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IV.
Miß Isabella Freecourt. – Opfer eines väterlichen Aberglaubens.

Nichts ist verehrungswerther, als Religion, nichts liebenswürdiger als Gottesfurcht. Seegen ist in ihrem Gefolge, alle übrigen Tugenden sind ihre Töchter. Durch sie erhalten sie ihr Dasein, durch sie ihre Stärke. Und doch nur alzuoft verwandelt sich dieser Schmuck der Menschheit in das greulichste Schreckbild. Wo Sanftmuth, Wohlwollen, Dankbarkeit, Milde und algemeine Liebe glänzten, da tritt Stolz, Zanksucht, Neid, Haß und Verfolgungsgeist an ihre Stelle; da erneuert sich das Schauspiel ienes Erzengels, der zunächst an Gottes Klarheit stand, als er sich selbst in die tiefste Hölle stürzte. – Andächtelei und Aberglaube, dies sind die Fallgruben, die so viele verschlingen, und aus denen so selten Erlösung ist! Alle andere Laster führen ihren Stachel bei sich. Unser eignes Gewissen macht uns Vorwürfe deshalb. Schaam und Reue verfolgen uns ihrentwegen, und bewahren uns vielleicht vor neuen Fehltritten. Nur diese heilige Raserei frohlockt, indem sie uns der Menschheit unwerth macht; und wir halten Ausdaurung in ihr für der Tugend höchsten Grad. – Doch wo bin ich? Ich wolte nur erzälen, und greife meinen Lesern mit Betrachtungen vor, die ihnen entweder auch ohne mein Zuthun bald, oder auch mit demselben nie einfallen dürften.

Schon sein funfzigstes Jahr hatte Sir William Freecourt erreicht; und der Neid selbst, – so erfinderisch er sonst zu seyn pflegt – hatte nichts der Rede werth an ihn zu tadeln gefunden. Durch Einsichten in manches Fach der Gelehrsamkeit und der Staatswissenschaft, durch fröliche Laune und ein untadelhaft scheinendes Herz hatte er sich die Hochachtung seiner Bekanten, die Liebe seiner Freunde, und fast die Anbetung derienigen, die von ihm abhingen, zu erwerben gewußt. Er war reich, hatte verschiednemal mit Ehren einen Siz im Parlament bekleidet: und iezt, da er alt zu werden begann, schien er in einem Sohn und einer Tochter wieder aufleben zu wollen. Bei der Geburt dieser Leztern war seine Gemalin gestorben. Noch war er damals nicht vierzig Jahr alt gewesen; dennoch hatte er sich nie zu einer zweiten Heirath entschließen können. Alle seine Sorgfalt war nur auf die Erziehung dieser beiden Kinder gerichtet, die er mit unaussprechlicher Liebe liebte, und die deren auch würdig waren.

Karl, so hieß sein Sohn, hatte mit dem Beifall aller Lehrer, seine Studien vollendet; hatte Wissenschaften gnüglich eingesamlet; hatte ein edles Herz durch manchen kleinen Zug verrathen, und solte nun auch Lebensart und die Bildung der feinern Welt, auf der sogenanten großen Reise, unter der Aufsicht eines verständigen Begleiters, sich erwerben. Isabelle galt mit Recht für eine Zierde des väterlichen Hauses. Eine schönre Blondine ist keines Malers Pinsel, ist selbst dem Pinsel der Angelica nie gelungen. Auch besaß sie ieden Reiz der Seele, ieden, den ihr Geschlecht sowohl als ihr Rang erfoderte; so, daß sie bald alle bewunderten, die sie sahen und alle liebten, die sie sprechen hörten.

Einer iungen Lädi von solchen Verdiensten würde es auf dem kleinsten Dorfe an Bewunderern und Bewerbern aus der Nachbarschaft unmöglich lange gemangelt haben; und noch minder war dieser Fall in dem volkreichen London denkbar. Die Anbeter samleten sich bald in dichten Schaaren um ihre Loge im Theater; um ihren Siz in Konzerten, um die Bank, wo sie auf Spaziergängen ausruhte; und Isabelle war Mädchen genug, um das nicht übel zu nehmen; doch auch sittsam genug, um nicht Liebe allein, sondern auch Ehrfurcht einzuflößen. – Einer von diesen iungen Männern, Sir Eduard Wellgrave, gehörte zu derienigen Art von Freiwerbern, die bei einem Liebesantrag wenig zu fürchten, und viel zu hoffen haben. Seine Person war angenehm, sein Geschlecht gut, und er selbst der Erbe eines ansehnlichen Vermögens. Nur ein paar Jahr älter als der iunge Freecourt, war er eine Zeitlang sein akademischer Genosse gewesen, und war noch iezt sein Freund. Eben durch ihn hatte er Eintritt im Hause von Isabellens Vater gefunden, hatte dem Bruder gestanden, daß ihm die Schwester gefalle; und war von diesem, bevor er seine Reise antrat, mit aufrichtiger Wärme an Sir William sowohl als auch an Isabellen empfohlen worden.

Vielleicht hätte es dieser Empfehlung, zumal bei der leztern, nicht einmal bedurft; Isabellens inres Gefühl unterschied ihn bald von allen seinen Mitbewerbern. Doch verboten ihr Bescheidenheit und Klugheit diesen Vorzug ihm eher einzugestehn, bevor die einzige Person, in deren Händen ihr Schicksaal stand, – bevor Sir William sie dazu berechtige; und auch Sir Eduard, seiner Seits war ein viel zu gehorsamer Sohn, als eher seinen entscheidenden Schritt zu thun, bevor er mit seinem Vater gesprochen, und seiner Einwilligung sich versichert hatte.

Die beiden Alten eröfneten daher die Unterhandlung, und Freecourt hatte nicht das geringste Bedenken dem ältern Wellgraven bei der Werbung für seinen Sohn, die Einwilligung mit der Bedingung zu geben: daß Isabellens Herz kein Nein dagegen spreche; denn daß er nie sie zwingen werde, wiederholte er oft. Noch an eben diesem Abend eröfnete er ihr alles; fügte die einzige Empfehlung hinzu: daß er Eduarden für einen sehr annehmlichen braven iungen Mann halte; und überließ es ihr ganz: ob sie Neigung für ihn fühle, oder nicht?

Isabelle, als sie ihren Vater so sprechen hörte; erröthete, wie die Abendwolke, durch welche die untergehende Sonne sich bricht. Was sie hier sich anempfohlen sah, war so übereinstimmend mit ihren eignen Wünschen, daß es ihr Mühe kostete, eine freudige Bestürzung zu verbergen. Sie antwortete ihm endlich: daß sie in allem seiner Leitung sich überlasse; und so kurz und kalt diese Worte klangen, so zeugte doch die sanfte Unruhe in ihrem ganzen Wesen, und die Freude, die aus ihren Augen stralte, daß diesmal kindliche Pflicht und iungfräuliche Zuneigung in keinem Streit mit einander ständen. Ihr Vater lächelte: Wohlan, sprach er, weil ich entscheiden soll, so betrachte den Sir Eduard Wellgraven, von nun an, als den Mann, den der Himmel und dein Vater dir zum Gemal bestimmen.

Wenn ich anders schöne Leserinnen habe – und diese Hofnung ist zu süß, als sie mir rauben zu lassen, – so werden sie leicht begreifen, welche liebliche Bilder der Zukunft nun Isabellens ganze Seele füllten. – Oft hatte sie vorher gefürchtet – denn was fürchtet Liebe nicht alles! – daß diese Leidenschaft über sie den Meister spielen, sie in ihres Vaters Augen herabwürdigen dürfte. Jezt ermunterte er sie selbst, so viel zu lieben, als sie nur wolle. Ehrerbietig küßte sie daher seine Hand, empfing seinen Seegen, und entfernte sich bald darauf in ihr Zimmer, wahrscheinlich um dort ungescheuter ihrem Entzücken freien Lauf zu lassen. – Ich selbst, denn durch ein Ohngefähr war ich eben zu Tische dort, freute mich über die Verbindung zweier so braven Häuser, und zweier der glücklichen Liebe so werthen Personen.

Sir Eduard, als sein Vater ihm von dem Schritt, den er gethan, und von der Vertröstung, die er erhalten, Nachricht gab, war nicht weniger froh; nur minderte noch ein klein wenig Ungewißheit seine Freude. – »Sie sah freilich nie mit einem merklichen Misfallen auf mich. Ich glaubte einigemal sogar Zuneigung in ihren Augen zu erblicken. Aber ach, wenn ich mich irrte! Wenn sie mich verschmähte!« – So dachte, so sprach er fast die halbe Nacht mit sich selbst. Erst des andern Tags, als er ihr – so früh als es nur schicklich war – aufwartete; als sie auf seine ehrfurchtsvolle Erklärung, auf den innigsten Schwur seiner Zärtlichkeit ihn mit der sitsamsten, doch unbefangensten Miene gestand: daß er – er allein, vermögend sei, sie für die Verlassung Ihres väterlichen Hauses und ihres iezzigen Standes, zu entschädigen, da traute er endlich seinem Glücke; da prieß er sich für den Neidenswürdigsten aller Menschen; da beging er im frohen Rausche seiner Liebe tausend Thorheiten, die alle doch seiner Geliebten – keine Thorheit zu seyn schienen.

Nicht nur Braut und Bräutigam, sondern auch beiderseitige Schwiegerväter wünschten nun eine baldige Verbindung sehnlichst. Ein naher Tag ward zur Hochzeit anberaumt; die Eheverträge wurden pünktlichst, doch ohne Zwist und Unwillen, aufgesetzt. Neue Kleider, neue Wohnung, neue Bediente, neue Karossen, alles was sonst noch Bequemlichkeit, häusliche Einrichtung und geziemender Staat erfordern, wurden aufs eilfertigste bestelt, gemiethet und gekauft. Glückwünsche wurden angenommen, und alle Bekante glaubten nun nächster Tage Miß Isabella Freecourt in Lädi Wellgrave verwandelt zu erblicken, als plözlich am hellsten Mittag ein Sturm sich aufzog, der alles verfinsterte, und bald auch alles verheerte. Jene Aussichten der Freude verwandelten sich in Gram, und schlossen mit Untergang und Verzweiflung. – Glück der Sterblichen, wie eitel bist du! Wie eitel sind die bunten Seifenblasen, die du vor unsern Augen fliegen lässest, und die gewöhnlich zerplazen, wenn wir thöricht genug sind, nach ihnen zu greifen. – Sir William, der bisher der liebreichste, gutwilligste Alte gewesen war, ward plözlich mürrisch; erst stumm, dann auffahrend; aß nicht, trank nicht, seufzte, wo er stand, schien verwechselt und umgestaltet zu seyn. Mit Eifer hatte er bisher die Anstalten zur Hochzeit seiner Tochter betrieben; auf einmal zögerte er nicht nur, sondern trieb alles hinterwärts. Wenn Eduards Vater und sein Advokat zur Besieglung und Unterschrift des Ehekontrakts kamen, ließ er sich verläugnen. Kleidungsstücke, die er so gut schon als behandelt hatte, wurden den Kaufleuten wieder zurückgesendet. Das schon gemiethete Quartier sagte er, mit Verlust wieder auf. An ein neues dachte er nicht.

Ein solches Betragen beleidigte den ältern Wellgrave höchlich, und versezte unsre Liebenden in unbeschreibliche Bestürzung. Obschon Sir Eduard alltäglich ein- auch zweimal seine Braut besuchte, so vermied Freecourt doch so sorgsam seine Gegenwart, daß er nie Gelegenheit fand, ihn über diese geänderte Aufführung zu befragen; und Isabelle war durch die ungewohnte Strenge ihres Vaters, und durch die Unfreundlichkeit seiner Blicke so außer Fassung gesezt, daß sie es nicht wagte, den Mund zu einer Frage zu öfnen. – Eines Nachmittags, als sie in ihrem Sizzimmer schon eine geraume Weile auf den Besuch ihres Geliebten wartete, ließ ihr Vater sie zu sich rufen, und da sie sofort gehorchte, da sie seine Frage: Ob sie iezt auf den Zuspruch von Sir Eduard warte? offenherzig beiahte; so erklärte er ihr: daß diese Hofnung vergeblich sei: denn er sei schon da gewesen, aber auf seinen Befehl abgewiesen worden. – Diese Nachricht befremdete das arme Mädchen gewaltig. Sie fragte: Ob denn ihr Bräutigam durch irgend eine wissentliche oder unwissentliche Schuld seinen Unwillen gereizt habe? Der Alte gestand: Nein! Er gestand: daß kein Vater, und wenn er noch so reich, noch so vornehm wäre, eines solchen Schwiegersohns sich schämen dürfe; aber er hing die Erklärung dran: daß er dennoch über diese Verbindung seinen Entschlus geändert habe! daß es ihm leid thue, zu sehen: daß seine Tochter mit ganzer Seele an ihren bisherigen Bräutigam hänge; und daß es noch mehr ihn kränke, ihr gestehn zu müssen: daß Eduard nie mit seinem Willen ihr Gemahl werden könne.

Die arme Lädi zitterte, wie ein Espenlaub, bei dieser Erklärung. Sie erinnerte ihren Vater mit aller kindlichen Ehrfurcht: daß er ia selbst es sei, der diesen Bräutigam ihr gegeben habe; sie gestand: daß sie ihn innigst liebe, ia ohne ihn kein Glück sich denken könne; sie bat endlich sie wenigstens aus einer Marter, die härter als der Tod sei, aus der Marter der Ungewisheit zu reissen, und ihr den Grund anzugeben, der einen sonst so gütigen Vater iezt ihr Glück zu machen verhindre?

Sir William schwieg ein paar Augenblicke. – Deines Vaters eignes Wohl oder Weh! rief er endlich voll Nachdruck aus. Entsezzen sprach kräftiger, als Worte, aus iedem Zug seines Gesichts. Entsezzen ging auch eben so schnell von ihm auf seine Tochter über! Sie verstand freilich den Sinn dieses Ausrufs nicht; doch auch die bloßen Worte waren für ein Mädchen, und zumal für eine Tochter, schrecklich genug. Sie stand so blaß wie ein Geist, und so leblos wie eine Bildsäule da; indeß ihr Vater mit großen, aber ungleichen Schritten im Gemach sich auf und nieder trieb, auch lange Zeit keiner Rede mehr mächtig war, und endlich also fortfuhr: – »Ich erkenn's selbst, deine Bestürzung und deine Ungewisheit muß äußerst stark seyn; und doch vermag ich es heute noch nicht über mich, aus dieser leztern dich zu reißen. Bald aber will ichs thun. Geh iezt – indem er aus tiefster Brust einen Seufzer stieß – geh iezt auf dein Zimmer, liebstes Kind; dir wäre besser, hätte ich dich minder lieb. Geh, und bitte die milde Hand des Allmächtigen, um dieienige Gemüthsruhe, die uns fähig macht, iedem seiner Rathschlüsse still zu halten. – Morgen früh will ich dir alles entdecken.«

Isabelle ging: ob um zu beten oder um zu weinen; das mögen meine Leser selbst entscheiden. Ich selbst – denn ich hatte unsichtbar diesem Gespräch beigewohnt – war über das gehörte so betroffen, daß als Sir William seinem Kabinet zuwankte, ich die Gelegenheit mit hinein zu schlüpfen versäumte. Beim Blick durchs Schlüsselloch sah ich zwar, daß er auf der Erde kniete, Hände und Augen gen Himmel richtete, und aufs andächtigste zu beten schien; doch was er sprach oder murmelte vielmehr, das vermocht ich nicht zu verstehn.

Des andern Morgens war ich früh in Isabellens Gemach. Die arme Unschuldige saß hier an einem Theetisch, vor ihr eine unausgetrunkene längst ausgekühlte Tasse, der Elbogen ihrer rechten Hand aufgestüzt; das Haupt in der Hand; Thränen in den Augen; und der rothe aufgelaufne Rand rund herum der Beweis einer schlaflosen verweinten Nacht. Den Gram sprechender zu malen, wäre der gröste Maler unfähig gewesen. »O mein Eduard! o mein armes Herz!« das sprach sie ein paarmal mit einem Tone, der mir selbst beinah das Herz zerschnitt. – Ich war nicht lange bei ihr, so trat ihr Vater herein. Auch sein Gesicht sprach von Kummer, doch nicht von so tobenden Gemüthsbewegungen, wie gestern. Da seine Tochter aufstand, und die Hand ihm küßte, drückte er mit wahrer väterlicher Inbrunst seinen Mund auf ihre Stirn; hielt ihre Hand fest, sezte sich aufs Sofa, und befahl ihr neben ihn sich niederzulassen.

»Komm zu mir her, mein Kind – sprach er – ich war zu tadeln, daß ich dich diese Nacht hindurch einer solchen Unruhe Preis gab; und doch war nur meine alzugroße Zärtlichkeit Schuld dran. – Es kostet mir Mühe dir eine Sache zu entdecken, die dich zum Wunsche bewegen dürfte: daß ich weniger dich liebte.«

Isab. Unmöglich, mein Vater! denn immer hielt ich diese väterliche Liebe für den schönsten Seegen des Himmels.

Sir Will. Ich glaube, du heuchelst nicht. Denn nie wüßt' ich, daß du es an kindlicher Ehrfurcht und an Vergeltung meiner Zärtlichkeit hättest mangeln lassen.

Isab. Wenigstens hat sie nie ein Gedanke kränken wollen, und ich hoffe, auch nie eine That beleidigt.

Sir Will. Nein, theures Mädchen, nein! Und um desto sicherer rechne ich auf deinen Gehorsam bei einer Sache, von welcher die Ruhe meiner Seele auf immer und ewig abhängt. Sage mir, würdest du nicht gern ein wichtiges Vergnügen aufopfern, um das Glück deines Vaters in dieser und iener Welt sicher zu stellen?

Isab. Ich würde ihrer väterlichen Liebe, würde iedes Seegens unwürdig seyn, wenn ich hierauf nicht Ja mit Mund und Herzen sagte.

Sir Will. Wohlan, geliebte Tochter, so will ich dir nicht länger ein Geheimniß vorenthalten, das noch nie über meine Lippen kam. Nur versprich mir zweierlei; Aufmerksamkeit und ein ewiges Stilschweigen gegen iedermann.

Isab. Das erstere zu versprechen, hab ich nicht erst nöthig. Aber das zweite, mein Vater, betheure ich ihnen bei allem, was einer Christin werth und heilig ist.

Sir Will. Als ich in meinem zwanzigsten Jahre aufs Land reiste, um von einer Erbschaft, die mir durch den Tod meines Onkels zufiel, Besiz zu nehmen, lernte ich in der Nachbarschaft eines dieser ererbten Güter eine iunge Lädi, Namens Harriot, kennen. Sie war schön und gefühlvoll. Mein Herz war bis dahin vollkommen frei gewesen; iezt, wie ich glaubte, bemächtigte sich eine heftige Liebe desselben. Gleichwol blieb die Ehe in meinen Augen ein alzuwichtiges, mir noch zu zwangvolles Band. Ich wählte daher nicht die Sprache des Freiwerbers, sondern des heimlichen Liebhabers. Doch auch dieser ward freundlich und leider nur alzuwohl aufgenommen. Bald sah ich mich zärtlicher geliebt, als ich selbst liebte, und da ich ihr meine Hand versprach, ward iede Gunst, die meine Leidenschaft nur begehren konnte, mir verstattet. – Da meine Erbschaftssache nun geendigt war, kehrte ich nach London zurück. Unser Abschied war zärtlich, doch nicht alzutraurig. Denn auch meine Geliebte reiste mit Vater, Mutter und ihrer ganzen Familie wenig Tage darauf nach der Stadt, um dort den Winter hinzubringen. Kaum war sie angekommen, so gab sie mir Nachricht davon. Ein Ort, wo wir uns allein und sicher seyn und sprechen konten, war bald ausfindig gemacht. Wir fanden uns oft alda ein; und meine Neigung gegen sie war noch nicht erkaltet.

Ihre Jugend, ihre Schönheit, und die äußerste Zärtlichkeit, die sie bei ieder Gelegenheit mir erwies, hätten mich vielleicht noch lange, lange ihr getreu erhalten; aber, leider erblickte ich eben damals zum erstenmal deine verstorbne Mutter, und ihre Reize machten mich von Grund an gleichgültig gegen ihr ganzes übriges Geschlecht. Sie sehen, und sie anbeten war eines. Jezt fühlte sich es erst, was wahre Liebe sei: und wie wenig ich bisher sie gekant habe. Ehe war mir nun kein fürchterlicher Zwang mehr, sondern das wünschenswürdigste Glück. Ich strebte sofort darnach, und bot alles mögliche auf, um meine Seeligkeit zu beschleunigen.

Jezt wurden mir die Zusammenkünfte mit der armen Harriot eben so lästig und lästiger noch, als sie vorher mir angenehm gewesen waren. Sie muste wohl zehnmal schreiben, ehe ich einmal kam; und wenn ich ia zuweilen ihren Bitten nachgab und mich einstelte, war mein Betragen so kalt, so verändert gegen ehmals, daß sie nothwendig bald diese Umwandelung merken muste. Sich bewußt, daß sie nicht schuld dran sei, ward sie nun eifersüchtig, nachforschend, unruhig; und entdeckte meine neue ernstere Verbindung gar leicht.

Die Unglückliche! Ihre Thränen, Klagen, Vorwürfe, so gerecht sie waren, nüzten doch nun nichts mehr. Sie gaben mir nur Gelegenheit zu Zank und völligen Bruch. Ich schied von ihr, indem ich sie nie wieder zu sehn schwur; und bald sezte sie selbst mich in diesem Punkt ausser Stand meineidig zu werden. Denn drei Tage nach unserer Trennung starb sie; und zwar, wie man sich zuflüsterte, durch Gift. Freilich blieb dies leztere unentschieden. Doch sei es, daß sie würklich zu diesem verzweifelten Mittel grif, um ein Leben zu endigen, das ihr lästig ward; oder daß der Gram allein sie tödtete; kurz ihr Tod war das Werk meiner grausamen Undankbarkeit; war es in einem desto strafbarern Grade, da sie edel genug dachte, nie etwas davon gegen einen dritten zu erwähnen; da von ihrer zahlreichen Bekantschaft auch keine Seele den geringsten Argwohn von unsrer Vertraulichkeit schöpfte.

Die Bestürzung, die ich bei der Nachricht ihres Todes empfand, geht über alle Kraft der Sprache, und wahrscheinlich würde der Eindruck davon dauernd gewesen seyn, hätte nicht eben damals deine Mutter sich erklärt: daß sie die Meinige seyn wolle. Diese Verbindung, die Befriedigung meiner Wünsche, der Taumel von Festen und Vergnügen, der iezt um mich sich drehte, riß mich bald wieder mit sich; und machte mein Herz der Freude und des Entzückens so übervoll, daß ich für iedes andre Gefühl keinen leeren Raum mehr hatte.

So verschwand das Andenken an die arme Harriot almälig ganz aus meiner Seele, und weil ich mich nunmehr bestrebte, als Ehmann und als Vater alle meine Pflichten zu erfüllen, gedachte ich nicht mehr dran, wie sehr ich als Jüngling sie vergessen habe. Doch der Himmel beschloß mich fühlen zu lassen, daß unser Gewissen einschlafen, doch nicht ganz absterben kann; und hat meine unempfindliche Ruhe iezt nur um desto empfindlicher zu rächen gewußt.

Es sind neun oder zehn Tage, als ich auf meinem Lager lag; ob schlafend oder wachend, das wage ich nicht zu entscheiden. Ein Geräusch machte, daß ich die Augen aufschlug, oder wenigstens sie aufzuschlagen glaubte; und siehe, an der Seite meines Betts stand der bleiche Schatten des unglücklichen, von mir gemordeten Mädchens. – »Kenst Du mich noch – sprach sie mit einer Stimme, die hohl, und doch so hell wie ein Echo tönte. – Ich bin zwar längst für die Welt und für Dich gestorben, aber die Rache des Himmels lebt. Ein Ueberrest iener verstoßnen Liebe ist es, wenn ich Dich iezt ermahne, sie auszusöhnen.« – Und wodurch soll, wie kann ich das? rief ich halb außer mir. – »Durch Reue, und indem Du dem Himmel dasienige aufopferst, was Dir am liebsten auf Erden ist. Weigerst Du Dich dessen, so sind die Qualen schon bereitet, die Dich strafen sollen.« Sie verschwand; so wie dies lezte Wort verhallte. Mein Entsezzen über diesen gräslichen Traum, oder dies Gesicht vielmehr, kanst du nicht fassen. Ob ich ihn Schattenbild oder Wahrheit nennen soll, weiß ich nicht. Aber das weiß ich, es war wenigstens mein Schuzengel, der in dieser Gestalt mein Verbrechen mir vorhielt; und könnte ich diese Warnung verschmähn, so hieße dies wissentlich mein Vergehn mehr noch als verdoppeln; so hieße dies freventlich meine Seele in die tiefste Hölle stürzen.

Dem Himmel mein Liebstes auf Erden zu opfern, das gebot mir die Erscheinung. – Was habe ich lieber auf dieser Welt, als Deinen Bruder und Dich? Ich habe mein Herz geprüft, ich habe gerungen in Gebet und Flehen. Theures Mädchen, und ich fand, daß ich mehr noch Dich liebe, als ihn. Dich muß ich daher dem Himmel weihen. Dich muß ich, wie einst Abrahams Glaube that, zum Opfer auf dem Altar hinbringen.

Wie, mein Vater – rief Isabelle erschrocken, sie wollen mich doch nicht tödten?

Sir Will. Dich tödten, mein Kind? O nein! Eh wolte ich dies Fleisch mit glüenden Zangen mir ausreißen – eh iegliches Glied mir zerstücken – eh meine Brust zerspalten und mein schlagendes Herz zur Schau stellen lassen, eh das kleinste Theilgen Deines mir so theuern Körpers gekränkt werden solte. – Nein! Nicht auf den Blutaltar, nur auf den Altar der Frömmigkeit bin ich Dich dem Himmel zu opfern gesonnen. Seinem Dienste solst Du Dein iungfräuliches Herze weihn; solst hier auf Erden schon eine Freude der Engel, eine Genossin der Heiligen – kurz, meine beste Isabelle, solst eine Nonne werden.

Eine Nonne! gerechter Himmel! ich eine Nonne! – so rief das arme Mädchen und ein tödliches Schrecken schien durch ihren ganzen Körper zu beben. Der Ausdruck Opfer hatte ihr kaum so fürchterlich als das Wort, Nonne, ins Ohr getönt. Keine Erinnerung an ihren bisherigen kindlichen Gehorsam, keine Schmeicheleien, keine Vorspieglungen von Heiligkeit und Seelenruh konten ihr den schauderbaren Blick auf eine einsame Zelle versüssen. Sie erklärte, daß Sterben ihr lieber, als ein solches lebendiges Begräbnis sei; sie bat mit Thränen, mit Händeringen und Knien ihren Vater, sie nicht einem so eitlen Hirngespinst, einem solchem Traume aufzuopfern; sie sprach von der göttlichen Güte, von den Wegen seiner Vergeltung, mit einer Beredsamkeit, welche freilich nur die Angst eingab, die aber manchem Prediger mehr Ehre, als sein orthodoxer Eifer machen würde; iedoch sie traf auf ein Herz, das die Furcht vor der Hölle versteinert hatte. Denn ihr Vater, nachdem er noch eine geraume Zeit Liebkosung und Zureden verschwendet hatte, erklärte ihr endlich im erzürnten Tone: Er habe bisher durch Gründe sie zu bewegen gesucht, nun aber werde er zu ernsten Maasregeln zu greifen wissen. Wenn sie sein künftiges ewiges Loos nicht rühre, so brauche ihr zeitliches ihn noch weniger zu bekümmern. – Mit diesen Worten verließ er sie, in einem Zustande, der von Verzweiflung nur sehr wenig unterschieden war. – Und da meine Schreibtafel längst schon angefüllt worden; da ich für Mitleid einen solchen Jammer, den ich doch nicht lindern konte, auch nicht länger anzusehn vermochte, so entfernte ich mich bald drauf, und brachte meine Nacht, wenn nicht ganz so schlaflos , wie Isabelle, doch wenigstens nicht ruhig hin.

Reinigung meiner Schreibtafel und andre Geschäfte hinderten mich den andern Morgen zu Isabellen wieder hinzugehn. Als ich gegen Mittag es that, fand ich ihr Zimmer fest verschlossen, ihren Vater ausgegangen, alles verstört und todt. Vielleicht, dachte ich, erfährst du in Wellgravens Wohnung mehr; und ging hin. Meine Ahndung betrog mich nicht. Der ältre Wellgrave las so eben mit sichtlicher Bewegung einen Brief; und steckte ihn zu schnell ein, als daß ich mitlesen konte: aber gleich drauf trat sein Sohn herein. Seiner Kleidung nach schien er von einem Spaziergange heimzukommen; und auch in seiner Miene war Verdrus, Unwille und eine Art von halbzornigen halb mismuthigen Nachdenken sichtbar. Er grüßte seinen Vater äusserst zerstreut, und dieser vergalt den Grus sofort mit der Frage: Was ihm fehle?

»Ich begreife nicht, antwortete er, was endlich aus meinem Verhältnis mit Isabellen werden soll. Schon seit einigen Tagen scheine ich in ihres Vaters Ungnade gefallen zu seyn. Aber ihre Zärtlichkeit wenigstens blieb sich gleich, und der Zutritt zu ihr mir unverwehrt. Gestern früh versprach sie mir ihre Begleitung auf einen Spaziergang, ich kam des Nachmittags pünktlich zur bestimten Stunde. Sie sei schon ausgegangen; hieß es: wohin? erfuhr ich nicht. – Heute wollte ich mich nach ihrem Wohlsein und iener Irrung erkundigen; aber man wieß mich abermals ab. – Sie war zu Hause; bei Gott, sie war es; und dies Betragen schmerzt mich.«

Vater. Dies hätte ich Dir voraus sagen können, wenn ich gleich eben so wenig weiß, warum? – Es ist eine Stunde ohngefehr, daß ich diesen Brief vom Freecourt erhielt. Er schmerzt mich deinetwegen. Ich habe ihn zehnmal gelesen, und nicht verstanden. – Lies hier selbst, was dieser alte Schwachkopf schreibt.

Er gab ihm das Schreiben, das er kurz vorher eingesteckt hatte; der iunge Mann schlug es hastig und mit ängstlicher Erwartung aus einander. Der Inhalt war folgender:

Sir.

Ein unvermeidliches Schicksaal raubt mir die Ehre unsrer wechselseitigen Verbindung, und zwingt mich für die Bestimmung meiner Tochter ganz anders, als ich bisher gesonnen war, zu sorgen. Ich muß daher Ihren Herrn Sohn bitten, weder seine Besuche künftig fortzusezzen, noch auf irgend eine Art den Maasregeln entgegen zu streben, die ich wegen Isabellen ergreifen werde. Ich schäze ihn noch eben so hoch, wie sonst. Nur mein Schwiegersohn kann er nicht mehr, – kann Niemand werden. – Was Sie betrift, Sir; so hof' ich, Sie werden diese Aenderung für keine Beleidigung, sondern für das, was sie würklich ist, für eine – mir nur alzuharte Nothwendigkeit halten; und ich verharre mit der unveränderlichsten Hochachtung, Sir,

Ihr gehorsamster Diener,
William Freecourt.     

Bei Lesung dieses Briefs, der mir nur alzudeutlich, aber den übrigen freilich völlig malabarisch war, gerieth Sir Eduard fast ausser sich. Ob er mehr bestürzt, oder mehr beleidigt sich fühlte, möchte schwer zu entscheiden gewesen sein. Er stampfte, knirschte mit den Zähnen, zerbis seine Lippen, und brauchte eine geraume Zeit, bevor er der Rede mächtig ward. Daß er dann in Schmähreden gegen Sir Freecourt ausströmte, daß er entweder seinen Verstand bezweifelte, oder seine Treulosigkeit der härtesten Ausdrücke würdig fand, ergiebt sich von selbst. Aber immer blieb er dabei, daß er Isabellen für unfähig einer solchen Verstellung halte, und daß er sie bedauere, weil sie iezt vielleicht eben so ihres Vaters Eigensinn fühlen und beklagen müsse. Der ältre Wellgrave tröstete seinen Sohn, was er konte; nur Isabellen schien er minder geneigt zu seyn. Denn er erklärte frei heraus:»an eine Verbindung mit ihr sei nun nicht mehr zu denken. Er würde eher seinen Namen aussterben, eh seinen Sohn enterben können, als zugeben, daß er mit einer solchen Familie – wenn es auch tausendmal dem alten Freecourt reue, – sich verbinde. Und er schloß mit der Hofnung, daß sein Sohn selbst zu edel denken werde, als einen solchen niedrigen Wunsch fernerhin zu hegen«.

Eduard wollte antworten, aber sein Vater ward gerade iezt herausgerufen. In das Selbstgespräch des iungen Mannes theilten sich Liebe und Zorn. Isabelle war seinem Herzen theuer. Doch stieg einiges Mistrauen in ihm auf. – Ehe er noch Zeit hatte, seinen Gedanken volkommen Plaz zu geben, brachte ein Bedienter einen Brief, mit der Nachricht, daß der Ueberbringer ihn selbst überreichen wollen, und ängstlich auf Antwort warte. Eduards blasse Wange ward glühend roth, als er Aufschrift und Siegel erkante. Er zerriß das leztre voll Ungeduld, und befahl: daß man ihn allein lasse. Ich befolgte freilich diesen Befehl nicht, und so las ich mit ihm folgendes:


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