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Sechstes Kapitel

Aden erwies sich als eine in jeder Hinsicht freudige Ueberraschung. »Nichts los,« hatte man mir in Berlin gesagt und mich zum soundsovielten Male vor dem Deutschenhaß der Engländer »draußen« gewarnt. Aden sei besonders gefährlich. Die Mitnahme eines photographischen Apparates würde unabsehbare Folgen nach sich ziehen.

Schade, denkt man, wenn man des Morgens erwacht und die Aden vorgelagerte Hafenstadt Steamer Point in malerischer Pracht vor sich liegen sieht. – Stärkeren Eindruck als dieses, nach Wüste und Vulkan förmlich duftende Panorama hat auf mich weder der Anblick Neapels noch irgendein Landschaftsbild der Schweiz gemacht. – An Bord wimmelt's, kaum, daß das Schiff Anker warf, von Händlern. Araber, Somalis, Neger, Perser, Juden, die von der Ansichtskarte bis zum Löwenfell und Haifischrachen alles anbieten, was der Osten besitzt. Für hundert besonders große ägyptische Zigaretten werden sechseinhalb Schilling gefordert und man erhält sie – armer deutscher Raucher! – mühelos für zwei Schilling. Ein prächtiges Löwenfell ersteht man für zwei Pfund und für einen Haifischrachen mit beneidenswertem Gebiß braucht man gar nur sieben Rupien (gleich neuneinhalb Goldmark) anzulegen. Freilich, wenn man beobachtet, wie leicht man hier die Haifische fängt, während ein paar Meter davon entfernt ein Taucher furchtlos arbeitet, wundert man sich über nichts mehr.

ohne Bildunterschrift

Die Händler hatten hier den Bogen überspannt, die Fremden reingelegt und ausgebeutet. Ihre jahrzehntelange Gewohnheit, Preise zu fordern, die fünf- bis zehnfach höher waren als der Wert der Ware, hatte zur Folge, daß die Reisenden jetzt Preise bieten, die weit hinter dem wirklichen Wert der Waren zurückbleiben. Diese Tatsache und das Verbot, nach sechs Uhr auf den Schiffen zu handeln, haben eine katastrophale Situation für die Hunderte von Händlern geschaffen, aus der niemand – auch nicht die Reisenden – Nutzen ziehen.

ohne Bildunterschrift

Selbst in Aden, dem strategisch so wichtigen Punkt, erschien kein englischer Offizier oder Soldat an Bord. Bei Betreten der Hafenstadt trug man sich in eine Liste ein, und der englische Staatsbeamte, der sah, daß man Deutscher war, mühte sich in deutscher Sprache, uns bei dem Mieten eines Autos nach Aden behilflich zu sein. Er sagte uns freundlich-höfliche Worte über Hamburg, das er aus der Zeit vor dem Kriege kannte, und war uns auch beim Einschiffen wieder behilflich. Ganz im stillen – denn der Russe war mit uns – dachte ich, ob wohl bei uns in ähnlicher Lage ein deutscher Beamter ... – und Andernfalls, die meine Gedanken erriet, rief laut: »I Gott bewahre!«

Die Autofahrt nach Aden, auf der wir an Hunderten mit Kamelen bespannten Wägelchen vorüberrasten, bot Reize besonderer Art. Durch schmutzige Araberstraßen, in denen wir langsam fahren lassen, um Einblicke in die offenliegenden Wohnräume zu bekommen, führt der Weg durch Felsspalte und Tunnels hindurch, hinter denen plötzlich auf einem zerrissenen riesigen Kraterkessel die Stadt Aden sichtbar wird. Niedrige, weiß getünchte arabische Häuser, englische Kasernen mit exerzierenden Soldaten, ein großer Lagerplatz für Kamelkarawanen und als Ziel der Fahrt die berühmten in den Fels gehauenen Zisternen zur Sammlung des Regenwassers. Seit Jahren hat es hier nicht mehr geregnet. Die Riesenbassins sind leer. Wir steigen aus und bummeln durch die belebten Arabergassen, ehe wir die Rückfahrt antreten. Lebhafter Handel. Vornehmlich mit Straußenfedern. Aber auch mit Perlen, Tabak, Kaffee, Häuten, Fellen, Gummi und Aloe. Den Verkehr mit den Küstenländern Arabiens und Afrikas besorgen kleine Dampfer, die man wieder außerhalb der Stadt, von der großartig angelegten Felsstraße her zu Dutzenden auf dem Meere sieht. Pyramiden von Salz, das aus dem Meerwasser gewonnen wird, dazwischen kleine Windmühlen zum Pumpen des Wassers in die Verdunstungsbassins, beleben das Bild da unten, während das Auto den Berg hinuntersaust. In einem vierhundert Meter langen Tunnel karamboliert es mit einem Kamelfuhrwerk. Das Kamel stürzt, blutet. Das Auto ist beschädigt. Araber, Inder, Perser versammeln sich um uns und nehmen unter lautem Geschrei Partei für und wider. Ein junger, schwarzer Polizist steht ratlos. Die Situation spitzt sich zu. Ein englischer Offizier erscheint. Er fragt höflich beide Parteien, läßt zu Worte kommen, wer reden will – und lächelt. Die Araber, Perser, Inder blicken schon freundlicher. Der englische Offizier müht sich um das blutende Kamel – oder er tut doch so, gibt ein paar Ratschläge und ein paar Rupien und bewirkt, daß beide Parteien mit dem Gefühle, zu ihrem Recht gekommen zu sein, weiterziehen. – Muß man wirklich bis Aden reisen, um zu erkennen, daß es auch andere Mittel gibt, um Streitigkeiten zu schlichten, als rohe Gewalt? Mir scheint: nein! – es sei denn, daß beide Teile Kamele sind.

*

Von Aden nach Ceylon ist eine weite Reise. Zehn Tage und Nächte ohne Unterbrechung auf dem Meer. Also schnell noch einmal mit dem Motorboot an Land. Der Commandante ist ein viel zu großer Menschenfreund, um uns in Aden zurückzulassen.

Unser Eifer hat seine Gründe. In Aden ist Fischmarkt. Wer weiß, was das bedeutet, kommt – wenn auch nur, um zu schauen! Ich kann nicht prüfen, ob es wirklich über zweihundert Arten Fische sind – wie man uns versichert –, die hier feilgeboten werden. Vier kapitale Haifische, von denen einer schon zur Hälfte verkauft ist, sind etwas Alltägliches, und man versteht nicht, was wir daran bestaunen.

Wer gab all diesen Fischen Namen? Wie ist es möglich, sie dem Gedächtnis einzuprägen? – Unser China-Deutscher verblüfft von neuem. Er kennt nicht nur die Namen, er weiß auch die Preise, die Zubereitung und Bekömmlichkeit. Ich empfehle ihn der Aufmerksamkeit Karl Baedekers, der sich hoffentlich doch bald entschließt, seinem Indien ein China und Japan folgen zu lassen. – Der Geschmacksunterschied selbst in Größe und Aussehen sich ähnelnder Fische scheint groß zu sein. Wozu sonst die leidenschaftlichen Debatten einkaufender Eingeborenenfamilien vor dem Verkaufsstand von Fischen, die sich ähneln wie ein Hering dem andern? – Hingegen will mir die Aehnlichkeit eines weiblichen Menschen mit dem Meerwunder, der »Seejungfrau«, nicht eingehen, obschon Andernfalls vor einem besonders gelungenen Exemplar begeistert ausruft: »Genau wie unsere Portiersfrau!« – Mir scheint, daß unsere prächtigen Seehunde der Nordsee denn doch mehr Anspruch auf die zweifelhafte Ehre haben, als Menschen angesprochen zu werden.

Vom Wasser tönende Signale mahnen uns zur Rückkehr – und zehn Minuten später geleitet der Lotse unser Schiff aus dem Hafen. Fliegende Fische, die bis zu fünf Metern Höhe aus dem Meere emporschießen, am Tage, prachtvolle Sonnenuntergänge und ein leuchtender Sternenhimmel am Abend sind nun zehn Tage lang die einzige Abwechslung, die uns die Natur bietet.

Andernfalls und der junge Russe sind sich klar, daß Zerstreuung auf dem Schiff über dies Gleichmaß hinweghelfen muß. Sie sinnen auf Unterhaltung.

»Ihre für Indien bestimmten Seidenschals,« meint Andernfalls.

»Was ist damit?« fragt der Russe.

»Wir veranstalten eine Ausstellung.«

»Hier an Bord?«

»Selbstverständlich!«

Und am nächsten Tage gleicht der Salon an Bord einem indischen Märchen. Den kostbarsten Schal hatte Andernfalls selbst umgelegt. Jeder begehrt ihn. Und der Umstand, daß er käuflich ist, erhöht den Reiz. – Der siamesische Graf kann sich nicht satt sehen.

»Sie können bestellen,« sagt Andernfalls, »die Chemnitzer Firma liefert in sechs Monaten.«

Beatrice, seine schöne schlanke Frau, steht neben ihm. Sie wählt mit viel Geschmack und bestellt.

»Ein Dutzend von jedem?« fragt Andernfalls und tut arglos.

Beatrice sieht sie erstaunt an. Der Graf erblaßt.

»Sie werden vermutlich doch für jede Ihrer Gattinnen ...« fährt Andernfalls fort.

Der Russe pfeift irgendeine Melodie.

»Und gesondert verpackt?« fragt sie weiter.

»Was hat das zu bedeuten?« fragt Beatrice.

Der Russe pfeift durch die Zähne.

»Oder wünschen Sie für die übrigen elf Gattinnen andere Muster?« wendet sich Andernfalls an den Grafen.

Beatrice begreift. Sie benimmt sich wie eine Romanfigur, geht ein paar Schritte auf den Grafen zu, brüllt: »Du Lump!« und verschwindet in ihrer Kabine.

Durch Andernfalls, die allein Zutritt hat, läßt sie dem Grafen, der scheinbar alles tut, sie zu versöhnen, bestellen, daß sie erst hinter Penang, also wenn der Graf ausgestiegen ist, wieder an Deck kommen wird.

Noch ist der Uebergang der syrischen Sklavin in Andernfalls' Dienste nicht vollzogen, da steigt mit Beatrice eine neue Gefahr auf. Andernfalls erklärt nämlich, daß wir die Pflicht hätten, uns Beatrices anzunehmen. – Beatrice gefällt mir zwar ausgezeichnet – aber alles hat seine Grenzen.

Der Graf, der sieht, daß Beatrice für ihn verloren ist, weicht nicht von meiner Seite. Er spricht fortgesetzt von »Allenfalls« – womit er »Andernfalls« meint – und versucht, mir klarzumachen, daß er unmöglich ohne Frau, zu deren Empfang alles in der Heimat vorbereitet sei, heimkehren könne. Ich verstehe! Aber meine Einwände, die er »kleinlich« und »echt europäisch« nennt, bleiben ohne Eindruck. Um so überzeugender wirkte der Bescheid, den ihm Andernfalls auf seine Werbung hin gab – und zu dem der Russe wieder seine Melodie pfiff. –

»Na,« sagt gegen Abend der Commissario, der nächst dem China-Deutschen hellste Kopf an Bord, »auf so einer Seereise erlebt man doch was.«

»Das wäre alles sehr schön,« erwidere ich, »wenn dieser ›man‹ nicht gerade ich wäre.«

»Erlauben Sie,« widerspricht er, »der leidende Teil ist doch der Graf aus Siam.«

Mir, der ich weiter sehe, erscheint das zweifelhaft, und nachts träume ich, obschon der Indische Ozean spiegelglatt liegt: es war Herbst und ein Schiff lief in den Hafen von Triest ein. Ein Mann entstieg ihm, der mir zum Verwechseln ähnlich sah. Und diesem Manne folgten zwölf Frauen.

*

Wenngleich, was im Innenraum des Schiffes geschieht, dank dem vollendeten Takt des Maestro, nicht an die große Glocke kommt, so spürt doch jeder, daß die Luft schwül ist – und daß diese Schwüle nicht allein von den Tropen kommt. Das hat zur Folge, daß der Pater wieder zum Gebetbuch greift und die Nonnen täglich wieder fromme Lieder singen. – Das Zwischendeck, auf dem ein buntes Volk von Indern, Syriern, Persern, Aegyptern, Arabern, Somalis kampiert, gleicht weniger einer Wohnstätte als einem Jahrmarkt. Zur Zeit wird um einen Buchara gehandelt. Fünfundzwanzig Pfund Sterling sind gefordert, zehn Pfund geboten; ein lächerlicher Preis für dies schöne Stück, das man in Deutschland mit zwölfhundert Mark bezahlt.

*

Colombo. »Der wichtigste Platz an der Welthandelsstraße nach Ostasien und Australien. Die Hauptstadt von Ceylon. Der Sitz des Großhandels. Die Residenz des Gouverneurs.« – Das alles schreibe ich aus dem Baedeker ab. Jedenfalls also eine von den ganz großen Begebenheiten. So etwas, was drei Sterne bekäme, wenn es eine Sehenswürdigkeit »an sich«, ein Absolutivum wäre.

Betrachtet man es als solches, so wirkt es wie ein indisches Märchen mit Aperçus von Oscar Wilde. Oder wie eine Litanei, bespickt mit Paradoxen. Also widersinnig. Und trotzdem anziehend.

Etwa eine Viertelmillion Einwohner. In der Hauptsache Singhalesen; ferner Indo-Araber. Talmilen, Malaien, Parsen. Alles das lebt in niederen, unsauberen Häusern nach seinen Gebräuchen und Gesetzen. – Und auf diese dunkle bewegliche Masse sind ein paar tausend steife Engländer gestreut, die nun wie selbstverständlich darauf herumtrampeln. Der sogenannte »englische Bluff«, den wir vor neunzehnhundertvierzehn überlegen bewitzelten, sieht – genau wie der »amerikanische Barnumrummel« (ich zitiere den großen Völkerpsychologen Ludendorff, den Gott aller Ungeistigen) – außerhalb Deutschlands doch verteufelt nach the fact aus.

Vor dem Kriege besaß Colombo eine deutsche Fremdenkolonie von nur fünfzig Köpfen. Aber diese fünfzig standen in hohem Ansehen. Heute noch erzählen die Europäer, denen der Krieg nicht das Gehirn restlos vergiftete, daß – ruft es euch in Erinnerung, Söhne Albions! – selbst die englische Kolonie in Colombo mehr Wert darauf legte, zu dem Ball des deutschen Konsuls Freudenberg (die anerkannt beste deutsche Marke des Ostens vor dem Kriege) geladen zu werden als zum Ball des englischen Gouverneurs. Der Ball Freudenberg war das Ereignis der Saison.

Und heute? Zwar raten die von London geschickt inspirierten Zeitungsartikel (nicht nur des »Colombo Observer«), die Atmosphäre endlich zu entgiften (nicht Deutschland zuliebe; sondern, wie an langen Zahlenreihen nachgewiesen wird, im englischen Handelsinteresse), aber in Wirklichkeit ist der Deutsche hier – und zwar in Ceylon mehr als anderswo – Paria. Selbst die rein sportlichen Klubs ohne gesellschaftlichen Verkehr sind und bleiben ihm, auch als Gast, verschlossen. – Schweizer suchen mit Geschick in die Lücke, die Deutschland hinterließ, einzurücken. Wir müssen fürs erste froh sein, daß sie das Erbe mit Würde verwalten. – Ceylon ist beinahe so groß wie das Königreich Bayern. Also enthüllt man alle paar Monate mit aus London entlehntem Pomp bald hier bald da ein Kriegerdenkmal, »um die Erinnerung wach zu halten«. – Man liest die hiesigen Blätter und staunt, wie die Engländer es verstehen, zu diesem Volk in seiner Sprache zu reden. Gewiß: es geht in den englischen Kolonien – nicht nur in Indien – wieder allerlei vor, was sich gegen England richtet. Die Bolschewisten, fast gleichwertige Gegner, schüren. Auch sie stellen sich um und sind nicht versessen auf ihr System. (Ich muß immer daran denken, wie wir es im Kriege anstellten, die Sympathien der Schweiz zu gewinnen, indem wir diesem so ganz anders als wir fühlenden Volk die »Marke Preußen« als das alleinseligmachende Lebenselixier aufzudrängen suchten. Das Resultat war danach.) – Während ich diese Zeilen schreibe, urteilt man in Ceylon einen Singhalesen ab, der, um einen angeblich bei den Festungswerken vergrabenen Schatz zu heben, einer Frau den Kopf abschlug, in dem Glauben, dadurch werde ihm höhere Eingebung die richtige Stelle weisen. Wie liebevoll, um das religiöse Gefühl der Eingeborenen, die leidenschaftlich dem Prozeß folgen, zu streicheln, vertieft sich hier der Richter in die Psyche des Angeklagten! Die Bevölkerung billigt das harte Urteil, das auf Tod lautet. – Ich kann mir nicht helfen, aber ich mußte die ganze Zeit über daran denken, wie aus dem Handgelenk ein königlich preußischer Regierungsassessor, L. d. R. und Alter Herr des Kösener S. C. (denn diese Befähigungsnachweise waren Voraussetzung derartiger Posten), »die Sache geschmissen« hätte.

*

In Colombo reicht die Zeit nicht annähernd zur Besichtigung des Sehenswertesten. Andernfalls drängt über Kandy hinaus. Der siamesische Graf (ich bin darin vorsichtiger) hat ihr von den Perlen Ceylons erzählt, deren »paars« vor der Nordwestküste Ceylons liegen. Der Russe, der mit seinen Chemnitzer Waren – noch haben sie den englischen Zoll nicht passiert – gerührt Abschied nimmt, will uns auf Panther, Bären, Wildschweine, Affen, Hirsche, Büffel, Krokodile, Schlangen und Elefanten hetzen. Der China-Deutsche rät, ein Automobil zu nehmen und in aller Behaglichkeit auf der Galle Face Road, der wunderbarsten Korsostraße der Welt, spazierenzufahren. Mich zieht's nach Kandy. Zwar ist die Zeit knapp. Aber mit Uebernachten reicht sie gerade, um einen Blick in die Hauptstadt des Singhalesenreiches zu werfen. – Die Fülle der Gesichte blendet. Da liegt Dalada Maligana, einer der heiligsten Wallfahrtsorte des Buddhismus. Hier wird der Zahn Buddhas aufbewahrt. – Ueber einen Hof gelangt man in die Eingangshalle, wo herrliche Blumen zur Opferung vor dem Zahn angeboten werden. Man betritt die heilige Kammer. Auf einem silbernen Tisch steht die Karanduwa, in der der heilige Zahn aufbewahrt wird. Andernfalls fällt – zum ersten Male – aus der Rolle. Statt in die Knie zu sinken und mit der schönen Stirn den Boden zu berühren, bricht sie angesichts der mit schimmernden Rubinen, Saphiren und Smaragden bedeckten Hüllen, unter denen der Zahn ruht, in laute Rufe der Begeisterung aus. Der Priester hält es glücklicherweise für den Ausdruck religiöser Leidenschaft. Die Ernüchterung folgt sehr schnell. Denn das braune Stückchen Elfenbein, Buddhas linker oberer Augenzahn, enttäuscht sie sichtlich. Sie hatte eine taubeneigroße, gelblich schimmernde Perle erwartet und will nicht glauben, daß der große Buddha so ordinäre Zähne hatte. Auch die Fahrt durch den Botanischen Garten von Peradéniya, in dem Lianen und Orchideen wachsen wie bei uns der Hafer, vermag nicht, ihr über diese Enttäuschung hinwegzuhelfen. Und im Elefantengarten, dessen nicht überragende Tiere sich zur Schau stellen, als fühlten sie sich als die berufensten Versuchsobjekte für photographische Kameras, meint sie, auf den übrigens nicht eben imposanten Zahn des größten Elefanten weisend:

»Wenn Buddhas Zahn wenigstens so aussähe!« –

Erst als wir statt weiterer Sehenswürdigkeiten die Pferderennen von Kandy aufsuchen, auf denen gutgewachsene Engländerinnen neueste Modeschöpfungen spazierenführen, ruft sie befriedigt:

»Himmlisch! Endlich wieder ein Tropfen Kultur!« Die Lianen und Orchideen senken die Köpfe – und ich schlage mich seitwärts in die Palmen.


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