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IX.
Geistliche Klugheit und Demuth! – Auch aufs Feuer kann man sich nicht allemal verlassen.

Es befremdete mich ein wenig, als ich den kaum erblaßten Leichnam der armen Miß Betty ganz allein fand. Indem ich so eben meine Betrachtungen über das schnelle Verweilen menschlicher Jugend und Schönheit machen wolte; – Betrachtungen, die man freilich hier oft, doch nie alzuoft anstellen kann! – hörte ich ein Geräusch in einem Nebenkabinet. In diesem pflegte Miß Betty, wie ich wuste, ihre Dokumente und übrigen Sachen von Wichtigkeit aufzubewahren; und neugierig begab ich mich daher dorthin, wo ich eben den Geistlichen fand, dessen ich vorher erwähnte. Ich glaubte sein Auge in Thränen, und sein Gemüth in Bestürzung anzutreffen; doch iene waren vollkommen trocken, und dies nur in alzuguter Fassung: denn er stand vor einem eröfneten Schranke, aus welchem er, ohngefähr geschäzt, zwei bis dreihundert Guineen, und noch verschiedne Banknoten von weit höhern Werth herausnahm und zu sich steckte. Dann öfnete er ein kleines Kästchen, mit Juwelen angefüllt; nahm einen heraus, dann den andern; mit gierigen Augen besah er sie alle, steckte sie aber auch alle wieder an ihren Ort. Doch nach einem kleinen Besinnen, schlos er das Kästchen wieder auf, nahm einen kostbaren Brillant-Ring aus der Mitte, und sprach zu sich selbst: »Den kan ich mir zueignen! den wird man nicht vermissen. Und geschäh's auch; so könte ich sagen: Sie habe bei ihren Leben noch ihn mir geschenkt. Niemand wird aufs Gegentheil fallen!« – Jezt stellt' er ein weiteres Nachsuchen ein; schloß den Schrank sowohl, als auch das Kabinet zu, und ging auf sein eignes Zimmer.


Es war, wie ich auch schon angezeigt habe, einer der ersten Fälle, wo ich meinen Gürtel brauchen konte. Noch hatte ich daher manches nicht gesehen, was mir nachher nur zu gewöhnlich wurde; und warlich, iezt wuste ich nicht, was überwiegender bei diesem Anblick sei: mein Erstaunen oder mein Unwillen? Fast wünschte ich diese ganze Scene nicht mit angesehen zu haben; und noch stärker bedauerte ich: daß ich diesen seinen Stand entweihenden Betrüger nicht das geistliche Gewand abreißen dürfe. – Eben wolte ich mich voll Mismuth entfernen, als eine von Miß Bettys Dienerinnen gelaufen kam, ein versiegeltes Paket brachte, und diesem Judas Jünger meldete: dies habe sie unterm Kopfkissen ihrer verstorbenen Frau gefunden; es aber vorhin in der Bestürzung ihm zu übergeben vergessen.

Er antwortete mit einer angenommenen Gleichgültigkeit: daß es schon gut sei; daß er die Papiere durchgehn, und was darinnen angeordnet sei, befolgen wolle. – So entließ er das Mädchen; war aber kaum wieder allein, als er das Paket desto sorgfältiger untersuchte. Die Aufschrift desselben war an Mistreß J. – eine Dame, mit welcher Miß Betty sonst auf den freundschaftlichsten Fuß gelebt, die sie aber auch schon eine geraume Zeit nicht mehr gesprochen hatte; weil sie in ihrer lezten schwermüthigen Epoche eben ihre nächsten Freunde am meisten zu vermeiden pflegte. Der Geistliche erbrach sofort, ohne Bedenken, das Siegel, fand inwendig einen ziemlich starken Heft, und außer demselben folgendes Billet:

Theuerste Freundin!

So nenne ich Sie noch sterbend, und versichre Sie: Nicht Mangel der Freundschaft, sondern fester Entschluß, selbst mein Liebstes zu entbehren, war der Grund, warum ich so lange auch Ihren Anblick mir versagte. – Noch zwar könte ich Sie rufen lassen; ich weiß, Sie würden willig mein Auge mir zudrücken; doch ich will Ihnen das Mitleid ersparen, das Sie fühlen müsten, wenn Sie meine traurige Gestalt erblickten. – Ein Mehlthau hat meine Blüthe getroffen. Meine Blume ist verwelkt; ich bin nur ein Schatten noch gegen ehemals. – Wodurch ich so frühzeitig hinsank, davon werden sie die grausame Ursache in beigeschlosnem Aufsaze finden. Machen Sie nach meinem Tode ihn öffentlich bekant. Er sei eine traurige Warnung für Eltern sowohl als für Kinder! – Mein Vetter und mein Erbe erhält in meinem Testament verschiedne Aufträge. Einer davon ist: Ihnen meinen grösten Brillantring zu überliefern. Ich bitte solchen als ein Andenken anzunehmen von

Ihrer

sterbenden Freundin
Betty.             

Er stuzte nicht wenig – runzelte die Stirne, ward bald bleich, bald roth, und schien bei Lesung dieses Briefs in die äußerste Unruhe zu gerathen. Doch immer noch stärker ward diese leztre, als er auch die beigefügten Hefte überblickte. Er riß iedes Blatt, so wie er es gelesen, ab, und warf es in Kamin. Doch zum Glück war das Feuer in diesem nicht heftig, und der Geistliche selbst viel zu viel mit dem Lesen beschäftigt, als genau nachzusehn, ob auch alles verbrenne. Kurz, iedes Blatt, so wie es herabfiel, fing ich auf, steckte es ein, und entriß es der Flamme. – Eben war er fertig mit Lesen, als ein Bedienter kam, ihm zu melden, daß Miß Bettys Vetter da sei, sich erkundigt habe, wer die Schlüssel übernommen, und ihn zu sprechen verlange. So fort legte dieser schändliche Heuchler sein Gesicht in ganz andre Falten, nahm die Miene der tiefsten Traurigkeit an; wischte sich mit einem weißen Schnupftuch wohl zehnmal die Augen, und ging hinaus, um den Erben zu begrüßen. Er fand ihn und noch zwei Begleiter im Sprachzimmer; wo er sofort seiner Betrübnis freien Lauf ließ; die Welt beklagte, die so früh einen Inbegrif aller weiblichen Tugenden in Miß Betty verloren habe, und alle Augenblick etwas einmischte, was ihm selbst, und dem Unterricht, den er ihr ertheilt, zum Lobe gereichen konte.

Herr James L * * – so hieß der neue Besizzer – schien sehr wenig auf diese Reden zu achten; und um die Fortsezzung derselben sobald als möglich zu unterbrechen, sagte er mit einem sehr ernsten, zurückhaltenden Tone: daß er eilig, und nur hergekommen sei, um zur Beerdigung seiner Muhme die nöthigsten Anstalten zu treffen. So lange, bis diese traurige Pflicht erfült worden, gedenke er einem seiner Freunde die Aufsicht über dies Haus und alles Inwendige zu übertragen; und begehre daher die Schlüssel zu allen Thüren und Schränken.

»Die ich Ihnen hier, erwiederte der Geistliche, pünktlichst übergebe. Denn nur um sie Ihnen einzuhändigen, nahm ich sie zu mir. Ich wuste, daß meine unvergesliche Wohlthäterin ihnen alles bestimme. Nur ich und ihr Gesinde war in den lezten Minuten um sie. Viele von diesen leztern sind erst seit kurzen im Hause, und haben daher von ihrer Treue noch keine Proben geben können.«

Sie durchwanderten nun alle Gemächer, und der neue Besizzer fand nirgends einen Grund zur Beschwerde. Selbst als er das Schmuckkästchen öfnete, und Miß Bettys Juwelen betrachtete, vermißte er den entwandten Ring nicht. Nur als er nirgends soviel baares Geld fand, als er vermuthet hatte, stieg einiger Verdacht in ihm auf; und nicht unbillig, denn iener früher gekomne Räuber hatte nicht mehr, als ohngefähr acht oder neun Guineen, und ein paar unbedeutende Banknoten übrig gelassen.

»Ich gesteh, brach er endlich aus, ich erstaune, daß ein Frauenzimmer von solchem Vermögen eine so ledige Kasse hinterläßt, und begreife nicht, auf was für Art sie ein so reichliches iährliches Einkommen durchgebracht haben soll?« –

»Ach, mein Herr, – rief der scheinheilige Bösewicht, und erhob Hände und Augen gen Himmel – solte es Ihnen wohl fremde dünken, daß eine Lädi von so wohlthätiger, menschenfreundlicher Seele, wenig Schäze zu samlen vermochte? Jede Thräne der Bedürfnis, iedes Flehen der Armuth war ihr heilig. Wenn Sie wissen wollen, wie sie mit ihrem Gelde zu schalten pflegte, dann fragen Sie in den Spitälern, in den Gefängnissen, und bei den Bedrängten nach, die ihren täglichen Unterhalt in ihrer Güte fanden; und Sie werden dann leicht einsehen, wie so reiche Gaben ihre Einnahme wieder verzehrten.«

Herr L * * antwortete ihm halb unwillig: Er würde darüber mit ihrem Haushofmeister sprechen und sich zu belehren wissen. – Der Heuchler aber schlug mit Pharisäer Geberde an seine Brust; that ein paar theure Schwüre: daß er bisher nie gewust, wie viel baares Geld die Lädi besizze, und daß er noch weit minder auf den Gedanken gerathen, sich durch den Augenschein davon zu überzeugen. – Ich, seiner Gleisnerei längst überdrüßig, und desto begieriger Bettys Aufsaz in Sicherheit lesen zu können, entfernte mich. – Würklich fand ich als ich heim kam, daß das Feuer nur hier und da den ohnedem breiten weißen Rand der Papiere, nirgends aber ein einziges Wörtchen verlezt habe; und hier stehe, was ich las!


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