff.

Religionen sind Weltausbesserungen durch das Bild und den Begriff. Die hesiodische Theogonie löst die Welt in Menschen auf: weil der Mensch noch das Bekannteste sich zu sein scheint.

Das Schöne bei den Deutschen das "Glänzende", bei den Römern pul-cer das "Starke", bei den Griechen das "Reine".

Schwer erklärbar: das Unendlich-Stabile des antiken Dramas. – Ganz diverse Dinge: das bürgerliche Schauspiel (neuere Komödie) und die alte Tragödie.

Wie ist eine unnationale Religion möglich? Z. B. das Christenthum.

Der bewußte Intellekt ein schwaches Ding, wirklich nur μηχανη des Willens. Aber der Intellekt selbst und der Wille sind eins.

Herodot eine Hauptquelle der Erkenntniß.

Für die Einleitung. Die Simplicität des Griechischen. Sodann die Wichtigkeit der naheliegenden Probleme, während das Entlegene nur selten Ausbeute giebt.

Sammlung von glücklichen Belegstellen.

5 [124]

Die Aesthetik des Aristoteles.

Die Musik und die οψις als ηδυσματα.

Die Höhepunkte aller Künste liegen später als das Drama: dies nahm sie nicht auf, sondern blieb conservativ.

5 [125]

Sokrates ließ sich nicht in die Mysterien einweihen.


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