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Sechzehntes Kapitel

Als wir am nächsten Tage von Yokohama nach Tokio fuhren, sagte Beatrice:

»Ich liebe nichts Halbes. Ganz oder gar nicht. Sonst hätte ich ebensogut bei dem Grafen bleiben können.«

Ich mißverstand und bezog es auf meine nächtliche Abwesenheit. Ich erwiderte:

»Ich stand vollkommen unter dem Einfluß Buddhas.«

Beatrice erschrak und fragte:

»Du bist Buddhist? – welcher Färbung? etwa südlicher? Birma? Bangkok?« – und nun ergoß sie all ihre Kenntnisse des Buddhismus, die man ihr in London beigebracht hatte, über mich aus. – Ich war müde und daher zufrieden, daß ich nicht zu reden brauchte. Es klang sehr klug, saß aber an der Oberfläche; war nacherzählt, nicht nachempfunden. Ja, ich habe sie sogar im Verdacht, daß sie ihre Wissenschaft aus dem Baedeker, diesem mustergültigen Vorbild konzentrierter Sachlichkeit, geschöpft hat.

»Das ist der Buddhismus,« schloß sie erschöpft. Ich atmete auf. Aber auch sie schöpfte Atem und fuhr fort:

»Das Christentum hingegen ...«

»Halt!« rief ich. »Ich werde in Tokio versuchen, dir einen Wirkungskreis an irgendeiner Missionsschule zu verschaffen. Mich aber verschone.«

»Ausgeschlossen! – Das war eine Tätigkeit für eine Königin von Siam, nicht aber für die Frau eines deutschen Schriftstellers.«

Erschrocken fuhr ich zurück.

»Wie meinst du das?« fragte ich, obschon es klar genug war.

»Ich sagte schon einmal: ich liebe nichts Halbes. Auch für dich ist es besser.«

»Was ... ist ... besser ... für ... mich?«

»Ich bin deine Frau. Die Gräfin Beatrice, die sich unter deinen Schutz gestellt hat, kannst du hier draußen im Osten nicht sich selbst überlassen.«

»Es soll nicht wieder geschehen, ich verspreche es dir.«

»Doch! doch! es muß geschehen. Du willst ein Buch über Japan schreiben. Also wird deine Frau jede Rücksicht nehmen. Sie partizipiert an deinem Erfolg; es ist zugleich der ihre.«

»Ich werde auch dich an diesem Asienbuche partizipieren lassen! Mit fünfzig Prozent! Genügt das?«

»Es ist ja nicht nur dies eine Buch. Denke, wenn du damit berühmt wirst, das wirkt dann doch auf alles, was du noch schreibst.«

»Du ... du ... sollst ... auch ... daran beteiligt sein.«

»Es ist nicht nur das Geld. Ich will auch innerlich an deinen Erfolgen beteiligt sein.«

»Das kannst du ja. Du sollst alles wissen, was mich beschäftigt. Aber dazu brauchst du doch nicht meine Frau ...«

»Es ist zu spät, mein Lieber ...«

»Wie kann das zu spät sein? Zwischen gestern und heut kann sich doch nichts ereignet haben.«

»Das solltest du doch am besten wissen, was in einer Nacht alles geschehen kann.«

»Ich war ... ich war ...«

»Ich war auch!«

»Wo warst du?«

»Erst allein – du mußt wissen, ich kann das Alleinsein absolut nicht vertragen. Da werde ich nervös und muß etwas unternehmen.«

»Auch nachts?«

»Gerade nachts. – Es war nur natürlich, daß ich, als du fort warst, an dich dachte – und im Zusammenhang damit natürlich auch an mich. – Was soll aus mir werden? dachte ich. – Und da fiel mir dann nichts Besseres ein, als dich zu heiraten.«

»Ja ... aber ...«

»Möglich, daß du meinen Gedanken eine andere Richtung gegeben hättest. Aber du warst nicht da.«

»Ich bin jetzt da!«

»Ich sagte schon, es ist zu spät.«

»Du vergißt, daß du noch verheiratet bist.«

»Ich war es nie.«

»Wie – was? ... du warst es ...?«

»... nie! denn diese Ehe ist nichtig.«

»Seit wann?«

»Wie dumm du fragst, wenn sie nichtig ist, war sie es immer.«

»Wann ist dir diese Erleuchtung gekommen?«

»Mir nicht. – Ich war beim englischen Konsul.«

»Mitten in der Nacht?«

»Sind für dringende Angelegenheiten nicht sogar die Apotheken geöffnet? Läutet man nicht des Nachts? Kann man bei Gefahr im Verzug nicht sogar die Feuerwehr alarmieren?«

»Ja ... aber ...?«

»Sind Ehre und Zukunft einer Frau weniger dringliche Dinge?«

»Vielleicht ... aber in diesem Falle.«

»Der englische Konsul war meiner Ansicht.«

»Und?«

»Er erwartet uns um zehn Uhr bei sich.«

Ich prallte zurück.

»Wo ... wo ... zu?« fragte ich.

»Einmal benötigt er dich als Zeugen darüber, daß ich bei Singapore in dem Glauben lebte, die einzige Frau des Grafen zu sein.«

Die Frau entwickelt sich, schoß es mir durch das Gehirn. Daneben war ja Andernfalls ein kindlich harmloses Geschöpf.

»Und dann? Was will er noch?«

»Uns trauen.«

»Hi ... hi ...« hörte ich mich japsen. Die Luft blieb weg. Ich bekam kein Wort heraus.

Um so gesprächiger war Beatrice.

»Ich habe ihm alles erzählt. – Wie du dich meiner angenommen, und nun natürlich den Wunsch hast, mich nicht zu kompromittieren. Er ist begeistert von dir.«

»Von dir.«

»Vielleicht auch. Das hat er nicht gesagt. Aber dich nannte er immer wieder einen Gentleman und fragte, ob ich denn auch genau wisse, daß du ein German seist.«

»Unverschämt,« entfuhr es mir.

»O nein! Du wirst dich überzeugen, wie nett er ist.«

»Du hast ihn belogen.«

»Inwiefern?«

»Indem du ihm gesagt hast, daß ich dich heiraten will.«

»In der Form nicht.«

»Dann in einer anderen.«

»Es ergab sich aus der Situation ganz von selbst.«

»Ich werde ihn auch belügen.«

»Was willst du tun.«

»Ihm sagen, daß ich bereits verheiratet bin.«

Beatrice fuhr entsetzt zurück. Ich triumphierte. Aber nur einen Augenblick. Denn schon lächelte sie wieder und sagte:

»Dann wird er eben auch deine Ehe scheiden – wenn ich ihn darum bitte.«

»Du bringst es fertig, eine Ehe zu scheiden, die gar nicht besteht.«

»Was bleibt mir anderes übrig, wenn du mich dazu zwingst.«

»Und wozu willst du mich zwingen?«

»Bin ich dir denn so unsympathisch?«

»Wenn ich alle Frauen heiraten sollte, die mir nicht unsympathisch sind, so würde dein Graf trotz seiner zwölf Frauen neben mir wie ein Junggeselle wirken.«

»Du bekommst es also fertig, mich in Japan sozusagen auszusetzen?«

»Säuglinge setzt man aus.«

»Hier bin ich genau so hilflos wie ein Säugling.«

»Ich will ja gar nicht, daß du von mir gehst.«

»Ich kann nur als deine Frau bei dir bleiben. Du hast also die Wahl, mich hier hilflos sitzen zu lassen oder zu heiraten.«

»Gut! Einigen wir uns. Der Konsul läuft uns nicht weg.«

»Der Konsul nicht, aber du.«

»Wir kommen auf dem Rückweg wieder hierher. Ich verspreche dir ...«

»Gib es mir schriftlich.«

»Gern.«

»Aber glaube nicht, daß du mich etwa umstimmst, indem du eklig zu mir bist. Ich kenne dich jetzt und weiß, daß es dann nicht deine wahre Natur ist.«

»Was soll ich schreiben?«

ohne Bildunterschrift
ohne Bildunterschrift

Sie legte einen Bogen vor mich hin, steckte mir eine Füllfeder in die Hand und diktierte:

»Hiermit verpflichte ich mich als Ehrenmann ...«

»Als was könnte ich mich sonst verpflichten?«

»Damit gibst du zu, daß du keiner mehr bist, falls du dein Wort nicht hältst.«

»Also weiter!«

»... als Ehrenmann,« wiederholte sie und fuhr fort: »die Gräfin Beatrice Auguste Viktoria Emanuela Seni-Meho auf der Rückreise in Yokohama durch die Vermittlung des englischen Konsuls zu meiner Frau zu erheben ...«

»Erheben? Von Frau Gräfin zu Frau Doktor ist doch kein Aufstieg. Ich werde schreiben: zu machen ...«

»Schreibe weiter! – Im Falle einer anderen Reiseroute tritt an die Stelle von Yokohama nach Wahl der Gräfin eine andere Stadt Japans. – So, und nun dein Name, Ort und Datum. – Danke!«

Sie zog mir das Blatt unter den Händen fort und sagte.

»Man soll niemanden zur Ehe drängen. Du siehst, ich lasse dir Zeit.«

»Eil' dich! Wir versäumen sonst den Zug nach Tokio.«

In dem kleinen Raum für Gäste saß wartend, noch vom Abend zuvor, unser Begleiter. Beatrice hatte ihn, bevor sie zum Konsul gegangen war, unter Gin-Vermouth gesetzt. Kein Wunder, wenn er jetzt nicht auf die Beine kam.

»A... also, in welches Theater gehen wir?« fragte er und mühte sich hoch.

»Ein heißes Bad,« meinte die Wirtin, die ihn kannte.

»Sie übernehmen ihn?« fragte ich und gab ihr unsere Tokioer Adresse.

Dann fuhren wir in Rikschas zur Bahn.

»Von heute ab reise ich als deine Frau!« sagte Beatrice.

»Das vereinfacht den Fall,« erwiderte ich.

Auch der Bahnhof von Yokohama war nur eine Bretterbude. Um so angenehmer war man von der elektrisch betriebenen Bahn überrascht. Jeder Wagen nur ein Abteil, breit, sauber, mit durchgehender bequemer Bank auf beiden Seiten. Fahrtdauer eine halbe Stunde. In unserem Raucherabteil vornehmlich Herren. Bis auf einen alleinfahrenden Amerikaner sämtlich Japaner. Etwa nach zwanzig Minuten erhebt sich der Amerikaner und sagt auf englisch zu einem Japaner so unhöflich wie irgend möglich: »No smoking.« – Alles sieht auf. Der Japaner lächelt und erwidert mit ausgesuchter Höflichkeit ebenfalls auf englisch: »Es ist zwar Raucher. Da Sie aber so höflich bitten, mein Herr ...« – und er wirft die eben angezündete Zigarette aus dem Fenster. Die Japaner lächeln Beifall, eine sehr hübsche Japanerin in kostbarem Kimono klatscht lautlos die kleinen weißen Hände ineinander. Auch ich lächle, während der Amerikaner ein impertinentes Gesicht macht und die Mundwinkel nach unten zieht. Ich habe das Bedürfnis, zu zeigen, daß ich kein Amerikaner bin und beginne, mich lauter, als es meine Art ist, mit Beatrice auf deutsch zu unterhalten. Mir ist, als wenn die Japaner freundliche Gesichter machten.

In Tokio fühlt man sofort bei Ankunft auf dem Bahnhof die Millionenstadt. Es herrscht musterhafte Ordnung. Beamte, Träger, Rikschakulis sind exakt und zuvorkommend. Ueber den großen europäisch wirkenden Bahnhofsplatz geht der Weg durch belebte Straßen, rechts am umfriedeten Park des Kaiserlichen Schlosses, links am Kaiserlichen Nationaltheater vorbei, das unter dem Beben arg gelitten hat und seitdem geschlossen ist. Sonst sieht man beim ersten Anblick Tokios kaum noch Spuren des großen Unglücks. Gleich darauf der eigenartige Bau des Grand Hotel Imperial, hinter dem man eher einen Tempel oder ein Kloster vermutet. Internationaler Hotelbetrieb. Schlechte Bedienung. Zwei Zimmer, ein Bad mit Pension für zwei Personen dreißig Jen pro Tag, für die Dienerin sechs Jen. Gewandte Zeitungsreporter, die in der geräumigen Hotelbar auf Beute warten und kaum, daß man den Hut auf den Riegel hängte, auch schon an die Tür klopfen. Sie zeigen sich interessiert, wenn man für Deutschland, weit interessierter, wenn man gegen Amerika spricht. Sie entschuldigen sich im Namen Japans für ihre Kriegserklärung an Deutschland und versprechen heilig, es nie wieder tun zu wollen. Sie lassen durchblicken, daß weniger japanische Habsucht als deutsche Dummheit ihre Teilnahme verschuldet habe und betonen am Schluß, daß Japan aufrichtig die Freundschaft Deutschlands suche. Alles das klingt aufrichtig und kehrt, inhaltlich vollkommen gleichlautend, nur in der Form dem Bildungsgrade angepaßt, bei aktiven wie gewesenen Ministern, Abgeordneten verschiedener Parteien, Akademikern, Offizieren, Landwirten, Kaufleuten, Chefs, Angestellten und Arbeitern wieder. Der Grund für dies Wohlwollen, wie man besonders bei den Politikern heraushört – die ach so ganz anders sind als bei uns –, liegt nicht im Gefühlsmäßigen, das der Japaner bedingungsloser noch als der Engländer in der Politik ausschaltet. Es liegt in rein praktischen Erwägungen, deren Verwirklichung – man darf es hoffen – diesmal nicht an der Beschränktheit deutscher Diplomaten scheitert.

*

Als gesellschaftliche Pflicht mich kurz vor meiner Ausreise zwang, einen Snob im Berliner Hotel Adlon aufzusuchen, sagte der: »Hm, Japan! Da ist vor allem das Imperialhotel in Tokio. Amerikanerinnen und reiche Pflanzersfrauen aus Java und Sumatra. Wenn Sie Glück haben, ohne ihre Männer, die geschäftlich im Innern sind,« – das war dessen Einstellung auf Japan. – Nun, dies berühmte Hotel Imperial warf mich nicht um. So ist es im ganzen Osten: entweder europäischer Stil oder einheimischer. Jede Mischung tötet den Stil. Freilich nicht bei Menschen. Denn – und nun kommt das große Wunder – die Mischung! Schon in Java weidete sich das Auge an den half cast. – Man weiß, wie besorgt die holländische Regierung um die Züchtung dieser Edelrasse ist, die es an Schönheit mit jeder europäischen aufnimmt.

Möglich, daß hier persönlicher Geschmack mitspricht, aber ich finde, daß die japanische half cast die javanische an Schönheit noch übertrifft. Allzu Prononciertes, das an dem Asiatisch-Mongolischen abstößt, hebt, gedämpft und gemildert, die übrigen Reize. Nun, wo das geschlitzte Auge nur noch angedeutet ist, hat es eine pikante Wirkung; nun, wo die aufgeworfenen Lippen nur noch um eine Nuance zu voll sind, verraten sie beherrschte Sinnlichkeit. Nichts Unproportioniertes mehr, das so gar nicht zu diesen grazilen Körpern paßt. Die vollendete Ausgeglichenheit! Wir saßen zu acht an einem Tisch im Imperial. Außer mir ein Amerikaner mit seinen beiden Damen, zwei Japaner, eine Japanerin und eine half cast Es war sehr ungemütlich, wie man sich denken kann. Aber es mußte sein. Die Amerikanerinnen saßen wie die Stöcke und behandelten die Japanerinnen wie Luft. Der Amerikaner wetterte gegen den Alkohol. – »Sie sollten die kulturellen Fortschritte von Amerika übernehmen,« sagte er. – »Ich bitte dich,« wandte seine Frau ein, »Asien ist doch nicht Amerika. Bedenke doch, daß Japan das Land der freien Liebe ist.« – Da lächelte die half cast und sagte: »Das ist ein Irrtum. Aber man hat mir erzählt, daß es in Europa Frauen gibt, die nur heiraten, um endlich machen zu können, was sie wollen, während für die Japanerin der Sinn der Ehe gerade der ist, nur einem Manne anzugehören.«

Eine mehr als einmalige Beobachtung: ein Japaner wird einem Engländer vorgestellt; er verbeugt sich steif. Er wird einem Amerikaner vorgestellt: er verbeugt sich noch steifer. Er wird einem Deutschen vorgestellt: »shake hands!«

Die Vertreter großer Blätter, die weniger zurückhaltend sind und sein dürfen als Männer in offizieller oder auch nur halboffizieller Stellung, stimmen in der Auffassung der politischen Konstellation überein. Alles, was im Innern vorgeht, sind natürliche Entwicklungen; natürlich bei einem Volke, das nicht wie das chinesische stillsteht, sondern fortschreitet. Alle Gegensätze, die den gleichen Ausgangspunkt und das gleiche Ziel, die Größe Japans haben, verstummen, sobald äußere Fragen von Gewicht zur Entscheidung stehen. Und da man in Japan an keine dauernde Verständigung mit Amerika glaubt, so sind eigentlich alle Japaner außenpolitisch nach derselben Richtung eingestellt. – Korea? – Du lieber Gott, eine Bagatelle! Und auch die Koreaner, die den Japanern weit weniger wesensfremd sind als die Iren den Engländern, werden bei der großen Entscheidung gelb oder weiß wissen, wo sie hingehören. Und mit dieser Parole gelbweiß – mag sie auch nicht ganz stimmen – wird Japan eines Tages auch China mitreißen. Nicht heute und nicht morgen. Und manches wird sich zuvor noch in der Welt ereignen. Aber wer kein Greis ist, der wird's erleben. Asien oder Amerika, das ist die Frage – nachdem Europa durch Frankreichs Schuld zu einer quantité négligeable im Weltenreich herabsank. – So sprechen Männer, die auch im eigenen Lande als Propheten gelten. Und ich harmloser Europäer wünsche, daß Deutschland neben Rußland dann auf Seiten Japans steht.

*

In so vielen Büchern las ich es: »Ein Volk, bei dem die Frau eine derart untergeordnete Rolle spielt wie bei den Japanern, hat keine Kultur.« Trotz Nietzsche, Schopenhauer und Strindberg werden viele die Richtigkeit dieses Satzes zugeben. Ebenso natürlich das Gegenteil: daß etwa Amerika auf höchster kultureller Stufe stehe, weil es in der Frau – ich übertreibe ein wenig – ein höheres Wesen sieht. Wobei zunächst einmal zu untersuchen wäre, was denn eigentlich Kultur ist. Das Streben nach höchster menschlicher Gesittung und geistiger Durchbildung oder nach dem Championat, im Geldverdienen und im Boxen. – Für jeden, der sehen kann, steht die Frau in Japan längst gleichwertig neben dem Mann, den sie in jedem Falle äußerlich aussticht. Wenn man diese zarten, feinen Geschöpfe neben den fast durchweg groben, häßlichen Männern sieht, so glaubt man, daß die männlichen Urbewohner, die Ainos, von einwandernden mongolischen Stämmen verdrängt und abgeschlachtet, die weiblichen aber, zwar auch nicht unberührt, jedenfalls aber am Leben gelassen und in hohen Ehren gehalten wurden. Ein Japaner, der in einen Kreis von Europäern gerät – ich beobachtete das in großen japanischen Hotels, Theatern und Restaurants –, fühlt sich geniert, während die Japanerin, auch wo sie im Kimono auf Dekolletes stößt, vom ersten Augenblick an gewandt und völlig sicher ist. – Diese herrlichen Kimonos, die tausend Jahre Mode sind und – Buddha und der gute Geschmack der Japanerin gebe es! – weitere tausend Jahre Mode bleiben mögen! Welche natürliche Beweglichkeit der Körper unter der weichen Seide – im Gegensatz zu den gepanzerten Dekolletierten, die eben gespreizt und gequält ihr neuestes Kleid zur Schau tragen und beim ersten Blick auf die noch elegantere Nachbarin entsetzt erkennen, daß ihr Kleid die Mode von gestern und daher nicht mehr die von heute ist. – Beatrice, die alles, was auch nur entfernt an das Königreich Siam erinnert, ablehnt, findet – auf den Gedanken kam bisher noch niemand – den Kimono unsittlich, weil er »sozusagen dauernde Bereitschaft« verrate, das korsettierte Dekollete hingegen zum Ausdruck bringe, daß man erst erobert sein wolle. Ihre Gedankengänge sind etwas verworren, nachdem ein internationaler Anwalt in Japan erklärt hat, daß sie eine neue Ehe erst eingehen könne, nachdem das Gericht, vor dem die Ehe geschlossen wurde, in diesem Falle also das Londoner, die Nichtigkeit ausgesprochen hat. – Sie schafft sich jetzt geschickt Verbindungen zu einflußreichen Personen, um auf diplomatischem Wege »etwas zu erreichen«. – Was, verrät sie nicht. Jedenfalls: sie ist viel unterwegs, und ich – bin es auch.

ohne Bildunterschrift
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Und zwar saß ich die nächsten Abende meist im Theater. Ich war durch das, was ich zu Hause über Japan gelesen hatte, reichlich verwirrt. Dies Märchen aus Tausendundeiner Nacht war von nahem besehen doch sehr viel wirklicher als Indien oder China. Man mußte sich schon in geschlossener Rikscha von Teehaus zu Teehaus fahren lassen und in einem der freundlichen Häuser von Yoshiwara übernachten, um von Japan den Eindruck zu gewinnen, den deutsche Dichter in ihren Büchern festgehalten haben. Ich habe wie in China durch die Vermittlung des Gouverneurs, so in Japan dank dem Entgegenkommen hoher japanischer Beamter Schulen, Krankenhäuser, Gefängnisse, soziale Einrichtungen besichtigt – ich muß gestehen, daß das, was ich in Japan sah, als vorbildlich auch für Europa gelten kann. Gewiß, die Japaner besitzen die Kunst, vom Guten das Beste zu nehmen. Sie haben, was sie in Europa sahen, in sich aufgenommen und weiterentwickelt. Sie sind ganz europäisch, in vielem – ich sagte es schon – preußisch im guten Sinne des alten Kaisers Wilhelm. So sehr in den Städten Japans das Bier neben Sake Nationalgetränk wurde, so vielen Betrunkenen man in den Stampen und auf den Straßen begegnet – dies Volk ist doch nüchtern und diszipliniert wie kein zweites. Ich habe halbwüchsige Jungen ringen und fechten sehen und beobachtet, wie ein Blick des Lehrers genügte, um in der Hitze des Kampfes hervorbrechende Leidenschaft zu meistern. Ich habe in den Krankenhäusern neben einer fast forciert wirkenden Reinlichkeit, die selbst von Schwerkranken oft gegen den Wunsch des Arztes aus natürlichem Triebe geübt wurde, junge und alte Menschen mit einer Geduld Schmerzen ertragen sehen, die an die Geduld und Selbstentäußerung indischer Fanatiker erinnerte. Aber während diesen Besessenen das Leid Selbstzweck und das Nichts das Ziel der Wünsche war, sehnten sich diese hoffnungslos kranken Japaner zum Leben und zur Arbeit zurück. Und Zähigkeit überwand, wie man mir sagte, hier schon oft den Tod. Wie werden diese Leiber aber auch von frühester Jugend an gestählt! Die Schulen sind auf das körperliche Wohl nicht minder bedacht als auf das geistige. Und die Natur spielt eine weit gewichtigere Rolle als bei uns. Wie viele Deutsche kennen ihr Land? Der Japaner hingegen ist mit ihm verwachsen. Die Kunst lernt er nicht aus gelehrten Büchern. Sie geht ihm durch Schauen auf wie eine Offenbarung. Er sieht, während wir auf Grund von Studien erkennen, mittels des Verstandes, während bei ihm die Sinne Mittler sind. Daher ist er der stärkere Genießer, während uns Kritik den Genuß schmälert. Wir sind verbildet. In den geistigen Dingen literarisch eingestellt. Das ist das große Uebel. Ich weiß auch, woher es kommt. Ich sag's aber nicht. Gerade jetzt, wo in Deutschland zwischen Akademie der Künste und Nationalgalerie die Meinungen aufeinanderplatzten, die nur scheinbar Fragen künstlerischen Sehens, in Wirklichkeit aber Fragen verschiedener Weltanschauungen sind, hat es sich gezeigt, wie wir dank einseitig literarisch eingestellter Kritik den Blick ins Weite, ins Leben verloren haben.

Auf solche Gedanken kommt man im Verkehr mit den Japanern; vornehmlich mit Lehrern, Professoren, die uns weit besser kennen als wir sie. Die da anfangen, wo wir aufhören. Denen die Errungenschaften unseres Geistes sozusagen in den Schoß fielen. Die mit unverbrauchten Nerven nun die Nutzanwendung ziehen, während wir uns Generationen lang müde gerannt haben. Diese Japaner sind völlig voraussetzungslos. Ihnen kommt nicht einmal der Gedanke, daß wir die Gebenden, sie die Nehmenden sind. Wie ich sie sah, glaube ich, daß sie nie die Gebenden hätten sein können. Von ihnen hätte nie jemand erfahren, was wir mit freigebiger Geste verschenkten. Soll man sie darum tadeln oder loben? Ich weiß es nicht.

*

Schon am zweiten Abend in Tokio lehnte Beatrice es ab, mich nach dem Diner ins Theater zu begleiten. Der Lärm der Instrumente, mehr noch der schrille Ton der Chöre gingen ihr auf die Nerven. Das einzige, was sie reize, sei die Pracht der Kostüme. Aber die Kimonos, die sie im Imperial zu sehen bekäme, genügten ihr. – Ich gab mir Mühe, sie umzustimmen, ließ sie deutsche Bücher über das japanische Theater lesen. Vielleicht, daß sie sich von den Hymnen dieser falsch eingestellten Beschauer mitreißen ließ. Erstaunlich! Beatrices Instinkt ließ sich nicht täuschen. Sie hatte schon beim ersten Besuch erkannt, daß das japanische Theater auf Auge, Gehör und Gefühl, also nicht auf den Verstand, eingestellt ist. Aber auf das Auge und Gefühl des Japaners, der anders sieht und fühlt als wir. Nirgends zeigt sich die Verschiedenheit der gelben Rasse von der weißen in so konzentrierter Form wie hier. (Außerhalb des Theaters noch im Geschmack. Denn wer die Japaner in den europäisch geführten Hotels bei den Mahlzeiten beobachtet, mehr noch, wer von uns im Osten gezwungen ist, sich vorübergehend chinesisch oder japanisch zu beköstigen, weiß, daß es in bezug auf den Geschmack keine Verständigung gibt.) Das sind ganz nüchterne Feststellungen, die nicht zu widerlegen sind. Mit ihnen wird hinfällig, was Enthusiasten über das künstlerische Niveau des japanischen Theaters zusammenfaseln. Das Wesensfremde trübt den Blick, bezaubert, führt zu Ueberschätzung. Der Blumensteg, ein primitiver, unkünstlerischer Notbehelf, von Reinhardt übernommen, wurde wie eine künstlerische Offenbarung gefeiert. Nach einigen Jahren war er nur noch als besserer Ulk in einer Posse möglich. –

Beatrice hatte also gar nicht unrecht, wenn sie das japanische Theater als eine Qual empfindet. Und es spricht für sie, daß sie es im Gegensatz zu den meisten Europäern, die sich aus Furcht, ungebildet zu erscheinen, begeistert stellen, offen ausspricht. Wenn ich, der ich lediglich zu Studienzwecken jeden Abend ins Theater gehe, den Wunsch habe, daß sie mich begleitet, so geschieht es nur aus Furcht, sie allein zu lassen. Die Erinnerung an den Abend in Yokohama und seine für den Augenblick abgewandten Folgen haben mich vorsichtig gemacht. Zumal ich mir über Beatrices Charakter und Absichten noch völlig im unklaren bin. Eben erscheint sie mir harmlos, ja, beinahe weiblich beschränkt; eine Stunde später staune ich über ihren Intellekt und die bei einer Frau seltene Folgerichtigkeit im Denken. Ich wäre geneigt anzunehmen, daß sie aus einem Grunde und mit einer Absicht, die ich noch nicht kenne, mit mir spielt, wenn ihr Verhalten in der Affäre mit dem Grafen nicht so borniert gewesen wäre. Wäre sie aber so borniert, hätten sich dann kluge Amerikaner bemüht, sie für ihren Zweck zu gewinnen? Gedanken, daß sie mich liebt, kommen mir nicht. Freilich, bei Andernfalls nahm ich es an – und ich wurde gründlich berichtigt. Ob ich auch hier irre? Ich wünsche es mir nicht. Ueberall in Europa, ach, auch in Indien und China, hätte ich den Zufall gesegnet, der mir als Begleitung diese Frau bescherte. Hier, in Japan, stört mich Beatrice. Aber ich sehe keine Möglichkeit, eine Aenderung zu schaffen.

ohne Bildunterschrift
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Ein paar japanische Reporter haben schon am zweiten Tage über mich zwei Zeilen und auf dreifachem Raum eine Hymne auf Beatrice gebracht. Daran scheiterte meine Absicht, sie bei Besuchen, die ich bei Ministern, Deputierten und anderen Prominenten machte, zu unterschlagen. Die erste Frage lautete überall: »Wie fühlt sich Ihre Gattin in Japan?« – »Darf man sie kennenlernen?« – Beatrice wurde zu Tees, Diners und Soupers herumgereicht und hielt sich tadellos. Ich konnte unmöglich den Irrtum aufklären, ohne Beatrice zu kompromittieren. Aber schließlich nahm ja auch niemand Schaden daran. Der Gräfin Seni-Mehis aus Siam hätte man mit gewiß noch größerer Bereitwilligkeit die Salons geöffnet als der Frau eines Schriftstellers aus Berlin. Also war der Konflikt meines Gewissens nicht groß. Er wurde es erst an einem der nächsten Tage, als ich am Spätnachmittag aus einem Teehaus ins Hotel zurückkehrte und Beatrice, die ich mit der Abendtoilette beschäftigt glaubte, nicht vorfand. Wir waren für sieben Uhr bei Masaguki Matsuyama geladen, einem der großen Mäzene Japans, durch den ich Eintritt in alle nicht öffentlichen Kunstsammlungen des Kaisers und privater Sammler in Tokio, Kyoto und Osaka zu erhalten hoffte. – Ich lief auf den Korridor, stieg in den Fahrstuhl und suchte das Riesenhotel von oben bis unten ab. Das nahm etwa zwanzig Minuten in Anspruch. Ich stieg in die Katakomben – so nannte Beatrice die unter dem Hotel entlang führenden Gänge, in denen die ersten Geschäftsleute der Stadt ihre geschmackvollen Läden hatten. Beatrice verbrachte hier oft Stunden am Tage. Ich fragte in den Geschäften, vornehmlich in den Läden, die Schmuck, Bijouterie, Seidensachen und Kimonos führten. Sie alle kannten sie schon nach dem ersten Tage. Ich vermied es, Aufsehen zu machen. »Wenn meine Frau kommt,« sagte ich, »sagen Sie ihr bitte, ich sei schon oben. Sie war doch noch nicht hier?« – »Nein, mein Herr,« hieß es überall. Und da sie inzwischen auch nicht in unser Appartement zurückgekehrt war, so – Himmel! die Stelle, an dem ihr Schrankkoffer gestanden hatte, dies Ungetüm, das sich in keine Kabine unterbringen ließ und zwei Monate lang allen Passagieren den Weg versperrt hatte – war leer. Der Toilettentisch abgeräumt. Die Tür des Kleiderschranks stand offen. Außer einem Frisiermantel hing nichts mehr drin. – War diese Frau toll? In was für eine Lage geriet ich? In einer Stunde mußten wir bei Matsuyama zum Diner sein. Dort trafen wir dieselben Leute wieder, mit denen wir die letzten Tage verbracht hatten! Was sollte ich sagen? Ich wußte ja selbst nichts! Den Verlust meiner »Frau« der Direktion melden? Oder gar der Polizei? Ganz Tokio stand am selben Tage Kopf. – Ich suchte, wie immer, wenn mir das Schicksal einen Schlag versetzte, etwas Gutes heraus. Fand es auch. Denn die Situation ergab, daß kein Unglücksfall, keine Verschleppung vorlag. Auch war Beatrice nicht die Frau, die sich verschleppen ließ. Aber so ein Rikschakuli konnte sie ja nach Belieben fahren, wohin er wollte. Sie kannte weder Stadt noch Sprache. Aber nein! Es unterlag gar keinem Zweifel. Sie war ausgerückt. Ich ertappte mich im Spiegel, wie ich heimlich lachte. Allen Ernstes, ich sah vergnügt aus. Ich hatte am Ende auch Grund dazu. Diese Frau, eine außerordentliche Angelegenheit für Paris oder Konstantinopel, störte meine Wege in Japan, vereuropäisierte sie. Aber was sagte ich meinen Bekannten? Und wo war sie? Wer konnte wissen, an welcher Stelle sie plötzlich wieder auftauchte? – Und dann? War es nicht blamabel, daß einem innerhalb von sechs Wochen zwei Frauen fortliefen? Und was für Frauen! – Ganz mechanisch hatte ich während dieser Erwägungen Hemd und Anzug gewechselt und stand jetzt, die Krawatte bindend, im Smoking vor dem Spiegel. – Frauen sind äußerlich, dachte ich. Alle. Auch die so tun, als suchten sie Seele. Die vor allem. Aber Beatrice hatte ja nie so getan. Sie war explosiv gewesen. Fand ich. Möglich, daß auch das Theater war. – Ich betrachtete mich im Spiegel. Frisch rasiert, sah ich noch ganz passabel aus. Aber das graue Haar an den Schläfen, die Runzeln an den Augen – und dann der leise, aber doch schon betonte Ansatz zu einem Bauch! Das war schon in Erwartung des Kommenden unästhetisch. Ein Mann mit Bauch hat keinen Anspruch mehr, geliebt zu werden. Ein Mann, der keinen Anspruch mehr hat, geliebt zu werden, hat ausgelebt. Und statt zu überlegen: wo ist Beatrice, dachte ich darüber nach: wie schütze ich mich vor einem Bauch. Ich hätte statt nach Tokio zu gehen, eine Kur in Marienbad oder Pistyan machen sollen. Es klopft. Ein japanischer Boy erscheint – lächelt der Lümmel nicht verschmitzt? – und überreicht mir einen Brief. Er ist schon wieder draußen. Beatrices Handschrift! Ich lasse die Krawatte, die ich sonst im Schlaf und ohne Spiegel binde, die aber heute nicht werden will, los, öffne, lese:

 

Mein lieber Freund!

Da ich fühle, daß ich Ihnen im Wege bin, ziehe ich mich zurück. Es ist trotzdem möglich, wenn auch unwahrscheinlich, daß ich auf Ihr schriftliches Eheversprechen zu gegebener Zeit zurückkomme.

Ihre Beatrice.

 

Sie hat also gefühlt ...? War ich so rücksichtslos? Ich wurde nicht klug aus ihr und tat ihr unrecht. Wieviel Zartgefühl, Takt, Rücksicht! Beatrice, ich danke dir! Am Ende hat sie mich doch geliebt. – Ich schaue in den Spiegel, vor dem ich noch immer stehe. Im Smoking mache ich auch noch heute eine erträgliche Figur. Wie eitel man ist! – Ich lese noch einmal: »Es ist möglich, wenn auch unwahrscheinlich ...« – Welche Kette schleppe ich da mit mir herum! Am Ende lebenslänglich. Sobald mir eine Frau gefällt, wird Beatrice erscheinen. – Die Uhr schlägt. Es ist sieben! Ich vertrödle die Zeit. – Diese niederträchtige Krawatte! Halt, jetzt habe ich dich! Dieser Knoten geht heute abend nicht auf. Ich kenn's. Ich werde rasen, toben. – Es klopft schon wieder. Derselbe Boy, mit demselben süffisanten Lächeln. Einen Strauß Blumen in der Hand. Für Beatrice natürlich. Am Ende liegt da die Lösung. Ich reiße ihn ihm aus der Hand. Ein Briefumschlag. An mich. Darin ihre Karte, und auf der Rückseite drei Worte: »Sei nicht böse!« – Ich werfe Blumen, Umschlag und Karte in die Ecke. Soll das alle fünf Minuten so gehen? Hat sie die Absicht, mich in ein japanisches Irrenhaus zu bringen? – Richtig! Irrenhäuser! die habe ich versäumt mir anzusehen. Schon in China. Interessanter gewiß als Schulen und Krankenhäuser. Aber um diese Einrichtungen am eigenen Leibe, beziehungsweise eigenem Geiste zu studieren, fühle ich mich noch nicht reif genug. – Was will sie bloß? Vor allem, wo ist sie hin? Sie kennt doch keine Menschenseele in Japan – mit Ausnahme der wenigen, die wir gemeinsam kennenlernten. Und daß sie zu einem von diesen ...? – Hm! es waren da außer einflußreichen und reichen Japanern, denen ich es aber nicht zutraue – ein paar Amerikaner – am Ende, daß sie auf diese Weise um die Welt reist. Und dann: die Rückreise über Honolulu – San Francisco – New York ist sehr viel kürzer und amüsanter. In diesem Falle am Ende auch lohnender. – Wenn ich es wüßte, ich fände mich ab. Mehr noch: ich wäre zufrieden. Aber diese Ungewißheit und der Gedanke, daß sie jeden Augenblick wieder da sein kann. In einer Stunde, in einem Monat, in einem Jahr! Das nimmt mir die Ruhe. – Ob ich bei den Amerikanern anrufe? Was soll ich sagen. »Meine Frau ist mir fortgelaufen. Ist sie bei Ihnen, so behalten Sie sie.« – Das geht nicht. Das gibt einen Skandal. – Ueberhaupt, wo sie gar nicht meine Frau ist. – Die Uhr schlägt halb acht. Jetzt müßte ich bei Mr. Matsuyama zumindest absagen. – Schnell noch einen Whisky pur. Noch einen! Ekelhaft bitter! Aber den üblen Geschmack spült's hinunter. – Lift! wieder der Lümmel! Diesmal sieht er mich von unten nach oben an. Er versteht kein Englisch. Ich trampse mit dem Fuß auf. Er zieht einen Lappen aus der Tasche und beginnt meine Lackschuhe zu bearbeiten. – Wie ist sie nur aus dem Hotel gekommen? mit diesem Ungetüm von Koffer! – Was hat sie dem Empfangschef, was dem Portier gesagt? Die wissen gewiß mehr als ich. – Ich will versuchen. – Also vom Lift aus zum Chef.

»Meine Frau hat Ihnen wohl schon gesagt, daß Sie über das eine Zimmer verfügen können?«

»Soll ich ein zweites Bett zu Ihnen hineinstellen?« fragt er arglos, scheint also nichts zu wissen.

»Aber nein! Sie ist voraus zu Freunden nach Kyoto.«

»Ach so!«

Ich gehe; er verbeugt sich.

»Hören Sie,« sage ich zum Portier, »meine Frau hat vom Bahnhof aus telephoniert, daß sie ihren Plaid im Auto vergessen hat. Erinnern Sie sich zufällig des Chauffeurs oder der Nummer ...?«

»Wann soll das gewesen sein?« fragt der erstaunt.

»Am Spätnachmittag.«

»Ist Ihre Gemahlin denn abgereist?«

»Aber ja! – Sie kennen sie doch?«

»Selbstredend. Aber von ihrer Abreise weiß ich nichts.«

»Und den Riesenkoffer haben Sie auch nicht gesehen?«

»Unmöglich!«

»Sie waren den ganzen Nachmittag hier?«

»Ohne mich wegzurühren. Ich kenne jeden, der abgereist ist, und ich möchte sagen, ich kenne auch jedes Stück Gepäck.«

Das war schon falsch von mir. Wozu mußte ich Aufsehen machen, was sie, gewandter als ich, geschickt vermieden hatte.

»Richtig,« lenkte ich ab, »sie wollte ja erst noch zur Botschaft.«

»Mit dem Koffer?« fragte der Hotelportier.

»Nein! Nein! Sie wissen ja, wie Frauen sind. Sie hat sich gewiß geniert, mit dem Gepäck dort vorzufahren.«

»Demnach wäre der Koffer noch im Appartement.«

»Vermutlich.«

»Und wegen des Plaids – ja, ich habe die Gnädige gar nicht fortgehen sehen.«

»Sie läßt überall etwas liegen. Ich bin daran schon gewöhnt.«

»Ich werde sofort recherchieren.«

»Gewiß liegt auch der Plaid oben – nein! diese Frauen!«

Wir lachten beide und ich ging eilig in den Fahrstuhl zurück. Nicht, um nach Koffer und Plaid zu fahnden, vielmehr, um den Hausdiener einem Verhör zu unterziehen. Denn schließlich konnte dieses Ungetüm von Koffer doch unmöglich mitten am Tage, ohne daß jemand es sah, über Flur und Treppen gleiten und aus dem Hotel verschwinden. – Ich gab dem Hausdiener zwei Jen und sagte:

»Für den Koffer.«

Er sah mich so dumm an, daß ich sofort erkannte, er wußte nichts.

»Richtig, den haben wohl Träger geholt,« fuhr ich fort, »das war gewiß 'ne Arbeit?«

»Hier von dem Flur? Heute nachmittag?« – er schüttelte den Kopf: »Das hätte ich wohl gesehen.«

Mir wurde unbehaglich. Ich ließ ihm das Geld, ging noch mal in mein Zimmer. Es war kein Irrtum, konnte keiner sein. Außer dem Koffer fehlten zwei Lederhandtaschen und ein verhältnismäßig großer Hutkoffer – also alles, was ihr gehörte. – Ich tat ein übriges und ließ das Mädchen kommen.

»Meine Frau hat in der Eile vergessen, Ihnen Trinkgelder zu geben,« sagte ich und griff in die Tasche. Sie wehrte ab. »Madame hat mir fünf Jen gegeben.«

»Daran können Sie sehen, wie zerstreut Frauen sind. Wer hat denn die Koffer runtergeschafft?«

»Das weiß ich nicht. Als Madame mich rief, war das Zimmer leer.«

Warum diese Heimlichkeit? Wer hatte ihr bei dieser Flucht – denn nichts anderes war es – geholfen? Sie hätte die Trennung von mir, wenn der im Brief angegebene Grund wirklich das treibende Moment war, in aller Ruhe und Freundschaft vollziehen können.

Zehn Minuten nach acht kam ich endlich als letzter zu Mr. Matsuyama.

»Ein Nervenchok meiner Frau.« – Damit entschuldigte ich meine Verspätung und das Ausbleiben von Beatrice. Eine Hilfsbereitschaft, die mir die Japaner von einer ganz neuen Seite zeigte, setzte ein. Während des ganzen Essens wurde von nichts anderem gesprochen. Die lange Seereise, die zu schnell aufeinanderfolgenden gewaltigen Eindrücke, die fortgesetzte Veränderung der Luft wurden als fast natürliche Ursachen für den Nervenzusammenbruch Beatrices genannt. Die Damen versicherten, daß es ihnen unter diesen Bedingungen genau so ergehen würde. Sie alle stellten ihren Besuch bei Beatrice in Aussicht. Die Frage nach dem geeigneten Arzt und, falls das Befinden sich bis morgen nicht bessern sollte, nach dem geeigneten Sanatorium wurde erörtert. Eine sehr feine, alte Japanerin wollte Beatrice aus dem lauten Hotel heraus und zu sich in Pflege nehmen, ein Ehepaar stellte uns seine Villa bei Nakaneschaku zur Verfügung. Wirklich, diese Japaner, die unter sich nicht einmal von dem Tode eines ihrer Angehörigen irgendwelches Wesen machten, benahmen sich rührend. Sie fanden es auch durchaus natürlich, als ich mich, unter Berufung auf meine Unruhe, die wirklich echt war, gleich nach dem Essen verabschiedete.

Mir war reichlich unbehaglich. Was sollte ich tun? Am nächsten Morgen würden alle diese guten Menschen mit schönen Blumen und guten Ratschlägen Beatrice im Hotel besuchen und erfahren, daß sie bereits seit gestern nachmittag nicht mehr im Hause war. – Froh, den Frauen und allen mit ihnen verbundenen Unbequemlichkeiten in der Heimat entrückt zu sein, sah ich mich von ihnen über sämtliche Ozeane der Welt verfolgt – und gerade in solchen Augenblicken, in denen ich sie mehr denn je zum Teufel wünschte.

Als ich gegen halb zehn wieder ins Hotel kam, hatte ich das bestimmte Gefühl, irgend etwas müsse sich hier inzwischen ereignet haben. Der Gedanke, es könne was Angenehmes sein, kam mir nicht einen Augenblick. Ich fühlte, ich war unsicher. Um so fester sah ich dem Portier und dem Chef ins Auge, die höflich wie immer und offenbar ohne jeden Argwohn waren. Nur der Lümmel unten am Lift lächelte, als er mich sah. – Junge, wenn du Deutsch sprächst – keine zwei Minuten und du legtest diesen Spott ab und kramtest deine Weisheit vor mir aus. – Nur, um nicht zwei Etagen weit dies Gesicht zu sehen, ging ich statt auf mein Zimmer noch einmal in die »Katakomben«. Die meisten Läden waren noch geöffnet. Ich kaufte, nur um auf andere Gedanken zu kommen, Lackkästen, Dosen, Lederarbeiten, Zeichnungen und Holzschnitte – selbst in diesen Magazinen zu lächerlich niedrigen Preisen. In der Porzellanauslage bediente die schönste Japanerin, der ich bisher begegnet war. Nicht so puppenhaft wie die meisten. Die Stirn ein wenig höher, das Gesicht lang und schmal, schmal und weiß auch die Hände, aber mit Charakter und nicht so leblos wie die eines Kindes, und bezaubernd jede Bewegung dieses schmiegsamen Körpers, von dem unter dem kostbaren Kimono nur die schlanken Arme und der weiße Hals hervortraten. Ich quälte das Kind. Ließ es sich nach Tassen bücken, die ich unter anderem Porzellan in einer Vitrine auf der Erde sah, ließ es auf eine Leiter steigen, um einen Buddha von einem Regal zu nehmen und ließ mir schließlich alles zeigen, was sie nötigte, sich zu bewegen. Ich weiß nicht, ob Degas und Rodin je in Japan waren. Ich glaube nicht. Sie waren die einzigen, diese Bewegungen festzuhalten. Ich kann seit Japan die Zeichnungen Rodins und die Tanzskizzen von Degas nicht mehr betrachten, ohne das schmerzhaft bittere Gefühl über das, was uns verlorenging, was wir besitzen könnten, wenn diese Künstler die einzigartigen Bewegungen dieser schmiegsamen Japanerinnen gesehen und gemeistert hätten. Die schöne Porzellangeisha – sie hat mir diese Bezeichnung längst verziehen; sie ist aus gutem Hause und der Vater ist ein angesehener Mann in Aschirikotan – sprach Englisch und – man soll es nicht glauben – auch ein paar Brocken Deutsch. Ich kaufte ihr eine handgemalte Tasse, die so dünn war, daß man nicht wagte, sie mit den Zähnen zu berühren, und von dem Magazin nebenan eine Schleife, die zu ihrem Kimono paßte und die sie sich mit bezaubernder Grazie ins Haar steckte. Ich bat sie, mir ein halbes Dutzend Tassen zu verpacken – und ich bat sie um mehr. Sie hieß Hana, die Blüte, und ich liebe sie noch heute. Und ich fahre sehr bald wieder nach Japan, weil ich, bevor ich sterbe, Hana noch einmal sehen will.

*

Sehr früh am Morgen des nächsten Tages saß ich an meinem Schreibtisch und schrieb den wenigen Bekannten in Tokio, daß ich dem Rate des Arztes folgend die geräuschvolle Stadt verlassen habe, jedoch zuversichtlich hoffe, auf der Rückreise mit meiner genesenen Frau ein paar Tage in Tokio zu verbringen. – Ich setzte mehrere Boys in Bewegung, damit alle Briefe an Ort und Stelle waren, ehe jemand den Weg ins Hotel antrat. Dann packte ich in Eile meine Sachen und fuhr mit dem Frühzug nach Kyoto.

ohne Bildunterschrift
ohne Bildunterschrift

Tokio lag also fürs erste hinter mir. Ich habe schon zwanzig Jahre lang vor dem Kriege große Reisen gemacht, ohne je ein Programm zu haben. Auch diesmal hatte ich keins. Immerhin standen in meinem Reisebuch für Japan eine Reihe wesentlicher Dinge verzeichnet, darunter allein für Tokio elf, derentwegen allein ich eine Reise von zweimal vier Monaten für lohnend hielt. Ich verließ Tokio und hatte von diesen Dingen außer ein paar Bildern von Hokusai und Hiroshige (den Gelehrten zur Kenntnis, daß der Japaner über ein Dutzend der besten Werke von Hiroshige besitzt, die sämtlich Stadt und Ufer von Oiso wiedergeben) und ein paar nicht mal bedeutenden Fabriken für Steinzeug-, Steingutarbeiten und Töpfereien nichts gesehen. Aber alles das wog Hana auf. Nie sah ich später auch nur auf einem Bilde eine Japanerin von diesem bezaubernden Charme und mit dieser Grazie der Bewegungen wieder. Ich suchte sie. In jedem Gemälde und in jedem Druck. Einmal glaubte ich sie in einem Farbdruck von Suzuki Harunobu, dann auf einem lila Buntdruck von Toyohiro zu erkennen. Dann wieder in einer Dienerin auf einem Buntdruck von Isoda Koriusai mit Musme und Kind. Aber immer fehlte ein letztes – und die Sehnsucht blieb ungestillt.

Wenn ich auch so manches, was ich in Tokio sehen wollte, versäumte, so war mir dafür doch die Erkenntnis des Japaners geworden. Ich sah ihn nun. In Europa hatte ich den Eindruck gewonnen, daß sich die Japaner nicht nur äußerlich ähnelten. Mir schien, daß auch Charakter und Gemüt bei fast allen sich glichen – zum mindesten innerhalb eines Ausmaßes, das bestimmbar war. Möglich, daß ich sie bis dahin unter dem Einfluß der dummen Bücher über Japan und die Japaner sah. Da hieß es immer: der Japaner ist schlau, zäh, emsig, hinterhältig, verlogen, steril. So wie er auch in dem verlogenen, dramatischen Schmarren »Taifun«, der über die Welt ging und wohl von Amerika bestellte Arbeit war, gezeigt wird. In Tokio lernte ich nun Japaner fast aller Stände kennen. Ich gebe zu: nur im Rahmen der Konversation. Aber wir sprachen ja nicht über das Wetter, die Mode und den teuren Haushalt. Wir redeten über Dinge, über die jeder von uns schon oft und lange nachgedacht hatte und man verriet, je nach der Stellung, die man zu ihnen nahm, eine gewisse Weltanschauung. Wie überall ergab sich auch hier, daß Gute neben Bösen, Gerechte neben Ungerechten, Kluge neben Beschränkten lebten. Wenn Christus heute auf Erden eine Auswahl träfe, er würde unter den Japanern genau so viele finden, die im Geiste seiner Bergpredigt fühlen und – horcht auf, liebe Christen in Germany! – handeln, wie in Deutschland. So! und nun kreuziget mich!

Sofern ihr meiner habhaft werdet, denn mein Zug hält augenblicklich in Gihe, inmitten einer japanischen Landschaft, die in ihrer geruhsamen, bräunlichen Tönung auf die Nerven wirkt, als führe streichelnd Hanas weiche Hand über sie.


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