Friedrich Wilhelm Nietzsche
Fragmente 1869-1874, Band 1
Friedrich Wilhelm Nietzsche

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[Januar – Februar 1874]

[Dokument: Mappe loser Blätter]

33 [1]

Wenn für Göthe das Dichten eine Art Auskunftsmittel für einen verfehlten Malerberuf war, wenn man von Schillers Dramen als von einer versetzten Volksberedtsamkeit reden kann, so mag es auch recht sein, in Wagner als Urbegabung die schauspielerische anzunehmen, der es versagt war, sich auf dem nächsten Wege zu befriedigen, und die in der Heranziehung aller andern Künste zu einem großen schauspielerischen Ideale ihre Auskunft und ihre Rettung findet.

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Das Publicum, welches in unsern Theatern sitzt, ist für die verschiedenen Künste des Theaters sehr verschiedenartig und ungleichmäßig ausgebildet; der Grad seines Wissens und Fühlens ist für die Musik ein anderer, als für die Schauspielkunst, und wieder ein anderer für die dramatische Dichtkunst. Wagner beobachtete frühzeitig das, was auf dieses Publicum wirkt, und setzte zur Erklärung dieser Wirkungen voraus, daß jenes Publicum immer aus dem Innersten heraus und gleichsam aus der einen Wurzel seines Wesens seine Neigung und Abneigung äußere. Er suchte also die Quelle der Wirkungen hinter den verschiedenen Ausbildungen in dem lebendigen Kerne der Individuen. Bei dem Anblick einer Oper nahm er z. B. instinktiv an, daß kein Zuhörer seinen Musikgenuß von dem Genuß des Dramas und der schauspielerischen Kunst abtrennen könne und daß der Effekt, den die ganze Oper macht, aus einer Menge von einzelnen Effekten zusammen addirt sei, zu denen jede Kunst eine völlig gleiche Zahl beigesteuert habe. Später wurde ihm diese Rechnung durch eine große Schauspielerin in Verwirrung gebracht, die Schröder-Devrient steigert eine unbedeutende Musik und ein oberflächliches, marionettenhaftes Theaterstück durch ihr Spiel zu der Wirkung tragischer Größe; aber sofort steigert sich auch das Ideal Wagners, und seine Rechnung kommt wieder in's Gleiche dadurch, daß er sich die Frage stellt, welche Höhe wird erst die Wirkung erreichen können, wenn einer solchen Künstlerin die Größe der Musik und überhaupt das ganze Drama entspricht.

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Was Goethe von sich gesagt hat, konnte auch Wagner von sich sagen: "Ich habe niemals einen präsumptuöseren Menschen gekannt, als mich selbst; und daß ich das sage zeigt schon, daß wahr ist, was ich sage. Niemals glaubte ich, daß etwas zu erreichen wäre, immer dachte ich, ich hätte es schon; man hätte mir eine Krone aufsetzen können, und ich hätte gedacht, das verstehe sich von selbst. Und doch war ich gerade dadurch nur ein Mensch, wie andere, aber daß ich das über meine Kräfte ergriffene durchzuarbeiten, das über mein Verdienst erhaltene zu verdienen suchte, dadurch unterschied ich mich blos von einem wahrhaft wahnsinnigen." So zweifelte auch Wagner nie daran, das zu können, was ihm gefiel; sein Geschmack und sein Können wuchsen zusammen. Was auf ihn stark wirkte, das wollte er auch machen; von seinen Vorbildern verstand er auf jeder Stufe nicht mehr, als er auch nachmachen konnte.

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Wagner ist eine gesetzgeberische Natur. Er übersieht viele Verhältnisse auf einen Blick und ist nicht im Kleinen befangen. Er ordnet alles nach großen Maaßen; man wird ihn immer falsch beurtheilen, wenn man ihn nach einer Einzelheit beurtheilt, sowohl in der Musik, als im Drama, als sogar in seinen Staats- und Gesellschaftsansichten.

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Von seinen frühsten Werken könnte man sagen, die Musik darin ist nicht viel werth, die Poesie auch nicht, das Drama auch nicht, die Schauspielkunst ist oft nur naturalistische Rhetorik, aber alles ist eins und auf einer Höhe und hat darin seine Größe. Es wäre möglich, daß Wagner der Denker gleich hoch stünde, wie Wagner der Musiker und Dichter.

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Das frühste Problem Wagners ist: warum bleibt die Wirkung aus, da ich sie empfange. Dieß treibt ihn zu einer Kritik des Publikums, der Gesellschaft, des Staates. Sein Instinkt führte ihn zuerst dahin, zwischen Künstler und Publicum das Verhältniß von Subjekt und Objekt vorauszusetzen. Seine Erfahrung zeigt ihm, daß das Verhältniß leider ein ganz anderes ist, und er wird zum Kritiker seiner Zeit.

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Wagners Begabung ist ein aufwachsender Wald, kein aufwachsender Baum. Seine stärkste Kraft ist die, die Einheit im Verschiedenen zu fühlen, und zwar außer sich, als Künstler, und in sich, als Individuum. Sein Auge ist von Natur auf die Beziehung der Künste zu einander, auf die Verbindung von Staat, Gesellschaft und Kunst gerichtet.

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In mancher Folge von Harmonien Wagners <em>pfinde ich etwas angenehm Widerstrebendes, w<ie> beim Drehen eines Schlüssels in einem complicirt<en> Schlosse. Man wundert sich, wie gesetzmäßig der <Wider>stand nachläßt.

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Das Rhythmische und Gesetzmäßige zeigt sich bei Wagner nur in den Maaßen der größten Dimension, im einzelnen ist er oft gewaltsam und unrhythmisch.

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Wagner hat sich so gewöhnt in verschiedenen Künsten gleichzeitig zu empfinden und zu schaffen, daß er sich für vereinzelte Künste oft ganz unempfindlich oder ungerecht zeigt. In der Periode seiner größten theoretischen Strenge hat er sogar das Recht jener vereinzelten Künste geleugnet, und aus jener Zeit stammen viele Mißhelligkeiten mit seinen Zeitgenossen.

33 [11]

Die eine Eigenschaft Wagners ist Unbändigkeit und Maaßlosigkeit. Er steigt immer bis auf die letzten Sprossen seiner Kraft, seiner Empfindung, und glaubt dort erst in der freien Natur zu sein. Seine andere Eigenschaft ist eine außerordentliche schauspielerische Begabung, die gehemmt und versetzt ist, und sich auf andern Wegen als auf den ersten und nächsten Bahn brechen muß. Zum Schauspieler fehlt ihm Gestalt, Stimme und die nöthige Beschränktheit.

33 [12]

Die Heiterkeit Wagners ist das Sicherheitsgefühl dessen, der von den größten Gefahren, Ausschreitungen und Ekstasen zurückgekehrt ist, zurück in's Begrenzte und Heimische. Alle Menschen, mit denen er umgeht, sind solche begrenzte Abschnitte aus seinem eigenen grenzenlosen Laufe (wenigstens empfindet er nichts mehr an ihnen); deshalb kann er mit ihnen heiter und überlegen gütig verkehren, sind doch alle Leiden, Nöthe, Bedenken derselben im Vergleiche zu den seinigen wunderliche Spiele.

33 [13]

Keiner unserer großen Musiker war in seinem achtundzwanzigsten Jahre noch ein so schlechter Musiker wie er.

33 [14]

Im Tannhäuser suchte er eine Reihe von verschiedenen ekstatischen Zuständen als Äußerungen eines Individuums zu motiviren. Er meinte wohl damals, daß sich erst in diesen Zuständen der natürliche und freie Mensch offenbare. In den Meistersingern und in Theilen seiner Nibelungen kehrt er freiwillig zur Selbstbeherrschung und Selbstbegrenzung zurück. Er ist darin größer, als in dem früheren ekstatischen Sichgehenlassen.

33 [15]

Wagner ist ein Mensch, dessen sittliche Natur durch die immer stärkeren Forderungen seines Kunsttriebes disciplinirt wird. Seine Natur theilt sich allmählig, wie ein Stamm in Äste auseinandergeht; neben Tannhäuser, Walther, Siegfried treten Sachs und Wotan. Er lernt den Mann zu begreifen, und lernt dieß sehr spät. Tannhäuser und Lohengrin sind Spiegelungen eines Jünglings. Die Jugend Wagners ist die eines vielseitigen Dilettanten, aus dem nichts Rechtes werden will. Ich habe aber selbst in den letzten Jahren zwei oder dreimal den unsinnigen Zweifel in mir gefühlt, ob Wagner überhaupt musikalische Begabung habe.

33 [16]

Er hat Staat, Gesellschaft, Jugend, Begabung der Völker und überhaupt alles an seiner Kunst gemessen; in unbefriedigtem Zustande wünschte er wohl, daß diese ganze moderne Welt zu Grunde gehe. Er entladet sich selbst seiner Schwächen, wenn er sie <einma>l erkannt hat, dadurch, daß er diese der modernen <Welt> zuschiebt. Er glaubt an die Güte der menschlichen <Natu>r, vorausgesetzt, daß sie frei waltet, und führt alle <Schlec>htigkeit auf Knechtschaft und Hemmung zurück. <Um> auch als Künstler frei zu sein, lief er in Dresden seinem Amte davon, denn er wollte durchaus nicht mehr dienen und benutzte die Revolution, um als Hof- und Kapellmeister sich unmöglich zu machen.


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