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Siebzehntes Kapitel

Die Gegend, durch die wir fuhren, bot zwar keine große Abwechslung. Aber was im einzelnen wie ein Gemälde, oft nur wie ein Ausschnitt daraus, wirkte, bekam nun, da es sich zeigte, daß es nicht eine wegen seiner besonderen Schönheit aus der Landschaft herausgehobene Stelle, vielmehr pars pro toto und zwar das Hunderttausendstel eines völlig gleichwertigen Ganzen war, eine tiefere Bedeutung. Ich begriff, daß dies Volk sich hier niederließ, obschon es die Gefahren des vulkanischen Bodens kannte. Ich begriff auch, daß es sich von der Welt abschloß. Auch die chinesisch-konfuzianische Kultur tat dem Bilde noch keine Gewalt an. Hätte sie sich nur rein erhalten! Aber selbst dies mittelalterlich-romanische Zeitalter des Portugiesen Mendez Pinto, der 1542 als Erster japanischen Boden betrat, paßte noch zu diesem Lande und diesen Menschen. Es war die Zeit der Samurai. Japan, in das die nach Pinto ersten Jesuitenmissionare eingedrungen waren, schloß sich wieder ganz ab. Die japanische Einheit, das Wunderland, erstand von neuem. Fahrt durch dies Land und überzeugt euch, wie dies Volk, und nur dies Volk, in diese Landschaft paßt, wie in dem kleinsten Dorf die grazile Frau, der bunte Kimono so selbstverständlich wirkt wie bei uns der Ochse im Allgäu auf der Alm. Stellt einen Allgäuer Bauern in die Landschaft – und sie ist zerstört. Am Rand der Städte, wo die letzten Häuser stehen und die Landschaft einsetzt, könnt ihr es erkennen, wie Japan, dies große Kunstwerk, dies eine, einzig große Gemälde, zu verblassen beginnt. Wo europäische oder gar amerikanische »Kultur« es berührt, ist es wie ein Fleck, den man beseitigen möchte. Ich sah bei Hikone, wie ein amerikanisches Haus die Landschaft im Umkreis von ein paar Kilometern schmiß. – Unser materialistisches Zeitalter mag das Jahr i853 segnen, da die amerikanische Flotte – warum konnte es nicht die englische sein? Der japanische Stil fiele nicht so schnell dem amerikanischen Mechanismus zum Opfer – unter Admiral Pery Japan der modernen Kultur erschloß. Für jeden, der nicht in dem stupiden Bierbottich des Materialismus watet, war es ein dies ater – für die Menschheit so schwarz beinahe wie der Tag der Entdeckung Amerikas, der aus der Welt ein Kaufhaus machte. –

Meine Ruhe hielt nicht lange an. Ich hatte das Gefühl, als müßte ich aus dem Zuge steigen und in einer Rikscha durch dies Land ziehen. Wie ein Hungriger, den man stundenlang an dichtbesetzten Tafeln vorüberjagt, ohne ihm die Möglichkeit zu geben, auch nur einen Bissen zu ergattern, kam ich mir vor. Voller Sehnsucht, diese Landschaft zu streicheln, die wie eine Geliebte die Arme nach mir auszustrecken schien – immer näher, immer begehrender, je weiter wir kamen – war ich Sklave und Opfer einer Maschine, die herz- und gefühllos durch das Land jagte und mich nicht losließ.

Stunden noch bis Kyoto. Und was fand ich da? Europäische Hotels und im besten Falle ein paar Wu Tao-tses, Ghu Tuans, Shih Yuis und Ghao Tse-Kungs, um die man mich in China betrogen hatte. Von Chao Tse-Kungs »Tao Yuan-Ming« und Wu Tao-tses »Sommer« und »Winter« hatte man mir Wunderdinge erzählt. Ich gestehe, nach dem, was ich von ihnen sah, war meine Begierde groß. Schon die Nachbildungen, die ich von »Winter« und »Sommer« sah, warfen mich um. Was man von Liang' Kai, Mêng Yü-chien und Kao Yan-hui bei den Grafen Sakai Tadamichi, Tanaka und Matsudaira Naosuke in Tokio gesehen hatte, ließ höchste Leidenschaft wach werden. Ich hatte in China in der Natur landschaftlich Aehnliches nie gesehen. Möglich, daß der Schmutz mein Auge trübte. Hier in Japan, das an Reinlichkeit mit Holland vergleichbar, glaubte ich alles das zu sehen, was nur das empfindsamste Künstlerauge sah und empfand – und dessen Wiedergabe nur einem dieser wenigen Gottbegnadeten gelang. Es packte mich so stark, daß ich, als der Zug eben an Kawase vorüberraste, beschloß, an der nächsten Station auszusteigen, sie mochte heißen wie sie wolle – ich war ja doch außerstande, mit dem Namen einen Begriff zu verbinden.

Welche Glückseligkeit! Jasuda, ein großes Dorf oder eine kleine Stadt, dabei ein See, in einer Landschaft, herb und süß – das ist es! – eine Süße wie Locarno, das duftet wie die Pflanzen, aus denen in dem alten Chartreuse die Mönche einst ihr Elixier für Gönner brauten. – Zu weich, um auf die Dauer zu ergötzen. Es fehlt die Herbheit, die hier in grauer Färbung anhebt und behutsam ansteigt. In eins zerflossen mit der zarten Tönung. Ja, das ist es! – Nicht hier die Jungfrau, auf der kein Leben gedeiht: grandios, kalt, einsam, majestätisch – und hart daneben die Alm, bunt, lieblich, mit weidendem Vieh und tausend zarten Blumen. Daß man die Mutter Erde wie die Geliebte tanzend umarmen will – aber plötzlich im Anblick der erhabenen Natur die Umarmung löst und in seiner Ohnmacht gegenüber dem All die Hände faltet. – Hier, in Japan, ist die Natur – das Wort sei erlaubt – ausgeglichen. Süße und Herbheit sind gleich. Und Ethnographen mögen entscheiden, ob das der Grund für die Ausgeglichenheit des Volkes ist – jener Ausgeglichenheit, die so viele Ethnographen mit Gleichheit verwechselt haben.

Ich stieg, ganz hingegeben der Natur, in Jasuda aus. Ich verließ den Bahnhof. Ich ging durch den Ort, stellte die Sachen in einem Gasthaus unter, an das mich ein freundlicher Japaner wies. Ich ging stundenlang wie im Traum an diesem Tage über den Ort hinaus über das Land. Ich kam, als es dunkel war, an das Gehöft eines Bauern. Wir verbeugten uns und ich gab ihm zu verstehen, daß ich müde war. Er führte mich in sein Haus, das klein und niedrig wie ein für die Aufnahme von Schmuck bestimmtes Kästchen war. Seine Frau und eine junge Magd, die wohl die Tochter war, beide in sauberen Kimonos, brachten Schalen mit Tee, trockenem Fisch, Reis und kleinen Mehlkugeln. Sie setzten sich neben mich auf die Matte, die den halben Raum des Zimmers einnahm. Sie ließen keinen Blick von mir und lächelten freundlich. Der Vater brachte eine Samisene und reichte sie der Tochter. Dann ging er wieder. Die Tochter spielte. Das Fenster stand weit offen. Draußen bedeckte die untergehende Sonne die braunen Berge mit strahlendem Gold. – Die Alte schob mir eine Rolle aus fast weißem Stroh unter den Kopf. Ich wollte ihr zum Dank die Hand geben. Sie verstand es nicht und reichte mir die Schale mit Tee. Ich nahm sie, trank und reichte sie ihr wieder zurück. Dann fielen mir die Augen zu und ich schlief ein. Als ich nachts aufwachte, hockte die Tochter noch neben mir auf der Matte. Es war kühl. Sie lächelte und reichte mir Tee. Ich griff nach ihrer weißen Hand, die sie leicht in meine legte. So schlief ich wieder ein, schlief bis zum Morgen. – Die Sonne stand schon wieder auf den Bergen. Ich erhob mich. Mutter und Tochter kamen. Der Bauer arbeitete schon auf dem Felde. Sie brachten noch einmal Tee, Reis und kleine weiße Kugeln aus Mehl. Sie lächelten und verbeugten sich. Ich nickte, und sie fühlten wohl, daß es aus dem Herzen kam. Wir setzten uns zu dritt auf die Matte. Die Tochter fragte und erzählte. Sie wollte wohl wissen, wer ich war und von wo ich kam. Sie reichte mir Pinsel und Tusche und ein Blatt Papier. Ich malte ein Herz mit einem Speer; und eine Flamme, die aus dem Herzen schlug. Mutter und Tochter lachten. Und sie begleiteten mich ein Stück Wegs, nachdem ich vergebens versucht hatte, mich erkenntlich zu zeigen. – Es war ein herrlicher Morgen und ich mußte bis weit in meine Kindheit zurückdenken, um mich eines Glücksgefühls zu erinnern gleich diesem, mit dem ich jetzt durch die Landschaft ging. Wo ich vorüberkam, erstaunte Gesichter. Einen Europäer hatte man hier noch nicht gesehen. Jedesmal, wenn ich mich umsah, nahm ich wahr, daß sie lachten. Irgend etwas an mir – und ich bin sicher, daß es überall das gleiche war – amüsierte sie. In zwei kleinen Dörfern gingen die Kinder nicht wie bei uns, wenn es etwas zu sehen gab, hinter, sondern komischerweise vor mir her. Ich kaufte ihnen aus einem großen Glasbehälter, der in beiden Dörfern im Fenster eines Händlers stand, bunte Zuckerplätzchen, die sie ohne Streit redlich untereinander teilten, nachdem sie sich mehrmals hintereinander tief vor mir verbeugt hatten. – Nach einer Weile kam ich zwar an eine Bahnstation – aber nicht nach Jasuda. Ich hatte von zwei Richtungen die falsche gewählt und war nach Kawase zurückgegangen. Ich mußte lange warten, bis ein Zug nach Jasuda kam. Aber ich tat es gern und schrieb – an Hana, wie ich es ihr versprochen hatte. Nur ein paar Zeilen, unbekümmert auf eine Karte:

 

»Gestern liebte ich nur dich. Seit heute, Hana, habe ich eine zweite Geliebte: dein Land. Gestern liebten wir uns irgendwo. Nun eile zu mir, Hana, auf daß wir uns in diesem Lande lieben.«

 

Sie weiß, wo sie mich in Kyoto findet. Kommt sie nicht, so kehre ich nach Tokio zurück und hole sie.

In dem schmucken Gasthaus in Jasuda wunderte sich niemand, daß ich ausgeblieben war. – Glückliches Japan, in dem mich bis heute niemand nach meinem Paß, nach Name, Alter, Beruf, Religion, Vorstrafen, Steuerquittung fragte. Europa wird schon dafür sorgen, daß die Segnungen seiner Kultur auch hier endlich Eingang finden.

*

Beinahe wäre ich auch am nächsten Tage noch nicht nach Kyoto gekommen. Denn ich saß kaum wieder in der Bahn, voll des Erlebten, das wie ein japanisches Gedicht in mir nachwirkte, als die Landschaft mich von neuem ergriff. Ja, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß sie von mir Besitz nahm. In Johijama und Otsu war ich nahe daran, wieder auszusteigen. Es war, als wenn köstliche japanische Holzschnitte durch ein optisches Wunder plötzlich lebendig wurden. Erst schlug das Wasser des dunklen Sees, auf dem die Sonne stand, leise Wellen. Dann hoben sich die Berge, die bisher bildhaft flach wirkten, plastisch von der Ebene ab. Aus dem Schornstein eines Gehöftes stieg der Rauch wie blauer Nebel in die Luft. Ein paar Frauen, die wie dunkle Striche in der Landschaft standen, beugten sich und hoben die Arme. – Ich fuhr mit einem Blatt Papier über die feuchte Scheibe und erkannte nun noch deutlicher, daß, was ich sah, kein Holzschnitt, kein Traum, sondern Leben war.

Um halb neun vormittags kam ich nach Kyoto. Ehe ich ins Hotel ging, drahtete ich ausführlich an den Alten nach Yokohama. Ich versprach ihm Berge von Gin und Vermouth, wenn er mir Hana wohlbehalten nach Kyoto brächte. – Mich reizte kein Teehaus mehr. Ich fuhr vom Hotel aus in den Nijopalast und stand bewundernd vor den Wandmalereien des Kano Eitoku. Was hier an Dekorativem, worin der Japaner ganz groß ist, erreicht ist, steht unübertroffen da. Und gar die Schätze im Kaiserlichen Museum! Was hier an chinesischen Gemälden ganz großen Ausmaßes zusammengetragen ist, steht gleichwertig neben Höchstem, was unsere mittelalterliche christliche Malerei geschaffen hat. So stark ich von allem, was Japan heißt, beeindruckt bin, so reißt mich doch die Leidenschaft nicht so weit hin, um zu verkennen, daß Hohes und Höchstes in japanischer Kunst chinesischem Einfluß zu danken ist.

ohne Bildunterschrift
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Am Spätnachmittag wieder im Hotel, kündet mir ein Telegramm für den nächsten Morgen halb neun die Ankunft – Hanas! – in Begleitung des Alten!

Ein Gin-Vermouth auf dein Wohl, Alter! Wäre ich der Kaiser in Japan, ich erhöbe dich noch heute für deine Worte in den Ritterstand.

Eine lange Nacht war noch zu überstehen. Ich verbrachte sie in dem Zimmer, das ich für Hana nahm. Einen Garten mit den zartest-farbigen Blumen werde ich morgen in aller Frühe aus ihm machen.

*

Hana kam am frühen Morgen. Ich stand am anderen Ende des Bahnsteigs und sah, wie der Alte sie aus dem Zuge hob. Ich lief ihr entgegen. Als sie mich sah, errötete sie und verbeugte sich tief. – Wie mußte ich mich beherrschen, um sie nicht an mich zu drücken!

Der Alte redete auf mich ein. Er war mit seiner Frau gerade in The Shrine Iseyamadaijingu in Yokohama gewesen, als das Telegramm kam. Von da bis zur Isesakicho Street war ein weiter Weg – selbst mit der Rikscha. Aber er sei trotzdem sofort nach Tokio gefahren und habe den Besitzer des Magazins um ein paar Tage Urlaub für Hana gebeten, da ein deutscher Dichter sie als Mascotte für die Abfassung seines Buches über Japan benötige (sie!).

Und der Besitzer des Magazins? – Er schlug in die Hand, und Hana, die gerade damit beschäftigt war, die Auslage zu ordnen, kam hinzu. Er erzählte ihr, aus welchem Grunde der Alte kam, Hana errötete und senkte den Kopf. Sie folgte gern. Und er suchte mit ihr zusammen ein paar Geschenke aus, die sie mir brachte. Ein schmales Etui für Zigaretten mit handgearbeiteter Verzierung aus Gold und Silber. Ein Buddha aus Elfenbein und eine Nachbildung eines der Gräber Taikuns. Ich hatte ihr erzählt, wie stark ich von diesen Gräbern in Tokio beeindruckt war. Was sie mir brachte, war die Nachbildung des Grabs des sechsten Taikuns in Schibba. Wunderbar in den Farben mit dezenter Goldverzierung und Lackfarbenmalerei, die wirkte, als sei sie Jahrhunderte alt.

Die Tage, die ich mit Hana verbrachte, gehören zu jenen Seltenheiten des Lebens, die der Himmel unter Millionen Menschen immer nur einem beschert. Sie haben über das Gefühl des Geschehens hinaus die Kraft, unempfindlich gegen das Schicksal zu machen. Alles, was folgt, erblaßt daneben. Und es gibt nun nichts mehr, dessentwegen es lohnt, sich im ernsten wie im frohen Sinne zu erregen. Es gibt auch niemanden – von mir zu schweigen – der imstande wäre, diese Tage des Glücks in einem Roman zu schildern. Ich sah in Kyoto ein Bild »Sommer«, Wu Tao-tse zugeschrieben, aus dem elften Jahrhundert. Gefühle, die ich nicht schildern kann – die feine Hand des Chinesen fing sie ein. In seinem »Sommer«. Dies Bild am ehesten trifft die Stimmung dieser Tage. – Aber Hui Tsung, der fast so Große, war nicht stark genug, um in seinem »Winter« den Schmerz zu schildern, als Hana ging.

Sie ging. Ich stand und sah zur Erde und sah ihr nach mit nassem Blick ... –

Lange stand ich. Der Zug, der sie nach Tokio zurückführte, mochte jetzt in Ishijama sein. Ich sah den Ort und den See – ich sah Hanas schmales blasses Gesicht an das Fenster gepreßt. – Sie sah in die dämmernde Landschaft. – Mir war's, als liefen schwere Tropfen die Scheibe entlang. Und ein unterdrücktes Schluchzen, das mir ins Herz schnitt, drang an mein Ohr.

Mir war wie nach einem schweren Traum. Der Alte hatte mir aus Yokohama einen Band japanischer Lyrik mitgebracht. In deutscher Uebertragung. Ich blätterte. Ich las:

Einst warst du mit mir
Verbunden, wie Körper und Schatten auf allen Wegen;
Jetzt wurden wir, ach!
Ein ziehend Gewölk – und niedergesunkener Regen.

Einst warst du mit mir
Harmonisch, wie Stimme und Echo zusammenschallen;
Jetzt wurden wir, ach!
Ein kahles Gezweig – und Blätter, zur Erde gefallen.

Einst warst du mit mir
Verwachsen, wie Gold und Gestein, die sich fest umfassen:
Jetzt wurden wir, ach!
Ein Stern, der verlosch – und Strahlen, die einzeln verblassen.

Ich kam nicht los davon. Eine innere Stimme sagte: »So alt und so töricht.« – Aber sie drang nicht durch. Und heute, wo ich, wie an jedem Tage, an sie denke, weiß ich, daß mein Schicksal Hana lautet.

*

»Liebe, Liebe, laß mich los!« stöhnte mein Herz, als ich meinen Kram zusammenpackte, um von Kyoto nach Osaka zu fahren. Ich hatte eine große Kiste aus Lack gekauft, in die ich alles hineintat, was Hana mir beschert und was ich unter ihrer Assistenz gekauft hatte. Sonderbar! Solange sie die Gegenstände m ihren Händen hielt, hochhob oder mir entgegenstreckte, hatte ich regelmäßig das Gefühl, daß von den hundert Sächelchen, die in den Auslagen der Geschäfte lagen, nur eben dies und kein anderes in Frage kam. Wie froh war ich mit dem Tabaksgefäß im Stile Ritsuos aus Holz mit Figuren aus gefärbter Fayence, mit dem vierteiligen Inro aus farbigem Lack, mit den Toboris aus chinesischer Schnitzerei, mit dem Glücksgott Hotei aus Elfenbein und den Teebechern und Gefäßen, die sämtlich mit »Kenzan« gezeichnet und gewiß nichts anderes als kunstvolle Imitation nach Ogata waren. Aber die Farben grün, blau, braun, weiß hoben das Bild Hanas – und ich sah doch nur sie in allem. – Nun schienen alle diese Dinge, die mein Auge noch vor ein paar Stunden ergötzt hatten, fahl, farblos, tot. Und ich packte sie in den Kasten aus Lack, der sich in meinen Händen in eine Urne zu verwandeln schien.

Von Kyoto nach der Millionenstadt Osaka ist es nur eine Stunde. Und doch schien die Fahrt mir eine Ewigkeit. – Hana hatte mir, als sie ging, ein Buch über ihren Lieblingsmaler Kyonaga mit vielen Abbildungen in die Hand gedrückt. Urteile von Tei-San und Goncourt waren beigegeben. Die Ränder des Buches waren auf allen paar Seiten mit zierlichen japanischen Schriftzügen von ihr beschrieben. Ich verstand sie nicht. Auch der Alte konnte sie nicht entziffern. Er fuhr mit mir, um in Osaka seinen Sohn, der dort zur Schule ging, zu besuchen. – Er nahm auf meine Stimmung Rücksicht und sprach nicht viel. Nur einmal sagte er: »Heiraten Sie Hana. Sie werden in ganz Europa keine bessere Frau finden.« – Ich sah ihn an. Er meinte es ernst. – »Hana ist siebzehn Jahre alt,« erwiderte ich, »sie wird sich nach meinem Tode in Japan nicht mehr zurechtfinden und ohne mich in Europa einsam sein.« – »Dann hätten Sie das nicht machen dürfen,« sagte er. – »Was habe ich denn gemacht?« fragte ich. – »Sie haben sie glücklich gemacht. Das ist ein großes Unrecht. Denn wie soll sie nun ohne dies Glück weiterleben?«

Ich verstand den Alten. Ich wollte nach Tokio zurück. Er wehrte ab.

»Sie haben sie gehen lassen,« sagte er. »Das versteht sie nicht. – Sie wird Sie noch weniger verstehen, wenn Sie jetzt wiederkommen.«

»Kann die Sehnsucht mich nicht zurücktreiben?«

»Am nächsten Tage? Nein! Sie können versuchen wollen, sie zu überwinden. Dazu gehören Monate, wenn nicht Jahre. – Kommen Sie in einem Jahre wieder – wenn Sie dann noch wollen?«

»Und Hana? – Was wird sie tun in dem Jahr?«

»An Sie denken.«

»Wenn ich die Gewißheit hätte.«

»Sie dürfen sie haben.«

»Sie werden ihr sagen, daß ich wiederkomme?«

»Nein! – nur, daß Sie sie lieb haben.«

»Das habe ich ihr geschworen – nicht einmal – tausendmal!«

»Und sind doch gegangen – und haben sie zurückgelassen. Aber wenn ich es ihr sage – aus mir heraus – dann wird sie es glauben – und warten und hoffen, daß Sie wiederkommen.«

»Was sind Sie für ein Mensch,« entfuhr es mir.

»Nicht der Rede wert,« gab er zur Antwort. »Einer, der schon mit einem Fuße hinüber ist; der nicht mehr mitspielt, daher um so schärfer sieht.«

Wir waren in Osaka. Sein Sohn empfing ihn. Man mußte ihn für einen Japaner halten. Er gab sich auch keine Mühe, als etwas anderes zu gelten. Er fühle japanisch – sagte er –, trotz des deutschen Vaters. Aber er war – wie ich sehr bald merkte – doch deutsch in seinem Fühlen. Oder – der Gedanke kam mir nicht erst hier – war der Unterschied zwischen deutschem und japanischem Empfinden am Ende nicht so groß, wie die großen Rassetheoretiker uns glauben machen wollen?

Ich war innerlich ganz und gar nicht auf die Fabrik- und Handelsstadt eingestellt. Ich riß die Augen auf und sah alles, was es zu sehen gab. Aber weit über die Netzhaut hinaus drang es nicht. Ich war voll von anderen Dingen. – In Kobe stand mein Steamer. Uebermorgen fuhr er fahrplanmäßig ab. Was gab es in Japan nicht noch alles zu sehen! Was kannte ich denn? Womit hatte ich die Zeit verbracht? – Gewiß! Ich hatte die Möglichkeit, einen Monat später nach Europa zurückzukehren. Obschon dann der Monsun wütete. Für vier Wochen hätte ich nicht den Umweg durch die Hölle gescheut. Aber die Worte des Alten hatten mich überzeugt. Je eher ich heimkehrte, um so früher konnte ich die neue Reise vorbereiten.

Sonderbar! Nicht einmal vor Kyoto war mir auf den Speisekarten unter Fischen der Tai aufgefallen. Hana aß ihn lieber als alles andere. Er mußte aus den Flüssen kommen, wo er rot war, während er an den Mündungen, wo der dunkle Grund des Meeres beginnt, schwarz ist. Nun plötzlich konnte ich keine Speisekarte aufschlagen, ohne daß mein erster Blick auf den Tai fiel. Ich aß ihn täglich. Immer in der Zubereitung, die Hana liebte. Und der Alte lächelte dazu, als wollte er sagen: wie die Liebe uns doch alle zu Kindern macht. – Aehnlich wie mit den Fischen ist es hier mit den Tannen. Auf sandigem Boden wachsen rote, auf weichem Boden sind sie schwarz. Sobald man sie verpflanzt, wechseln sie ihre Farbe.

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