Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Drittes Kapitel

Port Said. Hier zeigt die Welt ein neues Gesicht. Endlich! Auch ehedem mag der Europäer, wenn er Port Said betrat, den Unterschied von Mensch zu Mensch empfunden haben. Die Erdenschwere, jenes wesentlichste Merkmal, das die sogenannte Kultur der Menschheit aufdrückte, fehlt diesen zum Teil noch unbewußten Menschen. Ein Gemisch von Arabern, Berbern und Negern. Freilich: noch drückt der Europäer dieser ägyptischen Stadt sein Merkmal auf. Doch nur für den Durchreisenden und oberflächlichen Beschauer. Das Boulevardtreiben, die dichtbesetzten Kaffeehäuser, die ihre Tische fast bis an den Bordrand des Fahrdamms schieben, die zahllosen Magazine, die flinken Fiaker mit geputzten Menschen – alles das wirkt puppenhaft wie eine Miniatur-Seinestadt.

Dieses Städtchen mit etwa 60 000 Menschen feiert von Mittag ab bis in die kühlende Nacht hinein im Freien und lebt – scheint mir – vom Export und den Fremden. Zwar die Hotels entsprechen kaum der Bedeutung der geographischen Lage am Ausgang des Suezkanals. Und die Nähe von Kairo und dem neuerdings lebhaft bereisten Jerusalem böten bei geschickter Regie dieser Stadt große Möglichkeiten – meint Andernfalls. Und ihr guter Instinkt trifft das Richtige.

»Du bist kein Geschäftsmann,« schilt sie. »Laß uns hier bleiben und telegraphiere an August, der finanziert das.«

Dabei erregt sie sich so lebhaft, daß der Kellner ihr den dritten Strohhalm für ihr Americano bringen muß. Ein Bild von einem Araberjungen hebt grinsend die beschädigten Halme auf.

»Was machst du damit?« fragt Andernfalls auf englisch – und statt einer Antwort zieht er behende unter seinem Rock ein Küken hervor, setzt es vor Andernfalls auf den Tisch, nimmt ihre Hand, streicht mit ihr über den Rücken des kleinen Federviehs und siehe da: aus einem Küken werden zwei, aus zweien drei – – bis schließlich unser Tisch ein Hof von Küken, der Teller mit Kuchen aber ihre Beute ist.

Andernfalls ist entzückt. Aber sie öffnet eben den Mund, da greift der Araber schon nach ihrer Nase, singt ein paar Töne und zaubert an diesem Kunstwerk göttlicher Schöpfung – wirklich! Andernfalls' Nase ist klassisch schön! – ein Silberstück nach dem andern heraus.

Andernfalls ist entzückt. Entzückter noch, als er auf ein Silberstück, das ich ihm reiche, unaufgefordert eine Handvoll Kupfer herausgibt.

»Den sollten wir mitnehmen!« ruft sie begeistert. »Denke, was man mit dem an einem Abend im Zoo für Geld verdienen kann.«

Ich widerspreche. Sie ereifert sich.

»Du hast keinen Geschäftssinn,« schilt sie. Und ich erwidere:

»In einem halben Jahr. Auf der Rückreise. Was fangen wir mit dem Jungen in Japan an?«

Sie läßt sich Namen und Adresse geben. Zahlt an! Damit er sich nicht anderswohin verpflichtet. Er schwört. Gibt es schriftlich. In arabischen Schriftzeichen, da Andernfalls gründlich ist, auch auf englisch. Er macht ihr ein Küken zum Geschenk. Andernfalls nimmt es gerührt an. Aus Furcht, es werde die Seereise nicht vertragen, gibt sie es bei dem Araber in Pension und zahlt für die Verpflegung a conto ein Pfund.

»Wirst du es denn herausfinden nach so langer Zeit?« frage ich.

Andernfalls stutzt.

»Wenn ich ihm dies Platinkettchen umbinde,« fragt sie arglos. Der Araber ist von dem Gedanken entzückt. Ich erlaube mir zu bemerken:

»Ich fürchte, es wird heranwachsen und ihm die Kehle zuschnüren.«

»Es liegt ja dreifach und der Junge lockert es alle paar Tage.«

Heilig verspricht er's.

»Einen Namen muß es haben,« meint Andernfalls. Der Junge findet es durchaus gehörig. – »Wie wäre Mohammed?« fragt sie.

»Aber Kind,« erwidere ich. »Es ist doch ein Huhn.«

»Du widersprichst immer.«

Unbeirrt fahre ich fort:

»Genau wie unsere Hühner!«

Andernfalls stutzt.

»Du nimmst einem jede Freude.«

»Wir werden Dinge finden, die es bei uns nicht gibt – in Hülle und Fülle.«

Andernfalls ist mißtrauisch geworden.

»Wie der indische Schal, nicht wahr?« sagt sie. Aber die Aehnlichkeit des Kükens mit europäischen scheint ihr einzuleuchten. Sie überlegt: »Du meinst, man sollte es lieber lassen?«

»Es wird zu spät sein,« erwidere ich und weise an die Straßenecke, um die eben der Araber im Laufschritt biegt.

Andernfalls ist platt.

»Und er hat das Küken mitgenommen?« fragt sie.

Ich sehe sie an und staune.

»Was ist?« fragt sie und fährt mit der Hand über ihre Taille, auf der mein Auge ruht.

»Meine Perlennadel!« ruft sie.

Ich springe auf und jage dem Jungen nach. Mir ist, als glotze er aus dem Fenster eines Hauses, das an der Ecke der Straße liegt. Aber nein, da steht er ja – mitten auf dem Damm – neben ihm drei andere Araberjungen – und ich stelle fest: jeder von ihnen kann es sein. Mit ihren dunklen Augen sehen sie mich treuherzig an und strecken die Hände aus. Andere kommen hinzu. Jetzt sind es zwölf. Ich werfe jedem ein Kupfer in die Hand. Sie heulen auf. Vor Freude. Und ich denke: ob er wohl darunter ist?

Ich eile zurück. Vor Andernfalls' Tisch ein Auflauf. Laute Stimmen. Ein baumlanger Polizist, der die Taschen eines jungen Arabers durchsucht.

Andernfalls ruft in großer Erregung:

»Er ist's!«

Europäer, die an Nebentischen saßen, beteuern, daß sie sich irrt. Sie bleibt dabei. Der Junge empört sich. Aus seinen Taschen zieht der Polizist Eidechsen, Zigaretten, Gummi, – nur das Huhn, die Platinkette und die Perle nicht.

Ich kläre Andernfalls auf, zeige ihr Araberjungen, die dem Gesuchten viel ähnlicher sehen. Sie wird unsicher. Gibt die Möglichkeit zu.

Lauter Lärm. Hunderte umlagern uns. Mit einem Schmerzensgeld von fünf Schilling kaufe ich uns los.

Auf dem Wege zum Schiff, verfolgt von einer Horde schwarzer und brauner Jungen, die hinter uns herschreien, sage ich zu Andernfalls:

»Nach dem Debüt werden wir uns, auch wenn August uns finanziert, hier kaum niederlassen können.«

Andernfalls erwidert:

»Die Reise fängt doch erst an.«

Und am Abend schreibt sie in ihr Reisetagebuch als Ueberschrift über das erste Kapitel:

»Das Küken von Port Said«.


 << zurück weiter >>