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Elftes Kapitel

Wir sind bereits sechs Tage von Singapore unterwegs, und die lila Orchideen, die wir dort im Botanischen Garten pflückten, sind noch so frisch wie am ersten Tage. Weniger wohl befindet sich die junge rotstämmige Palme (Cyrtos tachys Lakka), die der China-Deutsche nach Schanghai verpflanzen will. Sie, wie die wilde Aeffin, die der Amerikaner mit großer Mühe von einer Amherstie für seine Frau herunterholen ließ, lassen die Köpfe hängen und scheinen mit dem Klimawechsel, unter dem auch ich leide, unzufrieden.

Wir stehen eine Stunde vor Hongkong in dichtem Nebel. Es regnet, und die Temperatur sinkt innerhalb einer Stunde um vierzehn Grad. Man braucht bei Gott kein Affe zu sein, um das höchst unliebsam zu empfinden. – Nicht weit von der Stelle, an der wir liegen, überfielen vor ein paar Wochen chinesische Piraten ein Postschiff mit Passagieren und raubten es aus. Sie standen unter Führung einer resoluten Chinesin, die sich als Passagier erster Klasse an Bord befand. Die Dame und ihre Begleiter benahmen sich tadellos. Zwar verschafften sie sich durch vorgehaltene Revolver Autorität. Aber sie entschuldigten sich, als sie das Schiff verließen, und begründeten ihre Maßnahmen mit den schlechten Zeiten, an denen nicht sie, sondern die durch die Engländer geschaffene Ordnung und Sicherheit schuld seien. Und die Chinesin wies mit feiner Ironie auf die an Bord des überfallenen Schiffes befindlichen Geschütze, die sie für den Fall, daß es dem Telegraphisten eingefallen sein sollte, um Hilfe zu funken, sehr zu ihrem Bedauern gegen ein etwa sich näherndes Polizeischiff in Tätigkeit setzen würde. In ganz Hongkong spricht man seit Wochen von nichts anderem als von diesem Räuberstückchen – die Europäer ängstlich, die Chinesen, die darauf warten, daß die Dame bald wieder von sich hören läßt, schmunzelnd. – Seeräuberei in der Hongkonger Gegend ist eine liebe Gewohnheit, über die man sich gelegentlich im sicheren Port des englischen Parlaments »ausspricht«. Man weiß, ändern kann man nichts. Diese Chinesin aber, die europäische Steamer überfällt, hat den Reiz der Originalität.

Chinesen – Seeräuber! Man hüte sich, diese Hongkonger Episode zu verallgemeinern und aus ihr Schlüsse auf den Charakter der Chinesen zu ziehen. Die sogenannten Kulturmächte treiben in China seit Jahrzehnten den Raubbau so offiziell, und so ungeniert, daß daneben dies Privatunternehmen von einer Handvoll Chinesen, die Kopf und Kragen dabei riskieren, beinahe harmlos wirkt.

*

Am nächsten Vormittag Hongkong! Ich glaube, es ist einer der größten Häfen der Welt. Nicht möglich, auch nur die Schiffe von viertausend Tons an zu zählen. Dazu Tausende von chinesischen Barken und Ladeschiffen. Und dementsprechend das Leben in den Docks und um sie herum. Tag und Nacht. Ohne Unterbrechung. Dabei nicht ein Policeman weit und breit, und ohne Paß und Zollkontrolle geht man, ohne eine Uniform zu sehen, an Land – wie man gleich unbehelligt von der Stadt aus wieder auf die Schiffe kommt.

Das Leben auf den chinesischen Ladebooten ist eine Sehenswürdigkeit für sich. Schon hier kann man einen Eindruck von Seele und Charakter des chinesischen Volkes gewinnen. Ich meine nicht die Aeußerlichkeiten, obschon man stundenlang vor solch einem Boote stehen und die Lebensgewohnheiten einer chinesischen Familie beobachten kann. Was in die Augen fällt und gegensätzlich zu sein scheint zu unseren unter ähnlichen Bedingungen lebenden deutschen Familien, ist: die Lebensfreude. Selbst die neben dem Hunde angebundenen Kinder von zwei und drei Jahren – erstaunlich übrigens die Selbständigkeit chinesischer Kinder! – scheinen nicht wie europäische Kinder das Prinzip zu haben, zu plärren. Ich habe – kann das Zufall sein? – unter Tausenden von Kindern nicht eins weinen sehen. Sie sind fröhlich, immer angeregt und beschäftigt von den älteren Geschwistern; sie dürfen, kaum daß sie laufen können, mit den älteren Kindern spielen, während sich die europäische Kindheit – wie später nach sozialer Stellung und Vermögen – streng nach Jahren trennt und es unter ihrer Würde hält, mit Kindern zu spielen, die jünger sind als sie. Erstaunlicher als dies die Sauberkeit. Mag sein, daß der Schmutz der schwarzen und braunen Rassen, die man erlebte, die Begriffe verwirrt hat. Von Berlin ohne Uebergang nach Hongkong versetzt, würden mir die sauberen Füße der chinesischen Kinder am Ende gar nicht auffallen – ja, möglich, daß ich finden würde, sie könnten noch sauberer sein. Aber nach dem, was ich in letzter Zeit sah, erscheint mir China wie bestes Europa. Aus der Art, wie die Kinder gehalten werden, kann man ja mit einiger Sicherheit schließen, wie die Haltung der Familie, des Hauses, der Küche ist. Ich gestehe beschämt, daß eine Zählung nach Rotznäschen unter den Kindern Europas und Chinas eine ganz gewaltige Mehrheit zugunsten des Abendlandes bringen würde. – Noch eins, was mir wesentlich scheint: ich glaube, die Erklärung dafür zu haben, daß in China alle Kinder gerade Beine haben und nach außen gehen. Es ist ja kein Geheimnis und der Untergang des Abendlandes damit noch nicht bewiesen, daß in Mitteleuropa von zehn Menschen sechs krumme Beine haben. Ich gehe nicht so weit wie Peter Altenberg, der Kultur und Charakter eines Menschen aus seinem Gang erkannte. Aber ich glaube, daß kein Mann von Kultur eine Frau mit schlechtem Gang lieben kann. Und da ihr doch geliebt sein wollt, Frauen Europas, und verlangt, daß man auch eure Töchter liebt, so seht, wie chinesische Mütter es machen. Sie tragen ihre Kinder vom zartesten Alter an angebunden auf dem Rücken – und zwar so, daß sie die Beine auseinandergespreizt halten müssen. Schädlich und lästig kann es weder für das Kind noch für die Mutter sein, denn es ist allgemein, die Mütter verrichten dabei schwere Arbeit, achtjährige Kinder, die ihre Geschwister so tragen, spielen behend alle möglichen Spiele, ohne daß die Babys auch nur einen Quietschton von sich geben. Und, wie gesagt, die Ausgewachsenen, arm und reich, bestechen durch ihre gutgewachsenen Beine, ihren elastischen Gang und – was natürlich nicht damit zusammenhängt – ihre schlanken Gelenke an Füßen und Händen. Dies letzte ist wohl das Zeichen einer jahrtausendelang durchgezüchteten Kulturnation. Und wer da lacht, wird sehr bald umlernen. Es herrscht nämlich in Europa, vornehmlich aber in Deutschland, der Irrglaube, China sei so eine halbe Hottentottenangelegenheit.

Gewiß, wenn mitten in einer belebten Geschäftsstraße plötzlich ein Lärm sich erhebt, daß man glaubt, sämtliche Jahrmärkte der Welt haben ihre musikalischen Lockinstrumente in Bewegung gesetzt, um ganz Hongkong aus dem Takt zu bringen, wenn man den ungeordneten Zug von Hunderten von Chinesen mit den unmöglichsten Lärmapparaten durch die Straße ziehen sieht, darunter unzählige Kinder – und wenn dann im Zuge statt des erwarteten Elefanten, auf dem ein Affe tanzt, ein mit buntem Papier geschmückter – Sarg erscheint, dann freilich fragt man sich, wie dieser Hokuspokus – und es ist nicht der einzige! – zu dem Bild paßt, das man sich von diesem Volk macht. – Natürlich stehen diese Gebräuche in engem Zusammenhang mit der Religion. Und über Religionen soll man nicht streiten. Mit der Vernunft ihnen beizukommen, ist schon ganz unmöglich. Vielleicht, wenn es erlaubt ist, nicht danach zu forschen, was ein bestimmter Glaube lehrt, sondern was er bewirkt, daß man dann zu sehr erstaunlichen Resultaten gelangen wird.

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Ich kann die Ansicht unseres Commandante, Hongkong sei »englisch abgestempelt«, nicht teilen. Wohl wird man bei Betreten der Stadt durch Denkmäler der alten Queen, ihres klugen Sohnes Eduard und eines Kriegerdenkmals, das der Deutsche trotz seiner schlichten Schönheit nur mit bitterem Gefühl betrachtet, freundlich und nachdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß hier – wie überall – England Trumpf ist. Ein paar Straßenzüge lang besteht dieser Glaube fort, um dann plötzlich radikal zu enden. Denn nun tritt China in Reinkultur in die Erscheinung, und im selben Augenblick ist England, ist Europa tot. Man braucht nur Gehalt und Atmosphäre von ein paar Straßenzügen in sich aufzunehmen und man weiß: hier ist jede Assimilation ausgeschlossen. Anders als in jeder dieser Straßen kann es auch in einem Ort im tiefsten Innern von China, den nie ein Europäer betritt, nicht aussehen. Ein Nicht-Chinese wirkt in solcher Straße grotesk. Man hat das bestimmte Gefühl: hier ist nichts wandlungsfähig. Man studiere eine dieser Gassen und ihre Bewohner – und man hat das Volk von vierhundert Millionen studiert. Wenn der Zopf und der verkrüppelte Fuß fast durchweg eine Angelegenheit von gestern wurde, so liegt die Erklärung hierfür anderswo. Ureigentliches Wesen des Chinesen, das in jeder seiner Millionen Ausstrahlungen im Ahnenkult wurzelt, wird davon nicht berührt. Wenn hingegen die Begrüßungsformel des Chinesen nicht wie bei uns »Guten Tag!«, »Grüß Gott!« oder »Küß die Hand!« lautet, sondern: »Hast du deinen Reis schon gegessen?, so liegt darin ein wesentlicher Zug seiner Religion und seines Charakters – etwa wie bei uns in der neubayrischen Begrüßungsformel: »Schlagt den Juden tot!« – Gehe durch ein chinesisches Dorf, du wirst an keinem Haus, an keiner Hütte vorüberkommen, dessen Bewohner dich nicht einlädt, sein Mahl mit ihm zu teilen. Fragt unsere nach China verschlagenen Krieger, ob auch nur einer von ihnen jemals Hunger litt. Obschon sie Fremde und nicht eben beliebte Europäer waren, so gab man ihnen doch überall zu essen! Nicht etwa draußen vor der Tür, wie man Bettler speist, sondern an der gemeinsamen Tafel, obschon die Verschiedenheit der Sprache keine Verständigungsmöglichkeit zuließ. (Also auch nicht aus Neugier.) Gibt auch das nicht zu bedenken, liebwerte Missionare?

*

Erst nach Tagen, als ich fast erdrückt von der Fülle des Geschauten und Empfundenen wieder an Bord kam, lernte ich Hongkong bei Nacht kennen. Denn, was war das nächtliche Treiben auf den Straßen, in den privaten und öffentlichen Häusern, in der Villa des reichen Chinesen, dessen Gastfreundschaft ich der Einführung eines hohen Würdenträgers danke, im Vergleich zu dem, was sich nun vom Schiff aus meinem Auge bot?

So mag ein Kind, das Phantasie hat, sich den Himmel träumen! – Man denke sich die terrassenmäßig aufgebaute Stadt, deren letzte Häuser bis auf die Gipfel der den Hafen kreisförmig umschließenden Bergesrücken ragen. Und nun, da die Sonne untergeht, strahlen Sternen gleich die Lichter von vielen tausend Häusern vom Meer beginnend, in dem sie sich wiederspiegeln, bis hoch hinauf in die Gipfel, wo sie sich in seliger Harmonie mit den Sternen zu vereinigen scheinen. – Meer – Erde – Himmel! Welche Dreieinigkeit! Hier ist der Ort, aus dessen Stimmung heraus der neue Glaube geboren werden kann. – Der Himmel scheint sich in voller Pracht über die Erde gewölbt und den Hafen in ein strahlendes Märchen aus Tausendundeiner Nacht verwandelt zu haben. Neben soviel Pracht verblaßt alles, was das Auge und die Phantasie eines aufnahmefähigen Menschen jemals im Westen, Süden und Osten sah.

Von Berlin nach Hongkong reist man etwa zweiundvierzig Tage. Aber die Reise von zweiundvierzig Tagen hat sich gelohnt, wenn ihr Ertrag nichts weiter als eine sternklare Nacht im Hafen von Hongkong ist.

Sehr viel hübscher als ich drückt es die achtjährige Tochter eines deutschen, nach Tokio fahrenden Diplomaten aus, den man dieser Tochter wegen zum Nachfolger Solfs ernennen sollte. Sie sagt: »Der liebe Gott hat Geburtstag!« – Und sie trifft damit das Richtige.

Der wahrhaft gläubige Mensch aber sinkt hier in die Knie und faltet die Hände zu dem Gebet: »Ehre, dem Ehre gebührt.«

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Wir haben uns aus der Markthalle in Hongkong, bevor unser Schiff die Weiterreise nach Schanghai antrat, schnell noch einen Korb mit Mangos gekauft. Die Feinheit dieser äußerlich birnenartigen, nach feinster Melone schmeckenden Frucht haben schon die alten Römer erkannt und versucht, die Frucht nach Italien zu verpflanzen. Leider ohne Erfolg. Ich wünschte, man wiederholte diesen Versuch. Auf Jahre hinaus wäre Mango die große Mode in Europa – und zwar nicht der schlechtesten eine.

Allerliebst das »Adieu des sacrées soeurs« am Vorabend von Schanghai. Sie müssen nun wochenlang den chinesischen Fluß hinauf, in einem Kahn ohne jeden Komfort, müssen ihr Essen selbst beschaffen und kochen und auf hartem Boden schlafen, ehe sie an ihren neuen, freudlosen Wirkungskreis gelangen. – Man kann mit den Chinesen sympathisieren und braucht doch nicht zu billigen, daß diese Jugend der Welt – o nein! das nicht! – wohl aber, daß die Welt dieser Jugend verlorengeht. Wenn es aber sein muß, gibt es denn nicht arme Kinder in Italien genug, denen die Liebe und Pflege dieser Nonnen zugute kommen könnte? – Auf diese meine Frage schweigen Pater und Nonnen. Also ist wohl die Bekehrung zum Christentum das leitende Moment für sie. – Sehr feierlich, als kurz vor Schanghai die Stewards die Gläser sämtlicher Passagiere mit Meßwein füllen, der Pater ans Glas schlug und für die Nonnen und sich die Abschiedsrede – Addio Italia! Addio patria! – sang. Denn dies in Rührung vorgetragene neapolitanische Italienisch war kein Sprechen mehr. Kein Wunder, daß sich die Augen der Damen – vornehmlich derer, die kein Wort verstanden – mit Tränen füllten.

ohne Bildunterschrift
ohne Bildunterschrift

Schon nach vier Tagen in Schanghai erkannte ich, daß, wie alles, so auch die Sauberkeit der Chinesen, die mich anfangs verblüffte, relativ ist. – In Hongkong hat unbedingt der englische Einfluß »reinigend« gewirkt. Denn was ich in Schanghai, in nahen Städten und – verdecke dein Antlitz! – auf Dörfern sah, war beinahe Orient. Das sind die Aermsten natürlich. Und da chinesische Genügsamkeit nicht mit europäischem Maßstab zu messen ist, so kann man sich von dieser Armut auch keine Vorstellung machen. Dank dem Entgegenkommen des Gouverneurs sah ich in großen Städten Chinas Schulen, Arsenale, Gerichte und alles, was damit zusammenhängt, – kurzum: so ziemlich alle sozialen Einrichtungen. – Eins ist klar: Besitzerwerb und Steuerung der Armut ist nicht ihr Grundprinzip – wie sonst überall in der Welt. In einem Lande wie China, in dem Armut nicht nur nicht schändet, sondern organisiert ist wie jedes andere Handwerk – die Gilde mit ihrem Armenvogt an der Spitze hält durchaus auf Ordnung –, steigt der Mensch auch nicht wie in der übrigen Welt in der Achtung seiner Mitmenschen im Verhältnis, in dem sich sein Geldsack füllt. Bei diesem Volke der Heiden, an dem die Missionare der ganzen Welt ihre Kräfte üben, spielt Leben und Reichtum nicht annähernd die Rolle wie bei allen anderen Völkern, und es müßte demnach leicht sein, sie dem Christentum zu gewinnen, wenn nur die Christenvölker ein etwas besseres Beispiel gäben.

Religiös sind die Chinesen gewiß. Ich sah im großen Tempel zu Lung-Wa dies Volk einen hohen Festtag, der nur alle zehn Jahre wiederkehrt, feiern. Von allen umliegenden Orten waren sie gekommen, um ihren Göttern zu huldigen. Zu Dutzenden standen die frischgestrichenen und geschmückten Götzen da und ließen regungslos Gebete, Wohlgerüche und Opfer über sich ergehen. – Und wie man sie betrog! Statt echten Goldes und Silbers schütteten die Gläubigen wahre Berge von Papier in Gold- und Silberfarben über ihre Götter aus. Und die Götter glotzten und duldeten den Betrug, über dessen Gelingen – wie mir schien – die Betenden eine stille Freude empfanden. Die Götter hatten es nicht bemerkt, glaubten sie und hofften nun bestimmt, daß sie sie erhören, ihre Bitten erfüllen würden. So – glaubt mir! sieht es in den Seelen der gläubigen Chinesen aus. – Ob auch in denen der reichen chinesischen Damen, die, selbst am Steuer ihrer Autos, an dem Tempel vorfuhren? – Sonderbar! Sobald sie europäisch wirken, glaubt man ihnen nicht mehr. Und ich fürchte, bei ihnen werden auch die Götter den Schwindel merken. Aber nur, weil sie wissen, daß diese Reichen auch echtes Gold und Silber opfern könnten.

Jedenfalls sind die amerikanischen Missionare bessere Geschäftsleute als die chinesischen Götter. In der »New World«, dem Lunapark von Schanghai, sang ein chinesischer Otto Reutter von einem solchen Missionar, der mit einem Handköfferchen aus San Francisco gekommen, ins Innere gewandert und schon nach zwei Jahren mit einem Berg von Koffern im eigenen Auto nach Schanghai zurückgekehrt sei. Und unter dem Schmunzeln der chinesischen Zuhörer versichert er, daß er nicht etwa einen Bestimmten damit treffen wolle. – In der »New World« sind die Chinesen unter sich. Die Art ihrer Belustigungen ist naiv genug. In jedem zweiten Saale ein Theater. Hier ein Ausstattungsstück, das bis auf die kostbaren Kostüme nicht viel höher steht als die Belustigungen wilder Volksstämme oder unsere Revuen. Nur hier und da ein paar Szenen, in denen die Anfänge choreographischen Fühlens stecken. Der Mangel an Rhythmus wird am sinnfälligsten bei den Soubretten, deren monotone Art der Gesten den Vortrag nirgends unterstützt. Endlose Couplets naivsten Inhalts werden in monotoner Gesangsform vorgetragen, die, ohne unserem musikalischen Empfinden Konzession zu machen, im Vergleich zu den alten chinesischen Opern doch beinahe melodisch wirkt. – Daß die Chinesin im öffentlichen Leben auch heute noch nicht hervortritt, wirkt natürlich besonders auf Stätten wie diese. Zwei reizende chinesische Koköttchen, die meine Begleiter auf vierzehn bis fünfzehn Jahre schätzen, und deren höchste Freude es ist, auf altersschwachen Eseln im Hippodrom herumzuhopsen, sind die einzigen Chinesinnen ohne männliche Begleitung in diesem Riesenetablissement. Trotzdem finden sie – ich nehme uns aus – keinerlei Beachtung. Im übrigen wimmelt es von Männern jeden Alters, alten Frauen, Müttern und Kindern bis zum Säuglingsalter. Aber es fehlt jede Ausgelassenheit; es ist ein stumpfes Sich-unterhalten-lassen, bei dem man sich selbst nicht einen Augenblick lang echauffiert. Für dies Volk scheint tatsächlich nur die Hochzeit und die Beerdigung einen ausreichenden Grund für lärmende Feierlichkeit abzugeben.

*

Im Vergleich zu Schanghai ist Berlin eine tote Stadt. Mit der üblichen Bezeichnung »Klein-Paris« schätzt man es falsch ein. Am Broadway erinnert es in bezug auf Verkehr und Gebäude viel eher an London. Die Atmosphäre aber – und die allein charakterisiert eine Stadt – ist eine völlig eigene. Der Pulsschlag von New York, London, Paris, man mag ihn im Norden, Süden, Osten oder Westen spüren – er ist doch überall charakteristisch für die ganze Stadt. »Das Herz von New York« ist eben doch mehr als nur ein Roman oder Filmtitel. Es ist da, es lebt. Und die hunderttausend Adern der Stadt werden von ihm gespeist. Gewiß sonderbar und unerklärlich: New Yorks Chinesenstadt ähnelt äußerlich ganz gewiß mehr jeder beliebigen Stadt in China als der »Fifth avenue«. Und doch hat man nicht einen Augenblick lang das Gefühl, wo anders als in New York zu sein.

Dies gilt für alle großen Städte, die ich sah. Schanghai ist die erste, für die es nicht gilt. Diese Stadt ist kein Ganzes. Sie hat so viel Herzen wie sie Gesichte hat. Das gilt nicht nur von dem Europäerviertel im Verhältnis zur Chinesenstadt; es gilt auch für die europäischen Viertel untereinander. Genau wie es für die chinesischen Viertel gilt. Das Herz in dem französischen Stadtteil schlägt anders als in dem englischen. Und wo in der Nanking Road plötzlich die europäischen Geschäfte enden und das moderne chinesische Geschäftsviertel beginnt, da ist im selben Augenblick auch schon der Pulsschlag ein anderer. Genau wie in der alten Chinesenstadt der Atem anders geht als in der modernen.

Der Weltreisende freilich wird das nicht spüren. Sowohl der aus dem Innern Chinas Kommende, wie der auf dem Meer Reisende wird als erstes die langentbehrte Wohltat europäischer Kultur genießen wollen. Ein Blick auf the Bund und eine Nacht im Astor-Haus – und er träumt sich im siebenten Himmel. Er ruft: »Endlich wieder europäische Kultur«, und der Schanghaier, mag er Engländer, Amerikaner, Deutscher, Italiener oder Jude sein, erwidert stolz: »Was London, Paris, New York und Berlin an Kultur bieten, das alles finden Sie zusammengefaßt in unserem Schanghai.« (Sic! wörtliche Wiedergabe eines Gesprächs mit einer sehr prominenten Italienerin, deren Gatte ein hohes chinesisches Amt bekleidet und deren Haus eins der ersten in Schanghai ist.) Auf meine Frage: Wie äußert sich das? wie stellt man dies fest? erwidert die älteste Tochter: »Verleben Sie einen Tag und eine Nacht mit uns.« – Um sieben Uhr morgens holte sie mich in ihrem Autocar, das sie wie alle Schanghaierinnen von Distinktion selbst lenkt, im Astor-Hotel ab. Reitdreß. Zigarette im Mund. Wir fahren etwa zwanzig Minuten durch die Stadt. An einer Allee steht ein halbes Dutzend Kulis mit einer kleinen Ponyherde. Wir reiten. Erst ein, zweimal die Allee rauf und runter und probieren die Pferdchen, die wie Spielzeug ausschauen, es aber in sich haben. Sie haben Nerven und reagieren auf jeden leichten Druck des Schenkels. »Wie wir Frauen,« sagt meine schicke Begleiterin und will sich totlachen über mein Gesicht, das mehr ihrer burschikosen Antwort als dem Nervensystem dieser schnittigen Pferde gilt. – »Idiot!« brüllt sie einen der Kulis an und schlägt ihm mit der Reitpeitsche über den Kopf. Denn es gehört zur Kultur von Schanghai – und der Kuli nimmt kein Aergernis daran. – »Sie sollten der Ewis doch einen Herrensattel auflegen,« fährt sie ihn an und stößt ihn zur Seite. – Links von der Allee spielen Europäer Polo. Und wie! »Das sind noch lange nicht unsere Besten!« beteuert meine Begleiterin. »Die Engländer sind um Pfunde besser.« – Wir galoppieren durch die Gegend. Die Kulis mit der Ponymeute hinter uns her. Wir schonen keinen Halm und keine Pflanzung. Auch wo wir dicht an den Gehöften der Chinesen vorüberkommen, geht es rücksichtslos drauflos – drüberweg – ein Chinesenkind schlägt vor Schreck hin – eine Handbreit weiter und es kugelt in den künstlichen Bach hinter dem Hause, in dem der Chinese seine Hechte mästet. Fragt mich nur nicht wie; ich müßte Antwort geben und ihr rührtet zeitlebens keinen Fisch mehr an. Einer alten Chinesin, die nicht acht gibt, flitzt die Gerte über den Rücken. »Nicht doch!« sage ich empört. Meine Begleiterin lacht und sagt: »Die Schweine! Nur eins darf man nicht, aber ich tue es doch!« – und sie setzt mit dem Pony über eins der vielen hinter dem Hause ein bis zwei Meter aufgeschaufelten Gräber – über ein zweites, drittes – während die Kulis die Mäuler verzerren, ihre Ponys zurückreißen und im Schritt an den Gräbern vorüberreiten. – Kultur von Schanghai! – Zwei Stunden später im Astorgrill zum Lunch. Sehr laut. Sehr ungeniert. Unterhaltung: Pariser Mode, Pferde, Sport, wieder Mode und nochmals Mode und dann mit Gesichtern, als gälte es die Relativitätstheorie zu widerlegen, eine Stunde lang ganz ernsthaft Kritik über den letzten amerikanischen Wildwest-Film. Nach dem Lunch wieder ins Auto. Meine Begleiterin steuert. Ich sitze neben ihr, stecke ihr alle zwei Minuten eine neue Zigarette in den Mund, die Zigaretten, die sie – wie sie behauptet – so nötig hat wie der Wagen das Benzin. Wir machen Besuche. In jeder Villa förmliche Siedlungen von Kulis. Man hat den Eindruck, daß Europäer sich das ganze Jahr nicht einmal bücken. Und man begreift, daß niemand von ihnen sich in europäische Verhältnisse zurücksehnt. – Schon so um drei Uhr herum wird das europäische Jung-Schanghai unruhig. Der Tag erreicht seinen Höhepunkt. Die Tee- und Tanzstunde rückt näher. Man beginnt zu überlegen, ob man ins Astor oder Carlton geht. Man entscheidet sich fürs Astor. Nun wird man nachdenklich, zieht die Stirn in Falten, denn jetzt heißt es, sich entscheiden – die große Frage, die sich jeden Nachmittag wiederholt – »was ziehe ich an?« – Zwei Stunden später tanzt »tout Schanghai« – das sind die Europäertöchter, auch half-casts – jedenfalls alles, was Gesellschaft ist oder sich dafür hält. Es ist kein Tanz im Geiste eines Johann Strauß. Nicht der körperliche Ausdruck einer leicht beschwingten Phantasie. Kein Sichlösen für Augenblicke von der Erdenschwere. Es ist im besten Falle eine schwere, nüchtern ernste Zelebration ohne jede seelische Beschwingtheit. Es ist Arbeit! bei gesteigertem Bewußtsein, während höchster Ausdruck des Tanzes unbewußtes Aufgehen in rhythmischer Bewegung ist. Hier geht alles bewußt auf Wirkung. – Diese für Schanghai eigentümlichen Tanztees, von denen der ganze Osten spricht – Japan natürlich ausgenommen –, gelten als der höchste Ausdruck Schanghaier Kultur. – In der Tat kann man von Schanghai sagen: an ihren Tanztees kann man sie erkennen. – Es ist eine Talmikultur schlimmster Art. Eine gehirnlose Masse mit einer ganz dünnen Schicht europäischer Kultur überzogen. Ohne jeden inneren Gehalt. Ohne Bildung. Ohne Seele. Ganz nur auf Aeußeres gestellt. Ganz nur darauf gestellt, zu scheinen. – Das ist der Schanghaier in Reinkultur. Die junge Welt beiderlei Geschlechts, die den Ton angibt. Denn die Frau Mama gesteht, daß sie machtlos gegenüber ihren Kindern ist und der Herr Papa ist von früh bis spät auf den Beinen, um das für den Schanghaier Standard of life seiner Kinder das nötige Geld zu verdienen. – Mit den Tanztees beginnt der eigentliche Tag. Ist er zu Ende, sieht man in das Hotel Kalee, Burlington und Palace hinein. Oft tiefer, als es der gute Geschmack erlaubt. Es folgt die Toilette für den Abend, die Stunde der Bildung im – Kino (nur größter Kitsch) mit anschließendem Tanz im Carlton, Parisien und Trocadero.

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China hat zwei Köpfe. Einen chinesischen und einen europäischen. Der europäische ist Schanghai. Und obgleich der nur für ein paarmal Hunderttausend, der chinesische für beinahe vierhundert Millionen denkt, ist er es doch, der die Entscheidung vorbereitet. Ueber das Schicksal der Welt. Denn das wird nicht durch, wohl aber mit China entschieden werden. Ist die Jahrtausende alte Kultur Chinas auch verfallen, so verspürt man doch noch hier und da ihres Geistes Hauch. Man braucht nur nach Hangchou und Souchou hinauszugehen. Falsch, hinterlistig, grausam ist der Chinese. Gewiß! Aber er ist außerdem – und das ist letzter Ausdruck alter Kultur – feinfühlig bis in die Fingerspitzen. (Auch diese Fingerspitzen, die feinen Knöchel und Gelenke sind vielleicht mehr als nur physiologische Merkmale; sie muten oft an wie der äußere Ausdruck feinnerviger Empfindsamkeit.) – Der Chinese fühlt den Europäer viel deutlicher als der Europäer ihn. Wohlverstanden: er fühlt ihn; er durchschaut ihn nicht. Aber vom Fühlen bis zum Durchschauen ist nur ein Schritt. Und was der Schanghaier als europäische Kultur aufrichtet, empfindet er als unendlich dumm und leer. Ich habe mit ganz prominenten Chinesen, deren Mittel und Einfluß Millionen von Chinesen Richtung im Denken und Handeln weist, gesprochen – sie sind mit mir der Meinung, daß Schanghai das europäische Hauptquartier für die Verchristlichung und Vereuropäisierung Chinas ist. Aber sie glauben weder an das eine noch an das andere, weil sie fühlen, daß das Europa Schanghais schlechtestes Europa ist. Sie kennen die Welt und wissen, daß es ein besseres Europa gibt. Sie freuen sich, daß das zu Hause bleibt. Amerika fürchten sie gar nicht. Denn – sagen sie – das ist an sich schlechtestes Europa. Wer aber glaubt, daß der Materialismus die Geschicke der Welt bestimmt, der irrt. Es war noch immer der Geist – der, Gott sei gedankt, nicht käuflich ist.

*

Nur wer China nicht kennt, kann Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten nennen. Amerika mag das Land der unbegrenzten Zahlen sein, aber psychologisch ist dort nichts zu holen, da ein Amerikaner dem anderen gleicht, wie eine Rechenmaschine der anderen – nur ein Unterschied besteht im »System«. So muß er sich in China noch unbeliebter machen als in Japan. Dies China Jahrtausende alter Kultur ist heute vielleicht – Indien mit einbegriffen – das einzige Land, das noch nicht vom Kapitalismus besessen ist – in des Wortes doppelter Bedeutung. Dabei ist der Aufwand beispiellos, mit dem Amerika um China wirbt. Im Innersten wimmelt es von Chinesenschulen, die von amerikanischen Missionaren geleitet werden – nicht, um die kleinen Heiden zum Christentum zu bekehren – vielmehr um sie den Haß gegen Japan zu lehren und ihnen zu predigen, daß aller Lebensweisheit letzter Schluß sich in »business« erschöpft. Wäre der Amerikaner ein klein wenig Psychologe, so wüßte er, daß die chinesische Volksseele seinen Maximen völlig verständnislos gegenübersteht, und er wüßte auch, daß er der Hauptschuldige ist, wenn das nächste Christenmassaker Formen annimmt, im Vergleich zu denen der letzte Boxeraufstand ein Kinderspiel war. Jeder, der ein paar Jahre in China lebt, weiß, daß wir vor solchen Massakers stehen – jeder weiß aber auch, wer der Hauptschuldige ist. Volksstimmungen lernt man am besten an Volksbelustigungen kennen. Das Couplet vom amerikanischen Missionar, von dem ich schon sprach, habe ich an einundzwanzig verschiedenen Stellen innerhalb kurzer Zeit von chinesischen Sängern und Soubretten, vom Volke stürmisch beklatscht, singen hören.

Unvergleichlich viel klüger ist die Art, in der England und Japan um China werben; bezeichnend aber ist, daß Deutschland, seitdem es nicht mehr die Möglichkeit hat, mit diesen Staaten in Wettbewerb zu treten, in der Gunst der Chinesen voransteht. Sie fühlen die Gleichheit des Schicksals. Zwei große, tüchtige Nationen der Willkür anderer ausgeliefert, nachdem diese sie unfähig zum Widerstand gemacht haben. Den Deutschen aber muß man immer wieder predigen und ihnen China als Schulbeispiel vor Augen halten, wie ein Volk ohne Nationalgefühl ein Spielball in den Händen der anderen und schließlich ein Volk von Kulis wird. Es ist kaum glaubhaft und doch wahr, daß die drei Millionen Schweizer ein weit gewichtigeres Wort im Rat der Völker mitzureden haben als dies Riesenland mit seinen fast vierhundert Millionen Bewohnern.

Dem Chinesen ist sein Land Hekuba, sofern er nur den nötigen Reis hat, um seinen Hunger zu stillen. Er kennt über sich hinaus nur die Familie, durch die er mit dem Himmel, also mit der Ewigkeit, verknüpft ist. Der Ausgangspunkt, von dem aus Nationalgefühl zu züchten wäre, ist also gegeben. Und es scheint, daß ein paar Generale auf dem richtigen Wege sind. Freilich: den Boden bereitet haben die Europäer. Die Autorität der weißen Rasse – sie waren in den Augen der Chinesen noch vor zehn Jahren mehr als nur die sittlich und geistig Ueberlegenen – ist erschüttert. Kein Wunder! Denn was jahrhundertelange Missionarsarbeit schuf, haben Engländer und Amerikaner zerstört. Wie war Chinas Lehre: Liebe deine Feinde! vereinbar mit den haßerfüllten »Gesängen« (in Wort, Schrift und Film), mit denen England und Amerika die Chinesen in den Krieg gegen die Deutschen hetzten? Und die blutrünstige Schauermär über deutsche Greuel, die in den buntesten Farben den Chinesen zum Frühstück, Mittag und Abend monatelang in den englischen und chinesischen Zeitungen serviert wurde, ließ den Chinesen glauben, daß sie, die Wilden, doch bessere Menschen seien. Welcher Chinese wagte früher einen Europäer anzurühren? Heute schlagen sie englische Polizisten nieder, und ganze Distrikte, ja die Schiffahrt nach der Millionenstadt Kanton ist gefährdet, weil chinesische Seeräuber europäische Steamer überfallen. Am meisten ins eigene Fleisch aber schnitten sich die Engländer und Amerikaner, als sie die Exterritorialität der Deutschen aufhoben und diese den chinesischen Gerichten unterstellten. Richter, die gestern noch die berüchtigte Todesstrafe der hundert Schnitte verhängten (dem Verurteilten werden kunstgerecht, ohne daß er das Bewußtsein verliert oder verblutet, die Brüste abgeschnitten, die Arme ausgerenkt, die Kniekehlen ausgeschnitten usw.), urteilen morgen deutsche Kaufleute ab.

*

Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß die Deutschen seit Aufhebung der Exterritorialität so gut wie rechtlos in China sind. Oder was anderes ist es, wenn in Harbin ein deutscher Greis, der seit vierzig Jahren in China lebt, monatelang wegen Mordverdachts in menschenunwürdiger Haft gehalten wird, weil man in seinem Garten, den er umbauen ließ, das Skelett eines prähistorischen Tieres fand? – Oder ein Mr. Str. wird in einem chinesischen Hotel von einem Kuli bestohlen. Er zeigt ihn an und er – nicht etwa der Chinese – wird verhaftet und erst nach Zusage, gegen den Kuli nichts zu unternehmen, auf freien Fuß gesetzt. – Diese zwei Beispiele für hundert.

*

Man hat's in Deutschland eine Farce genannt, als die Alliierten gelegentlich des Todesurteils, das die Chinesen über einen, des mehrfachen Mordes überführten Bayern verhängten, die aufgehobene deutsche Exterritorialität dahin interpretierten, daß das Urteil zwar zu Recht erfolgt sei, der Delinquent aber zwecks Vollstreckung den exterritorialen Mächten auszuliefern sei. Wer die Arten der Hinrichtung in China kennt, wird das Einschreiten der Mächte durchaus berechtigt finden. Der Tod in den Riesenkesseln, zur Gewinnung von Oel aus kochendem Samen, in denen zur Zeit des Boxeraufstandes Missionare und Krankenschwestern verbrannt wurden, mutet fast harmlos an neben der Todesstrafe der hundert Schnitte, die in der Republik offiziell abgeschafft, im Innern Chinas aber heute noch vollstreckt wird. Hauptsächlich an Ehebrecherinnen und Kindern, die sich an ihren Eltern vergangen haben. Grausameres läßt sich nicht erdenken als diese in Gegenwart des Volkes vollzogene Hinrichtung. Noch als ich drüben war, berichtete ein englisches Blatt über die noch qualvollere Todesart eines Chinesen, der seinen Vater getötet und den die Familie, wie in vielen Provinzen heute üblich, den Soldaten zur Bestrafung übergeben hatte. Die setzten den Mörder in eine Art fest um den Leib schließenden Kessel, nachdem sie den Körper bis zum Nabel mit Honig bestrichen hatten. Unten in den Kessel hinein aber setzten sie eine Ratte, die sich in den lebendigen Leib des Delinquenten fraß.

Ich weiß, mit welchem Eifer gerade in Europa lebende Chinesen Reformen in ihrem Land erstreben, weiß, daß sie mit demselben Schauergefühl diesen Dingen gegenüberstehen wie wir. Das kann aber uns nicht hindern, mit allen Mitteln danach zu streben, die Exterritorialität in China wiederzuerlangen.


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