Friedrich Wilhelm Nietzsche
Fragmente 1869-1874, Band 1
Friedrich Wilhelm Nietzsche

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[Anfang 1874 bis Frühjahr 1874]

[Dokument: Heft]

32 [1]

Ist noch Alles christlich, was sich so nennt? Oder, ausführlicher und zugleich bedenklicher gefragt, was ist überhaupt, in unserem jetzigen Leben, noch wirklich christlich, was dagegen nennt sich nur so, aus Angewöhnung oder Furchtsamkeit? Und giebt es etwas was sich nicht einmal mehr so nennt <und> vielmehr eingestandenermaassen unchristlich ist? Um die letzte Frage zuerst zu beantworten, nenne ich, des Beispiels halber, die gesammte Wissenschaft: sie ist jetzt unchristlich und will so heissen.

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Cicero.

Schmuck.

Ehrlichkeit.

Decorative Cultur.

An den Griechen auch jetzt zu lernen.

Der moralische Mangel Cicero's erklärt seinen aesthetischen Mangel (an Ehrlichkeit)?

Alle neueren Zeiten leiden an diesem Mangel: unser Stil verhüllt.

Es ist nach der Art Cicero's fortzuringen mit den Griechen. Leopardi.

Die Stärke und Ehrlichkeit seines Characters zeigt sich als Künstler. Aber die Reinheit seines Geschmacks ist nicht so gross, dass er vermöchte Demosthenes nachzuahmen: ob er schon höchlichst mit ihm wetteifert. (W<agner> und Beethoven.) Er ist als Künstler ehrlich und giebt ganz, was ihm gefällt. Aber ihm gefällt nicht das Beste am meisten, sondern das Asiatische. Das war ächt römisch.

Civilisatorische Möglichkeit schwebt vor.

Für die römische Cultur wesentlich die Separation der "Form"; der "Inhalt" wird durch sie versteckt oder übertüncht. Das Nachmachen einer fremden fertigen Cultur ist deutlich zu beobachten. Aber das haben, die Griechen auch gethan. Ein neues Gebilde ist das Resultat. Die römische Beredsamkeit war da grösster Kraft und vermochte deshalb sich das Fremde zu assimiliren. Das Prächtige, Brutale und Verführerische der asiatischen Rhetorik zuerst, dann der rhodischen, dann der attischen Kunst: also rückwärts, in's immer Einfachere.

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Epos (Sprache Genesis der Kultur) – Hesiod's Erga.

Lyrik (dazu die Rhythmik) – Fragmente.

Drama (Staat und Kunst) – Choephoren Oedipus rex.

Redner (Griechen und Römer) – Demosth. de corona.

Philosophen (Kampf gegen die Religion) – Phaedo.

Historiker (Kampf gegen das Mythische) – Thucydides.

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Griechisch und Barbarisch.

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1874 Thuc. I Perser. Gorgias. Pro corona. Redner. Epos

1875 Thuc. II Trachin. Ar. Ethik. Rede Drama.

1876 Thuc. 3 Antigone. Ar. Politik. Rede. Lyrik.

1877 Thuc. 4 Oed. Col. Plat. Staat. Rede. Mythologie.

1878 Thuc. 5 Frösche. Leges. Rede.

1879 Thuc. 6 Vögel. Theophr. Charact. Historiker

Rede

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Geschichts-Werk.

Tragödie.

Novelle.

Moral und Medezin. Über griechische Litteratur.

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Die Philosophen.

Laertius Diogenes.

Die διαδοχαι.

Die Sprache.

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Wenn Goethe ein versetzter Maler, Schiller ein versetzter Redner ist, so ist Wagner ein versetzter Schauspieler. Er nimmt bes<onders> die Musik hinzu –

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Wagner fand das Publikum sehr verschiedenartig ausgebildet, anders in der Beurtheilung der Schauspielkunst, anders für Musik. Er nahm es als Einheit und erklärte seine Ausbrüche von Neigung als aus Einer Wurzel kommend, d. h. er setzte voraus, dass der Effect durch gleiche Portionen von Einzeleffecten zusammenaddirt sei. So und so viel Freude an der Musik, ebenso viel an der Schauspielkunst, ebensoviel am Drama.

Nun lernt er, dass eine grosse Schauspielerin diese Rechnung in Verwirrung bringt – zugleich aber steigert sich sein Ideal – was wird die Wirkung erst für eine Höhe erreichen, wenn eine gleich grosse Musik usw. entspricht?

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Unmässigkeit und Schrankenlosigkeit galt ihm wohl als Natur.

Goethe zweifelte auch nicht das zu können, was ihm gefiel. Sein Geschmack und sein Können giengen parallel. Das Präsumptuöse.

Was auf Wagner stark wirkte, das wollte er auch machen. Von seinen Vorbildern verstand er nicht mehr, als er auch nachmachen könnte. Schauspieler-Natur.

Wagner ist eine gesetzgeberische Natur: er übersieht viel Verhältnisse und ist nicht im Kleinen befangen, er ordnet alles im Grossen und ist nicht nach der isolirten Einzelheit zu beurtheilen – Musik Drama Poesie Staat Kunst usw.

Die Musik ist nicht viel werth, die Poesie auch <nicht>, das Drama auch nicht, die Schauspielkunst ist oft nur Rhetorik – aber alles ist im Grossen Eins und auf einer Höhe.

Wagner als Denker ist gleich so hoch als Wagner als Musiker und Dichter.

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Das erste Problem Wagner's "warum bleibt die Wirkung aus, da ich sie empfange?" Dies treibt ihn zu einer Kritik des Publikums, des Staates, der Gesellschaft. Er setzt zwischen Künstler und Publikum das Verhältniss vom Subject und Object – ganz naiv.

Wagners Begabung ist ein aufwachsender Wald, kein einzelner Baum.

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Er hat das Gefühl der Einheit im Verschiedenen – deshalb halte ich ihn für einen Kulturträger.

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Bei manchen Harmonien hat er etwas Angenehm-Widerstrebendes, wie beim Drehen eines Schlüssels in einem complicirten Schlosse.

Im Grossen ist Wagner gesetzmässig und rhythmisch, im Einzelnen oft gewaltsam und unrhythmisch.

Wagner hat sich so gewöhnt, in verschiedenen Künsten zugleich zu empfinden, dass er für neue Musik völlig unempfindlich ist: so dass er sie theoretisch verwirft. Ebenso für Dichtungen. Daraus viele Misshelligkeiten mit Zeitgenossen.

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Jede Kunst hat eine Stufe der Rhetorik. Fundamentaler Unterschied zwischen Poesie und Rhetorik, oder Kunst und Rhetorik.

Entstehung bei Empedocles characteristisch. Mittelwesen.

Schauspieler und Redner: erster vorausgesetzt.

Naturalismus. Rechnung auf den Affect. Auf das grosse Publikum.

Alles aufzuzählen, wodurch die Rhetorik der unmoralischen Kunst entspricht.

Entstehung der Kunstprosa als Nachklang der Rhetorik.

Es ist sehr selten, dass einer als Künstler wirklich seine Subjectivität herausstellt: die meisten verstecken sie durch eine angenommene Manier und Stil.

Ehrliche Kunst und unehrliche Kunst – Hauptunterschied. Die sogenannte objective Kunst ist am häufigsten nur unehrliche Kunst. Die Rhetorik ist deshalb ehrlicher, weil sie das Täuschen als Ziel anerkennt. Sie will gar nicht die Subjectivität ausdrücken, sondern einem gewissen Ideal von Subject, dem mächtigen Staatsmanne usw., wie ihn sich das Volk denkt <, entsprechen>.

Jeder Künstler fängt unehrlich an, nämlich redend wie sein Meister (Sophocles Schwulst des Aeschylus). Am häufigsten Contrast zwischen Erkennen und Können ewig: dann stellen sich die Künstler auf Seite des Geschmacks und bleiben ewig unehrlich. Cicero der dekorative Mensch eines Weltreichs. Als vollendeter Mensch und Wonne der Natur empfindet er sich, daher sein Ruhmgefühl. Seine politischen Thaten sind Dekoration. Er verwendet Alles, Wissenschaften und Künste, nach ihrer dekorativen Kraft. Erfinder des "Pathos an sich", der schönen Leidenschaft. Die Cultur als verhüllende Dekoration.

Aufgabe. das Werden einer solchen Natur psychologisch zu erklären.

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Die eine Eigenschaft Wagner's: Unbändigkeit, Maasslosigkeit, er geht bis auf die letzten Sprossen seiner Kraft, seiner Empfindung.

Die Heiterkeit Wagner's ist das Sicherheitsgefühl dessen, der von den grössten Gefahren und Ausschweifungen zurückkehrt, in's Begrenzte und Heimische: alle Menschen, mit denen er umgeht, sind solche begrenzte Abschnitte aus seinem eignen Laufe (wenigstens empfindet er nichts mehr an ihnen) deshalb kann er hier heiter und überlegen sein, denn hier kann er mit allen Nöthen Bedenken spielen.

Die andere Eigenschaft ist eine grosse schauspielerische Begabung, die versetzt ist, die sich in anderen Wegen Bahn bricht als auf dem ersten nächsten: dazu nämlich fehlt ihm Gestalt Stimme und die nöthige Bescheidung.

Keiner unserer grossen Musiker war in seinem 28ten Jahr ein noch so schlechter Musiker wie Wagner.

Im Tannhäuser sucht er eine Reihe von ekstatischen Zuständen an einem Individuum zu motiviren: er scheint zu meinen, erst in diesen Zuständen zeige sich der natürliche Mensch.

In den Meistersingern und in Theilen seiner Nibelungen kehrt er zur Selbstbeherrschung zurück: er ist darin grösser als in dem ekstatischen Sichgehenlassen. Die Beschränkung steht ihm wohl.

Ein Mensch, der durch seinen Kunsttrieb disciplinirt wird.

Er entladet sich seiner Schwächen, dadurch dass er sie der modernen Zeit zuschiebt: natürlicher Glaube an die Güte der Natur, wenn sie frei waltet.

Er misst Staat Gesellschaft Tugend Volk, Alles an seiner Kunst: und in unbefriedigtem Zustande wünscht er, dass die Welt zu Grunde gehe.

Die Jugend Wagner's ist die eines vielseitigen Dilettanten, aus dem nichts Rechtes werden will.

Ich habe oft unsinniger Weise bezweifelt, ob Wagner musikalische Begabung habe.

Seine Natur theilt sich allmählich: neben Siegfried, Walter, Tannhäuser tritt Sachs-Wotan. Er lernt den, Mann zu begreifen, sehr spät. Tannhäuser und Lohengrin sind Ausgeburten eines Jünglings.

Er lief seinem Amte davon, weil er nicht mehr dienen mochte.

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Als Schauspieler wollte er den Menschen nur als den wirksamsten und wirklichsten nachahmen: im höchsten Affect. Denn seine extreme Natur sah in allen andern Zuständen Schwäche und Unwahrheit. Die Gefahr der Affectmalerei ist für den Künstler ausserordentlich. Das Berauschende, das Sinnliche Ekstatische, das Plötzliche, das Bewegtsein um jeden Preis – schreckliche Tendenzen!

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Die Musik zu Beckmesser ist superlativisch: sie kann keinen mehr ausdrücken, der mehr geprügelt und geschunden ist. Man hat ordentlich Mitleid, wie wenn ein Bucklichter verhöhnt wird.

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Richard Wagner in Bayreuth.

Motto: – – –

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Die Sehnsucht nach der Ruhe Treue – aus dem Unbändigen, Grenzenlosen – im fliegenden Holländer.

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Wagner ist eine regierende Natur, nur dann in seinem Elemente, nur dann gewiss mässig und fest: die Hemmung dieses Triebes macht ihn unmässig, excentrisch, widerhaarig.

Wagner ist ein geborner Schauspieler, aber gleichsam wie Goethe ein Maler ohne Malerhände. Seine Begabung sucht und findet Auswege.

Nun denke man sich diese versagten Triebe zusammen wirkend.

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Es ist ernstlich möglich, dass Wagner den Deutschen die Beschäftigung mit den einzelnen vereinzelten Künsten verleidet. Vielleicht sogar lässt sich aus seiner Nachwirkung das Bild einer einheitlichen Bildung gewinnen, das durch Zusammenaddiren einzelner Fertigkeiten und Kenntnisse nicht erreicht werden kann.

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Nicht zu vergessen: es ist eine theatralische Sprache, die Wagner's Kunst redet; sie gehört nicht in's Zimmer, in die camera. Es ist eine Volksrede, und die lässt sich ohne eine starke Vergröberung selbst des Edelsten nicht denken. Sie soll in die Ferne wirken und das Volkschaos zusammenkitten. Z. B. der Kaisermarsch.

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Sehr viele Missgriffe liegen daran, dass der Beurtheilende von seiner partiellen Kunst (Haus-Kunst) ausgeht.

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Er steht zur Musik wie ein Schauspieler: deshalb kann er gleichsam aus verschiedenen Musikerseelen sprechen und ganz diverse Welten (Tristan, Meistersinger) nebeneinander hinstellen.

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Man muss nicht unbillig sein und nicht von einem Künstler die Reinheit und Uneigennützigkeit verlangen, wie sie ein Luther usw. besitzt. Doch leuchtet aus Bach und Beethoven eine reinere Natur. Das Ekstatische ist bei Wagner oft gewaltsam und nicht naiv genug, zudem durch starke Contraste zu stark in Scene gesetzt.

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Sein Zurückfliehen zur Natur d. h. zum Affect ist deshalb verdächtig, weil der Affect am wirkungsreichsten ist. Falsch die Möglichkeit einer Kunst, die reine Improvisation ist: das ist der deutschen Musik entgegen doch nur ein naiver Standpunct. Die organische Einheit liegt bei Wagner im Drama, durchdringt aber deshalb nicht die Musik (oft nicht), ebensowenig den Text. Der behält den Eindruck des Improvisirten (das nur bei den vollendeten Künstlern etwas Gutes ist, nicht bei werdenden: aber es täuscht immer und erweckt den Eindruck des Reichthums).

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Zwischen Musik und Sprache ist eine Verbindung möglich, die wirklich organisch ist: im Lied. Oft auch in ganzen Scenen. Es ist ein Ideal, das Drama und die Musik in ein solches Verhältniss zu bringen. Vorbild der antike Chortanz. Aber das Ziel ist sofort viel zu hoch genommen: denn wir haben noch keinen Stil der Bewegung, keine ebenso reiche Ausbildung der Orchestik, wie es unsre Musik hat. Die Musik aber in den Dienst einer naturalistischen Leidenschaftlichkeit zwingen, löst sie auf und verwirrt sie selbst und macht sie später unfähig, die gemeinsame Aufgabe zu lösen. Dass uns eine solche Kunst wie die Wagner's auf's höchste gefällt, dass sie eine unendliche Ferne der Kunstentwicklung noch aufzeigt, ist kein Zweifel. Aber der deutsche Formensinn! Wenn nur die Musik nicht schlecht wird und die Form ausbleibt! Im Dienste Hans-Sachsischer Gebärden muss die Musik entarten (Beckmesser).

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Es liegt etwas Komisches darin: Wagner kann die Deutschen nicht überreden, das Theater ernst zu nehmen. Sie bleiben kalt und gemüthlich – er ereifert sich, als ob das Heil der Deutschen davon abhienge. Jetzt zumal glauben die Deutschen ernsthafter beschäftigt zu sein und es kommt ihnen wie eine lustige Schwärmerei vor, dass Jemand der Kunst so feierlich sich zuwendet.

Reformator ist Wagner nicht, denn bis jetzt ist Alles beim Alten geblieben. In Deutschland nimmt jeder seine Sache ernst, da lacht man über den, der für sich allein das Ernstnehmen praetendirt.

Eine ernste Nation will sich einige Leichtfertigkeit nicht verkümmern lassen, die Deutschen nicht in den theatralischen Künsten.

Hauptsache: die Bedeutung der Kunst, wie sie Wagner hat, passt nicht in unsre gesellschaftlichen und arbeitenden Verhältnisse. Daher instinktive Abneigung gegen das Ungeeignete.

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Wagner ist für einen Deutschen zu unbescheiden; man denke an Luther, unsre Feldherrn.

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Wagner als Schriftsteller giebt nicht sein Bild treu wieder. Er componirt nicht: das Gesammte kommt nicht zur Anschauung: im Einzelnen schweift er ab, ist dunkel, und nicht harmlos und überlegen. Er hat keine heitere Anmaassung. Es ist ihm alle Anmuth, Zierlichkeit versagt, auch dialektische Schärfe.

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Wie erwarb sich Wagner die Anhänger? Sänger, die als Dramatiker interessant wurden und eine ganz neue Möglichkeit zu wirken bekamen, vielleicht bei geringerer Stimme. Musiker, die bei dem Meister des Vortrags lernten: der Vortrag muss so genial sein, dass er über das Werk selbst zu keinem Bewusstsein dringt. Orchestermusiker im Theater, die sich früher langweilten. Musiker, die Berauschung oder Bezauberung des Publikums auf direkte Weise betrieben und die die Farbeneffecte des Wagnerschen Orchesters erlernten. Alle Arten von Unzufriednen, die bei jedem Umsturz etwas für sich zu gewinnen hofften. Menschen, die für jeden sogenannten "Fortschritt" schwärmen. Solche, die sich bei der bisherigen Musik langweilten und nun ihre Nerven kräftiger bewegt fanden. Menschen, die sich für alles Verwegne und Kühne fortreissen lassen. – Er hatte bald die Virtuosen für sich, bald einen Theil der Componisten; – entbehren kann ihn kaum Einer oder der Andre. Litteraten mit allen unklaren Reformbedürfnissen. Künstler, die die Art unabhängig zu leben bewundern.

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Die "falsche Allmacht" entwickelt etwas "Tyrannisches" in Wagner. Das Gefühl ohne Erben zu sein – deshalb sucht er seiner Reformidee die möglichste Breite zu geben und sich gleichsam durch Adoption fortzupflanzen. Streben nach Legitimität.

Der Tyrann lässt keine andre Individualität gelten als die seinige und die seiner Vertrauten. Die Gefahr für Wagner ist gross, wenn er Brahms usw. nicht gelten lässt: oder die Juden.

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Wagner ist moderner Mensch und vermag sich nicht durch den Glauben an Gott zu ermuthigen und zu befestigen. Er glaubt nicht in der Hand eines guten Wesens zu stehen, aber er glaubt an sich. Keiner ist mehr gegen sich ganz ehrlich, der nur an sich glaubt. Wagner beseitigt alle seine Schwächen, dadurch dass er sie der Zeit und den Gegnern aufbürdet.

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Der Tyrannensinn für das Colossale.

Es kommt ihm gar keine Pietät entgegen, der ächte Musiker betrachtet ihn als einen Eindringling, als illegitim.

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Es ist ein Glück, dass Wagner nicht auf einer höheren Stelle, als Edelmann, geboren ist und nicht auf die politische Sphäre verfiel.

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Der Mensch, der dieser ungeheuren Entzückungen und Selbstentäusserungen sich fähig fühlt, behält schwerlich Bescheidenheit, denn nur der Wissende ist zum Bescheiden aufgefordert, der Unwissende-Begeisterte ist unbegrenzt. Cult des Genius kommt hinzu, durch Schopenhauer genährt.

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Man sollte durch das Misslingen Wagner nicht noch mehr aufreizen; man macht ihn allzu grimmig.

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Er wird jetzt wohl der unbefangenste Schätzer der deutschen kleinen Tugenden und Beschränktheiten sein, denn er sieht sie unterliegen und conspirirt mit ihnen gegen das, was jetzt siegt.

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Er hat sich vom Nachdenken über politische Möglichkeiten nicht frei gehalten: zu seinem Unglücke auch mit dem K<önig> v<on> B<ayern>, der ihm erstens sein Werk nicht aufführte, zweitens es durch vorläufige Aufführungen halb preisgab und drittens ihm einen höchst unpopulären Ruf schaffte, weil man die Ausschreitungen dieses Fürsten Wagner allgemein zuschreibt. Ebenso unglücklich liess er sich mit der Revolution ein: er verlor die vermögenden Protectoren, erregte Furcht und musste wiederum den socialistischen Parteien als ein Abtrünniger erscheinen: alles ohne jeden Vortheil für seine Kunst und ohne höhere Nothwendigkeit, überdiess als Zeichen der Unklugheit, denn er durchschaute die Lage 1849 gar nicht.

Drittens beleidigte er die Juden, die jetzt in Deutschland das meiste Geld und die Presse besitzen. Als er es that, hatte er keinen Beruf dazu: später war es Rache.

Ob er mit dem grossen Vertrauen, welches er in Bismarck setzte, Recht hatte, wird eine nicht zu ferne Zukunft lehren.

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In seinen Werthschätzungen der grossen Musiker gebraucht er zu starke Ausdrücke, z. B. nennt er Beethoven einen Heiligen. Auch ist, das Hinzuziehn der Worte in der neunten Symphonie als Hauptthat zu schildern, ein starkes Stück. Er erregt Misstrauen durch sein Lob wie durch seinen Tadel. Das Zierliche und Anmuthige sowie die reine Schönheit, der Widerglanz einer völlig gleichschwebenden Seele geht ihm ab: aber er sucht sie zu diskreditiren.

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Seine Begabung als Schauspieler zeigt sich darin, dass er es nie im persönlichen Leben ist. Als Schriftsteller ist er Rhetor, ohne die Kraft zu überzeugen.

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Das Aufhören der grossen rhythmischen Perioden, das Übrigbleiben der Taktphrasen, macht allerdings den Eindruck der Unendlichkeit, des Meers: aber es ist ein Kunstmittel, nicht das reguläre Gesetz, zu dem es Wagner stempeln möchte. Wir haschen zuerst darnach, suchen uns Perioden, werden immer wieder getäuscht, und endlich wirft man sich in die Wellen.

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Der Weg vom Tanz bis zur Symphonie kann nicht übersprungen werden: was bleibt übrig als ein naturalistisches Gegenstück der unrhythmischen wirklichen Leidenschaft. Aber mit der unstilisirten Natur kann die Kunst nichts anfangen. Excesse in dem Tristan der bedenklichsten Art, z. B. die Ausbrüche am Schluss des 2ten Aktes. Unmässigkeit in der Prügelscene der Meistersinger. Wagner fühlt, dass er in Hinsicht der Form die ganze Rohheit des Deutschen hat und will lieber unter Hans Sachsens Panier kämpfen als unter dem der Franzosen oder der Griechen. Unsre deutsche Musik (Mozart Beethoven) hat aber die italiänische Form in sich aufgenommen, wie das Volkslied, und entspricht deshalb mit ihrem feingegliederten Reichthum der Linien nicht mehr der bäuerlich-bürgerlichen Rüpelei.

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Wagner's Kunst ist überfliegend und transscendental, was soll unsre arme deutsche Niedrigkeit damit anfangen! Sie hat etwas wie Flucht aus dieser Welt, sie negirt dieselbe, sie verklärt diese Welt nicht. Deshalb wirkt sie nicht direkt moralisch, indirekt quietistisch. Nur um seiner Kunst eine Stätte in dieser Welt zu bereiten, sehen wir ihn beschäftigt und activ: aber was geht uns ein Tannhäuser Lohengrin Tristan Siegfried an! Das scheint aber das Loos der Kunst zu sein, in einer solchen Gegenwart, sie nimmt der absterbenden Religion ein Theil ihrer Kraft ab. Daher das Bündniss Wagner's und Schopenhauer's.

Es verräth, dass vielleicht bald einmal die Kultur nur noch in der Form klosterhaft abgeschiedener Sekten existirt: die sich zu der umgebenden Welt ablehnend verhalten. Der Schopenhauerische "Wille zum Leben" bekommt hier seinen Kunstausdruck: dieses dumpfe Treiben ohne Zweck, diese Ekstase, diese Verzweiflung, dieser Ton des Leidens und Begehrens, dieser Accent der Liebe und der Inbrunst. Selten ein heitrer Sonnenstrahl, aber viel magische Zaubereien der Beleuchtung.

In einer solchen Stellung der Kunst liegt ihre Stärke und Schwäche: es ist so schwer, von dort her zu dem einfachen Leben zurückzukehren. Die Verbesserung des Wirklichen ist nicht mehr das Ziel, sondern das Vernichten oder das Hinwegtäuschen des Wirklichen. Die Stärke liegt in dem sektirerischen Character: sie ist extrem und verlangt von dem Menschen eine unbedingte Entscheidung. – Ob wohl ein Mensch besser zu werden vermag, durch diese Kunst und durch Schopenhauerische Philosophie? Gewiss in Betreff der Wahrhaftigkeit. Wenn nur in einer Zeit, in der die Lüge und Convention so langweilig und uninteressant ist, die Wahrhaftigkeit nicht so interessant wäret So unterhaltend! Aesthetisch reizvoll!

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Die künstlerische Kraft veredelt den unbändigen Trieb und engt ihn ein, concentrirt ihn (zu dem Wunsch, dies Werk möglichst vollkommen zu gestalten). Sie veredelt die ganze Natur Wagners. Immer reckt sie sich wieder nach höheren Zielen aus, so hoch als er nur sehen kann: immer besser werden diese Ziele, endlich auch immer bestimmter und dadurch näher. So scheint der gegenwärtige Wagner dem Wagner von Oper und Drama, dem Socialisten nicht mehr zu entsprechen: das frühere Ziel scheint höher, ist aber nur ferner und unbestimmter. Seine jetzige Auffassung des Daseins, Deutschlands usw. ist tiefer, obwohl sie viel conservativer ist.

32 [46]

Die Einfachheit in der Anlage der Dramen zeigt den Schauspieler.

32 [47]

Shakespeare und Beethoven nebeneinander – der kühnste wahnsinnigste Gedanke.

32 [48]

Schuld und Unrecht abwälzend – weil er immer wächst, so vergisst er das Unrecht schnell: auf der neuen Stufe erscheint es ihm bereits gering und verharscht. Kann sich über Alles trösten, wie Schopenhauer.

32 [49]

Die Goethische Stelle vom präsumptuösen Menschen steht 27, 507.

32 [50]

Ob man bei Wagner von prächtiger "Actfigurenmusik" reden könnte?

Ihm schwebt das Bild des sichtbar werdenden Innern, des als Bewegung anzuschauenden Gemüthsprozesses vor – dem will er entsprechen: höchst schopenhauerisch den Willen direkt zu fassen.

Musik als Abbild einer Existenz durch das Nacheinander.

32 [51]

Gefahr dass in den Bewegungen und Handlungen des Drama's die Motive für die Bewegung der Musik liegen, dass sie geleitet wird. Es ist nicht nöthig, dass Eins von beiden leitet – im vollkommenen Kunstwerk haben wir das Gefühl des nothwendigen Nebeneinanders.

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Wagner bezeichnet als den Irrthum im Kunstgenre der Oper, dass ein Mittel des Ausdrucks, die Musik, zum Zwecke, der Zweck des Ausdrucks aber zum Mittel gemacht war.

Also die Musik gilt ihm als Mittel des Ausdrucks – sehr characteristisch für den Schauspieler. Jetzt war man bei einer Symphonie gefragt. wenn die Musik hier Mittel des Ausdrucks ist, was ist der Zweck? Der kann also nicht in der Musik liegen: das, was seinem Wesen nach Mittel des Ausdrucks ist, muss nun etwas haben, was es ausdrücken soll: Wagner meint das Drama. Ohne dies hält er die Musik allein für ein Unding: es erweckt die Frage "warum der Lärm?". Deshalb hielt er die 9te Symphonie für die eigentliche That Beethovens, weil er hier durch Hinzunahme des Wortes der Musik ihren Sinn gab, Mittel des Ausdrucks zu sein.

Mittel und Zweck – Musik und Drama – ältere Lehre.

Allgemeines und Beispiel – Musik und Drama – neuere Lehre.

Ist die letztere wahr, so darf das Allgemeine ganz und gar nicht abhängig vom Beispiel sein, d. h. die absolute Musik ist im Recht, auch die Musik des Drama's muss absolute Musik sein.

Nun ist das immer noch mehr ein Gleichniss und Bild – es ist nicht völlig wahr, dass das Drama nur ein Beispiel zur Allgemeinheit der Musik ist: Gattung und Species, worin doch? Als Bewegung von Tönen gegenüber den Bewegungen von Gestalten (um hier nur vom mimischen Drama zureden).

Nun können aber auch die Bewegungen einer Gestalt das Allgemeinere sein: denn sie drücken innerliche Zustände aus, die viel reicher und nuancirter sind als ihr Bewegungsresultat am äussern Menschen: weshalb wir so oft eine Gebärde missverstehen. Überdies ist unendlich viel Conventionelles an allen Gebärden – der völlig freie Mensch ist ein Phantasma. Lässt man aber die Bewegtheit der Gestalt fahren, und redet vom bewegten Gefühl, so sollte nun die Musik das Allgemeinere, das bewegte Gefühl der und jener Person das Specielle sein. Die Musik aber ist eben das bewegte Gefühl des Musikers in Tönen ausgedrückt, also jedenfalls eines Individuums. Und so war es immer (wenn man von der reinen formalistischen Ton-Arabesken-Lehre absieht). So hätte man den vollen Widerspruch: ein ganz specieller Ausdruck des Gefühls als Musik, ganz bestimmt – und daneben das Drama, ein Nebeneinander von Ausdrücken ganz bestimmter Gefühle, der dramatischen Personen, durch Wort und Bewegung. Wie können diese sich je decken? Wohl kann der Musiker den Vorgang des Dramas selbst nachempfinden und als reine Musik wiedergeben (Coriolanouvertüre). Dieses Abbild hat aber dann zum Drama selbst allerdings den Sinn einer Verallgemeinerung, die politischen Motive, Gründe, alles ist weggelassen und nur der dumme Wille redet. In jedem andern Sinne ist dramatische Musik schlechte Musik.

Nun aber die verlangte Gleichzeitigkeit und der genaueste Parallelismus! des ganzen Vorgangs, im Musiker und im Drama. Da stört nun die Musik den Dramatiker, denn sie braucht, um etwas auszudrücken, Zeit, oft zu einer einzigen Regung des Drama's eine ganze Symphonie. Was macht währenddem das Drama? Wagner benutzt dazu den Dialog, überhaupt die Sprache.

Da kommt nun eine neue Macht und Schwierigkeit hinzu: die Sprache. Diese redet in Begriffen. Auch diese haben ihre eignen Zeitgesetze: kurz Mimus allein drückt das zu Grunde liegende Gefühl <aus> jedes <drückt es> in andern Zeitmaassen aus.

Begriffswelt

Musik.

Im Wortdrama regiert die Macht, die die meiste Zeit braucht, der Begriff. Deshalb ist die Action oft ein Ruhen, plastisch, Gruppen. Besonders in der Antike: die ruhende Plastik drückt einen Zustand aus. Der Mimus wird also bedeutend durch das Wortdrama bestimmt.

Nun braucht der Musiker ganz andre Zeiten und eigentlich sind ihm gar keine Gesetze vorzuschreiben: eine angeschlagene Empfindung kann bei dem Einen Musiker lang, bei dem andern kurz sein. Welche Forderung nun, dass hier die Begriffssprache und die Tonsprache neben einander hergehen!

Nun enthält aber die Sprache selbst ein musikalisches Element. Der stark empfundene Satz hat eine Melodie, die auch ein Bild der allgemeinsten Willensregung dabei ist. Diese Melodie ist künstlerisch verwendbar und ausdeutbar, in's Unendliche.

Die Vereinigung aller dieser Factoren scheint unmöglich: der eine Musiker wird einzelne durch das Drama erregte Stimmungen wiedergeben und mit dem grössten Theil des Dramas sich nicht zu helfen wissen: daher dann wohl das Recitativ und die Rhetorik. Der Dichter wird dem Musiker nicht zu helfen vermögen und dadurch sich selbst nicht helfen können: er wünscht nur so viel zu dichten, was man singen kann. Davon hat er aber nur ein theoretisches Bewusstsein, kein innerliches. Der Schauspieler muss vor allem wieder als Sänger eine Menge thun, was nicht dramatisch ist, den Mund aufsperren usw.; er braucht conventionelle Manieren. Nun würde sich alles verändern, wenn der Schauspieler einmal zugleich Musiker und Dichter wäre.

Er benutzt Gebärde Sprache Sprachmelodie und dazu noch die anerkannten Symbole des Musikausdrucks. Er setzt eine sehr reich entwickelte Musik voraus, die schon für eine Unzahl Regungen einen festeren erkennbaren und wiederkehrenden Ausdruck gewonnen hat. Durch diese Musikcitate erinnert er den Zuhörer an eine bestimmte Stimmung, in der der Schauspieler sich gedacht wissen will. Jetzt ist wirklich die Musik ein "Mittel des Ausdrucks" geworden: steht deshalb künstlerisch auf einer niedern Stufe, denn sie ist nicht mehr organisch in sich. Nun wird der musikalische Meister immer noch die Symbole in der kunstvollsten Weise verflechten können: aber weil der eigentliche Zusammenhang und Plan jenseits und ausserhalb der Musik liegt, kann sie nicht organisch sein. Aber es würde unbillig sein, dies dem Dramatiker vorzuwerfen. Er darf zu Gunsten des Drama's die Musik als Mittel gebrauchen, wie er die Malerei als Mittel gebraucht. Solche Musik, rein an sich, ist der gemalten Allegorie zu vergleichen: der eigentliche Sinn liegt nicht im Bilde, deshalb kann er sehr schön sein.

32 [53]

Gefahren der dramatischen Musik für die Musik.

Gefahren des musikalischen Drama's für den dramatischen Dichter.

Gefahren für den Sänger.

32 [54]

Alles Grosse, zumal Neue, ist gefährlich: meistens tritt es auf, als ob es einzig berechtigt wäre.

Man muss eben denken, was für eine Zeit sich hier eine Kunst schafft. ganz ungebunden athemlos unfromm habsüchtig formlos unsicher in den Fundamenten, fast desperat, unnaiv, durch und durch bewusst, unedel, gewaltsam, feige.

32 [55]

Als Schauspieler reproducirt Wagner am besten, er kehrt in fremden (Musiker-) Seelen ein.

32 [56]

Die Kunst sammelt einmal alles zusammen, was sie noch für Reize hat, bei dem modernen Deutschen – Character, Wissen, alles kommt zusammen. Ein ungeheurer Versuch, sich zu behaupten und zu dominiren – in einer kunstwidrigen Zeit, Gift gegen Gift: alle Überspannungen richten sich polemisch gegen grosse kunstwidrige Kräfte. Religiöse, philosophische Elemente mit hineingezogen, Sehnsucht nach dem Idyllischen, Alles Alles.

32 [57]

Wagner schätzt das Einfache der dramatischen Anlage, weil es am stärksten wirkt. Er sammelt alle wirksamen Elemente, in einer Zeit, die sehr rohe und starke Mittel wegen ihrer Stumpfheit braucht. Das Prächtige Berauschende Verwirrende das Grandiose das Schreckliche Lärmende Hässliche Verzückte Nervöse Alles ist im Recht. Ungeheure Dimensionen, ungeheure Mittel.

Das Unregelmässige, der überladene Glanz und Schmuck macht den Eindruck des Reichthums und der Üppigkeit. Er weiss, was auf unsre Menschen noch wirkt: dabei hat er sich "unsre Menschen" noch idealisirt und sehr hoch gedacht.

32 [58]

Eine besondre Form des Ehrgeizes Wagner's war es, sich mit den Grössen der Vergangenheit in Verhältniss zu setzen: mit Schiller-Goethe, Beethoven, Luther, griechischer Tragödie, Shakespeare, Bismarck. Nur zur Renaissance fand er kein Verhältniss. Aber er erfand den deutschen Geist, gegen den Romanischen. Interessante Characteristik des deutschen Geistes nach seinem Vorbilde.

32 [59]

Eine Art Gegenreformation: die transscendente Betrachtung ist äusserst geschwächt worden, Schönheit, Kunst, Liebe zum Dasein sehr vulgarisirt, unter den Nachwirkungen des protestantischen Geistes. Idealisirtes Christenthum katholischer Art.

32 [60]

Die Sprache auf den stärksten Ausdruck gesteigert – Stabreim. Orchester ebenfalls. Die Deutlichkeit der Sprache ist nicht das Höchste, sondern die berauschende Kraft der Ahnung.

32 [61]

- Wagner versucht die Erneuerung der Kunst von der einzigen noch vorhandenen Basis aus, vom Theater aus: hier wird doch wirklich noch eine Masse aufgeregt und macht sich nichts vor wie in Museen und Concerten. Freilich ist es eine sehr rohe Masse, und die Theatrokratie wieder zu beherrschen hat sich bis jetzt noch als unmöglich erwiesen. Problem: soll die Kunst ewig sektirerisch und isolirt fortleben? Ist es möglich, sie zur Herrschaft zu bringen? Hier liegt Wagner's Bedeutung: er versucht die Tyrannis mit Hülfe der Theatermassen. Es ist wohl kein Zweifel, dass Wagner als Italiäner sein Ziel erreicht haben würde. Der Deutsche hat keine Achtung vor der Oper und betrachtet sie immer als importirt und als undeutsch. Ja das ganze Theaterwesen nimmt er nicht ernst.

32 [62]

Krieg.

Der Sieger wird meistens dumm, der Besiegte boshaft.

Der Krieg simplificirt. Tragödie für Männer. Welches sind die Wirkungen auf die Cultur?

Indirekte: er barbarisirt und macht dadurch natürlicher. Er ist ein Winterschlaf der Cultur.

Direkte: preussischer Versuch der Einjahrsfliegen: gewisse Erleichterungen des Dienstes an Cultur-Bedingungen knüpfen.

Belehrung über das Leben.

Abbreviatur des Daseins.

Die Griechen machten Sophocles zum Feldherrn, dafür wurde er auch geschlagen.

Der wissenschaftliche Krieg. – Gleichgültigkeit des Einzelnen und seine Pflicht. Das pflichtmässige Handeln wider die Menschlichkeit – wunderbar belehrender Conflikt. Der "Staat" führt keine Kriege, sondern der Fürst oder der Minister, man muss nicht schwindeln mit Worten.

Der Sinn des Staates kann nicht der Staat, noch weniger die Gesellschaft sein: sondern Einzelne.

So verfährt die Natur, wie der Krieg verfährt, gleichgültig gegen den Werth der Einzelnen.

Ich weiss dass so wie ich in nicht langer Zeit viele Deutsche empfinden werden: das Bedürfniss frei von Politik, Nationalem, Zeitungen ihrer Ausbildung zu leben. Ideal einer Bildungs-Sekte.

32 [63]

Ich halte es für unmöglich, aus dem Studium der Politik noch herauszukommen als Handelnder. Die greuliche Nichtigkeit der sämmtlichen Parteien, die kirchlichen mit eingeschlossen, ist mir deutlich. Heilung von der Politik ersehne ich: und Ausübung der nächsten bürgerlichen Pflichten in Gemeinden. In Preussen halte ich eine Repräsentativ-Verfassung für überflüssig: ja für grenzenlos schädlich. Sie impft das politische Fieber ein. Es muss doch Kreise geben, wie die Mönchsorden waren, nur mit einem weiteren Inhalt. Oder wie die Philosophenklasse in Athen. Die Erziehung durch die Staatserziehung ist zu verhöhnen.

32 [64]

Ist Jemand mit einem Andern weder durch alte Schulden der Dankbarkeit noch durch Bundesgenossenschaft verknüpft und begehrt trotzdem dessen Hülfe – und dies ist gerade unser Fall: so hat er zweierlei zu beweisen: vor allem dass sein Gesuch dem Andern Vortheil oder mindestens keinen Nachtheil bringt und sodann dass man auf seine Dankbarkeit sicher rechnen dürfe. Gelingt es ihm nicht, über diese zwei Punkte Jeden Zweifel zu heben: so hat er gar keinen Grund zum Zorne, wenn man seine Bitte abweist.

32 [65]

Wagner's Natur.

Sein Kunstwerk.

Kampf gegen die Zeit.

Der berechtigte Widerstand.

Versuch eines Gewaltstreichs.

32 [66]

Die Bedeutung, die Wagner der Kunst zuschreibt, ist nicht deutsch. Hier fehlt es selbst an einer dekorativen Kunst. Alle öffentliche Schicklichkeit für Kunst fehlt. Im Wesentlichen gelehrtenhaft oder ganz gemein. Hier und da vereinzelte Begierde zum Schönen. Musik steht einzig da. Aber selbst diese hat nicht vermocht, eine Organisation zu schaffen: nicht einmal, die importirte Theatermusik abzuhalten.

Jemand, der heute im Theater klatscht, schämt sich morgen darüber: denn wir haben unsern Hausaltar, Beethoven Bach – da bleicht die Erinnerung.

32 [67]

Zur Zeit.

Die Natur ist nicht gut – Gegendogma gegen die falsche schwächliche Meinung und Verweltlichung.

Der Sinn des Lebens liegt nicht in der Erhaltung der Institutionen, oder in deren Fortschritt, sondern in den Individuen. Diese sollen gebrochen werden.

Wenn einer die Aufgabe der Gerechtigkeit übernimmt, so lehrt ihn das Dasein seine Bedeutung.

Nicht möglichst bequem und erträglich ist das Leben einzurichten, sondern streng. Auf jede Weise ist an dem metaphysischen Sinne festzuhalten.

Die grosse Haltlosigkeit der Dinge erleichtert uns die Belehrung. Es ist nichts zu schonen, die Wahrheit ist zu sagen, mag dabei herauskommen, was da wolle.

Unsre Aufgabe, aus all den Verdunkelungen und Halbheiten wieder herauszukommen und über das Dasein uns nicht zu betrügen. Denn die ganze Menschheit ist jetzt einer Verflachung verfallen (natürlich die religiösen Parteien inbegriffen. Auch die Ultramontanen, denn sie vertheidigen mit Unredlichkeit einen mythischen Ausdruck als sensu proprio wahr und wollen ihre äussere Macht festhalten).

Das Goethische Hellenenthum ist erstens historisch falsch, und sodann zu weich und unmännlich.

Die Gefahr der Erschlaffung ist nicht da: die Gerechtigkeit ist eine der schwersten Verpflichtungen, und das Mitleid ein grosser Stimulator.

Wenn unsere Aufgabe wäre, über das Leben möglichst hinwegzugleiten, da gäbe es Recepte, das Goethische zumal.

Es ist schön die Dinge zu betrachten, aber schrecklich sie zu sein.

Das freiwillige Leiden der Wahrhaftigkeit, die persönlichen Verletzungen auf uns nehmen.

Das Leiden ist der Sinn des Daseins.

Die vielen Flausen, in die wir eingehüllt sind, insofern die Dunkelheit über unser eigenes Wesen, täuschen uns auch über den Sinn des Lebens: derselbe Muth, der dazu gehört sich selbst zu kennen, lehrt auch das Dasein ohne Flausen anzusehn: und umgekehrt.

32 [68]

Metaphysik der Cultur.

Alles, was diesem Leben einen metaphysischen Sinn unterlegt, ist zu fördern.

Das Religiöse nicht mehr rein, sondern versetzt möglich.

Woher der Drang nach Erziehung, Kenntnissen usw.? Die Vortheile für den Kampf des Daseins?

Unsterblichkeit des Genius, des Dranges nachdem Genius.

32 [69]

Bach<'s> und Händel's Sinn ist Deutsch.

32 [70]

Die Deutschen haben die Kleinstaaterei nicht ausgehalten, demüthig, feige und innerlich reich.

Sollten sie die Grossstaaterei aushalten können! dünkelhaft, innerlich hohl.

32 [71]

Deutsche Cultur.

Niemand hat bis jetzt grosse Ziele der deutschen Cultur gesteckt.

Gefahr des politischen Sinnes.

Als mächtige Nation haben wir eine ungeheure Verpflichtung: voranzugehen! Es ist gar nicht möglich, sich so schneckenhaft abzuschliessen.

Das politische Übergewicht ohne das eigentlich menschliche Übergewicht ist die grösste Schädigung.

Man muss suchen, das politische Übergewicht wieder gut zu machen. Sich zu schämen seiner Macht. Sie auf das Heilvollste zu benützen.

Alle glauben, die Deutschen dürften ausruhen in ihrer moralischen und intellectuellen Überlegenheit.

Man meint wohl, dass jetzt eben Zeit für etwas Andres ist, für den Staat. Bisher für die "Kunst" usw. Dies ist ein schmähliches Missverständniss; es sind Keime da für die herrlichste Entwicklung des Menschen. Diese sollen zu Grunde gehen zu Gunsten des Staates! Was ist denn ein Staat!

Das Zeitalter der Gelehrten ist vorbei. An ihre Stelle müssen die Philalethen treten. Ungeheure Macht.

Die einzige Art, die jetzige deutsche Macht richtig anzuwenden, ist die ungeheure Verpflichtung zu begreifen, die in ihr liegt. Eine Erschlaffung der Culturaufgaben machte diese Macht zu der grässlichsten Tyrannei.

32 [72]

Zeit.

32 [73]

Erziehung des Philosophen.

32 [74]

Nehmen wir an, es sei gegenwärtig eine recht schwache Generation solcher Philosophen – aber eine bessere wird es nicht an der Universität aushalten.

32 [75]

Universitätsphilosophie

im Dienst der Theologen der Historie (Trendelenburg).

Der Philosoph als Gelehrter unter Gelehrten.

Kein Vorbild.

Er darf kein Amt haben.

Wie kann man junge Leute in der Philosophie examiniren.

Ihre Jugend und Erziehung für ihren Beruf.

32 [76]

Es giebt gar nicht soviel als der Staat braucht – daher Verschlechterung, zu jung usw.

Diese sind an Institutionen der Gelehrsamkeit eingeordnet.

Diese sollen jeden Jüngling unterrichten, der will, und zu bestimmten Stunden, wohl gar in bestimmten Disciplinen.

Diese sind durch die Theologie gehemmt.

Ebenfalls durch den Staatszweck.

Sie sollen gelehrt sein und die Geschichte (und Urtheil) einer Wissenschaft kennen.

Soll man überhaupt junge Menschen vor aller Erfahrung damit einweihen (oder verderben)? examiniren?

Griechische Jünglinge waren erfahrener.

Dürfen sie eigentlich sagen – folgt mir nach und lasst alles hinter euch? Das würde weder Staat noch Universität erlauben.

Sie stehen nicht im Leben und sind deshalb ohne Erfahrung. Dort sind so viele feindliche Bedingungen, dass das Geschlecht auch wirklich verkrüppelt ist.

Daraus entsteht: Missachtung der Philosophie.

Diese merkend werden sie böse und suchen den wahren Philosophen um keinen Preis gelten zu lassen. Tückisch arbeiten sie in ihrer Ecke, Kameradschaft usw.

Einige achtungswerthe Gelehrte ausgenommen: doch selbst diese sind eben Gelehrte und keine Vorbilder; ihre historischen Arbeiten werden doch von Philologen besser gemacht: so ist die griechische Philosophie immer noch von dem Fluch der Langweiligkeit zu befreien: lest lieber Laertius, wie die Vorfahren.

Auch ist ihr Gehalt kein eigentliches Honorar, kein Ehrensold, sondern sie sind verkauft auf Bedingungen hin: somit ist es eigentlich keine freie Vergünstigung von Seiten des Staates.

32 [77]

Zum Capitel IV.

Unterschied vom Menschen Rousseaus. Er will nicht weltliches Glück, er erstrebt es auch nicht für die Menschen.

<Unterschied vom Menschen> Goethe's. Er will sich nicht hinwegtäuschen über das Leben; er will auch nicht für sich allein, in einem edlen Egoismus, leben.

Widerspruch gegen die Zeit durch seine Wahrhaftigkeit

Herstellung des Metaphysischen Sinnes.

Die verzerrten Bilder des Schopenhauerischen Menschen

nach der Seite des Mephistopheles hin, ohne Güte

nach der bequemen Seite Goethe's zu, Reiz am neu

und anders Erkannten, ohne Folge.

Abwesenheit des Heroischen. Schluss.

32 [78]

Worin bestehen die Leiden der Wahrhaftigkeit?

Man vernichtet sein Erdenglück.

Man muss den Menschen, die man liebt, feindlich sein.

Man muss die Institutionen, an die man durch Sympathie geknüpft ist, enthüllen und preisgeben.

Man wird häufig ungerecht sein im Streben nach Gerechtigkeit.

Man darf die Individuen nicht schonen und leidet mit ihnen.

Wie oft ist unsre Gesinnung nicht rein, durch Hass und Hohn getrübt.

Oft wird man Institutionen zu schützen scheinen und als Bundesgenosse von Verächtlichem gelten.

Die Gesinnung der Wahrhaftigkeit

rein, unpersönlich

nicht kalt und wissenschaftlich

sich selbst immer preisgebend

ohne Nörgelei und Griesgrämigkeit

mit Bewusstsein über die Leiden, die daraus entspringen.

32 [79]

Glaube an einen Gott und einen Erlöser ist eben auch nur mythologisches Beiwerk und hat mit dem Wesen einer Religion nichts zu thun.

32 [80]

Capitel V. Deutsche Cultur.

Jede grosse Macht enthält eine grosse Schuld.

Deshalb grosse Verpflichtungen, grosse Ziele.

Es ist gar nicht erlaubt, so für sich hinzuleben und die andern leben zu lassen.

Ganz falsch zu sagen, jetzt werden die Deutschen politisch, vordem aesthetisch.

Die Deutschen haben ein Ideal gesucht, in ihrem Luther; die deutsche Musik, höher als alles, was wir von Cultur wissen.

Das Suchen darnach sollte aufhören, weil sie die politische Macht haben? Gerade die Macht (ihrer Bosheit wegen) sollte sie stärker als je dorthin führen.

Er muss seine Macht zu seinem hohen Culturziele anwenden.

Die Verweltlichung zu bekämpfen.

Der Kampf gegen die katholische Kirche ist ein Aufklärungsakt, nichts Höheres, und stärkt sie unverhältnissmässig: was gar nicht zu wünschen war. Natürlich hat sie im Allgemeinen Recht. Wenn Staat und Kirchen sich gegenseitig auffressen wollten!

Die Adoration des modernen Staates kann geradezu die Vernichtung jeder Cultur herbeiführen.

Der metaphysische Sinn des Daseins ist auch der Sinn jeder Cultur.

Dagegen stellt man die Aufgabe der Eleganz und der Verhübschung!

32 [81]

Teleologie Schopenhauer's unter den Deutschen.

Der Genius und der Sinn des Lebens.

Die Wahrhaftigkeit als Brücke zu einer Cultur.

Solche Menschen brauchen die Kunst.

32 [82]

Perser: gut schiessen, gut reiten, nicht borgen und nicht lügen.

32 [83]

Gemeinsame Feinde der Cultur und des metaphysischen Sinns – Aufklärung Revolution Natur usw. Deshalb gehören sie zusammen.

Ende der Aufklärungsbildung, die dem Metaphysischen feindlich ist: und der Renaissance, die das Alterthum nicht recht kannte wie Goethe.

In voller Blüthe steht die Musik. Wie unendlich höher ist Beethoven als Goethe!

Deren Sinn von Schopenhauer verstanden.

Problem der neuen Cultur.

Frage, ob diese national ist?

Was die Deutschen jetzt als nationale Kultur ersehnen: Eleganz.

Dubois-Reymond.


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