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Zwanzigstes Kapitel

Die immerhin ungewöhnliche Art, auf die Beatrice in Nagasaki an Bord gekommen war, hätte den Durchschnittseuropäer, den der Zufall zum Zuschauer machte, vielleicht nachdenklich gestimmt. Auf dem Meer ist man vorurteilsfreier. Wenn vor der Einfahrt in den Hafen von Singapore ein Hai morgens den Taucher verschlingt, der von seinem kleinen Boot aus ins Wasser sprang, um ein Zehncentstück zu ergattern, so greift man, statt zu erschauern, in christlicher Nächstenliebe schnell nach dem Zeiß oder dem photographischen Apparat, um diese allerliebste Szene beschaulich zu betrachten, oder als Reisesensationserinnerung festzuhalten. »Für die Platte zahlt mir jedes illustrierte Blatt in New York dreihundert Dollars,« sagt ein Amerikaner neben mir, und frühstückt gleich darauf mit doppeltem Appetit.

Aber das war vor Singapore. Noch sind wir in Schanghai. Leider! Denn als ich jetzt wieder ohne Beatrice an Bord kam und erzählte, sie sei aus Furcht vor dem Monsun bei guten Freunden geblieben und warte dort meine Rückkehr im Spätherbst ab, da gab es erstaunte und enttäuschte Gesichter. Besonders bei den Offizieren, denen wohl jetzt erst die seltsame Art ihrer »Schiffsbesteigung« – so nannte es der erste Offizier – so recht zum Bewußtsein kam. Ich hatte jedenfalls das Gefühl, daß man mich mit ein wenig Mißtrauen betrachtete. – Das behob ich, indem ich einer geschwätzigen Italienerin erzählte, daß meine Ehe mit Beatrice wohl nicht kinderlos bleiben würde. – »Darum also!« rief sie erleichtert. Und schon am Abend desselben Tages betrachtete mich jeder auf dem Schiff als künftigen Vater. Ja, der Schiffsarzt, der deutlich genug gezeigt hatte, daß Beatrice nach seinem Geschmack war, sagte während eines Gesprächs über chinesische Silberarbeit ziemlich unvermittelt zu mir: »Wissen Sie, daß es für Frauen, die in Hoffnung sind, nichts Besseres gibt als die Meerfahrt?« – Ich überhörte es.

Aber schon am nächsten Tage dachte niemand mehr an sie. Denn das große Motorboot des Lloyd brachte die Passagiere an Bord. Ein ganzes Rudel. Mit Feuerwerk und – meine Ruhe ist hin! – Grammophon. Es gehört einer italienischen Familie, die aus Frau und drei Töchtern – achtzehn, sechzehn, zwölf Jahre alt – besteht. Auch sonst meist Italiener. Hübsche Frauen darunter. Ein Ehepaar von den Philippinen, ein paar Holländer, Engländer und Amerikaner. Ein Konsul aus Mexiko. Zwei Deutsch-Schweizer. Aber von Anfang an dominierend: das Grammophon und dessen Besitzerinnen. Um halb neun Uhr früh beginnt der Tanz an Bord, unterbrochen durch die Mahlzeiten und allerlei Spiele, made in Schanghai, also laut und aufdringlich. Ein Teil der Passagiere, darunter ich, treibt noch Obstruktion. Aber Laura, die Achtzehnjährige, wird sie bekehren. Sie ist schön und klug und – wie mir scheint – voraussetzungslos. Am Vormittag spielen wir Deauille. Das heißt, wir laufen sozusagen nackt herum. In dem Schwimmbassin, das die Matrosen am Vorderdeck kunstvoll errichtet haben, wird unter Leitung des zweiten Offiziers eine allmorgendliche »Wasserpantomime« aufgeführt, an der sich die gesamte Jugend zwischen sechs und fünfzig Jahren beteiligt. Wir Außenseiter, die wir am Hauptdeck eine Etage tiefer noch immer den Versuch machen, Schach zu spielen, zu lesen oder gar zu arbeiten – ja, wovon glaubt ihr, daß ich lebe? – werden außer durch den Lärm alle paar Minuten durch einen Wasserstrahl, der sich von oben auf uns ergießt, unfreiwillig in das Spiel der Jugend hineingezogen. Da wir uns noch immer nicht den Verhältnissen angepaßt haben und Sachen auf dem Körper tragen, so werden wir voraussichtlich bald die Waffen strecken. Unsere Verdummung macht jedenfalls Fortschritte. Bald werden wir reif sein. Es gibt kein besseres Mittel der Verblödung, als Reisen dieser Art. Jeder geistige Mensch sollte sie mindestens einmal im Leben machen. Politiker vor allem. Der Deutsch-Schweizer freilich meint: »Unter den Politikern hat's keine.« Vor wieviel Torheiten, die der menschliche Geist gebiert, würde die Welt verschont bleiben!

*

In Hongkong verließ ich fluchtartig den Steamer. – Da die Komödianten des Schiffs – außer mir waren jetzt nur noch die beiden Engländer noch nicht von Laura eingefangen – ihren Betrieb während des Hongkonger Aufenthaltes nachmittags nach dem Astor House und Carlton verlegen wollten.

Zwei ruhige, wenn auch nicht glückliche Tage. Denn jetzt erst kam ich zum ersten Male wieder dazu, nachzudenken. Ich stellte fest, daß Beatrice mit ihrer Prophezeiung nicht ganz unrecht hatte. Hana, so sehr ich sie mir herbeiwünschte, verlor in meiner Vorstellung an Wirklichkeit. Sie begann beinahe bildhaft zu wirken – als wäre sie mir nur im Film erschienen. Wesensfremdheit – so sehr gerade die mit ein Grund des Reizes war – schuf irgendeine Distanz. Wohl begehrte ich sie auch jetzt noch, aber ich sehnte mich seelisch und körperlich nicht mehr so stark nach ihr wie damals, als ich in Kyoto Abschied von ihr nahm. Möglich, daß der Eindruck Beatrices daran schuld war. Sie beschäftigte mich noch immer. Ich empfand Reue, sie verlassen zu haben. Nicht, daß Liebe mich zu ihr zog. Viel eher Furcht vor Langeweile. Ich, der ich bis dahin auf mein vieles, teils großes Erleben stolz war, hatte in Gegenwart Beatrices erkannt, wie klein und nichtig alles im Verhältnis zu dem war, was sie erlebte. Und da es für einen denkenden Menschen heute weniger denn je eine Möglichkeit gibt, Sinn in das Leben zu legen, so kann man es nur so meistern, wie sie es tat. Geld hatte nur Sinn als Macht. Aber wer hatte die heute? Die Zeiten Neros waren vorüber. Beatrice schuf sich Macht ohne Geld. – Oder lag Macht vielleicht darin, Hunderttausende von Menschen zu beschäftigen und ebensoviel Autocars im Jahr zu bauen, wie Ford es tat? Welch ein Stumpfsinn. Oder kraft seines Geldes mit schönen Frauen auf seiner Yacht nach Trouville oder Rio zu fahren? Ausgesuchteste Langeweile! Oder Manets und Rembrandts, alte Porzellane und Gobelins zu sammeln und sich ihres Besitzes zu freuen? – Sprecht mir nicht von der Psychologie des Genusses. Ich kenne alles, was darüber geschrieben wurde. Geistreiche Konstruktionen. Auch der Sammler ist eitel. Und wo die Eitelkeit beginnt, fängt mir an übel zu werden. – Nur das Genie darf sich den Luxus leisten, über das Leben nachzudenken. Denn für das Genie allein – das nach Belieben auf die Menschheit verzichtet oder auf ihr herumtrampelt – hat das Leben einen Sinn, der ehrlicher Kritik standhält. Wer sonst den Leichtsinn begeht, über das Leben nachzudenken und weder eitel noch verlogen ist, muß verzweifeln.

Aber reise ich solcher Nachdenklichkeiten wegen nach Asien? Habe ich schon den großen Fehler begangen und Beatrice, die ein glücklicher Zufall mir in den Weg führte, allein gelassen, statt mein Leben auf dieselbe Karte zu setzen wie sie, so muß ich jetzt die Kraft aufbringen, mich wieder da einzureihen, von wo ich mich heraussehnte, ehe ich Beatrice begegnete. Denn ein zweites Mal wird sie mir der Zufall nicht bescheren.

Die Holländer aus den Kolonien sind die strammsten Trinker, die mir je im Leben begegnet sind. Sie tun eigentlich nichts anderes als trinken. Außerhalb ihrer Tätigkeit natürlich. Aber sie versichern, daß sie zu Haus noch mehr trinken. Für sie macht es weder einen Unterschied, ob sie auf dem Platz in Hongkong oder auf dem Kreuzberg sitzen, noch ob es regnet oder die Sonne scheint. Gin und Whisky, ein paar Zoten und fettes Essen – und die Anforderungen, die sie ans Leben stellen, sind erfüllt. Zwar verachten sie auch die Frauen nicht. Aber es darf nicht umständlich sein. Sie müssen sie sozusagen zum Gin serviert bekommen. Dabei friedfertig, höflich und gescheit. Also umgänglich und abgeklärt – wenn auch nicht gerade im Sinne Platos. Mich amüsierten sie den ersten Tag. Aber schon am zweiten schlug ich mich zu den Engländern. Ihre natürliche Heiterkeit und die selbstverständlichen Manieren – welch bedenkliches Zeichen, daß Selbstverständlichkeit einmal auffällt – wirkten wohltuend. Wir wollten erst abends auf das Schiff zurück, blieben dann aber über Nacht. Wir machten den Ball eines englischen Klubs mit, der hier oben abgehalten wird. Ich glaubte, mich ein paar Stunden im Westen Londons zu befinden. Nicht nur dem äußeren Bilde, auch der Unterhaltung nach. Es schien, als suchten auch die Teilnehmer für die Dauer des Balles zu vergessen, daß sie in China und nicht in ihrer Heimat waren. Aber so ist der Mensch! Ich bin sicher, daß sie, wieder in London, voller Sehnsucht an die Zeit in Hongkong zurückdenken werden, wo jede kleine Miß die Verehrung einer Prinzessin genießt

Da die Engländer auch von Hongkong aus weiter für sich blieben, so widerstand auch ich den Lockungen, an denen es Laura und ihre Gemeinde nicht fehlen ließen. Aber schon vor Singapore stieg drohend die Gefahr eines Maskenballes an Bord auf, der zwischen Bombay und Carrachi, also in der größten Hitze, stattfinden sollte. Laura begründete den Zeitpunkt damit, daß an Schlafen bei vierzig Grad des Nachts doch nicht zu denken sei. Man würde also nicht wissen, womit man von zwei Uhr nachts an – um diese Zeit endete bisher das offizielle Vergnügen – bis zum ersten Frühstück die Zeit verbringen sollte. Auf meinen Einwand: »Und was geschieht die übrigen zwanzig Nächte?« – denn so lange dauerte die Indienfahrt im günstigsten Falle – erwiderte Laura: »Der Maskenball wird natürlich jede Nacht wiederholt – und zwar täglich in anderer Form.« – »Das heißt ja, Ihren Geist überanstrengen,« meinte ich, worauf Laura sagte: »Man hat ja später genug Zeit, ihn auszuruhen.« – Als Kommentar sei verraten, daß die drei jungen Damen, da der verständige Vater fand, daß Schanghai kein Boden für eine ersprießliche Erziehung sei, nach Italien fuhren, um in ein Kloster zu gehen.

Da in Singapore sämtliche Passagiere an Land gingen, die beiden Engländer den Sultan von Yohore aufsuchten, mit dessen englischer Gattin sie aus Birmingham her irgendwie bekannt waren, so beschloß ich, trotz des berühmten Tiffins in Raffies Hotel und des Botanischen Gartens, an Bord zu bleiben. Der Maestro, der in der Liste der Gentlemen auf unserem Steamer an dritter Stelle, also unmittelbar hinter den beiden Engländern und vor dem recht feinen Ehemann aus Manila rangierte, und mit dem ich mich daher oft unterhalten, zum Entsetzen vieler an Bord befindlicher Passagiere im Office sogar hin und wieder einen Whisky getrunken hatte, brachte mir zur Unterhaltung sein Reisetagebuch, das den verheißungsvollen Titel »Chronique scandaleuse de 1924« führte. Ich blätterte, bewunderte die genaue Kenntnis aller persönlichen Beziehungen der Passagiere untereinander und die realisierte Art der Schilderung. Die Lückenlosigkeit der Tagebuchführung – es fehlte kein Tag und keine Nacht vom Tage der Abfahrt in Japan an – veranlaßte mich zu der Frage:

»Wann schlafen Sie eigentlich?«

»In Italien bei meiner Frau,« gab er zur Antwort.

»Dann müssen Sie eine ausgezeichnete Ehe führen. Denn, wenn Sie den Schlaf nachholen wollen, den Sie hier versäumen, werden Sie nicht viel Zeit finden, wach zu sein.«

Er erwiderte unter Hinweis auf das Buch:

»Meine Frau liest, während ich schlafe.«

»Sie billigt also diese Art Ihrer Beschäftigung während Ihrer freien Zeit?«

»Sie wünscht es sogar. Sie sagt: wer schreibt, sündigt nicht. Sie behauptet, die meisten Sünden würden während des sogenannten Schlafs begangen.«

»Eine kluge Frau!« sagte ich und las blätternd den Namen: Frau Dr. A. L. – Da stand unter dem 23. April: »Nachts zwei Uhr fünfzehn. Frau Dr. A. L. verläßt in dunkelrotem seidenen Kimono mit wundervoller Stickerei – ich schätze ihn auf hundert Jen – ihre Kabine und begibt sich zum Funker, der wie meistens schläft. Sie telegraphiert. Minutenlang. Und kehrt auf gleichem Wege in ihre Kabine zurück. – Nie im Leben ist das seine Frau. Sie ist eine Russin aus hohem Adel, und wenn irgendwo auf dieser Reise eine Ueberraschung steckt, dann kommt sie von dieser Seite.«

Ich weise den Maestro darauf hin und frage:

»Was wollen Sie damit sagen?«

Er ist über und über verlegen und erwidert:

»Das ist natürlich Unsinn.«

»Ich glaube nicht. – Ich glaube sogar, es stimmt.«

»In...wie...fern ...?«

»Nur wir werden die Ueberraschung nicht erleben.«

»Eine dämonische Frau!«

»Sie kennen sich aus unter Menschen.«

»Es ist das einzige – ich verstehe sonst nichts.«

»Sie sollten auf einem Posten stehen, auf dem Sie Ihre Fähigkeiten verwerten können.«

»Wo sollte das sein? Ich verdiene nirgends so gut wie hier. – Ja, wenn ich Engländer wäre!«

»Steht mehr in diesem Buch von meiner Frau?«

»Sie ist es also wirklich?«

»Ja – und nicht wahr, ich darf die Seite herausreißen?«

»Selbstverständlich!«

»Steht mehr von uns in diesem Buch?«

»Auf mein Wort: Nein!«

»Trinken Sie eine Chianti mit mir?« – Er weiß nicht recht, was er sagen soll und tritt, als wollte er mich auf die Distanz zwischen sich und mich aufmerksam machen, ein paar Schritte zur Seite. – Ich verstehe ihn und sage:

»In meiner Kabine. – Ihretwegen. Nicht etwa für mich.«

Nun, der Maestro ahnte nichts. Aber er empfand diese ungewöhnliche Frau richtig und suchte, sich über sie klar zu werden.

»Eine Frau, die jedes Jahr ein Kind in die Welt setzt und alle drei Monate die Dienstboten wechselt, ist sie freilich nicht. – Aber geben Sie sich keine Mühe, Maestro, Sie werden sie nicht ergründen. So wenig wie ich – und wenn ich fünfundzwanzig Jahre mit ihr verheiratet sein werde.«

ohne Bildunterschrift
ohne Bildunterschrift

»Für solche Frau lohnt es sich schon, zu leben,« erwiderte er.

Ich stutzte. – Nanu? War das am Ende Uebertragung der Gedanken?

»Ob – aber – auch – zu sterben?« fragte ich, und aus seiner Erwiderung:

»Warum das?« ersah ich, daß er es nur so hingesagt hatte, ohne sich etwas dabei zu denken.

*

Das Tempo, in dem die Passagiere sich in Singapore vergnügt hatten, hatte sie ermüdet. Ich sah es schon, als sie wieder an Bord kamen. Sie schrien weniger laut. Einige machten sogar so ernste Gesichter, daß man glauben konnte, sie dächten über etwas nach. So schlimm war es freilich nicht. Immerhin herrschte auf der Fahrt von Singapore nach Penang verhältnismäßige Ruhe. Das war mir um so lieber, als die beiden Engländer sich doch entschlossen hatten, die Gastfreundschaft des Sultans von Yohore anzunehmen und auf einem anderen Schiff die Reise fortzusetzen. – So war ich jetzt ziemlich isoliert und unterhielt mich fast nur mit den beiden Holländern und den Offizieren. Laura hatte es wohl aufgegeben, mich zu bekehren, war aber, wie auch alle anderen, unverändert freundlich. Ueberhaupt muß es einmal gesagt sein, welche angenehme Enttäuschung für mich die Italiener waren. Auf Reisen in Italien selbst kommt man ja nur mit Deutschen zusammen. Besonders sympathischer Charakterzug: ihre Natürlichkeit, die den meisten Menschen spätestens in dem Augenblick verlorengeht, in dem sie mit anderen Menschen zusammenstoßen. Außerdem sind sie höflich. Und drittens heiter. Das sind drei Tugenden, die man selten vereint findet. Daß sie laut sind, ist schließlich mehr eine Angelegenheit der Akustik als des Charakters. Und daß ich auf Geräusche so stark reagiere, ist mein persönliches Pech, für das sie verantwortlich zu machen, ungerecht wäre. – Also war ich innerlich mit ihnen bereits versöhnt, bevor wir in Penang waren. – Laura, die das schnell herausfühlte, zog die Nutzanwendung. Wenn sie mich an diesem Abend auch noch nicht so weit brachte, daß ich tanzte, so saß ich doch das erste Mal nach dem Diner wieder bei ihnen und ging auf ihre Scherze ein. Bis Penang. – In Penang aber ...

*

... wurde das Unglaubliche Ereignis. Auf die Gefahr hin, das Schiff zu versäumen, beschloß ich nach den Penang Hills zu fahren und da oben in vollkommener Ruhe und endlich allein die unerhörten Schönheiten der Natur zu genießen. Schon auf der Hinfahrt hatten es mir die fächerartigen Ravenalen angetan. Diese aus Madagaskar stammende Palme nennen die Penanger den Baum der Reisenden. Wohl aus dem Grunde, weil sich in den Hohlräumen der Blattscheiden Wasser ansammelt, das trinkbar ist. Aber außer den Ravenalen gibt es da die Amherstia nobilis mit roten Blütentrauben, riesige Feigen und andere Laubbäume, Farnbäume, die Kitulpalme mit den doppelt gefiederten, wüst durcheinanderhängenden Blättern. Aus dem Saft des Stammes wird der Toddy gewonnen – den die Penanger stolz als Wein bezeichnen. Ich empfand ihn als Medizin. Um so reizvoller finde ich die hier so häufige Arekapalme, die in ihrer übertriebenen Schlankheit, mit dem senkrecht dünnen Stamm, der kleinen Fiederkrone auf grünem Stammende und den weißlichen Blütenrispen an eine ätherische, oft freilich auch schwindsüchtige Frau erinnert, deren schlanker Körper bei der leisesten Windbewegung in Aufruhr gerät. Aber sie ist nicht nur für das Auge. Denn sie erzeugt die Arekanuß, die, mit Kalk gemischt und in das Blatt des Betelpfeffers gewickelt, den Stoff zum Betelkauen liefert. Und was täten diese Hunderte von Millionen Menschen ohne Betel, der ihnen den Tabak und wohl auch Schnaps ersetzt?

Also nach den Penang Hills. Ich hatte schon vom Schiff aus gleich hinter Singapore nach Crags Hotel um Zimmer und Kulis für Tragstuhl und Gepäck telegraphiert. Ich schwelgte im Vorgenuß der Ruhe, der Landschaft und dieser Aussicht, die als die schönste der Welt gilt.

Aber es kam, wie so oft auf dieser Reise, anders. Ich verabschiedete mich soeben von dem Commandante, als eine schlanke verschleierte Frau in einer blendend schönen goldgestickten Jacke, mit einer Seidenschärpe, wie ich sie nie ähnlich sah, auf das Schiff kam. Hinter ihr eine Dienerin mit weißem Hüftschur, der zwischen den Beinen durchgezogen und im Gürtel befestigt war, einem Strohhut und einem baumwollenen Schulterumhang. – Was ging sie mich an? Mir war am liebsten, ich sah auf dieser Reise keine Frau mehr. – Der Commandante, der noch neben mir stand, sagte:

»Eine vornehme Siamesin mit ihrer Dienerin.«

»Grüßen Sie sie von mir,« sagte ich im Scherz, »ich fahre auch nach Penang Hills.«

Aber ich ging nicht. Ich stand. Den Blick immer auf die Frau gerichtet, die jetzt für ein paar Augenblicke hinter ein paar Zwischendeckern verschwand. Ich nahm eben meinen Waterproof und wollte, um den Händlern auszuweichen, an der anderen Seite entlang gehen, als sie die kleine Treppe hinaufstieg und – wie mir schien – auf mich zukam. Ich blieb also stehen.

»Diese Frauen haben einen Gang,« sagte ich zu dem Commandante. »Man kommt nicht los davon.«

»Sie gehören zu den Thai-Völkern, die den Chinesen nahestehen,« erwiderte er. »Aber ich warne Sie.«

»Nicht nötig!« beteuerte ich.

»Sie haben tätowierte Beine.«

»Ekelhaft!«

»Und schwarzemaillierte Zähne.«

»Wie geschmack...« – Weiter kam ich nicht. Denn die Dame aus Siam stand jetzt vor mir, schlug den Schleier zurück und sagte in vorwurfsvollem Ton, in einer Sprache, die mir von der Spree her bekannt war:

»Na weißt du! – mit dir reise ich nicht noch mal.«

»Andernfalls!« rief ich und traute meinen Augen und Ohren nicht.

»Wenn man eine Dame zu einer Reise nach Japan einlädt, so läßt man sie nicht mit einem siamesischen Grafen nach Bangkok gehen.«

»Du scheinst demnach nicht übermäßig glücklich zu sein.«

»Du hattest die Pflicht, mich zurückzuhalten.«

»Am Ende mit Gewalt?«

»Du hast ja keine Ahnung, was sich in Bangkok tut.«

»Es soll sehr interessant sein.«

»Für Europäer zum Ansehen. Aber nicht, um es mitzumachen.«

»Es tut mir leid, daß es dich enttäuscht hat.«

»Du hast dich natürlich inzwischen in Japan amüsiert.«

»Was blieb mir übrig?«

»Du, glaube nur nicht, daß ich mich gelangweilt habe.«

»Hoffentlich nicht!«

»Du lachst dich tot, wenn ich dir erzähle – nur eben für die Dauer ist es nichts.«

»Ich fürchte, das ist mit jeder Ehe so.«

»Die Ehe ist das wenigste.«

Staunend stand noch immer der Commandante neben mir.

»Es freut mich jedenfalls, daß du an mich gedacht hast.«

»Dummian! das war doch nur eine Eskapade.«

»Was – war das?«

»Aber sie hat sich gelohnt. Ich habe für dich photographiert und Tagebuch geführt. Dinge, die nie jemand sieht oder erfährt.«

»Wo hast du sie?«

Sie wies nach unten, wo die Kabinen lagen.

»In meinen Koffern.«

»Wa...a...?«

Der Commandante wandte den Kopf. Vermutlich, damit wir nicht sehen sollten, daß er lachte. Die Kraft, sich loszureißen und das Gespräch nicht bis zu Ende anzuhören, fand er nicht – so taktvoll er sonst war.

»Du bekommst sie aber nur, wenn du mir versprichst, in Zukunft besser auf mich achtzugeben und ...«

»Ja, was heißt denn das?«

»... mich das nächste Mal mit nach Japan zu nehmen.«

»Du hast doch nicht etwa die Absicht ...?«

»Ich sagte dir doch: vorübergehend ganz nett; aber auf die Dauer unmöglich.«

»Du kannst doch nicht einfach ...?«

Meine Verdutztheit erheiterte sie.

»Warum sprichst du keinen Satz zu Ende? – Uebrigens, wie gefalle ich dir?«

»Das Kostüm ist blendend und steht dir gut.«

»Das ist noch gar nichts. Du mußt die anderen sehen. Versprich mir, daß du mir den Text zu einer Operette schreibst, die in Siam spielt.«

»So sei doch vernünftig.«

»Was fällt dir ein? – Ich bin es die ganze Zeit über. Aber du scheinst dich geistig nicht gerade zu deinem Vorteil verändert zu haben.«

»Bist du die Frau des Grafen oder bist du's nicht?«

»Ja, glaubst du, ich wäre als seine Mätresse nach Bangkok gegangen?« rief sie empört.

»Und du willst ihm davonlaufen?«

»Bin ich dir nicht auch davongelaufen?«

Der Commandante machte jetzt eine Kehrtwendung – ging aber noch immer nicht.

»Warum verlangst du für ihn mehr Rücksicht als für dich?«

»Wir waren doch nicht ver...«

Der Commandante konnte nicht mehr an sich halten, lachte laut auf und ging.

»Nett, wie du mich blamierst,« sagte Andernfalls. »Ich hatte erwartet, du würdest dich freuen. Nicht aber wie ein Oberlehrer mit hundert ›wenn‹ und ›aber‹ kommen.«

»Mit anderen Worten: du wünschst die Reise mit mir fortzusetzen, als wenn sich inzwischen nichts ereignet hätte.«

»Hast du das wirklich endlich heraus?«

»Und diese ...«

»... Eskapade.«

»Ehe!«

»Für einen moralischen Menschen ist es keine. Im übrigen: du wirst inzwischen auch so manches erlebt haben.«

»Mehr als mir lieb ist.«

»Vermutlich auch im Format anders als die üblichen Erlebnisse zu Haus.«

»Was du für eine feine Nase hast.«

»Ich bitt' dich! der Indische Ozean ist eben nicht der Kurfürstendamm.«

»Weiß der Graf, daß du fort bist?«

»Wajirawudh weiß es.«

»Wer ist denn das?«

»Der König.«

»Was für'n König?«

»Du fragst wie ein Kind. Der von Siam natürlich.«

»Was hast du denn mit dem König zu tun?«

»In Siam ist das anders.«

»Du brauchst seine Erlaubnis?«

»Ich brauchte Geld.«

»Für wen?«

»Für dich!«

»Bist du toll?«

»Ich wollte doch nicht mit leeren Händen zu dir kommen. In Siam lernt man das Schenken. Kein Besuch, der ohne Geschenke kommt. Und von meinen Steinen, die der gute Wajirawudh mir schenkte, wollte ich mich doch nicht trennen.«

»Du scheinst ja gut gewirtschaftet zu haben.«

»Ich schwöre dir, ich war dir treu.«

»Ich habe dich nicht danach gefragt.«

»Du mußt es glauben.«

»Du verlangst viel.«

»Nicht aus Liebe etwa. Ich wußte ja gar nicht, daß wir uns wiedersehen würden.«

»Weshalb denn?«

»Aus Berechnung. Daß sich in Siam eine Frau ihrem Manne versagt, ist seit 1352 nicht mehr vorgekommen. Der damalige König Phra Uthong ließ die Frau zwar einkerkern, nach ihrem Tode aber als Heilige verehren. Na, dachte ich mir, wenn es so leicht ist, heilig zu werden! – Du mußt nämlich wissen, die Siamesen sind so häßliche Kerls, daß man wirklich nichts verliert. – Also ich versagte mich.«

»Hattest du denn nicht Furcht vor dem Kerker?«

»Ich sagte mir, mit einer Europäerin wird man es nicht wagen. Und dann wäre ja noch immer Zeit gewesen es zu ändern. – Es machte ungeheures Aufsehen. Wajirawudh ...«

»Wer ist das?«

»Ich sagte doch schon: der König. Allerliebst! Beinahe zum Liebhaben. Aber mir nicht Mann genug.«

»Was war denn mit ihm?«

»Er erfuhr davon. Der Graf zeigte mich. Ich gefiel ihm. Schon am nächsten Nachmittag fuhr ich auf dem Menam in einem entzückenden überdachten Boot die Klongo entlang, bestieg einen Wagen und fuhr zum König.«

»Von selbst tatest du das?«

»Aber nein! man holte mich. Es war sehr komisch. Gar nicht feierlich. Wenn man von dem Fremdartigen absieht.«

»Was wollte er?«

»Dumme Frage! – Er lobte mich. Er gab dem Grafen die Schuld. Ich verteidigte ihn. Aus Ueberzeugung. Er ist ein Gentleman. Ob du dich darüber ärgerst oder nicht.«

»Mich würde nur kränken, wenn du einen schlechten Geschmack zeigen würdest.«

»Also es war ja klar. Der König hatte Absichten. – Ob ich bei ihm bleiben wollte, fragte er. – Ich erwiderte: ›Als was?‹ – Als Königin hätte ich nicht ›nein‹ gesagt. Aber ich wußte, er dachte nicht daran. Und die Mätresse des Königs von Siam zu sein, weißt du, das schien mir doch eine zu ausgefallene Sache. Er zeigte mir das Bild seiner Frau. Das besagte genug. Wie ein Fußball. Er zeigte mir Steine.«

»Zeigte?«

»Er schenkte mir auch ein paar – da sieh.« – Es waren zwei große funkelnde Smaragde, rein und fehlerfrei, die sie an einer Platinkette um den Hals trug. »Er blieb trotzdem artig, wie ihr Europäer es nie seid. Ich erbat Bedenkzeit. Schob sie immer weiter hinaus. Bis ich wußte, wann dein Schiff kam. Gestern erklärte ich ihm: es täte mir leid, aber ich sei nun einmal die Frau des Grafen und dürfe ihm daher nicht angehören.«

»Du tatst natürlich, als ob du ihn liebtest?«

»Selbstverständlich. Oder glaubst du, ich hatte Lust, mich einkerkern zu lassen? Ich redete ihm ins Gewissen und sagte, wir müßten beide überwinden – und wenn es uns noch so schwer fiele. In seiner Nähe könnte ich auf keinen Fall bleiben. Das ertrüge ich nicht. Ich würde noch heute Siam verlassen. – Er billigte es unter Schmerzen, beschenkte mich – und zog los.«

»Und da bist du nun?«

»Das ist alles, was du zu sagen hast? Ich muß gestehen, daß der Empfang bei dir nach dem Empfang beim König etwas nüchtern anmutet.«

»Du hast eine Krone gegen eine –« ich zog meinen Halter aus der Tasche – »Füllfeder eingetauscht.«

»Und bin froh damit.«

»Bist du es wirklich?«

»Soll ich es dir zeigen?«

Im selben Augenblick lag sie auch schon an meinem Hals. – Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Aber das hinderte mich nicht, den Druck zu erwidern. Denn so zart Hana, so überragend Beatrice war – Andernfalls kam meiner Gedanken- und Gefühlswelt doch am nächsten.

*

Andernfalls blieb den ganzen Tag über in dieser Kleidung. Ja, sie hatte die Absicht, sie überhaupt beizubehalten. Da sie fabelhaft darin aussah, hatte ich nichts dagegen einzuwenden. Kam es in den europäischen Städten aber zu Straßenaufläufen, so war die Polizei zuständig, nicht ich. Ergo!

Andernfalls hatte einen Paß mit königlichen Siegeln. Was darauf stand, wußte niemand, auch sie selbst nicht. Da ich vermute, daß des Königs Beamter, der ihn ausgehändigt hatte, nicht einmal ihren Namen kannte, so nehme ich an, daß das imposante Schriftstück, das zum Zusammenrollen war und in einer Rolle aufbewahrt wurde, die Heiligsprechung eines der sogenannten weißen Elefanten enthielt. Laura, die vor Neugier ganz blaß war, verriet ich unter Hinweis auf das Papier, daß die Inhaberin die Kronprinzessin von Siam sei. Sie gelobte mir in die Hand, das Geheimnis zu wahren. Der Erfolg war zunächst, daß sie in den nächsten Tagen mit dem großen Geheimnis im Herzen Distanz wahrte und für Ruhe sorgte. Aber ich hatte nicht mit den übrigen Passagieren gerechnet. Die wußten natürlich alle von Beatrice, dem seltsamen Fahrgast, der auf so geheimnisvolle Weise auf das Schiff gekommen und so geräuschlos wieder verschwunden war. Man spricht im Osten, was man nicht definieren kann, für einen Mädchenhändler an. Der Vorstellung, die man sich im allgemeinen von diesen »Märchenprinzen« macht – ich glaube, sie existieren nur noch in der Phantasie der Teilnehmer an den Kongressen zur Bekämpfung des Mädchenhandels und einiger alter Jungfern, die sehnsüchtig das Herannahen dieser Agenten herbeisehnen –, entsprach ich nun ganz und gar nicht. Aber die Vorstellung von irgend etwas Geheimnisvollem umgab mich doch. Hier, wo es wochenlang keine Ablenkung gab, klammerte man sich an jede Kleinigkeit, die ein Erlebnis zu werden versprach. Und man war froh, wenn schließlich daraus ein Märchen wurde. Mit dem Erscheinen der Kronprinzessin von Siam – Laura hatte das Geheimnis kurz vor Colombo preisgegeben –, war in der Vorstellung der Passagiere zunächst einmal auch aus Beatrice eine Prinzessin geworden. Selbstverständlich bestand zwischen beiden Frauen ein Zusammenhang. Ich verriet Laura, daß die Vermutung richtig sei. Die Neugier legte sich vor allem den weiblichen Passagieren auf den Magen. Die Folge davon war – trotz ruhigen Seegangs – Ausbruch der Seekrankheit. Ich gab Laura zu verstehen, daß die beiden Frauen die Gattinnen ein und desselben Mannes seien, und beschwor sie, dies furchtbare Geheimnis für sich zu behalten. Die Folge war, daß abends die Hälfte der Passagiere beim Diner fehlte und todkrank in den Kabinen lag. – Als wir in Colombo in den Hafen fuhren, kam uns Freund Boris, der russische Agent in indischen Schals aus Chemnitz, in einem Motorboot entgegen. Gott weiß, die Flagge welches Klubs er am Boote führte. Ein Passagier erkannte sie als die Geheimflagge der zaristischen Bewegung – aber erst, als Boris an Bord und als Russe erkannt und begrüßt war. – Der gute Boris verbeugte sich tief vor Andernfalls und küßte ihr beide Hände. Laura, nach deren Geschmack Boris war, stellte das Grammophon an und spielte ein russisches Volkslied. Boris tanzte wie ein Gott. Andernfalls, an den Lärm noch nicht gewöhnt, wurde nervös und weinte. Ihre Dienerin, die von dem jüdischen Ehepaar übernommene Sklavin, fiel vor ihr auf die Knie und küßte den Saum ihres Kleides. Ein Amerikaner photographierte diese Szene und ein anderer funkte nach Neu York, daß sich an Bord unseres Schiffes unter dem Pseudonym einer siamesischen Prinzessin die totgeglaubte jüngste Tochter des Zaren befinde und den größten Teil des Schmucks der kaiserlichen Familie mit sich führe.

Der Commandante sowie der Maestro sahen keinen Grund, diesem Wahnsinn zu steuern und erwiderten auf jede Frage: »Sie wüßten nicht.« – Ich bestimmte Boris, der in einigen Tagen mit einem Stinnes-Schiff über Marseille nach Deutschland reisen wollte, mit uns zu fahren. Wir zogen aus der krankhaften Sucht der Amerikaner nach Sensationen jeden erdenklichen Vorteil. Vornehmlich den der Distanz – daß wir für uns blieben. Im Hintergrunde schlummerte bei allen natürlich der Wunsch, mit uns Anschluß zu bekommen. Man bestürmte den Maestro mit Fragen, ob wir in Colombo im Galle Face Hotel oder im Grand Oriental absteigen würden. Wir ließen erwidern: Miß Andernfalls brauche Ruhe und zöge sich daher während des Aufenthaltes in Colombo nach Mount Lavinia zurück. Der Erfolg? Sämtliche Passagiere respektierten den Wunsch und suchten eins der beiden Hotels auf. Nur die Amerikaner waren bereits im Grand Hotel Mount Lavinia, als wir eintrafen – und im Vestibül standen der Direktor und sämtliche Gäste empfangsbereit. Andernfalls erhielt einen großen Strauß, der die schönsten Blumen Ceylons vereinte. Die Gäste verneigten sich. Und die Amerikaner vom Schiff begrüßten uns, als wenn sie seit zwanzig Jahren mit uns intim verkehrten.

Andernfalls fand alles das zunächst mal himmlisch und meinte:

»Hätten wir nur einen Operateur bei uns. – Mit dem Film wäre Geld zu verdienen.«

Abends beim Diner, bei dem uns zu Ehren zwei Gänge eingelegt waren und Sekt serviert wurde – eine Aufmerksamkeit von Seiten amerikanischer Gäste, die wir mit größter Höflichkeit ablehnten –, spielte die Kapelle mehrmals die russische Nationalhymne. Boris sprang jedesmal auf. Mit ihm sämtliche Gäste. Nur Andernfalls und ich blieben auf ihren Plätzen. Man staunte wohl und verstand es nicht. Aber alle fühlten, daß die Distanz zwischen den Gästen und uns dadurch noch größer wurde. – Man legte bei jedem Gang im selben Augenblick Messer und Gabel nieder, in dem Andernfalls aufhörte, zu essen. Das machte ihr so viel Spaß, daß sie regelmäßig schon nach den ersten Bissen Messer und Gabel wieder auf den Teller legte. Und da man ihr von allem zuerst reichte, so gab es schließlich nicht einen, der nicht hungrig blieb.

Als wir am nächsten Vormittag Abschied nahmen, baten einige Gäste Andernfalls um ein Autogramm. Sie gab es mit dem größten Vergnügen. Sechsmal schrieb sie in teils kostbare Alben, in die nur Weltberühmte Eingang fanden:

Andernfalls
Mitglied des ... Theater
Berlin.

Das Berlin unterstrich sie. Sechsmal senkten sich sechs mehr oder weniger schöne Köpfe, um entsetzt gleich darauf wieder emporzuschnellen. Sechs Menschen, im Innersten verletzt, wandten den Rücken. Etwa sechzigmal sechs taten das gleiche, als wir, vergnügter noch als wir gekommen, wenige Minuten später das Hotel verließen.

*

Die Amerikaner verklatschten uns an Bord. Mit der Wirkung, daß wir die Lacher auf unserer Seite hatten. Aber unsere Ruhe war hin. Andernfalls wurde unter Lauras Regie, die ein Konzert mit Grammophonbegleitung veranstaltete, zum Steamer Star mit dem Titel Kaiserliche Hoheit erhoben. Der Steamer erhielt den Charakter einer Kaiserlichen Jacht. Ich wurde Prinzgemahl. Laura Palastdame. Auch Ministerportefeuilles wurden vergeben. Der dicke Holländer, der so viel trank, wurde Ernährungsminister, der Maestro, der mit dem »Innenleben« des Schiffes so gut Bescheid wußte, Minister des Innern, eine alte englische Dame, die aus Singapore eine junge rotstämmige Palme (Cyrtostachys Lakka) mitgenommen hatte, erhielt das Portefeuille für Landwirtschaft und Domänen, der Konsul aus Mexiko wurde Minister für Justiz und Boris Haus- und Hofmarschall.

Das alles war, gelinde gesagt, aus Notwehr gegen die Langeweile, systematisch betriebener Unfug. Immerhin beschäftigte und belustigte er uns über Bombay hinaus bis Carrachi, Hauptakteure waren Andernfalls und Signora Laura, die immer neue Situationen ersannen. Seit Colombo hielten sich die Amerikaner abseits. Sie wurden nach einer entzückend stürmischen Sitzung als im Kriegszustand mit uns erklärt und mit tausenderlei Kleinigkeiten, die Frauenlist ersann und die daher nie greifbar waren, derart schikaniert, daß sie schon am dritten Tage den Commandante um Intervention baten. – Boris' Tätigkeit war die segensreichste. Er brachte zunächst Ordnung in die Kultur der Kleidung. Die kragenlose, die schreckliche Zeit, fand ihr Ende. Es wurde zum Diner kleine Abendtoilette, für Herren der weiße Smoking Vorschrift. Der chinesische Schneider, den ein Passagier aus Schanghai mitgenommen hatte, um ihn in Mailand zu etablieren, bekam Arbeit. Unser schwimmendes Königreich hatte auch Militär. Die jugendliche Garde. Sieben Nationen waren in ihr vertreten. Der Kadett des Schiffes war der Kommandierende General. Ungeahnte Ausblicke eröffneten sich. Die vereinigte Armee der Welt! Das war ein Gedanke. Kompagnieweise gemischt. Krieg würde zur Unmöglichkeit. Der Geist regierte an Stelle der Bajonette. Die garantierten lediglich die öffentliche Sicherheit. – Bei uns freilich schufen sie Unordnung. Sie setzten, wenn sie schlafen gehen sollten, die widerspenstigen Eltern in Haft, indem sie sie in den Bridgeraum einschlossen und den Schlüssel an sich nahmen. Sie gründeten eine Militärkapelle mit Instrumenten aus requirierten Küchengeräten, die grauenhafte Geräusche von sich gaben. Andernfalls hatte vor Bombay die Absicht, die Armee aufzulösen. Sie ging so diplomatisch vor, wie nur irgend möglich. Der General und die gesamte Truppe, die aus vierzehn Mann bestand, wurde zu Schokolade, Kuchen und Schlagsahne geladen. Es wurden sämtliche Nationalhymnen der Welt gesungen. Die Begeisterung war bei allen die gleiche. Andernfalls versprach für den Fall, daß sich die Truppe auflöste, diese »Five o'clock chocolad's« dreimal wöchentlich zu wiederholen. Sie hatte den soldatischen Geist unterschätzt. Ein zwölfjähriger Italiener, der den Rang eines Offiziers bekleidete, schloß seine Abwehrrede entrüstet mit den Worten: »Wir erheben warnend die Stimme. Nur so lange wir da sind, besteht die Gewähr, daß die Bewohner des schwimmenden Königreichs nicht eines Tages beim Erwachen eine schwimmende Republik vorfinden.« – Laura, die ebenso leidenschaftlich erwiderte, wurde von der Schokolade und Schlagsahne weg in Schutzhaft genommen. Der Thron schien zu wanken. Da kam Andernfalls der erlösende Gedanke. Sie ließ Zigaretten reichen. Die großen, schweren »Royal Dragoons« von Simon Arzt. Die Wirkung übertraf jede Erwartung. Die Truppe löste sich von selbst auf. Als Letzter kapitulierte nach einer halben Stunde der Kadett. – Aus den Soldaten wurden königliche Pagen, denen Andernfalls Tanz- und Anstandsstunden gab. Mit großem Erfolg, wie sich auf dem Kostümfest, das nun als Hofball mit den üblichen Zeremonien gefeiert wurde, herausstellte. Den Höhepunkt bildete ein Menuett, das die jungen Damen mit den Pagen tanzten und das in eine Huldigung für Andernfalls ausklang. An diesem Abend entsagte Andernfalls, was sie in einer langen Rede morgens um drei bekannt gab, Thron und Titeln. Sie zog sich wieder ins Privatleben zurück und da ihr die Persönlichkeit Lauras, die ihr gern in der Regierung gefolgt wäre, nicht schwer genug wog, so endete dieser Hokuspokus, den nüchterne Europäer für die Ausgeburt einer Temperatur von fünfundvierzig Grad im Schatten milde beurteilen mögen, am frühen Morgen des Tages, als wir in Carrachi Anker warfen.


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