Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

VI

Unter den Zaungästen der Liederlichkeiten, die Wanda nach einem ihr selbst nicht bildhaft bewußten Plane einberief, war Johanna die Unverbrauchteste. Die Gasse, die sie mit Pflichten verknüpfte, die ihr flügger Verstand behende auf sich nahm, das Geklapper der Schuhabsätze auf nachtfeuchten Pflastersteinen, der süßliche Brand dickflüssiger Bergstränke, hatten ihr Magdtum nicht vernichtet. Es war etwas in ihr, das mit der Frechheit ihrer Gelüste, dem Unflat verkommener Überbleibsel siegreich im Streite lag. Ihre Stimme war aus den Fugen geraten, hinkte unschön und bübisch in das verpönte Falsett. Aber in unbewachten Momenten klingelte ein zersprungenes Glöcklein darin, eine Bitte um Almosen.

Sie hatte Blaugast im Rollenfach eines Liebesspiels kennengelernt, das Wanda dem Freunde zu Ehren in ihrer Wohnung veranstaltete. Der freudlose Tand, die Vermessenheit dieser lebenden Träume, hinter denen ein aberwitziges Stümpfchen als Bühnenbeleuchtung strahlte, rüttelten Mitleid in ihr auf, frühreifen Ärger.

Als sich die Gesellschaft verlief, der Hausherr schlaff und verkümmert auf der Ottomane verweilte, hob zornmütige Rede sein Gesicht aus den Kissen.

»Warum tun Sie das? – Es ist Ihrer nicht würdig!« Blaugast vernahm das Wort wie eine durch hundert Hände gegangene und abgescheuerte Vokabel. Der heldische Brustton humanistischer Begriffe trug fernher ein Schimmern in die verzweifelte Unordnung seiner Behausung, wo die Zimmerluft mit dem Dunste entblößter Frauenleiber tranig bemakelt war. – Seiner nicht würdig. – Wo hatte er nur den Klang solcher ins Übermenschliche gesteigerten Benennungen zum erstenmal aufgenommen? Die alte Grammatik mit dem geborstenen Leinwandrücken blätterte aufgescheucht in seinen Gedanken. War es nicht damals, als er mit Schobotzki beisammen war, ganz hinten im Reich der Kohorten und römischen Wehrgehänge? – Begierig, kundig, eingedenk, teilhaftig, mächtig, voll. – Er sah Johanna in dem auf Männerfang berechneten Straßenkleid vor sich stehn und blickte erstaunt in ihre heroische Miene. Wie kam das Lustmädchen aus Wandas gefälliger Garde zu solchen Augen? –

Sodbrennen kratzte in seiner Kehle und rauhte die Antwort.

»Es ist meiner nicht würdig. Das scheint unzweifelhaft richtig. Aber ich bin ein Hund, Johanna, und ich muß heulen.« –

Ihm selbst unerwartet, ein Eisenbahnzug, den eine Fügung über die Böschung schleudert, trat ihn ein Übergewicht an, das mit Zentnerlast drückte. Etwas, das festgegründet schien, letztwilliger Stolz, von Ruinenblöcken gesichert, war vom Froste gesprengt worden, verging und zerstäubte. Er sprang auf die Füße, taumelte mit beschwörerischen Händen, die Karikatur eines Verteidigers, der Baum am Felsen, der sich gegen den Steinschlag stemmt. Die Idee der Flucht zerrte ihn erdwärts, stopfte sein Taschentuch in den Rachen. Aber es war zu spät. Gierig, schandbar, brach das Gebrüll aus den Eingeweiden. Er bellte, bösartig wie ein Tier, das die Sintflut ankläfft, statt zu entrinnen.

Feindselig umwölkt stürmte jetzt Wanda aus der Küche. Ihr Rock, flüchtig geknöpft, schlampte als prallsitzender Wickel um ihre Beine, ein blaßblauer Busenhalter knüllte sich unanständig unter dem Hemd und spannte. Der abgeknickte Holzspan, den sie über der Gasflamme geröstet hatte, um damit die Brauen zu schwärzen, stak wie ein Dolch zwischen den geklemmten Fingern. Mißtrauisch schielte sie nach Johanna, die schlank und bestürzt ihre Musterung hinnahm.

»Was hat der Narr? – Will er die Polizei auf uns hetzen oder lockt ihn die Zwangsjacke? –«

Heimtückisch stieß sie den Zitternden mit dem Fuß an. Aber Blaugast rollte sich wie ein Klumpen von ihr hinweg. Sein Mund, erschöpft und entstellt, schnappte nach Schimpfworten, gierte nach Schmutz und Entsetzen.

»Du Luder, – geh fort von mir – rühr mich nicht an, du Zentralhure –«

Einen Augenblick lang sah Wanda auf den Gestürzten. Ein Spott, der mit der Situation nicht im Einklang war, kräuselte ihre Lippen.

»Schlappsack!« – zischte sie wegwerfend. Dann drehte sie sich auf den Hacken um und schmetterte mit der Tür.

Johanna, auf Ungehörigkeiten ertappt, machte eine Bewegung, um ihr zu folgen. Dann besann sie sich plötzlich, stand schmal und dunkel in ihrer Ecke.

»Sind Sie mir böse, Herr Blaugast?« –

Es war die Frage des Kindes, das Unfrieden angerichtet und dem es jetzt leid tut.

Blaugast schüttelte sich, strich mit verstörten Händen das Haar aus der Stirn, erhob sich und strauchelte. Er fiel auf den Stuhl, den Johanna ihm brachte, schluckte an Unausgesprochenem, haschte nach ihrem Kleide.

»O nein doch, o nein. Wie käme ich denn dazu? – Wer bin ich denn, Mensch unter Menschen, ein ganz kleiner, armseliger Klaudius? – Aber du mußt mich verstehn, Johanna. – Du darfst nicht weggehn, ohne das zu begreifen.«

»Ich will es versuchen. Nur müssen Sie ruhiger werden.«

»Liebe ist Kundendienst, ein Bilderbuch oder ein Panorama. Gucklöcher sind in die Verschalung geschnitten, dann kommt ein Ruck, und es wird hell in dem Kasten. Gezeichnet sind die, die einen andern Bildstreifen erwischt haben als die Nachbarn. Es gibt Ausgepichte, Verstümmelte und Verwaiste. Auch du bist so, aber du merkst es noch nicht, Johanna –«

»Sie sind krank, Herr Blaugast. Ich fürchte mich fast vor Ihnen –«

»Wir alle sind krank. Das Licht ist krank, der Kohlenfaden der Lampe, die Finsternis und die Unruhe. Da geht ein Nerv vom Gehirn zu den Lenden. Ein schöner Nerv, kunstvoll gerollt, von Blutbähnchen genährt, die in seiner Nähe vorüberrauschen. Ein Liebling des lieben Gottes und seiner Vorsehung. Da kann man sanftmütige Wolken darauf zaubern, Bähschäflein auf grünem Anger und blumige Wiesen. Aber unbeachtet hat sich das Garn geschürft, ist drüslig geworden, ein schadhaftes Seil überm Gletscher. Auf einmal ist alles verwandelt. Die Schäflein sind futsch, der Mondschein hat sich verkrochen, in Ufersümpfen brüten die Krokodile. –«

»Warum erzählen Sie solche Geschichten?« –

»Weil du ein Weib bist, Johanna, und Weiber sind das Geheimnis. Du kannst es nicht auftun und kannst es auch nicht verraten. Du hast keine Kenntnis davon. – Du bist es selber. Aber ich bin verurteilt, Nächte und Tage, Stunden und Lebensjahre hinter ihm her zu sein. Und es ist schwer für mich, schwerer, als du vermutest. Alles ist gut, wundervoll ausgedacht, süß und erfreulich. Der Himmel ist blitzblau, die Lämmerherde ist rosenrot, und die Glockenblumen im Felde läuten. Aber da ist der Strick, den die Steinkante ansägt, das Seil überm Abgrund. Ich kann nicht mehr unterscheiden, was klar und was spukhaft ist. Es sind Frauenbilder in mir, die etwas zur Schau tragen, das angreift und plündert, wie ein Räuber im Walde. Ich kann es nicht deutlich sehn, es ist verrenkt und versteckt wie im Vaterland der Kubisten. Das Weib, das zur Hochzeit geschmückt wird, die Dame im Reitrock, die gnädige Frau, die Prinzessin. Da sind Versprechungen, in der Wollust geröchelt, die irgendwo existieren, und ich kann sie nicht finden. Es ist schrecklich, kleine Johanna, mit diesen Dingen allein zu sein. Niemand war da, niemand wollte mir helfen –«

»Und Sie glauben, daß das, was Wanda Ihnen bereitet – –«

»Ja, siehst du, die Wanda. Die hat es kapiert, wie der Hase läuft, womit man mich fangen kann und was mich dann umbläst. Aber die heilsame Formel fehlt, das Absolvo der Lossprechung. Sie hat mich mit Zucker verköstigt, während ich hungrig nach Brot war. Sie hat Sechstagerennen gestartet, wo ich im Wettlauf des Geschlechts mit der Würde uneinig wurde, an die du mich mahntest. Ich bin der Mann, der abseits der Küste mitten im Ozean über Bord geht, und ich kann nicht schwimmen. Ich bin von der Plage befallen, den Moment zu erleben, der mich löst und zerschmilzt, dem ich seit Kindesbeinen auf den Fersen bin. Dazu brauche ich eine Frau. In Umrissen ahne ich ihre Gestalt, die immer zerflattert, sobald ich die Augen öffne. Wenn eine im Vorübergehn den Mantelsaum schwenkt, im Theater hinter mir atmet, fühle ich einen Teil von ihr. Nie ist es das Ganze. Niemals die Schale, auf der meine Säfte verdampfen. Ich habe keine Zeit, zu warten und stille zu werden. Ich bin von Namen und Gebilden umringt, die mich unablässig verwirren. Da ist die Frau, die beim Küssen seufzt, die Frau im Samtkleid, die Frau mit den nackten Knien. Alles wird anders in mir, heißer und unerträglicher. Ich spreche Unsinn, ich weiß es. Das ist ja das Fürchterliche, daß kein Sinn darin aufgeht. Geplärr hinter verhangenen Türen zotiger Appetite. Ich bin der Mann über Bord, das ist das Ende, Johanna. Ich bin der Ertrinkende mit dem Strohhalm.«

Johanna antwortete nicht. Ein Mensch war in Aufruhr, ein Berg spie Lava und Asche aus.

»Wie es bei anderen ist? – Ich wage es nicht zu entscheiden. In mir ist das Böse. Das Empfinden der Welt hat sich chemisch geändert, geht Zickzack und schwül immer den Nerv entlang, immer denselben Weg, vom Gehirn bis zum Becken. Alles andere ist zugebaut, vom Zufall verschüttet, von Termiten durchlöchert. Ich sitze in der Kanzlei und studiere die Akten. Ein Klecks auf dem Löschblatt sieht maßlos frivol aus. Eine ohnmächtige Frau steht zwischen Buchstaben eingekeilt. Da ist eine Bank im Park. Ein gottloses Messer hat Lasterhaftes ins Holz geritzt. Da ist eine Kirche, und ich will beten. Der Hochaltar ist mit Hauch parfümiert, ein Haremsfenster, bunt und vergoldet. Weiß ich es, weißt du es, was dort die Engel hinter dem Gitter treiben? Wer viel geliebt, dem wird viel verziehen. Und ich gaffe verklärt der Muttergottes unter die Röcke.« –

Blaugast saß zusammengesunken auf seinem Sessel. Das Kinn rutschte auf seine Brust, der Körper war unansehnlich wie der eines Knaben. Johanna machte sich klein, kuschelte sich wie ein Kind an die Seite des Niedergebrochenen. Die Stimme war fein, ganz zaghaft und bitterlich. Sie sprach von der Zeit, in der sie als Nesthäkchen auf dem Schoß der alten Bedienerin einschlief, als Zögling beim Fremden die Möven über der Moldau fütterte. Der ärmliche Glanz unwiederbringlicher Freuden huschte durchs Zimmer, die ihre erste Jugend verschönten. Zerzauste Puppen mit rosalackierten Bäckchen, der Klang der Spieldose, die sie einmal zum Christfest bekam. Das war die Melodie, die sie nimmer vergessen hatte, auch als die Wirtshausmusik ihre Vergangenheit auffraß. Da bimmelte Frohmut darin, saubere Einfalt und der Taktschritt des Märleins.

Johanna trällerte leise, das Lied breitete seine Flügel aus und umschattete beide.

Dann kam die Not, als sie wieder zu Hause wohnte, als das Mütterchen krankte und sie als Zwölfjährige vor den Türen Schuhsenkel verkaufte. »Was ist das, der Hunger?« – hatte sie früher manchmal geforscht, wenn sie vom Küchenteller in guten Tagen die Streuselbohnen pickte. Jetzt fragte sie nicht mehr. Und es ging so weiter, wie es eben geht, wenn ein dünnes Mädel in zerrissenen Kleidern die Straße abläuft, über verwahrloste Stiegen klettert, geduldig an Glockenzügen fingert, bei Junggesellen anpocht, ob ihre Schnürsenkel in Ordnung wären. Als die todmüde Frau, verlumpt und entfremdet, von den Leichenknechten geholt wurde, brachte man sie in das Haus, wo Schmuck und Kleider aus der Versenkung stiegen, die Schüssel mit dem Konfekt, die holdschwatzende Torheit. Sie war kein Bettelkind mehr, sie war ein Fräulein.

»Fräulein Johanna« – lispelte die Beschließerin – »Sie sind die feinste von allen.«

War das nicht Glück, das ihr widerfuhr, Auferstehung und Heimkehr?

Johanna erzählte. Die Pracht des Massagesalons glühte in ihren Worten und überwältigte sie. Das ist nur einmal im Leben, das kommt nicht wieder. Da war Geplauder, schmeichlerisches Gehänsel, Kartenspiel und Gemeinschaft. Im entschwundenen Träumlein dereinst, als die Spieldose zirpte, war sie immer allein gewesen. Auf einmal hatte sie Schwestern. Auf einmal war da ein Bett, wohlig und weichgepolstert, verfaulenzte Vormittage, ein Spieglein an der Wand, eine Puderquaste und Freude. Was später geschah, sie konnte sich nicht erinnern. Die Jahre haben den Dreck gebracht, die Wintersorgen, den Rummel. Man kann nicht immer daheim sein. Es ist schon viel, daß es einmal gewesen. Man muß seine Arbeit tun, jeder auf seine Weise.

Blaugast blieb regungslos. Auch sie verstummte, saß wie zerknittert in einem verlegenen Schweigen. Ihr erloschenes Antlitz, dem das Handwerk die Schönheit geraubt hatte, war neben dem seinen. Geschwisterlich, im Verklingen der Pause, die seinem Ausbruch folgte, kam ihr Zuspruch zu Hilfe.

»Es ist gut, Johanna« – sagte er nebenhin. – »Geh jetzt nach Hause!«

Als sie einander die Hände reichten, schülerhaft unfrei, einer im Herzen des andern versponnen, hatte die Nacht, die im Anzuge war, ihre Schrecken verloren. Ohne zu wissen, wieso, schlossen sie einen Bund miteinander. Der Friedlose und das Weib, das hinter der nächsten Ecke den Widerschein eines erlernten Lächelns für fünfzig Kronen dem Manntier verkaufte.


 << zurück weiter >>