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Zweites Kapitel

In Brindisi, das im Regen hingeklatscht wie ein großer Klecks dalag, füllte sich am übernächsten Tag das Schiff. Ein italienischer Hauptmann, der nach Massaua in Afrika versetzt ist – Neugier, die an Bord neben der Langeweile Triumphe feiert, sucht die Ursache zu ergründen –, sieben junge Nonnen aus Neapel, ein Franziskanerpater mit schwarzem Vollbart, ein belgischer Priester und Arzt, der schon fünfzehn Jahre als Missionar in China wirkt und Chinesisch wie seine Muttersprache spricht, ein Engländer und ein Amerikaner, die wir ebenfalls für Missionare halten, und außerdem ein paar indifferente Menschen, an denen einem höchstens auffällt, daß sie auffallen möchten. Sie sind auf ein falsches Schiff, in falsche Gesellschaft geraten. Was können sie hier erleben? Die Nonnen beten und lernen Chinesisch. Sie sind dabei lustig und überhören sich gegenseitig. Sie singen – nicht nur geistliche Lieder –, aber an Toiletten, auf die es den Indifferenten ankommt – ach, du lieber Gott – bieten sie nichts. Man hat ja wohl den Wunsch, diese feinen schmalen Gesichter auch einmal in anderer Umrahmung zu sehen. Aber zu Himmel und Meer paßt diese schlichte Natürlichkeit doch wohl besser als die raffinierten Dekolletées, mit denen die Indifferenten sich überbieten. Das empfindet auch Andernfalls. Obschon der erste Offizier ihr versichert, daß ihre Kleider nach Mitternacht Tänze in seiner Kabine aufführen und ihm unruhige Nächte bereiten – ich glaube das –, hält doch Scheu vor der Wucht, mit der Himmel und Meer sich ihr erschließen, und natürlicher Takt gegenüber den Schwestern sie zurück, sich zu putzen. Ja, ich stelle mit Vergnügen fest: die Dekolletées gehen ihr auf die Nerven. Begreiflich. Sie sprechen jetzt nicht nur über Mode und Margueritte, den sie »mondäner« als Maupassant finden (man sieht, auch das weibliche Gehirn der Sieger hat unter dem Kriege gelitten), sie machen – Allmächtiger! – auch in Politik und schwärmen – diese indifferenten Dekolletées aus New York, Chicago, Philadelphia, Budapest, Rom und Paris – für Lenin! – »Ein Mann endlich!« phantasieren sie. »Alle unsere Politiker sind ja nur Puppen.« – Und die perlenübersäte Amerikanerin fügt hinzu: »Und vor allem ein Herz für die Armen! Sehen Sie nur, wie entsetzlich!« – Während sie das sagt, beäugt sie durch die goldene Lorgnette ungeniert die armseligen Passagiere im Zwischendeck. Zusammengepfercht wie das Vieh Männer, Frauen, Kinder, die ohne ein Zelt über dem Kopf im Freien nächtigen. Ein unterhaltsames Schauspiel während des Desserts. Sie löst behutsam, um sich die gepflegten Finger nicht zu beschmutzen, von einer schweren blauen Traube Beere um Beere. Angestoßene oder nicht ganz reife wirft sie denen da unten zu und lacht hellauf, wenn Männer, Frauen und Kinder die Arme strecken, danach greifen, stürzen und sich wie ein zusammengeballtes Knäuel am Boden winden. Der Herr Gemahl, die schwarze Sumatra zwischen den Goldzähnen, überbietet die Gattin und wirft italienisches Kupfer. – Andernfalls steht abseits; mit geröteten Wangen; empört über diese Amerikaner, deren Beispiel Landsleute aus Chicago und Philadelphia folgen. Ich trete an Andernfalls heran und nehme ihre Hand.

»Pack!« sagt sie, und ich habe Mühe, sie zurückzuhalten.

Schon an diesem Abend scheiden sich die Welten. Die Schiffsoffiziere, Prachtkerls, die sich lieber den Seewind ins Gesicht schlagen lassen als Paquerettes und Coty, halten zu den Nonnen. Auch der China-Deutsche, der junge Russe und ein paar Holländer. Die Engländer sitzen im Salon und spielen Bridge. Die drei Missionare stehen am Vorderdeck und verständigen sich auf lateinisch. Sie streiten sich über die Methoden, auf die man aus den Chinesen Christen macht. Der Amerikaner meint, man müßte erst einmal Menschen aus ihnen machen und ihnen dann – dabei faltet er die Hände – die Segnungen der amerikanischen Kultur zuteil werden lassen. Der Engländer lächelt und fragt: »Worin besteht denn die?« – »Herr!« erwidert der Amerikaner, »in den Vereinigten Staaten ist mehr Geld als in allen Staaten Europas zusammen.« – »Macht man aus Geld Menschen?« fragt der Belgier. – »Es erleichtert die Arbeit,« erwidert der. – »Sie kaufen Seelen,« erklärt der Engländer und gibt damit zugleich dem Gefühl der Anderen Ausdruck. – Der Amerikaner erwidert: »Es kommt darauf an, Christen aus ihnen zu machen. Wie ist Nebensache.« – »Nicht aber Nebensache ist, was für Christen man aus ihnen macht,« erwidert der Belgier. – »Gibt es verschiedene?« fragt der Amerikaner mit verzücktem Augenaufschlag. – »Yes,« erwidert der Engländer. »Christen im Sinne der Bergpredigt und solche wie Sie!« – und kehrt ihm den Rücken.

Andernfalls hat das Gespräch an meiner Seite mitangehört; begünstigt von dem Wind, der von Osten kommt. Sie lädt den Engländer zu einem Glas Whisky ein. Der sagt aus lauter Verdutztheit: »Ja!« –, folgt aber gern, nachdem ich ihm verraten habe, welch innerlicher Bewegtheit Andernfalls' Aufforderung entsprang.

Er erzählt von China und der Psyche der Chinesen:

»Weich wie die Kinder; grausam wie die Kinder. Ich kenne einen chinesischen Diener, der seinen Herrn, einen Europäer, dreißig Jahre lang wie ein Hund betreut und mit eigner Lebensgefahr vom Tode errettet hat, ihn dann aber eines Tages, als er die Gelegenheit für günstig und die Entdeckung für ausgeschlossen hielt, umbrachte.«

»Läßt sich das aus der Psyche des Chinesen erklären?« fragte ich, und er erwiderte:

»Durchaus! – Das Primäre in ihm ist der Haß des Fremden. Der kann im Dienste eines guten Europäers verdrängt sein, schlummern. Eines Tages bricht er durch. Beim Einzelnen, wie bei Allen. Der neue Boxeraufstand kommt – kommt bald. So überraschend er Europa treffen wird, wir, die wir in China leben, wissen es; wissen auch, was seinen Ausbruch beschleunigen und seine Grausamkeit verdoppeln wird.«

Andernfalls wies zu dem amerikanischen Missionar, der noch immer im Gespräch mit den Andern stand. Der Engländer tat, als sähe er es nicht Aber Andernfalls fragte:

»Stimmt's?«

»Danach müssen Sie Ihren Landsmann fragen,« erwiderte er, und der um vieles robustere China-Deutsche stimmte einen Haßgesang auf die amerikanischen Missionare an, der den Engländer veranlaßte, aufzustehen.

»Ein böses Gesicht machen Sie jedenfalls nicht,« rief ihm Andernfalls nach, und der China-Deutsche fuhr in seiner Erzählung fort, aus der hervorging, daß China seine zweite Heimat wurde. Wie das geschah, verlohnt der Wiedergabe:

Jahr der Handlung: 1886. Ort der Handlung: Berlin N, Gartenstraße (mit gleichem Recht könnte das Mittelmeer Akazienallee heißen). Der Vater schickt den Zehnjährigen hinunter. Er soll für einen Taler hundert Zigarren holen. Jungens auf der Straße erzählen ihm, wie man, ohne Eintritt zu zahlen, in die Flora kommt. Da gibt's Indianer zu sehen. Er geht mit. Die Indianer imponieren ihm gewaltig. Er tauscht die drei Mark gegen ein Fell ein. Da er sich ohne den Taler und ohne die Zigarren nicht nach Hause traut, so übernachtet er in einem Zelte. Am nächsten Tage hilft er und bleibt. Schon nach wenigen Tagen wirkt er bei den Vorstellungen mit. Er darf hinten auf der Kutsche sitzen, die von den Indianern überfallen wird. Sein Hinterteil ist zwar dreifach ausgepolstert. Aber die Peitschenhiebe der die Kutsche verfolgenden Indianer sind nicht von Pappe. – Nach drei Wochen wandert die Expedition, die inzwischen in anderen deutschen Städten war, nach Oesterreich. Grenzkontrolle. Drei überzählige Knaben. Darunter er. Sie werden zurückgehalten. Auf der Liste der von ihren Eltern Vermißten steht er nicht. Also zum Generalsammelplatz nach Berlin. Alexanderplatz. Drei Tage bleibt er da mit einer Reihe anderer Ausreißer eingesperrt. Am vierten Tage: Vorführung. Es erscheinen ein Kriminaloberwachtmeister und vermißte Kinder suchende Eltern. Voran sein Vater. Der besichtigt eingehend. Einen nach dem andern. Unser Freund, verlaust, verdreckt, eine Art mexikanischen Dreimaster auf dem Kopf, verstellt die Züge. Er spricht kein Wort Deutsch. Antwortet auf alles mit ein paar Brocken Englisch, deren Sinn er selbst nicht kennt. Das Auge des Vaters bleibt an ihm haften. Unser Freund verzieht das von Schmutz strotzende Gesicht zur Grimasse. »Komm mal her, mein Junge!« sagt der Vater. Der tut, als verstände er nicht. Aber ein Griff am Kragen – und er steht neben dem Alten. »Und nun nach Haus! Zwei Schritte hinter mir! Mit sowas zeigt man sich nicht. Und ich rat' dir, lauf nicht davon! Dreckskerl!« – Auf der Straße bleiben die Leute stehen. Auch die Mutter erkennt ihn zunächst nicht. Badewanne. Schwarze Seife. Friseur. Keile, nochmals Keile und zum drittenmal Keile! Bei der ersten Gelegenheit gegen Abend wieder aus dem Haus. Schräg gegenüber gibt's ein Theater. Hinein! Sitzen kann man nicht. Jeder Knochen schmerzt. Um halb zwölf nach Haus. In Vaters Zimmer Licht. Rauf auf den Boden. Da findet ihn am nächsten Morgen die Mutter. »Komm nicht! Vater schlägt dich tot! Da sind drei Mark! Fahr zur Großmutter nach Prenzlau.« – Und statt nach Prenzlau fuhr er nach Hamburg. Von dort mit einem Segler nach Südamerika. Kalt war's, und Keile gab's mehr als zu Haus. Und aus diesem Berliner Buffalo Bill, den wir aus tausend erlogenen Schwarten kennen, nun aber zum ersten Male in Wirklichkeit vor uns sehen, wurde einer der reichsten Deutsch-Chinesen, dessen Erlebnisse wert sind, in einem besonderen Buch geschildert zu werden. –

*

Ein vorzüglicher Steward und eine ebenso vorzügliche Stewardesse sorgen vom ersten Tage an geradezu rührend für unsere Behaglichkeit. Um halb sieben nehmen wir das erste Frühstück in der Kabine, um sieben das Bad und bereits gegen acht Uhr treten wir zum Nichtstun an Bord an. Der Triumph der Faulheit setzt ein. Man wehrt sich anfangs. Moralischer Widerstand? Ich glaube, es ist mehr die Gewohnheit, die sich gegen das Nichtstun sträubt. Man hat die Kunst des Nichtstuns verlernt, die größer ist als die Kunst der Arbeit. In jedem Menschen steckt ein Stück Philister, das es ihm erschwert, den Alltag zu überwinden. Und nichts – sagt Goethe – ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen. Das empfindet selbst Andernfalls; während wir an der Küste Griechenlands – also noch immer Europa! – entlangfahren, vertreibt sie sich die Zeit dadurch, den frommen Schwestern, die zu schwerem Dienst nach China fahren, Gesangstunden zu geben. Sie, die noch vor einer Woche von der Bühne herab: »Muß es denn, muß es denn gleich die große Liebe sein?« sang und tanzte, singt nun, wie mir scheint mit der gleichen Aufrichtigkeit und Innerlichkeit, katholische Kirchenlieder. – Abends zur Unterhaltung der Smokings und Dekolletées zu singen, lehnt sie ab. Auch sonst übt sie keinerlei Verstellung. Als der amerikanische Missionar sie heute früh mit den Worten begrüßt:

»Well! Have you found Jésus?« erwidert sie:

»Is that beggar lost again?«

Ich versuche den Eindruck zu dämpfen und sage:

»Es macht ihr Freude, zu scherzen,« aber der gekränkte Amerikaner ist für keine Vermittlung. Beinahe herausfordernd sagt er:

»Wie gehören Sie eigentlich zusammen?«

Andernfalls erwidert:

»Gefühlsmäßig.«

Darauf er:

»Sie sind also nicht verheiratet?«

»Sonderbare Logik!« erwidere ich, während Andernfalls das Intermezzo sofort an eine neben uns stehende Gruppe von Passagieren weitergibt. Es löst große Heiterkeit aus, und auf den Zuruf eines englischen Regierungsmannes, der nach Hongkong fährt:

»Sie sind ein sonderbarer Heiliger!«

zieht sich der Amerikaner zurück.

*

Am Abend, als wir an Kreta vorüberfahren, gibt's eine Ueberraschung, die für uns Deutsche an Bord leicht hätte unangenehm werden können. Unser zweiter Telegraphist hört via Nauen ein Violinkonzert in Berlin. Man drängt sich. Kreißler ist es nicht. Und doch: die Damen sind begeistert. Der Lokalpatriotismus von Andernfalls und mir feiert Triumphe. Oder ...? die heruntergezogenen Mundwinkel der Amerikanerin veranlassen Andernfalls zu der Frage:

»Spielt er falsch?« – Und da das Gesicht immer länger wird, so fragt sie: »Oder gar Deutschland, Deutschland über alles?«

»Er spielt überhaupt nicht mehr,« erwidert sie wütend.

»Sondern ...?« fragte ich.

»Er redet!«

»Wer?«

»Das weiß ich nicht. Ludendorff vermutlich.«

»Allmächtiger!« ruft Andernfalls.

»Was hören Sie?« fragen die Andern, und der Telegraphist, der die Amerikanerin ablöst, verkündet:

»Eine politische Ansprache in Eberswalde.«

»Wo liegt das?«

»In Polen,« ruft Andernfalls. Aber der Telegraphist berichtigt:

»Bei Berlin« – und fährt fort: »Verband Stahlhelm oder so ähnlich – von Ermannung ist die Rede – und von Juden – Nieder! ruft jemand – Laute Heilrufe – Lu...«

»Lassen Sie mich! Sie verstehen nicht Deutsch,« sagt Andernfalls und schiebt den Telegraphisten sanft zur Seite. Dem bleibt der Dame gegenüber keine Wahl. Er überläßt ihr die Hörer, und Andernfalls überträgt – wohl nicht ganz wortgetreu – die Ansprache Ludendorffs oder eines seiner Helfer ins Englische:

»... darum können wir nur auf dem Wege des Friedens wieder gesunden. Jeder, der zum Kriege hetzt, ist daher ein Verbrecher – was er weiter sagt, kann ich nicht verstehen.«

»Wieso nicht?«

»Der Beifall ist zu lärmend.«

Außer dem Commissario und mir hatte sie alle geblufft. Weniger durch das, was sie sagte, als durch die Art, in der sie es vorbrachte.

Als wir gleich darauf die Treppe hinunterstiegen, zur Linken Kreta, rechts die untergehende Sonne, sagte Andernfalls:

»Eine verheerende Erfindung, dies Radio!«

Und ich erwiderte:

»Ich sehe uns schon in Japan in einem Teehaus sitzen und mitanhören, wie deine Nachfolgerin in Berlin: ›Muß es denn, muß es denn gleich die große Liebe sein‹ singt.«

»Dazu fährt man nun nach Japan!« stöhnte Andernfalls.


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