Eduard Graf von Keyserling
Die dritte Stiege
Eduard Graf von Keyserling

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XIX.

Clementine Würbl beging ihren achtunddreißigsten Geburtstag. Die Feier beschränkte sich zwar nur auf einen Malvenkranz, den das Dienstmädchen um Clementinen's Seifdose gewunden hatte und auf einen Strauß, den Dr. Beckrath ihr verehrte. Der Tag war ihr ohnehin zuwider; er war doch nur eine Gelegenheit mehr, um nachzurechnen, wie leer und unnütz achtunddreißig Lebensjahre verstrichen waren. Frau Würbl fragte ihre Tochter heute sehr oft: »Tini! wie alt bist Du heute?« Trotz ihres schlechten Gedächtnisses wußte die alte Frau das gewiß ganz gut, aber je älter sie wurde, um so mehr liebte sie es, einem jeden etwas Unangenehmes zu sagen.

Clementine zog die Augenbrauen empor und antwortete: »Achtunddreißig – Mutter. Sie wissen's ja.«

– »Achtunddreißig – schon,« meinte dann Frau Würbl.

Die Fenster durften nicht mehr geöffnet werden, denn die Oktoberluft war zu kalt; so brach der Abend – nach Clementinen's Begriff – die ödeste, leerste, traurigste Tageszeit schon um fünf Uhr Nachmittags an.

Frau Würbl saß in ihrem Wohnzimmer beim Schein der Petroleumlampe, bewegte herausfordernd ihren Unterkiefer und starrte mit den trüben Porzellanaugen vor sich hin. Clementine häkelte. Gesprochen wurde nur, wenn Frau Würbl etwas Bitteres einfiel.

»Die Lina hat sich heute freigebeten.«

– »Ja – Mutter.«

»Da wird sie sich natürlich die ganze Nacht umhertreiben.«

»Das weiß ich nicht. Vielleicht.«

– »Wo steht das Glas mit dem Riebiseleingesottenen, das Du heute Mittag herausgeholt hast?«

»Im Kasten – natürlich.«

»Der Schlüssel steckt wohl davor?«

– »Augenblicklich – allerdings.«

– »Nun, dann wird die Anna wohl wahrscheinlich die ganze Geschichte aufgeputzt haben.«

»Bisher jedenfalls nicht; ich hab' es eben noch gesehen.«

»Das glaube ich gar nicht.«

Clementine zuckte mit ihren spitzen Schultern, daß alle Goldsächelchen klirrten. Das war ihre Art, das letzte Wort zu behalten.

»Kommt der Doctor heute?« fragte Frau Würbl nach einer Pause.

»Nein, heute nicht – wie er sagte.«

– »Der fängt auch schon an, sich des Abends in Kneipen herumzutreiben.«

– »In Kneipen gewiß nicht.«

– »Wo sonst? Seine Heirathsgedanken scheinen ihm auch übergegangen zu sein. Wie alt sagtest Du doch, daß Du heute geworden bist?«

Auf diese Frage antwortete Clementine heute nicht mehr. So ging es fort, bis Frau Würbl sich zu Bett begab und ihre Abendmahlzeit einnahm. Später spielte sie mit dem Dienstmädchen Anna Sechsundsechzig.

Clementine häkelte eifrig fort. Sie mißbilligte das Spiel mit der Dienstmagd, denn sie fand es gemein, dennoch warf sie zuweilen einen Blick in Anna's Karten, zählte die Stiche und freute sich, wenn ihre Stiefmutter verlor, sich ärgerte und sich böhmisch mit dem Mädchen zankte.

Anna gab aber heute durchaus nicht acht, denn sie wollte, sobald die Herrschaft schlief, sich fortschleichen und im »Stillen Zecher« im Prater tanzen.

Endlich schob Frau Würbl die Karten bei Seite und kehrte sich schwerfällig der Wand zu. Anna verschwand.

Clementine ging noch eine Weile ruhelos im Zimmer auf und ab. Die Nichtigkeit ihres Lebens lastete heute doppelt schwer auf ihr. Sie hätte weinen mögen. Das Beste war wohl, sie legte sich nieder. So im Finstern, die Bettdecke bis an das Kinn emporgezogen, gelang es ihr zuweilen, ihre Gedanken in angenehmere Bahnen zu zwingen, an Begegnungen auf der Stiege mit dem Dr. Klumpf, der wie Hans Heilig aussah – oder mit dem Herrn von Brückmann, oder an die Beichte bei dem jungen Priester der Maria Stiegener Kirche zu denken. Heute jedoch klang es ihr unablässig in den Ohren: Achtunddreißig Jahre! Noch wenige Jahre und sie war eine alte Frau; dann war es zu spät, um etwas Hübsches zu erleben; dann kam die Zeit, da sie auf den Tod warten, sich vor dem Sterben fürchten würde, wie ihre Stiefmutter. Ja, der Tod! Ein ganz leeres Leben und nun noch der Tod am Ende! Sie drückte sich fester in die Kissen, sie fürchtete sich und zwang sich, an etwas Anderes zu denken. Nein, so furchtbar traurig konnte kein Menschenleben sein; gewiß, sie würde noch etwas Großes erleben. Darüber schlief sie ein.

Sie mochte einige Stunden geschlafen haben, als sie wieder erwachte, sie wußte es selbst nicht wovon. Ein Ton war es gewesen, der sie weckte, oder hatte ihr nur geträumt? Es war noch finster... da war er wieder, dieser Ton; ein Knacken des Fußbodens, ein leises stumpfes Geräusch, ging Jemand in Strümpfen im Nebenzimmer ab und zu – – jetzt stieß Jemand an den Tisch, ein deutliches Flüstern ward vernehmbar.

Clementine verkroch sich unter die Bettdecke, sie mochte nichts sehen und nichts hören, denn Diebe waren dort nebenan, und wenn die bemerkten, daß hier einer wachte – so erging es ihr schlimm. Wo war nur Anna? O! die war gewiß nicht zu Hause! Wenn eines der Dienstmädchen Ausgang hatte, so schlich sich die Andere bei Nacht auch davon... Aber so stille halten in der Angst, wurde auf die Dauer unerträglich.

An Clementinens Schlafgemach stieß ein kleiner, fensterloser Raum, in welchem das Tischgeräth aufbewahrt wurde; aus diesem Raum führte eine Thür in das Wohnzimmer. Clementine beschloß, an diese, nur halb angelehnte Thür zu schleichen und einen Blick in das Wohnzimmer zu werfen. Es war ihr selbst unbegreiflich, daß sie den Muth dazu fand, sie mußte es jedoch thun, es war stärker als sie. Zitternd stieg sie aus dem Bette.... schlich zur Thüre.

Das Knarren und Rascheln nebenan dauerte fort; jetzt hörte sie deutlich, wie eine Thürklinke sachte heruntergedrückt wurde. Ihre Angst wurde so groß, daß sie durch die Thürspalte nicht hindurch zu schauen wagte, aber auch der Rückweg bis zum Bett war zu gefährlich. Bebend kauerte sie nieder, schloß die Augen und betete ganz mechanisch: »Sei gegrüßet, Maria – gebenedeiete unter den Weibern...« Es war ihr, als gewahrte sie durch die geschlossenen Lider hindurch einen Lichtschein und als sie die Augen öffnete, sah sie wirklich einen schmalen Lichtstreif durch das Zimmer fallen, er endete an der Thüre ihrer Stiefmutter.

Clementine dachte an nichts mehr – sie fühlte nichts mehr, sondern folgte den Vorgängen regungslos, als ließe sie die Schrecken eines bösen Traumes über sich ergehen.

Eine Gestalt schlich durch das Zimmer mit dem stumpfen, huschenden Ton von vorhin. Einen Augenblick kam sie in den Bereich des Lichtstreifens. War das ein Mensch? Ein Gesicht war da, es war jedoch zur Hälfte schwarz – – Clementine sah einen gekrümmten Rücken, zwei lange Arme und das Ganze schwankte auf lautlosen Sohlen hin und her, als führe es einen wunderlichen Tanz auf... Plötzlich bewegte sich der Lichtstreif und verschwand im Zimmer der Frau Würbl.

Das Wohnzimmer war leer, nur schwach erleuchtet von dem Licht einer Straßenlaterne, welches durch die Vorhänge herein drang und lange verschwommene Schatten auf den Fußboden malte.

»Jetzt könnte ich fliehen,« schloß es Clementine durch den Kopf. Sie nahm all' ihre Kraft zusammen. Doch wie? auf dem Fußboden regte sich etwas. Einer der langen, verschwommenen Schatten schwankte sachte hin und her... dort jener! Unförmig ragte er in das Zimmer herein – mit seinen runden Umrissen... und plötzlich trennte sich ein längliches Schattenstück von der übrigen Masse ab und fuhr nach dem Oberende des Schattens. –

»Großer Gott... es kratzt sich den Kopf!« Heftiger Frost schüttelte Clementine; sie biß die Zähne fest aufeinander, damit sie nicht hörbar aufeinander schlügen. »Also auch der letzte Ausweg versperrt.«

In Frau Würbl's Zimmer ward leise, aber eifrig gearbeitet, es klang, als würde ein Bett gemacht, dann wieder wie das Knappern von Ratten. Wie lange das dauerte, wußte Clementine nicht. Endlich erschien der Lichtstreif wieder, wieder tänzelte die Gestalt mit dem schwarzen Gesichte vorüber. Jemand flüsterte: »Gehen wir zur Anderen auch?« Da packte die Angst Clementine so furchtbar, daß sie besinnungslos liegen blieb...

Als der Morgen graute, erwachte Clementine aus ihrer Ohnmacht, dennoch blieb sie wie festgebannt auf ihrem Platz. Im Wohnzimmer standen die alten Möbel, die Kissen, das Waschbecken in gewohnter Ordnung im verdrießlichen Lichte des anbrechenden Tages da. Ueberall die alltägliche Ruhe, die Clementine sonst so zuwider war, und doch... jetzt wohnte etwas hier, das alles veränderte; dort obenan – hinter der halboffenen Thüre – was lag dort? Was war dort geschehen? Regungslos auf dem Fußboden kauernd, starrte Clementine mit weitoffenen Augen jene Thüre an.

Endlich regte es sich in der Küche. Die wohlbekannten Stimmen der Dienstmädchen wurden laut.

»Anna –« rief Clementine.

Das Mädchen war erstaunt, das Fräulein dort zu finden, ja, es ängstigte sich offenbar vor dem Fräulein, weil dieses gar so sonderbar aussah.

Lina kam herbei.

»Es ist etwas Entsetzliches geschehen,« flüsterte Clementine.

»Jesus, Maria, Joseph – – was ist denn geschehen?« rief Lina.

»Sie ist närrisch,« meinte Anna.

Clementine aber brach in heftiges Weinen aus – und berichtete verworren – wie im Fieber sprechend, was sie gesehen. »Und dort,« schloß sie, nach Frau Würbl's Zimmer weisend, »was dort ist – – weiß ich nicht.«

Aengstlich drängten sich drei Frauenzimmer aneinander; keine wagte in jenes Zimmer zu gehen.

»Ich hol' den Hausmeister,« beschloß Lina endlich.

Als man in das Zimmer der Frau Würbl ging, fand man sie, den Kopf mit Kissen bedeckt, erstickt in ihrem Bette liegend. Der Geldschrank war aufgebrochen und geleert worden.


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