Ernst Kratzmann
Die neue Erde
Ernst Kratzmann

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Wie die Zeit hinfliegt, kaum daß wir die Tage und Wochen gewahren! Selbst in unserer stillen Heide zerrinnt sie mir zwischen den Händen. Schon wieder ist es Mittwinter geworden – wir sind um den Flammenstoß auf der Eichenhöh gestanden und es war uns allen seltsam zumute. Eine schwere Last war von uns genommen: denn wir haben die Ernte gut verkauft für die neue Rentenmark. Es war ein stolzer Tag, als wir, Wießbach und ich, mit der vollen Brieftasche zu seinem Schwiegervater, dem alten Kröling, gingen und einen guten Teil unserer Schuld abzahlten . . . Wir haben dann noch ein paar Pferde kaufen können und mancherlei andern Bedarf, und auch für Herberts Orgelbau ist etwas abgefallen. Kröling ist nun mächtig stolz auf uns und redet uns zu, mit seiner Unterstützung noch mehr Land zu kaufen, ehe es im Preis steigt. Nun, wir wollen es bedenken; einstweilen haben wir alle Hände voll zu tun, urbar zu machen, was uns schon gehört.

Das war die Freude in uns. Aber wie ein dunkler Alptraum lag aus uns allen die Frage: was wird mit Hitler werden! Er ist in Haft . . . Die Partei haben sie verboten. Aber das kümmert uns wenig: sie besteht heimlich weiter, und wenn Hitler heute aus dem Gefängnis entlassen wird, ist sie auf seinen ersten Ruf wieder da . . . Aber – werden sie ihn entlassen? 283

Das waren die Gedanken, mit denen wir, ernst und schweigsam, um den lodernden Julbrand standen.

Da horchten wir plötzlich alle auf, schraken zusammen und starrten, angstvoll fast, ins Dunkel hinaus: aus der Nacht her kam Musik . . .

Orgel . . . Sie tönte aus dem Mertens-Hof herauf. Herbert spielte, so gut es das bisher gebaute Werk zuließ, eine Bachsche Fuge . . .

Wir horchten wie gebannt. Auch die Bauern waren tief erschüttert. In mir wühlte es wie ein unerträglicher Schmerz. Ich kann es in Worten nicht sagen, was alles es war. Nur eins empfand ich klar: wie herrlich müßte es sein, wenn unser Plan einst wirklich werden sollte! Wenn die Orgel einmal so groß und vollkommen, so gewaltig war, daß sie weithin ins Land tönte, über all unsere Höfe und Hütten hin, über unser Leben und Werken, unser Lieben und Leiden hin! Wenn ihre Klänge unser Tun, Sorgen und Hoffen mächtig emportrügen und zu wahrem Gottesdienst verklärten! In dieser Stunde begriff es Jeder auf Neulandhof, daß diese Orgel werden mußte, um jeden Preis. Ohne sie war nicht vollkommen, was wir da schufen.

Da fiel mein Blick von ungefähr auf Gertrud. Sie stand mir gegenüber, zwischen uns war das Feuer. Sie trug einen kostbaren Pelzmantel – und mit einmal war mir ihre ganze Erscheinung, in diesem städtischen Kleid, so fremd und fern. Sie wird sich nie in unser Leben in der Heide einfügen. Uns immer eine Fremde bleiben . . .

Sie sah wieder zu mir her, fragend, wie damals am Abend auf Ulenhöh. Aber diesmal waren ihre Augen voll Angst und Not, suchte ihr Blick qualvoll Rettung und Hilfe bei mir. Sie war ganz bleich, die dunklen Augen starrten mir verzweifelt ins Gesicht . . . Ich war überfroh, als die Musik in mächtigen Akkorden endete und Bewegung in die Menschen kam, die ums Feuer standen; ich konnte wegsehen von diesem furchtbaren Blick, ohne daß es wie eine schroffe Abweisung gewesen wäre. 284

Da setzte die Orgel von neuem ein: Deutschland, Deutschland über alles . . .

Die Männer unter uns, die alle den Krieg erlebt, strafften sich hoch. Aber eh noch einer sich entschließen konnte, mitzusingen, begann Herbert, das Liedthema zur Fuge zu gestalten, führte es durch, und endlich setzte es wieder voll ein – und nun sangen wir alle das Lied aus befreiter Brust mit. Da sah ich wieder auf Gertrud hin: sie hatte das Gesicht gesenkt und, ja, es war keine Täuschung: die Tränen rannen ihr langsam und schwer über die Wangen . . .

Mich faßte das Mitleid mit dem armen, schönen Geschöpf. Aber sollte ich nun erfüllen, was sie begehrte, aus – Mitleid?! Sollte ich diese Frau, die fremd unter uns stand und immer fremd bleiben würde, an mich binden? Denn darum bettelte sie an diesem Abend. Aber das war nicht Mitleid mehr, das war Torheit. War Mißtat an ihr und mir . . . Mit einmal fiel mir ein, daß Hasso, der sonst allen Bewohnern von Neulandhof wohlwollend, etwas gönnerhaft, möchte ich sagen, begegnet, Gertrud gegenüber immer sehr zurückhaltend ist . . .

Das Feuer sank in sich zusammen, das Lied klang aus. Wir entzündeten, jeder Hausvater für seinen Herd, einen Kienspan an der Glut und gingen auseinander, mit unserem Gruß des Mannes gedenkend, der in dieser Stunde mehr als je in den letzten Wochen in unserem Sinn gestanden . . .

Daheim entfachte Friedgert das neue Feuer auf dem Herd. Dann aber wanderte ich wieder hinaus in die Nacht, trat bei Wießbach ein, ging hinüber zu den Höfen von Kleebinder und Müller, von Hannemann, Rothkopf, Petergen – zu allen. Zuletzt endlich kam ich zu Mertens. Nach Ulenhöh ging ich nicht hinüber.

Ich dankte Herbert für sein Spiel. Kriehuber knurrte etwas in seinen zerfransten Bart, schien aber nicht übel zufrieden. Der Weihnachtsbaum wurde entzündet und der kleine Wolf Sigurd starrte mit staunenden Augen in seinen Glanz. Spät nachts kam 285 ich heim. Ich brannte die Kerze des Leuchterengels an und saß lange, in das einsame Licht gebannt . . .

 

Wir haben einen neuen Siedler bekommen: Heinz Kögemann. Er tauchte im späten März an einem ungewöhnlich warmsonnigen Tag bei mir auf mit einem Brief jenes Herrn von der Landwirtschaftsstation, der vor ein paar Jahren unsere Äcker besichtigte. Nun endlich, schrieb er mir, kann ich Ihnen einen jungen Mann senden, der Ihren Anforderungen entsprechen dürfte: einen wirklich ehrlich strebsamen Menschen, für den Landbau mehr bedeutet als ein Mittel, um Geld zu verdienen. Ich glaube, er wird sich in Ihre schöne Gemeinschaft einfügen . . .

Kögemann ist kaum vierundzwanzig Jahre alt; er ist verlobt und will möglichst bald heiraten. Geld hat er nur wenig – es wird kaum ausreichen, ein kleines Häuschen zu bauen. Woher wir für ihn Pferde, Acker- und Hausgerät nehmen sollen und wovon er und seine Frau zunächst einmal leben sollen, ist mir noch dunkel. Aber Kleebinder und Hannemann und Rothkopf haben ähnlich begonnen. Und so bestimmten wir ihm nördlich von Mertenshof, rechts vom Fahrweg, ein Gebiet, das am »Poggenpfuhl« liegt. Ein wenig trockener Boden ist da vorhanden, weiteren muß er sich selbst urbar machen. Den Poggenpfuhl will ich nicht entwässern, ebensowenig den links von der Straße liegenden Rosensee, den wir wegen seiner schönen Seerosen so genannt haben. Denn ich möchte den Nebel, den feuchten Dunst, der über dem Land liegt, nicht missen. Aus ihm kommt unser Träumen und Schaudern, er gehört zur endlosen Ebene, ist ihr Atem, ihre Größe und flutende Gewalt. Der Schleier, den die Sonne in allen Farben durchleuchtet, wandelt die Weite, Geheimnis am hellen Tag, läßt uns nie vergessen, daß es jenseits aller greifbaren Nähe auch eine ewige, nie erreichbare Ferne gibt. Dies Fühlen und Wissen ist der Kern unserer Kraft.

So will denn Kögemann, sobald die Witterung es zuläßt, mit dem Bau seiner Kate beginnen und fürs erste Kartoffeln pflanzen, 286 Hühner züchten und Wassergräben ausstechen. Für alles andere müssen wir sorgen. Ich habe ihn ein wenig über den Geist unserer Siedlung aufgeklärt. Dabei habe ich einmal die ganze Ratlosigkeit der heutigen Jugend kennen gelernt. Er hat als blutjunger Bursche das letzte Kriegsjahr mitgemacht, hat allerdings kaum einmal Pulver gerochen; als halber Kommunist kam er heim. Ein älterer Freund, der in einem Freikorps kämpfte, hat ihn von der roten Krankheit geheilt. Jetzt ist er garnichts. Er schimpft nicht einmal über unsere zahlreichen Parteien. Zu einer Wahl geht er grundsätzlich nicht. Ob er an einen Gott glaubt, weiß er selber nicht. Es ist ihm im Grunde alles gleichgültig, er will nur leben, weil er eben schon einmal da ist und lebt. Aber er ist doch wieder nicht so gleichgültig, daß er müßig die Hände in den Schoß legte. Er will sogar arbeiten, fleißig arbeiten. Er besteht aus lauter Widersprüchen, über die er selber nie nachdenkt. Er hat sie vielleicht noch nie bemerkt. Er schaut nicht hin, wenn er in einem Winkel der Seele etwas Unangenehmes bemerkt . . .

Die Bilder und Holzplastiken in meiner Stube betrachtete er ziemlich erstaunt und ratlos: es stellte sich heraus, daß er eigentlich nie etwas von Dürer gehört hat, nie in einem Museum gewesen ist . . . Zur bildenden Kunst hat er kein Verhältnis. Die Schnitte der alten Meister versteht er nicht und findet sie »falsch« und häßlich. Bücher liest er auch nicht . . .

Dabei wurde er mir als einer der wenigen hoffnungsvollen Abiturienten der Anstalt bezeichnet . . . Er kann also kein allzu übler Vertreter der heutigen Jugend sein; wie sehen dann die andern aus . . .?!

Und doch habe ich das Empfinden, daß aus diesem jungen Menschen etwas werden könne. Er ist wie das Land ringsum: da ist Sumpf, viel Unkraut, Steine, Ödnis – alles unfruchtbar. Aber seit unser Pflug ein paar Jahre drüber hingeht, ist es zu guten Feldern und Weiden geworden. Wenn erst einmal der Pflug des Lebens über diesen Herrn Kögemann hingegangen ist, wird auch seine Seele ein anderes Gesicht zeigen . . . 287

Vor ein paar Tagen ist Hitler zu fünf Jahren Festung verurteilt worden wegen – Hochverrats . . . Die Rede, die er vor Gericht hielt, war die furchtbarste Anklage, die je gegen das herrschende System erhoben wurde. Es muß eine unerhört große Stunde gewesen sein, in der die Richter, und mit ihnen alle führenden Staatsmänner des heutigen Deutschland, zu Angeklagten wurden, denen der eine, einzige Mann, der sogenannte »Angeklagte«, in flammendem Zorn alle Todsünden vorhielt, die sie seit 1918 begangen . . .

Fünf Jahre Festung . . . Und doch habe ich erleichtert aufgeatmet: sie haben es nicht gewagt, die Hand an ihn zu legen! Es ist eine Haft, wie man ähnlich sie – als eine Art von Formsache! – vor ein paar Jahren über den Grafen Arco verhängte, der den Bolschewiken Eisner beseitigte, wie man sie früher über irgend einen adeligen Duellanten aussprach. Wer weiß, wie lange sie wirklich dauern wird! Die Hauptsache ist mir: er lebt und wird wiederkommen und das unterbrochene Werk von neuem aufnehmen! Daraus schöpfe ich Hoffnung und Mut: jeder an seinem Platz, hat seine Pflicht zu tun. Wir an dem unsern.

Wir tun es einstweilen, indem wir jetzt, ehe die große Frühjahrsarbeit beginnt, Kögemanns Kate erbauen. Kleebinder und Müller, die Tausendkünstler, sind obenauf. Es kamen nur ein paar Wagen Backsteine, Balken, Bretter und Kalk aus der Stadt; alles andere besorgen wir selbst. Und Kögemann – steht staunend, mit offenem Mund sozusagen, und begreift nicht . . . Da bauen ihm wildfremde Leute, die er nie gesehen hat, seinen Hof, fordern und erhalten keinen Lohn für ihre Arbeit, bauen – einfach, weil er nun in ihre Gemeinschaft gehört, einer der Ihrigen geworden ist . . . Anfangs redete er immer davon, daß er nicht wisse, wie er sich »revanchieren« solle – dann wurde er langsam still und nachdenklich. »Ich stehe einfach vor einem Wunder – ich begreife das nicht«, sagte er mir neulich.

Ich lächelte ihm ein wenig ironisch zu und erwiderte bloß: »Sie 288 werden da in der Heide noch manches Wunder erleben – hoffe ich wenigstens . . .«

Ich bin froh, daß er doch schon von Wundern spricht. Das erste erlebt er nun: gegenseitige Verpflichtung. Er sieht, was es zu wirken vermag.

Während der Bauzeit wohnt er bei mir. Mit Staunen betrachtet er immer wieder die vielen Bücher und versteht nicht, daß ich, als ein ehemaliger »Gelehrter«, zum Landwirt werden konnte. Noch weniger aber, daß ich auch heute noch »so viel« lesen möge.

»Die Bücher sind meine besten Freunde.«

»Ach ja«, sagte er mit der ganzen Blasiertheit des Heutigen, »die Redensart sagt man immer so gern . . .«

»Es ist bei mir keine Redensart . . . Haben Sie übrigens einmal den ›Faust‹ gelesen –?«

»Ja, in der Schule haben wir ihn lesen müssen . . .«

»So! . . . Müssen! . . .«

Mehr sagte ich nicht. Der Mensch geht mir manchmal schon auf die Nerven . . . Aber an einem warmdunstigen Frühlingstag ging ich mit ihm hinaus in die Heide, die weithin in schweigender Erwartung lag, die Ferne seltsam verhüllt, und über der Unendlichkeit des Landes das blasse Licht der Sonne, verschleiert vom feuchten Atem der Erde. Ein Vogelruf tönte verloren durch die Stille, klagend und bang. Immer wieder von neuem klang er auf. Ein paar erste Blumen hoben sich aus dem braunen Grund. Es war still in der einsamen Weite, daß man sich scheute, den Fuß laut auf den Boden zu setzen.

Kögemann schwieg. Ich war froh darum. Am Abend legte ich ihm den »Faust« zum Bett, aufgeschlagen bei der Osterszene. Beim Frühstück war Kögemann seltsam still . . .

Einmal erkundigte er sich nach unsern »Hochzeitsgebräuchen«, denn er wolle nun bald heiraten. Als er erfuhr, daß es bei uns keine kirchliche Trauung gebe, daß ich selbst die Brautleute zusammenzugeben pflegte – »also nur Standesamt« meinte Kögemann – schien ihm das ganz angenehm, nur fürchtete er, daß 289 seine Schwiegereltern damit nicht einverstanden sein würden.

»Sie müssen es sich überlegen, ob Sie heiraten wollen oder Ihre Schwiegereltern . . . Genau den nämlichen Einwand hörte ich, als das erste Kind bei uns geboren wurde und ich mich gegen die Taufe aussprach . . . Aber das Kind wurde doch nicht getauft und die Schwiegereltern haben sich darein gefunden . . .«

Ich merkte trotzdem, daß Kögemanns Bedenken damit nicht zerstreut seien. Wie alle Leute, die nie über etwas nachdenken, gar keine Überzeugungen haben und völlig gleichgültig in den Tag hineinleben, hängt auch er an allem Äußeren und an allen Gebräuchen. Sie ersetzen ihm die fehlende eigene Einstellung zum Leben, geben ihm seelisches Rückgrat.

Ich will ja bei Gott nicht, daß alle Menschen Philosophen sein sollen! Wießbach ist dem jungen Kögemann in manchem ähnlich; aber er ist ein ganzer Kerl und stellt seinen Mann – heute als Bauer genau so wie früher im Feld. Aber Kögemann – wo man hinpackt, greift man Gallert, weiche, schleimige Masse, die einem ausweicht und zu Nichts zerfließt. Das Einzige, was mich bei ihm noch hoffen läßt, ist: daß er an der Arbeit, am Werden eines Neuen, etwa seines Hauses, Freude findet, daß ihm dabei die sonst so gleichgültigen Augen geradezu leuchten können – und daß er das Staunen und Wundern noch nicht verlernt hat.

Als wir, nach der Vollendung des Hausbaues, mit zwei Pflügen ein Stück Land für ihn brachen, das ihm fürs erste Nahrung und Viehfutter bringen soll, staunte er uns wieder an. Er fragte mich, wie er sich denn für all diese viele Hilfe »revanchieren« könne. Er fühle sich unendlich tief in Schuld uns allen gegenüber.

»Reden Sie doch nicht fortwährend von Ihrer ›Revanche‹. Wollen Sie etwa Hinrichs oder Hannemann ein paar Pfund Pfeifentabak schenken? . . . Für Hannemann und Rothkopf haben Wießbach und ich gepflügt; nun arbeiten die beiden für Sie; später einmal werden Sie für uns oder vielleicht für einen neuen Siedler arbeiten. So geht der Dienst an der Gemeinschaft reihum . . .« 290

Kögemanns Braut soll eine »Ausstattung« bekommen: »schöne« Mahagonimöbel, wie sie vor zwanzig Jahren »modern« waren, Messingbetten und so weiter halt. Kögemann findet nun doch bereits, daß diese Prachtstücke nicht gut in einen Heidehof passen dürften. Er betrachtet nachdenklich meine Stube und meint: »Ja, wenn ich mich so einrichten könnte, wie Sie, Herr Doktor . . . Es ist so einfach bei Ihnen und doch so wohnlich . . . so gar nicht elegant . . .«

Nein, »elegant« ist es auf Neulandhof nicht . . . Ich riet ihm zu einfachem Bauernhausrat, der aus dem Heideboden geworden und gewachsen ist. »Sie können ihn bei einem guten Schreiner machen lassen. Kleebinder und Müller fertigen ihn sicher auch gern, aber es braucht Zeit –«

»Ich muß aber doch wenigstens Bett und Tisch haben, wenn ich in dem neuen Haus wohnen soll . . .«

»Ich habe in den ersten Wochen meines Hierseins auf einer Schütte Stroh geschlafen . . . Im Feld hatten wir oft nicht einmal das. . . .«

»Wir haben doch Gottseidank keinen Krieg mehr!«

»Meinen Sie? Ich glaube im Gegenteil, daß der Krieg 1918 erst mit voller Schärfe eingesetzt hat . . .«

So gehen unsere täglichen Gespräche. Ich finde oft ein wahres Behagen daran, den Schleimklumpen Kögemann zu verletzen, auf ihn loszuschlagen, wo ich nur kann. Wenn er einmal gegen mich losfährt, zurückhaut – werde ich froh sein. Ich will endlich auf etwas Festes in ihm stoßen. Irgendwo muß der Kerl doch Knochen im Leib haben.

 

Als es Tag ward nach jener Nacht, in der ich mit Luther geredet, lenkte ich in die Wälder, über heimliche Steige, daß ich den Mansfeldischen Streifen entginge, die rings unterwegs waren. Um den Kyffhäuser waren die Bauern all auf – sie zogen auf Frankenhausen. »Der Thomas Münzer ist dort – das 291 himmlisch Jerusalem ist niedergestiegen zur Erden . . . Kommt der jüngste Tag her, Gottsgericht über die Herren!« Sie liefen, fast ohne Waffen die meisten, durch Feld und Wald, einzelne und in Rotten. »Wenn der Herr seine Hand aufhebt, fallen seine Feinde zuhauf!« Sie redeten nur mehr in Worten der jüdischen Propheten, hatten die Augen weit auf und starrten ins Himmelsblau, sahen die englischen Scharen, die kommen sollten mit dem Flammschwert zu ihrer Hilf. Sprach ich sie an mit dem Loswort, dauert' es immer eine Weil, bis sie verstanden, was ich von ihnen wollt. Sie waren schon nimmer auf der Erden mit Denken und Sinnen. Mir floß das Grauen eiskalt über den Rücken, sah ich die Unseligen an, die also sicher in Tod und Marter liefen. Von allen Seiten waren die Herren unterwegs mit Fußvolk, Reitern und viel Geschütz, zogen den Ring um Frankenhausen: der Landgraf Philipp, der Hesse, Albrecht, der Mansfelder, der Herzog Georg. Oder – sollt doch das Wunder geschehen, Glaube und Recht siegen über Unrecht und Gewalt?

In Roßla standen die Leute weinend auf den Gassen, die Glocken schollen dumpf übers Land: der gute Sachsenherzog, der weise Friedrich, war tot . . . Der Einzig, der in dem Unheil noch hätte den Ausweg finden können, der Freund des armen Volks. Ich war den Leuten neid um ihre Tränen – ich konnt nimmer weinen. Riesengroß sah ich es kommen, das Wetter zog sich zusammen – Ende und Untergang. Es blieb nur mehr der Tod . . .

Da ich weiterritt, traf ich auf der Straßen einen Zeitungssinger: »Ein Brief Doctoris Lutheri wider die Bauern . . .« Ich starrte dem Mann ins Gesicht und brachte kein Wort heraus. Der Singer nickte: »Ja, ist so, guter Freund, der Luther hat uns verlassen . . .« Ich riß ihm das Blatt aus der Hand, warf ihm das Geld hin und las, indes das Pferd langsam weiterging.

»Cibus, onus et virga asino, dem Esel Futter, Last und die Peitsche! In einen Bauern gehört Haberstroh, sie hören nicht das Wort und sind unsinnig, so müssen sie die virgam die Büchse, hören, und geschieht ihnen recht . . .« 292

So gings weiter, ich hatte genug davon. Hätte ich ihn doch erschlagen, eh er das geschrieben, der gottsleidige Verräter! Das war der selbige Luther, der einstmals geschrien: was waschen wir unsere Hände nicht in ihrem Blut! Es muß ein End haben mit der Demut! – Und jetzt tobte er wider die Bauern, die um ihr bitter blutigs Recht kämpften, tobte den Himmel über uns nieder, schrie Tod und Verderben herab und hielt zu den Herrn, die uns zertraten. Und das alls, weil es in seiner Bibel stand, die vor ein paar tausend Jahr geschrieben war, weil drin stand, daß Menschen Sklaven anderer Menschen sein sollen! Wie ein Kind war der Luther, wußte nichts von der Welt, nichts von Reich und Volk – und patzte doch drein mit tölpischer Hand – mit Mörderhand, ja! Der Brief da war Mord für Millionen! Was gings ihn an, den Bibelmann, das Spiel der Welt? Davon er selber nichts begriff? So laß die Hand davon, verfluchter Mönch!

Ich kam ab von der Straße, ritt durch Tann und Gehölz. Gen den Kyffhäuser zu. Mitten im einsamen Wald ein Weiler. Ein Schmiedhaus, ein paar arme Hütten dabei. Mein Roß hatt ein Eisen verloren, das sollt ihm der Schmied neu aufschlagen.

Der Anger war voll von Bauern, alle mit Sense und Spieß, mit Dreschflegel und Hammer. Sie saßen und lagen am Boden, standen umher, sie schliefen, tranken und spielten, sie sangen geistliche Lieder. Mitten im Haufen schrien etliche gegeneinand, fuhren mit den Armen wild durch die Luft und stritten mit lautem Geschrei. Abseits hockten die Weiber und Kinder um ein paar Feuer und kochten.

Beim Schmied stieg ich ab. Unwillig hört' er mein Begehr. »Ich sperr die Hütten zu – geh mit den andern.«

»Zum Münzer?«

»Ja.«

»So schlag erst noch dem Roß das Eisen auf – dann magst gehen.«

Er fachte das fast erloschene Feuer an und suchte ein Eisen. »Gehst zum Münzer auch?« 293

»Mag sein . . . Was schreien die dort so wild?«

»Disputieren seit vier Stund schon . . . Maulmacher.«

»Um was gehts?«

Der Schmied glühte das Eisen rot. »Über den Hauptmann Cornelius – und ob auch jetzt noch ein jeglicher Mensch den heiligen Geist hat oder nicht . . .«

»Hörst nicht zu?«

Der Schmied zuckte ärgerlich die Achseln. »Täten ein paar Hakenbüchsen mehr not – und ein paar tausend Spieß, als der Hauptmann Cornelius aus der Schrift . . .«

Er schlug das Eisen auf. Auf dem Anger hob sich wildes Geschrei. Ein Bauer ward mit Stecken und Fausthieben davongejagt – kaum daß er mit heiler Haut entlief.

»Ist der von Rietnordhausen – hat gegen den heiligen Geist gered't . . .« knurrte der Schmied, und in seinem russigen, hageren Gesicht stand Hohn und Verachtung. Er goß einen Kübel Wasser auf den Herd, zischend erlosch die Glut. Er schloß das Haus, trat unter die Bauern und schrie:

»Hoho, Bauern – auf!«

Sie riefen von allen Seiten: »Halt ein noch, Schmiedjost, – müssen erst essen! Müssen noch rasten!«

»So soll euch der Teufel das Fressen gesegnen – der Münzer braucht Leut!«

Sie duckten sich unter dem Wort, machten sich hastig über das karge Mahl – war kaum mehr als trocken Brot zu einer Wassersupp.

Langsam stahl ich mich abseits. Aber schon standen ein paar Bauern vor mir mit Axt und Spieß. »Mußt mit – hast ein Schwert, hast ein Roß!« Da sagt ich Ja.

Mit Lärmen und Geschrei brachen sie auf. Einer hub an, mit plärrender Stimm: »Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und dein Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde . . .« 294

»Das sind die Klostertisch', voll Fisch, Fasanen und Hirsch!«

»Und welscher Wein – eimerweis!«

»Will drein waten bis an die Knie!«

Eine dünne Stimm kräht' in den Schwall: »Nur einmal satt essen an Brot – bitt weiter nix von Gott – dann – – fahr gern ab ins Loch . . .«

Ich sah nieder: neben dem Roß ging ein uralt Männlein, schlohweiß das dünne Haar, ganz dürr, nur Haut und Bein. Trug eine Heugabel über der Schulter.

»Wirst Braten haben, Alt-Thieß, Meßwein und Fleisch!«

»Uj jeh – könnts nimmer beißen! Bitt nur um Brot!«

Der Alt-Thieß war siebzig Jahr und hatt niemalen satt Brot gegessen.

»Ehe die Berge wurden, bist du von Ewigkeit zu Ewigkeit, denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist . . .«

Im Chor rollten die Worte dahin, hoben sich flehend und bangend, bäumten sich hoch in Glanz und Zuversicht, schwollen an wie der Strom im Frühling von den Wassern der Berge schwillt – die tönenden Worte hoben die Seelen der Kummervollen auf rauschenden Schwingen, ließen die Augen in ein Meer von Licht und Herrlichkeit schauen. Die Blicke waren zum Himmel gekehrt, die Fäuste trugen Spieße mit Kolben wie heilige Zeichen.

Von allen Seitenwegen kamen Bauern heran, singend und betend, einten sich unsrer Schar, die Psalmen tönten lauter und heischender – nicht mehr Gebet, sie wurden Anklage und drohender Begehr, haderten mit Schicksal und Gott.

Ein Berg wuchs vor uns auf, ein Hügel ohne Wald – weithin gedehnt darauf das Lager des Propheten . . .

Rufe von Wachen, Losung und Antwort, Jubel und Willkomm, Lachen und Geschrei: wir zogen ein in die Wagenburg.

Um mich her schlug Schwall und Lärm zusamm wie tosende Wasserflut. Im Ohr dröhnten mir Psalmen und Gebet, Flüche und wilder Racheschrei. Die Menschen liefen durcheinander, ein 295 rasender Schwarm, tobendes Gewühl riß mich mit, hierhin und dorthin. In mir begann es zu brausen wie Wettersturm, ich schrie nach Kampf und Streit: »Her – her!« schrie ich, schwenkte das Schwert, warf die Arme hochauf, rannte umher, ohne Sinn, und rings die andern taten wie ich. Auf einmal vor mir – freier Raum: zwei Tote lagen da, Leiber ohne Kopf, aus den Hälsen sickerte stockend das letzte Blut. Die Schädel staken auf den Spießen daneben: der eine war ein Herr gewesen, der andre ein Pfaff – sie hatten gegen Münzer geredet, die Bauern gegen ihn aufgehetzt.

Die Menschflut spülte mich weiter. Ich sah Bauern, die lagen an der Erd, würfelten und soffen Wein aus hölzernen Kannen, so groß, daß sies kaum erheben mochten; bei jedem Trunk floß ihnen das Halb über Hals und Kopf. »Sauf mit – bist ein Neuer!« Die andern knieten und schrien laut zum Himmel um Gnad und Erbarmen, um Sieg gegen die Herrn. Andre standen beisammen in ein' Winkel, stritten wild, ob man sollt fechten oder das Lager übergeben auf Gnad. Messer und Schwerter blitzten auf, schlugen los. Ich fuhr mit der Klinge dazwischen: »Schlagt die Herren, ihr Narren!«

Andre hatten sich über die Weiber gemacht, lagen auf ihnen, offen, vor aller Blick, ohne Scham.

Ich fand kein Geschütz, kaum daß sie etliche Büchsen hatten. Ich sprang auf einen Wagen und sah hinab: drunten, rings um den Berg, starrten die Feldschlangen und Hakenbüchsen der Herren, stand wie eine endlose Flut das Volk der Spießknecht und Reiter, zum Angriff bereit . . . Im Lager bei uns war kein Hauptmann, kein Ordnung und Gehorsam war da – nur der Prophet . . .

Mitten im wildesten Gewühl hört ich ihn toben und donnern. Er stand auf ein' Karren, hatt einen wallenden Mantel angetan mit weiten, hangenden Ärmeln. Dunkelblaurot flammt' er vor dem Himmel, reckte die Arme wild empor, ballte die Fäuste im Zorn seiner Rede. Seine Stimme ging über die Menschen wie 296 Wetterbraus, riß sie auf und schlug sie zu Boden, riß sie mit sich empor, wie es dem Mann gefiel, der ganz zum Propheten geworden, in deren Worten er sprach.

»Wer ist der, der von Edom herkommt, mit roten Kleidern von Bozra, und einhertritt in seiner Kraft? – Ich bins, der Gerechtigkeit lehrt und ein Meister bin zu helfen!

Warum ist dein Gewand so rot und dein Kleid wie das eines Kelterers?

Ich trete die Kelter allein. Und ist niemand unter den Völkern mit mir. Ich habe sie gekeltert in meinem Grimm. Ihr Blut ist in der Kelter auf meine Kleider gespritzt und hat mein Gewand besudelt. Denn ich habe den Tag der Rache beschlossen, das Jahr, die Meinen zu erlösen, ist da. Ich habe die Völker zertreten in meinem Zorn und ihr Blut auf die Erde geschüttet . . .«

Toben schlug hoch ringsum, die Bauern warfen die Hüte hoch und brüllten nach Rache.

Um den Wagen des Münzer stand seine Leibwache mit Harnisch und Spieß, ernst und bleich. Ihre Augen gingen unstet im Kreis. Einer, dicht beim Propheten, hielt die Fahne. Auf der war ein Regenbogen um die Sonne gemalt, siebenfarb leuchtet' er her.

»Und ich sag es euch, ich schwörs beim lebendigen Gott, dem Herrn Zebaoth: ich will ihre Kugeln in meinen Ärmeln auffangen wie Kirschkerne, mit denen die Kinder schießen! Werft das Panier zu Zion auf! Der Herr wird brüllen aus der Höhe und seinen Donner hören lassen aus seiner heiligen Wohnung, des Hall wird erschallen bis ans Ende der Welt!«

Und da – Donner scholl aus der Höhe und wir schraken auf, alle, die um ihn standen, daß uns das Herz stillstand und wir bleich wurden wie Linnen: ein Wetter hing am Himmel im Süd – und jetzt brach der Donner bei uns los, die Männer schrien wie von Sinnen: »Tod den Herrn, den Pfaffen Tod!«

Der Münzer reckte sich hoch, riesenhaft stand er vor der blauschwarzen Wolke, ragte hinein in Himmel und Wetter.

»Das ist die Stimme des Herrn, der uns zu Hilfe eilt mit 297 den Scharen der Engel und Erzengel, der Cherubim und Seraphim. Es ist Zeit, die Bösewichter sind verzagt wie die Hunde! Dran! Dran! Dran, dieweil das Feuer heiß ist. Laßt euer Schwert nicht kalt werden vom Blut, schmiedet Pinkepank auf dem Ambos Nimrod, werft ihnen den Turm zu Boden! Dran! Dran! Dran, dieweil ihr Tag habt, Gott geht euch voran, folget nach, folget nach!«

Seine Stimme schwoll auf wie eines Rasenden Stimme, er überschrie sich in gellenden Tönen, mit beiden Armen, mit den Fäusten wies er hinauf zur Sonne – und um sie stand, vor der grausigen Wolke, rings um die Sonne, ein Regenbogen, siebenfarb, wie auf der Fahne der Bauern . . .

Wir sahen ihn, sahen ihn all – Sturm brach los, die Waffen fuhren hoch –

und da – da dröhnte Donner aus der Tiefe auf, Krachen schlug ein, Wagen zerflogen in Splitter, Aufheulen der Menschen gellte dazwischen –:

drunten, die Herren, hatten das Geschütz gelöst, die Kugeln fetzten ins Lager –

die Menschflut barst auseinander, schlug wieder zusammen zu wilder Gischt, aufspritzend zum Himmel, rote Flammen schossen drein und rissen Gassen auf, in die Fetzen von Leibern, Blutströme einbrachen – wirbelnd flogen die Bauern nach allen Seiten, springend, heulend, brüllend wie todwunde Stiere, Gesichter voll letzter Not und Angst flogen an mir vorbei, grau wie Mauerkalk, Augen – großoffen . . . sie schrien und rasten dahin, über Trümmer, Wagen und bäumende Pferde, durch Blut und Leichen, hinein in die Schwert- und Spießreihen, die mähend, stechend heranstampften, von denen der Blutrauch aufdampfte in roten Wolken zum Maihimmel, über den siebenfarb der Bogen Gottes hinflammte . . . Regenschwaden sanken von ihm nieder, die Schleußen des Himmels zerbrachen, und der Zorn Gottes stürzte in Wettergraus über die Erde. Apokalypse – letztes Gericht . . .

Die Männer hieben ein mit den Rotschwertern, die Ähren 298 sanken vor ihnen zuhauf und flossen über von Bauernblut, von Bruderblut.

Vom Berg herab, gegen die Stadt, stürzte die Wildflut der Fliehenden, sie rasten blind hinein in die Stürme der Reiter, die einhieben mit den Schwertern, sie niederritten, zerstampften, zertraten, ohne Widerstand, ein tollgewordenes Morden, rauschiger, jubelnder Mord. Ich sah einen Bach, in dem floß kein Wasser mehr, nur Blut . . .

Ich jagte dahin, sinnlos, das Schwert in der Faust. Vor mir plötzlich – Leere: ein paar Knechte bückten sich, plünderten die Erschlagenen. Dahinter war gähnende Weite. Auf die sprengt' ich zu – zwei hieb ich nieder, daß Blut und Hirnbrei dem Roß an den Hals spritzt'. Dann war ich durch, spornte das Pferd und raste dahin – sah Wald, dunkelndes Dickicht, tauchte in grüne Nacht . . . Zweige, Äste brachen ringsum, hieben mir ins Gesicht. Das Roß stürmte hindann – Wassermurmeln drang an mein Ohr – ein Bach . . . Da sank ich vom Pferd, das Tier brach neben mir zur Erde. Um mich war Stille, der Mordlärm der Schlacht verloren. Das Pferd trank in endlosen Zügen. Ich neben ihm, schlang das kalte Wasser in mich ein, taucht' das Gesicht in die Flut. Dann lag ich am Ufer still . . . Alles Denken war tot, alles Fühlen tot.

Es ward Abend. Ich nahm das Roß am Zaum, ging durch den Wald. Über Nacht blieb ich in einem halbverbrannten Bauernhof. Für das Pferd fand ich einen Hut voll Korn und Hafer – für mich nichts. Ich schlief und schlief doch auch nicht – ich weiß es nicht.

Am Morgen ritt ich weiter, immer weiter nach West, tagelang. Immer im Wald. Ich sah keinen Menschen.

Auf dieser Fahrt zerbrach mein Leben. Nicht daß wir unterlegen, war das Furchtbare, nein: sondern daß ich sehn mußt', daß dies Volk nicht wert war, zu siegen. Das waren Kinder und Narren, Toren und Verbrecher, zügellose Horden, entmenschte Schurken. Und alle nicht wert der Freiheit, die sie begehrten. 299

Ja, der Luther war im Recht, die Herren hatten Recht – und waren doch tausendmal schlimmer als jene noch.

Auf dieser Fahrt zerbrach mein Leben, mein Glaube ans Menschentum. Waren die Menschen je anders gewesen, werden sie je anders sein? Je wert der Freiheit sein? Müssen sie nicht stets einen Herrn mit der Peitsche über sich haben? Werden sie je – Menschen sein? – Daran zerbrach ich. Verdienten die Unseligen, daß man für sie stritt und litt und sein Leben für sie gab? Nein und Nein und dreimal Nein – und tausendmal Ja!

Recht und Unrecht hüben und drüben – und mitten durch den grausen Höllenschlund unsrer Torheit ging Gott seinen ewigen Weg, aus Wahnwitz, Gemeinheit und Verbrechen wölbte sich das Recht der Welt zu ewigem Bau.

Die Menschen sind schlimmer als das reißende Tier, denn die Tiere sind unschuldig. Die Menschen sind Teufel, die Satan aus der Hölle verstoßen hat. Aber immer wieder kommen einzelne, die ihnen voranstürmen mit hohen Zeichen und sie mitreißen wollen auf den heiligen Weg – und die Menschen bespeien und schänden die Zeichen, sie morden ihre Erlöser – nicht den Leib allein – sie morden ihre Seelen durch das, was sie aus den Taten und dem Vorbild der Erlöser machen. Und dennoch müssen die Führer immer wieder aufstehen, weil das Feuer Gottes in ihnen lebendig ist.

Auch in uns beiden brannte es hell loderloh. Wir mußten für die Armen und Unterdrückten kämpfen – wiewohl wir einsahen, daß es Torheit, daß es vergebens war, daß keiner wert war des Opfers. Wir stürmten tausend Schritte voran – und sie hinkten kaum einen nach . . . Aber es war ein Schritt . . . Wieviel tausend Erlöser mußten kommen und fallen, daß die Vielen auch – tausend Schritte weitergingen . . .?

Daran zerbrach ich auf diesem Weg. Ich zerbrach – und fand den Mut zum Tod. Zu einem vergeblichen und doch nicht vergeblichen, zu einem notwendigen Tod. Ich ging den Weg in den Tod, nicht mehr mit der jubelnden Glut des kindgläubigen Junghelden, 300 ich ging ihn mit dem bitteren Lächeln des Wissenden – dessen Glaube den Vielen Verzweiflung scheint, indes er allein der wahre Glaube ist. Jener Glaube, der Jubel, Hoffnung, Freude, Verzweiflung überwunden hat und einsam geworden ist – den Vielen ein Anstoß und Ärgernis.

Mit diesem Glauben kam ich zu Herrn Geyer und zu Giers Hammer. Ich fand sie in einem Herrenschloß, das die Odenwälder ausgebrannt. Kaum, daß ein Steintisch noch stand, im Hof, unter der Linde, hoch oben, wo der Blick frei ging ins Land. Herrn Florian fand ich dort sitzen mit Giers und ein paar Bauern.

Sie sahen mir das Unheil an den Augen ab, als ich vor sie trat. Herr Geyer schob mir die Kanne hin: »Trink und gib Bescheid!«

Ich sagte von meiner Fahrt. Von Luther und Frankenhausen, von der Mordschlacht und Münzers Untergang. Zum Schluß zog ich den Bauernbrief Luthers hervor und warf ihn auf den Tisch. Giers packt' ihn mit zornigem Griff und las laut – rings hatten sich die schwarzen Reiter eingefunden und unsere Bauern, sie standen stumm und horchten, was Giers mehr brüllte als sprach:

»›Drum, liebe Herren‹ – liebe Herren nennt er die Mordhunde! – ›loset hie, rettet hie, helfet hie, erbarmet Euch der armen Leute! Steche, schlage, würge hie, wer kann!‹ Das nennt er Erbarmen! Ist toll geworden vor Wut! ›Bleibst du darüber tot, wohl dir, denn du stirbst im Gehorsam göttlichen Worts und Befehls . . . Lasse nur die Büchsen unter sie sausen, sie machens sonst tausendmal ärger.‹«

Giers schmiß den Brief auf den Tisch; glührot vor Zorn war sein Gesicht.

»Da! Da! Da! –« und hieb jedesmal den Zweihander auf den Tisch –»da weist sichs klar, daß er ein Verräter und Schelm ist. Wer ist jetzt der wahr' Luther? Der das arm Volk wider die Herren aufhußt oder die Herren wider das Volk hetzt? Der zum Fried auf die Artikel mahnt oder den Schandbrief da schreibt? Da – dort? Kannst ihn haben wie du willst, hüben 301 oder drüben! Ist überall dort, wo's ihm paßt; nach der Stund!«

Aber da stand ich vor dem Tisch:

»Laß den Luther, Giers! Ist ein Stein im Spielbrett wie du und ich – und wir all. Gott tut einen Zug mit ihm – nach seiner Art. Dann kommt ein anderer. Und wieder ein anderer.

Hast du vergessen, was wir gewollt? Glaubst – daß das werden kann auf einmal, mit einem Zug? Durch einen Mann?

Giers: ich war auch beim Meister Dürer in Nüremberg. Seither erst weiß ich um unser Ziel. Unser Werk ist, unser deutsch Werk: daß wir den Herrgott mit deutschem Namen nennen. Nicht mit dem Wort: durch die Tat! Deutsch zu ihm beten. Nicht mit dem Wort –: durchs Leben. Daß wir aus unserem Blut einen Glauben aufbauen, aus dem Blut, das uns Gott hat geben, aus Berg und Land, Kornacker und Wald, aus Blauhimmel und Wolkenzug. Der Glauben soll werden, der Gott soll sein. Dazu ruft er uns. Denk an den Meister Eckehart, wie wir haben zu Ulm von ihm gehört, das erstemal. Der war der Anfang – vor zweihundert Jahr . . . Denk an den Luther, zu Worms: hie steh ich, kann nit anders! Das war wieder ein Schritt auf dem Weg. Und jetzt – ists an uns, daß wir den nächsten tun . . .«

Giers Hammer stand, den Schwertgriff mit beiden Händen umklammernd, sah mich an, wild flammend das Aug vor Liebe und einwendiger Glut:

»Und wann soll der letzte sein, Urs?«

Herr Geyer hob sich vom Sitz: »Ja – wann wird der letzte sein?«

»Der letzt'? – Ich mags nicht hören, das Wort! Kein Schritt ist der letzt'. Kommt immer noch einer – immer noch einer und immer wieder . . . Wir tun den unsern . . .«

Herr Florian sah mich an mit seinem dunklen Blick: »Der unsrige ist – irr gangen . . .«

Drauf ich: »Nein, Herr Florian! Nicht jeder Kampf bringt Sieg. Der erste Kampf pflügt auf. Der zweite wirft den Samen 302 in die bereitete Erd. Dann ruhen wir und vertrauen Gottes Sonne und Regen das Werk. Der dritte Kampf ist Ernte und Frucht.

Wir streiten den ersten, vielleicht auch schon den zweiten Kampf. Wir sehen die Frucht nicht. Die Ernte kann nicht sein ohne unsern, den ersten Kampf.

Es fällt jeder Streiter irgendwann und irgendwo. Und jeder fällt vor dem Sieg. Denn der letzte Sieg steht nicht im Zeitlichen. Aber vergebens fällt keiner. Und auch das habt für gewiß: ein jeder Tod ist auch ein Sieg!«

Wie von ungefähr sah ich hinaus in den Abend, ins weite Land. Die Sonne stand tief. Grüne Wiesen, Hügel mit jungem Laub, eingeborgen darin Hof und Dorf. Fern eine Burg. Ich sah eine Linde, hochwölbig und sommerschwer von Blüte und Duft, Bienen summten in ihrem Geäst, das über ein Hüttendach hing. Kinder spielten drunter, Greise saßen um den Stamm, gebückt über ihren Stab. Die Pflüge gingen im Feld. Fern, ganz fern war eine Stadt, aus der stieg der Dom auf, sein Turm lohte gold im Abendlicht. Auf der Straße zogen Wagen, knarrten dahin, voll Glut und reicher Last. Auf den Wiesen daneben sprangen Kinder im Reihn, Blumen im Haar. Sie sangen ein Lied, das immer wieder zurücklief in den gleichen Reim; es war voll Wehmut und herbem Klang und fügte sich doch ins Glück des frühen Sommers ein.

Und auf dem schmalen Weg zwischen den blühenden Hecken gingen Zwei, die einander umschlungen hielten, und das Mädchen hatte den Kopf an die Schulter des Mannes gelegt.

Ich strich mir übers Aug: was Sehnsucht und Traum! Ringsum war Krieg und Brand, Mord und Gewalt! Was hatt ich gesehn? Sehnsucht, unser aller Sehnen und heimlich Begehr. Ich hatte . . . uns selber gesehen . . . Die Linde über mir wölbte sich übers ganze deutsch Land . . .

Scheu blickt ich auf Herrn Geyer hin. Sein Auge ging ins Weit. Sah er, was eben ich gesehn? Jetzt wandt' er den Kopf 303 zu mir her. Langsam zog er das Schwert blank, stieß es vor sich ein in die Erd. Das Haar lag ihm eng um das schmale Gesicht, ließ es noch schmäler und edler scheinen. Die Hände klammerten sich um den Schwertgriff, als wollten sie ihn zerbrechen.

»Wir wollen beten, Urs!« sagte Herr Florian.

Da zog auch ich das Schwert, stieß es vor mich in die heilige Erd ein. Die schwarzen Reiter, die Bauern, taten alle wie ich. So sprach ich: unser letztes Gebet.

Die Worte nahm ich aus dem Wind. Sie kamen aus Domen und Wäldern, vom stillen Laacher See. Aus Glutbränden der Liebe. Vom Meister Eckehart und dem Duft der Linde über meinem Haupt. Aus dem einsamen Lied des Mädchens, abends, im Feld. Aus dem Kreisen der Erdkugeln um mein einsam brennendes Licht. Aus dem Sterben der Männer in der Schlacht.

Sie kamen von irgendwoher. Fügten sich langsam und schwer in mir und wurden zu Klang und Sinn.

Sie kamen heran wie gepanzerte Männer, stellten sich um uns, bereit zum letzten Kampf.

»Über die Felder gehen Männer und Mädchen, neigen sich der Liebe, zeugen – und sterben, wenn ihre Zeit vorbei ist. Und andere kommen nach ihnen.

Die Bäche und Ströme gehen durchs Land, sind immer die selben und immer neu, und fließen, wie Gott ihnen den Weg gebot.

Die Wälder um uns stehen im Abendlicht, sie rauschen im letzten Wind. Sie werden im Morgenlicht stehen und im Frühwind rauschen, wenn wir nicht mehr sind.

Uns zu Haupt die Linde bringt Blüte, Duft und Frucht, treu nach ihrer Art, wie's Gott in sie gelegt.

Seit immer und je haben die Menschen zu Gott gebetet in ihrer Art. Wir gehren das Recht, daß wirs in unsrer Art tun, denn dies ist der Menschen heiligstes Recht.

Denn du, unser Gott, du hast uns geboten: eigen sein – deutsch sein. 304

Eigen sein heißt treu sein: sich selber, das ist: Volk und Gott.

Treu sein ist: sich leben, auswirken zu Tat und Gestalt.

Treu sein ist: so leben, daß alle uns – nach-leben können, nachleben sollen, nachleben müssen.

Das glauben wir.

Alles Leben hat in der Tiefe erst seinen Sinn.

Alles, von dem wir wissen, hat in der Tiefe erst seinen Sinn.

Wer um den Sinn der Tiefe weiß, hat Gott geahnt. Anders nicht tut er sich kund.

Das glauben wir.

Wir leben, daß wir den Sinn der Tiefe erkennen.

Wir leben, daß wir einsinken ins Leben der Tiefe: daß wir gotteigen werden.

Du unser Gott: wir haben gelebt, wie wirs gemußt; was wir gemußt, ist dein Wille, der Leben werden soll. Daraus nahmen wir den Mut zum Leben, daraus zum Tod. Denn ein rechter Tod ist das Siegel auf ein Leben, das treu war und echt. So gib uns den Tod, den wir verdient!«

Dunkel und schwer sprach es im Kreis: »Gib uns den Tod, den wir verdient!«

Die Sonne sank.

Herr Geyer hob die Rechte, bot sie mir hin. Ich faßte die adlige Hand, die niemals Unrecht getan. Sie war kalt wie Stahl, wie Stein so hart. Blick in Blick stand ich mit Herrn Florian. Der streckte nun Giers seine Hand hin und Giers wurde bleich vor Ehrfurcht, da er sie faßt'. Da sagte Herr Florian:

»Mein Sterben hat seinen Sinn gefunden! Dank!«

In das Wort hinein keuchte ein Schrei:

»Herr Florian – sie kommen! Wir sind umstellt . . .«

Von Herrn Geyers Leuten kam einer gelaufen, atemlos: »Die Grumbacher sinds!«

»Hoho – mein Herr Schwager tut mir die Ehr! Will den Geyer austilgen, den Schandfleck in unserm Stamm! Der mit den Bauern ist 'gangen! Hoho!« 305

Er sprang an den Tisch, hob den Krug hoch, wild verzerrt das Gesicht von Zorn und Hohn:

»Trinkt leer, Gesellen – das Spiel ist aus! Es lebe der Tod!«

Die Reiter standen im Kreis – die Schwerter vor sich gestemmt – schwarze Mauer ringsum. Die Bauern stumm und versteint.

Herr Florian tat seinen Trunk. Giers hob den Krug: »Es lebe die Saat!«

Und nach ihm ich: »Es lebe der Weg!«

Ich stürzte den Krug um – kein Tropfen mehr floß aus.

Ein Ruck ging durch den Geyer hin – ein Ruf, ein Schrei fast – die schwarzen Reiter rasselten auf, saßen zu Pferd. Die schwarze Fahne flog um Herrn Geyers Helm.

Die Fahne schwand in den Wald, die schwarzen Reiter hinter ihr drein. Wir mit den Bauern zum Schluß.

Im Wald war es Nacht. Wir stiegen ab, führten die Pferde am Zaum, tasteten uns leise hindann. Herr Florian wollte das Letzte versuchen – durchbrechen zum Gaildorfer Haufen.

Aber der Wald war umstellt. Hornruf gellte von draußen her, Rüdengebell. Sie jagten uns mit Hunden wie das Wild . . .

Ich kam, zusammen mit Giers, dem Waldrand nah: Fackelschein glühte rot auf, von draußen her. Wir mußten zurück. Im Dunkel stießen wir auf Herrn Florian. Er war todmatt. »Es ist aus, Brüder . . . Hab kaum mehr zwei Dutzend Leut . . . Sind vorgebrochen – da, dort – fünfmal . . . Weiß nimmer, wie oft . . . Kommen nicht durch . . .« Er stampfte mit dem Fuß auf, hieb mit dem Schwert an einen Baum und schrie, heiser vor Zorn: »Wie die Maus in der Fallen! . . . Laß mich nit würgen von dem Verräter! . . . Männer: alle um mich! Müssen durch! Will fallen unterm freien Gottshimmel – will die Sterne sehen – als Letztes . . . dahier . . .«

Wir drängten uns eng zuhauf. Kaum dreißig mochten wir sein. Zu Pferd noch drei, vier. Aber die Fahne war da, die schwarze Fahne Herrn Florians. 306

Wieder gings gegen den Waldrand vor, steil bergan. Wie Katzen schlichen wir hin.

Da wichen die Stämme auseinander, Nachthimmel stieg vor uns auf, ungeheuer zur Höh – wir sahen die Sterne . . .

Ich ging neben Herrn Geyer. Giers vor ihm. Dahinter der Fahnenträger. Wir hielten an und horchten ins Dunkel hinaus: kein Laut.

Da liefen wir aus dem Wald, hinaus auf freies Feld, über Wiesen und Ackerland, immer bergan. Und jetzt – waren wir oben.

Herr Florian sah hinab gegen den Wald. »Sind alle geblieben – drunten im Wald . . .« sagte er leis.

Da flammte es vor uns auf – Lichter flogen heran, uns entgegen, sperrten uns grad den Weg . . . Und von links tauchten Fackeln auf – und von rechts . . .

»So solls da sein, Brüder – auf freier Höh – die Stern' über uns! . . . Wie hast du's gesagt, Giers? – Es lebe die Saat!«

»Es lebe der Weg!« rief Giers. Und ich:

»Der neue Gottestag!«

Die Männer um uns hoben die Schwerter: »In den neuen Gottstag! Auf!«

Wir liefen bergab, das Schwert in der Faust. Ein jeder wußt': es ging in den Tod. Aber keinem war bang. Keuchend im Lauf sang einer: der die Fahne trug – sang!

Mit einmal Glutlicht vor uns – Reiter und Spießknecht' zu Fuß – und wildes Geheul: »Sie sinds! Der Geyer dabei! – Dran! Dran!«

Wir in sie ein – schlugen und stachen in rasender Wut. Es wurde leer um uns – wir waren wie reißende Wölfe.

Herr Florian stand – hell überstrahlt vom Fackelschein. Sein Gesicht verzerrt von Hohn und Wut: »Her da, Gesindel, Mordhunde! Her! Hoho! Herr Schwager – her, wenn dich traust! Komm an, den Geyer! Her!« 307

Drüben, zu Roß einer, schrie ein Wort in die Nacht – und von der Seit' her, halb von hinten, stürzt' einer vor mit mannslangem Spieß – rannt' ihn Herrn Florian in die Brust . . . grad unters Herz, neben dem Panzer . . .

Herr Florian reckte sich hoch – langsam glitt ihm das Schwert aus der Faust – sein schmales, kühnes Gesicht wurde weich und ein Lächeln ging drüber hin, als säh' er in letzte Seligkeit . . . Neigte sich leicht und stürzte in dumpfem Fall . . .

Aber jetzt rasten wir vor. Giers sprang gegen den Mörder, hieb ihm die Sturmhaube durch, hieb ihm den Schädel entzwei – einer lief an, mit der Fackel, Giers schlug ihm den Arm vom Leib, riß die Fackel an sich, stieß sie hoch auf ins Dunkel: »Mir nach – in den neuen Gottestag!«

Er stürmte hindann – selbst ein lohender Brand. Da hielt er jäh ein – Blut brach auf seiner Stirn aus – ein Steinwurf hatt sie zerspellt. Er stand – vornübergeneigt, die Hand mit der Fackel hochgereckt, als wollte er ins Dunkel leuchten, das vor ihm lag. Er taumelte und fiel, die Fackel verschwelte im Gras, die Nacht vor ihm blieb schwarz. Sein sterbendes Aug sah das Licht nicht mehr, das aus ihr kommen sollt' . . .

Wir letzten stürmten vor, wir hieben und stachen wütend ein, der Gegner wich vor uns, wohin wir uns kehrten. Nur Steinwurf und Pfeilschuß wagten sie gegen uns.

Ein furchtbarer Schlag traf mich am Kopf, ich stürzte zu Boden in schwerem Fall . . .

 

Wildwühlende Schmerzen tobten mich wach. Irgendwo war es licht. Ich konnte die Augen nicht auftun, die Lider waren mir schwer wie Stein. Ich hörte ein dumpfes Dröhnen, mittendrein Stimmen von Menschen. Da fühlt' ich mich angepackt – mühselig hob ich den Arm – ein Ruf klang: »Der lebt noch!« An meinen Augen war eine Haub: »Hat das Aug voller Blut – kanns nit auftun . . .«

Mit Gewalt brach die Hand mir die Lider auf – roter Nebel 308 war rings. Drin Menschen, wogend wie Wolken im Wind. Dann wieder das Nichts . . .

Da ich von neuem erwacht', lag ich auf Stroh in einer Bauernstube, beim Herd. Ein altes Weib sah zu mir her und nickte mir zu.

»Bist heil jetzt? Warst lang siech . . .«

Der Bauer kam. Er sagt' mir, wie alles gekommen. Sie hatten die Toten oben, auf dem Speltich, begraben müssen. Herrn Geyers ganze Schar, ihn selber dazu. Giers Hammer und unsere Bauern. Mich hatten sie, da ich noch lebte, ins Haus getragen und gepflegt, drei Wochen lang. Hatten mich heimlich gehalten – wenn einer mich fand, waren sie alle verloren.

Der Bauern Sach war aus und vertan . . .

Mein Gastgeb hielt mich bis hoch in die Sommerzeit. Dann war ich heil nach dem Leib. Die Seel wurde mir nimmer heil bis an den Tod.

Da ich wieder gehen konnt', gaben sie mir ein Gewand, von ein' alten Bettler, den sie tot gefunden, am Weg. Mich selber hatten sie fast nackt ins Haus getragen; des Grumbach Knechte hatten mich ausgeraubt bis auf die Haut.

Ich zog die Bettlerkleider an. Da fühlt ich was Hartes drin –: ein Geldstück war eingenäht im Rock. Ich schnitt das Tuch auf und hielt ein Silberstück in der Hand. Ich las die Schrift und das Herz stand mir still vor Schreck: »Über hundert Jahr werdet ihr Gott und mir antworten . . .«

Ich trug die Kleider des Joß Fritz . . .

Über hundert Jahr . . . Die Zeit war um. Gott war gegen uns.

Ich dankt' meinen Guttätern und ging davon, ging hinaus in den Sommer, ins Elend.

Ich ging durchs Land und sah den Sieg der Herren . . .

Ich kam nach Nördlingen und suchte das Haus des Herrn Krafft Hengstberg. Das Tor war offen, ich schlich zu seiner Stube und trat ein. Er saß am Tisch, hatte Geld vor sich und 309 die Rechentafel. Er fuhr auf, sah mich an und erkannte mich, meinem wilden Bart zu Trotz. Entsetzt streckt' er die Hände gegen mich aus: »Weg! Weg, du böses Gespenst!«

Ich reckte die Hand gegen den Junker Jörg, der in der Ecke stand. Da schlug der Hengstberg die Hände vors Gesicht. Ich ging aus der Stuben. Unter der Tür lief er mir nach, warf mir Geld hin, einen vollen Haufen, wie ers vom Tisch gerafft, ich ließ es zu Boden fallen. Im Flur holt' er mich ein, steckt' mir ein paar Gulden in den Sack und schlang mir weinend die Arme um den Hals. Dann schob er mich aus dem Haus.

Ich ging durchs Reimlinger Tor, wo ich einst Wächter gewesen – vor wieviel hundert Jahr –? – wo ich die Sternbälle um die Sonne gerollt und die Gret im Arm gehabt. Und ging ins Land hinaus.

Über hundert Jahr werdet ihr Gott antworten! Und abermals über hundert Jahr und noch einmal – immer wieder, bis es vollendet ist!

Ich faßte die Münze durch den Rock und drückte sie ans Herz. Über hundert Jahr!

Ich wanderte durchs Land und sah den Sieg der Herren.

Sie konnten sich nicht genugtun in Blutrausch, in Grausamkeit und Marter aller Art. Daß sie im offenen Feld da zweitausend, dort dreitausend und mehr, dort gar wieder an die zehntausend Bauern niederstechen, erschießen, ersäufen, erschlagen, verbrennen lassen – das war ihnen nicht genug. Das war zu schnell gegangen, da war keine Wollust des Tötens gewesen, hatte der Hohn nicht sein wüstes Spiel mit den Armen treiben können. Jetzt erst ließen sie köpfen, foltern, brennen, Augen ausstechen, Hand abhauen, brandmarken, jetzt ließen sie die wehrlos Gefesselten, in den Kerkern halb Verhungerten, auf dem Markt zusammentreiben, und während sie beim Wein saßen, im Rausch gröhlend die Würfel rollen ließen, weideten sie sich an der Todesangst und Qual der Besiegten, ließen sie in Ungewißheit und Verzweiflung warten und harren, Stunden und Stunden lang, 310 und dann hatten die Henker zu tun, daß ihnen die Arme müd wurden. Wie es ihnen gefiel und wie es ihnen die rauschige Laune eingab, wurde geköpft oder begnadigt. Und wenn sie nicht alle zutode marterten, so geschahs bei Gott nicht aus Milde und Barmherzigkeit, sondern nur, weil sie ohne die Bauern nicht leben konnten, weil sie Ackertiere brauchten, das Feld zu bestellen.

Was damals von den Herren an Unrecht und Gewalttat verübt wurde, das kann nie an ihnen gerächt werden, und wenn die Welt noch tausend Jahre steht. Und hatte ich schon vorher geglaubt, daß mein Haß gegen die Unterdrücker brennrot lodre wie Höllfeuer –: jetzt wurde er so rasend und rachgierig wild, daß ich nur noch zu leben begehrte, um Haß auszusäen, hinein in die Jahrhunderte, bis endlich die Stunde der Vergeltung und Befreiung kam.

Rast- und ruhlos zog ich durchs Land, war bei den Bauern zu Gast. Und ich sagte zu den Bauern, ich sagte es ihnen jeden Tag, sagte es ihnen im Schwarzwald und Spessart, im Wasgenwald und droben in der Heide, ich sagte es ihnen früh und sagt es ihnen spät, sagte es ihnen am Rhein und an der Elbe: gebt euren Kindern einen Fluch mit! Einen Fluch, wenn ihr sie zeugt, einen Fluch, wenn sie geboren werden, einen Fluch als Erbe, wenn ihr euch selber zum Sterben legt. Gebt ihnen einen Fluch mit als Glauben, Fluch als Hoffnung, einen Fluch als Sinn ihres Lebens, als Ziel für sie selbst, für ihre Kinder und Urenkelkinder.

Welchen Fluch?

Den Fluch über die Unterdrücker, die Unrecht in die Welt gebracht haben, die das Leben festbannen wollen durch die Jahrhunderte hin und jeden verfolgen, der weitergehen will. Die uns Gott aus der Seele gerissen haben mit fremden Worten und Bildern, ihn als einen Popanz uns außenhin vors Aug gestellt und aus unsern Schauern vor dem Göttlichen einen Götzendienst gemacht haben.

Den Fluch über alle, die herrschen wollen nur um des Herrschens willen. 311

Und Fluch über die Gierigen: die nach Macht gieren, nach Land! Aber tausendmal Fluch den Elenden, die nach Geld gieren, die um Geldes willen die Menschen um sich aussaugen, ausnützen, schlimmer als das Vieh; die fremd Leben in Not und Jammer, ohne Licht und Luft hinsiechen lassen, damit sie ihren Geldsack füllen!

Fluch allen, die wehtun einem, der sich nicht dawidersetzen kann.

Und Fluch den Verächtern: die den Menschen im Menschen verachten. Die das Heilige über dem Irdischen, die Gott im Menschen verachten! Die nur sich selber kennen!

Und dieser Fluch sei euch ein Schwur: nicht früher Rast, eh' unser geworden, wofür wir geblutet haben, gefallen sind. Frei das Reich von Rom, frei vom Fürstenregiment, frei ein jedlicher in Deutschland, frei vor Gott, vor seinem Gott. Frei ein jeder und aufrecht, keiner Knecht, aber jeder ein Diener – für alle.

Ehre –: der Spruch über jeder Schwelle, Ehre das Mark eines jeden Lebens.

Jeder ein Schaffender. Das ist: daß er auswirke den einen Gedanken, den Gott in ihn gelegt hat, der er – ist.

Dafür leben, dafür sterben, dafür: Kampf jedem, ders hindern will.

 

Damit ging ich durchs Land, mit diesem Fluch und diesem Schwur. Und warf ihn aus in die Seelen der Unterdrückten, wie der Säemann das goldne Korn auswirft in die Furchen des Ackers. Ich wurde nicht müde auf meinem Weg, ich merkte es nicht, daß mein Haar weiß wurde.

Vom Luther hört' ich nichts Gutes mehr. Seit dem Bauernkrieg war sein' innere Kraft dahin. Wort und Lehre erstarrt. Er hatte das ständige Reden über Gott, das Frommsein, zu seinem Beruf gemacht. War zum evangelischen Papst geworden, wie ichs ihm vorhergesagt. Beim Volk galt seine Stimme nimmer viel.

Ich ging meine Straße hin. Und mir ist, als sinke ein Nebel 312 nieder, decke meinen Weg. Aber nicht wie einst, da ich aus dem armen Bauernhaus trat, in dem ein Kind ins Elend der Welt geboren ward. Vielmehr, als ob hinter diesem Nebel ein Licht flamme, die Sonne aufsteigen wolle. Ich gehe ihm entgegen, immer dem Licht entgegen, einen weiten, einen endlos weiten Weg – und ich verschwinde und zerfließe im Nebel, wie das wache Denken am Abend zu Schlaf zerrinnt und zerfließt.

Langsam, unendlich langsam hebt sich der Nebel – ich sehe mich wieder aus ihm herauswandern, immer die Straßen hin, durchs ganze deutsch' Land. Es ist Elend und Not ringsum, Jammer und Zorn und Haß, Verzweiflung und dumpfe Betäubung. Ich sehe die Menschen an, zu denen ich rede, ich sehe mich selber an –: es sind nicht mehr die Menschen, die . . . vor dem Nebel waren . . . Und sie klagen ja gar nicht mehr um den verlorenen Bauernkrieg – es ist ein anderer Krieg, in dem wir unterlegen sind, wir, das ganze Volk . . .

Ich wandere weiter, einen Frühling, Sommer und Herbst entlang, immer die Straße hin, durch Stadt und Land. Der Weg geht nach Norden hin, hinaus in die Heide, durch endloses, leeres Weit, zu einer alten Kate . . . Es ist spät nachts, da ich eintrete – es ist ein wohnliches Zimmer mit schönem, altem Gerät – und an einem Sekretär sitze ich selber und habe dies alles geschrieben . . . Die Geschichte des Urs Brandt und des Giers Hammer . . . Wann sind sie um, die hundert und abermals hundert Jahr?

Da steht eine lichte Gestalt in der dunklen Tür:

»Du bist allein, Diether? . . . Mir war, als hätte ich das Tor gehen hören – oder bist du eben erst heimgekommen? . . .«

Ich sehe sie an, forschend, ein wenig erschrocken. Dann sage ich:

»Ja, ich bin heimgekommen – von einem weiten, von einem sehr weiten Weg . . .«

Sie sieht die beschriebenen Blätter vor mir, versteht und lächelt. Ich lösche das Licht und gehe zu ihr in die Schlafstube. 313

 


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