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VI.
– – – Sie wandten sich von ohngefähr,
Und sieh, es hinkte mit der Krücke
Die Strafe hinter ihnen her.

Daß dies Drama in seinen Knoten sich nicht glücklich lösen würde, das hatte ich von dem Augenblick an befürchtet, als ich Sir William seinen unseeligen Traum erzählen, und seine noch unseeligere Forderung thun hörte. Er, die Urquelle aller Verwirrung und Fehltritte, war auch der Erste, der dafür büßte. Betrübnis über die Entweichung seiner Tochter, Schaam wegen des algemeinen Redens, Verdrus über die Vergeblichkeit seines Nachsuchens, – vielleicht auch zum Theil Gewissensbisse, weil er sich als die Ursache von allem anklagen muste – dies vereint führte seinen alternden Körper bald ins Grab. Er verfiel in ein hizziges Fieber, und starb am fünften Tage. In seinem lezten Willen bestimte er seiner Tochter die Summe von dreitausend Pfund Sterling; theils, wie er sich ausdrücklich erklärte, um sie, wenn sie wieder erschiene, vor der Verachtung der übrigen Welt zu sichern; theils auch, um sie durch die Mittelmäßigkeit dieses Erbtheils, stets an den Fehltritt zu erinnern, den sie begangen habe.

Bald drauf sagte ein algemeines Gerücht, daß Sir Eduard der Bräutigam einer iungen reichen Lädi sei; ich zweifelte keinen Augenblick, daß dies iene Emilie seyn würde; aber es erwachte die Neugier in mir von neuem, zu sehen: wie Isabelle sich in dies zwiefache Unglück schicke. Ich brach daher meinen Vorsatz und suchte sie in dem Hause, wohin sie sich geflüchtet hatte, auf. Zu meinem größten Verdrusse fand ich, daß sie ausgezogen sei; alle fernere Nachforschungen mit und ohne Gürtel waren fruchtlos. Ich glaubte endlich: sie sei aufs Land gezogen; und gab mein Suchen auf.

Doch mittlerweile kehrte auch der iüngre Freecourt, der zu Paris seines Vaters Tod vernommen, nach London zurück. Ich glaubte an ihn einen unsrer gewöhnlichen Erben zu finden; und sah bald mit Vergnügen, daß ich mich geirrt habe: So ansehnlich die Verlassenschaft Sir Williams war, so weinte doch Sir Charles als ein aufrichtig frommer Sohn um ihn. Auch verdiente der ältre Freecourt wenigstens von ihm diese Thränen; denn bis zu den dreimal unseeligen Traum war er immer der zärtlichste Vater gegen seine Kinder gewesen. – Eben so bekümmert machte den iungen braven Mann die Entweichung Isabellens, und die Dunkelheit, die über ihr Geschick herscht. Es hatte zwischen diesem Geschwister von Jugend auf die zärtlichste Liebe obgewaltet; er hofte sie, als Eduards, seines Freundes, Gattin, wiederzufinden; und fand sie – verschwunden. Gleichwohl sah er nichts, das seine Neigung gegen Eduarden mindern könne; auch hofte er von ihm die genauern Umstände dieses Handels zu erfahren; er brante daher für Ungedult ihn zu sprechen, und ließ sofort seine Ankunft ihm melden. Ich war eben bei ihm, als er folgendes Billet zur Antwort erhielt:

Mein Herr,

Ich wünsche Ihnen Glück zu ihrer Rückkunft nach England, und würde dies sehr gern mündlich thun, würde mir diese Ehre nicht durch eine Person untersagt, der ich Gehorsam schuldig bin. – Mein Vater hat die Beleidigung, die der Ihrige uns erwieß, und die Ihnen nicht unbekant seyn wird, so hoch empfunden, daß er mir, bei Strafe seines unversöhnlichsten Unwillens, allen Umgang mit ihrer Familie verboten hat. Er war eben zu Hause, als ihr Bediente kam: wiederhohlte seinen Befehl, und nöthigte mich zu einem theuern Schwur ihm zu wilfahren. Verzeihen Sie daher, wenn ich nicht persönlich Ihnen aufwarte; seyn Sie versichert, daß die Unterbrechung unsrer Freundschaft mir äußerst schmerzlich fällt, und glauben Sie, daß ich dennoch mit der volkommensten Hochachtung bin

Mein Herr

Ihr gehorsamster Diener etc.

»Ach, rief Sir Karl, als er dies Sendschreiben gelesen hatte, wie kalt, wie fremd ist der Ton dieses Briefs! Wie ganz verschieden von denen, welche ich sonst von ihm zu erhalten pflegte! – Ich sehe nur alzuwohl, ein unglücklicher Zufall hat mich auf einmal um meinen Vater, meine Schwester, meinen Freund gebracht.«

Nun glaubte ich im Ernst, ich hätte nichts mehr in Freecourts Hause, und mit dieser ganzen Geschichte zu thun, und sechs Monate verliefen, ohne daß ich an Isabellen dachte; aber ein sonderbares Ohngefähr zwang mich gleichsam, nochmals an sie zu gedenken. – Denn als ich einst, unsichtbar und in ganz andrer Absicht, bei Sir Karls Wohnung vorbeiging, traf es sich, daß er eben auszufahren im Begrif stand. Er war schon mit einem Fuß im Auftritt, als einer seiner Bedienten, der ganz das Ansehn eines halbergrauten Haushüters hatte, sehr eilfertig und halb athemlos gelaufen kam. – »O Sir, rief er, ich habe sehr gute Neuigkeiten Ihnen zu erzälen – Nur ist hier auf der Straße nicht der Ort dazu! dürft' ich Sie wohl noch einmal auf ihr Zimmer zu kommen bitten?« – »Und ist es denn würklich so etwas wichtiges, daß mich Trepsteigen und Verweilen nicht dauern solte?« fragte Karl halblächelnd. – »Gewiß! Gewiß!« wiederhohlte iener. Sein Herr hatte die Güte ihm zu willfahren; und ich war neugierig genug mitzugehen.

O Sir, – rief der gute Alte, sobald wir im Zimmer waren – ich habe die iunge Lädi gesehn.

Karl. Was für eine iunge Lädi? – Meine Schwester doch nicht!

Bed. Eben sie! – Als ich, ihren Befehlen nach, den Brief zum Kaufmann trug, der fast eine Stunde von hier wohnt; da sucht' ich den Weg durch einige kleine Gäßchen mir abzukürzen, und in einem derselben, in einem Eckhause, ohnweit Islington, sah ich Lädi Isabellen am Fenster des ersten Stockwerks stehn.

Karl. Bist du auch gewiß, recht gesehn zu haben.

Bed. So gewiß, als daß ich lebe. – Ach freilich, hatte die arme Lädi sich indeß um manches geändert. Ihr Gesicht war um ein gut Theil hagrer, ihre Röthe um vieles blässer geworden. Aber es waren doch noch die schönen himmelblauen Augen, das Flachshaar, der Mund – kurz, es war Lädi Isabelle, so sicher, als ich hier vor Ihnen stehe.

Karl. Ich sorge doch, du hast dich geirrt. Solte meine Schwester in London, so nah bei mir sich befinden, und ihr Erbtheil nicht fordern, dessen sie, wie ich fürchte, iezt wohl bedürfen wird! – Doch ist es meine Pflicht, mich zu erkundigen. – Schien es dir, daß sie da wohnt, wo du sie sahst?

Bed. Ohne Zweifel. Denn sie war noch unangekleidet: schien eben erst aufgestanden zu seyn.

Karl. Und getraust du dir das Haus wieder zu finden?

Bed. So sicher, wie einst mein Grab! – Ich habe mir alles genau gemerkt; es steht linker Hand, hat zwei Stockwerk, fünf Fenster. –

Karl. Schon gut! schon gut! Du solst sofort die Probe davon ablegen. Ich will den Besuch, den ich geben wolte, absagen lassen. Du sezze dich auf den Bock neben den Kutscher, und gieb ihm an, wohin er fahren soll. In der Gasse zunächst laß ihn halten; da will ich aussteigen, und du magst mich vollends hinführen; damit meine Schwester mich nicht eher sehe, bis ich bei ihr bin. Alle übrigen Bedienten sollen zu Hause bleiben.

Indem alles dies veranstaltet und befohlen ward, eilte ich hinunter, und war noch früher hinten auf dem Wagen, als Sir Karl drinnen; wider sein Wollen und Wissen hatte er also doch noch einen Begleiter. Aber kaum konte ich seiner Ungedult folgen, als er ausgestiegen war, und ein paar hundert Schritte weit der angeblichen Wohnung seiner Schwester zuflog. Als er die Treppe hinauf steigen wolte, stelte die Hauswirthin sich ihm in Weg; fragte ihn: wo hin? und leugnete, daß ein Frauenzimmer hier wohne, die Miß Isabelle sich nenne. – Er erwiederte mit einiger Hizze: »Ich glaube allerdings, daß die Lädi Ursachen hat, ihren Namen zu verhehlen. Aber sagen Sie ihr: daß ich Karl Freecourt heiße, ihr Bruder sei, und zwar ein Bruder, der sie liebt; daß ich daher auch sie näher sehen müsse.« – Auf diese Nachricht ward die Wirthin etwas gefälliger; sagte: daß sie es der Lädi vermelden wolle, und ging würklich die Treppen hinauf; aber Sir Karl war viel zu ungedultig, als auf eine Antwort zu warten, und folgte ihr auf dem Schritte nach. – Ich säumte mich eben so wenig, und wir waren beide im Zimmer, ehe die Hausfrau noch zum ersten Wort ihrer Bothschaft kommen konte.

Isabelle stand eben vorm Spiegel, im Begrif sich etwas an ihrer Kleidung zu verbessern; als sie das Geräusch hinter sich hörte, rückwärts blickte, Karln erkante, und sofort mit einem lauten Schrei: Gott, mein Bruder! – ohnmächtig auf den nächsten Stuhl hinsank. – Die Wirthin lief sofort nach Wasser. Sir Karl sprang hinzu, um der ohnmächtigen Schöne aufzuhelfen. Doch indem er sie auf einen Sofa brachte und legte, warf er die Augen auf ein Tischgen, das daneben stand; und wo ein ganz frisch beschriebner Briefbogen lag. Karl erkante seiner Schwester Hand; las in der Aufschrift den Namen, Eduard; und ein Gefühl, stärker noch als das Mitleid, bemächtigte sich seiner. Daß sie nicht herabfalle, dafür war gesorgt. Er nahm daher iezt das Billet und las:

Mein lieber, liebster Eduard.

Denn das bist Du! das wirst Du ewig diesem liebetrunknen Herzen bleiben, so manchen Grund ich auch zu der Besorgnis habe: daß dieser zärtliche Beiname Dir nicht mehr gefalle. – O Eduard, welche traurige Veränderung ist mit uns vorgegangen? Ich, die ich sonst wöchentlich zwei, dreimal Dich bei mir sah; und ach, solange und so warm! – Ich sehe Dich iezt kaum den Monat einmal. Und wie so kalt ist dann Dein Betragen, wie so kurz Dein Besuch! – Ach, wie grausam ist dies gegen eine Unglückliche gehandelt, die alles verlohr, und die keine Freude, auch keinen Wunsch mehr hatte, als Deinen Umgang. – Ja! ia! ich habe gefehlt, als ich mich so unvorsichtig in Deine Arme warf; als ich mich, so zu sagen, Dir aufdrang. Aber Deine Bitten, Deine Schwüre, Eduard! Eduard! – Doch nein, keine Vorwürfe noch! – Aber wenn auch Deine Liebe erstorben ist; laß nur Dein Mitleid noch leben! Mache durch dieses nur noch mein Dasein mir erträglicher; wenigstens iezt noch; wenn Du auch künftig thun willst, was Dir gut däucht. – Das Kind unter meinem Herzen leidet mit bei der Unruh seiner Mutter. Jede seiner ängstlichen Bewegungen ist ein Vorwurf für Dich. Wenn Du auch iener Eide vergessen wilst, vergessen kanst; nim wenigstens auf diesen noch ungebornen Unschuldigen Rücksicht; laß durch dies Unterpfand unsrer wechselseitigen Liebe Dich bewegen, und begegne mit mindrer Gleichgültigkeit seiner unglücklichen Mutter

der verlornen Isabella.

N. S. Ach! wenn vielleicht selbst diese linden Klagen Dich beleidigten! – Vergieb ihnen. Ich kann Deine Abwesenheit nicht länger ertragen. Komm, so gleichgültig Du wilst, zu mir! Nur komm! Mein liebster, theuerster Eduard, Vater meines Kindes, nur komm!

Welch ein Brief für das Auge eines solchen Bruders! Nie war vielleicht ein Mann bestürzter, als Sir Karl einige Minuten hindurch: – Nichtswürdiger – nichtswürdiger Eduard! Betrogne, unglückliche Isabella! Ist das ein Gaukelspiel der Hölle? – Wiewohl (indem er sich zu ihr wandte), wozu bedurfte ich erst diesen Beweis von ihrer eignen Hand? Ach, ihre Schande ist nur alzusichtbar!

Jezt kam die Wirthin mit zehnerlei Wässern versehen; durch ihre Hülfe erlangte Isabelle bald Leben und Bewustsein wieder; kaum hatte sie es, so bat sie, daß man sie allein mit ihrem Bruder lasse; fiel mit thränenden Augen zu seinen Füßen nieder, und rief:

O Karl, mein Karl, kanst du mir vergeben, daß ich mich selbst vor dir verbarg.

Karl. Wolte Gott, ich könte eben so leicht die Ursache dieser Verbergung dir verzeihn.

Jezt erst erblickte Isabelle ihren Brief in ihres Bruders Hand. Eine zweite Ohnmacht war ihr nahe. Nach einem lauten Schrei rief sie aus: »Ich bin verloren. – O nun ist auch die kleinste Hofnung zum Verzeihn und zum Bedauern dahin. Meine Schande ist vor demienigen aufgedeckt, dem ich sie unter allen Menschen am meisten zu verbergen wünschte.«

Karl. Steh auf Schwester! Spare diese unnüzen Ausrufungen! Dadurch, daß ich deine Schmach kenne, erhält sie keinen Zuwachs – sondern vielleicht Hülfe. – Du weißt, ich liebte dich immer. Ich liebe dich noch. Rede mit Zutrauen zu mir. Ich sehe, du bist verführt worden. Ich las, daß Eduard es that. – Gesteh mir aber aufrichtig: warst du ohne Hofnung so unbegreiflich schwach? Oder hat er dir nicht vorher die Ehe versprochen?

Isab. O zu tausend und wieder tausend malen! Mit Schwüren, man hat sie nicht heiliger, nicht gräslicher!

Karl. So ist er doppelt nichtswürdig; und du, als du ihn glaubtest, warst doppelt betrogen. – Wisse! Er wirbt um eine Andre.

Isab. Ach, schon längst muthmaßte ich dies, und hab' es oft ihm vorgehalten. – Neue Schwüre that er dann, daß es nur ein falsches Gerücht sei.

Karl. Schwüre in die Luft! – Aber hast du kein schriftliches Versprechen von seiner eignen Hand? Sei es in Briefen, oder auf eine andre förmliche Art.

Isab. Ach nein! – Keine! Meine Liebe war ohne Mistrauen.

Karl. Möchte nur die seinige ohne Betrug gewesen seyn!

Er stand hier auf; ging zwei bis dreimal im Zimmer auf und ab, und nagte sich an den Lippen. Er schien bei sich selbst zu überlegen, was hier zu thun sei; indeß Isabelle trostlos ihre Hände zu ringen und bitterlich zu weinen fortfuhr. Endlich sezte er sich wieder zu ihr, nahm voll brüderlicher Liebe ihre Hand; trocknete selbst die Thränen ihr von der Wange; drückte sie an sich, und sprach:

Weine nicht so trostlos, arme Schwester! Liebe und Leichtgläubigkeit haben dich freilich um deine Unschuld betrogen; doch vielleicht noch nicht um das ganze Glück deines Lebens. Dein Fehltritt ist groß; aber ich kann deshalb nicht vergessen, daß ich dein Bruder bin, und daß du keinen Freund zu deinem Troste außer mir hast. – Was geschehen ist, kann nicht ungeschehn gemacht werden. Vielleicht aber kann man es noch gut machen, Sei versichert, auf einem oder dem andern Wege solst du Genugthuung erhalten.

Isab. O nur auf keinem gewaltsamen, mein Bruder! – Ich fürchte euch Männer. Solte mein Vergehn in irgend eine Gefahr, irgend einen Verdrus dich verwickeln – dann wäre ich ganz zu Grunde gerichtet.

Karl. Ich hof' es soll dazu nicht kommen.

Sir Eduard war ia sonst ein Mann von Ehre. Vielleicht kehrt er zu seinen ersten Grundsäzzen zurück. Wenigstens sei versichert: ich werde nichts rasches, nichts unüberlegtes vornehmen; auch nichts, was deiner Ehr und deinem Nuzzen nachtheilig seyn könte.

Sein Zureden, sein liebevoller Ton beruhigten Isabellen um ein großes. Er erkundigte sich nun genauer: was seinen Vater zu dem grausamen Vorsaz mit dem Kloster habe bringen können. Diesmal besann die Unglückliche sich allerdings etwas länger, ob sie ihren Schwur übertreten dürfe. Endlich aber erzälte sie, was – meine Leser schon wissen. Karls Mitleid wuchs, ie ungerechter Sir Williams Begehren, und ie abergläubischer seine Furcht ihm dünkte. Er nahm endlich mit vieler Zärtlichkeit von seiner Schwester Abschied; versprach bald wieder zu kommen, und gebot der Hauswirthin es an nichts ermangeln zu lassen, was zur Bequemlichkeit der Lädi gereichen könne. Kaum war er aber wieder zu Hause; als er an seinen Schreibetisch sich sezte, und ohne langes Besinnen diesen Brief an Sir Eduard Wellgraven richtete:

Sir.

Ein schuldiges Gewissen, und nicht kindlicher Gehorsam, bewog Sie wahrscheinlich, den Anblick einer Person zu fliehen, die Sie höchlichst beleidigt haben. – Wenn ich ehmals meine Schwester Ihnen anempfahl, so geschah es, daß Sie ihr Beschüzzer, nicht ihr Verderber seyn solten. Wie grausam Sie dies Zutrauen gemisbraucht haben, mag Ihr eignes Herz Ihnen sagen. Aber ich hoffe wenigsten, so sehr auch der Schein iezt gegen Sie spricht, daß Sie Willens sind, den Versprechungen, die Sie Isabellen leisteten, und den Ansprüchen, die sie auf Ihre Neigung machen kann, Gnüge zu thun. Ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, daß nur eine rechtmäßige Ehe das Unglück wieder gut machen kann, worin Sie, Sie allein meine Schwester stürzten. Ich bin erbötig, noch iezt der Abrede nachzukommen, die vormals unsre Väter zusammen trafen, und Isabellen achttausend Pfund mitzugeben. Nehmen Sie diesen Vorschlag an, so werde ich mit Vergnügen noch heute Sie bei meiner Schwester sprechen, und alles übrige in Ordnung bringen. Wo nicht, so muß ich Sie an einem andern Orte erwarten, und mir da die Genugthuung verschaffen, die ieder rechtschafne Mann, nach einer solchen Mishandlung, zu fordern berechtigt ist. Ich bin, in der Erwartung ihrer Entschlusses etc.

Eben iener alte Bediente muste iezt dies Schreiben bestellen, und erhielt Befehl, es Eduarden eigenhändig zu übergeben, auch auf Antwort zu warten. Sie kam bald genug, aber nicht tröstlich.

Sir! da ich aus Ihrem Briefe ersehe, daß ein Geheimnis, dem ich der Lädi halber ewige Verschwiegenheit gewünscht hätte, Ihnen doch bekannt geworden, so halte ich mich nun auch für verbunden, offenherzig mit Ihnen zu sprechen. – Sie können versichert seyn, daß ich nie gegen ein Frauenzimmer, und am allerwenigsten gegen Ihre Schwester mich anders als ein Mann von Ehre betragen werde. Aber an eine Heirath ist nicht zu denken, da mein Vater sicher sein Verbot nie aufheben wird. Solte iemals ein solches Versprechen mir entfahren seyn, so entsinne ich mich dessen nicht mehr, und es geschah sicher in keiner andern Absicht, als der Schaamhaftigkeit ihrer Schwester eine Entschuldigung mehr bei ihrer Nachgiebigkeit zu leihen. Auch mir thut das, was sich zugetragen hat, leid. Aber ich hoffe, Sie werden ebenfalls für die Schwächen im menschlichen Fleisch und Blut nicht unempfindlich seyn; werden so gut wissen als ich, daß wenn zwei iunge Personen einander gefallen, und oft zusammen allein sind, Vorfälle dieser Art sehr gewöhnlich zu seyn pflegen. Die Ahndung, mit welcher Sie mich dann bedräuen, wenn ich Ihren Vorschlag nicht eingehe, scheint mir daher zwar ein wenig unbillig zu seyn; doch bin ich zu der Genugthuung, die Sie von mir fordern, erbötig, und überlasse es Ihnen, Zeit und Ort zu bestimmen.

Ihr ergebenster   
Eduard Wellgrave.

Indem Karl diesen Brief las, schien ihm alles Blut aus seinem Herzen ins Antliz steigen zu wollen. Seine Augen starrten, seine Zähne knirschten, Hände und Füße bebten. Er war darüber, was zu thun sei, auch nicht eine Sekunde zweifelhaft, sondern schrieb, indem der Sturm noch in seiner Seele tobte, also an den Ehrenräuber:

Sir! Es mangelt mir an Worten, Ihre Unverschämtheit und Ihren Undank zu vergelten. Aber ich habe einen Degen zu Ihren Diensten; und mit diesem hoffe ich, Ihnen Morgen früh um sieben Uhr im Felde bei Montague-House Zahlung zu leisten. Da der Streit zwischen uns keiner Zeugen bedarf, so ersuch' ich Sie, sich allein einzustellen.

Charles Freecourt

Noch ehe eine Viertelstunde verging, hatte er dafür ein schmales Stückchen Papier mit den wenigen Worten.

»Sir, ich werde verlangter Maaßen mich einstellen.

Eduard Wellgrave

Ich war die Nacht hindurch vielleicht unruhiger als einer von diesen beiden, und da ich so manche Mühe in dieser Sache mich nicht hatte reuen lassen, so kann man leicht glauben, daß ich auch den Ausgang dieses Streits mit anschauen wolte. Karl war der Erste auf dem Plaze. Zwar durfte er auf Eduard nur einige Minuten warten, doch machte seine Ungedult, daß er seinen Gegner, so wie er ihn sah, von weiten schon zurief:

»Fast glaubt ich, Eduard, daß die Schaam über eine so niederträchtige Handlung Sie iezt von Ihrer Vertheidigung abhalten werde.

Eduard. Sir, was ich zu thun wage, wage ich auch zu vertheidigen.

Karl. So haben wir keine Zeit weiter zum Gespräch.

Eduard. Ich steh zu Befehl, wie Sie sehn.

Hier schloß sich ihr Gespräch; und bei Eduarden schloß es sich für immer; denn beim zweiten Gang stieß Karl ihn durch und durch. Eduard fiel augenblicklich und verschied, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben. Sein Sieger nahte sich dem Leichnam, und da er ihn schon leblos und ohne Rettung fand, weihte er dem Andenken eines Manne, den er ehemals seinen Freund genannt hatte, noch einen oder zwei Seufzer; und eilte dann, so schnell er konte, nach Hause, um auf seine eigne Sicherheit zu denken. Eine Vorsicht, die desto nöthiger war, da man die Aufforderung, die er Eduarden zugesendet, finden, und um so eher ihn verhaften konte.

Seine Maasregeln waren unverbesserlich. Eine Postchaise, nach der er sofort schickte, muste in einer etwas abgelegnen Gasse ihn erwarten. Er nahm blos einige Wechsel und Juwelen mit. Ein einziger Bediente muste ihn nach Calais begleiten. Bis er hörte, daß die Chaise bereit sei, schrieb er eilfertigst zwei kurze Briefe; der eine war an einen rechtschafnen Freund; den er zum Volstrecker des väterlichen Testaments ernannte; der zweite war an Isabellen; und nur dieser, der also lautete, gehört noch hieher.

Schwester! Dein erlittnes Unrecht auf dem gehoften Wege wieder gut zu machen, ist mir nicht gelungen; aber ich habe es durch den Tod deines Verführers gerächt. Deshalb muß ich in diesem Augenblick mein Vaterland verlassen; vielleicht auf immer verlassen. –

Ich that, was die Ehre meiner Familie von mir forderte. Jezt kömt es dir zu, dein künftiges Leben so einzurichten, daß die Fehltritte des bisherigen dadurch ausgesöhnt werden. Um dessen fähig zu seyn, vergiß nie, daß deine unglückliche thörichte Leidenschaft nicht nur den Gegenstand deiner Liebe vor der Zeit ins Grab stürzte; sondern daß sie auch, fern von allen Freuden des geselschaftlichen Lebens denienigen ausstößt, und ihn zur traurigen Verbannung in ein fremdes Land verurtheilt, der vielleicht glücklich seyn könte, wäre er nicht

Dein Bruder
Karl.

Indem er noch einmal, was er geschrieben, überlas, dünkte ihm selbst vielleicht dieser Ton alzustrenge; und er fügte noch, zur Tröstung gleichsam, dies Postscript hinzu.

N. S. Ich schreibe so eben an Hrn. D * *. Er wird dich benachrichtigen, wohin du deine Briefe an mich zu richten hast. Sei versichert, daß ich iede Nachricht von deinem Wohlbefinden mit Vergnügen lesen werde; und daß ich, trotz allen diesen Vorfällen, nichts habe und besizze, was nicht willig dir zu Diensten steht.

Durch den schon oft gedachten alten Diener, der Isabellens Wohnung wuste, schickte er die Briefe fort; gab noch einige nothwendige Befehle, und eilte dann seiner Chaise zu. Ich habe ihn seitdem nie wieder gesehn, und oft seine Verbannung bedauert; denn es war ein edler iunger Mann. Doch noch stärker war mein Mitleid mit Isabellen, und ich besuchte sie daher noch an eben dem Nachmittage. Ich fand sie im Bette, umringt von einer Menge von Weibern und Aerzten. Aus ihren Gesprächen errieth ich leicht, daß Schrecken und Kummer der Unglücklichen eine zu frühe Niederkunft verursacht hätten, und daß ihr Leben selbst in nicht geringer Gefahr sich befände. – » Treuloser Eduard, rief ich bei mir selber aus, so hat denn deine Treulosigkeit dich nicht nur zum Selbstmörder, – sondern auch zum Mörder deines Kinds, und deiner Geliebten gemacht.« – Noch aber war im leztern Punkte meine Furcht zu voreilig gewesen. Denn als ich wieder zu Isabellen kam, sah ich, daß ihre Jugend und ihre dauerhafte Natur der Krankheit obgesiegt hatten. Ihr Körper genaß wieder, aber die Krankheit ihrer Seele blieb unheilbar. Eine tiefe, stete Traurigkeit bemächtigte sich ihrer. Die ganze Welt ward ihr verächtlich, und hingegen verlohr der Gedanke eines Klosters seine anfängliche Schreckbarkeit so völlig, daß sie die stillen Mauren desselben endlich als die einzige Freistatt für Tadel und Verläumdung betrachtete. – Als sie daher ihre Gesundheit für hergestelt hielt, und von ihrem Bruder die Nachricht empfing, daß er Paris für immer zu seinem Aufenthalte wähle, begab sie sich auch dahin: ließ sich, ich weiß nicht ob mit seinem Willen, als Nonne bei den Benedicktinerinnen einkleiden; und soll, wie ich höre, mit der Welt nur noch durch diesen ihren Bruder verbunden seyn, der sie oft am Sprachgitter besucht. – Ich überhebe meine Leser hier mancher Betrachtungen, die sich von selbst über Vorsicht, Vergeltung und Flatterhaftigkeit darbieten. Aber sonderbar schien es mir immer, daß Sir Williams Untreu und Undank gegen die arme Harriot an seiner einzigen geliebten Tochter auf eine so ähnliche und so auffallende Art gerächt ward.


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