Ernst Kratzmann
Die neue Erde
Ernst Kratzmann

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Ich habe immer die Einsamkeit geliebt, das Alleinsein. Sie war mir Mutter und Freund. Aber nun überwächst mich ihr Grauen. Von allen Seiten starrt mir ihr furchtbares Auge entgegen – es gibt Tage, da ich mich vor dem Einbruch der Dunkelheit fürchte . . . Wenn es wieder ringsum lebendig wird, wenn die wesenlosen, blicklosen Gesichter, die doch alles sehen, sich wieder an die Fensterscheiben drücken und ins Zimmer stieren, daß mir das eiskalte Entsetzen die Hand lähmt . . . Der Hund richtet sich langsam auf, sträubt das Rückenfell und beginnt zu heulen – und die Gesichter am Fenster bleiben und bleiben, stieren ins Zimmer . . . Bis ich mit einem gewaltsamen Schrei mich aufreiße und mit der Pistole hinausstürze vors Haus – und niemand ist da . . . nur der Nebel . . .

Ich halte es nicht mehr aus, so, es geht zu Ende mit mir. Das ist mehr als das Todesgrauen und Entsetzen der Trommelfeuer, der Sturmangriffe, des tausendfachen Sterbens ringsum.

Ich verschanze mich in meiner Stube. Im Kamin glost das Torffeuer. Auf meinem Tisch brennt das einsame Licht. Ich muß Licht haben, sonst verliere ich den Verstand. Die Holzladen der Fenster sind geschlossen und fest verriegelt. Ich habe alle Ritzen sorglich gedichtet, damit die von draußen nicht hereinblicken können.

Ich sitze und versuche zu lesen. Der Hund liegt neben mir. Es geht Wind ums Haus. Ich höre sein leises Wehen durch den Schornstein. Und plötzlich packt es mich wieder, das kalte Grauen, von rückwärts – vom Kamin her – als ob sie durch den Rauchfang kämen . . . die von draußen . . .

Es ist ja heller Wahnsinn, sich gegen das Grauen mit Brettern 8 zu verschanzen, mit der Pistole zu verteidigen . . . Ich kann kaum die Feder noch halten, mit der ich das alles schreibe.

Der Hund kommt zu mir und legt mir den Kopf auf das Knie. Ich schlinge den Arm um seinen Nacken und streichle ihn. Er ist Leben, er ist warm. So drücken wir uns aneinander und horchen in das Dunkel hinaus. Der Wind geht über die Heide, über das Moor mit den schwarzen, grundlosen Tümpeln . . . Ich flüstere mit dem Hund, ich wage kein lautes Wort . . .

Ich bin doch nie feige gewesen. Bin ich jetzt in der Einsamkeit zur Memme geworden? Aber es ist immer etwas ums Haus – auch Hasso fühlt es und zittert.

Ich wage es nicht, mich zur Ruhe zu legen. Erst wenn kaum merklich der Frühschein aufdämmert, finde ich ein paar Stunden kümmerlichen Schlafs. Und dann soll ich doch den ganzen Tag wieder schwer arbeiten, Holz spalten mit dem Knecht, die Hühner und all das Getier versorgen, das alte, zerfallene Ackergerät bessern und instand setzen für das Frühjahr.

Und es ist doch alles so sinnlos! In einer Zeit, in einem Land, da aller Sinn verlorenging und nur der Wahnwitz und das Verbrechen herrschen . . .

Was wollen die draußen im Nebel? Lächerlich, daß es Menschen sind, die im Moor ertrunken und versunken sind, wie Hinrichs sagt . . . Aber es sind doch Menschen, die keine Ruhe finden können . . . Aber, was wollen sie von mir –?

 

Mir kommt vor, als ob dieser Hinrichs mit seinen weißgrauen Augen auch mehr sähe als andere Menschen. Der kann stundenlang sitzen und gegen die leere Wand starren, durch sie hindurchstarren, als wäre sie gar nicht da. Was er dahinter sieht, irgendwo, in weiß Gott welchen Fernen – darüber schweigt er. Oder wenn er beim Torfstechen auf einmal anhält und leise murmelnd vor sich hinsieht, als stünde einer vor ihm . . .

Aber in der Nacht kann er wenigstens schlafen, draußen im Stall, bei den zwei kleinen Russenpferden . . . Oder schläft er gar 9 nicht wie andere Menschen? Ich könnte mir denken, daß er in der Nacht mit den selben offenen Augen liegt, die das Nahe nicht sehen, mit denen er des Tags irgendwohin ins Weite schaut. Manchmal ist es mir, er wäre überhaupt kein Mensch. Könnte es nicht etwa so gewesen sein: ich habe vor einem Jahr die alte Kate da gekauft, von ihrem liderlichen Besitzer, der dann wegging, in die Stadt, dort als Arbeitsloser sich füttern zu lassen und auf den Straßen zu brüllen und das Wirrwarr vermehren zu helfen. Ich habe das Haus und das Land ringsum gekauft, sonst nichts. Ich habe keinen Knecht und keine Magd mit übernommen und bin allein hergekommen und habe allein gehaust in der Ödnis von Heide und Moor. Bis einmal, an einem Abend, da draußen die Nebel stiegen, in einem dunklen Winkel beim uralten Herd, im Schatten hinter den aufgestapelten Torfziegeln, sich etwas Graues regte, etwas Unbestimmtes, und lebendig wurde, während es langsam Gestalt annahm – und dann saß der alte Hinrichs da mit der ewigen Pfeife im Mund, und nickte mir zu als dem neuen Bas, und ich merkte, daß es der seltsame Hausgeist ist, der Alf oder, wie sie ihn hier nennen, der Drache . . . Und ich weiß, daß ich ihn ehrfürchtig behandeln und gut halten muß, daß ich ihm täglich Hirsebrei reichen muß, nicht zu heiß – sonst wird er glühend, speit Flammen und zündet das Haus an, eh' er davonfliegt, durch die Luft, sich einen andern Herrn zu suchen . . .

 

Die Heide hat zwei Gesichter. Als ich herkam in die einsame Kate, im Frühjahr, und dann später, im vollen Sommer, sah ich nur das eine, das Taggesicht: groß, offen und aufgetan; über die endlose Weite ein unendlicher Himmel, über den Wolken hingingen, ewig wechselnd, tausendgestaltig. Sie kamen vom Meer, brachten Regen, zogen über das Land mit schleppenden Schleiern, goldgelb, lila, purpurn, grün durchleuchtet von der Sonne, sie legten über das Land den feuchten Atem der See. Die Wälder, die einsamen Machandelbäume, tauchten hinter die ziehenden Dunstschleier, wurden mit einmal fern, fremd, verwandelt. 10

Oder es lag Sonne über der Heide. Gütig und warm. Über den dunkelbraunen und schwarzen Weihern und Tümpeln im Moor spielten gelbe und blaue Falter. Libellen surrten durchs Röhricht. Und wie war der Himmel blau! Endlos und ewig. So wundervoll blau.

So war es, als ich in die Heide kam. Wann? Ja, vor einem Jahr. Aber es ist mir, als lebte ich schon viele Jahre da. All das Frühere ist versunken in einem tiefen Schacht. Liegt in einem schweren Dunkel, wie man sich an einen bösen Traum erinnert und kaum weiß, was darin geschehen ist. Der Krieg und alles, was nachher kam. Der Wahnsinn, das Verbrechen, das Chaos. Die Schmach. Das Ende.

Ich habe die Heide immer heimlich geliebt, habe davon geträumt, in ihrer flutenden Weite zu wohnen und allein zu sein mit dem Himmel und seinen ziehenden Wolken, mit den Seen und den verlorenen Weihern im Bruch. Darum bin ich wohl auch schließlich, als ich nicht mehr wußte, wohin, und nur Einsamkeit suchte, hiehergekommen und habe die alte Kate gekauft, die niemand anderer wollte. Aber vorher schon, und damals, als ich mich hier niederließ, habe ich nur das eine Gesicht der Heide gekannt, das Taggesicht. Damals war ich noch Gast. Aber nun steigt das zweite herauf, aus Nebel und Dunkel der endlosen Nächte. Die Heide streckt langsam die Arme nach mir aus . . .

Was wollen die bleichen Nebelgesichter draußen vor dem Haus? Hassen sie den Eindringling, der nicht aus dem Heideboden kommt, den ein fremdes Schicksal hierher trieb? Ihr irrt, ich kam mit Willen und aus tiefinnerer Liebe zu Heide und Moor. Und mein Schicksal ist kein fremdes Geschick – ist deutsches Schicksal, wie es oft schon über uns niederbrach . . . Wer seid ihr?

Der Hund zittert und winselt leise, voll Unruhe. Fühlt er das Grauen, das seinen Herrn übermannt – fühlt er . . . das andere, das immerzu ums Haus schleicht? 11

Heute abend habe ich unerwartet ein stilles, wunderbares Fest erlebt. Ich habe unter meinen Büchern gekramt, die noch zum guten Teil in den Kisten verpackt liegen, weil ich kein Gestell habe, sie darauf zu reihen. Und nun liegt Dürers »Heimliche Offenbarung« vor mir auf dem Tisch.

Ich sehe die vier Gewaltigen über die taumelnde Erde hinreiten, Tod, Pest, Krieg, Hunger – sie reiten noch immer, sie reiten heute wieder durch die Luft. Und mir ist, als habe ich selber diese Blätter gezeichnet, einmal, geschüttelt vom selben Grauen, das mich heute erfüllt. Sähe ich sie leibhaftig durch die Wolken stürmen, es wunderte mich nicht . . .

Aber wie herrlich ist es doch, daß wir dies haben dürfen, diese Blätter, daß jeder Deutsche sie haben kann! Als junger Student habe ich sie mir um wenige Mark gekauft – dann, später, ging ich ins Feld und sie blieben daheim und warteten auf mich, treu und geduldig auf mich, der als ein Verwandelter wiederkam. Und nun sind sie mir doppelt teuer geworden, nun erst verstehe ich sie voll, da ich die vier Gewaltigen reiten sah, hundertmal, durch glutrote, granatenzerfetzte Wolken, über eine von Gott verlassene Erde.

Mir ist, der gottliebe Meister muß sie auch gekannt haben, die fahlen Gesichter, die nachts durchs Fenster starren – und er habe sie gebannt mit dem Stift. Damals, wie heut: die selbe Zeit. Er wohnte nicht in der Einsamkeit der Heide – aber in der Einsamkeit der Menschen.

Ich habe heute früh zufällig eine Zeitung in die Hand bekommen, schon ein paar Tage alt. Sie hat mich wieder ganz aus der Fassung gebracht. Immer noch der Wahnsinn in ganz Deutschland. Alles uneins, alle gegen alle. Tausend Theorien, tausend Strömungen, gegeneinander. Es ist aus mit uns, zu Ende mit Deutschland. Was soll werden, was kommen?

Die Zeit ist heiß und wild – damals wie heut. Vor mir liegen die Blätter des teuren Meisters, ein Geistgruß über die Jahrhunderte hin. Wie dank ich dir, Meister Albrecht, deinem 12 stillen Auge, das in das Grauen deiner Zeit sah, Sturz und Fall ringsum blickte, und dann in stiller Zucht und Fassung die ewigen Bilder aus dem Entsetzen der Welt heraussah und der zitternden Hand eingab – unzähligen Geschlechtern nach dir Trost und heimliche Offenbarung . . .

Heute, an diesem Abend, ist es still geblieben. Der Hund schläft ruhig zu meinen Füßen. Draußen geht Wind, aber die bleichen Gesichter sind heute nicht da, ich fühle sie nicht. Die Blätter der Apokalypse liegen vor mir über den Tisch gebreitet.

Ich bin den ganzen Abend über bis spät in die Nacht vor ihnen gesessen, aber ich habe sie kaum mehr gesehen. Mein Blick ging über sie hinaus, durch die Stubenwände hindurch, hinaus in die Nacht, die über das Land gebreitet ist, über ganz Deutschland. Wie seltsam und merkwürdig, dies Bild: ein ganzes Land im Dunkel! Die Finsternis ist über Deutschland geworfen wie ein Mantel aus Blei – und wir quälen und mühen uns darunter und können nicht zum Licht finden. Es ist Nacht über Deutschland, auch wenn die Sonne hoch am Himmel steht.

Wir kriechen und schleppen uns hin unter diesem Bleimantel wie in einem nicht endenden furchtbaren Traum. Wir können den Kopf nicht aufheben und emporblicken. Nur einander quälen, nur zerstören, zerschlagen, vernichten können wir noch.

Weltende?

Weltwende? Wer weiß es. Wer kann es sagen . . .

 

Es ist spät nachts geworden. Ringsum Totenstille. Nur jetzt – ich bin erschrocken wie ein furchtsames altes Weib – jetzt tönt es von draußen aus dem unendlichen Weit der Nacht herein . . . ein seltsamer Laut, ein Schrei, ein Ruf. Der Ruf des Dunkels, der Laut des Grauens . . .

Hasso hebt lauschend den Kopf und knurrt leise. Kommen sie wieder?

Es bleibt still. Es wird ein Eulenruf gewesen sein. Im Bruch horstet ein Uhu. 13

Die Laute der Natur sind voll tiefen Sinns. Es war ein Eulenruf – aber warum haben die Menschen allzeit Furcht und Grauen vor ihm empfunden, allein, im Dunkel der Nacht? Es sind Laute des Waldes, der Luft, des Bodens, des Wassers. Laute und Stimmen der Erde. Sie schreckt uns mit ihnen, wirft das Grauen über uns, erfreut und stärkt, belebt uns durch sie. Sie bildet und gestaltet uns durch sie, bis wir genau so ihr Kind und Geschöpf geworden sind wie der Baum, den Sonne und Sturm, Regen und Boden geschaffen und geformt haben . . . Ich fühle es, wie ich langsam dem Boden eigen, der heimischen Erde nahe werde. Und ich denke, es müßte ein hohes Glück bedeuten, so zu sein, wie etwa Hinrichs, mein alter Knecht. Eigentlich ist er gar nicht so alt. Vielleicht nur fünfzig. Aber er scheint mir uralt. Denn in ihm ist die Sicherheit und das Wissen, die Weisheit der Erde, der er dient seit Kindertagen. Alles an ihm ist ganz, vollkommen. Nichts Halbes, Zerteiltes, Zerfallenes, wie an uns andern. Was er tut, ist voll der inneren Selbstverständlichkeit und Notwendigkeit, wie wenn der Baum zur bestimmten Zeit Blätter treibt, Blüten entfaltet, die Blätter fallen läßt, ruht. Alles muß so sein nach ewigem Gesetz, kommt ohne Worte und Frage.

Gestalte mich, einsame Erde, lasse mich dein werden. Dein eigen und Geschöpf, dein Denken und Wollen.

War es das, was ich auf meiner ziellosen, rastlosen Wanderung suchte, nach dem Krieg, durch ganz Deutschland hin?

Es hat mich nirgends gelitten. Daheim nicht, wo ich vor dem Krieg wohnte, wo ich Schrank und Tisch und Bett und meine Bücher hatte, anderswo nicht, wo ich nur zu Gast war. Ich war oben im Norden, am Meer, in Wismar und Stralsund und Königsberg, ich wanderte den Rhein entlang und stand in den Domen der großen Zeit, ich war im Thüringerwald und im Harz, streifte durch Hildesheim und Quedlinburg und ich war in Bamberg, in Schwaben und am Bodensee, und ging wieder hinauf nach dem Norden. Suchend, immerzu etwas suchend. Wie einer, der als alter Mann heimkommt in die Stadt seiner Kindheit. 14 Die alten Häuser sind noch da, die Bäume davor, die Tore und Türme und Dome – aber die Menschen sind fort . . . Darum war diese ruhlose Fahrt so seltsam bitter und süß zugleich. Immer ein Suchen . . .

Anfangs fuhr ich mit der Bahn. Aber bald verdroß es mich. Die Züge überfüllt mit verbitterten, hungrigen, fluchenden Menschen, die alle nur Haß und Anklage kannten, die keinen Funken Ehre und Stolz mehr in sich trugen –; ich begann, zu Fuß zu wandern. Da wurde es besser. Tage- und wochenlang allein auf den Straßen und stillen, schmalen Wegen, über Waldberge, Flüssen entlang, durch Heiden und Moore. Ich schlief nachts in Scheunen, die leer waren von Futter und Korn, bei Bauern, die stumm ins Grauen der Zeit starrten aus harten, hungrigen Augen. Ich fuhr mit ihnen auf holprigen Karren übers Land, Schiffer nahmen mich bisweilen auf ihre Lastkähne, die schweigend flußabwärts glitten. Sie schienen mich alle zu verstehen, mein Wandern und Suchen. Wenn sie mir Herberge und Brot gegeben hatten, wollte keiner Geld dafür nehmen. Wir verstanden uns ohne viel Worte. Wenn wir schon einmal redeten, war es nur von der Not der Zeit. Von der Not des Alltags, des Leibes. Doch unter den Worten zitterte die Not der Seelen. Manchmal versuchte ich dann zu trösten, zu raten. Erzählte von früherer Not. Aus der Zeit der großen Bauernkriege, vor vierhundert Jahren. Aus der Zeit der deutschen Schmach von 1806. Der dann der Tag von Leipzig folgte, 1813. Sie hörten mir zu, aber sie waren zu müde zum Glauben, zu stumpf zur Hoffnung. Nicht einmal zum Haß mehr konnte ich sie entflammen.

Den traf ich nur in den Städten. Dort schoß er auf, aber geil und wild, unter den wüsten Hetzreden der Spartakusleute. Da brüllten besoffene Horden, stachen tückisch und feige die Mordmesser, knallten die Schüsse um die Mauern der Dome, der Rathäuser, der Stadttürme. Wären die nicht gewesen, ich hätte keine Stadt mehr betreten. Aber ich mußte immer wieder hinein, mußte stundenlang im Chor der Lorenzkirche sitzen, in Nürnberg, 15 im Lübecker Dom, stundenlang Aug in Auge mit den stillen Steingestalten versunkener Jahrhunderte. Ich war in den leeren Museen, bei den Heiligen aus Holz und Stein, und stand verloren und ratlos vor ihnen, während draußen tobende Meuten die roten Fahnen schwenkten und die Internationale brüllten. Draußen schrien Wahlplakate ihren wüsten Unsinn, ihre Lügen und Anklagen ins Volk – hier drinnen standen still und gelassen die alten Figuren, sahen aus gramvollen, leidbeschwerten Augen in eine zeitlose innere Welt. Über mir trugen die Säulen und Pfeiler in wundervoll schwingender Harmonie die Riesenwölbungen der Kirchenschiffe, die Kreuzgänge umhegten den stillen, grünen Frieden verlassener Klostergärten. In Maulbronn lebte ich tagelang in den leer hallenden Gängen und Schlafsälen des Klosters, fühlte mit allen Sinnen des Leibes das Lasten und Tragen der Gewölbe, hörte das stille Plätschern des Brunnens in seinem dreifachen Becken, ging hinaus in einsame Wälder, kam wieder und wieder. Die himmelstürmenden Pfeiler der nordischen Kirchen rissen mich hoch, ließen mich Erde und Erdenzeit vergessen. Ich sah hinter dem sterndurchbrochenen Rathausgiebel von Stralsund die Sonne und den Mond aufgehen, verlor mich in den Wäldern auf Rügen und schlief in leeren Hünengräbern, deren Totengebein man in die Museen gebracht.

Was habe ich gesucht auf all den Wegen jenes Frühlings und Sommers und Herbstes? Ich wußte es nicht.

Bis der Winter kam und mich zur Stille zwang. Sie brachte ein langsames Begreifen und manche Frucht der Wanderung.

Aber das Schönste und Tröstlichste, das in dem Jahr des rastlosen und ratlosen Wanderns der Heimlose gewonnen hat, ist das Gefühl, die unbedingte Sicherheit und Überzeugung: das ist der Boden deiner Kraft, die Wurzelerde deiner Seele und Sehnsucht . . . Hatte ich vordem Heimat? Früher? Vor dem Krieg?

Ich war dagewesen und das Land rings um mich auch. Ich hatte es hingenommen wie etwas, das sich von selbst versteht, hatte darin gelebt und nicht gewußt, daß dies Heimat sei. Man 16 hatte mir gesagt, und ich hatte es nachgesagt, daß dies mein Vaterland sei, weil ich darin geboren sei und meine Väter und Vorväter auch. Aber Heimat war es darum noch nicht.

Dann war der Krieg und nachher das Ende. Der Himmel brach über uns nieder in grabschwarze Nacht und alles war aus. Tobende Wut und rasender Schmerz, Verzweiflung, Elend ohne Maß, in uns, um uns. Deutschland zerschmettert, zertreten, bespien, alles zernichtet, alles Ewige und Heilige – für immer.

Aber im Krieg kam eine Sehnsucht über mich. Zum erstenmal die Sehnsucht nach einer Erde. Ein Fühlen wuchs langsam in mir, ohne Wort, daß diese Erde rings um uns, in die wir uns einwühlten mit Schützengräben und Unterständen, in die wir uns verkrochen, wenn über uns der Wahnwitz der Trommelfeuer niederbrach – diese Erde, die unser Blut in Strömen trank, diese Erde Frankreichs, Rumäniens, Rußlands, daß diese Erde etwas anderes sei als die deutsche Erde. Es kam die Sehnsucht nach deutscher Erde. Ein Heimweh. Nicht, als ich hinauskam an die Front. Nein, nach Jahren erst, als es schon gegen das Ende hinging. Die Sehnsucht wuchs, und das Heimweh. Ich sehnte mich nicht nach der Vaterstadt, nicht nach dem Elternhaus. Ich wußte nicht, wonach ich mich sehnte. Vor meinen schlaflosen Augen wogten undeutliche Bilder von Hügeln, Städten und Burgen, von Kornfeldern im Sonnenmittagslicht, von Domen am Meer, von kleinen, winkligen Gassen mit uralten Häusern. Und über allem war etwas wie eine Melodie, ein Lied. Ein Lied, wie es Kinder singen oder ein Mädchen, das abends durch die Wiesen geht.

Nun bin ich ganz allein und sitze auf meiner Hufe fernab in der Heide, im Moor, ganz allein mit meinem Hund. Nicht dort, wo ich geboren bin, nicht in der »Heimat« – und doch daheim . . . Und rings um mich das Land – weitum in endlosen Fernen nach Nord und Ost und Süd, es ist mein, mein eigen, ist meine Heimat. 17

 

Einmal, im Sommer, wanderte ich der Donau entlang nach Ulm. Ich strich durch die alten Gassen an der Blau, sah das Münster von nah und fern und immer wieder trat ich in seine Hallen. Ich stieg auf den Turm und strauchelte auf schmalen Stiegen, über den Gewölben, unter dem Dach, ging auf schwindelnden Wegen zwischen den urmächtigen Strebebogen. Ich stand am Fluß und sah den Turm aufragen über die roten Dächer der Stadt – sah, wie die geeinte Kraft des ganzen Baues sich zusammenschloß in den einen einzigen Turm und in ihm aufstieg in den blauen Sommertag. Ich sah Abendrot und Morgensonne auf ihm leuchten, ich war im Dom zu allen Stunden des Tages. Einmal auch in der Nacht ließ mich der Küster ein und ich saß im Chorgestühl des Meisters Syrlin, lehnte den Kopf an die Schnitzereien, über die vor vierhundert Jahren sein kunstreiches Messer glitt.

Nie in meinem Leben war solche Stille um mich. So vollkommene, letzte Stille. Ein wenig Mondlicht brach durch die Fenster und ließ mich die Gestalten am Gestühl mehr ahnen als wirklich sehen: den Johannes Secundus, den stillen Pythagoras mit der Laute, den Ptolemäus mit seinen in gespanntestem Nachdenken schon fast töricht und blöde erscheinenden Zügen; den behäbigen Meister Syrlin selbst; die Sibyllen.

Mir war, als sei mein ganzes Leben bisher ein einziger, lärmdurchtobter Tag gewesen, aus dem ich nun in diese einsamste Stille getreten sei. Ich sah auf dies Leben hinab wie von einer ragenden Höhe aus auf den Weg, den ich gekommen.

Eine Wolke wanderte am Himmel, der Mondstrahl brach voller herein. Da stand der Meister Syrlin am Chorgestühl, behäbig, feist und würdevoll. Er strich prüfend mit der Hand über die Schnitzereien und nickte befriedigt. »Hat gut gehalten«, brummte er. »Schöne Zeit! Gute Arbeit . . . War aber auch das teuerste Holz im ganzen Schwabenland! . . .« Dann sah er mich an, abschätzend, etwas über die Achsel. »Vagant? Kenne das 18 Gesindel. Zu meiner Zeit eine wahre Landplage gewesen!«

Mir stieg die Galle auf. »Meister – ich schätz Euch als einen der kunstreichsten Bildner unserer größten Zeit – niemand kann Euer wunderbares Werk da mehr lieben als ich . . . Aber ich seh – in Eurem Alltag seid Ihr ein elender Spießer und Philister gewesen . . . Mit einem dickgefressenen Bürgerbauch, mit der Truhe voll Goldgulden . . . ohne Sinn und Verstand für das Leiden der andern! Sicher habt Ihr zu Eurer Zeit auch die Bauern verdammt, die wider die verfluchte Herrentyrannei aufstanden für ein besseres, künftiges Reich – das uns bis heute noch immer erst werden soll . . . Und jetzt nennt Ihr mich einen Vaganten und habt keine Ahnung, woher ich komme, was mich durchs Land treibt und suchen heißt, immerzu suchen . . .«

Er lachte leise, etwas fettig, aber gar nicht böse.

»Im Dunkel von der Straße abgekommen, junger Mann. Den Boden unter den Füßen verloren! Ihr alle! Keine Erde mehr unter den Sohlen . . . Das ist euer Übel . . . Wir hatten Erde unter den Füßen. Auch wir Städter. Das ist unser Geheimnis . . . Danach richten!«

Er lachte wieder sein kullerndes, behagliches Lachen, das nichts mehr recht ernst nehmen kann, und ging hinüber auf die andere Chorseite, tastete dort am Gestühl herum und verschwand schließlich ganz im schwarzen Schatten einer Stuhlwange.

Mein Gott, der Alte hatte ja recht! Das war es! Ich war völlig aus dem Geleise geworfen, hatte keinen Boden mehr unter den Füßen, hatte jede Beziehung zum Leben verloren. Und ich, der vier Jahre lang wie ein Maulwurf in der Erde gehaust, ich hatte wahrhaftig keine Erde unter mir, hatte nie Erde unter mir gehabt. Nur – – Pflaster. Asphalt. Und mein Geist auch.

Der Ptolemäus, grell vom Mondlicht überstrahlt, hielt in der erhobenen Hand sein Astrolabium und sah mich an mit den halb zugekniffenen Augen, gespanntestes Denken, verkörperter Verstand, der den Weltbau zu einem unverständlichen System verwirrt hatte, das für zweitausend Jahre alle Hirne umnebelte. 19

Daß mir das so ein alter Zunftmeister, ein Erzspießer sagen mußte! Aber er hatte recht . . .

Im ersten Tagesgrau ging ich aus dem Münster und wanderte hinaus gegen Blaubeuren, ruhte müde am Blautopf und dachte mit wehmütigem Lächeln der wunderlieblichen Historia von der schönen Lau. Ich ging ins Kloster und saß vor dem Altar des jungen Syrlin. Abends fuhr ich zurück nach Ulm. Im Münster gab es Musik. Ich lehnte wieder im Chorgestühl, ganz allein. Wenig Menschen waren da, sie verloren sich im Kirchenschiff – es wollte jeder allein sein, keiner Nachbarn neben sich haben.

Man spielte Bach: ein Präludium und eine Fuge. Dann kam die Frühlingskantate: Orgel, Geige und eine hohe Frauenstimme.

Nie werde ich diese Musik vergessen. Sie ist das Schönste und Allerherrlichste, was ich je gehört. Und ich bin überzeugt, daß es nichts Schöneres geben könne.

Es war ganz finster im Dom – die ungeheuren Gewölbe verschwanden in der Nacht. Nur beim Eingang brannte ein einsames Wachslicht – es ließ das Dunkel nur noch mehr empfinden.

Irgendwoher, aus dem Jenseits herüber, klang ganz zart und fein die Orgel, klang einsam die Geige und eine Engelsstimme sang dazu ein Lied.

Was dann noch gespielt wurde, weiß ich nicht mehr. Ich habe nur die eine Kantate gehört.

Als ich wegging, vorbei an dem Licht, kam über die Wendelstiege, vom Chor herunter, eine junge Frau. Die Sängerin. Wir blickten einander ins Gesicht – sie sah älter aus, als sie sein mochte, verhärmt und verhungert. Eine ganze Weile ruhten unsere Augen in einander – damit dankte ich ihr. Dann trat ich hinaus in die Nacht und ging taumelnd durch die finsteren Gassen, wie ein Trunkener. Blieb stehen und sah zurück – und der Turm stieg auf – weißleuchtend im Mondschein, stand durchsichtig strahlend vor einem matt glimmernden Himmel aus graublauem Samt, in dem ein paar verlorene Sterne zuckten.

Das alles ist Deutschland: Krieg – Sturz in Höllentiefen 20 – Wahnwitz – Dome – Syrlin – Dürer – Bauernkrieg – Wälder mit heimlichen Quellen unter grünem Schatten – Fabriken – in einem finstern Dom, allem Elend zu Trotz: Bach – – und Luther – Kant – Kommunisten – und ein ganz einsamer Turm im Mondlicht – einsam hineingebaut in eine sinnlose Nacht – –

Und in leerer Gasse, zwischen alten Fachwerkhäusern, ein ebenso einsamer Mensch, auch er hineingestellt in eine sinnlose Nacht, der all dies weiß, sieht, der unendlich viel gelesen, studiert, vier Jahre lang für Deutschland gekämpft hat und heute ratlos steht und zu jenem Turm aufblickt . . . Das ist Deutschland, Deutschtum, deutsches Volk. Aus den gramvollen Zügen der Holz- und Steinbildnisse mit ihren scharfen Zügen, aus den Wölbungen der Dome und Kreuzgänge, aus dem Ragen der Türme, blickt es mich an – das deutsche Gesicht. Es blickte mich an aus den Augen des Bamberger Reiters und der Wundergestalten von Naumburg, aus den stahlharten, braungebrannten, lehmbeschmutzten Gesichtern unter dem Stahlhelm, wenn es zum Sturm ging, dem Tod entgegen. Es starrte mich an aus den großen, hohl liegenden Augen der Frauen, als wir vom Feld zurückkamen, zum letztenmal. Aus dem Wutgeheul der tobenden Massen schrie die deutsche Seele um Gerechtigkeit für alle – aber aus dem Brausen der Fugen und der Symphonien singt die deutsche Seele . . .

Ich ging weiter, bog um eine Ecke und kam zu einer Steinbrücke über die Blau. Auf der Randmauer saß eine Frau. Sie schrak auf bei meinem Schritt und sah her zu mir: die Sängerin aus dem Münster. Sie hatte die Augen voll Tränen und ihre Wangen waren naß . . .

Ich stand vor ihr, ich setzte mich neben sie. Sie lehnte den Kopf an meine Brust und weinte, haltlos hingegeben an einen Schmerz, den sie mir nicht sagen mußte. Und ich hielt sie an mich gedrückt und mir fiel nichts anderes ein als – auch das ist Deutschland: diese zwei Menschen, die in der Mondennacht auf einer Brückenmauer sitzen, unter sich das Wasser fließen hören, 21 immerzu fließen, aus dem Dunkel kommend und wieder ins Dunkel verrinnend, und die dazu weinen.

Und wieder, gegen Morgen schon, als sie längst an meiner Brust schlief, halb lächelnd der Gedanke: auch das ist deutsch. Überall sonst wäre dies nur Sinnlichkeit gewesen, Rausch, überall sonst diese Frau eine Dirne. Bei uns: ein keuscher, süßer Traum.

Bei uns ist dies Liebe. Über unserer Nacht ragte einsam ein Domturm – und Bach. Was ließ uns eine Nacht lang eins sein, eins, wie es nur einsame Menschen sein können? Bach und ein Turm im Mondlicht.

Heute Nacht sehne ich mich nach der Sängerin, die ich damals nicht einmal nach ihrem Namen gefragt habe. Wenn sie nun neben mir säße . . .

Warum schreibe ich das alles? Ich will doch keine »Erinnerungen« schreiben, kein Tagebuch, überhaupt kein Buch . . . Ich weiß es nicht. Aber es tut mir wohl. Es baut um mich eine Welt auf. Die alte Welt ist zusammengebrochen; nun versuche ich aus den Trümmern rings um mich eine kleine, neue, eigene zu fügen, die mich warm und hegend umgibt, wie die vier Wände meiner Bauernstube, an denen jetzt ein paar Dürerschnitte hängen, ein paar Rembrandt-Radierungen. Und ein Bildnis Kants.

Ich fühle das Dunkel draußen über dem unendlichen, weiten Land. Tausend Städte im Nord und Süd, West und Ost. Ich fühle, wie überall das Fieber im kranken Leib des Volkes wühlt und pocht, wie seine Pulse hastig jagen. Ich fühle die furchtbare, grauenhafte Spannung, die über Deutschland liegt, die Entscheidung über Leben und Tod, die in dieser Fiebernacht fallen muß. Wie lange wird sie dauern, die Nacht? – Wochen? Jahre? Wer wird sie überstehen? Hat Gott uns verlassen?

Und da kommt es wieder über mich –: die Angst, das kalte Grauen. Die Fensterläden sind fest geschlossen – niemand kann in die Stube blicken – aber ich fühle sie draußen vor dem Haus schleichen und lauern – die Nebelgespenster, die ungreifbaren Gestalten . . . 22 Es ist das Grauen, das sichtbar im Land umgeht, sichtbar für alle, die noch sehen wollen. Die Not und Sorge und Angst um unser Land und sein Schicksal.

Es schleicht über den Boden hin, wie der Nebel, der träg über dem Land hinkriecht und sich nicht an der Sonne lösen kann . . . Es stiert in alle Fenster. Die einen scheuchen es, indem sie Nacht für Nacht mit wüstem Toben Ströme von Wein hinuntergießen, indem sie mit wilden Dreckweibern die Stunden durchrasen – die andern flüchten unter erbitterte Menschen, hören hergelaufene Schreier über Politik hadern und zetern – den Stillen aber sieht das Grauen ins Fenster, wie mir . . .

Wie doch der Mensch einsam sein kann! Nur er wie kein anderes Wesen . . . Wir trieben, zwei Schiffbrüchige auf schwankem, kleinem Floß, allein im Unendlichen des Ozeans, allein durch die Nacht. Das gab uns zusammen, das ließ uns die Arme umeinander schlingen, heiß und wild, das gab uns die innigsten, heimlichsten Liebkosungen, uns zwei verlorenen Menschen, die noch vor wenigen Stunden nichts von einander gewußt hatten, das gab uns die tiefste Weihe des Menschlichen, war über unserer Nacht wie ein Gebet, ein stammelndes, aufschreiendes Gebet zu Gott, von dem wir nicht wußten, ob er uns höre.

 

Nun bin ich wieder daheim von meinem Weg in die Stadt, und die stille Einsamkeit legt mir die kühle Hand auf die heiße Stirn.

In der Stadt steht es übel. Im Hafen: keine Schiffe, nur etliche armselige Fischerboote. Auf den Märkten: keine Waren, keine Lebensmittel. Als ich mit meinen paar Kisten Eiern kam, wurde ich wie ein Wundermann bestaunt und fast wäre es zu einem Volksaufstand gekommen. Ein Schleichhändler wollte mir den ganzen Vorrat abkaufen, ohne auch nur einen Blick in die Kisten getan zu haben. Ich wünschte den Kerl zum Teufel, die erregten Menschen hätten ihn beinahe verprügelt. Unter Polizeiaufsicht verkaufte ich schließlich – man riß mir die Eier fast aus 23 der Hand. Man fragte gar nicht nach dem Preis, man zahlte mir unsinnige Beträge dafür. Ich sah in gierige, ich sah in angstvolle, verhungerte Gesichter, man umdrängte mich bettelnd und bittend, jeder bemühte sich, mein Mitleid zu erregen, jeder hatte darbende Kinder daheim. Aber die in größter Not waren, sagten gar nichts. Als reicher Mann ging ich vom Markt.

Vor den Zahlstellen stehen endlose Reihen Arbeitsloser, schimpfend und fluchend. Die Kaufläden sind leer. Und dabei ist in ein paar Tagen Weihnachten.

Vor einer Buchhandlung blieb ich stehen. Bücher werden noch gedruckt in Deutschland! Eine Flut von Schriften ergoß sich täglich über ein ratloses Volk. Anklagen von links und rechts – Schuld am Krieg – Schuld am Zusammenbruch – das Geheimnis der Marneschlacht – Rezepte, unfehlbar, zum Wiederaufstieg des Reiches – Volkswirtschaft – Geldwesen – tausend Vorschläge – jeder kannte das Allheilmittel, das nur, leider, außer ihm niemand anwenden wollte . . .

Und da – mit einmal umbrauste mich ein wildes, tobendes Durcheinanderschreien unzähliger Stimmen, Streiten und rohes Niederbrüllen, dazu ein verzweifeltes Dozieren einer heiseren Fistelstimme – daß ich aufschreckend um mich sah: war es wirklich zu einem Aufruhr des gequälten Volkes gekommen? Flogen nicht schon die ersten Steine in die Fensterscheiben? Aber ich stand immer noch vor dem Buchladen und es waren nur die vielen Bücher und Flughefte, die alle mich anschrien aus ihren gellenden Aufschriften. Ich trat schließlich doch ein, kaufte einen Pack von dem Zeug und ließ es in den Gasthof schicken.

Und dann schlenderte ich durch die Stadt. Es lag so viel Mühe über dem sterbenden Tag. Spärlicher Schnee deckte die Treppengiebel der schmalen Häuser, die Dächer der Kirchen. Tief dunkelgraugrün das Meer, bleiern darüber der Himmel. Die Möwen schrien hungrig. In ein paar Fenstern schimmerte ein trübes Licht. Sonst Finsternis. Es gab keinen elektrischen Strom. Die Stadt hatte keine Kohlen. Im Ruhrgebiet streikten die Bergleute. 24

Aber im Gasthof war doch wenigstens Feuer im Ofen und es war wohlig warm. Über dem einzigen Tisch brannte eine Petroleumlampe. Ich begann in den Zeitungen zu lesen. Aber ich hatte bald genug davon. Alles ein ratloser Wirrwarr. Ein Narrenturm.

Ein paar Bürger setzten sich zu mir zum Abendtrunk. Man sprach über die Stadtverwaltung, über die unheimlich steigenden Preise, und bald hieben die Fäuste zornig auf den Tisch. Die einen priesen die Roten, die andern verfluchten sie, die Stadtväter wurden als Gauner und Diebe oder als Apostel einer paradiesischen Zukunft bezeichnet.

Ich war froh, als das Essen aufgetragen wurde und ich mich davonmachen konnte in meine Stube.

Andern Tags fuhr ich mit meinem Wagen wieder hinaus in die Heide, durchs Moor, stundenweit durch Einsamkeit und Nebelgrau, unter schwerem, düsterem Himmel hin, durch den Bruch, an Sümpfen und gefrorenen Tümpeln vorbei, deren dürres Schilf im Wind raschelt und klirrt. Da wurde mir wieder wohl, da atmete ich frei und dankte meinem Schicksal, daß ich mich hier niedergelassen, fern von den Menschen, fern den Städten, allein mit Heide und Moor und Himmel. Dort, in den dunklen Schatten hinter den Nebelwänden, wo der Wald aufsteigt, im ziehenden Grau über dem Moor, im Röhricht und Schilf, über den Sumpfwiesen und Torfheiden – ja, dort weiß ich sie lauern, die Nachtgestalten, die im Wind fahren und mir ins Fenster stieren – aber jetzt empfand ich sie fast wie altvertraute Gesellen und Sippen, zu denen ich wieder heimkehrte nach langer Reise. Ja – die zwei Tage Fernseins von meinem Hof, sie schienen mir nun wie eine endlose Frist. Die Zeit ging einen andern Gang in der Stadt und hier draußen in der Einsamkeit.

Es hätte mich nicht gewundert, wenn jetzt, da die Dämmerung schon einfiel, an einer Wegkreuzung plötzlich einer gestanden wäre, sich auf mein Fuhrwerk zu schwingen und neben mir zu hocken auf dem Kutschbock, einer mit dem Kopf unter dem Arm, aus 25 dem Feueraugen brannten, oder einer mit grünen Algenfäden im nassen Haar, oder einer mit einem Wolfspelz, mit Wolfszähnen im jappenden Maul, ein Werwolf, wie sie da noch manchmal umgehen, im Winter, in den Zwölfnächten. Oder wenn über dem Sumpf ein paar Irrwische sich in zuckendem Tanz vergnügt hätten, mich vom Weg abzulocken ins Grundlose hinab. Was Weg! Man mußte schon seine vier Jahre im Feld gewesen sein, mußte es gelernt haben, sich in wegloser, fremdwilder Nacht zurechtzufinden, um diese »Straße« zwischen all den Mooren und Tümpeln und Wäldchen nicht zu fehlen. Ich vertraute auch mehr dem Spürsinn meiner kleinen Steppenpferde als meiner nicht ganz sicheren Kenntnis der Wege.

Immerhin schien es mir eine Zeitlang, als ob einer auf einem weißen Roß neben dem Wagen reite – ob es nun der Schimmelreiter war, der jetzt in den Rauhnächten unterwegs ist, oder vielmehr der Karl Froberg, der vor Verdun geblieben ist – gleich im Anfang, und den ich zuletzt auch in so einer stockdunklen Nacht auf einem Schimmel reitend sah, das weiß ich nicht. Es könnte auch sein, daß mich nur der Widerhall der Pferdehufe täuschte, die gerade über hartgefrorenen Boden liefen, und das graue Nebelgewese, das aus dem Morast aufstieg . . . Aber da wurde fern im Abend das Licht in meinem Hof sichtbar, die kleinen Russen hoben wiehernd die müden Köpfe, und der Reiter neben mir blieb unwillig zögernd hinter dem Wagen zurück.

Als ich heimkam und Hasso mit Freudengeheul mir entgegenstürzte und den Wagen umtanzte, als Hinrichs bedächtig vors Tor kam und die Pferde ausschirrte, als ich in meine Stube trat, in der es wohlig warm war – da überströmte es mich, ein tiefes Glück: da war Ruhe und Heimat. Ich bin daheim auf meiner Erde, meinem Boden und Eigen. Eigen, nicht weil ich es gekauft habe, weil es mein ist vor dem Gesetz – vielmehr, weil mir all dies innerlich zugehört und gemäß ist.

Ich setzte mich zum Kamin, müde und steif vom Frost, und doch innerlich erregt und froh. Über der Glut summte der 26 Wasserkessel, den der sorgliche Hausgeist an die Kette gehängt, vor mir saß wedelnd der Hund und rieb den Kopf an meinen Knien.

 

Nun liegt das weite Land unter tiefem Schnee und darüber ist Stille gebreitet, als gäbe es nicht Welt und äußeres Leben mehr, nur noch die lauschende Seele allein, die wie ein durchsichtiger Kristall ist, der in grundlose Tiefen horcht.

Am Weihnachtstag habe ich Hinrichs ein kleines Geschenk gegeben, eine neue Pfeife, Tabak und einen warmen Rock; ich habe ihm seinen Lohn für das letzte Jahrviertel bezahlt. Aber: war das eigentlich ein Weihnachtstag? Das Wort klingt mir, da ich es schreibe und vor mich hinsage, als hätte ich es nie gehört. Ist es, weil ich jetzt ganz allein bin, nicht mehr in einer »Familie« lebe, weil kein Weihnachtsbaum brannte? Aber ich finde, es ist da in der Unendlichkeit der überschneiten Heide sinnlos geworden.

Hinrichs übte seltsamen Brauch an diesem Tag: er streute eine Handvoll Hirsekörner und Brosamen in das Herdfeuer und murmelte Worte dazu, die ich kaum verstand; ich reimte mir nur zusammen, daß es eine Gabe war für den Wind, daß er unser Haus verschone. Er ging im Garten von einem Obstbaum zum andern, klopfte an die Rinde und rief den Baum an, rief jeden mit Namen, reiche Frucht zu tragen im kommenden Jahr. Er schüttete den Pferden Futter auf, gemischt aus Hafer, Häcksel und siebenerlei Kraut. Und er stellte eine kleine irdene Schüssel auf das niedrige Dach, wiederum fremde, leise Worte murmelnd – ein Opfer für das Roß des Schimmelreiters, der jetzt durch die Lüfte jagt. Und all dieser Brauch schien mir, von dem stillen, verschlossenen Mann geübt, plötzlich sinnvoll und gemäß. Töricht, da von Aberglauben zu reden! Es ist gewachsener, gewordener Brauch, aus Jahrzeit und Land, aus Wetter und Wind, aus Wolkenzug und weiter Einsamkeit geworden, aus Sturmnot und nächtiger Angst vor denen draußen, die im Wind fahren, die aus dem Dunkel hereinblicken ins Haus, zum Feuer am Herd. Es ist echter Glaube, eine tiefere Schicht urhaften Glaubens – an die 27 Gewalten; im Alltag der Städte, der Maschinen, des Verstandeslebens überdeckt und überschüttet von klugem Denken und tausendfachem Wissen, durch Jahrhunderte hin. Aber tief unten, in geheimen Gründen und Schlünden der Seele, lebt es fort, wie eine schlafende Wurzel in der Erde, im Winter.

Manche wissen darum. Wissen – ist nicht das richtige Wort. Ich finde kein Wort dafür. Wir haben keines. Ich taste an Grenzen hin, für die unsere Denksprache keinen Ausdruck mehr hat. Hinrichs denkt nichts dabei, wenn er die von Urvätern überkommenen Sprüche halb singend murmelt. Aber indes er es tut, ist er eins mit der Wurzel tief unten in der Erde, steigt er hinab zu ihr, zu dem Schlafenden im Grund. Darum ist er nicht wie wir andern Menschen. Ich habe es im Sommer oft gesehen, daß ihn die Störche draußen auf den Sumpfwiesen ganz nahe herankommen ließen, während sie vor mir längst davongeflogen wären. Der Uhu im Bruch scheint ihn nicht zu fürchten. Der Fuchs, der unter der alten Eiche wohnt, geht unbekümmert an ihm vorbei. Und fast möchte ich glauben, daß das furchtbare Gewitter, das damals an dem schwülen Sommerabend ausbrach mit lohenden Flammenbränden über den Himmel hin, nur darum so plötzlich in sich zusammensank, weil er zum Herd trat, Kräuter ins neu entfachte Feuer warf und dazu seinen Spruch raunte. Damals schon konnte ich nicht lächeln über sein Tun. Heute beginne ich zu begreifen. Schon wieder das Denkwort! Eher: ich fange an, es zu fühlen. Es ist, wie wenn ich nachts über die weglose Heide fahre. Irgendwie ahne ich dann plötzlich: da mußt du links abbiegen, da nach rechts. Ein paar Schritte daneben können den Tod bedeuten, Versinken im Sumpf.

Mit solchen nachtsichtig gewordenen Augen lese ich nun in den Büchern und Heften, die ich aus der Stadt mitgebracht. Aber du gütiges Schicksal . . .! Was für ein Lesen und Erkennen ist das! 28

 

Gestern abends habe ich ein wenig mit Hinrichs geredet, von der Not, die über uns liegt; ich geriet immer mehr in Verzweiflung, indes ich mir Luft machte in heftigen Worten.

Der Knecht saß und schwieg, saugte an der Pfeife, hörte zu und schwieg. Nahm mein wildes Reden in sich auf, ohne ein Zeichen, ob er es fasse, ob er es billige, verwerfe. Er saß und schwieg. Als ich endlich verstummte, halb ärgerlich über sein teilnahmsloses Gebaren, wurde es still in der Stube. Hinrichs schwieg weiter. Aber nach einer Weile, die mir endlos wurde, die mich verlegen machte, sagte er plötzlich, langsam, bedächtig: »Över dei Tied, dor hett uns Herrgott sien letzt Wort spraken . . .«

Vor mir schlug es ein wie der Blitz.

Und heute sinne ich den ganzen Tag über das Wort des alten Knechtes. Es steht über allem, was ich in den neuen Büchern gelesen, was ich im Jahr meiner Wanderung gesehen und erlebt, über dem Geschehen des Krieges, über dem Geschehen der Zeit. Gott hat über sie den Stab gebrochen.

Und wir haben es verdient! Dreimal verdient. Wir alle, das ganze Volk war und ist in Eigensucht verrottet. Volk und Staat waren längst nicht mehr eins, nicht mehr das nämliche, sie standen einander fremd, ja feindlich entgegen. Jeder stellte Forderungen an den Staat, hatte aber längst vergessen, daß »der Staat« ja doch das Volk, daß auch er selbst Staat ist, also auch er selbst Opfer bringen muß. Opfern will niemand, jeder will nur nehmen, keiner geben. Jeder denkt nur an sich. Im Volk war längst kein einheitlicher Wille mehr, keine Richtung, kein Zug. Alles strebte gegeneinander. Das wurde im Krieg offenbar. Das Heer –: da war ein Wille, ein Gedanke. Ein Befehlen, ein Gehorchen. Ein Marschtritt. Eine Richtung. Im Volk –? Seit Jahrzehnten nicht mehr. Und vor allem haben wir längst vergessen, was ein Volk sein soll: eine gottgewollte Schöpfungseinheit, eine Daseinsform, wie ein Baum. Was für ein Baum wäre das, an dem jedes Blatt, jede Blüte anders ist? – Und wir haben völlig vergessen, daß wir eine Aufgabe haben, eine Aufgabe: die 29 eine, in uns gelegte, keimhaft in uns ruhende und schlummernde Daseinsgestalt auszuwirken, an den Tag zu gestalten. Statt dessen kannte und kennt jeder nur ein Ziel: raffen. Reichtum. Ansehen. Einfluß und Macht. Geld. Materie. Keiner hatte und hat ein Ziel, das über dem Leben steht. Keiner kannte mehr das Wort Pflicht. Keiner wußte, daß von Recht nur geredet werden kann, wenn daneben die Pflicht steht.

Das alles hatten wir vergessen und wir wissen es heute weniger denn je. Darum endete dieser Krieg nicht einfach mit einer Niederlage, sondern mit einem inneren Zusammenbruch sondergleichen. Niederlagen haben schon viele Völker erlitten, auch wir bisweilen. Von jeder Niederlage auf dem Schlachtfeld kann man sich wieder erheben. Was für eine Niederlage war doch Jena! Aber diese Niederlage –? Ein Riesenbaum, äußerlich gesund und strotzend von Kraft – bricht im Sturm nieder und zerfällt zu Moder und faulendem Mulm, weil er längst innerlich völlig zerwüstet und zernichtet ist.

Über diese Zeit und dies Volk hat Gott den Stab gebrochen. Es war recht und gerecht. Wir haben es verdient.

Das habe ich erkannt, in der einsamen Stille der Heide, mit den Augen, die für die Tiefe sehend geworden, geführt von dem Wort meines Knechtes Hinrichs, aus dem Geschehen der Zeit, aus den Büchern, die von Deutschen darüber geschrieben wurden.

Aber wie kann aus solchem Zusammenbruch je wieder Neues werden, ein neuer Baum?

 

Wie viele Wochen sind vergangen, seit ich die letzten Zeilen schrieb? Es müssen viele sein. Denn draußen liegt nur noch selten ein Fleck schmutzigen, zersickerten Schnees, die Tümpel und Moore sind längst aufgetaut, die Birkenzweige wehen grün im Wind, über den Himmel ziehen Vogelscharen nach Nord, der Storch ist wiedergekommen, und wahrhaftig, ein junges Paar Langbeine hat sich auf dem Dachfirst niedergelassen und sich endlich 30 entschlossen, das alte Wagenrad, das wir dort befestigt, als Grundlage für sein Heim zu wählen. Nun tragen sie Äste und Zweige herzu und bald wird es fertig sein.

Bisher hat kein Storch auf der alten Kate nisten wollen. Ich stehe oft und schaue den schönen Tieren zu, die weder vor uns Menschen noch vor dem bellenden Hasso Furcht empfinden.

Im Bruch wollen erste Blumen aufsprießen.

 


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