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Dreizehntes Kapitel

Japan! Das Märchen aus Tausendundeiner Nacht! Das Zauberland des Futjijama. In dem Teehaus neben Teehaus steht. Darin Tag und Nacht die zarten Geishas tanzen. Schmiegsame, elfenbeinfarbene Gestalten, die aus seidenen Kimonos gleiten und die schlanken Körper nach den Tönen der Musik biegen. – Wie Lilien auf dem Felde, über die der Wind fährt.

So etwa müßte ich beginnen, wollte ich mit den europäischen Dichtern wetteifern, die über Japan schrieben – gleichgültig, ob sie es sahen oder nur »gefühlsmäßig erlebten«. Diese letzten schreiben besonders gern und ausführlich. Kein Wunder, wenn die Völker des Westens eine völlig falsche Vorstellung von Land und Leuten bekamen, die dadurch keine Berichtigung erfuhr, daß eine ganze Reihe Mißvergnügter gerade in den letzten Jahren Bücher über Japan schrieben, in denen sie dies Volk der »Heuchler, Lügner, Fälscher, Feiglinge und Affen« in Grund und Boden donnerten.

Der Japaner verstand eins so wenig wie das andere. Beherrschtheit ist der Grundzug seines Charakters. Falsch zwar, zu vermuten, daß hinter dem ewigen abgeklärten Lächeln kein Gefühl, in dem stahlharten Körper kein Herz lebe. Training ist alles. Aber wer würde sein Gefühl öffentlich zur Schau stellen? Es in seinem Gesicht, für jeden ablesbar, mit sich herumtragen? Hinter der Maske des Lächelns, das alle Welt mißversteht, verbirgt er es. Lächelt, wenn die Mutter stirbt – und schluchzt innerlich wie wir. Haßt den Amerikaner, der ihn in seinen heiligsten Gefühlen kränkt, und überläßt ihm in der überfüllten Halle des Imperial in Tokio lächelnd den letzten Tisch. Der bestdurchtrainierte Mensch, dem äußerliche Dinge nicht ans Herz gehen. Dem Dicht- und Malkunst innerlichste Angelegenheit des Herzens, Politik äußerliche Verstandeskunst ist. Der nicht begreift, daß es Völker gibt, die Politik mit Sentiments treiben, daher sich ereifern. Ihr Sprichwort: »Wer sich ereifert, hat Unrecht«, stammt von ihrem besten Staatsmann. So elementar ist ihm der Grundsatz, daß in der Politik Zweckmäßigkeit entscheidet.

Falsch ist es, von einer drohenden japanisch-amerikanischen Kriegsgefahr zu sprechen. Ich war gerade in Tokio, als das amerikanische Einwanderungsverbot in Japan bekannt wurde. Ich hatte auch bald darauf Gelegenheit, die Stimmung in Kobe, Osaka, Kyoto und Nagasaki kennenzulernen. Fraglos war hier eine stolze Nation stark in ihrem Ehrgefühl gekränkt. Hätte der Volkswille entschieden, der Sturm wäre losgebrochen. Aber dies Volk, politisch diszipliniert wie außer ihm nur das englische, weiß – und in klaren Worten predigt es ihm seine Presse –, daß Staatsklugheit politische Leidenschaft meistern muß. Die Gründe kennen nicht alle. Es fehlt einmal an Geld, um mit Amerika Krieg zu führen – und dann: zwei Drittel des japanischen Exports geht nach den Vereinigten Staaten. Das berechnende Amerika konnte sich den Affront leisten. – Vielleicht auch nicht. Wer die Japaner kennt, weiß, daß sie die Kunst des Wartens verstehen wie keine andere Nation. – Wer die tiefe Erbitterung sah, zu deren Entspannung die Staatsraison kein Ventil öffnen durfte, der ahnt zum mindesten, was in der Zeiten Hintergrund schlummert, und daß Schweigen und Hinnehmen hier Vorbereitung heißt. Ich sagte früher schon einmal: den Ausschlag wird China geben.

ohne Bildunterschrift
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Wie beherrscht der Japaner ist und wie unbekümmert der Amerikaner, kam in dieser Zeit politischer Hochspannung deutlich zum Ausdruck. An dem kritischen Tage, glaubte ich, würden die Amerikaner und Amerikanerinnen im Tokioer Imperial auf den Zimmern speisen und die Japaner im großen Speisesaal unter sich lassen. Aber nein! Sie saßen schmuckbehängt in ihren Dékolletées und Smokings wie jeden Abend und beäugten mit noch größerer Ungeniertheit die sehr viel reizvolleren Japanerinnen, die mit unvergleichlicher Anmut und Grazie neben ihren Männern in den Saal trippelten und von den Amerikanern überhaupt keine Notiz nahmen. Ihre Kimonos waren an jenem Abend kostbar und geschmackvoll wie immer. Aber – wie mir schien – weniger farbenfreudig. Schwarz mit weißbestickten Blumen herrschte vor. Und das war gewiß kein Zufall. Auch, daß die Kapelle an diesem Abend keine amerikanischen Lieder spielte. Und auf des Japaners beredtem Gesicht, das manches Wort erspart, stand für jeden, der zu lesen versteht, an jenem Abend tiefe Verachtung. Freilich, so ungeniert auch heute neugierige Blicke der Amerikaner die Japaner umspannten – sie lasen weder auf den Gesichtern, was im Innern dieser Japaner vorging, noch erkannten sie es aus den Farben der Kimonos, die ihre Frauen trugen. Sie machten sich wie immer über die Seidenpantöffelchen lustig und stritten um den vermutlichen Wert der bestickten Seidenkimonos. – Ein paar Abende später, als die Erregung noch auf gleicher Höhe war, klang aus einem der vielen Häuser des Vergnügungsparks in Kobe, zwischen einem Theatergebäude und einem Kino, japanisch-kirchlicher Gesang, aus dem die Worte Jesu deutlich vernehmbar waren. Ich trat ein und fand in einem Saal etwa zwei- bis dreihundert singende Japaner. Sie sahen zu einem amerikanischen Lehrer oder Missionar auf, der auf einem Podium stand und mit einem Stock bald die Melodie angab, bald auf eine Tafel wies, auf der mit Kreide in japanischen Lettern der Text des Liedes stand. Man bedenke: in diesem Stadium nationaler Erregtheit versucht ein Amerikaner die japanischen Seelen zu bekehren und wird geduldet. Draußen singt das Volk, das weiß, was drinnen vorgeht, nationale Lieder. – Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll: die Beherrschtheit der Japaner oder die Unverfrorenheit des Amerikaners.

Dies Land ist ein Körper. Du kannst Tausende von Kilometern in der Bahn das Land durchreisen: nie verbirgt es auch nur auf einen Augenblick seinen Charakter. Du kannst im Süden ein Stück Land mit seinen Bewohnern herausheben und mit einem Stück Land im Norden vertauschen – Land und Leute verwachsen mit dem übrigen Land zu einem Ganzen, ohne daß Spuren der Loslösung sichtbar werden. Wo wäre das in China oder auch nur in Deutschland der Fall? – Man stellt den Japaner immer als Vorbild hin für Vaterlandsliebe. Sofern das ein Begriff ist, trifft es nicht zu. Bei uns schreien die Leute immer ganz laut ihren Patriotismus hinaus, und wer am lautesten schreit, glaubt, der größte Patriot zu sein. Nun schreit der Japaner aber gar nicht. Ich habe in all der Zeit, die ich in Japan war, nicht einmal das Wort Patriotismus gehört. Sprach ich davon, so sah man mich an. Man verstand mich nicht. Japaner und Patriotismus – ja, das ist geradezu Pleonasmus. Der Japaner fühlt sich als ein – und zwar im Verhältnis zu Japan – bedeutungsloses Stück des Ganzen, wobei er Japan geographisch und ethnographisch, darüber hinaus aber als einen Ewigkeitswert faßt, im Bereich dessen er mit seinen Ahnen und Nachkommen ein ebenfalls unzertrennliches Glied bildet. Indem er so ein Teil des Ganzen bildet, ist Liebe und Aufopferung letzten Endes bei ihm gleichbedeutend mit Eigenliebe, das Interesse an Japans Bestand, also: Selbsterhaltungstrieb.

Dies Gefühl, in dem Japaner zweifellos von Urbeginn an, also eigentlich keine Folge der Erkenntnis – so wenig, wie man sich Rechenschaft über die Gründe gibt, aus denen man seine Mutter liebt – hat vor manchem Glauben voraus, der nicht auf Erkenntnis, sondern auf Gefühl beruht, daß dies Gefühl der Erkenntnis standhält. Und an dieser, aus Gefühl und Erkenntnis kommenden Liebe des Japaners für sein Land wird in Japan mit weit größerer Bestimmtheit als in Indien oder China der Bolschewismus scheitern.

Und die Japanerin? – »das Weibchen par excellence« würde Werner Sombart sagen. Aber Peter Altenberg hätte erwidert: »Wie ich es sehe – untenrum – mit dem Gang – unmöglich!« – Der Kritiker schaut, schnüffelt und sagt: »Hm! eine literarische Angelegenheit, scheint mir. Ein Leben gewordenes Gedicht.« – Und nun begänne der Streit, ob dies Gedicht von Rilke, George oder Stefan Zweig – oder am Ende nur eine Uebertragung von Otto Hauser sei. – Otto Erich Hartleben und Otto Julius Bierbaum aber hätten die erste Geisha beim Kimono gepackt und auf ihr Auto getragen, hätten sie neben sich auf den Führersitz gesetzt, ganz dicht – ach nein – sie hätten sie auf den Schoß genommen, jeder eine, wenn nicht zwei – und wären mit ihnen durch die Welt gejagt. – Die Zunft aber hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und geschrien: »Wie unliterarisch! Daß diese Bonzen doch auch gar kein Gefühl für echte Kunst haben.«

Und wie hätte sich die Japanerin zu alledem verhalten? Nun, sie hätte sich für Otto Julius und Otto Erich entschieden und die Kritiker ausgelacht. Denn sie ist durchaus keine tote Angelegenheit. Sie will nicht, daß man sie literarisch nimmt. Sie duldet wohl, daß man Gedichte auf sie macht. Und es gibt niemanden, der sie besser vorträgt als sie selbst. Die Gedichte müssen sehr zart und blumig sein, denn sie heißt Hana, Asa, Sao, Tori, Ima.

Das sind alles liebliche sanfte Namen, die an Blumen erinnern, die sie so liebt. Und wie diese blüht, selbstlos und zur Freude der Anderen, und erhebt kein Wehgeschrei, wenn man sie bricht. Nur, daß man zart mit ihr umgeht, fordert sie.

Also eine lebende Puppe! erwidert mit Spott und Hohn die emanzipierte Frau. – Durchaus nicht. Sie ist im äußeren Leben so modern wie ihr. Aber innerlich ist sie im Gegensatz zu euch darum doch Frau geblieben. Sie treibt jeden Sport, lenkt ihr Autocar selbst und ist im Verkehr gewandter und anmutiger als ihr, gräßliche Emanzipierten! So wenig ich euch an und für sich einen so herrlichen Anblick und einen so reinen Genuß gönne, so wünschte ich doch, ihr säßet nur einen Abend mal in einem der großen Hotels in Tokio, Kobe, Kyoto, Nikko oder Osaka und säht, wie die japanischen Damen ihre unvergleichlich schönen, kostbaren Kimonos tragen. Wie sie ihren etwas zaghaften, im Smoking noch immer nicht ganz frei sich bewegenden Männern über eine gewisse Schüchternheit hinweghelfen! Denn die Ungeniertheit, mit der die Amerikaner und ihre Damen die Japaner begaffen, ist beispiellos. Der Japaner, im eigenen Lande genau so feinfühlend und zurückhaltend wie in Europa, steht hilflos gegenüber diesem Mangel an natürlichem Takt. Aber die Japanerin ist ihm an Gewandtheit überlegen. Wie sie an den Tischen der Amerikaner vorübertrippelt, bald ihren Mann vor den aufdringlichen Blicken der Amerikaner deckt und den Beschauern dabei selbst ganz allerliebst den Rücken kehrt, so daß jeder einigermaßen Empfindsame die Absicht verspürt, wie sie dann plötzlich den Kopf wendet und mit einem spöttisch verächtlichen Blick die amerikanischen Damen für Augenblicke außer Gefecht setzt, wie sie, fühlt sie sich gar zu stark beobachtet und bekrittelt, den Stuhl wechselt – das alles geschieht mit einer Anmut und Grazie, vor der man immer von neuem staunt.

Und wie die Dame, so die Geisha, bei der jede Bewegung sich ganz unbewußt zum Tanz gestaltet und deren Tanz wiederum doch so gar nichts mit Choreographie, mit Kunst, mit Können zu tun hat, der nichts als eine Reihe Bewegungen des Körpers ist, in dem der Rhythmus ein angeborener Sinn wie das Gehör oder das Sehen ist. Unbewußt also! Wie der Geschmack, den jede hat. Und der Sinn für Farben, die das Auge von dem Tage an erlebt, an dem sich ihm das Bild der Welt erschließt, das nirgends anmutiger und in den Farben feiner abgetönt ist als in Japan.

Man hört immer von der Jahrtausende alten Kultur der Japaner reden. Auch viele Schriftsteller, für die Japan nichts anderes als eine Teehausangelegenheit mit bunten Papierlaternen und tanzenden Geishas in seidenbestickten Kimonos ist, schreiben es nach. Dabei sind die Japaner bis zum Einbruch des Buddhismus ein Naturvolk gewesen, das seine Kultur von niemand anders als den Chinesen übernommen hat. Das aber war nicht Tausende vor Christi, vielmehr etwa im achten Jahrhundert nach Christi Geburt. Damit aber ist alles, was im Hinblick auf das hohe Kulturalter für und wider Japan gesagt wird, hinfällig. Vor allem aber erklärt sich daraus die natürliche Frische und das Vorwärtsstreben der Japaner im Gegensatz zu der Lethargie der um anderthalb Jahrtausende älteren Chinesen. Ergründet man, wie die Verbindung des Shinthoismus mit dem Buddhismus – dieser ist in Japan tiefer eingedrungen als in China – erfolgt ist, so hat man den Schlüssel zur Erkenntnis dieses immer wieder falsch beurteilten Volkes in Händen. Zwar ist das ethische Moment, auf dem die Pflege der Pietät und damit die ganze Anschauungs- und Gefühlswelt des Japaners ruht, wohl konfuzianischen Ursprungs. Aber buddhistisch ist doch die zarte Empfindsamkeit in allen Lebensverhältnissen, der Zusammenhang mit der Natur, die Liebe zu den Blumen und zu den Tieren. An der Wiege dieses Volkes stand kein Wotan! Der würde sich vermutlich vor Lachen geschüttelt haben, wenn er erführe, daß die Japaner nach dem Russisch-Japanischen Kriege eine Trauerfeier für die gefallenen Pferde veranstaltet haben. – Ja, so gefühlvoll sind die Japaner – und doch so tapfer.

*

Wenn Rabindranath Tagore in seinem Buche über den »Geist Japans« den Japanern besonderen schöpferischen Geist zuspricht (»es erwarb nicht, es schuf«), so ist das, wie so vieles dieses endlich entgötterten Inders, auf den monatelang die ganze Welt schwur, natürlich Unsinn. Das einzige, was sie nicht sind, ist schöpferisch. Auch in der Kunst nicht, wie man uns so gern glauben machen will. Nein, schöpferisch sind sie nur im Dekorativen. Die Wandmalereien im Kano Eitoku im Nij opalast in Kyoto haben ihresgleichen nicht. Und hier herrscht tatsächlich ein selbständiger nationaler Stil. Aber schon in den rein impressionistischen Naturskizzen ist chinesischer Einfluß unverkennbar. Im übrigen ist der Japaner technisch kunstsachverständiger als wir, da er die Möglichkeiten der Pinselführung von seiner eignen Schrift her besser beurteilen kann. Aber zur Schaffung tiefgründiger, an Herz und Nieren gehender Werke reicht seine zarte Kunst nicht aus. Darin ist ihm der in vielem gefühlsstärkere, in der Grausamkeit von keiner Kultur-, vielleicht überhaupt von keiner Nation erreichte Chinese über, der dann doch wieder – und das ist das Wunderbare – in der Zartheit der Linie den Japaner übertrifft. Einen Wu-Tao-tse und Li Lung-mien haben die Japaner jedenfalls nicht. Aber welche Nation besitzt überhaupt Kunstwerke wie Hui Tsungs »Herbst« und »Winter« oder Ma Yuans »Ufer im Regen«?

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Anfang September jährte sich zum erstenmal der Tag, an dem Tokio und Yokohama fünfhunderttausend blühende Menschen der Erdbebenkatastrophe opferten. Wir haben diesem grausamsten Naturereignis, das die Menschheitsgeschichte kennt, neben dem die Beben von Messina und Pompeji beinahe harmlos anmuten, nicht die genügende Beachtung geschenkt, weil wir zu stark noch mit uns selbst beschäftigt waren. Japan, das unsere Lage besser versteht als irgendein europäischer Staat, hat uns das nicht nachgetragen. Wir Deutsche sind die zur Zeit beliebteste Nation in Japan. Ich habe vom Minister herab bis zum Rikschakuli – der hier auf ganz anderer Bildungsstufe steht als in China – den Eindruck gewonnen, daß sie sich ihrer Kriegsteilnahme und sogenannter »Eroberungen« schämen. Das ist immerhin etwas. Aber es prägt sich auch in der besonders guten Behandlung aus, die sie überall – vor allem aber in Kiautschou – den Deutschen zuteil werden lassen.

Man darf daran erinnern, daß amerikanische Kreise, was gewiß kein Zeichen besonderen Herzenstaktes war, das Erdbeben als gewonnenen Krieg gefeiert haben. Mit besonderer Befriedigung, weil der Sieger keine Opfer brachte. Nun, das stimmt nur sehr bedingt. Die Nachricht, die durch die Presse der ganzen Welt ging und von den Japanern wohl nicht ohne Absicht unwidersprochen blieb, von der Vernichtung einundzwanzig auf Dock befindlicher Kriegsschiffe, entspricht nicht den Tatsachen. Daß in Yokohama, heute noch ein Trümmerhaufen, unter dem zehntausende ungeborgene Tote liegen, Werte verlorengingen, deren Verluste direkt und indirekt die Wehrkraft Japans schwächte, sei zugegeben. Aber mit verhundertfachtem Eifer werden seit elf Monaten diese Werte neugeschaffen. (Dem Aufbau der Stadt stand bisher ein Bauverbot entgegen, doch bringt die »Special Reconstruction Number« der »The Japan Times« vom Juni ganz genaue Pläne des Wiederaufbaues.) Und was neugeschafft wird – besonders an Schiffen – ist modernster Konstruktion. So wird sich in dem Augenblick, in dem die Wunden des Erdbebens geheilt sind, zeigen, daß Japan zum mindestens qualitativ sehr viel besser dasteht als vor einem Jahre. – An einen Krieg mit Amerika denkt Japan nicht. Auch neue Demütigungen, die wohl als Ausnutzung der Schwäche Japans anzusehen sind, werden Japan nicht aus der Ruhe bringen. Ihm fehlen zur Zeit die Mittel und die Möglichkeit, seiner Ausfuhr, die zu zwei Dritteln nach Amerika geht, eine andere Richtung zu geben.

Japan hat den Affront mit der Errichtung einer amerikanischen Schule in Tokio beantwortet. Es wird im Wiederholungsfalle wahrscheinlich auch in Osaka und Kyoto amerikanische Schulen errichten und damit der Welt ein Beispiel geben, wie man hohe Politik treibt. Denn dieser Akt der Courtoisie beschämt Amerika in den Augen der Welt, hebt Japans Prestige und gibt ihm zugleich die Möglichkeit, Amerikaner in sein Land zu ziehen und auf deren Ausbildung und Gesinnung einzuwirken. Amerika kennt diese Methoden längst. Es wendet sie seit langem auf die Chinesen an. Ein numerus clausus, auf dessen Auswahl gewiß der amerikanische Botschafter in Peking und der Generalkonsul von Schanghai entscheidenden Einfluß üben. China sieht darin längst ein Danaergeschenk und erleichtert den »veramerikanisierten« Chinesen, die, in amerikanischen Kleidern hängend, in der Tat etwas komisch wirken, das Fortkommen durchaus nicht. Japan wird auch darin seine gelbe Schwester an Klugheit übertreffen. Es wird nicht versuchen, die Amerikaner zu japanisieren, aber es wird deren falsche Vorstellungswelt vom Land der aufgehenden Sonne berichtigen und vor allem von den Amerikanern an Wissenswertem nehmen, was diese persönlich oder durch ihre Beziehungen mit ihrer Heimat zu geben haben. Dais wird kein äußerlich sichtbarer Nachrichtendienst, vielmehr das von selbst sich ergebende Resultat eines mehr oder weniger freundschaftlichen Verkehrs sein, aus dem sie weit mehr Nutzen ziehen werden, als die Unterhaltung der Schule ihr Kosten verursachen wird.

*

Kurz vor Hongkong auf dem Schiff. Die amerikanische Familie, die über Hongkong in die Heimat fährt, erzählt von Ceylon. Sie hat alles gesehen, was in dem amerikanischen Reiseführer einen oder mehr Sterne hatte. An Orten, an denen es Sehenswürdigkeiten mit drei Sternen gab, blieben sie über Nacht. »Der inneren Sammlung wegen.« Wie ein Amerikaner sich innerlich sammelt, bleibt sein Geheimnis. Mir ist noch keiner mit Innenleben begegnet. Ich kannte Frauen, amerikanische Frauen, die so schön und so lieb waren, daß man dachte, die Natur habe sich an ihnen versündigt, als sie vergaß, ihnen das Gefühl zu geben. Der Commandante, derber Dalmatiner ohne jede lyrische Nuance, sagt ganz nüchtern:

»Wir kommen gerade zur Kirschblüte nach Japan 1«

»Was ist das?« fragt der Amerikaner. Der Commandante schildert, erregt sich, wird zum Poeten. Die Amerikaner bleiben unberührt.

»Bravo!! Commandante!« sage ich und er erwidert:

»Es ist noch tausendmal schöner.«

»Die japanische Kirschblüte ist außer Leonardos ›Abendmahl‹ die einzige Sehenswürdigkeit, die bei Baedeker vier Sterne hat,« lüge ich.

Die Amerikaner kommen in Bewegung.

»Wie weit?« fragt der Amerikaner.

»Von Hongkong mit Aufenthalt hin und zurück in einem Monat.«

Fünf Minuten später funkt der Telegraphist nach Chicago: »Rückkehr vier Wochen später.« – Gegen Abend nimmt mich die Amerikanerin beiseite und fragt etwas verlegen:

»Bekommt man von der japanischen Kirschblüte auch etwas zu sehen?«

Ich mache ein vollendet blödes Gesicht. Sie fährt fort:

»Wir waren nämlich vor zwei Jahren in Mailand und haben natürlich auch Leonardos ›Abendmahl‹ gesehen. Wunderbar! Ganz wunderbar! Wir haben stundenlang mit unseren Gläsern davor gesessen ...«

»Ohne etwas zu sehen,« falle ich ihr ins Wort, »denn es ist nicht nur verblaßt, sondern geradezu verschwunden.« – Die Amerikanerin atmet auf und sagt:

»Eben! Eben! Und weil die japanische Kirschblüte doch auch vier Sterne hat, so fürchte ich, daß man am Ende auch nichts von ihr sieht.«

Mir dämmert es. Für diese Amerikaner ist die japanische Kirschblüte so etwas wie Rembrandts »Nachtwache«.

»Sie werden bestimmt nichts sehen,« erwidere ich, »denn man braucht kein Glas, wohl aber ein Herz dazu.«

Auch das verstand sie natürlich nicht. Aber sie bedankte sich und eilte zu ihrem Gatten – während ich die Genugtuung hatte, die japanischen Blüten vor der Entweihung durch diese Amerikaner (nota bene: es gibt auch andere) gerettet zu haben.


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