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Neunzehntes Kapitel

Die Reise nach Schanghai verlief ohne Zwischenfälle. Beatrice war eine liebevolle Gattin, um die mich Offiziere und Passagiere beneideten. Sie schien heiterer als auf der Hinfahrt, aber im Gegensatz zu damals mit ihren Gedanken ganz wo anders. Auch fand sie allabendlich Gründe, bis tief in die Nacht aufzusitzen. Ich entnahm daraus, daß sie Unruhe litt und keinen Schlaf fand. Aber da sie zweifellos Gründe hatte, aus denen sie sich mir nicht erschloß – ich nehme an, es geschah aus Rücksicht –, so drang ich nicht in sie – so stark es ihr hin und wieder Bedürfnis schien, sich zu erleichtern.

Bei aller Zurückhaltung Dritten gegenüber unterhielt sie sich öfters mit dem Radiotelegraphisten. Ich war überzeugt, daß dies Interesse nicht dem jungen Mann galt, der in jeder Hinsicht belanglos war. – Ich bin keine ängstliche Natur. Aber behaglich war mir als Ehemann einer Frau, die auf falschen Paß reiste und eine politische Agentin war, die vor nichts zurückschreckte, gerade nicht.

Eines Abends fragte ich Beatrice:

»Sage mir nur eins: dein Reiseziel.«

»Glaubst du, ich habe ein Reiseprogramm?«

»Du hattest es, als du nach Japan fuhrst.«

»Erraten.«

»Du hattest nie die Absicht, nach Siam zu gehen.«

»Auch das ist richtig.«

»Du kehrst also nach London zurück.«

»Ich wünsche es mir.«

»Hängt es nicht von dir ab?«

»Zum Teil.«

»Deutlicher willst du nicht werden?«

»Nein! – In deinem Interesse.«

»Ich dachte es mir.«

»Ich bin tief genug in deiner Schuld.«

Ich wehrte ab. Aber sie schien bewegt, fuhr sich mit der Hand über die Augen und sagte:

»Es ist ein schweres Gefühl, anderen eine Verantwortung aufzuladen für das, was man selbst tut.«

»Hast du mich denn irgendwie vorgeschoben?«

»Auf Wort nicht. – Aber daß du mich hier deckst, ist gerade genug.«

»Ich werde niemals eine Frau preisgeben.«

Sie hielt noch immer meine Hand, schien bedrückt und sagte:

»Weißt du, was ich möchte? Mit dir ein paar Tage ganz losgelöst von allem irgendwo leben.«

»Nichts leichter.«

»Und deine Japanerin?«

»Solange wir nicht zusammen sind, kann sie nichts dagegen haben.«

»Hat sich die Liebe schon so weit abgekühlt? Ich sagte dir ja: sieh dich vor! Nichts ist der Liebe schädlicher als Seefahrt und Luftveränderung.«

»Du läßt mir nicht viel Zeit, darüber nachzudenken.«

»Das genügt. Du versprichst mir also, wenn ich bis Europa komme ...«

»Warum solltest du nicht?«

»Ich hoffe ja auch. Aber man kann nicht wissen. Wir steigen dann in Venedig aus. Am Lido sind dann noch nicht viel Menschen – es ist noch kühl.« – Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Weißt du, ein paar Tage, das ist für meine Nerven genug – länger halt' ich's nicht aus. Du verstehst das? – es richtet sich nicht gegen dich – wenn du dann bleiben möchtest und ich gehe fort – ich sage das lieber gleich – obschon es ja nicht sehr wahrscheinlich ist, daß ich bis Venedig komme – jetzt kommt Schanghai – neun Tage! nicht zu ertragen! – dann Hongkong, Singapore, Colombo, Bombay, Carachi! – wenn wir das hinter uns haben! – Aber bis dahin ...!«

»Du überschätzt deine Kräfte und ruinierst dich.«

»Laß!« wehrte sie ab. »Es geht vorüber.«

Der Erste Maschinist kam an uns vorüber. Wir waren schon im Fluß vor Schanghai. Der Lotse war an Bord. In zwanzig Minuten vielleicht waren wir im Hafen.

»Willst du lieber auf dem Schiff bleiben?« fragte ich.

»Aber nein! Ich möchte so schnell wie möglich an Land.«

»Mit wem? Etwa mit mir?«

»Mit wem sonst?«

»Gib mir dein Ehrenwort, daß du in Schanghai keinerlei Geschäfte hast.«

Sie gab es mir. Ich sagte:

»Ich habe keine Lust, eine Wiederholung von Tokio zu erleben.«

»Ich schwöre dir, daß ich keinen Schritt tue.«

»Also Astor-House?«

»Bitte nicht. Es ist so laut und protzig. Laß uns ins Palace oder Kalee gehen.«

»Mir ist es völlig einerlei.«

Beatrice krampfte plötzlich ihre Hand in meine und starrte auf den Fluß.

»Das Polizeiboot,« sagte ich. »Wie in jedem Hafen.«

»Schwöre, daß es in jedem ist.«

»Das weißt du so gut wie ich.«

»Sieh! wie gräßlich diese Menschen aussehen.«

»Ich kann das nicht finden.«

Zwei Beamte der Hafenpolizei kamen an Bord.

»Komm!« sagte Beatrice. Wir gingen an den Beamten vorüber, die gar keine Notiz von uns nahmen. Eine halbe Stunde später waren wir im Kalee-Hotel. – Was mich an Schanghai reizte, war die verhältnismäßige Nähe von Hangchou. Dahin fuhren wir noch am Nachmittag desselben Tages und stiegen im New Hotel ab. Es war ein glühend heißer Tag gewesen. Trotzdem fuhren wir nach unserer Rückkehr in Schanghai noch in die alte Chinesenstadt, um ein paar Mah-Yonggs zu kaufen. – So europäisch ganze Teile Schanghais sind – konzentrierter als in der alten Stadt findet man chinesisches Wesen auch im Innern des Landes kaum.

Freilich: sie alle, die hier wie ein großer Klumpen zusammengeballt arbeiten und leben – was man hier leben nennt: achtzehn Stunden Arbeit und zweimal am Tage ein Teller Reis und ein paar Stück getrockneten, übelriechenden Fisch –, haben sich in irgendeiner Form mit den Europäern gerieben. Ihnen allen, obschon sie mit tausend Mitteln versuchen, ihre Ware gerade an Europäer loszuwerden – die zwar auch die Preise selbst machen, sie doch aber an einem Yongg, der Arbeit von vier Tagen und Nächten, wenigstens einen oder zwei mexikanische Dollars verdienen lassen –, steht passive Resistenz gegenüber den Europäern auf dem Gesicht geschrieben. An Orten, an die kaum je ein Europäer kam, wird man angestaunt und ausgelacht, hier erregt man Gegendruck. Der Empfindsame spürt, wie sich in dem Chinesen innerlich alles auflehnt. Auch die vielen höflichen Worte des Chinesen, bei dem wir Mah-Yonggs erstehen, sind die Unehrlichkeit selbst. Für acht, zehn und zwölf mexikanische Dollars, also durchschnittlich fünfundzwanzig Mark, kaufe ich Stücke, für die man bei uns hundertsechzig Mark und mehr bezahlt. Wir steigen über eine Witwe, die mit ihren Kindern sechzehn Stunden lang an der gleichen Stelle schreiend auf der schmutzigen Gasse liegt, und müssen, um zu dem alten Teehaus zu gelangen, Krüppel mit den ekelhaftesten Geschwüren zur Seite stoßen, um vorwärtszukommen. Die alte Holzbrücke zum Teehaus scheint, genau wie damals, mit alten Lappen belegt zu sein. Alle paar Schritte liegt so ein lebloser Klumpen Tuch und verbreitet Pestgeruch. Ist man zwei Schritte davor, so bewegt er sich und ein knochiger Arm ohne Haut oder ein Gesicht, das so schmutzig ist, daß man nicht erkennen kann, ob es einem Manne, einer Frau oder einem Kinde gehört, lugt hervor. Wirft man nicht schnell einen Kupfer hin, so krauchen diese gewesenen Menschen – oder waren sie es nie? – an einen heran und versperren den Weg. – Ich photographierte das Teehaus. Genau wie bei meiner Hinfahrt, am Tempel sammelten sich Chinesen, und eine hübsche, junge Chinesin, die ein paar Worte Englisch sprach, bat, sie und ein paar Dutzend Chinesen, die bei ihr standen, mit auf das Bild zu nehmen. Ich tat's. – Nun aber streckten sich hundert Hände nach uns aus. Geld! schrien sie. Frech, zynisch, bedrohlich. Und die junge Chinesin reizte die Anderen in gehässiger Weise auf. Ein paar Chinesen traten drohend ganz dicht an uns heran. Ich hatte vor wenigen Minuten zwei etwa ein Meter breite Bildrollen gekauft. Ich hob eine und zerschlug sie auf dem Kopf eines der Chinesen, der eben den Arm gegen Beatrice erhob. Im selben Augenblick schrien sämtliche, etwa hundert Chinesen, auf und liefen davon. – Aehnliches: Vor der Station der Bahn nach Souchou–Hankau–Nanking standen etwa fünfzig Rikschakulis. Der vorderste hatte seinen Wagen wohl ein paar Handbreit über die vorschriftsmäßige Stelle hinausgeschoben. Der Polizist, ein Inder – man spricht nicht viel mit den Chinesen –, berichtigte ihn, indem er ihn mit seinem Gummiknüppel einen Schlag über den Rücken versetzte – daraufhin schlugen sämtliche fünfzig Rikschakulis zu Boden.

Am Morgen des nächsten Tages fuhren wir nach Hangchou. – Wer wird Su-Tung-po, den Gouverneur und Dichter, der Hangchou besang, endlich ins Deutsche übersetzen? – Bitte, lieber Rainer Maria Rilke! Oder wer kann es sonst? Einst die größte Stadt der Welt, von der Perzynsky himmelt:

 

»Die Atmosphäre um den See herum ist geschwängert mit Erinnerungen an dieses Dichters Zeit, als man zum Takt der Ruderschläge die Bambusflöte blies, Sus Lieder anstimmte und die Kürbisflasche im Boot herumging, bis alles trunken war vom Wein, von der Schönheit Chekiangs, von den süßen und wehmütigen Tönen, die wie Seidenfäden über die blaßblaue Fläche des Sees hinflatterten. Als Hangchous Blüte, Venedigs Ruf überschattend, im Mittelpunkt der Erzählungen aller seefahrenden Abenteurer stand, die hierherströmten, um die Paläste, Gärten und Mausoleen kunstbegeisterter Kaiser, die zwölftausend Brücken der Lagunenstadt, die dreitausend öffentlichen von warmen Quellen gespeisten Bäder, die Kaufmannsgüter in den Basaren und das Leben in den Straßen zu bewundern, deren größte ebenmäßig wie der Boden eines Ballsaales und so breit gebaut war, daß neun Reisekarren nebeneinander darauf fahren konnten.«

 

Zwar sind die Lagunen verschwunden und die Zahl der Brücken schrumpfte auf einhundertsechsunddreißig zusammen – aber schön, schön ist es auch heute noch.

ohne Bildunterschrift
ohne Bildunterschrift

Die T'ai'ing, Chinas Wiedertäufer, haben das meiste vernichtet. »Im Namen Gottes und Christi« brannten sie im Mai 1862 neun Zehntel der Stadt nieder und brachten sechshunderttausend Menschen um. Es wird berichtet, daß man auf dem Hai hu, dem Fluß, an dem Hangchou liegt, einen halben Li hinaus auf Leichen wie auf einem Steg schreiten konnte. Und da die Kanäle mit Leichen verstopft waren, so ertränkten sich Frauen und Kinder im Westsee. – Aber im Jahre des Heils, 1924, mutet das beinahe harmlos an.

Wenn man die Ruhe und Schönheit des Ling ying-Klosters genießt, glaubt man nicht, daß es je eine solche Zeit gab. Aber die Nähe von Yo feis Grab mahnt nur zu laut an die Niedertracht der Menschheit, die überall, wo ihr Fuß die Erde berührt, die Natur entheiligt.

Yo feis Fall ist zu charakteristisch für die – chinesischen Generäle, in deren Hand auch heute wieder Chinas Schicksal und darüber hinaus das der in China lebenden Fremden ruht, als daß ich ihn nicht erzählen müßte. Denn – ich sagte es schon mehrmals – Chinas Schicksal wird mitbestimmend für die Neugestaltung der Welt sein, die mit dem Weltkrieg ihren Anfang nahm und deren Ende Jüngere als ich miterleben werden.

Zur Zeit ärgster Bedrängnis der Hauptstadt Hangchou durch die Tataren rettete Yo fei, ein junger honasesischer Bandenführer mit einer selbst gebildeten Truppe die Stadt und damit den Sung-Kaiser Kao tsung. Darüber hinaus schlug er das Mongolenheer entscheidend. Nach zehnjährigem Krieg im heutigen Kaifeng fu in Honan eingeschlossen, war es dem Untergange geweiht. Als Yo fei eben den Vernichtungsschlag führen wollte, rief Ch' in Kuei, der Premierminister, ihn zurück. Der widersetzte sich. Aber der von seinem Minister falsch beratene Kaiser befahl. Der ersten kaiserlichen Rückberufungsorder folgte eine zweite, dritte. Bei der zehnten gehorcht Yo fei. Und die Mongolen eroberten alle Gebiete, die Yo fei ihnen abgerungen hatte, zurück. Der verzweifelte Kao-tsung wandte sich ein zweites Mal an Yo fei. Zum zweiten Male rettete er sein Land. – Jetzt setzte erneut Intrigenspiel Ch's in Kuei gegen Yo fei ein. Ein von ihm bestochener Gerichtshof warf ihn in den Kerker. Das Volk war beunruhigt. Von neuem drängten die Tataren. Da sandte Ch' in Kuei dem Kerkermeister in einer Orange, die sein Weib ausgesogen hatte, den Befehl, Yo fei zu erdrosseln. Der Kerkermeister gehorchte; mußte gehorchen, wollte er nicht selbst sein Leben verlieren. – Siege der Mongolen folgten. Kaiser Kao starb. Erst sein Sohn Hsias tsung brachte Licht in das Dunkel. Ch' in Kuei war von den Mongolen gekauft. Sein Weib die Geliebte des Tatarengenerals. Der Meuchelmord fand seine Sühne. Yo fei wurde ein Tempel am Hsi hu errichtet und seine Familie hochgeehrt.

Das Sonderbare an dem Grabe, das man Yo fei errichtet hat, sind vier eiserne Bildsäulen, zwei zu jeder Seite, mit Gestalten, denen die Hände auf dem Rücken gebunden sind. Zur Rechten Ch' in Kuei und sein Weib, links Yo feis Richter. Oberhalb des Nabels ist jeder der Figuren in chinesischer Schrift der Name eingekratzt. Vor Yo feis Grab wimmelt es von Chinesen, Pilgern aller Art, Kranken, Verkrüppelten, Lahmen, Aussätzigen, Blinden. Die Formen, in denen die Chinesen noch heute, nach siebenhundertundfünfzig Jahren, den vier Verrätern ihren Abscheu zum Ausdruck bringen, spotten jeder Beschreibung. – Der Eifer könnte nicht leidenschaftlicher, die Form nicht ausdrucksvoller sein, ständen statt der vier Siebenhundertundfünfzigjährigen dort die Statuen der chinesischen Generäle, die heute in China gegeneinander kämpfen – nachdem sich herausgestellt hätte, daß ihre Motive keine edleren als die Ch' in Kueis und seiner Gehilfen waren.

*

Erst am übernächsten Tage fuhren wir nach Schanghai zurück. Beatrice sagte zu mir, als wir abfuhren:

»Da hast mir meinen Wunsch nach ein paar Tagen Ruhe schnell erfüllt; ich fühle mich wie neugeboren.«

Obschon Vergnügungsreisende in Hangchou meist auf dem Wasser liegen, waren wir immer nur den Blumen und Bäumen nachgegangen. Das Meer hatten wir zur Genüge genossen – und sollten es noch wochenlang genießen. – Ich hatte nach Hangchou, der Stadt der reichen Chinesen, ein paar Empfehlungen mit, von denen ich aber keinen Gebrauch machte. Wir sahen uns die Häuser und die Gärten an – vor allem aber die Grabmäler der wohlhabenden Familien, an denen Hangchou reicher ist als irgendeine andere Stadt in China.

Als wir in Schanghai ankamen, ging Beatrice zum Coiffeur, während ich die deutsche Buchhandlung aufsuchte und im Anschluß daran dem im ganzen Osten bekannten Restaurateur Neumann einen Besuch abstattete. Ein Berliner Original mitten in China. Ein paar freundliche Chinesen hatten ihm vor nicht langer Zeit seine Frau erschlagen. Der Krieg hatte ihm viel von seinem Glanz genommen. Aber er stand noch fest auf beiden Beinen und trotzte dem Schicksal. Er sprach von Abbau und Rückkehr nach Berlin. Er möge kommen! Wer in Asien bei Neumann aß, vergaß ihn nicht. Nach den Abfütterungen auf dem Steamer und in den internationalen Hotels nach Monaten wieder ein Essen wie zu Hause. Ich bedauerte, daß Beatrice nicht bei mir war.

Sie war auch noch nicht im Hotel. Mußte sie beim Coiffeur warten? War sie noch woanders hingegangen? – Ich dachte an Tokio. Koffer und Sachen lagen unberührt. Aber ich dachte auch an anderes. Unruhig ging ich hinunter ins Vestibül. Eine halbe Stunde verging. Beatrice kam nicht. Diesmal war ich in Sorge. Ich fragte den Portier.

»Gnädige Frau kam vor etwa einer Stunde, trat ins Vestibül und kehrte sofort wieder um. Sie sah flüchtig nach dem Brieffach – und verschwand dann schnell.«

»Nicht möglich!«

»Ich wunderte mich auch.«

Ich sah zum Brieffach. Es war leer. Ich griff hinein und zog eine kleine Dose Chinin heraus. – Ich überzeugte mich, es war nichts darin als ein paar Tabletten dieses Medikaments. – Aber gekritzelt stand irgend etwas auf dem Etikett. Ich entzifferte mit Mühe: Phönix.

Ich wollte den Portier fragen; überlegte es mir, ließ es. – Ich blätterte in dem Telephonbuch; fand es nicht. Ich ging – wie ich erst später wahrnahm, ohne Hut – aus dem Hotel, schob die Rikschakulis, die mich bedrängten, zur Seite und sprang in ein Auto.

»Phönix,« sagte ich. Der Chauffeur verstand mich nicht. – »So fragen Sie,« fuhr ich ihn an und versprach hohen Lohn. Er fuhr zum nächsten Policeman. Der schlug in einem Buch nach, blätterte, schüttelte den Kopf. Sofort sammelten sich Leute. Ich schrie ihnen fragend Phönix ins Gesicht. Einmal. Noch einmal. So laut, daß immer mehr hinzukamen. Sie stritten schon. Der wollte es kennen – ein Hotel im alten Chinesenviertel. »Unsinn!« wie sollte das zu dem Namen kommen. »Eine Stahlgesellschaft in der Nähe der Post,« sagte ein Anderer. – »Hin!« rief ich eben dem Chauffeur zu, als eine junge Chinesin, Arbeiterin oder Dirne, erklärte: »Ein Restaurant nahe beim Hafen.« – Nun kannten es plötzlich mehrere. In der Nähe der Yangtszepoo Road. – »Rasen Sie!« trieb ich den Chauffeur. – Der Wagen flog. Polizisten zogen ihre Bücher. – »Ich zahle alles!« – Kinder schrien. – Nach wenigen Minuten standen wir vor dem Restaurant Phönix. – Ich springe heraus, rufe dem Chauffeur zu: »Warten!« – Das Lokal ist leer. Ein alter Chinese verbeugt sich, spricht aber kein Wort Englisch. Ich rufe den Chauffeur heran. Frage:

ohne Bildunterschrift
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»War hier vor einer Stunde eine europäische Dame?«

Schütteln des Kopfes.

»Brüllen Sie! Schüchtern Sie ihn ein!« rufe ich dem Chauffeur zu. Der geht ihm an die Kehle, würgt ihn. – »Nicht doch!« rufe ich und ziehe eine Geldnote aus der Tasche. Der Chinese hockt in den Knien und verdreht die Augen. Er redet irgend etwas Unverständliches. Der Chauffeur läßt ihn wiederholen und übersetzt: »Er sagt, bei ihm verkehrten keine Russen.«

Also weiß er Bescheid.

Ich werfe das Geld auf den Tisch. Der Chinese flitzt darauf zu. Der Chauffeur stellt ihm ein Bein. Er stolpert, fällt. – Ich verdoppele die Summe. – Er gibt dem Chauffeur ein Zeichen. Sie verhandeln. Resultat: Bei ihm hätten Russen verkehrt. Drei, vier. Manchmal wären es auch mehr gewesen. Sie hätten gut bezahlt und wenig verzehrt. Da sie mit den Chinesen nicht zusammensitzen wollten, so habe er ihnen nebenan serviert. Auch heute mittag. Da waren es fünf. Drei Damen und zwei Herren. Plötzlich sei ein Wagen vorgefahren – mit einer europäischen Dame.

»Weiter! Weiter!« drängte ich.

»Alle seien sehr erregt gewesen. Vor allem die Dame. Was sie gesprochen haben, habe er nicht verstanden. Gleich darauf fuhr wieder ein Auto vor – mit ein paar Herren. Englische Polizei. Sie seien ins Lokal gestürzt – aber als sie in das Zimmer kamen, sei die Dame fortgewesen. Alle anderen waren noch da.«

»Wo war sie hin?«

Der Alte wußte es nicht.

»Und die Anderen?«

»Die kommen nicht wieder.«

Ich wende mich an den Chauffeur:

»Ich muß wissen, wo die Frau hin ist.«

Der Chauffeur dringt wieder auf ihn ein. Er ruft nach unten. Eine chinesische Magd, gräßlich häßlich und unsauber, erscheint. Der Alte redet mit ihr. Sie schüttelt den Kopf. Er wird bestimmter. Sie gibt ihm ein Zeichen und er tritt an sie heran. Der Alte fährt zusammen. Das gelbe lederne Gesicht sieht jetzt wie eine Maske aus.

»Reden soll er!« treibe ich den Chauffeur an.

Aber der Chinese ist stumm, als habe er die Sprache verloren. – Der Chauffeur rüttelt ihn. Er schweigt. – Er taumelt gegen die Wand, als ihm der Chauffeur einen Tritt versetzt – und bleibt liegen. Auf mein Zeichen hin nimmt er das Mädchen beim Arm. Sie folgt, ohne sich zu wehren.

»Versprechen Sie ihr zehn Dollars!«

Das Mädchen sieht uns verklärt an.

Der Chinese an der Wand kommt zu sich und müht sich hoch. Wir stürzen aus dem Lokal. Hinein in den Wagen. Das Mädchen setzt sich neben den Chauffeur und gibt die Richtung an. – Durch eine fürchterliche Gegend fahren wir. Parallel dem Hafen entlang.

Der Chauffeur und das Mädchen reden miteinander.

»Was ist?« frage ich und der Chauffeur erwidert:

»Sie ist bei einem Chinesen Foo Kee – Woo Kee oder so ähnlich.«

»Woher weiß sie das?«

»Sie selbst hat sie hingebracht.«

»Wer ist das?«

»Er hat eine Sampan – vermutlich also Hafendieb.«

»Ist es weit?«

Das Mädchen ließ gerade stoppen und in eine Gasse biegen, die aus verfallenden, vor Schmutz strotzenden Hütten bestand.

Wüst, wüst ist das! ging es mir durch den Kopf.

An der Straßenecke las ich: Chemulpo Road – oder so ähnlich. – Chinesen, die Fetzen statt Kleider trugen.

Der Wagen hält. Ich springe heraus. Ich stürze ins Haus.

»Vorsichtig!« ruft mir der Chauffeur nach – und ist auch schon neben mir. – Das Mädchen schiebt uns zur Seite und geht voraus. – Ein ekelhafter Gestank schlägt uns entgegen. – Chinesen hocken auf der Erde und sortieren Lumpen. Das Mädchen fragt:

»Wo ist die Dame?«

Einer der Chinesen weist, ohne aufzusehen, zur Wand. Ich kann keine Tür entdecken. Aber plötzlich rufe ich, um nicht zu ersticken, laut:

»Beatrice!«

Ich erschrecke selbst vor mir.

Der Chauffeur stürmt gegen die Wand. Eine Tapetentür stürzt ins Zimmer. Eine alte Chinesin hockt auf einer Kiste. Ein paar Strähnen weißen Haares fallen ihr in das zerfurchte Gesicht. Das Mädchen geht dicht an sie heran, flüstert ihr was ins Ohr und steckt ihr Geld zu. Sie zählt nach und sieht uns mißtrauisch an.

Ich weiß nicht, wie ich dazu komme – aber mir schießt es durch den Kopf: Schwarze Messe! – Ich sehe entkleidete Menschen – weiße und gelbe – in höchster Ekstase und irrem Taumel sich auf der Erde wälzen. Ich höre lärmende Musik und mir ist, als wenn vor mir leise, weiße Rauchwolken aufsteigen, die einen betäubenden Geruch verbreiten. Ich sehe Beatrice – splitternackt – auf ihrem Leib das Tabernakel. – Ich sehe die steigenden Dämpfe sich verdichten – ich sehe nichts mehr. –

Als ich zu mir komme, liege ich hingestreckt im Auto. Blutend aus Mund und Nase. Der Wagen rast wie irre. Stoppt. Hält. Der Chauffeur springt ab. Oeffnet. Hebt mich aus dem Wagen und führt mich in ein Haus. Ich bin bei einem Arzt. Einem Engländer. Er untersucht mich. Eine kleine Gehirnerschütterung infolge eines Schlages auf den Hinterkopf. Das ist alles. Eine Stunde Ruhe – und alles ist vorüber.

Der Chauffeur mein Lebensretter. Während wir in der Stube bei der Alten standen, hatten die scheinbar mit dem Sortieren von Lumpen beschäftigten Chinesen sich erhoben, hereingeschlichen und uns von hinten überfallen. Aber der Chauffeur hatte sich zur Wehr gesetzt. Seine rechte Daumenwurzel war gebrochen, das linke Auge unterlaufen. Die Chinesen waren ausgerissen und hatten versucht, in dem Auto zu entkommen. Aber der Chauffeur war schneller. Als die Polizei kam, war das Nest leer.

Die Zusammenhänge blieben völlig im Dunkeln. Als ich gegen Abend blaß wie der Tod und schwach wie ein Schwindsüchtiger ins Hotel kam, lag Beatrice auf der Chaiselongue. Stark beunruhigt über mein Ausbleiben. Sie hatte durch einen Boy telephonisch in der Buchhandlung und im Hotel Astor nach mir geforscht und überlegte gerade, ob sie die Polizei in Anspruch nehmen sollte.

»Du begreifst,« sagte sie. »Ich hatte Bedenken.«

Sie wußte von nichts. Weder von einer Glasröhre mit dem Stichwort Phönix, noch von einem Lokal dieses Namens. Sie war vom Coiffeur aus noch einmal im Hotel gewesen, da sie ihre goldene Tasche auf der Frisiertoilette hatte liegen lassen, und war dann zum Tee ins Trocadero gefahren. Infolge innerer Unruhe, die sie sich selbst nicht erklären konnte, war sie bald wieder gegangen und lag nun – wie sie versicherte – seit über zwei Stunden auf der Chaiselongue und wartete auf mich.

War es Egoismus und Selbsterhaltungstrieb? Oder entdeckte ich in mir plötzlich Grundsätze? – Ohne ihr zu erzählen, was ich erlebt hatte, ohne darüber nachzudenken, ob sie die Wahrheit sprach, sagte ich zu ihr:

»Beatrice, denk' über mich, wie du willst – verurteile mich, finde mich verächtlich – ich bin entschlossen, mich von dir zu trennen.«

Der Ausdruck ihres Gesichts veränderte sich nicht im geringsten. Sie blieb vollkommen ruhig.

»Schade,« sagte sie. »Aber ich verdenke es dir nicht. Nur um eins bitte ich dich: geschieht es dieser Frau in Japan wegen?«

»Ich gebe dir mein Wort darauf: nein! – Meine Nerven geben nach. Einzig und allein darum.«

»Ich danke dir,« sagte sie und reichte mir die Hand. – »Und wann, meinst du, wollen wir die Trennung vollziehen?«

»Du wirst es herzlos finden, wenn ich dir sage ...«

»Also gleich.«

»Ja, Beatrice. – Wenn es dir recht ist, so nehme ich für dich eine Kabine auf dem Engländer, der morgen nach Genua fährt.«

»Ich bin einverstanden. Je eher ich hier fortkomme, um so besser.«

»Du hast Schwierigkeiten hier?«

»Ja. – Und darum hätte ich den Vorschlag gemacht – wenn du mir nicht zuvorgekommen wärst.«

»Kann ich noch irgend etwas für dich tun?«

»Leider nicht. – Hier!« sie reichte mir ihren Paß.

»Ich denke, es ist dir lieber.«

»Und was machst du?«

Sie lächelte und sagte:

»Es ist nicht der einzige.«

»Auf welchen Namen wirst du jetzt reisen?«

»Es ist besser, du weißt es nicht.«

»Wenn ich dir doch die Kabine besorge.«

»Ich werde es selber tun.«

Ich warf den Paß ins Feuer und setzte mich zu ihr. Wir blieben bis zum nächsten Mittag zusammen, ohne das Hotel zu verlassen. Die Kabine bestellten wir telephonisch. – Auf Beatrices Wunsch sprachen wir nur von mir und meinen Plänen. Ich fragte sie nichts. Aber dann sprach sie doch von ihrer Jugend.

Und ich mußte ihr versprechen, alles, was sie mir erzählte, als Geheimnis zu bewahren. Treu erfüll' ich's.

Als ich mich am nächsten Tage von ihr trennte, wußte ich, daß mit ihr eine Persönlichkeit von mir ging, wie ich keiner zweiten im Leben begegnet bin. Welcher Mann war stark genug für diese Frau? Gab es einen? Ich kannte niemanden. – Ihr Geheimnis aber werde ich mit mir ins Grab nehmen.

Leb' wohl, Beatrice! Von allen Menschen, die ich kannte, warst du der einzige, der sich dem Schicksal nicht unterwarf. Ob du es auch meistern wirst?


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