Reise durch das Biedermeier
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Karlsbad

Zur Linken öffnete sich eine Talflucht: da zog es sich hin, das wunderlich unschöne, aber malerische Karlsbad. An beiden Seiten eingeengt von Bergen, im Hintergrund verschlossen von einer dunklen Höhe, so daß man meint, dort sei die Welt zu Ende.

Von einem kleinen Turme herab erscholl ein entschlossenes Trompetengeschmetter, als zögen neue Kämpfer in eine alte Ritterburg ein, um gleich den alten Ahnherren wacker zu saufen, zu fechten und zu rauben. So begrüßt Karlsbad die Fremden mit mittelalterlicher Sitte. Es war ein buntes, wirres Treiben auf der schmalen Straße nach Eger. Der Wagen konnte kaum hindurch, so drängten und wogten die Menschen und Fuhrwerke. Gewiß war ein Fest in der Nähe. An der nächsten Haustüre klimperte und sang eine Harfenspielerin. Sie wucherte mit den letzten Talenten ihres Schauspielvermögens, mit ein paar großen schwarzbraunen Augen, die sicher schon viel gesehen hatten, und einer weißen verführerischen Hand.

Ich stieß meinen Norddeutschen an, der begierig der Dinge harrte, die ihm in Karlsbad begegnen sollten. Er setzte seine massive Brille mit großen, runden Gläsern auf. Der Wagen mußte im Gedränge einen Augenblick halten. Die Dirne lächelte, mein Nachbar lächelte auch und sagte, es sei nicht wahrscheinlich, daß blonde Haare und blaue Augen in wenigen Jahren so unverschämt schwarz würden.

»Man hat Beispiele.« »Wirklich?« Das Mädchen trat mit dem Notenblatt vor den Wagen und streckte ihre weiße Hand hinein. Mein Nachbar fuhr nicht ohne Verlegenheit in die Tasche. Doch ehe er den Beutel geöffnet und ein Geldstück hervorgeholt hatte, flüsterte ich ihm zu, da stecke gewiß etwas dahinter. Er solle dem Mädchen nur unter dem Notenblatte die schönen Finger drücken.

Er faßte sich ein Herz und versuchte es wirklich. Das Mädchen schlug wie ein buhlerischer Vollmond die Augen lächelnd auf und warf einen schelmischen Blick auf seine Brille. Der Wagen rollte weiter. – »Schafskopf!« schrie der Norddeutsche, und der Postillon sah sich um, um sich genauer zu erkundigen, wie der Gasthof heiße, in dem wir absteigen wollten. Er habe es nicht recht verstanden.

Mein Begleiter stieß mich vergnügt an und sagte: »Da steckt wirklich was dahinter.«

Hinter allen Jalousien guckten lockige Mädchenköpfe hervor. Blinkende Equipagen mit strahlenden Damen eilten vorüber. Auf allen Steigen hüpften leicht- und hochgeschürzte Mädchen. Auf dem Pflaster lag noch ein feiner Tau vom Regen, und wir wußten nicht, wohin wir sehen sollten. Trunken kamen wir vor dem »Schilde« an.

Ich eilte gleich zurück nach der Egerstraße. Hinter dem »Paradies« fand ich die Harfenspielerin. Ich streichelte ihre Wange und bestellte sie mit einem alten Liede, das sie glücklicherweise kannte, für heute abend um neun in den Garten vor dem »Schilde«. Ich instruierte sie, sie sollte sich durch halbe Antworten meinem Nachbarn romantisch machen. Wenn sie seufze, so dürfe sie nie anders seufzen als »Tuli!« Es war ein gefälliges Mädchen und bereit, auf meine Vorschläge einzugehen.

Ich eilte zurück und sagte meinem Gefährten, ich hätte überall von dem geheimnisvollen Harfenmädchen sprechen gehört, die man für mehr als ein Harfenmädchen halte. Er machte Toilette und lächelte. Als er seine neue seidene Weste anzog, flog die freudige Gewißheit eines unausbleiblichen Sieges über sein gutmütiges Gesicht. Er wußte, was diese Weste vermochte. Er baute auf sie wie Cäsar auf seine vierte Legion.

Nun führte ich ihn aus. Mit Staunen sah er die große Stadt, hohe steinerne Häuser, von innen und außen geputzt, fortwährenden Sonntag, Jahrmarkt, Basar, flüsternde Kastanienbäume, unter denen Mädchen mit weißen Kleidern sitzen, hohe Bergwände, die ringsum alles umschließen. Und er nickte mit dem Kopfe und freute sich, besonders, da es Abend wurde.

Ich begrüßte meine sechs Wochenfreunde, die alle Jahre ins Bad kommen und Freunde brauchen, die mit ihnen beim Brunnen ein Gespräch anfangen und mit ihnen Whist spielen, wenn es regnet. Es sind die stehenden Figuren der Brunnenorte, ich begrüße sie mit demselben Interesse, wie ich mit den Brücken und Straßen von Karlsbad Wiedersehen feiere. Sie gehören dazu, sonst ist der Ort nicht mehr der alte.

Ein weicher üppiger Sommerabend hing wie ein seidener dunkler Mantel über dem Tale, die wenigen kranken Gäste saßen im Garten vor dem »Schilde«. Wir setzten uns auch dahin. Es schlug neun und allmählich wurde es stiller.

Da erklangen Harfentöne nicht weit von uns. Der Norddeutsche stellte die Pfeife beiseite und faßte mich kräftig und bewegt bei der Hand. »Oh, ich kenne das Lied, obwohl ich nicht musikalisch bin«, bemerkte er aufgeregt.

Ich beruhigte ihn und ging leise auf Erkundung aus. »Sie ist es«, flüsterte ich zurückkehrend. »Sie sind ein Glückskind, sehen Sie sich nach ihr um!«

Er zog seine seidene Weste gerade und warf einen forschenden Blick darauf. Dann schlichen wir nach verschiedenen Seiten fort.

Plötzlich sah ich in einer Laube meinen antiquarischen Professor aus Altenburg mit einem reizenden Mädchen sitzen. Himmel, war das Mädchen schön. Ich konnte mich nicht beherrschen und trat schnell auf die beiden zu. Der Professor sprang mir entgegen und fragte mich nach dem blauen Steine in Freiberg. Als ich ihn mit Mühe zufriedengestellt hatte, erzählte er mir, im Gewirr des Prinzenraubes an der Post in Altenburg sei ihm seine Nichte Maria abhanden gekommen, die er dort habe abholen wollen. Sie hätte beabsichtigt, ihn zu überraschen, da sie ihn beim Vorüberfahren im Postwagen gesehen, und sei vor seinen Augen eingestiegen, in der Meinung, er folge ihr. Das habe er aber alles wegen seines wissenschaftlichen Interesses nicht bemerkt und habe hinterdrein Extrapost nehmen müssen. Die Nichte aber, durch eine unglückliche Freundin, die sie im Wagen getroffen, in Beschlag genommen, habe sich erst im Morgengrauen an ihn erinnert. Sie sei allein nach Karlsbad weitergefahren und sei nun vor einer Stunde angekommen.

Das Mädchen sah mich mit klaren fragenden Augen an. Natürlich, das war doch die Begleiterin meiner Jugendliebe auf der Fahrt von Altenburg. Sie erinnerte sich auch, mich schon gesehen zu haben. Wir gingen durch den Garten und begegneten plötzlich dem ganz von mir vergessenen Harfenpaare. Zu meinem Erstaunen ging der Norddeutsche ernsthaft mit dem Mädchen auf und ab. Als er mich sah, grüßte er höflich. Maria fragte mich, ob ich denn schon Bekannte habe. Ich erzählte ihr mancherlei von der Reise nach Karlsbad, und sie sah mich erstaunt an. Der Professor sagte, sie erwarte auch ihren Bräutigam hier. »Nicht doch, Onkel!« wehrte sie ab.

Ich erzählte ihr von meiner Liebe aus der Sakristei, ihrer schönen Bekannten von Altenburg.

»Sie sind gewiß ein guter Mensch«, sagte sie und sah mich freundlich an. Der Onkel, der dabeistand und gedankenvoll mit Kreide auf den Tisch Figuren malte, richtete sich auf und schlug vor, wir sollten schlafen gehen. Wir schieden. Und so beweglich ist des Menschen Herz, daß ich andächtig und mit nicht geringem Appetit in mein Hotel ging, zu Roastbeef und handfestem Pudding.

Am andern Morgen verschlief ich es natürlich, zur rechten Zeit an den Brunnen zu kommen. Die Brotstudenten des Karlsbader Wassers gingen schon heim, als ich mich einfand. Doch schlenderten noch viele Menschen auf dem kleinen, mit zierlichen Quadern belegten Platze vor dem Mühlbrunnen umher, stiegen die Treppen hinauf, spazierten die lange Wandelbahn entlang und vergnügten sich auf den Terrassen des Theresienbrunnens. Die Musik spielte die verführerisch sinnliche, wollustatmende Ouvertüre zum »Don Juan«.

Es ist mir immer, wenn ich diese Musik mit ihren weichen, stolzen, bald zierlichen und dann wieder übermütigen Rhythmen höre, als müßte ich das nächste schöne Mädchen bei der Hand fassen und sie in gemessenen Tanzschritten dorthin führen, wo man die Schönheit der Welt am besten sieht. Und sie voll Freude küssen, daß die Gottheit uns aus Augen und Lippen sprüht.

Der Morgen war rotgold, feine blaue Nebel flohen wie verspätete nächtliche Träume vor der Sonne hin durch die Talschluchten. Die alten morschen Berge trockneten sich in der frühen Wärme ihre bärtigen Gesichter. Ich sah mit innigem Behagen in die wogenden Gruppen der Menschen. Groß und klein, hoch und niedrig strich nebeneinander hin, als sei die gestrige Welt zu Ende, als hätten Staaten und Gesetze aufgehört, nötig zu sein. – Da kam Maria in einem fliegenden schwarzseidenen Kleid. Frei wie eine übermütige Griechin trug sie auf schönem weißem Halse den schalkhaft blitzenden Kopf. Ich wollte auf sie zu, doch trat der Norddeutsche zwischen uns und hinderte mich an einem dummen Streiche, den ich vielleicht gemacht hätte. Er erzählte mir, Maria sei die romantische Liebe seiner Jugend. Eine Dame in einem bunten Mantel, mit einem behaglichen Gesichte, stellte er mir als seine Schwägerin vor. Der Professor, der da drüben seinen Brunnen trinke, sei sein baldiger Schwiegervater.

Ich hatte kaum die Kraft, leise nach dem Harfenmädchen zu fragen. Er runzelte die Stirn und meinte, da sei geschauspielert worden. Doch wolle er auch seine Rolle spielen und werde schon alle überlisten. Seine Schwägerin sei zwar blond, doch es sei nicht das erstemal, daß helle Haare dunkel würden. So leicht lasse er sich nicht täuschen.

Ich merkte, daß ich mich ein wenig in sie verliebt hatte. Ihr Onkel, der erfahren haben mochte, daß ich ihn mit dem blauen Stein zum besten gehalten hatte, bestand darauf, ihr etwas zeigen zu müssen. Etwas traurig verabschiedete ich mich und drängte durch die promenierenden Massen hinauf nach der Terrasse über dem Theresienbrunnen. Dort spazierte ich auf dem dritten Einschnitte langsam auf und ab. Es ist dort den Leuten zu hoch, und man kann daher ungestört hin- und hergehen. Unter sich sieht man die bunte Menge vorüberziehen und hört sie murmeln. Drüben, hoch über Karlsbad, an einem Abhang, schwingt sich die Straße von Prag über das Tal.

Am andern Tage, ich hatte lange geschlafen, erfuhr ich, Maria habe wieder nach mir gefragt. Sie wollte eine Partie unternehmen und mich mitnehmen. Sie habe vorgeschlagen, mich wecken zu lassen, doch sei sie dann davon abgekommen und allein fortgegangen. Ich war verdrießlich. Den ganzen Tag über schlenderte ich herum und beobachtete die Badegäste.

Wenn man unbefangen ist, kann das Zusehen in Karlsbad für ein paar Tage recht interessant sein. Man sieht alle Parteien unserer stürmischen Tage durcheinanderlaufen. Bald wird das Interesse daran aber matt, weil alle hier faulenzen.

Ich habe unrecht, wenn ich behauptete, daß alle Parteien faulenzten: die adelige ist hier sehr tätig. Das heißt, sie tut das, was heutzutage Tat bei ihr genannt wird, sie reitet, fährt, tauscht Pferde, ist hochmütig und dabei doch am Ende freundlich. Ich hoffe mit allen meinen Sympathien, daß sich der Adel in Karlsbad noch lange erhält. Ich brauche ihn äußerst notwendig. Ich liebe die schönen Mädchen. Und im göttlichen Nichtstun gedeiht das Mädchenfleisch am besten. Es gibt eine Schönheit, die ohne eine gewisse Art von Gedankenlosigkeit nicht bestehen kann. Ich will natürlich die adeligen Mädchen in Karlsbad nicht lieben, ich will sie nur sehen. Wenn ich das Unglück hätte und recht alt würde, zöge ich gegen Karlsbad, setzte mich auf die Bank beim Elefanten auf der Wiese, um mein altes ästhetisches Herz für ein ganzes Jahr an adeligen Formen zu erfrischen.

Das Bürgervolk taugt zur Schönheit nicht so recht. Man braucht nicht nur Mut, man braucht Kühnheit, um schön zu sein und zu erscheinen. Ich reise nach Karlsbad, um die Kaufleute und alle Rechenmeister zu vergessen, die keinen andern Genuß als den Vorteil kennen und Gottes Welt und die Freude und alles Große zerrechnen und verkalkulieren.

Im Emigrantenasyl zu Karlsbad spiegelt sich die römische Aristokratie. Es ist dort wie zu der Zeit, als die nobilitas an Bedeutung verlor und die ersten Triumvirate entstanden. Man sieht hier französische, russische und böhmische Adelige. Am ungebärdigsten ist der russische. Er poltert mit skythischer Roheit, ungebändigtem Übermute, plumpem Reichtume und häßlicher Pracht hier herum. Man wird an die Völkerwanderung, den säbelbeinigen Attila erinnert. Eine gewaltige Menge solcher Tartaren gibt es gewöhnlich in Karlsbad. Man hört Namen, die sich grollend wie die Wolga in das Ohr stürzen. Die Gallitzin, Trubetzkoi, Rasumowsky und wer weiß wie viele koi und kow jagen in ihren Equipagen vorüber. Die kleinen kotigen Pferde klappern mit unartigem Geschirr wie spöttisch lächelnde Kommentarien vor der Herrlichkeit einher und erinnern an Kosaken und Kalmücken. Die bestialischen Kutscher und Pferdeknechte bekunden ihren ungeleckten hunnischen Ursprung. Nur was zur Diplomatie gehört, hat in Westeuropa studiert und glänzt im Zivilisationsfirnis.

Ich glaube es nimmermehr, daß jene graziöse Dame mit den dunkel beschatteten Augen, den blendend weißen Schultern, der verführerischen Hand, dem französischen Fuße, mit der zivilisierten Melancholie in den weichen Zügen und ihrer schlanken Figur eine Russin sei. Und doch versichern mir gründliche Kenner, die liebreizende Stroganow komme genauso aus Rußland wie die häßlichen Asiatinnen, die man gewöhnlich sieht.

In ihrem schönen, elegischen Gesichte glaube ich ihre ganze stürmische Geschichte zu finden. Ihr Gatte war Gesandter zu Stambul bei Ausbruch des Griechenkrieges, als die wutschäumenden Moslims ihn strangulieren wollten und den russischen Adler von der Gesandtschaft rissen. Ich glaube immer Tränen in der Schönheit ihres Gesichtes zu sehen. Ich sehe sie im Geiste in dem Augenblick, als ihr Gatte die Tür des Balkons aufreißt und vor die brüllende Menge tritt. Das schöne liebende Weib fällt in Verzweiflung auf die rotseidenen Polster. Ich sehe, wie sie sich aufrichtet, wie sie die schwarzen Flechten zurückwirft in den Nacken und ihren Gatten zurückruft. Ich sehe, wie sein Mut siegt und er unverletzt zurück ins Zimmer tritt und sie ihm stolz und glücklich in die Arme stürzt.

Ich wollte, es liebte mich ein schönes Weib und weinte wollüstige Tränen um mich. Um dieser Tränen willen würde ich tausend Janitscharen trotzen.

Gedankenvoll sah ich der schönen Frau unverwandt ins Gesicht. Wie ein Heiligenbild ließ sie es geschehen, bis sie lächelte. Da ward ich vernünftig und nahm meinen Hut ab. Und sie grüßte mich mit ihrer schönen Stimme: »Bonjour, monsieur!«

Was die Franzosen anlangt, so ist Böhmen allerdings das neue Koblenz geworden. Der Exkönig Karl zieht von einem Orte zum andern, um den regierenden Herren aus dem Wege zu gehen. Es ist ein tragischer Anblick, daß der alte Herr nicht einmal das entblößte Haupt ruhig niederlegen darf. Selbst hier ist er überall im Wege, sogar die Gläubiger verfolgen ihn von allen Seiten.

Chateaubriand, der Karl X. in Teplitz besucht hatte, hatte sich nur einen Tag in Karlsbad aufgehalten und war weitergeeilt. So war das schöne Trinkgeld, das ich auf den letzten Stationen verschwendet hatte, um ihn noch anzutreffen, umsonst gewesen. Und ich wußte eigentlich nicht, was ich anfangen sollte. Als meine Bekannten sich auch am zweiten Tag nicht sehen ließen, entschloß ich mich, mit einer Karlsbader Rarität im Sächsischen Saal zu essen, wo die haute société an kleinen Tischen speist. Diese Rarität ist ein vergessener Kammerherr von großem Leibesumfang. Er trägt einen Orden, zu dessen genauer Kenntnis man einen Almanach braucht. Er spielt, solange er sich erinnern kann, täglich Whist und kommt alljährlich in Begleitung seiner Schwester und einer goldenen Tabaksdose, aus der er nie schnupft, nach Karlsbad. Seine Schwester unterscheidet sich nur dadurch von ihm, daß sie weiblichen Geschlechtes sein soll. Die Dose hat ihm der verstorbene deutsche Kaiser Leopold durch die Post geschickt. Der Kammerherr ist aber so stolz darauf, weil er heute noch nicht weiß, warum sie ihm Kaiser Leopold schenkte. Er stellt sie immer neben seinen Teller, damit sie jedermann sehe und ihn um eine Prise bitte. Dann entschuldigt er sich, greift nicht ohne Unbequemlichkeit in die Tasche, präsentiert eine andere Dose, erzählt aber zugleich die Geschichte von der unbegreiflichen Gnade des Kaisers Leopold. Der Kammerherr ist mein guter Freund, weil ich ihn stets, ich mag ihm begegnen, wo ich will, zuerst nach der Dose und dann nach seinem Befinden frage und ohne Murren die lange Geschichte anhöre.

So saß ich denn mit ihm im Sächsischen Saale, er sprach Französisch, wie er es bei öffentlichen Gelegenheiten immer zu tun pflegt, so sauer es ihm auch wird, als ein starker, mäßig bejahrter Mann eintrat und mit weiten, nachlässigen Schritten bis in eine entfernte Ecke des Saales schritt. Zu meiner Verwunderung stand jeder vom französischen Adel, bei dem der Mann vorüberkam, ehrerbietig auf und grüßte. Der Kammerherr erzählte eben die Dosengeschichte, ich durfte unsere Freundschaft nicht durch eine Zwischenfrage aufs Spiel setzen und mußte meine Neugierde zügeln. Der Herr mit dem deutschen Aussehen setzte sich allein an ein kleines Tischchen und begann, ohne sich um die übrige Gesellschaft zu kümmern, seine Mahlzeit. Der Kammerherr, der meine Blicke nun doch gesehen hatte, vertraute mir an, es sei Marschall Maison. Er wird auch von den Altfranzosen mit distanzierter Artigkeit behandelt, weil er von guter Familie, ein wohlrenommierter Napoleonide mit Restaurationstafel und als designierter Gesandter in Petersburg eine wichtige politische Person ist und ein paar Hauptleinen des europäischen Gespanns in den Händen hält. Wenn er auch nicht allein auf dem Bocke sitzt, so weiß man doch, wieviel es auf einen sanften Druck, ein leises Ziehen bei kitzlichen Dingen ankommt.

Am andern Morgen traf ich ihn in seinem großen Brunnenrock beim Sprudel. Hier stach seine napoleonische Ungeniertheit noch auffallender von dem Wesen der übrigen Franzosen ab. Zum Glück liegt der Sprudel mit seiner Promenade abgesondert von den übrigen Brunnenplätzen. Sein unbekümmertes Wesen trieb er so weit, daß er mit einem Wiener Freudenmädchen öffentlich ausfuhr und mit sonst niemand umging. Am Brunnen sprach er hie und da leicht, behaglich, fast humoristisch. Es war interessant, wie scherzhaft und sicher er mit den Russen verkehrte. Die ganze französische Bravour mit ihrer unermeßlichen kriegerischen Zuversicht lag in seiner wohlklingenden, sorglosen Baßstimme und in der nonchalance seines Wesens.

Die französische Adelspartei hat sich völlig in Böhmen angesiedelt. Die Prinzen Rohan haben sich Güter gekauft. Sie sind der richtigen Meinung, besser nach Böhmen als nach Frankreich zu passen. Sie halten mit dem böhmischen Adel alljährlich Saison in Karlsbad, wie der spanische Hof alljährlich einige Monate nach Aranjuez ging. Was von guter Familie aus Frankreich kommt, schließt sich den Notabilitäten an und spricht von der Vergangenheit.

Der böhmische Adel ist in jedem Jahr derselbe. Kommt man oft nach Karlsbad, so wird er langweilig, aber im allgemeinen ist er doch angenehm und liebenswürdig. Er ist zwar ausgesprochen aristokratisch, aber er ist artig, und weil er eigentlich immer in verdeckter Opposition gegen Wien und Metternich lebt, so findet man größere Regsamkeit, als man im allgemeinen erwarten sollte.

Man darf aber doch nirgends den Widerstand des Adels mit dem der tschechischen Nation verwechseln. Die Ministerstellen in Wien und das böhmische Vizekönigtum in Prag sind ein starkes Band, das den böhmischen Adel an Österreich fesselt. Im Augenblicke nahmen sie um ihres Kollegen, des Ministers Kolowrat, willen Interesse am Kaisertume. Der Sturz Metternichs beschäftigt die böhmische Partei am Hofe und in der Provinz schon seit vielen Jahren. Von Zeit zu Zeit trösten und stärken sie sich mit einem voreiligen Triumphe. Wenn Metternich einst durch die europäische Öffentlichkeit gestürzt werden sollte, so wird ihn kein schlauer Böhme ersetzen. Mit einem Helden aus göttlichem Stamme fällt auch sein Jahrhundert. Nur die Größe kann herrschen.

In den Straßen Karlsbads sah man sonst immer schlanke, hohe Böhminnen von geheimnisvollem Reiz. Verstohlene, kühne Augen strahlten die verschwiegene Freude eines innerlichen Sinnenfeuers. In diesem Jahre war wenig wohltuende Schönheit unter ihnen zu finden. Ich habe seit langer Zeit nicht so dreist rouge et noir in Frauengesichtern spielen gesehen. Und wenn man in einem Beutel mehrere unechte Münzen findet, so traut man dem ganzen Geld nicht mehr. Eine falsche Karte verdirbt ein ganzes Spiel.

Die Klassen der Bürgerlichen falten sich zwar ebenfalls gleich einem Fächer vielfach auseinander, aber sie sind doch durch einen Griff verbunden. Der Geheimrat verkehrt mit dem Kandidaten, und Kandidat heißt doch soviel als einer, der noch nichts ist. Der Bürgermeister grüßt den Schneider. Auffallend ist es, wie viele Patienten Preußen beisteuert. Die eminente Regelmäßigkeit seiner inneren Verwaltung muß den Unterleib über Gebühr anstrengen. Es scheint kein Land so reich an ärgerlichen, galligen Personen zu sein.

Es ist sehr zu bedauern, daß jene schöne Sitte der Bäder immer mehr verschwindet, nach der die Gäste bloß als Menschen herkamen und alle gleich waren vor dem gleichmäßig wirkenden Brunnen, der kein Ansehen des hoch oder niedrig geborenen Magens kennt. Damals, so erzählten mir ältere Leute, brachte man keine Orden und Auszeichnungen in die Bäder mit. Jetzt glaubt jeder, er müsse um Gottes willen sich so etwas anhängen. Bei jedem zweiten Schritt sieht man ein großes Verdienst an Leberschmerzen leiden. Deutschland strotzt von bedeutenden Leuten. Sie sollten hier aber offiziell verboten werden. Die kleinen Leute könnten beim Anblick der Koryphäen von irgendwelchen Karlsbader Krankheiten erneut angegriffen werden. Und das würde die Kur stören.

Aber dem Gedeihen sehr zuträglich ist die Brunnenliste mit ihren wirklich ingeniösen Titulaturen. Sie quetschen den Paß eines armen Privatmannes solange, bis aus ihm etwas wird. Mancher hat erst in Karlsbad erfahren, was er eigentlich sei. Ein gewöhnlicher Briefumschlag reicht für alle Titel und Würden nicht aus, an denen ein echter Kurgast leidet. Mancher ehrliche Mann mit schwachem Gedächtnisse ist nicht imstande, während eines langwierigen Nachmittags seine Titulaturen auswendig zu lernen. Da gibt es »kaiserlich-königliche privilegierte Gubernial-Kassen-Rendantur-Assistenten-Gattinnen« mit ihren Söhnen, die noch einige andere Attribute anhängen haben. Es laufen Rentiers aus allen Zonen herum. Und wenn einer gar nichts ist, so ist er Privatier oder seine öffentliche Ehehälfte wenigstens eine Privatiersgattin. Auch die Weiber müssen etwas sein.

Ich habe die Drucker in Verdacht, daß sie ein gut Teil Schuld daran haben. Es ist meist an den Leuten so wenig Auffälliges, und ein österreichischer Drucker, der sonst nichts zu arbeiten hat, muß aus ihnen etwas machen.

Wenn es auf Erden nichts zu tun gab, oder wenn sie ihres Tuns satt waren, gingen die Götter in den Olymp, um sich zu restaurieren. Karlsbad ist die Restauration mancher europäischen Götter in Ermanglung der olympischen. Ich hoffe, man besingt es auch einmal, ein guter Romantiker findet alle Sorten von Rezepten. Bequem genug lebt es sich hier. Dafür sorgt die Regierung und die Brunnenkommission höchst lobenswert. Die Fremden werden wie kranke Kinder behandelt, denen man mit Verleugnung mancher Prinzipien allen Willen tut. Und Kinder sind wir doch alle gar zu gern.

Je bunter die Gesellschaft, je größer die Stadt und je bewegter die Zeit, desto trostloser wurde meine Langeweile. So viele Dinge, so viele Bedürfnisse dehnen das Herz aus. In einem kleinen Städtchen, wo nur die kleinsten Freuden erreichbar sind, gibt es keine Langeweile. Denn es gibt keinen leeren Platz für das Verlangen und die Sehnsucht. Und ist man gar gewohnt, ständig verliebt zu sein und man findet keine anbetungswürdige Göttin, die sich herabläßt, mit uns zu spielen, so ist das ganze Herz bald ausgehöhlt. Wer zu lieben gewöhnt ist und keinen Anlaß zur Liebe findet, wird bald vor Langeweile sterben.

Im Apfel der Erkenntnis, von dem Eva naschte, ruhte nicht bloß die Sünde, sondern auch jene göttliche Sehnsucht, die durch alle Freuden der Erde nicht befriedigt wird. Die Ahnung überirdischen Glücks, die tief unglücklich macht. Und doch hat Eva wohlgetan zu naschen. Mutig und opponierend will Gott die Menschen. Ich bin auch der Meinung, die Weiber hätten ursprünglich frischeren, natürlicheren Mut als wir. Das hat Moses durch die Gestalt der Eva angedeutet.

Ein leichter Schlag auf die Schulter weckte mich aus meinen Gedanken. Ein alter Freund aus der Studentenzeit begrüßte mich erfreut und fragte mich, was ich hier anfinge. Auf meine Antwort, ich langweilte mich hier glänzend, lächelte er und sah mich prüfend an. Dann schlug er vor, ich sollte mit ihm nach dem Süden fahren. In seinem Wagen sei noch ein Platz frei, und die beste Kur gegen Langeweile sei es, rasch von einem Ort zum andern zu wechseln. Er hielt mir die Hand hin und ich schlug nach kurzem Zögern ein.

Wir gingen gemeinsam hinüber zum Mühlbrunnen. Um die Ecke biegend, prallte ich überrascht zurück. Jerta, die englische Jerta, stand vor mir, schön wie jemals. Wiederum war nicht die kleinste Miene von Bekanntschaft in ihrem Gesicht. Ich machte ihr in der Eile ein Kompliment, sie tat, als gelte das sonst jemand und ging unbeteiligt und unparteiisch weiter. Staunend sah ich ihr nach und vergaß den Hut aufzusetzen. So unbedeutend war ich mir noch nie vorgekommen.

Die Interessen hetzten mich tot. Lange Zeit zum Überlegen hatte ich nicht mehr. Mein Begleiter drängte mich, am andern Tage schon weiterzureisen. Ich hätte es versprochen und müßte mein Versprechen halten, wenn ich ein ehrlicher Mann sein wolle. Aber ich wollte gar nicht, ich wollte glücklich sein. Über Jerta mußte ich notwendig ins klare kommen. Das war eine wichtige psychologische Aufgabe. Das Mädchen war sehr schön. Mein Freund lächelte verneinend, als ich meinte, es wäre hübsch, noch ein paar Tage zu bleiben. Er erklärte spöttisch, es sei zwar sehr romantisch, einer Frau nachzurennen, die von einem nichts wissen wolle, aber viel Erfolg würde er sich nicht davon versprechen.

Ich packte ein und packte aus, es war mir gar nichts recht. Ich hätte weinen mögen vor Zorn, Verlegenheit und Liebe. Dabei saß mein Freund höchst unbefangen auf dem Fensterbrett und rauchte mit empörender Behaglichkeit seine lange türkische Pfeife. Er strich sich den Stutzbart, besah sich im gegenüberhängenden Spiegel und murmelte in halbem Gesange Opernarien. Selbstverständlich sang er falsch. Ich hätte ihn gerne zum Fenster hinausgeworfen, aber er war groß und breitschultrig, und wahrscheinlich wäre ich früher draußen angekommen als er.

Wagen, Reiter und Reiterinnen brausten vorüber, das amüsierte ihn sehr, aber es hielt ihn nicht. Ich wußte, daß er viel mohammedanische Inklinationen hatte. Ich machte ihn auf die ergiebige Saison aufmerksam, er lächelte wieder, aber es half nichts. Da rannte ich hinaus. Ich wollte unbedingt Jerta noch einmal sehen, wollte ihr sagen, daß sie ein Engel an Schönheit sei und wollte dann scheiden. Aber im Gedanken lief ich in die Irre, vielleicht auch an ihr vorüber. Als ich endlich ihre Wohnung erfragte, war sie nicht zu Hause. Das war sehr schade. Der Tag neigte sich schon gegen den Abend, meinen letzten Abend in Karlsbad. Am Ende sah ich das Mädchen nie mehr. Müde setzte ich mich auf eine Bank, und es fiel mir plötzlich ein, daß ich wohl nur wegen der vielen Hindernisse soviel Interesse an dem Mädchen nahm. Ich wußte selbst nicht, wie es kam, daß ich plötzlich laut auflachte. Aber meine Ungeduld blieb dieselbe. Ich hätte vergehen mögen vor prickelnder Unrast.

Es war dunkel und ich saß noch immer auf derselben Bank. Plötzlich erhielt ich einen leichten Schlag auf den Kopf, ich fuhr auf, Jerta stand am offenen Fenster und lachte. In meine Träumereien versunken, hatte ich sie nicht ins Haus gehen sehen, ich hatte sogar vergessen, daß ich unter ihrem Fenster saß. Sie wohnte zu ebener Erde. Hastig sprang ich zum Haus und griff nach ihrer Hand, die ein Steinchen nach mir geworfen. Sie zog sich zurück und trat einen Schritt in das Zimmer. In gebrochenem Deutsch bat sie mich mit leiser Stimme, nicht soviel Geräusch zu machen, sonst schließe sie sofort das Fenster. Ich versprach, mich ruhig zu verhalten, und bat sie nur um eine Hand. Scherzend hielt sie mir ihre hin, und nun war sie gefangen. Auf dem Fenstersims sitzend, zog ich sie dicht ans Fenster und ließ sie nicht wieder los. Zwar tat sie böse, aber sie war es nicht. Nun sah ich erst, wie schön sie eben war. Vom Spaziergange leicht erhitzt, glühten ihre Augen und Wangen. Ihre Locken flatterten wie lose Vögel um Nacken und Schulter, da ich frech genug war, ihr den Kamm aus den Haaren zu ziehen. Sie trug ein weißes luftiges Nachtkleid und war warm und lieb wie eine blumige Frühlingsgegend, die den Tag über im Auge der Sonne ruhte. Ich bedeckte ihre Hände mit Küssen und flehte um ihren Mund. Aber sie neckte mich nur, blies mir ihren Atem über den Mund und entwich stets.

»Still« – sagte sie plötzlich zusammenschreckend und drängte ihr Haupt ängstlich horchend an meine Schulter. Durch den Garten kamen Schritte heran. Wir rührten uns nicht. Es war recht dunkel geworden. Oben am Fenster hörte man Geräusche, und die Schritte unter uns kamen direkt auf uns zu und endigten dicht unter mir. Eine Baßstimme begann ein zärtliches französisches Gespräch, noch zärtlicher wurde von oben geantwortet. Jerta kniff mich mit unterdrücktem Lachen in die Wange. Ich küßte sie auf das Auge und war überzeugt, sie würde mir nicht mehr entrinnen können.

Da fiel mir von oben ein Schlüssel auf den Rücken, er hing an einem Bande. Ich schleuderte ihn eiligst meinem unbekannten Nachbar zu. Bald hörten wir ihn an einer Türe herumarbeiten. In diesem Augenblicke entwich mir Jerta. Ich kam durch ihre unvermutete Bewegung völlig aus meiner Position und hatte Mühe, mich auf der Bank zu erhalten. Blitzschnell schloß sie unterdes die Fenster.

So war ich nun ausgesperrt. Es fing an zu regnen, ich klopfte immer stärker an die Scheiben ihres Fensters, doch sie antwortete nicht. Endlich rief ich mit lauter Stimme: »Bei Gott, ich reise morgen!« Ich erschrak selbst. Im oberen Zimmer antwortete ein durchdringender Schrei, ich hörte Geräusche, sah oben Lichter hin- und herfliegen, am Gartenzaune vernahm ich Stimmen. So stürzte ich nach der anderen Seite und wollte über die Planken klettern. Eine Kartoffelfaust packte mich beim Kragen, als ich kaum wieder an der Erde angekommen. An den Fingern fühlte ich, daß es eine Hand sei, die sich einigen zwanzig Kreuzern krümmen werde. Stumm griff ich in die Tasche, stumm wurde das Geld angenommen. Man ließ mich ziehen. Wahrlich, ein gebildeter Nachtwächter.

Am andern Morgen weckte mich mein Studienkollege. Er war reisefertig, der Postwagen stand vor der Tür, es galt kein Zögern. Über Hals und Kopf mußte ich packen, bei jedem Kleidungsstücke seufzte ich nach Jerta. Kaum gewann ich soviel Zeit, den Postillon zu bestechen, den Umweg nach den Hans-Heiling-Felsen einzuschlagen.

Es regnete mit sommerlicher Ausdauer. Karlsbad sah grau und feucht wie eine trauernde Wittib aus. Mein Herz war voll Sehnsucht. An einer Ecke erblickten wir eine feine schmiegsame Gestalt unter einem Regenschirme. Sie hob ihr seidenes Kleid regenfurchtsam auf. Mein Freund stieß mich vergnügt an und deutete auf den schönen Fuß und das runde lockende Bein mit dem engen, schneeweißen Strumpfe. Vielleicht war dieses Mädchen meine Jerta. Sah ich sie nicht lächeln? Aber vorüber rollte der Wagen.

Draußen sahen die Täler und die bewachsenen Höhen silbergrau aus, und wenn die Sonne manchmal einen verstohlenen Blick in die Regendämmerung hineinwarf, glänzten und glitzerten über weite Strecken hin lauter hüpfende Augen. Es ist ein halb wüstes, halb verwachsenes, stummes Waldgebirge nach den Heilingfelsen hin. Eine halbe Stunde vorher hört die Straße auf und wir mußten aussteigen. Den Postillon ließen wir warten und machten uns auf den Weg. Die Sonne jagte die letzten Wasserschauer nach Sachsen hinüber.

Über eine schweigsame Hochebene ging es nach dem Heilingtale. Langsam öffnete sich ein unordentlich zerrissenes Tal. Es ist kein Chaos der Größe oder Schönheit, sondern eine wüste Wirtschaft von schlanken Tannen, von durcheinandergestürzten Felsblöcken und kahlen Strichen. Dazwischen ein rascher ernster Fluß.

Körner erzählt eine lange Geschichte von Heiling und benutzt dabei fleißig den Teufel. Ich hatte mich früher über die unnütze Teufelei geärgert. Denn der Teufel muß überall herhalten, wo man nichts Besseres weiß. Als ich indes dieses Tal sah, war ich milder gesinnt gegen Körner, der so glücklich gewesen ist, in allgemeiner Begeisterung zu singen und zu sterben: der Teufel hat allerdings hier und überhaupt in Böhmen arg gewirtschaftet. Sein gelber Salpeteratem liegt überall noch auf den Steinritzen. Böhmen ist eine der besterhaltenen Barrikaden aus der Revolution der Erde. Da ich der Meinung bin, daß alles so lange besteht, bis es zu einem gewissen Grad von Vollkommenheit gediehen ist, so glaube ich, die Erde werde sich noch lange in den jetzigen Verhältnissen befinden. Es ist noch sehr viel aufzuräumen und einzurenken.

Am jenseitigen Ufer zeigten sich die Heilingfelsen. Es sind senkrecht aufgestellte Steinblöcke von mäßiger Größe, die für eine bewegte Phantasie wunderliche Figuren bilden. Der Tischler, der uns führte, nannte den ersten ungeschlachten Block den Kapuziner, den folgenden einen Brautzug, der plötzlich versteinert worden sei, als er dem Kapuziner zur Kirche folgte. In der Jugend hatte der Tischler diesen Brautzug angeblich noch erkannt. Da hatte er noch frische junge Augen. Damals kannte er noch die erste und zweite Brautjungfer und den Hochzeitsvater, ja, er hatte den Busen der schönen Braut sich heben sehen. Jetzt erzählte er uns nur das Märchen von Hans Heiling, eine sehr »aberglaubige« Geschichte, wie er sie nannte.


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