Ernst Kratzmann
Die neue Erde
Ernst Kratzmann

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Du Narr, du dreimal unseliger Narr! Wohin hat dich das Traumschiff getragen! Meine Schlafstube ist leer, keine lichte Gestalt erwartet mich an ihrer Tür!

Ich bin doch schon so alt! Die Jahre freilich machen es nicht aus. Als ich ins Feld zog, war ich dreißig Jahre. Heute – laß sehen – sind es fast vierzig. Aber in Wirklichkeit bin ich viel älter. In diesem Haus ist es ein merkwürdig Ding um die Zeit. Sie ist bei uns etwas aus dem Geleise geraten. Ich glaube manchmal, daß ich schon Jahrhunderte alt bin.

Und Inge ist ja noch so jung. Achtzehn vielleicht. Oder täusche ich mich, weil sie so unberührt und rein ist, so ganz anders als die Mädels von heute? Vielleicht . . .

Manchmal, wenn ich nun über die Felder gehe, die schon eine dünne Schneedecke tragen, schaue ich spähend den Weg entlang, der durch die Heide von der Stadt herkommt . . . Aber das ist ja alles Unsinn.

 

Nun arbeiten wir alle fleißig im Feld. Kögemann ist mit mir in die Stadt gefahren, um seine Hochzeit vorzubereiten. Einen Knecht braucht er – ich habe ihm einen Arbeitslosen verschafft, der mir tauglich scheint. Der hat aber wieder ein Mädel, das er nicht sitzen lassen will. Es scheint schon ein Kind unterwegs zu sein.

»Fürs erste müssen Sie allein hinaus, Wagner«, sagte ich dem Mann, »arbeiten und schuften, daß der Boden euch trägt . . . Später dann können Sie die Ihrige nachkommen lassen, wenn der Acker für vier oder fünf Brot und Kartoffeln bringt . . .«

Der Mann lachte, ein wenig gezwungen, und schien einverstanden. Andern Tags fuhr er mit mir hinaus in die Heide.

Vorher war ich noch einmal in der Buchhandlung. Aber als ich den Laden verließ, war ich so weit wie vorher. Was mir einzig am Herzen lag, darüber hatte ich nicht geredet. Jedenfalls kein Wort von Liebe . . . 314

Und ja; wie hätte ich es denn auch tun sollen! Da ich das Wort jetzt hingeschrieben habe, kommt es mir so – albern fast vor . . . Wenn sie nicht aus jedem meiner Worte, aus all unsern Gesprächen über Bücher, Politik, Religion, Zeitgeschehen, den geheimen Unterton herausklingen hört, – hätte es da noch Sinn gehabt, eigens von »Liebe« zu reden, ihr zu sagen: Inge – wollen Sie zu mir hinaus auf Neulandhof kommen?

Sie weiß genau, wie es bei uns in der Heide zugeht. Sie mußte wissen, daß sie jederzeit zu mir kommen könnte, jeden Tag, jede Stunde . . . Freilich – etwas seltsam ist diese Zumutung doch, daß sie eines Tages zu mir hinausfahren sollte: da bin ich . . .

Nun, es ist eben schon so: ich bin zu alt für sie. Wer über dreißig ist, gilt heute einem jungen Mädchen ja schon als alt. Und ich bin vierzig . . . Sie mag mich sicher gern leiden – aber mehr nicht.

Ich möchte keinerlei Überredung und Zwang auf sie ausüben. Ich könnte sie vielleicht mit einem förmlichen Antrag überrumpeln. Sie würde vielleicht Ja sagen. Ob das aber vom Herzen käme und sie nicht später reuen würde? Wenn sie den alternden Mann genommen hat?

So habe ich denn bloß, als ich aus dem Laden ging, leichthin, wie in halbem Scherz gesagt: »Wenn Sie einmal sehen wollen, wie es bei mir, bei uns draußen zugeht – kommen Sie doch hinaus zu – uns . . .« Ich brachte es nicht über mich, »zu mir« zu sagen. Ich lachte dabei leicht und sie lächelte. Sie hat es wohl als eine leere Redensart genommen . . .

 

Nun haben wir, da die Frühjahrsarbeit getan ist, ein wenig freie Zeit übrig. An Kögemanns Haus wird die letzte Hand gelegt. Kleebinder und Müller fertigen den Hausrat – sie treffen das ganz ausgezeichnet. Sie bauen Tische, Betten und Schränke und Bänke, nach gutem, altem Vorbild, aber ein wenig leichter, ein wenig vom städtischen Geist überflogen, wie es ihnen der 315 kundige Dr. Mertens flüchtig vorgezeichnet. So entsteht ein behagliches Heim, das sich in die Heide fügt und doch auch dem Städter gleich wohnlich sein muß. Wir andern sind mit Wagner an einem kleinen Torfstich beschäftigt, der zugleich den umgebenden Grund etwas entwässern soll, wir haben einen Gemüsegarten angelegt und Kartoffeln gesteckt, Bohnen und Erbsen gepflanzt. Daneben aber haben wir endlich Zeit gefunden, einen meiner brennendsten Wünsche zu erfüllen: wir haben ein paar hundert junge Bäumchen, Birken, Erlen, Kiefern, auch Fichten, wie sie allenthalben im Bruchwald wild aus dem Boden schießen, ohne Hoffnung, gegen die Alten, Großen sich durchzukämpfen, sorglich ausgehoben und überall dort angesetzt, wo sie Licht und geeignete Erde haben. Denn wir werden in den kommenden Jahren Holz brauchen, viel Holz; so mancher alte Baum wird fallen müssen. Dafür muß beizeiten Ersatz geschaffen werden. So soll aller Bruch, der keine Umwandlung zu Ackerland möglich macht, wenigstens zu Wald werden.

Und noch etwas beginnt jetzt langsam greifbare Gestalt anzunehmen, etwas, davon ich bisher kaum zu träumen wagte.

Einmal wollte ich ein Buch schreiben – nun bin ich davon abgekommen. Es soll kein Buch sein . . . Ich möchte einen Dom bauen, in dem alles zusammenklingt, was wir haben, all unsere Größe: die Herrlichkeit unserer Baukunst, die Wunder unserer Malerei und Schnitzerei, unserer Musik und Sprache. Der Dom soll reden von den Taten der Voreltern und die Kommenden zu den Taten von Morgen erregen. Es soll in ihm sein die Herrlichkeit unserer Landschaft, der Heide, des Moors, der endlosen Wälder, der Seen und des Meeres; er soll die Wunder des Lichtes preisen, wenn die Sonne am Morgen durch die Nebel bricht. Er soll alle Schönheit und allen Reichtum in sich fassen, dessen wir teilhaftig sind. So soll er immerzu Gott loben, unseren Gott, ohne Gebet, ohne Weihrauch und Hymnen, ohne ein Opfer. Er soll selbst unser, des ganzen Volkes, Leben sein, das zu einem einzigen Lobgesang und Dankgebet wurde. 316

Wie liebe ich euch, ihr deutschen Dome! Am Meer oben, weithin über seine graue Flut blickend – im Waldgehügel drunten im Herzen des Landes; drüben am Rhein!

Wir haben euch einem fremden Gott erbaut und ihr seid zu Steinmalen unseres ureigenen Glaubens geworden, ohne daß wirs geahnt. In euch hat sich ein Gottgefühl zu himmelaufragenden Steinbergen geformt, zu schwingenden Räumen gestaltet, das urdeutsch ist und nicht das mindeste gemein hat mit dem fremden, orientalischen Glauben. Zu dem Gott aus Palästina kann man beten in kleinen, dunklen Kirchen, deren Wände von den Rätselbildern der Mosaiken schimmern, die kümmerlich erhellt sind von Wachslichtern und Ölflämmchen in farbigen Ampeln; die durchschwelt sind von Weihrauchwolken, die sich betäubend auf die Sinne legen . . . aber nicht in den flutenden Weiten der Heide, in den Unendlichkeiten der See und nicht in den Domen am Meer. Wie klingen in euren Hallen, der raumgewordenen Musik unsrer Seele, die ewigen Fugen Johann Sebastians, in denen die Sterne nach Gottes Weltenplan ihren Gang rollen! Sternfluten strömen durch Abgründe des Himmels, Sternfluten auch über die Erde hin: Seelenfluten. Alles ist ewige Musik vor Gottes Thron. Völkerschicksale und Dome, Bildwerk und Philosophiesysteme, Taten stürmender Männer und Nächte, erfüllt von gebender Liebe.

Das alles soll unser Dom sein.

Da steht nun das Wort und es ist mir, als sei es der erste sichtbare Keim des Zukünftigen.

Aus meinen Träumen gestaltet es sich unmerkbar, das Bild des kommenden Domes. Als ich mit Giers Hammer um Freiheit und neuen Glauben stritt und fiel, den Predigten Meister Eckeharts und den Worten Sebastian Franks lauschte, die ihrer Zeit voraneilten mit Sturmesschritt; als ich in Königsberg bei Immanuel Kant zu Gaste war – wurde die Gestalt des Domes größer und deutbarer mit jedem Mal und trat vor mir wie aus einem Nebel heraus sichtbar an den Tag, in den Raum. Und 317 auch, daß ich einmal in Weimar, in Goethes Arbeitszimmer, den kleinen Teller mit Erde sah, das Letzte, womit sich der Ehrwürdigste in diesem Leben beschäftigte – auch das ist irgendwie in die Gestalt des Domes eingegangen.

In manchem Gespräch mit Herbert hat sich sein Wuchs geändert, geklärt. In tastenden Worten deutete ich ihm meine Gedanken, fand bei ihm die gleichen Vorstellungen, er regte dawider in mir Neues an, und so bauten wir im Geist und endlich in kühnen, suchenden Zeichnungen langsam unsern Dom hoch – und tun es noch. Die andern Siedler ahnen noch kaum, was wir wollen, sie wundern sich nur, warum ich alle Findlingsblöcke, die rings verstreut liegen, auf die Eichenhöh schaffen lasse.

Irgendetwas in mir drängt danach, den Grundstein noch in diesem Frühjahr zu legen. Als ein Zeichen dafür, daß wir an eine Zukunft glauben. Trotz alledem! Es wird vieler Jahre Müh bedürfen, bis wir ihn vollendet. Wir haben ja immer nur wenige Wochen Zeit zur Arbeit.

So haben wir denn nur noch Dr. Mertens ins Vertrauen gezogen, den Wissenden und Vielerfahrenen, daß er uns über technische und architektonische Schwierigkeiten hinweghelfe. Er geriet in helle Begeisterung, und zu dritt haben wir dann einen genauen Plan zustandegebracht. Ich begab mich in die Stadt auf die Suche nach ein paar arbeitslosen Maurermeistern, die ich ohne viel Mühe auch fand. Für Obdach und Kost und ein wenig Geld sind sie bereit, ein Monat lang unsern Bau zu leiten und zu fördern. Auf jeden Fall aber halten sie uns für richtige, ausgemachte Narren. Aber das sind wir schon gewohnt . . .

Als ich in der Stadt war, zog es mich mächtig zum Buchladen hin . . . Aber ich bin nicht hingegangen. Es hat keinen Sinn. Wenn ich in Zukunft etwas brauche, wird es Wießbach oder Mertens für mich abholen.

 

Auf der Eichenhöhe haben wir den Bau begonnen. Alle Siedler waren gekommen, alle hatten Spaten bei sich. Ich sagte 318 ihnen, was sie in der letzten Zeit ja schon ein wenig zu ahnen begonnen. Sagte ihnen, daß hier etwas werden solle, das den Sinn unserer Gemeinschaft in ein äußeres Zeichen kleiden solle; kein »Gotteshaus« – denn Gott ist viel zu groß und unendlich, als daß er eines Hauses bedürfe, das die Menschen ihm bauen könnten; keine »Kirche«, um darin zu »beten« und zu »predigen«; beten müsse jeder allein für sich, in seiner Arbeit, seinem Freuen und Leiden; predigen müsse er sich lassen von der Heide, den Wolken, Stürmen und Schicksalen, den Gottesboten. Es solle auch kein »Haus« werden – nein; offen dem Himmel solle stehen, was wir zu bauen gedachten. Aber wir wollten eine Stätte haben, an der wir uns in Stunden zusammenfinden könnten, in denen der Mensch des Menschen bedarf. Eine Stätte, von der ausstrahlen solle, was uns erhebe, tröste, aufrichte und mit Kraft erfülle. An der wir alles zusammentragen wollten, wessen wir an sichtbaren Zeichen unseres Reichtums habhaft werden könnten. Und endlich sollte hier die Orgel einmal stehen, von der Höhe her nach allen Seiten mit ihren Klängen unser Leben und Schaffen begleiten, den inneren Sinn unseres Daseins aussprechen, ohne Rede, mit Ton und Lied.

Ich weiß nicht, ob unsere Bauern alles verstanden, was ich sagte. Den Worten nach sicher nicht; aber den inneren Sinn erfaßten sie bestimmt. Das merkte ich daran, wie sie zu Werk gingen. Und als ich von der Orgel sprach, sah ich ihre Gesichter sich freudig erhellen.

Ganz am Ende der Eichenhöh, wo sie bereits sacht abfällt gegen Mertenshof zu, ragt die schöne Gruppe der drei Eichen. Etwas näher zu Wießbachs Hof, auf fast dem halben Weg, soll unser künftiger Bau werden. Dorthin hatte ich den mächtigsten Findlingsblock schaffen lassen, den wir im ganzen Umkreis gefunden. Rings um ihn zogen wir mit der Schnur einen gewaltigen Kreis, bestimmten aus ihm die Eckpunkte eines Neunecks, schlugen Pfähle ein. Und dann hoben ich als Erster, nach mir aber auch alle andern Siedler, auch die Frauen und größeren 319 Kinder, genau nach der Richtschnur, den Grund aus, in den die Umfassungsmauer gesenkt werden soll. Solcherart wird der Steinblock in der Mitte eines großen Hofes ruhen als Sinnbild der Erde, der nordischen Erde, aus der wir kommen.

Es war vielleicht das schönste Fest, das wir bisher aus Neulandhof gefeiert. Schön war unser letztes Erntefest, das wir dankerfüllten Herzens gefeiert wie kaum eines zuvor, nachdem wir die ganze Ernte schon verloren geglaubt; aber diesmal lag über allen der Abglanz einer inneren Weihe, einer Freude höherer Art. Vielleicht, weil wir das erstemal ein Werk begannen, das – nicht notwendig, nicht – »nützlich« ist, das nämlich nicht dem gemeinen Alltagsbrauch dient, nicht zu Nahrung und Broterwerb, zum Geldverdienen bestimmt ist. Und dessen höhere Notwendigkeit doch alle irgendwie ahnen . . .

Und nun herrscht auf dem Werkplatz reges Leben. Unter Leitung der zwei Meister bearbeiten wir alle, soweit wir nicht in der Wirtschaft zu tun haben, die Steine, fügen sie in den Grund, so daß die im Neuneck laufende Umfassungsmauer langsam, ganz langsam hochsteigt. An jedem Eck wird ein Pfeiler vorspringen. Eine Seite des Neunecks soll ein Turm einnehmen, der die Mauer beträchtlich überragt: darin wird einmal die Orgel Platz finden. Genau gegenüber dem Turm ist eine Ecke der Ringmauer; links und rechts davon wird je ein Tor sein.

Innerhalb der Mauer wird sich eine Art von gedecktem Gang hinziehen, aber ziemlich breit. Und wieder innerhalb ein Laubengang, der seine Bogen nach dem Hof öffnet. In dem geschlossenen Umgang sollen einmal alle unsere Kunstschätze aufgestellt werden, Nachbildungen der schönsten Schnitzwerke, Gemälde und Radierungen, Lichtbilder. In dem Laubengang wollen wir Steinsitze und schwere, klobige Holzbänke anbringen, soviele mindestens, daß jeder Bauer von Neulandhof seinen Erbsitz dort hat . . .

Groß und gewaltig ist, was wir uns vorgesetzt! Ungeheuer die Schwierigkeiten, die wir zu überwinden haben werden. Aber wir haben hier schon so Vieles bezwungen, daß wir voll Zuversicht 320 das Werk begonnen haben. Es wird freilich Jahre bis zur Vollendung brauchen. Aber inzwischen wird auch das große Moor- und Bruchgebiet zwischen Eichen- und Ulenhöh ganz urbar gemacht worden sein. Das wird dann so viel Ertrag abwerfen, daß uns dieser Bau wohl anstehen wird. Dies neue Ackerland verlangt noch zwei, drei Bauernhöfe. Anders wäre es gar nicht möglich, das weite Gebiet richtig zu bestellen. Die Siedler werden kommen – vielleicht aus unserer Mitte. Klas Hinrichs, der junge Rothkopf und Hannemann werden in etlichen Jahren eigene Höfe gründen wollen. Und ein paar Neue werden vielleicht noch zu uns finden.

Kögemann war auch bei der Grundsteinlegung zugegen. Und vielleicht hat mich nichts so sehr gefreut, als daß ich sehen durfte, wie diese Feier ihn ergriffen hat. Er hat mich nachher gebeten, ob ich nicht seine Trauung bei dem großen Malstein vornehmen wollte. Unter freiem Himmel ist es doch schöner als in einer nüchternen Amtsstube, meinte er. Er sagte nicht »Gotteshimmel« – und ich war ehrlich froh darüber. Denn in seinem Mund wäre das Wort – einstweilen wenigstens – nur eine elende, abgedroschene Redensart gewesen.

Ich sagte natürlich gern Ja dazu. Und so haben wir denn gestern Herrn Heinz Kögemann mit Fräulein Malvine Stöger als erstes Paar am Malstein zusammengegeben. Alle Siedler standen in Reihen zu Seiten des Weges, sie trugen Blumensträußchen und grüne Zweige in den Händen. Fräulein Malchen war anfangs vielleicht etwas verärgert, daß sie nicht im weißen Brautkleid und Schleier, nur mit einem einfachen Blumenkranz im Haar, den Weg in die Ehe schreiten mußte; aber als die Beiden vor mir am Malstein standen, fühlte ich, daß die Heide mit bezwingender Allgewalt ihrer flutenden Weite von ihnen Besitz ergriffen. Die Augen des Mädchens schimmerten feucht, ihre Lippen zitterten. Ich hielt ihnen eine Rede, bei der ich mir ehrlich Mühe gab, die zwei jungen Menschen aufzurütteln, wachzurufen, diese zwei gedankenlosen Produkte einer 321 seelenlosen, entwurzelten Zeit. Und ich glaube, es gelang mir. Kögemann mußte sich öfters räuspern, und der Braut rollten schließlich richtig ein paar große Tränen über die glatten Wangen, die sie diesmal zu ihrem Glück nicht geschminkt hatte.

Die Eltern Kögemann und Stöger waren auch da. Sie hatten noch vor der Trauung allerlei spitze Bemerkungen fallen lassen über »ausgefallene Ideen der heutigen Jugend« und »Überspanntheiten« und »gottlose Bolschewikenhochzeit«. Nun standen sie mit sauersüßer Miene auf dem Bauplatz, vor dem Malstein. Und langsam wurden die Gesichter ernst, die platten Durchschnittsgesichter der gleichgiltigen, kleinen Bürger, sie wurden ergriffen, und als schließlich von Mertenshof herüber die Orgel aufbrauste, fühlten auch sie das Bedürfnis, sich des Taschentuchs zu bedienen. Es war mir grimmige Wollust, diese erbärmlichen Spießer, die nie im Leben echte Rührung oder gar Erhebung empfanden, in eine tränenselige Stimmung hineinzureden, sie mürbe und weich zu reden, daß sie am Ende hilflos dastanden und mir nach der Trauung mit stammelnden Worten, die aber wohl ehrlich gemeint waren, ihren Dank und ihre Bewunderung über unser Werk aussprachen, in das nun ihre Kinder sich eingefügt hatten.

Und so ist denn das neue Ehepaar am Poggenpfuhl eingezogen und Malchen Kögemann versucht, sich zur Landwirtin zu wandeln. Es ist eigentümlich, daß immer, wenn zwischen uns »alten« Siedlern die Rede auf Kögemann und Malchen kommt, ein boshaftes Schmunzeln auf den Lippen Wießbachs oder Kalckreiths oder Hannemanns erscheint. Ich möchte nur hoffen, daß Kögemann das bemerkt und sein ganzes Streben darauf richten wollte, uns dieses Lächeln – abzugewöhnen . . .

 

So ist langsam der frühe Sommer geworden. Im weiten Kreis steigen allmählich, aus mächtigen Steinblöcken gefügt, die Mauern und Pfeiler unseres Weihemals aus der Erde. Viel weiter werden wir in diesem Jahr wohl nicht kommen. 322

Aber gestern haben wir alle eine große Freude erlebt: ganz unerwartet erschien unser »guter Rat«, ohne besonderen Grund, einfach nur, um sich einmal nach unserem Ergehen umzusehen. Seine Frau war auch mitgekommen. Ich führte die beiden über alle Felder, zeigte ihnen alle Höfe, und zum Schluß stiegen wir hinauf zur Baustätte auf der Eichenhöh. Dort wies ich ihnen das Land rings im Kreis und erklärte ihnen die Pläne und Zeichnungen zum Weihemal . . .

Den beiden Alten standen die Tränen in den Augen. Hatte der Rat schon vorher uns immer wieder seine Bewunderung ausgesprochen, so war er nun über unseren jüngsten Plan tief erschüttert. Ich hatte es so eingerichtet, daß Herbert, der uns von Mertenshof aus dort oben gut sehen konnte, nun zu spielen begann. Das brachte die Gäste vollends aus der Fassung.

Wir ließen sie an diesem Tag nicht mehr weg. Jeder von uns wollte sie bewirten. Hannemann und Rothkopf brachten ihnen feierlich, da sie ihre Höfe betraten, Brot und Salz. Und wieder bewunderte ich die Würde und Größe, die sich über einen einfachen Bauern breitet, wenn er solch eine altüberkommene Handlung vollzieht . . . Der Oberst lud die Gäste zu längerem Verweilen ein. Und in der Tat – die Beiden blickten einander kurz an, dann sagte der Rat: »Ich nehme, wenn Sie gestatten, Ihr Anerbieten an: wir möchten gern meinen Urlaub bei Ihnen in der Heide verbringen . . . Ich glaube, ein paar Wochen auf Neulandhof müssen wie ein Jungbad wirken!«

 

Seit ich dies geschrieben habe, sind mehr als vier Wochen vergangen. Die Ernte reift allenthalben im Feld. Und diese Zeit hat viel gebracht . . . Ich gehe zurück bis zu einem Tag im frühen Sommer. Ich hatte auf der Eichenhöh gearbeitet, nach den Feldern gesehen und endlich ein wenig im Garten vor meinem Haus das Gemüse und die Blumen begossen. Nun saß ich auf der Bank vor dem Fenster meiner Stube und sah, erfüllt von einer guten Müde, auf das bunte Fleckchen Erde hin. 323

Seit Friedgert damals die ersten Blumen gepflanzt hat, ist es ein richtiger Bauerngarten geworden, wie ich ihn so sehr liebe: weiße und Feuerlilien blühen mit großoffenen Kelchen, Rittersporn und Akelei, Goldlack und Rosmarin. Und dazu gedeiht Kraut und Rettich, Blumenkohl und Thymian, und ein paar baumlange Sonnenblumen werden vielleicht heuer wirklich ihre gelbglühenden Blütenscheiben auftun. Es ist immer ein herbstarker Geruch in dem Garten, kein eigentlicher Blumenduft, nur jener fast bittere Geruch, wie ihn Geranien, der Thymian und Lavendel haben.

Es war die ruhvolle Rast des Sommernachmittags, eh daß er sich gegen Abend neigt. Ich saß auf der Bank vor dem Haus und es war still und friedvoll in mir; ich umfaßte mit dem Blick die Felder, sah hinüber zur Eichenhöh und dachte voll Dankes all dessen, was in den wenigen Jahren geworden ist, seit ich dies Haus mein eigen nenne.

Weitum war kein Mensch. Hinrichs mochte im Feld sein, auch Klas. Friedgert vielleicht im Stall. Rings alles still . . .

Da hörte ich einen leichten Schritt den Weg herkommen und sah auf – und mir blieb der Herzschlag stehen: da kam Inge gegangen . . .

Aber im nächsten Augenblick sagte ich mir schon: nein, diesmal lasse ich mich nicht betrügen, das ist wieder einmal mein »zweites Gesicht« – ein wachgewordener Traum, Sehnsucht des Herzens, die das wache Auge wahrhaben will . . . Aber dies sehnsüchtige Herz begann jetzt wild zu schlagen, und Inge kam heran, kam zum Gartenzaun und sah mich sitzen und sah mich an . . . Und sie kam zur Zauntür und blieb zögernd stehen – dann tat sie langsam die Tür auf, die in den Angeln kreischte.

Aber mein ganzes Leben lang werde ich es nicht vergessen – wie sie, die Augen unverwandt in die meinen gesenkt, mit der Hand nach der Klinke tastete und langsam die Pforte auftat . . .

Dies Auftun der Pforte, die in meinen Garten führt, in mein Haus . . . 324

Sie trug ein helles Sommerkleid, den großen Strohhut hatte sie an einem Band am Arm hängen. So stand sie, ein wenig zögernd, in der Tür und sah zu mir her. Ihr Gesicht war von einem schweren Ernst erfüllt – und dennoch lächelte sie.

Hasso, der zu meinen Füßen gelegen, hatte ein wenig geknurrt, da er mich aber ruhig bleiben sah, erhob er sich nur langsam und stand nun, leise wedelnd auf halbem Weg zwischen mir und Inge, blickte fragend zu mir her und dann wieder auf Inge.

Jetzt endlich konnte ich aufstehen und ihr entgegengehen. Ich begriff nicht, wie sie hergekommen. Es mußte ein Traumgesicht sein. Aber Hasso sah es doch auch! . . . Aber jetzt redete das Traumbild und gab mir die Hand, und diese Hand war warm und kräftig . . . Die Hand Giers Hammers oder des Herrn Geyer fühlte sich anders an . . .

Sie sagte: »Sie haben mich kaum erwartet, Herr Doktor . . .«

Darauf ich: »Inge – Sie sind zu mir gekommen –?«

Nun wurde ihr Gesicht ganz toternst und jedes Lächeln war daraus fort: »Ja – ich bin zu – Ihnen gekommen . . .«

Ich merkte erst jetzt, daß ich sie noch immer an der Hand hielt. Ich schloß hinter ihr die Zauntür zu; und auch dies selbstverständliche Tun werde ich nie vergessen . . . Ich führte sie zu der Bank am Haus. Ich mußte jetzt irgend etwas sagen, aber ich wußte nicht ein Wort, das da das rechte gewesen wäre. So drückte ich sie nur sacht auf die Bank nieder und sagte endlich, noch immer ihre Hand haltend:

»Daß du nun doch gekommen bist . . .?«

Und dann: »Es geht schon gegen Abend, Inge . . . Willst du – trotzdem hier bleiben . . . bei mir?«

Jetzt lächelte sie. Es war ein ganz kindlich ergebenes, unendlich rührendes, es war ein mütterlich nachsichtiges Lächeln.

»Ja«, sagte sie, »ich will hier bleiben, wenn – du – – mich . . .«

Ich hatte immer noch ihre Hand in der meinen. Ich stand vor 325 ihr und schaute sie an, fassungslos und verloren in ein Glück, das zu groß war zur Freude. Warum mir jetzt plötzlich mein Weg durch die Jahrhunderte einfiel – Giers Hammer und die vielen andern Menschen seiner Zeit – ich weiß es nicht. Vielleicht, weil ich immer noch nicht sicher war, ob dies Mädchen da wirklich vor mir auf der Bank saß und nicht doch nur ein Traumbild mich narrte. So kam es, daß ich etwas sagte, was sicher ganz verkehrt war und was Inge unmöglich verstehen konnte, auch wenn sie meine Liebe zu jener Zeit recht gut kannte:

»Wenn du bei mir wohnen wolltest, Inge«, sagte ich, »müßtest du dich daran gewöhnen, daß es in diesem Hause umgeht . . .« Ich dachte dabei auch an die Gesichter, die im Winter manchmal durchs Fenster blicken und Inge erschrecken konnten . . .

Die graublauen Augen sahen mich an, abwägend. »Du meinst – es gehen Tote um –?«

»Nicht eigentlich Tote . . . Eher – die ewig Lebendigen. Die schon einmal da waren und gestorben sind, aber immer wiederkommen und nach dem Rechten sehen wollen . . . Die wie ewige Mahner vor uns stehen und gehen . . . Du müßtest dich daran gewöhnen, daß etwa am Abend, wenn du heimkommst von der Wiese, so einer auf der Bank da vor dem Haus sitzt, ganz gemütlich, in etwas seltsamen Kleidern, wie man sie vor ein paar hundert Jahren getragen hat, und dir zunickt, ganz vertraut, als hätte er dir erst gestern ein paar Kisten Eier abgekauft . . . Oder daß so einer nachts ins Fenster sieht . . . nach dem Feuer auf dem Herd . . . Das Herdfeuer haben sie alle gern . . . Daran müßtest du dich gewöhnen, Inge . . .«

Sie sah mich noch immer forschend an, abwägend und prüfend. Jetzt erst merkte ich, daß sie die ganze Zeit schon lächelte.

»Ich glaube, ich werde mich vor diesen Leuten nicht fürchten . . . Ich weiß schon, was für Käuze es sind . . . Und sie sind ja nicht böse, nicht wahr?«

»Nein, Inge, sie tun einem nichts – wenn man getreu ist . . .« 326

Da wurde ihr Gesicht ganz ernst und voll der Andacht. Ich zog sie empor, schlang die Arme um sie und nahm sie an meine Brust mit aller Gewalt einer Liebe, die seit so langer Zeit in mir sich nach dieser Stunde gesehnt hat.

Und dann führte ich sie ins Haus, in meine Stube. Da fand ich den Tisch gedeckt – ein großer, flammender Blumenstrauß stand da, ein Krug kühler Milch, dunkles Brot und Butter, Fleisch und Eier. Das hatte uns alles die gute Erde gegeben.

Und es waren zwei Teller da und zwei Stühle am Tisch . . . Von Friedgert war nichts zu sehen und zu hören. Ich hätte ihr für dies alles die Hand küssen mögen . . .

Inge sah sich lächelnd um. »Es ist mir, als hätte ich von je in dieser Stube gelebt – so vertraut ist sie mir, so ganz, wie ich sie mir gedacht habe, nach dem, was du mir davon gesagt hast . . .«

»Hast du so viel an diese Stube gedacht, Inge –?«

»Ja, Diether – ich habe immer an sie gedacht . . .«

 

Während wir das Abendbrot aßen, sank draußen mählig die Sonne. Ihr Schein füllte den Raum mit strahlendem Gold. Um Inges Haar flocht er eine Krone. Ich bat sie, die Zöpfe zu lösen. Sie tat es. Da sah ich sie an und ein Bild stieg vor mir auf. Beinahe erschrocken sagte ich, hastig und jäh:

»Inge – ich habe dich schon einmal gesehen – auf einem Wagen vor mein Haus fahren – auf einem uralten Fuhrwerk, wie sie vor fast achthundert Jahren hier durch die Heiden nach Ost gezogen sind, hinauf ins Deutschordensland . . . Vor meinem Haus blieb der Wagen stehn – in einer Vollmondnacht . . . damals, eh Wießbach herauskam auf seinen Hof . . .«

Sie sah mich staunend und fragend an. Dann: »Ich bin heute wirklich mit ihm herausgefahren . . . Er war bei uns . . .«

»So also ist es gewesen . . . Daß du dich dazu entschlossen hast – ! . . .«

Sie lächelte wieder ihr mütterlich nachsichtiges Lächeln. 327 »Mußte ich es nicht? – Du hättest von alleine ja doch nie den Mut gefunden, du . . . guter, ängstlicher Junge, du!«

»Und du meinst nicht, daß ich schon zu alt für dich bin, Inge? Denk es wohl nach, Inge – noch ist es Zeit – –«

Da lachte sie hell auf, warf mir die Arme um den Hals: »Du guter, dummer Junge, du!«

Da fühlte ich, jetzt erst vielleicht, daß alles gut war. Ich legte den Arm um sie und wir gingen noch einmal vors Haus, vorbei am Erlenbruch, hinauf zur Eichenhöh. Der Himmel stand in flammendem Rot. Ich sagte Inge, was da werden sollte.

Ihre Augen wurden ganz groß und dunkel. Wir standen vor dem Malstein, und dort gaben wir einander die Hände.

»Laß mich immer bei dir bleiben, Diether«, sagte sie.

»Du darfst nie von mir gehen, Inge«, sagte ich.

Als es ganz dunkel geworden, schritten wir hinab, vorbei an dem Feld, an dem mir damals Giers Hammer mit unsern Bauern den Graben vollenden half. Ich erzählte ihr die Geschichte.

»Wird Giers Hammer jetzt nie mehr wieder kommen, Diether?« fragte sie.

»Ich hoffe doch; sein Werk ist noch lange nicht getan . . .«

In meiner Stube entzündete ich die Kerze des Leuchterengels: »Nun soll er uns beiden den Weg weisen in neues Land . . .«

 

Als wir am Morgen nach dieser Nacht aus der Stube traten – Inge war schön wie der junge Tag selbst – fanden wir auf dem Tisch im Obstgarten das Frühstück bereitet. Und nun, schon da wir uns niederlassen wollten, kam Friedgert aus dem Haus . . .

Nie werde ich vergessen, wie diese Frau auf uns zuschritt . . .

Sie hatte ihr Festgewand angelegt, im Haar trug sie einen einfachen Schmuck – für mich war es der Goldschmuck von Hiddensoe! Sie schritt auf uns zu: eine Königin . . . Ernst und gelassen freundlich, in ihrem Blick stand Freude, Güte und Segen. Sie war ohne jede Spur von Demut oder 328 Dienstbarkeit, sie war ohne jeden Stolz. Sie begrüßte Inge nicht wie eine Herrin, die ihre alten Rechte in die Hände der Jungen legen muß, nicht wie die Mutter, die das Weib des Sohnes in ihr Haus empfängt; es war Unnennbares um die Würde ihrer Haltung und die Güte ihres klaren Gesichtes. Nur königlich kann es genannt werden . . .

Sie gab Inge einen Blumenstrauß und den Schlüssel der Korntruhe.

»Auf daß es Euch wohlergehe«, sagte sie bloß, und reichte ihr die Hand.

Inge legte ihr die Arme um den Hals und küßte sie auf die Wangen.

Und da stand auch Hinrichs und auch er gab Inge die Hand und sagte nichts anderes als: »Auf daß es Euch wohlergehe . . .«

 

Ich habe in jenen Tagen so viel feine, gütige Teilnahme an meinem Glück erfahren, daß ich unsern Siedlern zu stetem Dank verbunden bleibe. Sie alle nahmen Inges Kommen mit einer stillen, selbstverständlichen Ruhe und Freundlichkeit auf, als wäre es die einfachste und alltäglichste Sache der Welt, daß ein Mädchen eines Tages allein zu ihrem Geliebten kommt und sagt: da bin ich – ich will dein Weib sein . . . Gewiß: es ist etwas Natürliches! Aber daß alle auf Neulandhof es auch so empfinden, und wie sie es taten, das kann ich ihnen nicht genug danken.

In aller Stille ernannten wir in unserm Gemeinderat Oberst von Kalckreith zum zweiten Bürgermeister, der damit das Recht gewann, uns zu trauen. Und so schritten wir ein paar Tage nach Inges Ankunft zur Eichenhöh, zum Malstein, vor dem wir uns damals schon, allein und nur vor Gott als Zeugen, einander anvermählt.

An diesem Tag sah ich, wie sehr mich doch alle lieben auf Neulandhof. Hasso war in der Nacht sehr unruhig; und das hatte seinen guten Grund, denn am Morgen fanden wir unser Haus, das Tor und den Giebel, über und über mit frischem Laub 329 und Blumen geschmückt. Grüne Äste waren ringsum in die Erde gepflanzt. Alle Siedler kamen und gaben uns das Geleit – unter bunten Blumenbögen ging Inge ihren Weg.

Oben, vor der Malstatt, bildeten sie alle zwei bunte Reihen, durch die wir zum Malstein schritten.

Kalckreith erwartete uns, in voller Uniform, alle Orden an der Brust. In seiner Rede erinnerte er daran, wie Neulandhof geworden sei, wie jeder Siedler, jeder aus einem andern Schicksal her, hier Zuflucht und Rettung vor irgend einem Untergang gefunden habe.

»Was hier geworden ist, ist mehr als ein Dorf, was hier auf dieser Höhe ersteht, mehr als irgend eine Feststätte, eine Kirche, ein Tempel. Was wir hier bauen, ist etwas ganz Neues. Wir versuchen, eine neue Erde erstehen zu lassen. Alles noch klein und keimhaft – aber auch diese Eichen sind aus winzigen Samen geworden. Auf unserer neuen Erde herrscht ein neues Gesetz zwischen den Menschen, das Gesetz einer wahrhaften, inneren Gemeinschaft und gegenseitiger, ehrlicher Hilfe. Kein übles Beisammenhocken, kein Essen aus kommunistischem Genossenschaftstopf, überhaupt kein Genossenwesen, kein Zusammenarbeiten zu nur materiellem Nutz und Gewinn, um reich und satt zu werden! Nein – irgendwie beten wir alle zu unserem Gott: Herr, laß mich niemals satt und zufrieden werden!

Und was hier auf neuer Erde geschieht, ist nicht nur ein neues Wesen von Mensch zu Mensch, es ist auch ein neues Wesen von Mensch zu Gott. Das wollen wir nicht in Worte und Zeichen kleiden, die nur verfälschen und vereinheitlichen müßten, was für jeden ein anderes Eigen ist.

Wie all dies geworden ist – keiner von uns könnte es sagen. Es ist gekommen, einfach, natürlich, von selbst. Es geschah ohne Plan, ohne Absicht und Wollen. Es ist gewachsen wie ein Baum. Und darum ist es echt und verspricht Bestand. Und wir alle sind in sein Werden hineingewachsen, ihm verbunden und verschworen . . .« 330

Dann kam er auf mich selbst zu sprechen, sagte viel Schönes und Gutes über mich, viel mehr, als richtig und wahr ist. Denn ich darf nur eines für mich in Anspruch nehmen: daß ich immer ehrlich das Gute gewollt habe für uns alle, und daß ich viel Sorge und Not um Neulandhof getragen habe. Er pries mich als Führer von Neulandhof, dankte mir im Namen aller Siedler – aber wenn ich diesen Dank verdient habe, so war der schönste Dank der, den ich aus allen Augen mir entgegenstrahlen sah, als mir die Siedler alle die Hand gaben und Glück wünschten.

»So hast du doch Eine gefunden, Diether, die dich gemocht hat«, lachte mir Hanne Janssen zu, und es hätte nicht viel gefehlt und sie hätte mich vor allen Leuten geküßt, wie bei ihrer eigenen Hochzeit. Aber das hat sie nachher, auf Mertenshof, nachgeholt . . .

Gertrud war nicht bei unserer Hochzeit . . . Und ich habe es von Kalckreith hoch angerechnet, daß er die Trauung vornahm und seine schöne Rede hielt, mir ohne Groll und Abgunst so viel Dank – auch eigenen Dank hörte ich aus seinen Worten klingen! – sagen konnte . . .

Denn zwei Tage vor der Hochzeit kam er, sehr ernst und etwas erregt, zu mir und bat mich um eine Unterredung im Freien. Ich erschrak – sofort wußte ich, daß es sich um Gertrud handeln müsse. Kaum waren wir ein paar Schritte vom Haus weg, fragte er auch schon:

»Was haben Sie mit meiner Schwiegertochter gehabt? – Ich muß das wissen, ehe ich Sie mit einer jungen Frau zusammengeben kann . . .«

Ich fragte bestürzt, was vorgefallen sei. Er nickte: also doch! »Berichten Sie mir zuerst, wenn Sie können – offen, als Ehrenmann!«

Ich sagte ihm, was geschehen sei: nichts. »Und eben, daß nichts geschehen ist, hat mir Gertrud nicht verzeihen können . . .«

Er schwieg lange. Dann reichte er mir die Hand. »Ich danke 331 Ihnen, Doktor. Ich habe inständig gehofft, daß sich die Sache so verhalten möge, wie Sie es mir schilderten und ich es mir zurechtgereimt . . . Nun – Gertrud ist fort . . . Seit heute morgens. Wie, weiß ich noch nicht. Sie ging früh allein aus dem Haus, wie oft schon – zu Hanne Janssen, sagte sie. Als sie mittags nicht heimkam, schickte ich zu Mertens: dort hatte sie niemand gesehen. Wir gerieten in Angst. Endlich fand meine Frau einen Brief, den Gertrud in ihrem Zimmer hinterlassen hat . . . Lesen Sie!«

Es war eine Flut wütender, leidenschaftlicher Anklagen gegen Schicksal und Menschen, halb kindisch ungerecht und maßlos übertrieben, halb bitter berechtigt im Mund eines Menschen, der nicht geschaffen ist, nicht geschaffen sein will für ein Leben, das hier auf Neulandhof Gertruds Los hätte sein müssen. Aller seit einem Jahr in ihr großgewordene Haß brach wild an den Tag, häufte sich zum Schluß auf mich, als sei ich allein die Ursache ihres Unglücks.

»Der Einzige, der mir diese Einöde hätte erträglich machen können, behandelt mich wie Luft. Für alle bin ich hier Luft. Alle haben ein Ziel, etwas, das sie freut – nur ich nicht. Niemand kann mich hier brauchen – alle schieben mich beiseite. Nun denn – ich gehe. Laßt mich und forscht mir nicht nach. Es fällt mir nicht ein, ins Wasser zu gehen wie irgend eine alberne, unglücklich verliebte Trulle. Ich kehre zurück ins Leben . . . Ich will kein Schwemmholz sein, das am Ufer verfault . . . Hier habe ich zwischen Eisblöcken gelebt . . . Sagt meinen Kindern einmal, daß sie eine unglückliche Mutter gehabt haben – mehr nicht . . . Dem Einen, der mich nicht verstehen wollte, sagt, daß ich ihm nichts Böses wünsche . . . Er soll glücklich sein mit seiner blonden Ilse, oder wie sie heißt . . .«

Es war uns nun alles klar. »Wir haben Gertrud gegenüber wohl manchen Fehler begangen«, sagte der Oberst. »Eine Frau wie sie, deren Leben die sogenannte Gesellschaft war – Besuche, Tee's, Geselligkeit, Feste – die innerlich leer und ohne 332 Eigengehalt ist, taugt nicht in die ›Einöde‹, wie sie immer voll Haß und Geringschätzung sich ausdrückte. Wir alle haben unsere Arbeit als Inhalt unseres Lebens, und haben dabei übersehen, daß neben uns ein junges Geschöpf – hungerte . . . Dieser Vorwurf trifft freilich nicht Sie, Herr Doktor, nur mich und meine Frau . . . Sie konnten nicht anders handeln, als Sie getan haben. Vergeben Sie mir meinen häßlichen Verdacht!«

Daß mir der Oberst wirklich nichts nachtrug, bewies er mir an meinem Hochzeitstag.

Zwei Tage später aber brachte ich Inges Mutter, die zu unserem Fest herausgekommen war, in die Stadt zurück und sah mich nach einer Pflegerin für die Enkel Kalckreiths um. Die Mutter wußte auch hier Rat. Sie kannte ein Mädchen von etwa zwanzig Jahren, aus ganz verarmter Familie, – »ein wenig so wie Inge . . .« meinte sie. Das war mir genug. Ich fand bei meinem Besuch ähnliche Verhältnisse wie einst bei Dr. Mertens. In einer halben Stunde waren wir einig. Und so fuhr ich denn nachmittags mit der jungen Genoveva Meyen hinaus in die Heide. In zwei Stunden hatte sie einen Koffer gepackt und nahm tapfer ihr neues Schicksal auf sich. Sie ist ein frisches, tüchtiges Geschöpf, wirklich ein wenig wie Inge – aber auch wie Hanne Janssen. Ich glaube, sie wird sich gut in das Leben auf Neulandhof fügen. Sie ist geprüfte Lehrerin – aber natürlich stellenlos. Die Eltern leben erbärmlich von einem winzigen Ruhegehalt. Während der Inflation ging ihr letzter Besitz verloren. Nun sind sie heilfroh, daß wenigstens die Tochter »versorgt ist« . . .

Gertrud habe ich doch ein wenig nachgeforscht. Ich begriff nicht, wie sie den endlosen Weg in die Stadt zu Fuß gegangen sein sollte. Nun stellte sich heraus, daß sie, sofort nach Inges Ankunft, durch einen Knecht des Obersten, der gerade in die Stadt geschickt wurde, bei einem bekannten Fuhrmann einen Wagen bestellt hatte, der sie beim Rosensee erwartete . . . So kam sie in die Stadt – sofort zum Bahnhof. Mehr konnte ich nicht erfahren . . . 333

 

Es ist der letzte Tag dieses bedeutsamen Jahres. Ich sitze in meiner warmen Stube, Inge ist bei mir. Und ich überblicke die Zeit nach dem Frühsommer, da sie zu mir gekommen ist: aber ich habe das Gefühl, wenn ich diese Zeit bedenke, als sei sie ein einziger, langer, vollschwerer Sommertag gewesen, voll Grillensang, voll eines warmen Windwehens über die Heide, voll von einsamen Falterflügen über den Moorgräben und einem Wandern zu zweien, zwischen weißen Birkenstämmen, durch rotes Heidekraut – über uns Wolken, wehende Wolken über uns am hellblauen Himmel, und rings eine einzige, große Stille, die schwingende Glocke der Einsamkeit. Am Morgen dieses Tages kam Inge – am Abend sitze ich jetzt in der Stube; dazwischen und darüber spannt sich der flammende Bogen dieses einzigen Tages . . .

Wir haben an der Malstätte ein Stück weitergebaut – überall sind die Mauern und Pfeiler über den Grund emporgestiegen.

Im August hat Hanne Janssen ihr zweites Kind geboren, wieder einen Jungen; wir haben ihn Ekke benannt.

Im Sommer ist richtig unser »guter Rat« mit seiner Frau drei Wochen aus Ulenhöh zu Gast gewesen. Er hat lachend bei der Ernte mitgeholfen, weidlich schwitzend, zuerst reichlich ungeschickt, zum Schluß aber schon recht tüchtig. Auch am Weihemal hat er ein paar Steine gesetzt. Er hat sich mit allen Knechten und Bauern gut vertragen; sie haben nie vergessen, daß er ihnen an Bildung und tausenderlei Können überlegen ist – und er hat diese Überlegenheit nie gezeigt, nur seine Achtung und Ehrfurcht vor der Arbeit des Bauern. So kam es zu keinem widerlichen Anbiedern und es gab kein gespreiztes Getue. Es war so, wie der Verkehr zwischen verschiedenen Berufsständen sein soll.

Beim Abschied meinte der alte Herr etwas wehmütig: »Schade, daß es für mich schon zu spät ist – bei euch möchte ich gern noch einmal von vorn anfangen!«

Im September hat es bei Wießbach eine kleine Helga gegeben.

Die Ernte ist gut geworden, wenigstens das Getreide. Die Kartoffeln haben durch den langen Herbstregen gelitten. 334

Wir tragen in meinem Haus nun alle Kleider, die aus selbstgesponnener Wolle gefertigt sind.

Im großen Bruch zwischen Eichen- und Ulenhöh ist ein weiteres stattliches Stück urbar gemacht. Es braucht dort schon bald einen neuen Bauern.

Am Sonnwendtag haben wir ein Festfeuer gebrannt wie noch nie: denn am 20. Dezember ist Hitler aus der Festung entlassen worden – er ist frei . . .!

Vor einem Jahr bangten wir am gleichen Tag um sein Schicksal; früher, als wirs gedacht, hat es sich zum Guten gewendet.

Es ist mir wie ein Sinnbild: gerade zur Sonnenwende ist er frei geworden! Die Sonne steigt wieder aufwärts . . . Von nun an gilt bei uns nur mehr der unerschütterliche Glaube an die Zukunft. Unser Schaffen hat mit diesem Tag einen neuen Sinn erhalten. Keinen tieferen – einen weiteren Sinn. Denn nun können wir daran glauben, daß unser Werken einmal von der ganzen Nation aufgenommen, ins Ganze und Große geweitet werden wird. Wir wissen, daß das nicht so bald sein kann und wird. Es ist die Aufgabe eines neuen Geschlechts. Aber dies Geschlecht wächst schon auf unseren Höfen heran. Bis es einmal – da und dort im Land – auch auf anderen Höfen, auch in den Städten, ins Leben reift, dann wird die neue Zeit auf neuer Erde beginnen.

 

Zum erstenmal hat heuer auch in meinem Haus ein Tannenbaum gebrannt. Und wenn ich zum Leuchterengel aufblicke, ist es mir immer, als rüste er sich bereits zur Fahrt in ein neues Land.

Als ich dann meinen gewohnten Gang tat, zu Wießbach, Hannemann und den andern Höfen, traf ich auf Ulenhöh zu meinem Erstaunen – Herbert Mertens an, der in fast ausgelassen fröhlicher Stimmung war. Und Genoveva Meyen schien mir ebenfalls recht munter zu sein. Ich blickte den Oberst fragend an und der lächelte verstohlen, bis er Gelegenheit fand, mir in einem Winkel zuzuflüstern: »Es ist schon so! Wir freuen uns 335 herzlich der Beiden. Genoveva ist uns in der kurzen Zeit ihres Hierseins bereits zur Tochter geworden. Ich sehe nicht ein, warum die Zwei einander nicht haben sollen . . .«

Nun, ich sah auch nicht ein, warum nicht.

Als ich dann bei Mertens eintrat, fand ich die neuen Orgelpfeifen, die ersten Metallpfeifen, zum guten Teil schon eingebaut. Kriehuber ist bereits zu einem halben Bauern geworden. Er ißt sein Brot auf Mertenshof nicht für den Orgelbau allein. Die Orgel – die baut er nicht um Lohn. So arbeitet er längst schon auf dem Feld, im Garten, im Stall, zusammen mit dem Knecht und Herbert. Aber täglich auch eine Zeitlang an seinem Werk. Im Winter nur an der Orgel.

Als ich mich verabschiedete, sagte ich lächelnd: »Ich habe Herbert auf Ulenhöh getroffen . . .«

Dr. Mertens schmunzelte: »Ja – er ist jetzt viel drüben . . . Ich glaube, er unterrichtet dort jemand in der Harmonielehre . . .«

Ich lachte: »Es dürfte eine zweistimmige Fuge werden . . . Gott gebe uns allen ein gutes Jahr!«

Und das soll meine letzte Bitte in diesem Jahr sein!

 

Es geht gegen den Frühling zu. Und mit einmal sind wir alle vor eine ernste, große Frage gestellt, von deren Lösung der Bestand von ganz Neulandhof abhängt.

Hinrichs eröffnete mir vor wenig Tagen, daß ihm unsere beiden Knechte seit einiger Zeit nicht mehr recht gefallen wollten. Sie seien mürrisch, widerspenstig, unwillig zur Arbeit geworden – er finde sie fast täglich draußen im Bruch mit den Knechten der andern Höfe beisammensitzend, und wenn er dazukomme, begegne er höhnisch trotzigen, verbissenen Mienen . . .

Und Hannemann kam: die Knechte seien wie toll hinter seiner Stine und hinter Rothkopfs Töchtern her, von denen die jüngere kaum vierzehn Jahre alt ist . . .

Ja – da war das alte Bauernproblem: der Knecht! Man fordert Arbeit von ihm, weigert ihm aber das eigene Haus, den 336 eigenen Hof, ein Weib, Kinder. Er soll, und hält man ihn auch noch so gut und ehrlich, doch nicht viel besser leben als das Tier, dem man für seinen Dienst Futter und einen warmen Stall gibt. Und läßt man ihn heiraten – so ist er eben kein Knecht mehr, arbeitet er nicht mehr für den Herrn und Brotgeber, sondern für sich, strebt mit aller Gewalt vom Hof weg nach eigenem Besitz . . . Wir haben es an Petergen erlebt, der schließlich keiner der Schlimmsten war, im Gegenteil, nun ein guter Bauer geworden ist.

So ist es auch mit unsern Knechten, den ehemaligen Arbeitslosen. Aus würgender Not und Sorge ums tägliche Brot kamen sie zu uns heraus. Nun sind sie in Behagen und sicheren Bestand hineingewachsen, und es ist nur natürlich – jung und kräftig sind sie alle – daß sie nach Frauen begehren. So ist eine ungute, schwüle Spannung über allen Höfen.

Ich nahm mir vor, mit den Leuten zu reden. Aber es ist rasch anders gekommen.

Eines Tages fuhr ein klappriger Wagen bei mir vor und es stieg ein Kerl aus, dem ich am liebsten sofort den Hund an den Hals gehetzt hätte, wenn mir Hasso nicht zu gut dazu gewesen wäre: ein feister, rothaariger Patron, dem alle Laster im Gesicht geschrieben standen, das Musterbild des Kaschemmenwirtes. Mit einer ekelhaften Vertraulichkeit, gemischt mit erheuchelter Unterwürfigkeit, begrüßte er mich und rückte sofort mit seinem Anliegen heraus: Neulandhof sei nun doch schon ein großes, reiches Dorf geworden, und so weit draußen, so weit von der Stadt gelegen, na – und der Mensch habe doch so gelegentlich seine Bedürfnisse, nicht wahr? Kurz – er wolle hier einen Dorfkrug begründen . . . Dabei grinste und blinzelte er mich derart widerlich an, daß ich ihm am liebsten eine in die Fresse gehauen hätte.

Ich fertigte ihn barsch ab – er solle sofort schauen, daß er weiterkomme. Und als er noch immer nicht gehen wollte, machte ich ihn daraus aufmerksam, daß Hasso schon sprungbereit stünde. Mit ein paar wüsten Flüchen machte sich der Kerl davon.

Zwei Stunden später kamen neun Mann daher: unsere acht 337 Knechte und an ihrer Spitze Wagner, der bei Kögemann dient . . . Nun wußte ich Bescheid.

Ich trat ihnen vor dem Haus entgegen. Sie schoben sich heran, die Mützen auf dem Kopf, die Gesichter höhnisch frech und zugleich feig bei den einen, bei den andern verlegen. Wagner machte den Sprecher.

Ob es wahr sei, daß ich den Wirt davongejagt habe?

»Ja.«

Und warum?

»Weil ich aus Neulandhof kein Drecknest machen lasse.«

So! Dann sagten sie hiemit uns alle den Dienst auf.

»Warum? Was ist euch nicht recht, jetzt auf einmal? Aufgehetzt seid ihr!«

Nun begann Wagner seine Rede. Sie hätten es satt, sich da in der Einöde von uns ausnützen zu lassen, von den Herren Kapitalisten. Wir hätten Häuser und Geld und Weiber, sie müßten nur schuften und schinden und hätten nichts davon als schäbigen Lohn und karges Essen. (Dabei haben sie alle Fett angesetzt und leiden an nichts Mangel!) Und ob wir vielleicht glaubten, daß sie hier leben wollten wie die beschnittenen Kapaune, he? Und kein Wirtshaus, kein Kino, keine Tanzbude, nichts! Der Hannemann und Rothkopf, der Petergen und Kögemann – denen hätten wir natürlich Höfe gebaut, weil sie Bauern und Herrenleute waren –; mit dem selben Recht forderten auch sie jeder ein Haus. Aber daran dächte ja freilich niemand, weil sie bloß Proletarier seien . . .

So kollerte er weiter seine eingelernten Sätze heraus. Und das waren die selben Leute, die bisher froh und fleißig bei uns gearbeitet, die vor dreiviertel Jahren noch freudig mitgeholfen hatten beim Bau auf der Eichenhöh. Aber davon bekam ich nun auch mein Teil zu hören: statt daß wir ihnen eigene Höfe hinstellten, bauten wir das unnütze, blödsinnige Zeug dort oben, von dem keiner etwas hätte . . .

Mir war jetzt alles klar. Wagner hatte sie alle verdorben. Wir hatten uns mit dem Kerl einen Kommunisten ins Nest gesetzt. Er 338 nützte schlau die an sich, aber aus andern Gründen, begreifliche Mißstimmung der Leute aus – nun waren sie alle für ein ehrliches, anständiges Leben verloren . . .

Ich versuchte, mit ihnen zu reden. Sagte ihnen, daß ich vier Jahre allein hier gehaust, daß jeder zu einem Hof hätte kommen können, daß uns aber nicht unbegrenzte Mittel zur Verfügung stünden – umsonst. Ich sah in höhnisch böse Gesichter, bekam immer wieder zu hören: die Orgel, der »Kirchenbau« . . .

Inzwischen hatte sich aber auch Hinrichs und der Oberst eingefunden, Wießbach kam von der Höhe herunter. So standen wir uns gegenüber – zwei feindliche Kampfscharen. Kalckreith fuhr sie scharf an – er glaubte, mit militärischem Ton etwas zu erreichen. Sie schrien ihn nieder – einer hob einen Stein auf. Der Oberst zog die Pistole. Jetzt rückten sie ein wenig von uns ab.

»So geht, wohin ihr wollt«, erklärte ich endlich, »geht in die Stadt zurück, lungert herum, besauft euch und verludert im Elend, wenn ihr nichts Besseres wollt. Ihr bekommt euern Lohn und geht – aber heute noch!«

Das war ihnen recht. Aber wir sollten sie in die Stadt hineinfahren. Ja, auch das könnten sie haben. Je eher wir sie losbekämen, desto besser.

Sie gingen davon, ihre Sachen zu packen.

Wir blieben in heller Erregung zurück. Inge stand unter der Tür mit großen, erschrockenen Augen. Wir besprachen uns kurz: drei Fuhrwerke – auf jedes drei von den Kerlen. Einer von uns an die Pferde, einer mit der Pistole rückwärts im Wagen.

Aber wir wußten: wenn uns jetzt keine Hilfe kam – war das Ende von Neulandhof da. Allein konnten wir die Arbeit nicht schaffen . . . Es war kochende Wut in uns.

Im Haus traten mir meine beiden Knechte entgegen – verlegen, stotternd. Sie möchten schon dableiben, sie seien von den andern gezwungen worden, mitzugehen, man habe ihnen gedroht . . . Und ich hätte sie ja immer gut und ehrlich gehalten . . .

Mich ekelte das feige Pack an: »Erst habt ihr mich verraten 339 und seid mit dem Kommunisten gegangen – jetzt verratet ihr den Hetzer und wollt wieder zu mir! Schaut, daß ihr mir aus den Augen kommt!«

Mit hängenden Köpfen schoben sie sich davon, in die Knechtekammer. Ich winkte Hinrichs in die Stube: »Was jetzt?«

Er zuckte die Achseln. Er wußte auch keinen Rat mehr. Wenn wir andere Leute bekamen, war es in kurzer Zeit das nämliche. Die Kommunisten waren fieberhaft am Werk, die Arbeitslosen in der Stadt ihre beste Gefolgschaft. Hinrichs wollte es versuchen und zu dem Bauern gehen, bei dem Friedgert in Dienst gestanden; vielleicht war in seinem Dorf irgend ein Bursch zu haben. Aber viel versprach er sich nicht davon. Wer einen tauglichen Knecht hatte, ließ ihn nicht gehen.

Wir fuhren ab. Es war wie eine Verbrechereskorte. Klas, ein Diener des Obersten und der junge Hannemann kutschierten, Kalckreith, Wießbach und ich saßen rückwärts in den Wagen, jeder mit der Pistole in der Tasche. Es war wohl die erbärmlichste Fahrt, die ich je mitgemacht. Vorher hatte der Oberst, der ein paar Jagdgewehre besitzt, je eines an Hinrichs, Wittkopf und Mertens gegeben. Sein zweiter Diener, der auf Ulenhöh blieb, hatte noch sein altes Dienstgewehr aus dem Krieg her.

So fuhren wir los. Unterwegs begannen die Leute miteinander zu tuscheln. Ich entsicherte die Pistole in der Tasche. Aber auf einmal schrie einer, und von meinem Wagen kam Antwort:

»Anhalten! Stehen bleiben! Wir wollen nicht weg von da!«

Unwillkürlich hielten die Kutscher an – fünf Mann sprangen von den Wagen – die andern schimpften und fluchten wild, kamen auch herunter, gingen gegen die Abtrünnigen los. Es begann eine regelrechte Prügelei, bei der Wagner am lautesten brüllte, aber auch am wenigsten mittat.

Ich trat zu Wießbach und Kalckreith. »Es ist ganz gut so«, meinte der Oberst. »Ein reinigendes Gewitter kann die Lage am ehesten klären. Wir müssen schließlich froh sein, wenn ein paar von den Kerlen bleiben.« 340

Inzwischen hatte es tüchtige Hiebe und Püffe gesetzt, Stöcke wurden geschwungen und zerbrochen, einem lief Blut über den Schädel. Aber wir sahen, wie die fünf, die bleiben wollten, in immer wildere Wut gerieten, wie sie in steigender Angst ihren Futternapf und Unterschlupf – Heimat möchte ich nicht sagen – verteidigten, daraus die andern sie vertreiben wollten. Und schließlich waren die Fronten klar: Wagner, einer von meinen zwei Knechten, einer von Ulenhöh und der von Petergen waren die Geschlagenen. Die andern fünf kamen geschlossen daher, die Mützen in der Hand, und baten wehmütig um Verzeihung und Wiederaufnahme.

»Es ist gut, ihr könnt bleiben. Aber glaubt nicht, daß damit schon alles erledigt ist! Wir haben noch miteinander zu reden. Ich will sehen, ob ihr anständige, ehrliche Männer seid oder ein feiges, heuchlerisches Pack!«

Ihre Koffer wurden auf ein Fuhrwerk geladen, Klas und Wießbach fuhren damit zurück. Die reuigen Sünder mußten zu Fuß gehen. Wir andern fuhren in die Stadt.

Spät abends kamen wir an. Beim ersten Wirtshaus setzten wir das Gesindel ab. »Da – versauft euer Geld! Und falls einer von euch Lust hat, noch einmal nach Neulandhof zu kommen: jeder von uns hat eine Pistole und ein Gewehr!«

Damit ließen wir sie stehen und fuhren weiter. »Heil Moskau!« schrie uns Wagner nach, aber es klang wenig begeistert.

Kalckreith und ich suchten noch am Abend den »guten Rat« in seiner Wohnung auf. Seine Freude über unsern Besuch wich der Bestürzung. »Es geht jetzt auf die Entscheidung los: am 26. ist die Wahl: Hindenburg oder Taelmann. Die Kommunisten sind fieberhaft tätig . . . Fürs erste wäre es gut, wenn Sie einen Gendarmerieposten bekämen . . .«

Wir berieten lang, woher wir Arbeitskräfte nehmen sollten; aber auch er wußte uns keine Hilfe. Spät nachts gingen wir in unsern Gasthof.

Andern Tags suchte ich Inges Mutter auf, die Eltern 341 Genoveva Meyens, den und jenen Kaufmann, den ich als ehrlichen, deutschen Menschen kannte. Kalckreith sprach im Arbeitsamt vor. Und dann setzten wir uns in den Gasthof und warteten . . . Wir wußten: alle, die wir um Hilfe gebeten hatten, waren nun für uns tätig. Wenn keiner etwas fand, mochten wir zusehen, wie wir uns aus der Klemme zogen.

Aber es war wie ein Wunder: am Abend standen doch sechs Leute da. Es zeigte sich, daß unsere Siedlung schon einen gewissen Ruf in der Stadt genießt. Ein paar stellenlose junge Leute, die gelegentlich als Aushelfer bei unserem Holzhändler arbeiteten, liefen spornstreichs her, als sie von der Sache vernahmen. Ein Gymnasiast, der seit einem Jahr vergeblich Arbeit sucht, meldete sich gleichfalls. Er war dürr von Entbehrungen und sah ganz danach aus, als ob ihm das Leben in frischer Luft, bei gesunder Arbeit, wohltun würde. Da war ferner ein Mann, der mürrisch seine Bitte vorbrachte und sofort mit einem gewissen Trotz erklärte: »Ich komme aus dem Gefängnis . . .«

»Weshalb waren Sie eingesperrt?«

»Diebstahl . . .«

»Was haben Sie gestohlen?«

»Geld . . .«

»Warum?«

»Weil ich drei Tage lang nichts zu essen hatte . . .«

»Warum haben Sie sich nicht um eine Unterstützung beworben?«

Er zuckte die Achseln: »Ich bin ausgesteuert . . .«

Und da waren endlich zwei Fabrikarbeiter, die entlassen worden waren, weil ihr Betrieb vor dem Verkrachen stand.

Wir bestellten die Leute für acht Uhr abends auf mein Zimmer. Inzwischen erkundigten wir uns auf der Polizei nach dem Sträfling, in der Fabrik nach den Arbeitern. Ich ging in die Wohnung des Gymnasiasten. Überall das gleiche Bild: Elend, Not, Verzweiflung. Wir hörten nichts Schlechtes über unsere Leute – das war ja klar. So wollten wir es denn mit ihnen versuchen. 342

Am Abend fanden sich die sechs ein. Ich sagte ihnen das Nötige über Neulandhof. Daß unsere Siedlung auf rein nationaler Grundlage beruhe. Daß dort für Kommunisten kein Platz sei. Daß es nicht um Reichwerden und Besitz ginge. Daß wir aus jedem Siedler einen vollen, ganzen Menschen machen wollten. Und ich schloß:

»In früherer Zeit mußte jeder junge Mann drei Jahre im Heer dienen: für nichts anderes als für Obdach, Essen und Trinken. Und für noch etwas: für Deutschland! Ähnlich ist es bei uns. Wir können nicht jedem gleich einen Hof hinstellen, Pferde und Kühe in den Stall! Jeder muß erst einmal dienen. Und nicht jeder ist dazu geschaffen, Bauer zu sein. Die meisten sind nur dazu, Knechte zu bleiben. Zeitlebens. Aber Knecht sein, ist nichts Entehrendes. Auch in einem Amt ist nicht jeder Vorstand. Jeder muß irgendwie – dienen! Und nun überlegen Sie sich die Sache bis morgen früh. Um acht Uhr fahren wir ab. Wer bis dahin gekommen ist, mit ehrlichem Vorsatz, soll uns recht und willkommen sein. Den andern wollen wir nicht böse sein!«

Es gab noch ein paar Fragen, dann gingen die Männer. Aber am Morgen waren sie alle da. So fuhren wir denn in Gottes Namen mit ihnen in die Heide hinaus.

Dort trafen wir alles in Ruhe und Ordnung an. Die fünf alten Knechte bestellte ich mir ins Haus. Ich hielt ihnen in Gegenwart des Obersten eine heillose Strafpredigt. Nannte sie ein charakterloses Gesindel, Waschlappen und Lumpen. Und eröffnete ihnen, daß sie sofort an die Luft gesetzt würden, wenn sie von nun an nicht als ehrliche, anständige Männer sich erweisen würden. »Wem unsere Orgel und die Weihstatt nicht recht ist, wer da glaubt, daß im Leben niemand dienen dürfe, alle nur den Herrn spielen könnten, ohne zum Herrn geboren zu sein – der kann gehen! Wir brauchen ihn nicht. Und wer es ohne Frau nicht aushalten kann, soll sich nach einer umsehen. Er kann heiraten – auch die Frau wird bei uns Arbeit und Brot finden. Aber unsere Mädchen und Frauen sind nicht da für euer geiles Gelüst!« 343

Damit entließ ich sie.

Andern Tags berief ich den Gemeinderat und legte ihm eine Reihe von Entschlüssen vor:

Es wird eine außerordentliche Gemeindesteuer eingeführt. Sie wird ziemlich hoch sein. Sie soll dienen zu folgenden Zwecken:

  1. um neuen Siedlern den Anfang zu ermöglichen, einen Hof für sie zu schaffen;
  2. die Weihestatt zu vollenden;
  3. um für verheiratete Knechte, die nicht auf dem Hof bleiben wollen, kleine Häuser zu bauen, mit Garten und Stall;
  4. um einen Notpfennig für schlechte Erntejahre anzusammeln oder um bei Unglücksfällen Hilfe zu gewähren; endlich
  5. um, wenn nötig, neues Land anzukaufen.

Die Steuer wird im Verhältnis zu Besitz und Ernteertrag bemessen.

Ein zweiter Beschluß lautete:

Siedler kann nur werden, wer von allen alten Siedlern Zustimmung erhält. Dem Gemeinderat steht es frei, einem mittellosen Anwärter aus der Gemeindekasse das nötige Darlehen zu gewähren oder ihm eine dreijährige Arbeitszeit als Bewährungsfrist aufzuerlegen.

Die Beschlüsse wurden einstimmig angenommen.

Wenn die heurige Ernte gut ausfällt, ist unsere Schuld an den alten Kröling noch in diesem Jahr getilgt. Dann können wir etwas freier wirtschaften.

Und nun gebe Gott, daß unsere neuen Leute, und die alten dazu, guttun!

 

Am 26. April hielten wir Wahltag. Wir erlebten die Freude, daß all unsere Siedler, auch die Knechte, für Hindenburg stimmten. Mittags fuhr ich mit dem Obersten in die Stadt und übergab die Stimmzettel. Wir blieben bis zum andern Tag, um noch das Wahlergebnis zu hören. Wir fielen einander wahrhaftig um den Hals, als wir es schwarz auf weiß lesen konnten: Hindenburg 344 – Reichspräsident! Mein Gott – so soll es denn wirklich doch wieder mit unserm armen Deutschland aufwärts gehen? Gewiß – auch der alte Marschall kann nicht Wunder wirken; aber daß man ihn gewählt hat – ist das nicht ein Zeichen der beginnenden Selbstbesinnung, ein Beweis, daß wieder Ehrgefühl, Deutschbewußtsein, nationaler Mut im Volk zu wachsen beginnen?

Als wir nach Mittag auf Neulandhof ankamen, hißten wir auf einer Stange, bei der Weihstatt, eine Fahne – schwarz weiß rot . . . Das war das Zeichen, auf das hin alle Siedler bei meinem Hof zusammenkamen, um die Freudenbotschaft mit eigenen Ohren zu hören.

Und genau vor zwei Monaten hat Hitler die Partei neu begründet. Die meisten von uns haben sich als Mitglieder angemeldet.

 

Nun ist es Mai und wir arbeiten am Bau der Weihstatt. Es geht nur langsam vorwärts. Wir müssen gleichzeitig zwei kleine Häuschen errichten: eins für Seldtner, meinen Knecht, der damals reuig zurückkam, und eins für Kleinert, Mertens' Knecht. Sie haben sich aus der Stadt Mädchen geholt, denen sie schon früher anscheinend recht nahe gestanden. Ich habe die Paare zusammengegeben.

 

Heute, am Tag des höchsten Sonnenstandes, brannte ein mächtiges Feuer an der Malstatt. Und ich glaube, alle Siedler auf Neulandhof haben von Herzen mein Glück geteilt:

Inge hat mir ein Kind geboren.

Einen Jungen.

Sie hat alle Leiden und Schmerzen tapfer und standhaft getragen.

Im einsamsten Bruch, dort, wo einmal Hein Lünemann aus dem Torfgraben gestiegen ist, habe ich gewartet . . . und gebetet. Was in solch einer Stunde an Gefühlen und Gedanken durch den Sinn geht, kann man nicht sagen. Es ist so, wie wenn man, ganz 345 hingegeben, Bach oder Bruckner hört, einen Dom erlebt, vor einem Sturm auf die feindlichen Stellungen steht. Es ist das nämliche, alles. Alle ganz großen Stunden führen uns an die Grenzen des Menschlichen und lassen uns Gottes Atem fühlen.

Als dann Hinrichs kam, so eilends, wie ich ihn noch nie gesehen, und schon von weitem schrie: »Ihr sollt man kommen, Bas, un es is en Jung –« da fehlte nicht viel, und ich wäre niedergekniet. Aber das tat ich dann erst an Inges Lager . . .

Und nun ist es Nacht. Inge ist eingeschlafen. Ringsum ist tiefste Stille. Ich bin noch einmal hinausgegangen unter den funkelnden Sternhimmel. Dort habe ich Gott für diesen Tag gedankt. Und ich habe beschlossen, meinen Sohn Giers Hammer zu nennen.

 

Nun, da rings der hohe Sommer ins Land gezogen ist, haben wir dem Kind seinen Namen beigelegt. Es geschah oben auf der Weihestatt. Alle Siedler, auch Knechte und Mägde, kamen zu meinem Hof, festlich geschmückt, und alle brachten irgend ein Geschenk, und wenn es nur ein Bund selbstgesponnener Wolle oder ein Körbchen Eier, ein Blumenstrauß war. Inge trug selbst das Kind. Als sie aus dem Haus trat, schön wie die Frühlingsgöttin, grüßten sie laute Rufe, Blumenstäbe und Zweige wurden geschwenkt.

So zogen wir in festlichem Geleit zur Höhe hinan. Wießbach, Mertens, Kalckreith – alle hatten mich gebeten, Paten sein zu dürfen. Aber ich sagte ihnen: »Liebe Freunde – verzeiht mir, wenn ich nur Einen von Euch wähle. Der Pate für meinen Erstgeborenen soll der alte Hinrichs sein! Was ich und wir alle ihm danken, kann ich kaum ermessen. So soll ihm, dem Alten, Getreuen, diese Ehre zuteil werden. Wenn du als Zweiter vorlieb nehmen willst, Wießbach, als alter Kriegskamerad und als erster Siedler nach mir, will ich dir dafür dankbar sein!«

Das sahen sie ein. »Aber das nächstemal dann kommen wir an die Reihe«, lachten sie, und das gestand ich ihnen gern zu.

So legten wir dem Kind seinen Namen zu: Giers Hammer 346 – das ist Gerhard Hademar. Hinrichs stand, in seinem schlichten Festgewand, das faltige, glattrasierte Gesicht ernst und gütig auf das Kind gewandt. Es ist auch um diesen Mann, der ganz und vollkommen ist, was er ist, ein Heidebauer – eine stille Würde gebreitet, ein königlicher Anstand, wie ich ihn sonst nur bei friesischen Bauern und einem feinen alten Herrn, einem Grafen aus uraltem Geschlecht, getroffen habe. Adel des Bluts, Adel der Erde.

Nach der Namensgebung traten Herbert Mertens und Genoveva Meyen vor den Malstein und ich waltete meines Amtes. Da stand nun dies junge blonde Mädel, das zwei fremden, verwaisten Kindern Mutter geworden ist, und der verträumte, scheue Musiker, der eine ganze Orgel zu bauen unternommen hat, den der Krieg und das Elend nachher aus dem Geleise geworfen und der bei uns in der Heideeinsamkeit Wurzelerde gefunden hat für seine Sehnsucht, sein Schaffen, für ein wirkliches Leben. In meiner Rede gab ich all denen, für die unsere Orgel und das Weihemal noch immer unnütze Dinge sein mochten, zu verstehen, um was es hier ging:

»Ein Leben, das nichts über dem Leben kennt, ist zwecklos, nicht wert, gelebt zu werden. Es erstickt in schaler Geschäftigkeit. Wir arbeiten dann, um zu essen, wir essen, um zu arbeiten. Wozu also? Nein – wozu haben unsere Vorväter ihre Dome gebaut, wozu ist alle Kunst, alle Musik, alles Mühen und Leiden darum? Für das Einzige, darum es sich lohnt, zu leben: das Wissen oder das Gefühl, daß über unserem Dasein ein höheres Etwas ist, das ihm erst Sinn verleiht. Nennen Sie es eine Idee oder Gott – es ist einerlei, es ist ein Name. Aber darum bauen wir diese Malstatt, darum eine Orgel. Wer es jetzt noch nicht begreifen will, wird es einmal erkennen, wenn alles vollendet ist. Und für diese Orgel und ihre Musik werden Sie sorgen, Herbert Mertens, so wie der Gedanke an diese Weihestätte von Ihnen und mir stammt. Ihr Amt halte ich für eines der wichtigsten in unserer Gemeinschaft, wenn nicht für das wichtigste. Jeder muß Ihnen dafür 347 danken, jeder es achten. Weh uns, wenn wir einmal kein anderes Ziel vor Augen hätten, als Korn und Kartoffel zu bauen, Vieh zu züchten und Geld damit zu verdienen!«

Herbert wohnt nun mit seiner Frau auf Ulenhöh. In Mertenshof war es ohnehin schon etwas beengt geworden. Dort wird nun nur mehr an der Orgel gearbeitet.

Das Hochzeitsgeschenk des Obersten für das junge Paar ist dieser Tage angekommen; mit viel Müh und Beschwer: ein Klavierflügel. Und wir freuen uns alle schon auf den Winter: da wird es manches schöne Hauskonzert geben. Denn Herbert und Kriehuber spielen ja beide Klavier, Herbert auch Geige, und Genoveva ebenfalls. Und Herbert hat entdeckt, daß unser jüngster Knecht, der »Gymnasiast« Fritz Heidecke, einmal das Cello zu spielen begonnen hat. So will er nicht ruhen, bis er ihm wieder das Nötige beigebracht. Dann hätten wir schon ein Trio oder auch ein Quartett beisammen. Wenn noch einmal die Orgel dazukommt – dann wird es sich zeigen, warum der Bau auf der Eichenhöh das Weihemal heißen soll!

 


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