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III.
Uebersicht des Ganzen.

Grade zu derienigen Zeit, wo ein nachforschender Geist in großen Städten am meisten Stof zu Bemerkungen findet, war ich mit allen Anstalten zu meinen unsichtbaren Kreuzzügen fertig. Der Winter hatte die Staatsmänner von ihren Gütern, die Lädis aus ihren Gärten, und die Landiunker von ihren Jagden vertrieben. Unsre verreiste iunge Herren kamen von Calais mit verbesserten Kleidungen, neumodischen Tabacksdosen, verändertem Kopf und verschlimmerten Herzen wieder. Jene ehrwürdige Versamlung, welche die Stimme des Volks vorstellen soll, saß bereits zankend oder gähnend auf Wollsäcken und auf Bänken. Die Ausleger der Gesezze eilten nach Westminsterhall, die Ausleger des Evangeliums machten zu St. James ihre Verbeugung. Die Kriegsschiffe lagen vor Anker, ihre wackern Befehlshaber hatten nun die Rauhigkeiten der Wellen und Winde mit der noch gefährlichern Luft des Hofs und der städtischen Vergnügungen vertauscht; enterten oft zur Unzeit, oder strichen die Flaggen, wenn sie schon zu siegen hoften. Unsre Landhelden, die bisher, weil ihr Schwerdt in Ruhe rostete, den Landmädchens und den Hasen gefährlich gewesen waren, iagten nun nach einem andern Wildpret, auf Bällen, Schauspielen und Maskeraden. Die Lords durchlasen den HoyleDer bekantlich über das Whistspiel geschrieben hat.; die Lädis überlegten an ihren Nachttischen, wie sie an Reiz ihre Schwestern übertreffen, durch ihren Puz hier Fehler verstecken, dort Schönheiten herausheben könten. Halbgetrente Liebschaften wurden erneuert; frische angesponnen. Madame Fama von ihren tausend und aber zehntausend Kundschaftern umflossen, mit Neuigkeiten ieder Art, bald wahr, bald falsch überladen, durchstrich iezt stürmisch wie ein Nordwind, und iezt schleichend wie die Pest, iedes Viertheil unsrer großen Hauptstadt; und wäre der menschliche Körper an iedem seiner Poren mit einem Ohre versehn gewesen, sie hätte Stof genug für alle gehabt.

Wäre Neugier daher mein einziges Erbübel gewesen, auch ohne Gürtel und Buch hätte ich sie so zu befriedigen vermocht, daß dies kurze Leben vielleicht dafür nicht zugereicht hätte. Aber von Jugend auf hatte bei mir ein gewisses Mistrauen der Neugier die Wage gehalten; fast immer hatte ich gefunden, daß das Gerücht noch sehr gütig mit einer Sache umgehe, wenn es sie nur verdopple; um desto mehr freute ich mich, die Wahrheit iezt als Wahrheit zu erkennen; um desto mehr nahm ich es mir vor: die Maske der Heiligkeit vom Angesicht manches Heuchlers abzuziehn; Thorheiten und Laster in mannichfaltigen Abwechslungen zu haschen und darzustellen; böse Thaten ihres Schimmers zu berauben, und manchen Ränken bis in ihre tiefsten Schlupfwinkel nachzuspähen. Im Gegentheil gelobte ich der gedrückten Unschuld Schutz, der verkanten Tugend Rechtfertigung, und dem stillen Leiden Beistand. Kurz, ich nahm mir vor, so seltne Güter durch den Gebrauch nie zu entweihen.

Ziemlich ohne Unterschied stelte ich anfänglich meinen Ausflug an, denn ich glaubte, überall sei der beste Ort. Doch ich lernte bald einsehn, daß dieser Glaube ein Irrthum sei. Ich entzog mich bald wieder den Schauspielhäusern und Bällen, denn ich fand des Gedränges zu viel und der Ausbeute von Belange zu wenig. Ich floh bald die großen Tafeln und Gastgelage; denn ich erkante, daß ie zahlreicher eine solche Versamlung sei, ie minder werde in ihr etwas nüzliches gesprochen. Ich floh alle vermengten Gesellschaften; nur die Maskeraden und die Kaffeehäuser nicht; denn in ienen machte die Larve oft sicher, und in diesen thauten oft an abgesonderten Tischen die zugeschlossensten Lippen auf. Ich besuchte anfangs fleißig die Vorgemächer des Monarchen; aber ich erschrack über die Menge schaaler Komplimente, die ich hörte; und ein so dichter Nebel füllte gewöhnlich den ganzen Kreis, daß selbst die Zauberkraft meiner Tafel unwürksam blieb, und meistens mit halbvollendeten Perioden, und Gedankenstrichen sich begnügte.

Ich entwich eben sobald aus den Zimmern der Staatsminister und der Häupter von den Staatsparteien; denn ich fand da, wo sie ihre Zusammenkünfte hielten, oder Audienz ertheilten, den Fußboden so schlüpfrig, daß der geringste Fehltritt meine Unsichtbarkeit, ia selbst mein Genick sogar in Gefahr versezzen konte. Nur in ihr Schlafgemach verfolgte ich sie zuweilen, wenn sie vom Hofe, oder von ihren patriotischen Geschäften heimeilten; und oft sah ich da Dinge – warum solte ich meinen Mitmenschen das Herz erst schwer machen? warum von Krankheiten sprechen, die so unheilbar wie der Biß der Klapperschlange sind?

Ich liebe den Soldatenstand, und würde gerne und oft ihn genauer betrachtet haben. Aber der angeborne Muth unsrer Krieger machte, daß sie alle Augenblicke, zumal wenn sie mit Unbewafneten sprachen, nach ihren Degen griffen, und ich sorgte: daß das, was selbst ihrer Absicht nach ein Lufthieb seyn sollte, mich treffen, und aus einem ganzen Menschen zwei Hälften machen könne. Ja, wenn auch ihr Streich gelinder, wenn er meinem Gürtel nur gefährlich gewesen wäre, welche Figur würde ich gemacht haben, sichtbar zum Theil, und zum Theil unsichtbar! Wie leicht hätte das Schrecken dann mein Vaterland um einen seiner Helden bringen können! Wie leicht – Kurz, ich blieb auch da zurück.

Aber wann der Ruf von irgend einem Mann vorzüglich viel – es mochte nun gutes oder böses seyn – zu sprechen beliebte; wann irgend ein eheliches Paar, oder ein einzelner Mensch sich zum Muster eines Zirkels empor hob; wann mehrere entweder seinen löblichen Eigenschaften nacheiferten, oder seine Thorheiten nachäften: dann ermangelte ich nicht lange meinen unsichtbaren, aufmerksamen Besuch alda abzustatten; und ward allerdings neunmal in meiner Erwartung betrogen, indem ich sie zum zehntenmal halbbefriedigt fand.

Oft begab ich mich zu den runden Tafeln eines vertrautern Häufleins; hörte gern ihren Scherzen, ihren Gesundheiten, oft auch ihren ernsthaften Plänen zu. Manche Staatsbegebenheit wußte ich dann lang voraus, nicht weil sie im Ober- und Unterhause, oder im Kabinet zu St. James, sondern weil sie beim Punschnapf, wenn der Kopf wärmer und das Herz etwas ofner ist, entworfen worden. Wie unglaublich viel zwei oder drei Menschen vermögen, wenn sie entschlossen und ausdaurend sind, davon sah ich manches Beispiel. Nur vergällte mir die Freude darüber mancher andre Anschlag, der im Winkel began, und bald alzuthätig ward, da er ewig in diesem Winkel hätte bleiben sollen.

Wenn ein Schriftsteller das Publikum in Erstaunen oder Entzücken sezte; wenn er von unsern Lädis beim Frisiren, von unsern iungen Herrn beim Einschlafen gelesen zu werden anfing, dann suchte ich mich in sein Studierzimmer zu schleichen, (was ich freilich oft unterm Dache suchen muste) und bestrebte mich zu ergründen, ob Strohflamme oder ein dauerndes Feuer in ihm brenne. Nicht selten ärgerte ich mich herzlich, wenn ich eben den Mann, dessen Werte schon in manchem Franzbande glänzten, im dürftigsten Gewand fand; Aber noch verdrüslicher war es mir, wenn ich zuweilen den Tugendlehrer im Armen seiner Aufwärterin, den Originalgeist in Umschmelzung seiner Kollektaneen, den Mann von wahren Talenten im Bestreben durch Schleifwege aufzusteigen ertappte. Auch unsre Wochenblätler und Kritiker suchte ich dann und wann heim; sah, wie ängstlich iene oft den Himmel baten: ihre Nebenmenschen eine Thorheit begehn, oder einen Großen endlich einmal ein gescheutes Wort sagen zu lassen, nur um Stoff für ein noch leeres Blatt zu erhalten; sah, wie neidisch diese oft eben dasienige Werk zerfleischten, das sie mit schmerzlichen Gefühl ihres Unvermögens gelesen hatten; und wie oft sie den Dumkopf erhoben, weil sie mit ihm im Briefwechsel oder wohl gar in seinem Solde standen.

Zuweilen schlich ich mich ins Zimmer eines Samlers von Alterthümern oder Seltenheiten, von Münzen oder Gemälden, von Büchern oder von Naturprodukten; und fand theils zur Verwunderung, theils zum Mitleid, oft auch zum Unwillen reichlichen Stof. Denn was ist so komisch und ärgerlich zugleich als einen Knicker zu sehn, der seiner Gattin ihren Puz, seinen Kindern ihren Unterhalt, und sich selbst iedes Vergnügen versagt, um einen ehrnen Otto – der noch dazu vielleicht iünger als sein Käufer ist! – mit zehn Pfund Sterling zu bezalen; einen andern, der mit Gold dem ersten halbzerfreßnen Druck eines alten Autors aufwiegt, um ihn ungelesen hinzustellen; einen dritten, der freudig hundert Guineen für eine vermoderte Lampe hinwirft, weil ihm ein Antiquar, mit mehr Schlauigkeit als Ehrlichkeit, versichert, daß zu Cäsars Zeiten schon ein Dacht in ihr gebrant habe; und einen vierten, der willig den Rostbeaf auf seiner Tafel abschaft, um einen raren Schmetterling mehr in seinen Schrank aufspießen zu können.

Wann ein reicher Erbe von seinen Reisen zurück kam, um das Vermögen in Besiz zu nemen, das ein gutherziger Ohheim, oder ein hektischer Vater für ihn zusammen gespart hatte; so pflegte ich oft bei seinem Aufstehn gegenwärtig zu seyn. Wenn ich ihn dann fand, umringt von Menschen, die erbötig waren, für seine Heirath, sein Vergnügen und für den richtigen Umlauf seiner Wechsel zu sorgen; umlagert von Prokuratoren, Spielern, französischen Schneidern, Galanteriehändlern, gutwilligen Mädchen, glückwünschenden Reimern, kurz von Betrügern und Schmeichlern aller Art; – o, seufzte ich heimlich bei mir, der Hof deines Sohnes wird sicher nicht so zahlreich als der deinige seyn!

Ein andermal mischte ich mich in die Gesellschaft einer Dame von Stande; sah den Spieltischen zu; sah, wer verlohr und wer gewann, und in welcher Münze unsre Lädis oft ihre Ehrenschulden zu bezahlen gezwungen sind. – Wußte ich nicht besser meine Zeit zu nüzzen, so besuchte ich unsre öffentlichen Spaziergänge; sezte mich ungesehen auf eine Bank, wo mehrere Damen saßen; hörte, wie sie sich iezuweilen ihr Herz ausschütteten, Pläne entwarfen, und noch öftrer ein Urtheil – Minos Urtheil ist minder strenge – über die Tugend und über die Verdienste ihrer Mitschwestern fällten.

Aber mein größtes Vergnügen war es, die Siz-Zimmer unsrer berühmtesten Schönheiten zu besuchen. Oft war ich dann kühn genug, selbst in ihr Schlafgemach zu schlüpfen; doch blieb ich dem Vorsaz getreu, nie einen Fuß breit vom Pfade der Rechtschaffenheit abzuweichen; nie eine Handlung zu begehen, auf die ich nicht einst im Sterben, so ruhig, wie Thomson auf seine GedichteMan entsinnt sich vielleicht des vortreflichen Prologs von Garrick, in welchem er Thomson den Dichter nennt, der sterbend keine Zeile verwischt zu haben wünschte. zu sehn vermögte; und der Vorhang des Betts machte meiner Neugier äußerste Grenze aus.

Da ich, so oft meine Schreibtafel gefüllt war, nie unterließ, das abzuschreiben, was ich merkwürdig fand, so wuchs der Vorrath meiner Handschriften bald zu einer ansehnlichen Höhe; und da ein widriger Zufall – von welchem sich erst später zu sprechen gedenke – meinen Kreuzzügen auf lange, wo nicht auf immer Einhalt that; so dünkt mich, konnte ich nichts bessere thun, als einige dieser Bruchstücke ordnen, ergänzen, und zum Gebrauch für andere fähig machen.

Auch hier gab es einige Wege, die mir einzuschlagen, frey standen. Ich hatte mich fern vom eigentlichem Hofe und von den Sälen der Minister gehalten. Doch manche geheime Anekdote war mir da zu Theil geworden, wo ich am wenigsten sie suchte. Mancher Mann im Blauenbande hatte, ohne daß er es dachte, vor meinem Richterstuhl sich deutlicher, als vor seinem Monarchen und vor den Augen der Menge enthüllt. Ihn zu zeichnen war mir leicht, und an Interesse würde es hoffentlich nicht ermangelt haben. Doch nie hatte ich die Rolle des Prokops geliebtProkop, ein Schriftsteller am Hofe Justinians, schrieb von eben demienigen Kaiser, den er ehmals aufs höchste gelobt hatte, eine geheime Geschichte, die ihn und seine Minister in den schwärzesten Farben darstellte.; unglaublich würde manche unedle That eines edlen Pairs ohne Beweise scheinen; und die Ränke der Höflinge gegen einander machen ein so niedriges, der Menschheit selbst ungünstiges Schauspiel aus, daß es iedem, der nicht selbst zu diesem Skorpionengeschlecht gehört, verdrießt, länger als er muß, an sie zu denken.

Ich hörte so manchen weisen Mann, wenn er ohne Rückhalt seine Meinungen enthüllte. Ich sah so manchen Gelehrten, wenn ihn gerade der Gedanke des Ruhms nicht anwandelte, und er ganz kunstlos sprach und handelte. Ich entdeckte den Keim mancher litterarischen Fehde, ehe sie noch ausbrach, und ehe sie noch den größern Haufen ärgern und belustigen konte – es wäre mir daher leicht gewesen, meinen Aufsäzzen die Mienen wichtiger Gelahrheit zu geben. Aber ich schmücke mich nicht gern mit fremden Federn, bin nicht stolz genug das Reich der Wissenschaften erweitern zu wollen; und rechne auf Leserinnen fast noch mehr, als auf Leser. Unterhaltung sei daher mein einziger Zweck bei dieser Samlung. Durch kleine Geschichten hoffe ich sie zu bewürken; und das Karakteristische in ihnen sei: daß ich solche Begebenheiten wähle, wo entweder ein falscher Anschein den großen Haufen täuschte; oder wo man fruchtlos den Kopf mit Rathen sich zerbrach, weil man freilich dahin nicht blicken konte, wohin mir zu blicken erlaubt war.


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