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VIII.
Miß Betty Dowley. Beschäftigungen die sie der Neugier gab.

Miß Betty Dowley lebte nicht lange: aber auch in ihrem kurzen Leben spante sie die Neugier ihrer Nachbarn, Freunde, Bekanten, ia selbst der größern Gesellschaft überhaupt, ziemlich auf die Folter, ohne ihr iemals Befriedigung zu geben. Denn sie vereinte in sich verschiedene Umstände, die einander widersprachen, und eben daher unerklärlich schienen. Sie war das einzige Kind eines sehr reichen und angesehenen Kaufmanns. Nach dem Tode seiner Gattin, ihrer Mutter, hatte dieser plözlich seine Handlung aufgegeben, sich auf eines seiner Landgüter zurückgezogen, und seine Tochter, die ohngefähr zehn Jahr alt war, mitgenommen. Er liebte sie zärtlich, aber nicht weislich; denn er erzog sie, entfernt von aller Gesellschaft; selbst mit ihren nächsten Blutsverwandten durfte sie nicht umgehen.

Als sie siebzehn Jahr alt war, verlohr sie ihren Vater, und kehrte sofort nach London zurück. Man glaubte ein Murmelthier in ihr zu erblicken; und siehe, es war ein angenehmes wohlgebildetes Frauenzimmer geworden; die wenig aus den Umgang, doch viel aus Büchern wuste, und ienen Abgang nach einem kurzen Zwischenraume bald ersezte. Ihr Gesicht trug die Spuren einer empfindsamen Seele. Sie schien von Koketterie nichts zu wissen, und gefiel eben durch dieses anspruchlose Betragen. Sie lebte, mit Einwilligung ihrer Vormünder, auf eine Art, wie es für ihr großes Vermögen sich schickte. Es fanden sich bald eine Menge von Freiwerbern ein. Sie begegnete keinem verächtlich, verschiednen sogar freundlich; auch waren einige darunter in ieder Rücksicht annehmlich; dennoch schlug sie alle aus. Sie gab weder ihnen, noch ihren Bekanten, noch ihren Vormündern eine Ursache davon an; sie schien sogar traurig zu werden, wenn man in den Grund eindringen wolte; gleichwohl blieb sie bei der verneinenden Antwort.

Vier Jahre vergingen darüber. Plözlich fiel sie in eine verzehrende Krankheit. Ihre Aerzte hatten einstimmig – ein seltner Fall bei Aerzten! – die Meinung geäußert: daß nicht ein körperlicher Fehler, sondern ein Gemüthskummer der Grund dieser Abzehrung sei. Sie hatte ihnen mit einem schmerzhaften Lächeln geantwortet: daß sie Recht haben könten; und doch niemals ihren Gram entdeckt. Sie starb endlich, als sie so drei Jahre gesiecht, und schon geraume Zeit fast keinen Menschen mehr vor sich gelassen hatte; ihr ganzes Vermögen aber vermachte sie einem nahen Anverwandten, der auch einer ihrer vergeblichen Freiwerber gewesen war.

Alle diese Umstände waren für Niemand ein Geheimnis; nur die Bewegungsgründe zu ihrer Ehlosigkeit, und die Quellen ihrer Krankheit waren es. Jedermann erklärte sich dieselben nach seiner eignen Denkungsart; und die wenigsten beflissen sich dabei einer großen Gelindigkeit. Einige klagten sie eines unvernünftigen Männerhasses an; und mußten doch gestehen, daß ihr Betragen nichts weniger als spröde, ihr Gespräch nichts weniger als andächtig, und ihre Denkungsart ehemals nichts weniger als eigensinnig gewesen sei. Andre glaubten: sie wäre nur alzusehr den Männern ergeben gewesen, als iemals sich auf einen einschränken zu wollen; und konten doch, bei allen Spähen und Muthmaßen, auch nicht einen einzigen Fall, der gegen ihre Tugend zeuge, ausfindig machen. – Dieienigen, die noch am gelindesten urtheilten, glaubten: Ihr Herz habe eine unglückliche Liebe genährt, und vermöge nicht sich davon loszureißen. Würklich war auch diese lezte Meinung durch ihre Krankheit, und durch den Abscheu, den sie dann gegen alle Gesellschaft blicken lassen, am glaublichsten geworden; nur wuste man den Gegenstand nicht zu errathen, und fand es beinah unmöglich, daß ein so iunges, reiches, schönes und verständiges Mädchen nicht hätte Gegenliebe finden sollen.

Auch meine Wenigkeit befand sich unter der Menge, die drüber oft nachgedacht und nichts errathen hatte. Eine sonderbare Bemerkung verstärkte sogar meine Befremdung. Als ein Freund ihres Vaters hatte ich einigemal bei ihr, schon zu der Zeit gespeist, wo sie minder umgänglich zu werden anfing. Immer hatte sich dann an ihrem Tische ein Geistlicher mit befunden, der eine Art von Hauskaplan machte; der, wie ich wuste, ihres Vaters ganze Gunst besessen, und bei ihr die Stelle eines Hofmeisters vertreten hatte. Dieser Mann besaß die Miene der Rechtschaffenheit selbst, und in seinem ganzen Betragen zeigte er Aufmerksamkeit und Besorgnis für die Gesundheit und das Vergnügen seiner Gebieterin. Dies wunderte mich nicht, denn ich sah es für ein Gefühl der Dankbarkeit an. Aber das befremdete mich, daß sie fast nie auch nur einen Blick auf ihn warf; daß sie, gegen uns übrige, bei aller Schwermuth äußerst freundlich war, ihn hingegen zu verachten schien, und immer auf drei oder vier verbindliche Reden ihm nur einmal und das sehr kurz antwortete. – Ein solcher Stolz, oder Unwille gegen eine Person, die sie doch aus eigner Wahl altäglich um sich hatte, war mir unbegreiflich. – Mein Gürtel war damals noch nicht im Stande; also muste ich mich mit der algemeinen Unwissenheit begnügen.

Doch an den Morgen, da sie starb, befand ich mich grade bei ihrem Neffen und Erben, als er die Nachricht von ihrem Tode erhielt. Er rief sofort seinen Bedienten, um sich anzuziehen. Ich ging hinweg, hohlte meinen Gürtel, und eilte in ihr Haus. Vielleicht, dacht ich, erhältst du nun Licht. Und ich irrte mich nicht, wie man sehen wird.


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