Autorenseite

 << zurück weiter >> 

X.
Miß Bettys Beichte.

Es ist mir leicht begreiflich, daß eine Menge von Menschen, mich und meinen guten Namen beim Leben scharf behandelt haben mag, und auch nach dem Tode rechne ich auf kein gelinderes Gericht. – Gleichwohl kann ich dieser Welt das ewige Lebewohl nicht sagen, ohne wenigstens einige Erläuterung meines räthselhaften Betragens hinter mir zu lassen. Nicht um bei meinen Fehlern die Strenge bösartiger Menschen zu besänftigen; nicht um edlere Gemüther zum Mitleid aufzufordern; sondern um, wenn ich ia sachfällig werden soll, es wegen würklicher, nicht wegen eingebildeter Vergehn zu werden.

Mit innern Schmerz klag ich einen Vater an, der mich zärtlich liebte. Dennoch war seine zu ängstliche Besorgnis für mein Wohl die erste Quelle aller der Leiden, die nachher mein Herz betrafen. Sein mislungnes Bestreben mich groß und glücklich zu machen, hat mich zum unglücklichsten aller geschafnen Wesen erniedrigt.

Das große Vermögen, das mir einst bestimt war, und einige natürliche Anlagen, die seine Vaterliebe noch in hellrem Lichte sah, machten, daß er sich mit der Hofnung schmeichelte, mich künftig einmal mit aller glänzenden Pracht eines hohen Standes geschmückt zu sehn. Der Gedanke mich an iemand Geringern, als einen Lord, zu verheirathen, ward ihm unerträglich; und damit ia nicht eine vorgefaßte Neigung von mir seine schwindelnde Erwartung vernichte, entfernte er mich von iedem Umgang, der mein Herz gewinnen, mich unempfindlich gegen weltliche Größe, und geneigt zum Mittelstande machen könne. – Bald nach meiner Mutter Tode, entsagte er allen Geschäften, und zog auf ein vor kurzen erkauftes Landgut. Noch war ich zu iung, als die Vergnügungen in der Stadt viel zu bedauern; nur der Verlust einiger Gespielinnen ging mir nahe. Auch muste er mich wohl kränken, denn kein Wunder wäre es gewesen, wäre ich völlig nun zum hölzernen Bilde geworden. In keine Schule, so nah eine lag, durfte ich gehn; in keine Kirche, um weder zu sehn, noch wieder gesehn zu werden; nirgends hin als in einen wohl vermauerten Garten. – Niemand besuchte uns. Mit keinem seiner Nachbarn ging mein Vater um; denn da ich heranwuchs, besorgte er, einer ihrer Söhne dürfte den Weg zu meinem Herzen finden; und keiner behagte ihm, weil ihnen allen der Tittel einer Herrlichkeit gebrach. Schreiben und Tanzen lernte ich zwar; doch beides mittelmäßig genug. Denn in ienem unterrichtete mich mein Vater selbst, in diesem ein alter Tanzmeister, dessen ganze Empfehlung darinnen bestand, daß er häslich, wie die Sünde, mithin ungefährlich war. – Lesen blieb daher meine einzige Beschäftigung, und würklich hatte ich dazu von Jugend auf einen innern Trieb. Mein Vater versorgte mich treulich mit allem, was ihm zweckmäßig für mein Geschlecht und Alter schien; nur folgte er wieder seinem Geschmack allein. Romane und einige alte Schauspiele waren ihm das Liebste, und musten auch mir es seyn. Die Begriffe, die mein Geist sich samlete, waren so altväterisch, wie die Kleider aus den Zeiten der Königin Elisabeth. Mit den Sitten der heutigen Welt blieb ich ganz unbekant.

So lebte ich zwei reichliche Jahre auf dem Lande, oder in einer Einsiedlei vielmehr, als mein Vater eine genaue Bekantschaft mit einer Person errichtete, die in ihrem äußerlichen zwar den ehrwürdigen Anschein eines Geistlichen hatte, in der That aber einer von denienigen ist, welche die heilige Schrift so treffend, Wölfe in Schaafskleidern benennt. Sein Betragen ist, dem Scheine nach, volkommen den Vorschriften der Tugend und Religion gemäß; doch in seinem Herzen lauschen tausend Tücke, um denienigen zu berücken, der leichtgläubig genug ist, ihn zu trauen. Sein – doch ich muß, um verständlich in meiner Erzälung zu werden, mit kältern Blute den Elenden schildern, der leider bei meinen Schicksaalen von nun an eine so wichtige Rolle spielte. Es ist eben derienige Geistliche, den sie als meinen Kaplan so oft ganz verdachtlos bei mir sahen, und der le Bris sich nennt.

Sein Vater, ein Franzose, aus der Normandie gebürtig, hatte schlechter Streiche halber, sein Vaterland verlassen; kam nach England., überredete einige andächtige Seelen: daß er ein Edelmann, Protestant, und seines Glaubens halber vertrieben sei. Seine Fabeln waren so wahrscheinlich, und so rührend zugleich, daß er bald hier und da Mitleid zu erregen und Unterhalt zu erwerben vermochte. Ein leichtgläubiges Mädchen gab ihm ihre Hand und ihr Vermögen. Er verthat dies leztere, und entwich dann abermals; man erfuhr nie, wohin? – Sein Sohn, ein würdiger Erbe seiner Laster, zeigte in der Jugend einige Fähigkeiten zu den Wissenschaften. Ein gewisser Lord O * * gewann ihn lieb, er hielt ihn in der Schule und auf Akademien, und starb, als er eben seine Studien vollendet hatte. Ohne Gönner, wiewohl würklich nicht ohne Gelehrsamkeit und Gaben, erlebte der iunge le Bris nun mancherlei, meistens traurige Schicksaale; erhielt eine kleine Pfarrstelle in einem der abgelegensten Winkel Englands; verlor sie nach einigen Jahren durch sein nachläßiges, unanständiges Betragen; kam wieder nach London; erbot sich in öffentlichen Blättern für einen sehr billigen Preis Unterricht in lateinischer und französischer Sprache zu geben; fand auch hier sehr wenig Aufmunterung; schlug endlich, gezwungner Weise, seine Wohnung im Fleet auf, und erwarb sich seinen Unterhalt kümmerlich durch heimliche Trauungen.

Grade, als er in diesen trübseeligen Umständen sich befand, kam mein Vater in einem nothwendigen Geschäfte nach London; und ein Freund, auf dessen Wort er viel zu halten pflegte, der aber hier vermuthlich einem dritten nachgeplaudert haben mochte, sprach mit ihm von diesem le Bris, als von einem würdigen, geschickten, durch unverdientes Unglück verdrängten Geistlichen. Mein Vater, der eben damals einsah, daß sein Unterricht für meine Erziehung nicht hinreichend sei, und der, seinen Plänen zu folge, die französische Sprache für mich, als unumgänglich betrachtete, glaubte hier ein gutes Werk, und einen glücklichen Fund zugleich zu thun, schlug dem le Bris vor, als Kaplan und als Unterweiser von mir mitzugehn, und sah, daß er seinen Vorschlag mit Freuden ergriff.

Bei seiner Zurückkunft stelte mir ihn daher mein Vater als meinen Lehrer und Aufseher vor; gebot mir, mich mit Ehrerbietung und Gehorsam gegen ihn zu betragen; und fügte hinzu: »Daß sein Unterricht allein mich fähig machen könne, dereinst in der Welt die glänzende Rolle zu spielen, die er von mir sich verspräche.« – Ein Betragen, was manchen vielleicht bei einem so vorsichtigen Manne, als mein Vater seyn wolte, äußerst unüberlegt scheinen dürfte! Wobei man aber bedenken muß, daß die Person, der er mich übergab, schon sechs bis sieben vierzig Jahr alt; zwar nicht häslich, doch auch nichts weniger als hübsch war; und in seinem Betragen eine gewisse Rauhigkeit an sich hatte, die einem Mädchen von meinem Alter unmöglich gefallen konte.

Würklich misfiel er mir auch eine geraume Zeit hindurch äußerst, und nur aus Gehorsam gegen meinen Vater zwang ich mich anfangs, Achtung für ihn zu zeigen; doch bald ward almälig zur Natur, was vorher Zwang gewesen war; und auch dies, wie mich iezt dünkt, war ein nothwendiger Gang der Dinge. – Ich fühlte, wie ich schon vorhin sagte, eine gewisse Wisbegier zu mancherlei Sachen in mir. Ewiges Lesen, zumal in Büchern von obenbeschriebner Art, konte sie nicht befriedigen; so oft ich den le Bris drüber befragte, gab er mir Auskunft. Sein Unterricht mochte vielleicht nichts weniger als vortreflich seyn; aber ich fand ihn doch besser, als denienigen, den mir bisher mein Vater gegeben hatte: Ich bekam daher für seine Wissenschaft Achtung. Doch in kurzen machte ich noch eine andre Bemerkung. Le Bris, stets äußerst ernsthaft in meines Vaters Gegenwart, aber auch unermüdet in meiner Bildung, schien mir nicht minder fleißig, und doch noch einmal so sanft zu seyn, wenn wir nur unter vier Augen uns befanden. Ich empfing dann nie einen Tadel, doch desto öfterer Lob. Dies schmeichelte mir, und ich bekam nun auch zu seinem Herzen ein Zutrauen. Ich sah die Stunden des Unterrichts, als die vergnügtesten Stunden meines Lebens an. Ich lernte fleißig, minder meines Vortheils wegen, als seines Lobes willen; und bald hatte ich, wie ein Dichter sehr richtig sagt, den Lehrer nicht seiner Lehren halber, sondern die Lehren des Lehrers wegen, lieb. – Der Schlaue merkte dies, und bestrebte sich, die Annehmlichkeit seines Umgangs für mich zu verstärken. In der Geschichte nicht unerfahren, suchte er selbst trockne Sätze durch Beispiele zu erläutern und zu erheben. Unsre Stunden wurden mehr Gespräche als Unterweisung; und ich Arme, die ich bisher nur mit dem Gesinde mich unterhalten können; nur Erzälungen von Dieben, Gespenstern, beseßnen Häusern und andern ähnlichen Possen mit angehört hatte, ich sah iezt mit Erstaunen, daß es möglich sei, zugleich seinen Geist zu bilden, und seine Neugier zu belustigen.

In dem Alter, in welchem ich mich damals befand, war Mistrauen gegen andre, und noch mehr Mistrauen in sich selbst, eine völlige Unmöglichkeit. So ungleich unsre beiderseitigen Jahre waren; so wenig Annehmlichkeiten le Bris im äußerlichen besaß, so faßte ich doch nach und nach die zärtlichste Zuneigung für ihn, viel zu iung, viel zu unerfahren, als zu wissen, als zu muthmaßen nur, daß in dem Worte Liebe noch manche andre Bedeutung, als die Gefühle für Vater, Bruder, oder Blutsverwandte liege, dachte ich nur, daß ich im le Bris einen zweiten Vater liebe; glaubte nicht, daß ein Unterschied, oder eine wichtige Folge möglich sei; und war daher fern von ieder Schaam, auch fern von dem Bestreben, das Wachsthum meiner Neigung zu unterdrücken, oder sie zu verhehlen.

Aber der schlaue le Bris – er, wahrscheinlich damals schon den Plan zu meinem nachmaligen Verderben entworfen hatte, sah tiefer als ich selbst, in mein Herz, und besorgte: das diese unbefangne Zärtlichkeit in meinem Betragen meines Vaters Aufmerksamkeit erregen dürfe. Er nahm daher nicht nur in seinen Reden, wenn andre Zeugen zugegen waren, die strengste Ernsthaftigkeit an; sondern schien auch kälter und trockner gegen mich zu werden, wenn er sich ganz allein mit mir befand. – Diese Aenderung, die ich bald bemerkte, war mir ebenso unerwartet, als schmerzlich. Ich untersuchte bei mir, womit ich sie verschuldet haben könte, und fand keinen Grund dazu. Ich ertrug sie noch zwei Tage lang stilschweigend. Am dritten, als ich mich, wie gewöhnlich ieden Morgen, mit ihm allein befand, um Unterricht zu empfangen, brach ich auf einmal aus: »Nein, mein theuerster Lehrer, länger ertrag ich diesen unwilligen Ton und Blick nicht! Was fehlt Ihnen? habe ich irgend womit Sie beleidigt? – Wenigstens, das schwöre ich Ihnen; geschah es nicht mit Willen. Denn nichts ist mir werther, als Ihre Gewogenheit.«

Er schwieg ein paar Augenblicke. – Nein, mein Engel, erwiederte er, beleidigen zu können ist ihrer treflichen Seele unmöglich. Aber ich besorgte, ihres Vaters Misfallen entweder gegen Sie oder mich zu reizen. Väter sind oft eifersüchtig auf die Liebe ihrer Kinder; und ich befürchtete: er möchte glauben, Sie liebten mich nicht minder, als ihn. – »Auch thu ich das würklich! – unterbrach ich ihn hastig: – Aber wie könt' er darüber ungehalten seyn? Befahl er mir nicht mit eignen Worten, Sie zu ehren und zu lieben, als wie ihn selbst?« – Ach, es giebt Menschen, antwortete le Bris, die es ungern sehn, wenn man buchstäblich ihren Befehlen folgt; und wenn vielleicht mein würdiger Wohlthäter, ihr Vater, zu dieser Anzahl gehörte, so würde eine ewige Trennung zwischen uns die Folge seiner Bemerkung seyn. Mich würde er dann aus dem Hause stoßen; und Sie, meine liebste Betty, würden mich nie wiedersehn.

»Ich Sie nicht wiedersehn? O wenn Sie dies befürchten – – ich bin zwar ieder Verstellung spinnefeind, doch wenn Sie wollen, werde ich heute noch meinen Vater überreden, daß mir ihr Unterricht und ihre Person höchlich misfalle.« – Mein köstliches, göttliches Geschöpf – rief er, und schloß mich zärtlich in seine Arme, auch zu einem solchen äußersten Mittel ist es noch viel zu früh. Nur ein wenig mehr Zurückhaltung als neulich, müssen Sie gegen mich annehmen. Auch ich will mich zuweilen beklagen, daß Sie etwas langsam begriffen und lernten; denn lobt' ich ihre Gelehrigkeit, so möchte ihr Vater endlich glauben, daß Sie keines Lehrers mehr bedürften. – »Gut! gut! erwiederte ich: thun Sie, was Sie wollen. Nur kein Abschied von Ihnen! Er würde mein Herz zerreißen.« – Einige Thränen entfielen hier meinen Augen. Er küßte sie von meiner Hand und meinen Wangen, und ich erwiederte seine Liebkosungen, mit aller Zärtlichkeit einer Tochter, und mit aller Unschuld eines Kindes.

Seine Befehle waren mir von Stund an heilig. Ich befolgte sie so pünktlich, daß mein Vater weder von meiner Schwäche, noch von der Niederträchtigkeit meines Erziehers eine Silbe muthmaßte. Alle übrigen Hausgenossen waren nicht scharfsichtiger und konten auch kaum es seyn; denn unsre Haushälterin war ein gutes altes einfältiges Weib, die nur auf ihre Wirthschaft dachte; mein Kammermädchen, ihre Tochter, glaubte daß in iedem geistlichen Kleide auch ein Engel stecken müsse; alle übrige Bediente hatten keine Gelegenheit uns genauer zu beobachten.

Ich trat nunmehr in mein vierzehntes Jahr. Mein Vater feierte meinen Geburtstag; das heißt, er ließ beim Mittagstisch einige Schüsseln mehr auftragen, und trank über der Tafel verschiednemal meine Gesundheit. Unter andern sprach er zum le Bris. – »Nun, Herr Doktor, ihre Schülerin wird bald für ein erwachsnes Frauenzimmer gehalten werden können, und ich werde ihr einen Mann aussuchen müssen, der Ihnen mit einer fetten Pfründe die Sorgfalt vergilt, mit welcher sie ihren Geist gebildet haben.« – Der schmeichelnde Heuchler verbeugte sich und antwortete: »die Tochter meines würdigen Wohlthäters glücklich zu sehn, ist mir mehr, als die ansehnlichste Pfründe.«

Das Gespräch kam auf andre Gegenstände. Ich dachte heimlich diesen Worten nach, und als ich den andern Tags wieder in der Stunde bei meinem Lehrer mich befand, fragte er mich, mit schwermüthigen Blick und Ton: Theuerste Miß, erinnern Sie sich noch, was gestern Ihr Vater sagte? Er will Sie bald verheirathen, und ich soll Sie auf immer verlieren? – O sagen Sie das nicht! fiel ich hurtig ein: Noch hat es mit meiner Heirath keine Eil. Aber solte auch mein Vater mich dazu treiben, alle Ehemänner in der ganzen Welt werden Sie bei mir nicht in Vergessenheit bringen. Nein, Sie sollen stets bei mir bleiben! und wenn ich Herzogin werden könte – selbst um diesen Preis verließ ich Sie nicht!

»Und ich Sie ebensowenig für ein Erzbisthum! – rief er, und schloß mich feurig in seine Arme. – Frei gestanden, schon habe ich, seit ich hier bin, einige Briefe erhalten; wodurch einträgliche Ämter mir angetragen wurden; doch alle hab' ich ausgeschlagen, nur um von meiner theuersten Schülerin mich nicht trennen zu dürfen!« –

»Haben Sie das – haben Sie das würklich gethan?« schrie ich Thörin halb außer mir, und warf mich an seinen Hals. – »Bei Gott! ich that's! Und verschwieg es nur, um nicht ruhmräthig zu scheinen!« – »O so wäre ich das undankbarste Geschöpf auf Erden, wenn ich dafür nicht wieder von Herzen Sie liebte.« – »Und versprechen Sie mir, mich stets bei sich zu behalten?« – »So lang' ein Odem in mir ist!« – »Wollen Sie mir das beschwören?« – Ja! ia! mit tausend und aber tausend Eiden, wofern Sie es verlangen.

Der Bösewicht versäumte nicht, mich beim Worte zu halten. Mit den feierlichsten Schwüren, deren die Sprache nur fähig ist, verband ich mich, sobald ich Herr über mich seyn würde, ihn nie von mir zu lassen. Von nun an verstrichen unsre meisten Stunden mehr mit thörichten Liebkosungen als mit Lehren und Lernen. Mein Vater spürte allerdings, wie geringe Fortschritte ich mache. Doch nicht meinem Lehrer, meiner eignen Nachläßigkeit gab er die Schuld davon, und schmälte deshalb oft auf mich. Ich ertrug es geduldig, denn ich hielt es für den sichersten Weg, meinen lieben Lehrer niemals loszuwerden; und dieser war so vergnügt darüber, daß er mir selbst eines Tags sagte: »Er schmeichle sich nun, von mir nicht minder, als selbst mein Vater geliebt zu werden.« – O ia! rief ich in kindischer Einfalt: wohl liebe ich Sie eben so stark; und ich hoffe doch, daß es keine Sünde seyn wird? – »Keineswegs! Seine Tochter sind Sie blos von Natur; die meinige sind Sie durch Liebe geworden. Sie sind blos ein Kind meiner Seele; und eben deswegen müssen Sie mich noch stärker lieben.« – Wie froh bin ich darüber! gab ich zur Antwort; denn warlich liebe ich Sie ein gutes Theil stärker; auf Ehre ich thu es! –

Meine Versichrung schien ihn zu entzücken. Ich hatte mich nach den Spiegel gekehrt, um etwas an meinen Kopfputz zu ordnen. Er zog mich sanft aufs Knie, und drückte feurige Küsse auf meine Lippen. – »Schmecken diese süßer als die Küsse ihres Vaters?« – Ich beiahte es, und erwiederte sie. – »O wie schön sind Sie! rief er aus. Selbst dieser Busen, er hebt sich erst; aber seine blendende Weiße ...« Er schob seine Hand unter mein Halstuch; Berührung von ihm, sagte er, würde diese Gegend noch voller und reizender machen. Ich Thörin glaubte ihm alles. Ich wußte nicht, was strafbar sei, und fühlte bei seiner unanständigen Freiheit daher auch keine Schaam, that ihm keinen Widerstand. – Noch iezt, nah dem Tode, – mir bewußt daß ich nicht mehr erröthen kann, wenn ein fremdes Auge diese Zeilen ließt – noch iezt scheu ich mich die Liebkosungen alle zu nennen, die der schändliche Bube anwandte. Mit meinen Händen würde ich ihn erdrosselt haben, hätte ich gewußt, wie unziemend sie wären. Doch – wie ein Dichter sagt,

Doch da sein Beispiel noch Behutsamkeit mich lehrte,
War meine Unschuld selbst der Feind, der mich bethörte.

In einem einzigen Punkt muß ich ihm rechtfertigen. Meine Ehre ließ er unverletzt. Auch sie hätte das unerfahrne Mädchen wahrscheinlich von seinen Schmeicheleien berauscht, von seiner sogenanten väterlichen Liebe betrogen; ihm aufgeopfert; aber er selbst machte keinen Anspruch drauf. Sicher nicht aus Enthaltsamkeit, oder aus Sorgfalt für meine Wohlfarth; denn welche gute Eigenschaft wäre bei einem solchen Bösewicht zu vermuthen – sondern weil er misliche Folgen für sich selbst besorgte.

Dieser Umgang, der vielleicht iedem, der von ihm hört, höchst lächerlich dünken wird, und den nur meine äußerste Unerfahrenheit entschuldigen konnte, währte auf immer gleichen Fuß, bis ich in mein siebzehntes Jahr trat. Um diese Zeit rief ein Rechtshandel abermals meinen Vater nach London, und er überließ die Aufsicht über mich und über sein ganzes Hauswesen seinem Liebling, meinem Lehrer, mit der Erklärung, daß er kaum unter zwei Monaten zurückkehren würde. Er war noch nicht drei Wochen entfernt, als mein Aufseher einen Besuch empfing, den er mit vieler Höflichkeit aufnahm. Er erzälte mir nachher: daß es der Bevolmächtigte eines benachbarten Edelmanns sei, und daß man ihm eine Pfründe, die iährlich fast achthundert Pfund eintrage, angeboten habe. – Ich, die ich an der Wahrheit dieses Vorgebens keinen Augenblick zweifelte, erschrack heftig und rief aus: So wollen Sie mich doch also verlassen? – »Wenigstens nicht ohne den äußersten Zwang; erwiederte er: aber was kann ich thun? Wenn ich späterhin dem Mangel mich ausgesetzt sähe, würde nicht iedermann mich tadeln, daß ich ein so günstiges Anerbieten ausschlagen konte?« – »Und was für einen Mangel, fuhr ich fort, könten Sie besorgen? Hab' ich nicht Vermögen genug, meinen Lehrer, meinen Vater, meinen Freund zu versorgen?«

»Ach, mein theurer Engel, antwortete er seufzend, Sie vergessen, daß wenn Sie einst verheirathet sind, ihr ganzes Vermögen nicht Ihnen, sondern ihrem Gemal gehören wird, und daß dieser, sobald es ihm in Kopf kömt, mich gradezu aus dem Hause stoßen kann.« – »Mit nichten, schrie ich laut auf, nie werde ich einem meine Hand geben, bis er mir feierlich schwört, Sie lebenslänglich zu behalten!« – Was schwört ein Mann nicht! war seine Antwort; aber selten nur hält der Gemahl, was der Liebhaber versprach. Kurz, meine liebenswürdigste Betti, (indem er mich zärtlich in seine Arme schlos) es giebt einen einzigen Weg nur, der zur Dauer unsers Glückes führt; gehn Sie diesen ein, so will ich nicht nur den wichtigen Vorschlag, der mir ietzt geschieht, ablehnen, sondern auch iede Hofnung einer geistlichen Beförderung aufgeben, und mich ewig nur Ihnen widmen.

Diese lezten Worte brachten mich für Entzücken außer mir; ich hing an seinem Halse, küßte seine Wangen, und beschwur ihn, mir vorzuschreiben, was ich thun solle. Er erklärte sich dann: wir müsten einen schriftlichen Vertrag errichten, vermöge dessen ieder, bei Verlust seines halben Vermögens, den andern nie zu verlassen verspräche. – Ich ging es freudig ein, und eben diese meine Wilfährigkeit machte, daß er mit dem zweiten Vorschlag herausrückte, der noch unverschämter als der erste war.

Denn nach einer kleinen Pause, in welcher er nachzudenken schien, fuhr er fort. »Noch wäre er möglich, daß ihr künftiger Gemal, wiewohl sein eigner Nuzzen ihn hindern würde, mich zu verstoßen, doch eines so wunderlichen Karakters, eines so verderbten Herzens wäre, daß sein Betragen mich selbst von Ihnen zu weichen zwänge. Wie wäre es, wenn Sie daher in diesem Aufsazze sich auch verpflichteten, nie ohne meine Einwilligung zu heirathen?« »Wie kann ich aber, (entgegnete ich, zum erstenmal etwas befremdet,) dies versprechen, da ich, wie Sie wissen, ganz meinem Vater unterworfen bin.« – »O sei Gott vor! rief dieser schlaue Bösewicht: daß ich iemals im geringsten dessen Wahl, oder ihrer eignen Neigung bei einer Heirath widersprechen solte. Von einer bloßen Förmlichkeit ist hier die Rede; von einem Papier blos, das im Vorzeigungsfall ihren Gemal nöthigen soll, mir mit Dankbarkeit und Achtung zu begegnen.«

Ich Thörin war nun ganz mit allem zufrieden, und gab ihm willig die Freiheit eine solche Schrift aufzusezzen. – Er erwiederte mit seiner gewöhnlichen Schlauheit: – »Noch ist der Freund, der mir ienen Vorschlag gethan, nicht ganz hinweg, sondern speißt im nächsten Gasthof, indem er nach Tische meinen Entschlus sich hohlen wolte. Es trift sich zum Glück, daß er ein Notarius ist. Leute seiner Art sind zu den gleichen schriftlichen Sachen geschickter und tauglicher, als wir Gottesgelehrten. Ihm will ich daher so viel als nöthig ist, von unsrer freundschaftlichen Verabredung entdecken, und er mag ein eignes Instrument darüber aufsetzen.« Indem er dies gesagt, und noch manchen zärtlichen Kuß mir ertheilt, mit mancher Liebkosung mich gleichsam belohnt hatte, entfernte er sich, um wie er sagte, seinen Freund aufzusuchen.

Es blieb mir nur wenige Zeit übrig, diesem wichtigen Schritte nachzudenken. Denn le Bris kam in einer kleinen Weile wieder, brachte seinen Rechtsgelehrten mit, und dieser verlangte aus meinem eigenen Munde zu hören, was er aufsezzen solte. Ich wiederhohlte ihm unsre getrofne Abrede, und überließ es ihm ganz: in welchen Ausdrücken er sie niederschreiben wolle. – Wäre ich damals nur mit einiger Erfahrung begabt, nur meiner Sinne recht mächtig gewesen, so hätte ich merken müssen, daß hier eine abgeredete Karte zwischen zwei Bösewichtern sei. Denn in fünf, höchstens sechs Minuten kam der Notarius schon mit einem großen beschriebenen Pergamente wieder, und hatte es weder an Siegeln, noch an sonst einer Erforderniß, wodurch ein Kontrakt gültig gemacht wird, fehlen lassen. Aber ich war ganz verblendet. Mein bisgen Verstand war völlig meinem nichtswürdigen Verführer unterthan, und ich that und unterschrieb alles blindlings, wie er es begehrte.

Der Notar reiste des andern Tags wieder ab, und einige Wochen verliefen ohne irgend einen besondern Zufall. Die Rückkunft meines Vaters nahte sich; doch plötzlich traf statt seiner die traurige Nachricht ein: daß er plötzlich an einem Schlagflusse gestorben sei. Schon ein Jahr zuvor hatte er sein Testament gemacht, und mich, bis auf ein paar unbedeutende Legate, zur einzigen Erbin eingesezt; zugleich aber, wenn ich bei seinem Tode noch minderiährig, oder unmündig seyn solte, zwei rechtschafne Männer zu meinen Vormündern ernant. Beide sowohl, als auch mein Vetter, Sir James L. schrieben aufs verbindlichste an mich, meldeten mir diesen Todesfall, und daß es für mich unumgänglich sei nach London zu kommen; boten auch ieder mir ihr Haus zur Wohnung an; und da sie in verschiednen Quartieren der Stadt wohnten, überließen sie mir selbst, eine Wahl deshalb zu treffen.

Aber mein Lehrer, den ich nun meinen Aufseher nennen werde, widerrieth mir höchlich ihre Erbietungen anzunehmen. Er wolle selbst, sagte er, an einen rechtschafnen Mann, der sein Freund sei, schreiben: daß er mir ein Haus miethe. Ich folgte ihm, wie gewöhnlich. Dieser Freund kam uns zehn Meilen weit entgegen; und war kein andrer als der schon erwähnte Notarius. Die Wohnung, die er für mich gemiethet hatte, und in die er uns einführte, war allerdings gut gelegen und schön. Es war schon spät am Tage, als ich eintraf. Mein Vetter und meine Vormünder, als ich ihnen meine Ankunft melden ließ, fanden des andern Morgens bei Zeiten sich ein. Sie überhäuften mich mit Freundschaftsversicherungen. Ich stelte ihnen den le Bris, als einen Mann vor, den mein Vater sehr hochgeschäzt, und dem er bisher meine Unterweisung anvertraut habe. Sie begegneten ihn mit aller der Achtung, die er nach einer solchen Ankündigung zu verdienen schien.

Ich betrat nun einen Schauplaz, der für mich ganz neu, ganz wundersam seyn muste. Eine Menge von Verwandten, die ich bisher kaum nennen gehört, eine große Anzahl von Herren und Damen, die ehemals meine Mutter gekant hatten, kamen, mir ihren Besuch zu machen: Meine Morgen verflossen unter Erkundigungen und Komplimenten, meine Nachmittage unter Besuchen, die ich gab oder erhielt, meine Abende bei Bällen, Schauspielen oder Assembleen. – Welch ein rascher, sonderbarer Uebergang! Ich, bisher auf einem Landsizze eingesperrt – ich, die ich kaum in einem verschloßnen Garten freie Luft schöpfen durfte, ich sah nun die gröste Stadt Europens vor mir offen da liegen. Statt des ernsten Unterrichts, den mir sonst zwei alte Männer ertheilten, füllten iezt mein Ohr die Schmeicheleien der Stuzer, die Geschwäzzigkeiten iunger Freundinnen, und die Histörchen eines muthwilligen Zirkels. Ich, die ich sonst oft für Langerweile die Minuten zählte, ich sah nun mit iedem Augenblick eine neue Unterhaltung, eine neue Lustbarkeit sich um mich reißen; und selbst gleichgültige Dinge wurden mir durch ihre Neuheit wichtig.


Ich war iung, nicht häslich, noch unerfahren, doch nicht unfähig mich zu bilden —– noch mehr, ich war die Besizzerin eines unermeslichen Vermögens, und, wie es schien (ach leider nur schien!) die unbeschränkteste Gebieterin über meine Hand. Natürlich wurden mir daher fast mit iedem Tage Heirathsvorschläge gethan. Ich theilte sie alle treulich meinem Aufseher mit; aber, wiewohl einige davon allerdings für mich annehmlich und vortheilhaft waren, fand er bei allen doch einen Vorwand, mir seine Einwilligung zu versagen; und ihm gehorsam lehnte ich auch alle ab; zu großen Erstaunen aller meiner Bekanten, und mit höchster Misbilligung meiner besten Freunde.

Ueberhaupt war le Bris mit der Lebensart, die ich ergriffen hatte, nichts weniger als zufrieden. Der Zirkel, in dem ich mich befand, konte unmöglich sein Zirkel seyn; und kaum waren daher meine Erbschaftsangelegenheiten in Ordnung, als er mir auch die Rückkehr auf mein Landgut vorschlug. Doch hier zum erstem mal fand er bei mir ein taubes Ohr. Viel zu sehr behagten mir die Freuden der Stadt, als daß ich nicht dies Gesuch ganz verworfen haben solte. Ganz seinen Wünschen entgegen miethete ich mir vielmehr eine noch kostbarere Wohnung, als meine bisherige gewesen; meublirte sie so geschmackvoll, als ichs vermochte, und erweiterte den Kreis meiner Bekantschaften altäglich. Er fand großes Misfallen an diesen Aussichten. Da ich aber fortfuhr meiner Verpflichtung gegen ihn treulich nachzukommen, so hatte er auch keinen Grund, sich über meine übrigen Handlungen zu beschweren.

Noch war auch würklich in meinen Kopf nicht der geringste Heirathsgedanke gekommen. Ich ging mit den Mannspersonen nur um, um meine Eitelkeit befriedigt und mich geschmeichelt zu sehn. Glücklich für mich, wenn ich immer bei dieser Denkungsart – so thöricht sie im algemeinen seyn mag, – gelieben wäre! Doch mein unglückliches Schicksaal hatte ganz ein anders über mich beschlossen. Ich solte bald mich überzeugen: daß alle Freude der öffentlichen Bewunderung nichts gegen das süße Gefühl wechselseitiger Zärtlichkeit sei, und, daß man die Gegenwart eines liebenden und wieder geliebten Jünglings gern für die lermendste Gesellschaft der großen Welt eintauschen möchte.

Ich habe bereits meines Vetters, Sir James L * * erwähnt. Gleich das erstemal als ich ihn sah, hatte mir seine Gestalt, und die Art seines Betragens gefallen. Doch alzu neu war ich damals noch in meiner Lage; und tausenderlei Dinge theilten sich alzu stark in meine Aufmerksamkeit, als daß ich sie auf einen Gegenstand allein hätte richten, oder wohl gar einer Leidenschaft Plaz geben sollen. Bald drauf verreiste er nach Paris; blieb sechs bis sieben Monate weg; schrieb mir ein paar ziemlich artige Briefe, und dabei blieb es. Doch als er wieder zurückkam, und auch bei mir seinen Besuch ablegte, da hätte ich fast meinen Augen nicht getraut, ein so ganz andrer Mann schien er mir indeß geworden zu seyn. Er stand allerdings grade damals in dem Alter, in welchem der iunge Mann sich zu befestigen, und oft durch diesen oder ienen gleichsam unmerklichen Zuwachs zu verschönern pflegt; er mochte auch würklich indessen in manchem Punkte sich mehr und mehr ausgebildet haben; doch vermuthlich lag der gröste Grund dieser vortheilhaften Bemerkung in mir selbst. – Kurz, ich fand ihn liebenswürdig, und er vergalt es mir durch eine gleiche Erwiederung. Denn auch ich dünkte ihm indeß mächtig verändert, oder wie seine Schmeichelei zu sagen beliebte, vervolkomt worden zu seyn. Nicht ganz ein Wunder! denn ich hatte mitlerweile mehr Ton der gesitteten Welt angenommen; hatte mich tragen, mich puzzen gelernt, war bekanter mit weiblicher Eitelkeit und mit allen ihren halbunschuldigen Künsten geworden.

Unser Gespräch ward daher iezt um ein gutes Theil lebhafter als vormals. Er bat mich beim Abschied um die Erlaubnis, bald wieder kommen zu dürfen. Ich gab sie ihm nicht nur willig, sondern es schien mir auch, als er weggegangen war, etwas zu fehlen, was ich nicht nennen konte, und auch bisher noch nicht vermißt hatte. Mit einem Worte, – denn meine iezige, dem Tode schon nahe Lage, erlaubt mir nicht ein Gemälde auszuführen, was ohnedem Ihnen, meine theure Amalia, nicht fremde seyn kann – mit einem Worte, es glimte zwischen mir und ihm eine Liebe an, die bald zum starken heftigen Feuer wurde. Denn da die nahe Verwandschaft meinem Vetter einen Vorwand mehr, mich oft zu besuchen, ertheilte; da wir beide iung, beide (wenigstens dem Scheine nach), ungebunden waren; so ward bald seine Neigung zu mir sichtbar, und auch ich verbarg die gegenseitige Achtung nicht; ertheilte ihm manchen kleinen, doch merklichen Vorzug; und berechtigte die übrige Welt zur Vermuthung, daß diese Freundschaft bald mehr als Freundschaft werden dürfte.

Le Bris war einer der Ersten, welcher diese Veränderung, die in mir vorging, warnahm, und sobald er spürte, daß Sir James mir werth zu seyn beginne, nahm er ihn auch sehr oft zum Gegenstand seines bittersten Spottes. Alle Tage erzälte er mir tausend lächerliche Geschichten, die er von ihm gehört zu haben vorgab, und schilderte mir ihn, als einen Menschen, der allen Wollüsten fröhne. Noch hatte ich für diesen Elenden eine so unbeschränkte Hochachtung, daß ich mich nicht ihm zu widersprechen getraute. Ich nahm mir anfangs würklich vor, meinen Vetter minder zu schäzen. Aber ich sah, ich hörte ihn ein einziges mal wieder, und alles Mistrauen verschwand. Ich glaubte endlich an le Bris Geschichten nicht mehr. Aber ich argwohnte noch nicht, daß er sie vorsäzlich erdichte, und es that mir nur weh, ihn so ungünstig von einem Manne denken zu sehn, von dem ich mir nun selbst gestand, daß ich ihn liebe. Diese Hartnäckigkeit verdroß dem le Bris immer stärker, und endlich erklärte er mir eines Tages gerade zu: »er wundre sich, daß ich die Bewerbungen einer Person begünstigen zu wollen schiene, die nie mein Gemal werden könne.« – »Und warum könnte sie es nicht werden, mein Herr? erwiederte ich. Unsre Blutsfreundschaft ist nicht gar so nahe, daß sie es hindern solte. Unser Alter und unsre Glücksumstände sind sich angemessen. Er liebt mich, ich ihn: Warum solten wir nicht ein Paar werden können?«

Weil Ihnen das unumgänglichste Bedürfnis, meine Einwilligung, fehlt und ewig fehlen wird.

»Als ich aber diese Gewalt über mich Ihnen einräumte; versprachen Sie nicht, meine Neigung nie zu zwingen?«

»Das that ich; doch aufrichtig zu gestehn, weil ich glaubte: Ihre Neigung würde auf mich selbst gehn.«

Auf Sie selbst! rief ich mit einem Erstaunen, das Worte nicht fassen können.

»Allerdings, schöne Miß Betty. Mich dünkt, das solte Ihnen nicht so sonderbar vorkommen. Erinnern Sie sich der Vertraulichkeit nicht mehr, die sonst zwischen uns herrschte? Und können seitdem wohl Schaam und Tugend Ihnen die Ansprüche auf einen andern Gatten verstatten?«

Zorn, Schrecken und Schaam hemten bei diesen Worten meine Zunge. Das ganze Bild iener begangnen oder vielmehr iener gelittnen Thorheiten, die Unwürdigkeit, sie mir vorgerückt zu hören, und ein dunkeles Gefühl dessen, was mir bevorstehen könne, überwältigten mein Herz. Sprachlos stand ich da; aber in meinen Blicken sprach hoffentlich der ganze Sturm der Leidenschaften, der in mir tobte; Le Bris that als bemerke er es nicht, und fuhr fort: » Wie oft hingen Sie ehemals an meinem Hals ganze Stunden lang! Wie oft versicherten Sie mich, daß ich Ihnen alles sei! Wie oft verleitete mich die zärtliche Wärme, die Sie gegen mich zu fühlen schienen, zu Freiheiten, die ein Frauenzimmer nur dem glücklichsten Liebhaber, dem gewissesten Bräutigam vergönnen kann! Wie reizten Sie mich durch ihr Wohlgefallen zu deren Wiederhohlung! Und wenn ich nicht mehr Ehre, als Sie iezt Standhaftigkeit, besessen hätte, würde nicht selbst die lezte, die einzige übrige Freiheit, mir vergönt gewesen seyn, und Sie nichts neues mehr für einen Nebenbuler übrig haben?«

Jezt endlich machte sich meine Brust durch einen wüthenden Ausbruch meiner Stimme Luft. Ich überhäufte ihn mit Schmähreden, selbst mit Benennungen, die vielleicht nicht geziemend, aber doch wenigstens nicht ärger waren, als dieser Bösewicht sie verdiente. Er hörte mich mit schweigender Erbitterung an. Doch als ich endlich sagte: daß es die grausamste Niederträchtigkeit sei, mir die Thorheiten einer kindischen Unschuld iezt noch vorzurücken, fiel er mir mit einem spöttischen Lächeln ins Wort, und rieth mir diese Ausdrücke wenigstens aus dem Schuldregister meiner Beschwerden wegzustreichen. – »Sie kennen ia nun die Welt; sagte er: hoffen Sie wohl, daß solche glauben wird: eine Lädi von vierzehn bis sechszehn Jahren, fühle bei einem Manne, dem sie sich ganz überläßt, nicht mehr, als das Kind bei der Puppe?«

Ich wolte ihm antworten: daß bei meiner Erziehung eine solche Unwissenheit sehr begreiflich sei; und daß ich würklich damals noch als ein Kind anzusehen gewesen sei. Doch die Empfindung eines Schmerzen, mit dem noch nichts in meinem ganzen Leben auch nur von weiten sich vergleichen konte, zersprengte schier mein Herz, und ich sank ohnmächtig auf einen nahstehenden Sessel hin. War es, daß dieser Anblick ihn würklich rührte, oder stelte er sich nur so; kurz, er sprang herzu, wandte alles an, mich wieder zu mir selbst zu bringen, und als mein Bewustsein zurückkehrte, fand ich, daß er mich zärtlich in seinen Arm geschlossen hielt. Doch zu abscheulig war er iezt mir geworden; ich suchte mich mit Gewalt loszureißen; er hielt mich nur noch fester, und rief: » Ist es möglich, englische Betty, daß Sie sogar grausam seyn können! Gab es nicht eine Zeit, wo Sie Vergnügen an meiner Umarmung fanden? Gestanden Sie es mir nicht selbst? O lassen Sie diese Zeiten wieder rückkehren; rückkehren iene sanften Bilder! Und wir werden beide glücklich seyn!«

Nein! rief ich, indem ich mit aller gesammelten Kraft ihn zurücksties. – Was ehmals die Würkung einer alzu großen Unschuld war, würde iezt Verbrechen seyn! Mich selbst würde ich dann verabscheuen! Verabscheuen wie iezt Sie! – »Und ich liebe Sie, sprach er, noch immer!« – Wohlan, so beweisen Sie es! Geben Sie meine Unterschrift zurück. Widersezzen Sie sich meiner Heirath mit Sir James nicht. – »Das ist zuviel begehrt, Miß. Beharren Sie auf dieser unseeligen, gewiß auch für Sie unglücklichen Heirath, so ist die Hälfte ihm Vermögens mir noch ein sehr schwacher Ersaz für ihre Person; und Sie werden hoffentlich mich nicht für so einfältig halten, daß ich ienem entsagen solte, wenn Sie diese mir rauben.«

Ich floh von diesem Gespräch auf mein Zimmer, warf mich auf mein Bette, schafte mir durch einen Strom von Thränen eine kleine Linderung, und begrif endlich wohl, daß alle Klagen mir nichts nüzzen könten, sondern daß ich auf Mittel denken müste, aus diesem Labirinthe, worin ich mich selbst verstrickt, nun wieder hinauszukommen. In dieser Absicht stand ich auf; vermumte mich, um nicht erkant zu werden, so gut ich nur konte; und fuhr in einer Miethkutsche zu einem der berühmtesten Rechtsgelehrten. Unter erdichtetem Namen erzählte ich ihm meine ganze unglückliche Geschichte. Er hörte mir sehr aufmerksam zu, und fragte, wie alt ich gewesen, als ich dies unüberlegte Bündnis eingegangen sei? Sich antwortete ihm der Wahrheit gemäs: Sechszehn Jahr! und er schüttelte bedenklich den Kopf. – »Es sei ihm leid, sagte er, daß in diesem Fall die Gesezze keinen Trost für mich hätten. Der beste, ia sogar der einzige Weg bleibe, wenn ich mich gütlich mit dieser Person abfände.« – Ich fuhr also mit noch schwererm Herzen nach Hause, als ich hingekommen war.

Eine ganze Woche brachte ich in äußerster Unruhe auf meinem Zimmer, unterm Schein der Unpäslichkeit, ohne iemanden vorzulassen hin. Selbst Sir James ward nicht vorgelassen. Endlich siegte die Ungedult, mich mit dem geliebten Gegenstand zu vereinen, nebst den Wunsch ienen verhaßten Bösewicht loszuwerden, und ich entschlos mich, den Rath des Rechtsgelehrten zu befolgen. – Le Bris ward eingeladen, auf mein Zimmer zu kommen; ich empfing ihn mit einer höflichen Art, die von unsrer lezten Zusammenkunft himmelweit verschieden war; doch stelte ich ihm vor, wie thöricht der Gedanke einer Heirath zwischen uns beiden sei; und erbot mich zuletzt, wenn er von seiner Foderung abstehe, ihm tausend Pfund zu geben, auch ihm gern noch sonst zu dienen, so viel es mir möglich sei.

Doch er verwarf meinen Vorschlag mit äußerster Verachtung. »Ich müsse sehr einfältig seyn, sagte er, oder ihn dafür halten. Tausend Pfund wären eine trefliche Entschädigung für die Halbschied meines baaren Geldes, meiner Juwelen, meines Silbergeschirs, und meines übrigen prächtigen Vermögens. Auf alles dies erhalte er durch meine anderweitige Verheirathung den rechtsgegründetsten Anspruch, und sei ihn auch durchzusezzen gesonnen.« – »So werde ich mich nie verheirathen! rief ich aus.« – Das stünde bei mir, erwiederte er; doch müsse er dann stets bei mir bleiben. Was ich hingegen für seinen Abtritt ihm anböte, betrage kaum eine fünfiährige Besoldung, die er als mein Kaplan zu fordern berechtigt sei.

Weil ich aus diesen letzten Worten schlos, daß ihm nur die angebotne Summe zu gering gewesen sei; so erklärte ich mich: daß ich meine Freiheit mit zwei, auch dreimal mehr zu erkaufen willig wäre; aber er erwiederte mit dem entschlossenstem Tone, daß er von unserm Vertrage auch um kein Haar breit abzugehen gedenke. – Vergebens erneuerte ich den nächsten Tag, und einige folgende noch meinen Antrag; vergebens wandte ich alle Gründe, die mein Verstand mir darbot, an: vergebens bat ich und weinte; schmeichelte und raste; versprach und dräute. Nichts konte dies Unthier bewegen. Jemehr ich ihn zu erweichen suchte, um desto hartnäckiger ward er. – In welcher grausamen Lage ich mich dabei befand; wie heftig Ungewisheit mich folterte, eigne Vorwürfe mich nicht schonten; das wird iede empfindsame Seele sich denken. Meine Quaal war um desto gräslicher, ie heftiger ich würklich meinen Vetter liebte; ie näher ich mein Glück sah, und ie unübersteiglicher die Kluft war, die uns schied. – Kein Wunder wäre es gewesen, ich wäre um den wenigen Verstand, den mir der Himmel geschenkt, ganz gekommen.

Sir James, dem ich bereits gestanden, daß er mir nicht gleichgültig sei, drang indes unaufhörlich in mich, seine Zärtlichkeit durch ein heiliges Band zu belohnen. Meine zwei Vormünder waren volkommen mit ihm einstimmig; ein algemeines Gerücht nante ihn schon meinen Bräutigam. Einst, als er stärker noch, wie gewöhnlich, in mich drang, als mein Herz voll und übervoll war, rief ich, meiner selbst nur halb bewußt: »James, Sie wissen nicht, was Sie bitten, wenn Sie meine Hand begehren«. – Dieser Ausruf befremdete ihn. Ich, die ich einmal angefangen, muste nun auch fortfahren. »Sie glauben, daß meine Einkünfte iährlich wenigstens zwölfhundert Pfund betragen; ich will Sie nicht hintergehn; Sie können mit mir kaum sechshundert empfangen.« Sein Erstaunen wuchs bei diesem Uebergang, auf den er grade am wenigsten hatte mutmaßen können. – »Es fiel mir noch niemals ein, erwiederte er, bei Miß Bettys Liebenswürdigkeit an ihr Vermögen zu denken. Aber sonderbar muß es mir dünken, daß sie, wenn sie einmal einen Vorwand nehmen wolte, grade diesen wählte, dessen Unstathaftigkeit ich kenne.« – »Und was, was kennen Sie?« – »Solte ich nicht wissen, was meine Nichte besizt? Auch haben ihre Vormünder mir ungefragt Ihren ganzen Vermögenszustand entdeckt.« – »Entdeckt, so viel sie selbst davon wissen konten! Sezzen Sie aber einmal, daß ich über die Hälfte dieses Vermögens, im Fall ich heirathen solte, schon Verfügung getroffen hätte?«

Er sah mich eine halbe Minute mit ernstem forschenden Blicke an. – »Ich mag nichts voraussezzen, sagte er endlich, was an und vor sich selbst unmöglich ist.« – »Möglich und würklich! rief ich, und brach in einen Strom von Zähren aus. Unvorsichtiger Weise bin ich eine Verbindung eingegangen, welche mir die Hälfte meines Vermögens, sogar die Hälfte meiner Juwelen und meiner Geräthschaften raubt, wenn ich heirathe und nicht zuvor Bedingungen erfülle, die leider für mich unerfüllbar sind.« Und Sie sprechen im Ernst? – »Bei Gott, im Ernst!«

Sir James sprang hier, mit einem großen Erstaunen und Unwillen, von seinem Sizze auf. – » Miß Betty, rief er, was soll ich von dieser Nachricht denken? Weg zwar mit dem Gedanken an ihr Vermögen! Aber welche Verbindung konten Sie treffen? – wenn? wie? wo?, mit wem? – wie war sie nur möglich!« – Schaam schlos meine Lippen. Ich blieb in einer Art von stummer Betäubung; nur meine Thränen antworteten. – »Ich beschwöre Sie, fuhr mein Vetter fort, erklären Sie sich bestimter! Wenn irgend ein Kunstgrif Sie zur Unterzeichnung eines so sonderbaren Vertrags bewog, wenn irgend ein Betrug hier obwaltet, entdecken Sie sich mir ganz. Ich rufe Himmel und Hölle zu Zeugen an: entweder die Gesezze, oder mein rächender Arm sollen Ihnen Genugthuung verschaffen.«

Jezt bereute ich es erst, die Hälfte meines unglücklichen Geheimnisses verrathen zu haben; nicht, als hätte ich nicht gerne meinen nichtswürdigen Lehrer gestraft gesehn; aber ich wuste nur alzugut, daß er bei James kleinstem Schritt gegen ihn, alle die Freiheiten, die er sich sonst erlauben durfte, ihm entdecken würde. Eine Entdeckung, vor der ich mich im Mittelpunkt der Erde verborgen hätte! Eine Entdeckung, die mir die Liebe meines Vetters rauben mußte! Mein ganzes Vermögen, mein Leben selbst wär ich einzubüßen bereit; nur diese Liebe nicht! – Ich schlug daher den nochmals angetragnen Beistand meines Geliebten aus; verschwieg die Bosheit ienes elenden Verführers; und erklärte, daß ich schlechterdings über diesen Punkt ein mehreres nicht entdecken könne. Aeußerst unmuthig entfernte sich Sir James, und am nächsten abermals schlaflos herbeigekomnen Morgen empfing ich folgendes Billet von ihm.

Madame!

Die seltsame Nachricht, die Sie mir gestern mittheilten, hat mich die ganze Nacht beschäftigt. Ich erkläre nochmals aufs feierlichste: Ihr Vermögen war bis iezt mein kleinster Gedanke. Doch da Sie sich weigern, mir die Person zu nennen, mit welcher Sie einen so sonderbaren Vertrag eingingen; da Sie mir eben so entschlossen die Beweggründe verschweigen, die Sie dazu antrieben; kurz da Sie ein so wichtiges Geheimnis mir geradezu verweigern, so kann ich nichts anders muthmaßen: als es war schon iemand vor mir in seiner Liebe bei Ihnen glücklich. – Eine zweite Leidenschaft, ein Nach-Besitz verträgt sich nicht mit der Feinheit meiner Gefühle, und nie mag ich eines andern Recht mit Schmälerung meiner Ehre kränken. – Ich werde Sie daher von nun an als Vetter mit meinen Besuchen selten, als Liebhaber gar nicht mehr belästigen. Aber freuen wird es mich, wenn es Ihnen allzeit glücklich geht. – Ob dies auf eine andere Art möglich ist, als wenn Sie gerecht gegen den ersten Gegenstand Ihrer Zärtlichkeit handeln, weiß ich nicht: allein sein früheres Recht zwingt mich, allen meinen bisherigen glänzenden Hofnungen zu entsagen, und mich nur noch zu nennen

Ihren

ergebensten Diener und Vetter
James L * * *             

So zeran mein ganzes gehoftes Glück! Alle die süßen Bilder von Liebe und Ehe verschwanden; und desto traurigere traten an ihre Stelle. Einige Wochen hindurch überließ ich mich ganz dem Kummer und der Verzweiflung; endlich trug über beide mein Stolz einen kurzen Sieg davon. »Kann Sir James deiner vergessen, dachte ich, warum nicht auch du des Sir James?« Um vor fremden Augen den Zustand meines Innern zu verbergen; um selbst dieses Innerste vielleicht zu heilen, stürzte ich mich wieder in den Wirbeln der großen Welt; suchte grade ihr ärgstes Getümmel, ihre rauschendsten Freuden, und ohne iemals sträflich in der That zu werdet, sezte ich mich doch manchem verdienten Tadel aus.

Doch die menschliche Natur läßt sich nur auf eine Weile Gewalt anthun, nicht auf immer. Meinem Kummer, meiner Verzweiflung wolt' ich entfliehen. Sie folgten mir überall nach. Die übrige Welt spürte sie zwar nicht; doch ich fühlte sie dafür nur desto treuer. Oft mitten im Tanz hoben Seufzer meine Brust, standen Thränen in meinen Augen. Nur mit äußerster Gewalt kont' ich sie unterdrücken; und streifte mich durch desto qualvolleres inneres Gefühl für diese äußere Heuchelei. Sah ich zumal meinen Vetter, erforderte es Wohlstand oder Gesellschaft, daß ich ihn sprach – o meine Freundin, es giebt auch hier Schmerzen, deren die Hölle selbst sich nicht schämen darf!

Seine Heirath mit Julien S * * vollendete mein Elend. Ich sah ihn verbunden mit einer andern; und beide schienen mir glücklich zu seyn. Länger kont' ich mich nicht verstellen; länger die Welt nicht durch meinen gedankenlosen, kindischen Muthwillen hintergehn; und von einem Aeußersten fiel ich wieder aufs andre. Ich wolte ganz und gar keine Gesellschaft weiter sehn, verschlos mich in mein Zimmer, versagte selbst meinen besten Freunden den Zutritt, und ging ebenso wenig iemals aus. Ich hatte bisher den le Bris noch an meinem Tische zu speisen erlaubt. Ich verbot, auch ihn weiter vor mir zu lassen: und iezt, da er mich so entschlossen sah, iezt hätte er vielleicht gern für eine Summe Geldes mein Haus gemieden, und iene unseelige Schrift zurück gegeben. Doch mein Glück war nun einmal auf immer zernichtet; der einzige Mann, für den ich Liebe fühlen konte, war für mich verloren. Ich hatte mit der Welt gebrochen; und ich wolte nun auch das Ungeheuer, das der Urquell von diesem allen war, auf keine Art für sein Bubenstück belohnen. Sein festgesezter Gehalt, den ich ihn nicht nehmen konte, solte sein Alles seyn. – Vor einigen Monden starb Mistreß Julie L * *. Ein Stral von Hofnung erwachte auf zwei Augenblicke wieder. – Nur auf zwei Augenblicke! Ich ging vor meinen Spiegel und sah meine verfallne Gestalt. Ich überdachte, daß auch iezt – und wenn ich die Blüte der Schönheit selbst wäre – ein Geständnis meiner Thorheiten noch so nöthig als vormals wäre. – Ich sagte ieder Hofnung das lezte, allerlezte Lebewohl.

Und nun meine Freundinn, sage ich es bald auch Ihnen. Sir James L * * soll mein Erbe seyn. Dies Recht giebt ihm die Blutsfreundschaft schon. Ach, eine andre Freundschaft hätte ihm vorlängst gern noch mehr gegeben. Ich hätte an ihn selbst diese Papiere richten, und mein ehmaliges räthselhaftes Betragen rechtfertigen können. Es war ein Rest von Schaam, von Scheu, von – kurz ich vermocht' es nicht. Nehmen Sie nun dies Geschäft über sich; oder vielmehr, machen Sie diesen Aufsaz der ganzen lesenden Welt bekant. Warnen Sie einige wenige vor dem oft genanten Betrüger; und alle meines Geschlechts vor Bösewichtern, die ihm gleichen könten. – Der Tod wühlt schon in meinem Herzen. Die Anstrengung, die dieser Aufsaz mich kostete, hat ihn wahrscheinlich noch um einige Stunden beschleunigt. – Leben Sie wohl. Mitleid ist das einzige, was meine Asche fodert. Mitleid und vielleicht eine freundschaftliche Zähre!


 << zurück weiter >>