Ernst Kratzmann
Die neue Erde
Ernst Kratzmann

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Im Jahr meiner Wanderung, in einem Dom, hoch im Norden, an der See, sah ich einen fackeltragenden Engel. Aus der Steinwucht des Pfeilers stürmt er vor in jäh entweichenden Raum, wie ein Schiff ins Unendliche der See, geballte Kraft, das Antlitz verzerrt von der Inbrunst seiner Sendung. Aus den Händen bäumt sich ihm der Leuchter hochauf, der das Licht trägt. Schwindelnde Einsamkeit kreist um ihn – hoch im Unendlichen, die Wölbungen des Domes sind wie der Himmel, den man nie erreicht.

Und immer wieder nimmt ein anderer die Fackel auf und entzündet sie neu an dem ewigen Lichtwollen Gottes. Denn es müssen immer wieder kommen, die dem Engel gleichen, die wegfliehen vom sicheren Halt des Bestehenden, und vorstoßen ins weglose Ungewiß neuer Möglichkeit und – neuen Müssens. Unser Weg ist immer ein Abschiednehmen vom sicheren Gewiß zur Ausfahrt ins ewige Wagnis, das Gott uns auferlegt hat als Prüfstein der Echtheit.

Ich habe Heimweh nach dem Engel, ich sehne mich nächtelang nach der glühenden Strenge seiner Züge . . . Wer sein könnte wie er . . .!

 

Vor ein paar Tagen erschrak ich nicht wenig, als bei meinem Hof ein Auto vorgefahren kam – zu Hassos maßlosem Ärger, der noch nie so ein Fahrzeug gesehen hat. Ich rannte hinaus und sah eben meinen alten Rat aus dem Landamt, in einen Schlittenpelz vermummt, dem Wagen entsteigen. Ich war so bestürzt, daß er mich lächelnd beruhigte: »Es ist kein Unglück geschehen! Ich komme eher, von Ihnen Hilfe für einen Dritten zu erlangen . . .«

Ich bat ihn ins Haus. Er sah sich lächelnd in meiner Stube um; ich merkte, daß ihm die Verbindung von niederdeutschem Bauernhausrat mit gotischer und barocker Kunst nicht übel gefiel. Er ließ sich in dem behaglichen Lehnstuhl vor meinem Sekretär nieder, nahm die angebotene Zigarre und eröffnete mir endlich den Zweck seiner Fahrt. 158

»Sie werden wissen – oder vielleicht wissen Sie es auch nicht – daß in den letzten Monaten eine ganze Anzahl alteingesessener Bauern von Haus und Hof mußten – ja; verschuldet, überschuldet – gepfändet – das Anwesen in Wuchererhänden . . . Versailles –! In meinem Bezirk hat sich vor ein paar Wochen wieder so ein Fall zugetragen. Und wieder ist es Herr Epstein, der auch nach Ihrem Land hier bereits die Hand ausgestreckt hatte. Jetzt betrifft es einen Bauern – einen Mann von vierzig Jahren, mit Frau und zwei Kindern . . . Einmal ein reiches Anwesen, vor dem Krieg. Heute sitzt er als Obdachloser in der Stadt und lebt kümmerlich von der Unterstützung. In einem Jahr wird er dabei zugrundegegangen sein – die Kinder verlottert . . . Oder er wandert aus . . .«

»Das alte Lied!«

»Ja – das alte Lied! . . . Nun hören Sie . . . Sie haben Herrn Wießbach hier herausgezogen, Sie haben die Familie des Dr. Mertens zur Ansiedlung bestimmt – Sie müssen auch diesen Bauern retten! Darum bin ich hier . . .«

Ich sprang auf und ging in der Stube auf und ab. Ich hätte lachen und weinen mögen zu gleicher Zeit. Es war ein unbändiges Glück in mir: ich durfte wieder helfen, wieder eine ganze Familie vom Abgrund zurückreißen – man traute es mir zu – man kam zu mir, daß ich es täte . . .

Das war das Glück. Aber zugleich war da die bange Frage nach dem Wie?!

Ich trat vor den alten Herrn und reichte ihm die Hand hin: »Ich danke Ihnen, Herr Rat! Ich bin glücklich, daß Sie darum gekommen sind . . . Aber . . . wir haben kein Geld mehr, um eine ganze Familie durch mehr als ein Jahr zu erhalten, ein Haus für sie zu bauen, Pferde – Ackergerät herzuschaffen . . . Können Sie uns nicht von amtswegen . . .«

Er lächelte trüb. »Sie haben eine zu gute Meinung von unseren Behörden . . . Ich bin als reiner Privatmann hier. Einfach, weil ich es nicht mehr mit ansehen kann, wie unser Volk 159 entwurzelt, von seiner Muttererde vertrieben wird . . . Ich kann Ihnen als Beamter gar nicht helfen . . . Der Mann bezieht die Arbeitslosenunterstützung, ein paar Mark in der Woche – das ist alles . . . Kann nicht Herr Wießbach . . .?«

Ich schickte Klas zu Hans und zu Dr. Mertens hinüber – sie sollten eilends kommen.

»Nein, Herr Rat, die beiden können auch nicht mehr. Sie selbst wissen, wie wir im Herbst mit Aufgebot der letzten Mittel, mit Schulden sogar, den Grund hier aufgekauft haben – Gott sei Dank! Aber nun stehen wir ohne alle Barmittel. Bis zur nächsten Ernte – wenn sie gut ausfällt! – können wir keine Mark entbehren . . .«

Er wiegte nachdenklich den Kopf und blies dicke Rauchwolken in die Luft. »Es muß gehen, Doktor! Sie haben hier schon mehr geleistet, als man hätte für möglich halten dürfen . . . Ich habe das Feld gesehen, das da am Weg liegt . . . Schöne Arbeit! . . . Hören Sie: ich will Ihnen mit ein paar hundert Mark helfen . . . Ich will unter meinen Freunden eine Sammlung veranstalten – es muß so viel herauskommen, daß die Leute ein Jahr hier leben können . . . Ich kenne den Bauern. Ein grundehrlicher, anständiger Mensch . . . Vier Jahre an der Front gestanden . . . Zweimal verwundet . . . Hat das Eiserne . . . Solche Leute dürfen wir nicht fallen lassen . . .«

Wießbach und Mertens kamen. Sie hatten die gleichen Bedenken. Aber das Angebot des Rates schien ihnen annehmbar. Wir redeten eine Weile hin und her. Und schließlich erklärte ich, gleichsam im Namen von uns allen: »Herr Rat – wir danken Ihnen für Ihr schönes Vertrauen. Wir wollen es versuchen! Die Leute müssen sich fürs erste einmal nach der Decke strecken. Die Eltern können bei mir unterkommen – sie müssen in einer leeren Kammer hausen. Die Kinder –«

»Ich kann das Mädel brauchen, meine Frau hat eine Hilfe nötig«, erbot sich Mertens.

»Und der Junge kann bei mir bleiben«, meinte Wießbach. 160 »Ob noch einer mehr an der Schüssel sitzt, ist schon einerlei . . .«

Der Rat schüttelte uns froh die Hände. »Ich wußte, daß Sie mir helfen würden. Ich danke Ihnen . . . Und jetzt kommen Sie gleich mit mir, gehen Sie selbst zu Hannemann und bringen Sie ihm die gute Botschaft . . .«

Aber zunächst mußte der Rat noch bei mir das Mittagmahl nehmen, dann den Eichhof mit seinem jüngsten Bewohner besichtigen, und schließlich noch auf der Rückfahrt für eine Stunde bei Mertens eintreten. Dort geriet der alte Herr in helles Entzücken. Er konnte die Kunstschätze nicht genug bewundern, er betrachtete verwundert die Orgelpfeifen, an denen Herbert unentwegt baut – und als wir schließlich das Haus verließen, merkte ich, daß er nicht das letztemal bei uns in der Heide gewesen sei. Er machte aus seiner Bewunderung kein Hehl. »Solche Leute hätten wir not, in Dörfern und Städten, überall! Weiß Gott, dann könnte uns noch einmal Hilfe werden . . .«

In der Dämmerung kamen wir in die Stadt. Der Rat brachte mich bis zum Obdachlosenheim. Er selbst ging nicht mit – er wollte nicht, daß sein Name mit der Sache in Verbindung gebracht würde.

Ich betrat die langgestreckte Holzbaracke, ein ehemaliges Kriegsspital. Faule, stickige Luft verschlug mir den Atem. Zwei schwache Glühlampen verbreiteten ein kümmerliches Dämmerlicht in dem großen Raum, der von Tabaksqualm und dem furchtbaren Geruch der Armut erfüllt war, dem Geruch von schmutzigen, verwahrlosten Leibern, von Schweiß und der Ausdünstung vieler Menschen. Es stank nach Kohl und Kraut, nach Moder und Schnaps. Man hörte Kinder weinen, man hörte Streiten und Fluchen, Spielkarten wurden auf den einzigen Tisch niedergedroschen, Lachen und Gröhlen eines Betrunkenen scholl dazu, eine heisere Frauenstimme suchte einen schreienden Säugling in Schlaf zu singen. Ein eiserner Ofen stand in der Mitte des Raumes, ringsum hockten Männer und Weiber, kauerten stumpf und müde, die einen rauchten stinkende Pfeifen, die andern tranken Fusel, 161 ein paar schliefen, etliche lagen auf dem blanken Boden. Aber alle, ob schlafend oder wachend, waren von dem gleichen Ausdruck des Elends, der Hoffnungslosigkeit gezeichnet, der so grauenhaft das Antlitz unserer Zeit gestaltet hat. Dies Hineinstieren ins leere Nichts, dies völlig gleichgiltige Hinsiechen von einem Tag in den andern, ohne Wunsch, ohne Willen . . .

Darüber kann man nichts mehr sagen. Man muß es gesehen haben. Man muß inmitten dieser Menschen gestanden haben . . . Sie sind verloren. Von ihnen kommt kaum einer mehr hoch. Sie sind unter die Räder geraten. Wer ein Jahr so gelebt hat, kann nicht mehr arbeiten, er hat sich ans tatlose Hintreiben gewöhnt, es ist ihm alles so einerlei, daß er in keine Werkstatt, in keine Fabrik mehr taugt. Er ist lebendig tot. Ein paar Jahre bettelt und hungert er sich durch, vertrinkt er seine paar Pfennige, verspielt und verlottert sie, zermürbt an Seele und Leib, bis er endlich irgendwo in der Gosse verdirbt und stirbt.

Ein paar von den Elenden, die hier hausten, sollte ich retten. Aber in diesem Augenblick empfand ich meine Sendung fast als ein Unrecht. Gewiß – Hannemann mochte der Hilfe wert sein. Aber wer gab mir das Recht, ihm allein zu helfen? Hatten nicht alle hier in diesem Raum das gleiche Recht auf Rettung? Es war zu spät für sie; vielleicht. Aber warum hatte man es nicht früher versucht?! Warum konnte das Wunder nur zu einem von diesen Elenden kommen? Und wieder überfiel mich, wie so oft schon, die kalte Wut über das Lottervolk, das Nacht für Nacht in den Tanzdielen, zum Klang der Niggermusik die Schuhsohlen zerschliß, Nacht für Nacht sich mit raffiniert gemischten Giften besoff und mit verluderten Weibern sich im Lotterbett wälzte. Ich hätte das Gesindel heraustreiben mögen mit Peitschenhieben, aus ihren schwülen Luststätten heraus, durch die finsteren, schmutzigen Gassen jagen, da heraus in die Baracken – und sie hineinstoßen in diesen Raum hier: da – da haust – eine Nacht lang, eine Woche lang! Und dann geht noch tanzen und saufen und huren, wenn ihr noch Lust habt! 162

Ich schritt langsam durch den Raum. Wo ich hinkam, wurde es still. Die Männer hielten im Kartenspiel ein. Ein paar Frauen bettelten mich an. Hinter mir wurden Flüche über den Bürger und Ausbeuter laut. Ich ging schweigend weiter. Ich fragte einen älteren Mann. Er wußte nichts von den Gesuchten. Ich fragte noch ein paarmal, bis einer mich in einen finstern Winkel wies. Dort fand ich, auf einem schmutzigen Strohsack liegend, ein Weib mit zwei Kindern; sie mochten zehn oder zwölf Jahre alt sein. Sie hatten sich eng zusammengedrängt, um auf dem schmalen Lager Platz zu finden. Sie schliefen, ich sah ihre Gesichter nicht, die sie in das Dunkel gekehrt hatten.

Der Mann hockte neben dem Strohsack auf dem Boden; in Hemdärmeln. Sein Rock war den Schlafenden über die Füße gebreitet als einzige Decke. Er starrte vor sich hin, im Gesicht stand ihm schon der gleiche Ausdruck, den alle in diesem Haus des Elends trugen.

»Sind Sie Karsten Hannemann?«

Er sah auf, blickte mich verständnislos an, dann nickte er.

»Kommen Sie mit mir hinaus, für einen Augenblick, ich habe zu reden mit Ihnen!«

Er sah mich wieder stumpfsinnig an, dann fragte er heiser: »Was solls? Muß ich fort?« Er fürchtete, daß er auch aus dieser letzten Zuflucht vertrieben werden sollte.

»Ja«, sagte ich. »Aber an einen besseren Ort!«

Er starrte mich immer noch an. Dann hob er sich schwerfällig vom Boden und ging mit mir, durch eine Hintertür, hinaus ins Freie. Ich sagte ihm, was mich herführte. Er hörte mich stumm an, schüttelte den Kopf. »Wollen Sie nicht?« fragte ich angstvoll. War er schon so zermürbt, daß er nicht mehr fähig war, ein neues Leben zu beginnen?

Ich sagte ihm nochmals alles. Legte ihm eingehend dar, wie wir uns die Sache vorstellten. Er stand mit halboffenen. Mund. Ganz langsam streckte er die Hand aus und griff nach meinem Arm, – er wollte sich überzeugen, daß da ein wirklicher Mensch 163 vor ihm stand, kein Traumgesicht. Und auf einmal kehrte er sich von mir, lehnte sich an den Türpfosten, ein Krampf durchschütterte seine Gestalt, er vergrub das Gesicht in die Arme, er biß sich ins Fleisch. Ich ging ein paar Schritte weg von ihm und ließ ihn allein. Ich begehrte nicht, seine Tränen zu sehen.

Es verging eine gute Zeit, bis er sich von der Wand löste und unsicher auf mich zukam. »Soll das wahr sein, Herr?« fragte er heiser.

»Ja, Hannemann. Morgen mittags kommt ein Wagen herein, mit dem fahren wir hinaus, sowie die Pferde verschnauft haben . . . Jetzt gehen Sie und schlafen Sie zum letztenmal in diesem Haus . . .«

Er schrie auf, heiser: »Nein, nein, ich gehe gleich mit Ihnen, ich will vor Ihrem Haus warten . . .«

Ich lächelte. »Haben Sie keine Angst . . . Ich halte Wort. Morgen um zwölf Uhr kommen Sie mit der Frau und den Kindern vor den roten Adler. Ich erwarte Sie . . . Haben Sie . . . noch etwas, einen Koffer – eine Kiste . . .?«

Er lachte wild auf. »Daß sie uns nicht die Kleider vom Leib gerissen haben, ist alles! Mehr haben wir nicht . . .«

Ich gab ihm die Hand. »Sagen Sie den andern da drin nichts, auch Ihrer Frau nicht! Es soll nicht laut werden – es würde böses Blut machen . . .«

Er umklammerte meine Hand – er kämpfte mit einem Entschluß, beugte sich nieder, mir die Hand zu küssen. Ich entzog sie ihm rasch und ging weg. Als ich mich noch einmal umwandte, sah ich ihn knien und beten.

Ich schlief nicht viel in dieser Nacht, obwohl ich ein bequemes Bett in einem warmen Zimmer hatte. Als ich morgens beim Frühstück saß, sah ich schon Hannemann mit der Frau und den zwei Kindern dem Gasthof gegenüber stehen und angstvoll erwartend herüberstarren. Ich schickte den Hausknecht hinüber und ließ die armen Teufel holen. Es erregte einiges Erstaunen und Mißfallen unter den Gästen, als daraufhin sich die Familie des 164 Bauern langsam und schwerfällig schüchtern in die Kaffeestube schob und auf mein Geheiß an meinem Tisch Platz nahm, wo ihnen der Kellner alsbald ein ordentliches warmes Frühstück hinschob. Die Frau wollte etwas sagen, aber sie brachte kein Wort heraus – es liefen ihr nur ein paar Tränen aus den Augen. Die Kinder sahen mich groß an und gaben auf meine Fragen keine Antwort. Der Mann stammelte verkehrtes Zeug, das ich kaum verstand.

»Nun, Hannemann: ich muß jetzt noch ein paar Gänge erledigen. Gegen Mittag kommt mein Wagen, und dann fahren wir hinaus in die Heide! Und morgen suchen wir uns die Felder für Sie und den Platz für Ihr künftiges Haus . . .«

Damit stand ich auf und zog den Mantel an. Der Bauer umklammerte meine Hand und preßte sie, daß ich mit Mühe einen Schrei unterdrückte.

Ich rannte zu meinem Rat. Er empfing mich in bester Laune. »Es geht gut, Doktor! Da – das habe ich bei Freunden und Bekannten zustandegebracht –!« Damit übergab er mir ein paar hundert Mark. »Und wenn Sie wegfahren, wollen Sie bitte in meine Wohnung sehen: meine Frau wird Ihnen einen Pack alter Kleider und Wäsche übergeben, die sie inzwischen zusammensucht . . .«

Ich dankte ihm und berichtete, wie ich seinen Schützling gefunden. Er hörte ernst und bedrückt zu. »Ja«, nickte er endlich, »es ist schön, einem Armen helfen zu können; aber man hat dabei immer das Gefühl, eine ungerechte Bevorzugung eines Einzigen begangen zu haben. Es war reiner Zufall, daß ich vom Schicksal dieses einen Bauern erfuhr. Er hatte in seinem Unglück noch dies eine Glück . . . Andere haben auch das nicht gehabt . . . Schicksal . . . Wissen Sie übrigens, daß ich von unserem famosen Epstein einen Skandal in Erfahrung gebracht habe, der ihn um ein Haar ins Zuchthaus geführt hätte?«

Er erzählte mir die höchst unsaubere Sache, die sich um einen ähnlichen Fall wie den Hannemanns drehte. 165

In mir reifte ein Plan; aber ich schwieg dem Rat gegenüber und empfahl mich mit vielem Dank.

Aber nun suchte ich Herrn Moritz Epstein auf. Mit einiger Mühe erlangte ich Zutritt in das Allerheiligste des Wucherers. Er thronte in einem mächtigen Polstersessel, an einem ungeheuren Diplomatenschreibtisch. Die brutale Verbrecherfratze war feist und käsig bleichgelb.

»Was wünschen Sie?«

»Sie haben das Anwesen des Landwirtes Hannemann gekauft?!«

»Was geht das Sie an?«

»Sehr viel . . . Sie haben auch das Gut des Bauern Rothkopf gekauft . . .«

Die Wuchererfratze wurde um einen Hauch weißer. Die Hand Epsteins suchte nach der Tischklingel. Ich griff danach und warf sie auf den Boden. Er wollte aufspringen, aber ich bedeutete ihm so eindringlich, sitzen zu bleiben, daß er gehorchte. Ich zog die Brieftasche, die von einem Bündel von Briefen und anderen Papieren dick geschwollen war.

»Hier habe ich alle Unterlagen gesammelt, den Fall Rothkopf betreffend, die zur Wiederaufnahme des Gerichtsverfahrens notwendig sind und außerdem zur Entfaltung eines Pressefeldzuges gegen Ihre saubere Tätigkeit dienen werden. Ich stelle Sie vor die Wahl: entweder Sie machen das Verbrechen, das Sie an diesen zwei Bauern begangen haben, auf der Stelle gut, indem Sie mir für die Beiden 10.000 Mark einhändigen – oder Sie erfahren es, was es heißt, deutsche Bauern durch Wucher von Haus und Hof zu bringen . . .«

Nun war der Kerl kalkweiß im Gesicht. Der Fall Rothkopf schien ganz unsauber zu sein.

»Was geht Sie das an?« krächzte Epstein heiser.

»Ich sagte Ihnen schon einmal, daß Sie sich darum nicht zu bekümmern haben. Zahlen Sie? Ja oder nein? 10.000 Mark sind eine lächerliche Strafe für Ihr Verbrechen –« 166

Er tastete nach dem Tischtelephon. Ich zog den Stecker aus der Wand.

»Das ist Erpressung – das ist Überfall –«

»Nennen Sie es, wie Sie wollen! Übrigens mache ich Sie aufmerksam, daß ich – ganz durch Zufall – erfahren habe, daß einige Männer, die Sie um Hab und Gut gebracht haben, entschlossen sind, bei nächster Gelegenheit mit Faust und Knüttel Abrechnung mit Ihnen zu halten . . . Und jetzt zum letztenmal: Zahlen Sie?«

»Ich habe nicht so viel Geld da . . .«

»Zwingen Sie mich nicht, selbst Nachschau zu halten!«

Ich trat zum Panzerschrank und öffnete die angelehnte Tür ganz. »Da – nehmen Sie die 10.000 Mark!«

Er stand unsicher auf und wankte zur Kasse. Mit zitternden Händen zog er ein Fach auf und entnahm einem dicken Notenbündel eine Anzahl Scheine.

»Das ist genug . . .«

»Keine albernen Scherze, bitte! Zehntausend!«

Er zählte stöhnend noch ein paar Scheine auf. Ich überprüfte sie und steckte sie ein. Er schob mir ein Papier hin. »Geben Sie mir eine Bestätigung!«

Ich lachte ihm ins Gesicht. »Sie sind wohl nicht ganz bei Trost! . . . Ich mache Sie aufmerksam, daß wir uns ohne Zeugen höchst freundschaftlich unterhalten haben, und daß Sie ganz freiwillig, von Ihrem guten Herzen bezwungen, mir eine kleine Unterstützung für die beiden Opfer Ihrer Schurkerei übergeben haben. Sollten Sie versuchen, mich, den Sie ja garnicht kennen, wegen Erpressung zu verfolgen, so kann ich Ihnen nur verraten, daß sich das Gericht freuen wird, Ihre Bekanntschaft zu machen, ebenso einige Zeitungen, denen ich dann den Stoff für eine Reihe fesselnder Enthüllungen übergeben müßte!«

Ich verbeugte mich höhnisch und ging. Draußen allerdings beschleunigte ich meinen Schritt, ich sprang in Windeseile über die Treppen hinab, lief so schnell als möglich ein paar Gassen weit 167 und suchte nochmals das Landamt auf. Der Rat, dem ich offen alles erzählte, war ziemlich bestürzt. »Wir wollen nur hoffen, daß Epstein schweigt . . . Er hat Butter auf dem Kopf . . .«

Ich bat, mir den Aufenthalt des Bauern Rothkopf zu sagen. Ich schrieb auf der Maschine ein paar Zeilen an den Mann, der nach Mecklenburg verzogen war, legte fünftausend Mark bei und unterzeichnete mit ein paar willkürlich gewählten Buchstaben.

Ich suchte unsern Holzhändler auf, bestellte das Nötige für das neue Haus Hannemanns und bezahlte es. Inzwischen war es Mittag geworden. Ich ging zu meinem Gasthof. Hannemann stand mit seiner Frau wartend davor. Im Hof fand ich meinen Wagen. Die Kinder saßen bereits darin, als hätten sie Angst, zurückgelassen zu werden.

»Hören Sie, Hannemann: was brauchen Sie alles fürs Erste? Pflug, Egge? Werkzeuge?«

Dem armen Teufel mochte sich alles vor den Augen drehen. Ich schleppte ihn mit, sagte ihm, daß ich von Freunden etwas Geld erhalten habe und daß er einen neuen Hof bekommen solle, den er aber selbst mit unserer Hilfe bauen müsse. So gingen wir also – er wie im Traum, murmelnd und wie geistesabwesend – kauften einiges Acker- und Hausgerät, dazu auch etwas Lebensmittel, und endlich war mein Raub und das geschenkte Geld fast aufgebraucht. Nun ließ ich anspannen, wir holten die eingekauften Sachen von den Händlern ab, ich suchte die Wohnung des Rates auf, empfing die versprochenen Kleider und Wäschestücke, und als es bereits dämmerte, fuhren wir hinaus in die Heide . . .

Wir schwiegen alle. Mir ging nun doch mein unüberlegter Gewaltstreich durch den Kopf, ich suchte mich mühsam zu beruhigen. Hannemann saß steif aufrecht, er nahm sich mit Gewalt zusammen, um ruhig zu erscheinen. Die Frau hatte die Schürze vors Gesicht geschlagen und das Beben der Schultern verriet, daß sie weine. Nur die Kinder waren, wenn auch durch meine Gegenwart verlegen gemacht, munter und wurden immer froher, je weiter hinaus wir in Heide und Moor kamen. 168

Und auch Hannemann wurde ruhiger. Der Bauer in ihm wurde wach. Er prüfte, soweit das immer schwächere Licht es erlaubte, aufmerksam Boden und Pflanzenwuchs, und langsam bekam sein Gesicht einen unsäglichen Ausdruck. Er trug immer noch die karge, harte Gleichgiltigkeit des Bauern zur Schau, der es ungewohnt ist, Gemütsbewegungen zu zeigen; aber unter dieser Maske begann unfaßbares Glück, Rührung und Dankbarkeit zu leuchten, zu strahlen – man kann es nicht anders sagen.

Wir fuhren langsam, die Pferde waren müde. Es wurde ganz dunkel. Der Schnee war schon fast weggetaut, der Himmel von Wolken bedeckt. Selten wurde für Augenblicke ein Stern sichtbar.

Wie oft bin ich diesen Weg gefahren! In Verzweiflung und Wut, dann wieder voll Hoffnung und Zuversicht, dann einmal geschüttelt von Grauen über das Hereinwittern einer fremden, unfaßbaren Geistesmacht . . . Und heute: in heftigem Zwiespalt zwischen dem Glück, geholfen zu haben, und der Sorge vor den Folgen meines gewalttätigen Auftretens gegen den Wucherer . . .

Seit ich angefangen habe, die Geschichte des Giers Hammer und Urs Brandt aufzuzeichnen, wie Traum und nächtige Ahnung sie mir eingeben, hat er sich meinen leiblichen Augen nicht mehr gezeigt . . . Wäre er doch jetzt am Weg gestanden, freudig lachend, mir Beifall zuwinkend für meine Tat! Ach ja, es waren doch bessere Zeiten damals! Wie hätten wir mit unserer Bauernschar den Wucherer heimgesucht und ihm die eisenbeschlagenen Truhen geräumt! Heute muß ich für meinen höflichen Besuch bei Epstein ein paar Jahre Kerker gewärtigen . . .

Bei Mertens hielten wir an. Da gab es nun wieder Tränen bei der kleinen Stine, die gleich bei Mertens bleiben sollte. Aber der gutmütige Doktor und die allzeit frische, lachende Hanne Janssen, die langsam schon etwas hold Mütterliches in ihr Wesen bekommt, trösteten das Kind schnell.

Vor meinem Hof wurden die neuen Siedler von Hinrichs und 169 Friedgert empfangen, denen ich sie gern überließ; Hinrichs mußte es eher gelingen, die völlig fassungslosen Menschen, die den jähen Wechsel ihres Schicksals wohl noch immer nicht ganz begriffen, wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Ganz versteht der Bauer ja doch nur wieder den Bauern.

Am nächsten Morgen fand ich Hannemann schon selbstsicher und ruhig. Mit mir und Wießbach ging er unsern Grund ab – er hatte Schaufel und Spitzhaue bei sich, damit machte er an vielen Stellen Bodenproben, und endlich entschloß er sich, am Südhang der Eichenhöhe seinen Hof zu bauen, dort, wo der Fahrweg, von Mertens kommend, die Höhe hinanführt. Und nun, da das Wetter gerade etwas milder ist, steht er täglich vom Morgengrauen bis zur späten Dämmerung mit Frau und Sohn und mit den beiden Knechten Wießbachs, die jetzt ohnehin lange Zeit haben, und hebt den Grund aus. Ich komme auch manchmal hinüber, dabei mitzuhelfen, und seit das Holz aus der Stadt da ist, stellt sich auch noch Herbert Mertens ein. Er lauert auf jedes Brett, das etwa für seine Orgel dabei abfallen könnte. So haben wir denn im Verlauf weniger Tage in froher, gemeinsamer Arbeit das Fachwerkgerüst des neuen Hofes aufgerichtet. Backsteine können wir nur für die Außenmauern, für Herd und Ofen kaufen. So müssen wir denn die übrigen Wände aus Lehm machen. Das Dach wird mit Schilf gedeckt.

Am meisten aber freut mich bei dieser Arbeit, daß die Knechte Wießbachs mit sichtlicher Freude am Werk sind, daß es ihnen nicht einfiel, über die Arbeit zu murren, zu der sie doch eigentlich – da sie für einen »Fremden« geschieht – nicht »verpflichtet« sind. Sie fühlen sich schon als Glieder unserer Gemeinschaft, in der jeder für jeden stehen muß.

Seit meinem Besuch bei Epstein sind nun drei Wochen vergangen – es hat sich nichts Verdächtiges begeben. Es war eine böse Zeit für mich. Zwar hatten wir für den Fall polizeilicher Nachforschung eine tolle Verabredung getroffen, die mich möglicherweise retten konnte, aber es ist mir doch lieber, daß wir diese 170 Komödie nicht aufführen mußten, die auch sehr leicht übel enden konnte. Nun aber habe ich mich langsam beruhigt. Unser »guter Rat«, wie wir ihn jetzt nur mehr nennen, hat vorsichtig Erkundigungen eingezogen: Epstein hat keine Anzeige erstattet! Und ich atme auf und freue mich diebisch, dem Schurken einmal einen tüchtigen Streich gespielt zu haben. Ohne seine unfreiwillige Spende hätten wir Hannemann kaum zu einem Hof verhelfen können.

 

Vor den Toren des Domes, zu Seiten des Kirchweges, lagen die Bettler und Siechen. Die »Klenkner« kauerten auf dem Boden, sie hatten die Glieder so geschickt abgebunden, daß man sie für Krüppel halten mochte, denen ein Arm oder die Beine fehlten. Wir kannten manchen von ihnen, der auf den Straßen gesund dahinging, nur in den Städten siech war. Die »Schweiger« hatten sich mit Pferdemist bestrichen, daß ihr Gesicht aussah, als hätten sie die Gelbsucht.

Inmitten der Messe stürzte schreiend ein »Grantner« zu Boden, schlug mit Armen und Beinen um sich, hatte blutigen Schaum vor dem Mund und verdrehte greulich die Augen. Die Weiber stoben kreischend auseinander, ein paar Männer mühten sich um den Kranken, legten ihm einen Mantel unter den Kopf, daß er sich nicht den Schädel am Steinboden einschlüge. Sie wußten nicht, daß der Grantner nur Seifenschaum vor dem Maul hatte und sich mit einer Gräte gestochen hatte, daß er blutig würde. Sie reichten ihm, als der Anfall vorüber war, Geldstücke hin, Heller und Plapparte, und der Grantner sammelte sie zitternd ein und wankte hinaus, in eine andre Kirche, wo er den nächsten Anfall bekam.

Aber wenn die Frommen aus dem Gottesdienst kamen, hob sich draußen vor dem Tor ein gellendes Wehrufen und Schreien auf, hundert Arme streckten sich bittflehend den Mildtätigen entgegen, die Klenkner krochen mühselig heran, drängten sich 171 in den Weg, daß man ihnen geben mußte, wollte man sie nicht niedertreten. Eine »Vopperin« riß sich heulend von dem Karren los, an den sie mit eisernen Ketten gefesselt war – die freilich an einem Glied nur mit Wachs zusammengekittet waren – tobte schreiend mit verzerrtem Gesicht, zerraufte sich die zottigen Haare und riß sich die schmutzigen Lumpen vom Leib, daß drunter das dürre Fleisch sichtbar ward. Mit Mühe bändigte sie der Vopper und heischte inzwischen Gaben.

»Gebt, gute Leute, gebt! Zwölf Pfund Wachs muß die Kerze haben, die wir St. Velten für die Heilung gelobt haben – wir haben erst für zwei Pfund! Sei still, Weib, halt still, wirst bald heil sein! Gebt, liebe Herren und Frauen, ist nimmer zum Tragen, das Unglück!«

Die Vopperin wurde wieder hart gebunden und auf den Karren geworfen, sie brüllte wie vom Teufel besessen. Aber es regnete halbe und Viertelgulden in den Hut des Mannes.

Unendliche Mildtätigkeit war in den Menschen, wie sie aus der Kirche kamen, das Herz zerknirscht über ihre Sünden. Sie gaben mit vollen Händen, die Frauen zerfließend von Mitleidstränen, da sie den Jammer all ansahen; die Männer ernst und bedachtsam, ein wenig mißtrauisch, da sie wohl von den Schlichen und Kniffen der Fahrenden wußten – und doch auch sie betrogen von den Künsten der Bettler. Aber die wirklich Armen und Hilflosen, die ohne Hoffnung auf den Straßen fuhren und vor den Kirchen bettelten, die Elenden, denen Hunger und Not aus den bleichen, ausgezehrten Gesichtern schrie, die rührten die Herzen also, daß die Leute alle Vorsicht vergaßen. Sie gaben und spendeten Geld und Speisen, sie füllten die Tonflaschen der Armen mit Wein, reichten ihnen Kleider und Schuhe. Sie taten es wie Gottesdienst, das Heil ihrer Seelen damit zu retten. Und wer gar um einen Toten trauerte, gab doppelt und dreifach. An solche schlich sich dann eine »Veranerin« heran, flüsterte ihnen zu, daß sie eine Jüdin wäre, die Tochter eines Rabbi, die erst vor wenig Wochen die Taufe genommen habe, und da sie 172 solcherart auch um die jüdische Geheimlehre, die Kabbala, wisse, könne sie erkunden, ob der Verstorbene die Freuden des Paradieses genieße oder für ewig verdammt sei. Und war die Veranerin geschickt, so wurde sie ins Haus mitgenommen, mit Speis und Trank gelabt, ihr Beutel mit Geld gefüllt, bis sie endlich ein schmutziges Buch mit fremdartigen Zeichen aus dem Bettelsack zog, viel Fragen tat, in Verzückung versank und schließlich verkündete, daß der Tote zwar noch im Fegefeuer brenne, aber nur zwei Seelmessen noch nötig hätte und – milde Gaben an die Mühseligen und Beladenen . . . Mit vollem Sack zog sie ab.

Vor der Kirche auf dem Platz hatte ein Arcanist seine Bretter aufgeschlagen. Mit vielem Geschrei bot er seine Heilmittel aus, das Quirinusöl und das Petroleum, Skorpionsöl und Helfantenschmalz, das alle Wunden sogleich schloß, denn es hatte die Kraft des mächtigen Helfanten in sich; den Planetenstein, den niemand bezahlen konnte, denn er war vom Venusstern gefallen und kostbar über alles Maß. Er bewahrte ihn in einer eisenbeschlagenen Truhe und nur heimlich verkaufte er davon ein Stückchen an einen reichen Mann, der es unter sein Gold legen wollte, daß es sich mehre und nie versiege. Aber auch das Mithridat war vielbegehrt, das Allheilmittel für jedes Gebrechen, das selbst Sterbende noch gesund machte. Nur wenige konnten es kaufen, denn es war teurer noch als der Planetenstein. Der Arcanist hatte es in einer rubinroten Flasche, darin es glühte wie Blut, wenn er es gegen die Sonne hielt . . .

Das waren nun unsere Gefährten, mit denen wir auf der Straße fuhren und in den Elendsherbergen lagen, die wir in den Seelbädern trafen, die man für die armen Reisenden da und dort hielt. Viele von ihnen waren freilich heillose Betrüger und faules Volk, es waren Diebe und Mörder, Räuber und Schnepper, von denen mancher eine Hand oder die Ohren auf dem Richtplatz gelassen hatte. Wenn ein Bauer einen solchen von der Tür wies, konnte er sicher sein, daß ihm in der Nacht darauf die Scheune oder das Haus in Flammen aufging. 173

Aber da waren auch unendlich viele, die wider ihren Willen durchs Land fuhren, Menschen, denen die Straße fremd war und fremd bleiben mußte, die mit aller Begier an einem Fleck Erde hingen, der ihnen Heimat war, auch wenn er ihnen noch so karg und hart gewesen. Aber die Heimat war verloren, sie waren aus ihr verstoßen durch die Grausamkeit der Herren, die kein Erbarmen kannten. Sie wanderten dahin, ohne Hoffnung, in stumpfer Verzweiflung, sie bettelten stumm, ohne die jammernde Demut der erfahrenen Bettler, die der mildtätige Spender so gern sah. So war es allzeit zu wenig, was sie erlangten, der würgende Hunger ihr ständiger Genoß. Wir fanden sie oft am Straßenrand sitzend, müde und erschöpft, nicht mehr imstande, sich weiterzuschleppen, sie kauerten auf dem Boden, die Köpfe hingen ihnen müd auf die Brust. Und sahen sie schon je einmal auf, wenn einer vorüberging, und streckten sie langsam die Hände heischend aus, so lag in ihrem Blick die trostlose Gleichgültigkeit gegenüber allem, was Leben hieß, die nur mehr den Tod erwartete und ersehnte. Und wir fanden sie, in jenem furchtbaren Winter des Jahres vierzehn, in dem Rhein und Donau so fest zufroren, daß man mit schweren Wagen auf ihrem Eis fuhr; wir fanden sie in ganzen Scharen an den Straßen kauernd, am Morgen, hart und steif, daß man sie nicht mehr bewegen konnte, und in den glasigen Augen, die keine Hand geschlossen hatte, lag noch die letzte, todmüde Anklage gegen Gott und seine Welt, in der Schicksale möglich waren wie das ihre . . . So fanden wir einmal die Walpurg Lehnerin mit ihren drei kleinen Kindern. Die war das Weib eines Bauern gewesen, der dem Herrn von Eppstein eigen war. An einem Tag im Mai, da die Krebse sonderlich schmackhaft sind, hatte er in einem Bach, der dem Herrn gehörte, ein paar von den Scherentieren gefangen. Der Herr ließ ihn greifen und schickte nach Frankfurt hinein, um den Henker, daß er dem Lehner den Kopf abschlage. Die vom Frankfurter Rat lachten dem Boten ins Gesicht: ob sein Herr den Verstand verloren habe? Aber der von Eppstein mußte Blut 174 sehen. Er ließ sich für teures Geld von anderswo den Henker kommen und der Lehner wurde geköpft. Sein Weib und die Kinder wurden ins Elend gejagt . . . Das erstemal trafen wir sie im Wald; sie hatten sich in einer Grube unter das dürre Laub verkrochen, und als wir kamen, hoben sie zitternd und weinend die Hand auf und beteuerten, daß sie kein Holz genommen, kein Wild gefangen hätten. Sie hielten uns in ihrer Angst für Heger eines Herrn. Damals konnten sie noch weinen . . . Und wieder einmal und noch einmal begegneten wir ihnen; immer abgezehrter und müder, glichen sie nur mehr grauen Schatten. Sie weinten nicht mehr, sie jammerten nicht mehr, sie bettelten kaum mehr. Bis dann zuletzt – da sie erfroren an der Straße hockten, die Kinder an die Mutter gelehnt, das jüngste in ihren Schoß gewühlt. Die Leichen waren so hart geworden wie Stein . . . Fern im Feld heulten die Wölfe.

»Sollen wir beten über die Armen?« fragte ich.

»Fluchen!« sagte Giers Hammer.

Wer einmal aus dem Geleise geriet, wer aus Zunft und Gilde, von Hof und Acker kam, war verloren; er war drunten im Staub, war selber zu Staub geworden, den die Mächtigen unter die Hufe ihrer Rosse traten. Er kam nimmer und nie mehr wieder in die Ordnung der Welt, in die Reihe der Sicheren und Heimbürger, die am Herd sitzen. Er sank, sank tiefer mit jedem Jahr und Tag, bis jener letzte kam. da er am Wegrand niederbrach und merkte, daß es zuende war mit allem Hoffen, das immer noch kümmerlich in einen. Winkel seines Herzens wie ein armseliger Funke glomm. Er sank an die Erde hin, die kühl ihm entgegenwuchs, vor seinen Augen erdunkelte das Weit der Welt und sein Herz wurde still . . .

Es war ein tötlicher Bruch in dieser Welt, ein Unrecht, das zum Himmel um Rache schrie. Die Tische des Lebens waren nicht für alle gedeckt, wenigen nur boten sie Überfluß, wenigen gaben sie genug, die allermeisten gingen leer aus. Sie waren es, zu denen wir gesandt waren, denen wir die heimliche Kunde 175 zuflüstern sollten, daß die Bauern von neuem aufstehen wollten, das Herrenjoch abzuwerfen, und daß wir dazu auch ihrer Hilfe gewärtig seien, wenn der Ruf über Land flog. Dann sollten die Bettler, die Gaukler und Fahrenden aller Art, Brand anlegen, Verwirrung stiften, Stadttore öffnen, die Bürger einschüchtern. Bis dahin mußten sie uns Botendienste tun, denn sie fuhren unbehindert auf allen Straßen, ihnen mißtraute niemand, von ihnen forderte keiner Geleitbrief und Schutzbefehl. Darum hatten auch wir untertauchen müssen in den Reihen der Fahrenden, hatten wir zum Schein zu Bettlern werden müssen, waren auch unsere Taschen nie ganz leer, heischten wir auch nicht vor den Türen das Brot.

Die Hauptleute der Bettler, deren jeder über eine Landschaft gebot, denen die Fahrenden alle zinsen mußten, waren mit uns im Bund. Zweitausend Gulden waren ihnen dafür gewiß, daß ihre Scharen auf ein Zeichen hin losschlagen sollten. Da war der Lorenz von Pforzheim, ein junger, starker Mann, der fast das ganze Jahr über beinahe nackt umherlief und in den Gassen laut brüllend in St. Cyriaks Namen um Almosen schrie. Am rechten Ellbogen hatte er eine große, schwärende Wunde, die er nie zuheilen ließ. Damit entsetzte er die mitleidigen Weiber so sehr, daß sie gern gaben, nur um des scheußlichen Anblicks los zu sein. Der Leonhard Grab hatte ein kleines Mädchen bei sich, dem er nach Art der Klenkner die Füße so einband, als hätte sie gar keine mehr. Am Hut trug er die Bilder der vierzehn Nothelfer, in Blei gegossen, das Bild Unserer Frau und von St. Ottilien. Er hatte einen riesenlangen Rotbart, der schrecklich anzusehen war, und in seinem dicken Knotenstock war ein Dolch versteckt. Da war der Wülflen aus Salzburg, der hatte ein gewaltiges Messer, wie es die Metzger brauchen. An der Klinge war Blut eingetrocknet. Das sei das Blut seiner Frau, die habe er im Zorn mit dem Messer zu Tode geworfen. Aber es war eitel Hühnerblut . . . Um den Mord zu büßen, fahre er nun als Bettler, erzählte er, und man gab auch ihm reichlich. 176

Von den Hauptleuten empfingen wir Botschaft und wir trugen sie weiter an die Oberen des Bundes.

Mit all diesen Menschen lebten wir und mußten wir leben. Es war oft hart, mit ihnen zu sein; der Gestank ihrer schmutzigen Lumpen, der furchtbare Geruch ihrer eiternden Wunden, all das war kaum zu ertragen. Und doch wurden auch diese Menschen uns mit der Zeit lieb und freund. Sie waren alle eine große Gemeinschaft, die eine, einzige Sippe der Elenden und Mühsamen. Alle miteinander im Bund, jeder bereit, dem andern zu helfen. Das geschah ohne Bitte und ohne Dank, es wurde kein Wort darüber geredet, und gerade das war schön und oft wunderbar rührend. Wir haben es nicht selten gesehen, daß ein Armer sein einziges Stück Brot mit einem andern teilte, den er nie zuvor gesehen, und der gar nichts hatte.

Aber die liebsten unter den Fahrenden waren uns andere. Das waren Leute, die nicht in den Mauern der Städte hausen konnten, wo das Leben hinlief zwischen Zunft und Stand, eingeengt in tausend Regeln und Gesetz. Ihre Geliebte, der sie ewig nachgingen, war die blaue Ferne, das ewige Irgendwo und Nirgendwo. Und für dies freie Leben auf den Straßen taten sie alles, dafür betrogen und stahlen sie, verübten sie tausend kleine Schändlichkeiten, aber das alles mit einem kindlich unbeschwerten Gemüt, ohne rechtes Bewußtsein, daß sie Böses taten. Und dafür, daß sie an einem sonnigen Sommertag an einem Waldrand sitzen und einsam auf der Flöte blasen durften, von niemand geheißen, von niemand gelohnt – außer von Gott, der ihnen denn auch sonderlich gern zuhörte – dafür nahmen sie willig ein Leben der Not und Entbehrung auf sich, und einen schlimmen Tod am Straßenrand.

Da wanderten wir einmal über die Waldberge der Eifel hin, in einem sonnig warmen, frühen Herbst. In viel Bauernhöfen waren wir eingekehrt, hatten Verbündete getroffen, Botschaft empfangen und weitergegeben. Wir kamen an den heimlichen See von Maria Laach, schlenderten am Ufer hin und sahen uns 177 um nach einem Ort zur Mittagsrast. In mildem Glanz lag der Sonnenschein über See und Wald, es war still ringsum, wir waren erfüllt von einem seltsamen, tiefinneren Glück, und hätten doch nicht sagen können, worin es bestand. Es war vielleicht das wohlige Genießen des seligen Sonnentages, des zart blauen Himmels, der Wärme – wir dachten darüber nicht nach. Wir lächelten leise und gingen langsam, fast schleichend, dahin, als fürchteten wir, durch ein lautes Wort, einen harten Tritt, das scheue Glück zu verschrecken, das uns die leuchtende Stunde gab.

Da hörten wir plötzlich Musik; es war eine Geige, eine Flöte war dabei, ein Triangel, eine Sackpfeife. Sie klang aus dem Wald her, verträumt und verloren, und wurde wundervoll eins mit dem warmen Sonnenschein, dem blinkenden See, mit dem wehen Spiel der letzten Falter, die immer noch durch die Luft schaukelten, als wäre es voller Sommer, und denen doch schon die Müde und das Sterben in den Flügeln lag . . .

Wir horchten still, wir schlichen leise hindann und kamen zu einer kleinen Lichtung am Ufer. Da stand ein Karren, wie ihn die fahrenden Gaukler haben, ein paar kleine Pferde grasten dabei. Ein Feuerlein gloste unter einem Eisenkessel, bei dem eine ältere Frau kniete und im Essen rührte. Und ringsherum, am Waldrand, aus einem Uferstein, auf der Deichsel des Wagens, saßen die Musikanten: der Vater spielte die Geige, eine Dirne von etwa achtzehn Jahren die Flöte, ein halbwüchsiger Bube blies auf dem Dudelsack, und ein Mädchen, halb noch ein Kind, schlug das Triangel, daß es feine, silberhelle Töne gab. Dazu lächelte sie froh, sie wiegte den mageren Körper im Takt und summte und sang eine Melodie, die wunderlich querhin durchs Spiel der Instrumente lief und doch sich dazu fügte, als wären Geige und Flöte nur für dies Lied gewesen.

Das Kind sah uns zuerst, aber es erschrak nicht, es lächelte uns zu. Das merkte der Vater, blickte zu uns her, er stutzte, aber er spielte weiter, und so taten es auch die anderen Musikanten; die Mutter am Feuer ließ sich auch nicht beirren. 178

Wir standen still und horchten mit geneigtem Gesicht, es wurde uns wunderbar weh und süß zumut. Als das Spiel zuende ging, waren wir traurig darüber. Wir traten zu den Fahrenden, gaben ihnen Gottes Gruß und setzten uns zu ihnen. Wir holten unser Essen hervor, das wir damals reichlich hatten, und die Mutter tat das Rauchfleisch mit in den Kessel.

Langsam begannen wir miteinander zu reden und erfuhren, daß die Musik, die wir angehört, die Sonntagsfeier der Gaukler gewesen sei. »Wenn wir fernab von einer Kirche sind, spielen und singen wir Gott zu Lob unsere besten Stück und hoffen, daß ers wird gnädig annehmen statt einer Mess' . . .«

»Er hört es sicherlich lieber als das Meßheulen der Pfaffen, die dabei schon des üppigen Sonntagsmahls denken und der vollen Humpen Wein . . . Aber das Essen ist noch nicht gar: wollt ihr nicht noch ein Stücklein spielen, daß auch wir an eurem Gottesdienst teilhaben dürfen?«

Der Alte setzte die Geige wieder an und begann, Flöte und Sackpfeife fiel ein und das Kind mit dem Triangel schlug dazu den silbernen Takt. Und dabei lächelte es immerzu uns freundlich an, sonderlich von mir wandte es kaum die Augen. So gingen unsere Blicke hin und her und es war ein süßes, keusches Spiel zwischen uns. Das Mädchen war noch ein Kind, es hatte sicher noch nie von Liebe erfahren; und doch regte sich in ihm unbewußt das erste Verlangen, verwob sich mit dem sonnigen Tag, der ruhvollen Rast am See und dem Glück des Daseins, dessen Leid und Leiden es noch nicht kennen mochte.

Als das Spiel zuende war, zog ich aus der Tasche ein Bündel Papierblätter hervor. Darauf hatten wir, vor Jahren in Ulm, etliche von den Reden und Predigten des Meisters Eckehart uns abgeschrieben. Daraus lasen wir oft den Bettlern und Armen vor, mit denen wir fuhren, und wir verwunderten uns immer wieder, wie gut sie die abgründigen Lehren des Meisters faßten, vielleicht nicht mit dem Verstand, aber mit Herz und Gemüt. 179

So las ich den Gauklern auch heute eine Predigt des Meisters, und sie saßen still horchend, mit großen Augen, aus denen es manchmal freudig lächelte. Und als ich fertig war, murmelte der Vater ein Gelts Gott!

Die Mutter teilte das Essen aus, wir saßen ums verglosende Feuer und hatten alle genug und waren dankbar dafür. Nachher streckte der Alte sich langhin, ein wenig zu schlafen, die Mutter und das ältere Mädchen wuschen den Kessel, der Bube verlief sich im Wald. Giers wollte auch schlafen. Ich aber ging langsam am Seeufer hin, ich mochte jetzt für eine Weile nicht mit Menschen sein. Aber ich war noch keine zweihundert Schritt weit, da kam hinter mir etwas gelaufen, und das kleine Mädchen war bei mir, fragte mich mit den Augen, ob es mit mir gehen dürfe, und lächelte mir zu. Ich nickte, sie kam näher und legte etwas schüchtern die Hand in die meine, und so wanderten wir langsam selbander dahin in die unendliche Stille, in das Schweigen des Mittags hinein.

Das war der Herbst . . . Die Sonne lag voll und warm, aber doch schon mild und merklich verschleiert über dem runden See, den rings die weichen Hügel umsäumten, den keine Welle, kein Windstreif überlief. Allseits die Wälder waren wie schwellende Kissen, sie trugen in ihrem Grün schon viel gelb und rostrote Farben. Und der Himmel war zart lichtblau, durchsonnt und durchleuchtet. Ganz fern, drüben, lag die mächtige Abtei, die wir heut morgens im Vorübergehen betrachtet, aber sie lockte mich nicht.

Ich weiß nicht, wie lange wir so gingen, ich und das Kind, langsam, lächelnd, immer am Rand des Sees entlang, immer am Wasser hin, träumerisch genießend, immer am Rand des stillen Wassers hin. Wir sahen zur Rechten die kühle, reglose Flut, in der es manchmal von einem leisen Fischlein huschte, wir sahen zur Linken den einsam verlorenen Wald, um dessen Geäst sich schon die weißen Spinnwebfäden schlangen, wir sahen ober uns den durchhellten Himmel. 180 Ich hielt in meiner Hand die kleine Hand des Mädchens. Wir redeten auf dem ganzen Weg kein Wort miteinander. Wenn manchmal unsere Blicke einander begegneten, lächelten wir bloß stille eins dem andern zu. Die nackten Füße des Kindes liefen lautlos neben mir, kein dürrer Zweig brach unter ihrem Tritt – ich hätte, wäre nicht die warme Hand in der meinen gewesen, glauben können, daß nur ein wacher Traum, ein Scheinbild neben mir herging.

So schlenderte ich hindann, Schritt für Schritt, es war wie ein Gehen in vergessene Weiten der Vergangenheit; und immer mehr und mehr wurde es mir, als ginge ich nicht mehr am Ufer des Sees dahin, sondern durch ein sehr merkwürdiges Land, in dem die Wege Jahre sind und man es im Belieben hat, ob man nach vorwärts oder rückwärts gehen will. Jetzt ging ich zurück, wanderte durch verlorene Jahre der Kindheit, der Jugend, der Manneszeit. Ich wußte, daß in meinem Haar schon manche Fäden grau geworden. Vom Leben war ein guter Teil dahin, und vielleicht der beste schon. Daß ich hier im stillen Glück des Tages schreiten, daß ich mit lächelnder Seligkeit die Hand eines Kindes halten konnte – war dies nicht alles schon – – der Herbst?

Vielleicht wußte ich das kaum mit wachem Sinn. Vielleicht war der einzig klare Gedanke in diesem wunderfeinen und doch schmerzvollen Wandern der, daß eigentlich mein ganzes Leben ein solches Wandern – am Ufer gewesen sei. Nicht ins Leben hinein, zu den Menschen, nicht in die Tiefen der Kunst, kaum zur Liebe – immer nur irgendwohin, immer am Rand, nur immer am Rand . . . Ich war kein großer Bildschnitzer oder Steinmetz geworden, wie ich vor vielen Jahren es einmal heiß ersehnt, ich hatte dann und wann ein Weib in die Arme genommen – aber die große, heiße Liebe hatte ich nie empfunden. Eine jede war mir wieder entglitten, wenn wir den Becher zusammen getrunken . . . Ich war auf den hohen Schulen gesessen und hatte mancherlei studiert, aber ich hatte es wieder gelassen, 181 es war nicht das, was ich suchte. Ich hatte um Gott und die ewigen Rätsel des Lebens gegrübelt, aber die Antwort auch hier nicht gefunden. Und ich war nun seit Jahr und Tag unterwegs, war arm mit den Armen, war zum Boten der Befreiung geworden, wollte helfen und Licht bringen – auch hier nur einer der Vielen, Kleinen, der nebenher lief. Ich ging immer neben Giers Hammer, bewunderte seine Gedanken, säte sie unter die Vielen aus, und ich merkte über all dem, heute vielleicht zum erstenmal deutlich, daß es Herbst zu werden begann. Über mir blaute noch immer der Himmel, aber nicht mehr tief und satt wie im Sommer; neben mir ruhte still und verträumt der spiegelglatte, runde See, um den man im Kreis gehen konnte, immerzu im Kreis . . . Immer am Rand entlang . . . Und irgendwo, dort im Leben wie hier am See, wartete still und kühl, einsam und verloren, der große Dom . . . Einmal kam man hin . . .

Eine leise Bewegung der Kinderhand zwischen meinen Fingern ließ mich aufsehen. Die Sonne neigte sich stark gegen West, der Abend war nicht mehr fern. Ich blieb stehen – wir mußten umkehren, den Weg zurück, aus dem Traum wieder zurück ans Ufer des Laacher Sees, zu den Menschen. Das Kind sah zu mir auf, ein wehmütiger Zug kam über ihr Gesicht, daß unser Wandern ein Ende haben sollt. Da fragte ich sie, das erste Wort zwischen uns: »Wie heißt du, Kind?« – »Gret«, sagte sie. »Gretli«, sagte ich ihr nach und sie lachte mir glücklich zu, daß ich ihren Namen liebkosend verändert hatte.

Ich beugte mich zu ihr nieder, sie sah mich plötzlich sehr ernst und fast erschrocken an, aber sie legte die dünnen Arme um meinen Nacken. So küßte ich sie auf die Stirn und die Augen, und zuletzt auf den Mund. Sie hielt die Lider geschlossen, lang, wie in Andacht, dann gab sie mir wieder die Hand und wir wanderten unseren Weg zurück – wir redeten kein Wort mehr miteinander . . . 182

 


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