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XIX.
Soll Tugend denn alles verschmerzen? Und war sie nicht schön und ein Weib?

Ohngefähr acht oder zehn Tage darauf ging ich in St. James Park spazieren. Es war in einer Morgenstunde, und schon im November; doch war die Luft noch heiter, und nichts weniger, als kalt. Wenig Leute gingen spazieren. Ich hatte zwar meinen treuen Gürtel bei mir; doch sah ich keine Gelegenheit, ihn zu brauchen, und überließ mich ganz dem Genuß der schönen herbstlichen Natur, die mir um desto werther war, ie gewisser ich seyn konte, daß bald diese Szene durch die herbeieilende rauhere Jahreszeit sich ändern würde und müsse. Plözlich sah ich Lädi Leonoren in der großen Allee herkommen. Sie ging in einem reichen, geschmackvollen Deshabillé, kam von der Stadtseite, hatte keinen Bedienten, keinen Führer bei sich; sah einigemal rund um sich herum, und ließ sich endlich auf einer Bank nieder, die dem St. James Palais grade gegenüber stand. Es nahm mich allerdings Wunder, eine Dame von diesem Range, zu dieser Zeit, an diesem Orte, und zwar so ganz allein zu erblicken. Aber ich blieb nicht lange die einzige Person, die sich drüber wunderte; denn kaum hatte Lädi sich niedergesezt, als Sir Edmund eben diesen Weg herkam, und schon von ferne nicht wenig stuzte, als er seine Gemalin sah und erkante. Daß ich iezt den entschiedensten Beruf fühlte, in meiner Unsichtbarkeit näher hinzugehn, erräth hoffentlich ieder Leser.

»Wie, meine Theuerste, rief Sir Edmund schon in der Entfernung von fünf oder sechs Schritten aus, sind Sie hier, und so ganz allein?«

Lädi. Wie Sie sehn, ia! Und fast möcht' es mich gegenseitig wundern, Sie iezt und hier zu sehen. Aber sehr lieb wär' es mir, wenn Sie mir nunmehr Gesellschaft leisteten. Denn lange solte mein Bleiben ohnedem nicht dauern.

Edm. Mit Vergnügen will ich Sie begleiten. Ich hatte keine andre Geschäfte, als auf ienem Kaffeehause die Morgen-Post zu lesen. Aber zur Dankbarkeit müssen Sie auch erzälen, durch welchen Zufall ich Sie hier, und so ganz ohne mänliche Bedeckung finde.

Leon. Braucht man wohl die in Friedenszeiten, und hier, wo ia auch Schildwachen genug stehn? – Scherz bei Seite; ich war heute in einigen Gewölbern, hatte mir mancherlei gekauft, wovon die Rechnungen Ihnen noch bevorstehen, und wolte über den Park nach Hause gehn. Ich hatte Williams bei mir. Aber da der ehrliche Alte sehr mühsam hinter mir keuchte; und da ich besorgte, die Wachen dürften ihn mit dem Pack Waaren unterm Arme hier nicht passiren lassen, so schickte ich ihn durch den nähern Weg hinweg. Als ich hieher kam, fand ich die Witterung so unvergleichlich, daß ich mir es nicht versagen konte, nur auf ein paar Minuten mich niederzusezzen, zumal da ich niemand sah, der mich kante, oder den ich zu scheuen brauchte. – Dies ist der ganze Roman meines heutigen Morgens.

Edm. Er ist äußerst einfach. Aber gesezt, meine Liebe, es hätten Sie einige unsrer Wildfänge hier erblickt? Ein so reizendes Weibchen wagt überall.

Leon. Reizend! Als ob alle Männer mit so irrigen Augen, wie Sie, Sir, heimgesucht wären! Aber hätte sich iemand mich anzureden unterstanden, so hätte ich die Arme untergestemt, hätte ihn trozig angesehn, und ihn sicher mit meiner Antwort weit, weit von dannen geiagt. Denn ein Geschöpf ist so furchtsam, als grade iene Wildfänge.

Da ich sie beiderseits in so heitrer Laune sah, so wolte ich mich wieder entfernen, und meinen andern Geschäften nachgehn; als in eben diesen Augenblick zwei iunge wohlgekleidete Männer die Allee herauf kamen, und ohnweit der Bank, wo Edmund und seine Gemalin saßen, vorüber gingen. Der eine davon, als er dicht bei Leonoren kam, sah sie starr an, stuzte, wußte gleichsam nicht, ob er grüßen solle; that es dann, aber schnell und sehr tief, und entfernte sich. Lädi Leonore erwiederte seinen Gruß, aber mit unbeschreiblicher Bestürzung; ward bleich, wieder roth; zitterte sichtlich am ganzen Körper; ließ den Fächer aus der Hand fallen, und schien selbst einer Ohnmacht nahe zu seyn.

Auch einem Ehmanne von weit sorgloserm Schlage, als Sir Edmund war, hätte diese plözliche Veränderung auffallen müssen. Doch vollends seine eifersüchtige Seele faßte einen so heftigen Argwohn, daß er auf einige Minuten selbst der Sprache unfähig ward. Umsonst suchte Lädi Leonore indeß sich zu samlen; eben die Mühe, die sie anwandte, ihre inre Unruhe zu ersticken oder zu verbergen, machte sie nur noch sichtlicher. Endlich unterbrach Edmund mit diesen Worten das Stillschweigen:

»Sie scheinen ganz außer sich zu seyn, Madam. Der Anblick dieser beiden Herren machte fürwahr einen sonderbaren Eindruck auf Sie.«

Leon. Allerdings überraschte mich der Anblick dessen, der uns grüßte, ein wenig. – Möchte das zwar hingehn! Aber ich befinde mich würklich nicht wohl.

Edm. Das seh ich; und zwar weder an Seele noch Körper. – Meine Dazwischenkunft brachte Ihnen Unglück. In meiner Abwesenheit hätten Sie zweifelsfrei Ihre gute Laune behalten. – Doch hier ist nicht der Ort, die Ursach Ihrer Krankheit zu untersuchen. – Ich will nach einer Chaise schicken. Sie thun wohl, wenn Sie nach Hause sich tragen lassen.

Ohne ihre Antwort zu erwarten, rief er einen Soldaten, der nicht weit von ihnen sich befand, und iezt grade keine Wache zu thun hatte. Ein Schilling machte, daß der Bursche schnell ablief, und fast eben so schnell mit der Chaise wieder kam. Lädi hatte doch indeß ein wenig sich gefaßt. – »Ich sehe, sprach sie, lieber Edmund, daß Sie wieder einen Verdacht schöpfen, der mir nachtheilig ist. Aber gedulden Sie sich nur bis nach Hause, und ich will Ihnen alles erklären.« – Sie sezte sich bei diesen Worten in die Chaise, und bat ihn nochmals, ihr gleich zu folgen.

»Seyn Sie unbesorgt, Madam, rief er ihr nach: ich werde nicht lange ausbleiben; doch muthmaß' ich, daß Sie iezt lieber mit Ihren Gedanken, als mit Ihrem Mann in Gesellschaft seyn mögen.«

Daß hier ein Ungewitter sich aufziehe, welches bald mit Bliz und Donner losbrechen dürfte, sah ich aus Sir Edmunds Betragen sehr leicht. Noch mehr, ich konte selbst mich einiges Argwohns gegen Lädi Leonoren nicht erwehren; doch versparte ich mein Urtheil, bis ich mehr gesehn und gehört haben würde. Ich machte mich daher bereit, Sir Edmund nach Hause zu begleiten; doch plözlich, auf halben Wege ohngefähr, hielt er in seinen bisher hastigen Schritten inne. – »Warum eile ich so? sprach er halblaut zu sich selbst: Um entweder Stof zu neuem Aergernis zu finden? Oder ein Mährchen anzuhören, das indeß ausgeheckt worden? – Wie? Wenn ich grade iezt, wo die Ungetreue sich meiner gewiß versieht, vergeblich ein Weilchen auf mich warten ließe? Wenn ich mich selbst indeß samlete, um mich ia nicht zu übereilen? – ia, das will ich!« Und mit diesen Worten ging er in eine Taverne, die er grade vor sich sah. Ihn dahin zu begleiten, empfand ich eben keinen Beruf; doch da ich mir wohl vorstellen konte, daß seine inre Unruhe ihn nicht alzulange, troz seinem Vorsazze, von Hause wegbleiben lassen dürfte, so stelte ich mich ohngefähr in zwei Stunden richtig in seiner Wohnung ein.

Er war würklich noch nicht zurück, aber ein Bedienter in fremder, ziemlich prächtiger Livree saß im Vorzimmer, und schien auf Antwort zu warten. Das Speisezimmer war leer. Ich schlich mich in der Lädi Gemach. Sie saß am Schreibtisch; vor ihr, indem sie schrieb, lag ein ofner Brief, dieses Inhalts:

Madame.

Ihre Heirath war schon einige Wochen volzogen, als ich das erste Wort davon vernahm; ich selbst machte mich eben zu meiner Reise nach Paris fertig. Das Gewühl der Anstalten hierzu, und iene Verspätung verhinderten mich daher damals, meinen aufrichtigsten Glückwunsch Ihnen abzustatten. Seit drei Tagen bin ich wieder in England, und die Frage nach Ihrer Wohnung und Ihrem Befinden war eine meiner allerersten Fragen. Aber aus einigen Nachrichten, die ich zugleich erhielt, schloß ich: daß mein Besuch vielleicht demienigen, der das Glück hat, Ihr Gemahlin seyn, nicht ganz angenehm seyn dürfte. Ich wage es daher auch nicht eher, Ihnen persönlich aufzuwarten, bis Sie mir selbst die Erlaubnis dazu ertheilen. Wirklich ist dies ein Glück, das ich mir sehnlichst wünsche; aber Sie mögen es mir nun gewähren oder versagen, so werde ich stets mit einer Hochachtung, die zu gegründet ist, als daß Zeit und Zufall sie mindern könten, verharren

Madame

Ihr Ihnen ganz ergebner
und unterthäniger     
Heinrich Belhove.     

Lädi Leonorens Antwort war folgendermaßen:

Sir.

Daß Sie mir noch einen Plaz in Ihrem Andenken aufbehalten haben, verdient meinen verbindlichsten Dank, und ich bedaure, daß ich nur in der Entfernung ihn abzustatten vermag. – Ich kann mir die Nachrichten leicht denken, die man Ihnen ertheilte, als Sie nach meinem Befinden sich erkundigten; ich fühle mich verpflichtet, Ihnen zu sagen: daß sie großentheils wahr seyn dürften; und Sie werden selbst einsehn, daß ich deshalb, blos deshalb, den freundschaftlichen Besuch, den Sie mir zudachten, nicht anzunehmen vermag. Ich muß aus eben dieser Ursache Sie bitten, allen künftigen Briefwechsel mit einer Person abzubrechen, die nicht mehr Gebieterin über sich selbst ist, die aber stets im Herzen die innigsten Wünsche für Ihre Wohlfahrt hegt.

Leonore Warhite

Sie siegelte den Brief, klingelte ihrem Mädchen, und befahl ihr, dem fremden Bedienten diese Antwort zu geben. Dann überlas sie wohl zwei- oder dreimal noch Sir Heinrichs Brief, und ich konte an ihrer Miene und Gesichtsfarbe leicht spüren, daß es nicht ohne inre Bewegung abging. Doch indem sie ihn wieder zusammenlegte, und – ich weiß selbst nicht, ob ins Kaminfeuer werfen oder aufheben wolte, stürzte rasch Sir Edmund ins Zimmer, und riß ihn aus ihrer Hand. Sie that für Bestürzung einen Schrei, und hatte die kleine, aber für eine solche Ueberraschung verzeihliche Unbesonnenheit, ihm denselben wieder wegnehmen zu wollen. Eine vergebliche Bemühung, da er sie an Länge und Stärke weit übertraf! Er hielt daher das Billet hoch empor, und las oder verschlang vielmehr iede Silbe desselben; dann steckte er es zu sich, stampfte, biß in die Lippen, und ging mit wilden, ungleichen Schritten im Zimmer auf und ab, indem er von Zeit zu Zelt glühende, drohende Blicke auf die zitternde Leonore warf. Endlich brach diese doch zuerst dies fürchterliche Schweigen durch die Frage:

»Was kann aber in diesem Briefe, Sir, Sie so heftig aufbringen?«

Edm. Vortreflich! Ist er nicht von eben der Person, die Sie heute früh so in Bestürzung setzte?

Leon. Ich stuzte allerdings ein wenig beim Anblick eines Bekannten, den ich lange nicht gesehen hatte. Doch ob davon meine Unpäslichkeit herkam, weiß ich nicht.

Edm. Aber ich weiß es! – Wahrscheinlich solte dieser Brief eine Herzstärkung seyn?

Leon. Sie deuten seine Worte so falsch, wie meine Blicke. – Heißt dies Ihr neuliches Versprechen halten, Edmund?

Edm. Ich that dies Versprechen, weil ich schwach genug war, an Ihre Treue zu glauben. Doch nun bin ich überzeugt, was Sie sind – die treuloseste aller Weiber – ich der unglücklichste aller Männer.

Leon. Durch ungerechte Eifersucht machen Sie sich selbst dazu; doch nie werd' ich durch irgend eine Handlung ienen ersten Titel verdienen.

Edm. Himmel und Hölle! Sah ich etwa nicht, wie der Bediente dieses nichtswürdigen Buben Ihre Antwort hinwegtrug?

Leon. Und wenn ich auch antwortete – Ich verbat mir seine Besuche.

Edm. Um sie an einem gelegnern Orte anzunehmen. Nicht wahr?

Leon. Nicht wahr! – Der Mann, den Sie so unverdient schmähen, hegte nie einen Gedanken, der meiner Tugend oder meinem guten Namen nachtheilig war. – Wären Sie seiner edeln Denkungsart und seiner Liebe nur zur Hälfte fähig, ich würde iezt die Unglückliche nicht seyn, die ich würklich bin.

Edm. Also gestehn Sie doch, daß er Sie liebt?

Leon. Er that es einst; und wiewohl der Himmel unsre Verbindung zerriß, so weiß ich doch, daß er mich noch hochschäzt.

Edm. Wie Sie ihn wieder! Tod und Verderben! Und Sie erfrechen sich, mir dies ins Angesicht zu sagen? – Nichtswürdige Bulerin, ich soll nur das haben, was ein geliebter Nebenbuler übrig ließ – was er verschmähte sogar?

Er gab ihr, indem er dies sagte, indem er sich selbst vor Wuth nicht mehr kante, einen so starken Schlag ins Gesicht, daß ihr sogleich das Blut aus Mund und Nase schoß. Sie taumelte auf das nahe Sopha hin. Schmerz und Zorn machten sie auf einige Augenblicke sprachlos; aber dann rief sie:

»Ha Nichtswürdiger, an diesen Beweis deiner schändlich verworfnen Seele gebrach es noch. Aber bei Gott, er soll auch der lezte seyn! – Glaube nicht, daß eine Frau alles dulten muß. Englands Gesetze sollen auch mir ihren Schuz verleihn; eher wolte ich in den entferntesten Winkel, eher zu den Hottentotten fliehen, als mit einem solchen Scheusaal länger unter einem Dache leben.«

Was Sir Edmund hierauf erwiedert haben würde, weiß ich nicht; denn in eben diesem Augenblick trat ein Bedienter ins Gemach, und meldete ihm: daß sein Banquier, der ihn schon heute Morgen in wichtigen Geschäften vergebens aufgesucht, nochmals hergekommen sei, und dringend ihn zu sprechen wünsche. So unangenehm iezt iedes Geschäft Edmunden dünken mochte, so hatte er doch keine Ausrede dafür. Er schoß daher nur nochmals einen grimmigen Blick auf seine Gemalin, die übel und böse ihr blutiges Gesicht vor dem Bedienten verbarg; murmelte einige halb verschluckte Flüche her und überließ sie ihrem eignen Nachdenken.

Welches ihm warlich nicht günstig war! Denn kaum sah sich die arme Lädi allein, so klingelte sie ihrem Mädchen. Betty schrie auf, als sie ihre Gebieterin in diesem Zustande fand. Eben dieser Schrei machte, daß die Lädi iezt erst einen Blick in Spiegel that. Die Mishandlung, die ihre Reize erlitten, verstärkten das Gefühl der Rache, und sie beschlos sofort, zur Ausführung derienigen Maasregeln zu schreiten, mit welchen sie ihren Tirannen bedräut hatte.

Betti, die Leonoren fast von der Wiege an kante, wuste auch gar wohl, daß Sir Heinrich vordem ihr Bräutigam gewesen sei. Um desto zuversichtlicher entdeckte die Lädi ihr die Ursache des gehabten Zwistes, und schloß mit der ernstlichsten Versicherung, daß sie heute noch den Unmenschen verlassen wolle, der für Aufopferung und Treue ieder Gattung ihr so schmälich lohne. – Betti, entweder aus wahrem Mitleiden gegen ihre Frau, oder sonst schon ihrem Herrn abgeneigt, widersprach nicht, sondern schürte vielmehr das Feuer noch stärker an. Man berathschlagte sich, und verfiel auf eine gewisse Frau Clips, die für Leute von Stande Zimmer zu vermiethen habe, eine Person von Ehre zu seyn scheine, und gegen Leonoren, die ihr oft schon seidne Waaren abgekauft, manche Verbindlichkeit habe. Betti eilte sofort zu ihr.

Lädi Leonore packte indeß ihre Juweelen und ihre besten Habseeligkeiten zusammen. Eh eine Stunde verlief, war sie mit allem fertig; denn die Rache macht thätig und entschlossen zugleich. – Jezt kam auch das Mädchen zurück, und meldete: daß sie bei Frau Clips drei Zimmer gefunden, die artig genug aussähen, und wenigsten indeß hinreichend seyn dürften. Leonore versicherte: daß auch eine Dachkammer ihr gnüge. Die vorsichtige Vertraute hatte zwei Miethkutschen mitgebracht. Leonore sezte sich in die eine, Betti nebst dem Gepäcke in die zweite; und so ging die Reise fort.

Während dieser ganzen Zeit hatte Sir Edmund sich außer dem Hause befunden. Sein Banquier und seine Geschäfte hatten ihn auszugehn genöthigt; und eben dieser Umstand hatte der Lädi Flucht um ein großes erleichtert. Wäre er zu Hause gewesen, so hätte er sicher entweder aus Liebe oder Zorn, und am wahrscheinlichsten aus beiden zugleich, sich bestrebt, sie zurückzuhalten. Aber das Schicksal selbst schien entweder seinen vorigen Meineid strafen, oder auch seine Ungerechtigkeit nicht länger dulten zu wollen, und Leonore entkam ungehindert.

Da ich gern mit angesehn hätte, wie Edmund beim Anblick dieser Veränderung, worauf er gewiß nicht vorbereitet war, sich betragen würde, so wartete ich noch wenigstens ein Stündchen auf ihn. Da er aber immer noch nicht kam, so besann ich mich auf ein Kaffeehaus, wo er gewöhnlich des Tages einige Stunden zu hausen, auch wohl seine kleine Korrespondenz abzumachen pflegte; und da dies kaum zwei Straßen weit entfernt war, so entschlos ich mich hinzugehn.

Der Erfolg war meiner Vermuthung günstig; denn kaum war ich ins Hauptzimmer getreten, erblickte ich meinen Mann in einer Ecke von der übrigen Gesellschaft abgesondert sizzen und schreiben, – »Das ist ein Brief, dacht' ich, entweder an Lädi Leonoren oder an Sir Belhove!« – – Und siehe, ich hatte abermals richtig gerathen; denn ich las folgendes:

Sir.

Sie sind ein Nichtswürdiger, und haben mich an einem zu empfindlichen Orte angegriffen, als ie eine Vergebung von mir erwarten zu können. Ich brauche mich nur als den Gatten von Lädi Leonoren zu nennen, und sie werden schon wissen, was ich meine; werden wissen, welche Genugthuung meine beleidigte Ehre von Ihnen fordern kann. – Ich hoffe, Sie morgen Glock sieben Uhr beim Artilleriehof zu Cothillfields zu finden; und der Ueberbringer hat Befehl, Ihre Antwort zu erwarten.

Edmund Warhite.

Er schickte dies in die Braunds Taverne zu Bondstreet, wo Sir Heinrich, wie er erfahren, alle Abend zu speisen pflegte, und erwartete mit vieler Ungedult (die ich auch einigermaßen mit ihm theilte) Belhovens Antwort. Sie kam nach zwei Stunden, und war also abgefaßt:

Sir.

Wiewohl mir unbegreiflich ist, welchen Grund der Gemahl von Lädi Leonoren haben könne, mich einen Nichtswürdigen zu schelten, so kann ich doch leicht errathen, worinnen die Genugthuung besteht, die Sie von mir erwarten. Ich werde daher Stunde und Ort nicht versäumen, und hoffe dann besser unterrichtet zu werden, welcher eingebildete Grund Sie verleiten konte: so mit einer Person zu sprechen, die Sie nie kante, und nie einen Gedanken Sie zu beleidigen hegte.

Heinrich Belhove.

Sir Edmund, als er dieses Billet gelesen, machte sich sofort auf den Weg nach Hause, und aus Ursachen, die ich vorher schon angegeben, wich ich so wenig als sein Schatten von ihm. Er war kaum über die Thürschwelle, als er schon hastig nach seiner Gemalin fragte, wahrscheinlich, um mit seinen Vorwürfen wieder anzufangen, wo er aufgehört hatte, und die Wuth an ihr auszulassen, von welcher er glühte. Aber keine Sprache faßt das Erstaunen, als er hörte, daß sie ausgefahren, und auf welche Art sie es sei. Sein ganzes Gesicht ward kreideweis; seine Augen starrten; sein Haar sträubte sich; als wäre er drei Tage schon begraben worden, sah er aus; mehr einem wiederkommenden Geiste, als einem Menschen ähnlich. Sprach' und Bewegung schienen verschwunden zu seyn. – Als er sie endlich wieder erhielt, war das erste, was er that, alle seine Bedienten herbeizurufen, und einen um den andern zu befragen: Warum man sie weggehn lassen? Warum man sie nicht aufgehalten habe? – Alle antworteten: Weil sie dazu keinen Befehl gehabt; und weil sie überhaupt erst dann die Absicht der Lädi errathen, als sie schon im Wagen eingestiegen sei. – Er fragte weiter: Wo sie hingefahren sei? Doch auch hierinnen hatte Lädi Leonore viel zu vorsichtig ihre Maasregeln genommen. Niemand konte ihn berichten, wohin? Und er hieß sie endlich alle aus dem Zimmer gehn, mit tausend Flüchen über ihre Nachlässigkeit und Unwissenheit.

Jezt, als er glaubte ganz allein zu seyn – iezt überließ er sich ohne Maas seinem Schmerz und seiner Verzweiflung. – »So ist sie also verloren? rief er: verloren für mich auf immer! Denn selbst, wenn sie wieder zurückkehren sollte, verbeut es meine eigne Ehre, nach einem solchen Vorfalle sie wieder aufzunehmen. – O daß ich nie geheirathet hätte! Welcher Teufel gab mir in Sinn, eine Frau zu wählen, von welcher ich vorhersehn konte, daß alle Welt, noch außer mir, sie liebenswürdig finden würde. Verflucht sei meine glühende Liebe! verflucht diese gefährliche Schönheit! – – O die Betrügerin! die niederträchtige Heuchlerin! Nun leidet ihre Schuld keinen Zweifel mehr. Diese Flucht ist Beweises genug. Rache bleibt nun mein einziger Trost. Sie selbst ist ihr entgangen. Aber in Heinrich Belhovens Herzen will ich ihr Bild und ihr Herz auch durchbohren. – O daß es schon Morgen wäre!«

Einem Wahnsinnigen gleich tobt' er bei diesen Worten im Zimmer herum. Eben dies Toben erschöpfte endlich seine Wuth. Mit abgespanten Kräften fiel er iezt in Entgegensaz, – in schmerzliche, tieffühlende Ermattung. Er faltete seine Hände; er seufzte; bittre Thränen rannen über seine Wangen herab. – »Ach Leonore, rief er, theure Leonore, komm wieder in meine Arme! Treuloses, und doch angebetetes Weib, wozu hast du mich gebracht?« – Er sank auf den Stuhl, der einem Bildnis von ihr gradüber stand. Seufzer, die seine Brust zu zersprengen drohten, stiegen wieder empor. Seine Thränen strömten gleichsam. Immer starrte er ienes Gemälde an, und mit ieder Minute schien sein Jammer zu wachsen. Plözlich ermannte er sich wieder, sprang auf, und sprach: »Ich will nicht mehr an sie denken. Ich darf nicht mehr. Pflicht und Ehre verbieten es mir. Morgen will ich ihren Buhlen bestrafen, und dann auch sie der verdienten Schmach Preis geben. Sie soll auch weinen, – wenn sie hören wird, was ich that, und wie ich ihrer vergesse.«

Er schien würklich auf einige Augenblicke ruhig zu werden; klingelte und befahl: daß man das Abendessen ihm auftragen solle. Es geschah. Als er den ersten Bissen zum Munde führen wolte, warf er schnell Messer und Gabel weg, schob seinen Stuhl zurück, und floh in sein Kabinet. Daß ihn von neuem der Schmerz übermanne, kont' ich leicht erachten; doch mochte ich nicht abermals seinen Klagen erst zuhören. Fast dauerte mich die namenlose Traurigkeit, in der ich ihn erblickte; doch daß er selbst, und zwar er ganz allein, die Schuld seines Unglücke sei, dies kont' ich nicht umhin wohl zehnmal bei mir selbst zu wiederholen, ich dies am Morgen noch so heitere, am Abend so zerrüttete Haus verließ.


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