Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Vierzehntes Kapitel

Mir hatte die Botschaft freundlicherweise ihren ehemaligen Linguisten, einen Japaner, der perfekt Deutsch sprach, für Yokohama und Tokio zur Verfügung gestellt. Nach dem Botschaftsschreiben, das mir der Agent des Lloyd gleich bei Ankunft des Schiffes übermittelte, sollte dieser Japaner an Bord kommen. Ich wartete einen halben Tag auf ihn. Da er dann noch immer nicht kam, ließ ich einen Teil meiner Sachen an Land bringen und verließ, völlig programmlos, das Schiff. Neben mir Beatrice mit einer Dienerin.

Der erste Schritt auf japanischem Boden. Ich hatte mich auf hochnotpeinliche Untersuchung gefaßt gemacht. Bolschewistengefahr. Innere Unruhen. Attentate. Strenge Fremdenkontrolle. – Nichts von alledem. Was schon in China bemerkbar ist, hier aber noch deutlicher wird, sind die Informationen der deutschen Presse über den Osten falsch. Kein Mensch fragte woher? wohin? Fast beängstigend war für den Europäer und gar für den Deutschen diese Freizügigkeit. Man betrat fremde Erdteile und empfand als Bürger eines Staates, in dem der Mensch erst durch seine Papiere den Beweis seiner Existenz erbringt, geradezu das Bedürfnis, sich einer Behörde gegenüber zu legitimieren. Wir hatten kaum hundert Schritte auf japanischem Boden getan, der übrigens in Yokohama nirgends fest, sondern von dem Beben her noch weich und lehmig ist, als wenn es Wochen lang gegossen hätte, als ein Europäer Mitte der Fünfzig mit einer Art Reisemütze und hellem, schäbigem Rock, dunkler schäbiger Hose und sehr vergnügter, rot schimmernder Nase an mich herantrat und mich verblüffenderweise auf deutsch fragte:

»Verzeihung! sind Sie vielleicht Herr Dr. Landsberger?«

Wie viele Erdteile, wie viele Meere lagen zwischen Berlin und Yokohama? Japan, das Land meiner Sehnsucht war erreicht. Ich hatte in einer Landschaft rosabrauner Färbung tanzende Geishas mit bunten Laternen, winkende Teehäuser, blühende Kirschbäume, kämpfende Samurai und auf sanft aufsteigenden Hügeln zierliche Shintotempel erwartet. Statt dessen sprang mir nun auf Trümmern, die ebenso irgendwo in der Mark liegen konnten, ein angeheiterter deutscher Bierphilister mit der Frage ins Gesagte:

»Sind Sie vielleicht Herr Dr. Landsberger aus Berlin?«

Hätte er mich gefragt: »Sind Sie vielleicht der Kaiser von Japan,« ich wäre weniger verblüfft gewesen.

Fast noch verrückter empfand ich aber Beatrice, die sagte:

»Sie haben auch überall Bekannte, Doktor!«

Wir waren die drei einzigen Europäer auf weiter Flur – ringsum Trümmerhaufen aus Stein, ein paar zusammengefallene Gebäude, die noch halb aus der Erde ragten, hundert Schritte entfernt ein paar Rikschakulis. Das Meer hinter uns. Sengende Sonne. Vor uns das große Geheimnis: Japan.

Ich hatte das Gefühl, als wäre ich vor zwei Stunden aus Berlin abgereist und käme nun etwa in Köslin an, wo meines verhinderten Freundes wegen mich der Gutsinspektor in Empfang nahm. Und so sagte ich denn in meiner Verblüffung:

»Das ist ja unmöglich.«

Ich merkte gar nicht, wie sinnlos diese Antwort war. Auch Beatrice merkte es nicht. Denn sie stimmte mir zu und sagte:

»Das finde ich auch!«

Erst als der Bierphilister, für seine rosarote Stimmung erstaunlich logisch, sagte:

»Sie müssen es doch wissen, ob Sie es sind,« besann ich mich und sagte:

»Wie ist das denn möglich?«

Er nannte seinen Namen und fuhr fort:

»Ich komme an Stelle des Linguisten. Der ist in neuer Position und daher verhindert. Um auf das Schiff zu kommen, war es schon zu spät. Ich soll Sie führen.«

»Wohin?« fragte ich noch immer benommen und er erwiderte:

»Wohin Sie wollen.«

Ich sah mich um. Ich sah nur Trümmer. Ein Meer von Steinen und hier und da die Fetzen von ein paar Häusern.

»Ungeheuerlich!« sagte ich, und Beatrice sah auf ihre ausgeschnittenen Lackschuhe, an denen zentimeterdick der Lehm klebte.

»Das schlimmste sind die Pfützen!« sagte sie.

»Und was an Menschen noch unter den Trümmern liegt,« ergänzte der Alte, »das ist noch schlimmer.« Und fuhr mit feuchter Stimme fort: »Und was nicht verbrannte und am Leben blieb,« – er schluchzte jetzt – »das ist vielleicht das schlimmste.«

»Sie haben auch Angehörige verloren?« fragte ich.

»Die Enkelkinder – und mein Haus – mit allem was drin war.«

»Und nun?« fragte ich.

Er wies auf seine Kleidung und sagte:

»Sie sehen. Liebesgaben. Aber ich bin mittellos und werde es bleiben.«

ohne Bildunterschrift
ohne Bildunterschrift

Wir gingen über Trümmer und Stege, die über tiefe Risse in der Erde führten, durch das gewesene Yokohama. Gewesen wie dieser Mensch, der noch heute, sieben Monate nach der Katastrophe, den Eindruck eines gedanklich und seelisch Gelähmten machte.

»Was haben Sie denn vor dem Unglück gemacht?«

Er blieb stehen und wies in irgendeine Richtung.

»Da stand der Riesenbau, in dem ich beschäftigt war.«

»Sie werden doch wieder etwas finden.«

Er schüttelte den Kopf und sagte:

»Hier nicht. Sie sehen ja. Tausende, die mit Haus und Familie auch ihr Brot verloren haben.«

»Dann anderswo. Es muß ja nicht Japan sein.«

Er blieb wieder stehen und sah mich an. Mit Augen wie aus Wachs, in denen, wie Glasur, die Tränen standen.

»Seit über zehn Jahren will ich fort zu meinem Bruder nach Dortmund. Ich hatte die Kabine für mich und meine Frau vor zehn Jahren und später noch einmal. Wenn der Termin kam – Sie kennen das Land nicht und ich kann es Ihnen nicht schildern – es ist – ja, wie soll ich sagen? – man steht wie in einem Garten – vielleicht, daß es das ist – sehen Sie, jeder liebt hier die Blumen – und die Tiere betreuen sie wie die Menschen – das ist es wohl – man lebt wie in einem Park, der jedem gehört – und bei uns? – ja, da ist es wie in einer Fabrik – man ist Sache, nicht Mensch – und wieviel der Mensch als Sache wert ist, soviel gilt er – der eine viel – der andere wenig – herzlos ist das. Aber hier? – Sehen Sie die Geisha – na ja, ich komm ja auch nicht ganz los von dem bei uns zu Hause und wünsche mir auch nicht, daß meine Tochter in einem Teehaus wäre – ganz frei wird man eben doch nicht – aber hier, da kränkt sie niemand – man läßt sie nicht fühlen, daß sie etwas anderes ist – sehen Sie, das vielleicht ist es, daß man sich gegenseitig nicht kränkt – man ist behutsamer miteinander – rücksichtsvoller, zarter. – Wenn Sie sehen werden, wie man die Blumen pflegt, nicht wie bei uns, nur weil sie schön sind und duften – weil man ihnen näher ist – ich kann das nicht so sagen – was lebt, blüht – sehen Sie – das Gefühl hat wohl auch ein Mensch vom andern – darum schonen sie sich – ich weiß nicht, Sie werden nicht verstehen, was ich meine – aber wer das fühlt – und das fühlen hier alle – der kann nicht fort – will auch nicht.«

»Das alles begreife ich. Aber Sie ...?«

»An mir liegt nichts. Aber meine Frau, die ist Japanerin und der Mann meiner Tochter ist Japaner. Da ist man nun so hineingewachsen – vieles, das versteht man nicht, das fühlt man nur – hier, das wollte ich Ihnen zeigen – sehen Sie –« und er wies auf einen Trümmerhaufen, eine große Fläche von etwa vierhundert Quadratmetern. Da lagen Kirschblüten, als wenn der Wind sie von den Bäumen geweht und planlos hierhin und dorthin verstreut hätte.

»Was ist das?« fragte Beatrice, während ich völlig unter dem Bann seiner Erzählung stand.

»Das Grab meiner Enkel – da, sehen Sie –« und er wies auf die Blüten, wo sie am dichtesten lagen – »die streut meine Frau Tag für Tag – und wenn die Zeit der Kirschblüten vorüber ist, dann streut sie Lianen und was hier so blüht. Da! sehen Sie!« – eine junge Japanerin ging vorüber, blieb stehen, nahm die Blumen aus ihrer Schärpe des Kimonos, beugte und verneigte sich, streute die Blumen auf die Steine. Ein Bild, rührend und erschütternd.

»Kennen Sie sie?« fragte ich.

Er schüttelte den Kopf und sagte:

»Keine geht hier mit Blumen vorüber – und sie tragen hier fast alle Blumen – die sie nicht unseren Enkeln, gibt.«

»Schön ist das!« sagte Beatrice.

»Soll ich meine Frau fortnehmen von hier – von ihrem Kinde – von dem da?«, er wies wieder auf die Steine und dann auf die Japanerin, die, ohne uns beachtet zu haben, eben um die Ecke bog, »und von Menschen, die sind wie die?«

»Nein!« sagte ich, »das dürfen Sie nicht!«

»Sehen Sie!« Er griff nach meiner Hand. Sein Gesicht war aufgedunsen und feucht. Der arme Teufel hatte das graue Elend. War innerlich zerrissen; trank natürlich. Ich sah gleich, ihm war nicht zu helfen.

Die Rikschas, die während der ganzen Zeit in respektvoller Entfernung mit unseren Sachen folgten, wurden ungeduldig. – Beatrice verspürte Hunger. Der arme Teufel Durst.

Wir gingen ein paar Schritte weiter in ein japanisches Restaurant. Da wir mit den Stäbchen nichts anzufangen wußten, so brachte man uns Messer und Gabeln und gab sich auch sonst große Mühe, uns zufriedenzustellen. Der Raum war voll von Menschen, die sympathisch ruhig um die Tische saßen und, ohne uns durch Blicke zu belästigen, ihr Mittagbrot aßen. Was hier schon auffiel: alle Welt trank Bier. Ganz vereinzelt nur Sake. Ich probierte und fand, er schmeckte wie Medizin. Wie heißer Sekt meinte Beatrice.

Ein europäisches Hotel gab es in Yokohama nicht. Kaum ein japanisches. Immerhin blieben wir in dem kleinen Gasthaus, das die Sauberkeit selbst war, noch bis zum nächsten Tage. Es gab doch allerhand, was uns hielt.

Zweimal noch ging ich an diesem und am nächsten Tage zu dem Grabmal, das grandios und mitleidlos die Natur errichtet hatte, ohne daß Menschenhand sich rührte. Auf keinem Campo Santo sah ich je gleich Großartiges und Erschütterndes.

Es war der erste Schluck Japan. Er ging durch und durch – wärmte und traf das Herz.

*

Als wir vor dem kleinen Gasthaus standen, nahm mich Beatrice beiseite und fragte:

»Wie ist das in Japan?«

»Genau wie bei uns,« erwiderte ich, obgleich ich es nicht wußte, im übrigen auch nur ahnte, was sie meinte.

Wir gingen hinein. Unser Begleiter ging voran und verhandelte. Eine alte Japanerin verbeugte sich tief, dreimal hintereinander. Hinter ihr drei Dienerinnen taten dasselbe. Da auch unser Begleiter mühsam den Rücken vornüber beugte, so taten wir das gleiche. Eine schmale kleine Treppe aus Holz, die stark genug schien, Tauben oder Hühner zu tragen, brach wider Erwarten unter uns nicht zusammen. Ein schmaler Gang, eine Holzveranda, von der aus man in den kleinen wie ein Spielzeug anmutenden Garten sah, wieder ein Gang. Türen, die aus Papier gemacht schienen, die eine der Mägde vor uns auf und hinter uns wieder zuschob, dann drei Räume, die wir bewohnen sollten. Fast ohne Möbel. An den Wänden breite, kostbare Schirme aus schwarzer Seide, mit Blumen bestickt, mehrere kleine runde Tische mit Blumenschalen und Gefäßen, überall Matten, die unbenutzt schienen, und ein paar seidene Decken. Kein Schrank, kein Sofa, kein Stuhl, kein – Bett.

Beatrice sah mich erstaunt und fragend an. Ich gab mir Mühe, nicht überrascht zu scheinen. Die Japaner und unser Begleiter wechselten einige Worte, dann wandte er sich an uns:

»Die Wirtin fragt, ob alles so recht ist oder ob Sie noch einen Wunsch haben.«

»Nun, Gräfin?« wandte ich mich an Beatrice. »Ich finde, es kann nicht sauberer sein.«

»Sie fragt, ob Sie für die Nacht noch gern ein paar Decken hätten.«

»Was meinen Sie, Gräfin? – Die Matten halten zwar warm, aber man hat mir gesagt, daß die Nächte in Japan kühl sind.«

Beatrice schien ratlos.

»Kann man sich denn hier waschen?« fragte sie.

»Sie können jederzeit heiß baden – sooft Sie wollen,« erklärte unser Begleiter.

»Vielleicht, daß ich einen Stuhl bekommen kann,« sagte sie zaghaft.

»Sie sitzen auf der Matte doch viel bequemer,« erwiderte ich.

»Man zerdrückt sich das Kleid.«

Ich rief die jungen Mägde, die mit Beatrices Dienerin noch vor der Tür standen, auf japanisch. Zwei Monate lang hatte ich auf dem Schiff täglich ein paar Stunden studiert.

Alle sahen erstaunt auf.

Ich rief noch einmal.

Sie machten ängstliche Gesichter.

Unser Begleiter trat auf mich zu und fragte:

»Was ist Ihnen?«

»Ja, verstehen Sie mich denn auch nicht?«

Er schüttelte den Kopf. Ich erklärte ihm. Er lachte laut auf. Gab die Erklärung an Wirtin und Mägde weiter. Nun lachten sie alle. Die Mägde piepsten wie die Vögel – und konnten sich gar nicht beruhigen.

Ich trat zu ihnen hinaus. Zu der jüngsten sagte ich eine Liebenswürdigkeit auf japanisch.

Da strahlte sie über das ganze Gesicht. Auch die Anderen strahlten. Sie verbeugte sich tief und piepste ein paar Töne. Ich glaubte, sie hätte mich verstanden.

Ich verabschiedete den Alten, der sehr erstaunt tat, und bestellte ihn mir für den nächsten Morgen.

»Aber Sie können doch hier nicht allein?«

»Gerade das reizt mich,« erwiderte ich, besann mich aber und sagte:

»Vielleicht, daß Sie sich der Gräfin heute abend annehmen.«

Beatrice verstand längst nichts mehr und schwieg. Er versprach, in zwei, drei Stunden wiederzukommen und sie abzuholen.

Ohne daß wir es bestellten, brachten zwei Mägde Tee und allerhand Leckerei. Unter vielen Verbeugungen setzten sie auf eine der Matten eine große silberne Platte und stellten die Tassen, Kannen und wohl ein Dutzend Schalen mit allen möglichen Leckereien darauf. Die Feierlichkeit und Exaktheit, mit der das geschah, fiel mir auf. Die ältere von den Beiden rückte nochmals eine Schale, die von der jüngeren hingestellt war, auf einen anderen Platz. Oft nur ein paar Handbreit rechts oder links – aber doch mit einer auffallenden Ueberlegtheit, ebenso wie der Ernst bei jeder Bewegung. Dann verbeugten sie sich wieder und gingen.

Ich reichte Beatrice den Arm und geleitete sie zur Matte. Wir setzten uns – oder wir versuchten es, uns zu setzen. Da aber unsere Beine ständig ein Hindernis zwischen uns und den Teegefäßen bildeten, so rief ich eine der Mägde herbei, die uns mit Takt und Grazie und sichtlich großem Vergnügen – das Sitzen beibrachte. Schon nach ein paar Minuten erklärte Beatrice:

»Das ist eigentlich viel bequemer als auf einem Stuhl mit vier steifen Beinen zu sitzen.«

ohne Bildunterschrift
ohne Bildunterschrift

»Mir kommt es auch schon ungeschickt vor,« erwiderte ich.

»Ob das aber«, fuhr sie fort und wies auf die Matten an der Wand, »mit den Ohne-Betten auch der Fall ist?«

»Es kommt auf den Versuch an.«

»Und dann die Türen.«

»Was ist damit?«

»Die lassen sich nicht verschließen. Nicht einmal die Türen zum Flur – und zum Vorrücken hat man auch nichts.«

»Ich bin bei Ihnen.«

»Wie meinen Sie das?«

»Daß Sie sich nicht zu fürchten brauchen.«

»Gerade vor Ihnen fürchte ich mich.«

»Genau wie ich mich vor Ihnen.«

»Was heißt denn das?«

»Daß es darauf ankommt, wer von uns beiden zuerst schwach wird.«

»Ich nicht!«

»Dann dürfen Sie trotz der Schiebetüren ruhig schlafen.« Das klang fast kränkend. Und mir schien, sie empfand es auch. Aber ich mußte sie doch beruhigen und so fuhr ich fort: »Sie müssen wissen, Gräfin, daß ein ganz klein wenig von dem Reiz dieser Reise für mich in der Geisha liegt.«

»Ich bin Ihnen also im Wege?«

»Aber nein! Kameradschaftliches Verhältnis. Austausch von Gedanken und Gegenüberstellung von Urteilen kann für beide Teile nützlich sein.«

»Gewisse Rücksichten verlangt jede Frau.«

»Ich werde sie üben.«

»Ich hasse Männer, die darauf ausgehen.«

»Es kommt in allen Fällen nur auf den Takt an.«

»Das ist mir aus der Seele gesprochen.«

»Und auf die Gelegenheit.«

»Männer, die Situationen nutzen, sind mir zuwider.«

»Sie meinen die Schiebetüren?«

»Ich meine vor allem nicht Sie.«

»Endlich vertrauen Sie mir?«

»Wäre ich sonst mit Ihnen in dies Hotel gegangen?«

»Ein Mann muß die Gedanken einer Frau erraten.«

»Fühlen muß er sie.«

»Wenn die Verstellungskunst der Frau uns nicht so oft täuschte.«

Sie schob mir eine nach Oliven duftende Süßigkeit in den Mund und sagte:

»So werden Sie den Geishas heute abend aus der Hand essen.«

»Schöner und gepflegter können deren Hände auch nicht sein.«

»Und doch zieht es Sie gleich am ersten Abend hin.«

»Sie begreifen, wenn man nach Japan fährt, daß man den Wunsch hat ...«

»Ich begreife durchaus. – Ob aber auch Andernfalls begriffen hätte?«

»Nach der Freiheit, die sie für sich in Anspruch nahm.«

»Sie meinen die Flucht mit dem Grafen?«

»Eine Flucht war es nun gerade nicht.«

»Sie wußten darum?«

»Aber ja!«

»Von ihm oder von ihr?«

»Von beiden.«

»Dann war das gar nicht gegen Sie gerichtet?«

»Ich habe es jedenfalls nicht so aufgefaßt.«

»Ich bin also die Hintergangene.«

»Sie gerade haben doch den Anstoß gegeben.«

»Ich? – Das ist zuviel! – Andernfalls hat mich aufgehetzt.«

»Aufge klärt meinen Sie?«

»Um an meine Stelle zu rücken.«

»Daran hat sie doch damals noch nicht gedacht.«

»Das glauben Sie? – Sie sind naiv, Doktor, wie alle Männer.«

»Wie konnte sie diese Wirkung bei Ihnen vorausahnen?«

»Das will ich Ihnen sagen. Indem sie mir eingeredet hat, ich müßte so handeln.«

»Sie hat doch im Gegenteil alles versucht ...«

»... mich von dem Grafen zu trennen. Das hat sie.«

»Kürzlich sprachen Sie noch ganz anders. Sie waren sittlich entrüstet.«

»Das bin ich noch.«

»Nun also.«

»Das hätte ich auch sein können, ohne mich von ihm zu trennen.«

»Sie würden sich demnach heute bereit finden ... das Dutzend voll zu machen?«

»Eine Frau muß überwinden. – Etwas ist in jeder Ehe.«

»Sie lieben den Grafen?«

»Liebt ihn etwa Andernfalls?«

»Ich hoffe.«

»Das lügen Sie! – um das zu hoffen, sind Sie als Mann viel zu eitel!«

»Ich wünsche auch Ihnen nur das Beste.«

»Sie schon – aber Andernfalls, für die Sie doch in gewissem Sinne die Verantwortung tragen ...«

»Das geb' ich zu.«

»Gut! Wenn sie mich also von dem Grafen losreißt ...«

»Das hat sie aber doch nicht getan.«

»Und wenn ich es nur aus Eitelkeit vor ihr getan hätte – sie sah doch, was geschah – daß ich zurückblieb – und schließlich auch Siel – war es da nicht Ihre Pflicht ...?« – sie zögerte, ich sah sie an – »uns beide, Sie und mich – schon zu ihrer eigenen Beruhigung hätte sie das versuchen müssen.«

»Das hat sie bei der Tiefe Ihres Schmerzes wohl nicht gewagt.«

»Gerade deshalb mußte sie es tun.«

»Nein,« erwiderte ich, zögerte und sprach es nicht aus.

»Was?« fragte Beatrice.

»Am Ende brauchen wir sie gar nicht dazu.«

»Sie meinen, wir sollten aus Revanche ...«

»Wenn, dann aus Sympathie.«

»Ich ... könnte ... es mir vorstellen.«

»Es gehört nicht viel Phantasie dazu.«

Beatrice, die schnell gelernt hatte, sich am Boden sitzend fortzubewegen, saß jetzt ganz dicht bei mir. Ich hatte gerade noch Zeit, ein paar von den Schalen zur Seite zu rücken, um auf der verhältnismäßig kleinen Matte Raum für die Umarmung zu schaffen, die unabwendbar schien. Sie erfolgte prompt. Ich dachte mir nicht viel dabei. Aber Beatrice verriet ihre Karten.

»Nenne mich Taka,« sagte sie plötzlich.

»Ein japanischer Name?« erwiderte ich.

Sie nickte mit dem Kopfe und ich fragte:

»Warum?«

»Weil doch nun ich deine Geisha bin.«

Da erst ging es mir ein, welch ein kluges Vorspiel sie mit mir getrieben hatte. – Ich ging an diesem Abend nicht aus. Auch am nächsten nicht.

Aber Buddha, mein japanisches Gewissen, gab keine Ruhe.


 << zurück weiter >>