Hans Hoffmann
Der eiserne Rittmeister
Hans Hoffmann

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Drittes Kapitel

Hartmut wird von seiner Schwester wiedergefunden; ein Küster bewirbt sich um einen Tugendpreis und bringt Neues an den Tag.

Dr. Hartmut Hammer rang im Bette seinen alltäglichen bittern Morgenkampf zwischen der Pflicht des Aufstehens und der lockenden Lust des Weiterträumens; derselbe ward heute noch erheblich verschärft durch die stillen Nachwirkungen reichlich genossenen Rheinweins. Kopfschmerzen hatte er nicht, auch im Magen empfand er eine ruhige Friedensstimmung; nur eine sehr große Leibesträgheit stand in einem heftigen Widerstreit mit allerhand tanzenden Phantasiebildern, die ihn zu ungewohnter Tatenlust mitreißen wollten.

Aus diesem halb schmerzvollen, halb beweglichen Zwiespalt ward er aufgestört durch den unerwarteten Ton einer gar bekannten weiblichen Stimme, die nicht weit von seiner Tür fragte:

»Schläft er denn immer noch?«

»Hildegard!« rief er fast erschrocken aus, »aber wie kann sie jetzt schon hier sein?«

Und nun sprang er auf, kleidete sich mit staunenswerter Eile an und trat suchend aus seinem Zimmer.

Er fand die Schwester an einem Frühstückstische auf dem Hofe des Gasthauses. Dieser Hof war von besonderer Art. Nicht größer als ein geräumiges Zimmer und auch so sauber gehalten wie ein solches, mit glänzenden Fliesen gepflastert, war er von so hohen Wänden umschlossen, daß oben das hereinblickende Himmelsblau fast wie eine feste Decke aussah und einige frei herumflatternde Kanarienvögel gar nicht auf den Gedanken an die Möglichkeit einer Flucht zu kommen schienen. Allerhand sehr altertümliche Gegenstände schmückten dies offene Hochgemach, Blumentöpfe, Becken und dergleichen 65 von wunderlicher Form, zwischen denen eine ganze Herde niedlicher Meerschweinchen Versteck spielte; gerade in der Mitte stand, etwas erhöht, ein künstliches Schiffchen von längst entwöhnter hochbordiger Bauart: es schien mit vollen Segel über die spiegelnde Fläche dahinzugleiten; in einer Ecke aber war ein zierliches Leinwandzelt befestigt, und unter diesem thronte auf einem behaglichen Korbsessel ein sehr anmutiges Fräulein mit strahlenden braunen Augen und suchte nicht ohne Erfolg die Meerschweinchen und die Kanarienvögel zu sich heranzulocken.

»Hildegard!« rief Hartmut, freudig auf sie zueilend, »aber wo kommst du schon her? Ich konnte dich nicht vor heute nachmittag erwarten.«

»Ja, das hat auch seine besondere Bewandtnis«, erklärte sie lächelnd nach herzlicher Begrüßung, »ich hatte natürlich gleich mein Abenteuerchen, sobald ich deines Schutzes ledig war, und du hättest sogar gestern schon lange vor Abend das Wiedersehen mit mir feiern können, wenn du nicht in rätselhafter Weise verschwunden gewesen wärest. Ich gestehe, daß ich mich ein wenig geängstigt habe; niemand wußte etwas anderes von dir, als daß du langsam die Straße hinab und wahrscheinlich zum Tore hinausgewandert seiest. So vermutete ich, daß du draußen irgendwo vielleicht unter einem Baume einem neuen philosophischen Gedanken zum Opfer gefallen seiest und Ort und Zeit und Reisezwecke darüber vergessen habest. Zum Glück war ich so müde, daß ich vor der Zeit auf meinem Sofa einschlief und erst in tiefer Nacht erwachte, als deine glückliche Heimkehr schon festzustellen war. Aber nun erzähle, wo hast du gesteckt? Oder besser, laß mich erst erzählen und tue unterdessen das Nötigste für deinen Magen, denn ich wette, du hast gestern auch das Abendbrot vergessen. Man darf dich wahrhaftig so wenig allein lassen wie mich: jeder macht sonst Streiche auf seine Art!«

Während sie so plauderte, hatte sie dem Bruder Tassen und Teller fürsorglich zurechtgerückt; er bemerkte jetzt auf einmal, daß sie das alles mit der Linken tat und die Rechte geflissentlich unter dem Tische verborgen hielt. Neugierig hob er sich 66 auf und spähte über den Rand; da entdeckte er, daß sie die Hand mit einem Tuch umwickelt trug.

»Was ist das, Hildegard?« fragte er bestürzt, »du hast dir doch keinen Schaden getan?«

»Ja, das ist eben mein Abenteuer!« erwiderte sie heiter, »eine kleine Quetschung allerdings oder wie man's nennen will, doch ganz ohne Bedeutung und nicht einmal genug, mich ein bißchen interessant zu machen. Also frühstücke und höre!«

Er gehorchte, und sie begann.

»Kaum hattest du mich in Dirschau mir selbst und der langen Weile überlassen, als das Schicksal auch schon für meine Unterhaltung sorgte. Ein sonderbarer Reisezug kam vorgefahren, nämlich ein Herr von etwas wunderlichem Aussehen, bequem in einer schönen Kalesche sitzend, und eine stattliche recht wohlbeleibte Dame zu Pferde daneben trabend – also recht eigentlich die umgekehrte Welt, wider alle Regeln der Schicklichkeit. Ich erfuhr von dem Gastwirt, die Herrschaften kamen gerade aus hiesigem Ort, die Dame, um nach Karlsbad weiter zu reisen, der Herr, ein Arzt, um sie hier einem Kollegen zur fürderen Begleitung zu übergeben. Sie pflege in solcher Art von Ort zu Ort zu reisen und also gleichsam ärztlichen Relais zu nehmen, übrigens immer zu Pferde, das sie mit dem Doktor zugleich wechsle, als eine kräftige Vorbereitung ihrer Karlsbader Kur.

Nach dieser Belehrung bat ich den Wirt, mich mit dem Arzte bekannt zu machen; da konnte ich bequem erkunden, wie es mit meinem Aufenthalte hier beschaffen sein würde. Da hörte ich nur das Beste, es sei nicht der geringste Grund zu einer Befürchtung, und der Herr Physikus bot mir nach einer kurzen Unterredung einen Platz in seinem Wagen an, da er sogleich zurückkehre. Ich zauderte erst ein wenig, denn die Wahrheit zu sagen, der Mann gefiel mir nicht sonderlich als Reisebegleiter. Zwar warum er neben der berittenen Dame sich fahren ließ, begriff ich nun: er war sehr kränklichen Aussehens und garstig durch die Gicht verkrümmt, daher ganz greisenhaft im Auftreten, obschon er die Fünfzig noch nicht weit mag überschritten haben. Allein was mir mißfiel, war sein 67 Gesicht, das nicht allein bitterhäßlich, sondern auch seltsam häßlich und böse aussah, so daß ich trotz der mir erwiesenen Höflichkeit gar kein Zutrauen zu ihm fassen mochte. Es war mir ein gar unbehaglicher Gedanke, neben diesem Menschen im Wagen sitzen zu sollen. Da erfand ich rasch einen Mittelweg, sagte herzhaft dankend zu, bat aber, ob ich nicht das Pferd der Dame besteigen dürfe; ich sei eine gar zu leidenschaftliche Reiterin. Das konnte ich ja mit dem besten Gewissen sagen; du selbst hast früher mein bißchen Geschicklichkeit über Gebühr bewundert –«

»Mit gutem Grunde vielmehr«, fiel Hartmut ein, »zumal in Anbetracht der wenigen Übung, die dein stilles Leben dir gewährte. Du schienst eine geborene Meisterin in dieser adligen Kunst.«

»Nun, mag es sein«, erwiderte sie lächelnd, »seiner wahren Verdienste soll man sich nicht schämen. Und doch hätte ich ohne den heimlichen Widerwillen gegen das böse Gesicht nicht leicht den Mut gehabt, mich so auf fremder Landstraße als Reiterin sehen zu lassen. Nun aber wagte ich's, richtete mir vermittels eines angesteckten Tuches ein schickliches Reitkleid her, und also ging es auf die Reise, ich immer gemächlich neben der Kutsche hertrabend.

Ich hoffte fast, dich in deiner schwerfälligen Postchaise noch einzuholen, auch wäre ich keinesfalls lange nach dir hier eingetroffen, ohne einen Zwischenfall. Nämlich gar nicht weit von hier, als wir schon die Türme und Tore der Stadt hübsch deutlich sahen, kommt uns ein Trupp Menschen entgegen: bald erkenne ich, es sind Knaben, die jedoch gleich richtigen Soldaten stramm und preußisch in Reih und Glied marschieren. Nach einiger Zeit höre ich ein scharfes Halt rufen, und der ganze Zug steht still mit einem Ruck, mitten auf der Landstraße. Ein älterer Mann wie ein Korporal tritt vor die Linie, barhäuptig, und hält eine kurze Rede, von der ich, näher kommend, gerade noch das letzte Wort verstehe, das er sehr laut hinauskrähte mit einer grimmigen oder höhnenden Stimme: Vive l'empereur! Allsogleich antwortet ihm ein jäh aufgellendes Schreien, Heulen, Kreischen, Pfeifen, ja Bellen 68 der Kinder, dermaßen entsetzlich anzuhören, auch in unserer Entfernung, und zugleich so ganz unerwartet und markdurchdringend, daß uns Pferde und Menschen zu gleicher Zeit scheu werden. Mein Rößlein bäumt heftig auf, zittert und tanzt, daß ich alle Kunst nötig habe, im Sattel zu bleiben; die Wagengäule aber ziehen urplötzlich an, der Kutscher fliegt seitwärts vom Bock, und sie in gestrecktem Galopp vorwärts auf die Stadt und zuvörderst auf die Knaben zu. Mich ergreift ein furchtbarer Schreck um die armen Kinder, denn ich sehe sie durcheinanderjagen und kollern, einige stürzen und hilflos übereinanderliegen, gerade mitten im Wege, und bald vor den Haufen und Rädern des Wagens. Da gelingt mir's, mein Pferd wieder in die Hand zu bekommen und der geschleuderten Kalesche nachzujagen. Im letzten Augenblick noch hole ich sie ein, beuge mich vor, fasse die Zügel der tollen Gäule und reiße sie seitwärts. Die Kutsche fällt in den Graben, die Tiere kommen mit Springen und Schlagen doch zum Stehen, und die Kinder sind gerettet; mein armer Herr Physikus aber liegt kläglich seitab im Feld; zum Glück im weichen Acker und ganz ohne Schaden.

Das war nun ein Heldenstück, wirst du sagen; und es war doch gar keins, und du brauchst deine Augen gar nicht so grausam bewundernd aufzutun. Denn wahrhaftig, ich wußte ganz und gar nicht, was ich tat, hatte weder guten noch bösen Willen dabei, sondern handelte vollkommen gedankenlos wie im Traum. Ich überlegte auch nicht im geringsten, was etwa daraus entstehen könnte, sondern empfand nichts als das qualvollste Mitleid mit jenen wackeren preußischen Buben; und doch habe ich sonst die Preußen noch niemals leiden können, und diese Bengel hatten jetzt wahrhaftig im Grunde nichts Besseres vollbracht als eine Ungezogenheit. Also noch einmal, ich tat's, blind zufahrend wie ein hitziges Tierchen – und das dürft ihr Philosophen mir doch nicht gar noch als Verdienst anrechnen.«

Der Bruder drückte statt der Antwort voll herzlichen Anteils ihre linke Hand und sagte dann nachdenklich:

69 »Das ist unzweifelhaft wieder jener wunderliche Rittmeister gewesen, der hier in der Stadt sein Wesen treibt.«

»Ganz recht«, fiel sie lebhaft ein, »so tituliert ihn mir mein Physikus und knüpfte an das Wort einen ganzen Schwall von Spott und Hohn und Gift, als ob von einem recht vollkommenen Narren die Rede sei: und allerdings mochte einer Närrisches genug in seinem Treiben hier draußen finden. Und doch hatte ich auch im selben Augenblick gesehen, daß eben dieser Mann gefaßt und unerschrocken vor seinen Buben den anstürmenden Pferden entgegenstand und sie ohne Zweifel gebändigt haben würde, wahrscheinlich zum großen Vorteil des Doktors, der keinen Luftsprung hätte machen müssen, so daß also mein Eingreifen nicht allein überflüssig, sondern offenbar schädlich gewesen ist. Ich will darum froh sein, daß mich mein Physikus den Fehler nicht entgelten ließ, sondern nur noch freundlicher gegen mich wurde. Dahingegen dieser Rittmeister sich nun wirklich recht sonderbar und närrisch, ja unartig benahm, mir zwar eine recht tiefe Verbeugung machte, dem Doktor aber bloß einen Blick voll zorniger Verachtung zuwarf und mit seinen Buben des Weges weiterzog, ohne eine Hand zu unserer Hilfe anzulegen.

»Zum Glück waren andere Leute in der Nähe, die dem anhinkenden Kutscher, der auch nicht schwerer verletzt war, den Wagen aufrichten und instand setzen halfen, indessen mein Reiseschützer und ich in einem nicht fernen Bauernhause für uns selber sorgten, das heißt, ich für das Abbürsten seiner Kleider durch eine Magd, und er für das Kühlen und Verbinden meiner Hand, die ich ein wenig an dem Stangenzeug der Gäule gequetscht und abgeschunden hatte. Drüber verging eine Stunde und mehr, wodurch es verschuldet ward, daß ich dich nicht mehr im Städtchen oder doch nicht im Gasthause anwesend fand und deine Spur für den Tag verloren geben mußte.

Dafür aber fand ich Gelegenheit, am Ende doch ein Stückchen Freundschaft zu schließen mit dem häßlichen Giftbläser; denn das muß ich nun sagen, dumm ist der Mensch nicht und langweilig auch nicht, sondern was er sagte, gab mir 70 entweder etwas zu lachen oder etwas zu denken, wenn es auch noch so wunderlich und böse klang. Ich denke, du wirst ihn nun auch kennenlernen, denn er hat mir für heute seinen ärztlichen Besuch in Aussicht gestellt; ich hoffe auch, daß ich für meine Zwecke von ihm ein wenig Nutzen haben werde. Einiges Wissenswerte habe ich schon in der Stille von ihm erkundet und würde wohl noch mehr erfahren haben, wenn ich tapferer zu fragen gewagt hätte: doch er hat so eine besondere Art, einen schlau und spöttisch anzusehen, daß man meint, er müsse einem gleich mitten in die schönsten Geheimnisse hineindringen und dann alsbald seine Gifttropfen dareinmischen.

Aber nun tu mir den Gefallen, mir den Mund zuzuhalten, damit ich endlich dazu komme, auch von deinen Erlebnissen etwas zu hören.«

Mit einem leichten Lachen schloß sie ihre Rede und preßte sich dann selbst die beiden Hände fest auf die heiteren Lippen.

Gehorsam schickte Hartmut sich an, zu berichten, doch brachte er anfänglich die Worte nur schüchtern, abgebrochen und fahrig heraus; nur stückweise kam er zu einer gewissen, doch nicht lückenlosen Vollständigkeit in der Erzählung der Dinge, die er von dem Rittmeister und den anderen gesehen und gehört hatte; dagegen erwärmte er sich mehr und mehr, als er nun endlich auf die Hauptsache kam, auf die Bekanntschaft mit dem schönen, rätselhaften Mädchen; am Ende erging er sich in den feurigsten Ausbrüchen schwärmerischen Entzückens.

Die Schwester folgte dem Bericht mit lächelnder Teilnahme, die bald lebhafter und ernster wurde, um zuletzt in hellauf jubelnde Freude überzugehen.

»Ach, Hartmut!« rief sie begeistert, »wenn das wäre! Wenn das werden könnte! Wenn auch du . . . wenn gerade du hier ein Glück fändest, das ich dir seit langem gewünscht habe von ganzem Herzen! Ein himmlischer Gedanke! Zwar begreife ich den Zusammenhang dieser schnellen Anknüpfung noch nicht ganz, irgend etwas Geheimnisvolles muß dabei unter der Decke mitspielen – oder nein, warum auch? Ist denn nicht das Wunderbarste an der ganzen Geschichte, daß du 71 blöder Zauderer so blitzgeschwind mit einem lebendigen Mädchen nicht allein Blicke, sondern auch Worte wechseln konntest? Warum also soll man bei dem Mädchen nach anderen Geheimnissen suchen?

Das ist der Liebe heil'ger Götterstrahl,
Der in die Seele schlägt und trifft und zündet . . .«

Hier ließ Hartmut plötzlich einen tiefen und schmerzvollen Seufzer vernehmen.

»Ach, Hildegard!« sagte er leise, »wie bitterlich schwer wird mir der Entschluß werden, den ich doch fassen muß, nach schwerer innerer Notwendigkeit fassen muß, jetzt sogleich und für immer –«

»Welcher Entschluß?« fragte sie mit Verwunderung, »ist das Glück denn wirklich so schwer zu ertragen?«

»Der Entschluß, die Holde niemals wiederzusehen!« erklärte er düster.

»Der Zusammenhang dieser Rede muß fürchterlich logisch sein«, meinte Hildegard, »denn er ist mir so dunkel wie die Sätze und Meinungen deines Kant.«

»Er ist so klar wie diese«, versetzte Hartmut, »ich darf sie nicht wiedersehen, weil . . . weil . . . zu fürchten ist, daß sie . . . daß sie mich . . . so unbegreiflich es auch ist . . . mich . . . oh.«

»Doch nicht etwa verschmähen würde? Ich sehe wahrhaftig nicht, woher das zu befürchten wäre, da doch gerade nach deiner eigenen Erzählung . . .«

»Nicht doch«, sagte Hartmut traurig, »im Gegenteil: daß sie mich lieben könnte . . . wie ich sie liebe . . . wie kann ich anders ihr Benehmen erklären? Fühle ich doch in meiner eigenen Brust die jäh bezwingende Urgewalt dieser edeln Leidenschaft und auch so den wunderbaren Wechsel zwischen seliger Hingabe und süßer Scheu, zwischen Sehnsucht und Scham, Jubeln und Zittern . . . unwiderstehlich wie im Traum zog es mich, den Widerstrebenden . . . und sie, ich sah an ihr den gleichen Wechsel, den gleichen Kampf . . .«

»Nun also«, rief Hildegard etwas ungeduldig, »was sind das also für wunderliche Reden, du dürftest sie nicht wieder 72 sehen? da dich doch nichts hindern würde – Hartmut, lieber Hartmut, sieh, ich habe die frohe, reine Zuversicht, du kannst deine guten Augen auf keine Unwürdige wenden – was hindert dich also, mit frischem Mut dein und ihr Glück zu vollenden und sie als deine Braut, als deine Frau mit dir zu nehmen in unseren geliebten Süden?«

Hartmuts Augen schimmerten feucht.

»Siehst du, Hilda«, sagte er, »das eben ist das Unmögliche. Wie sollte ich jemals eine Frau beglücken können, ich mit meiner Furchtsamkeit, meinem reizbaren Wesen, meiner Weltscheu, meinem zerfahrenen Willen, meinem haltlosen Schwanken zwischen Begehren und Entsagen, meiner Ratlosigkeit in allen Dingen, wo es Handeln gilt und nicht Denken –«

»O du himmlische Güte!« rief Hildegard, die Hände zusammenschlagend, aus, »da haben wir den Unverbesserlichen! Oh, du lieber, herzensguter Narr, begreifst du denn nicht –«

»Ich begreife das eine nur«, fiel er ihr fest und ernst in die Rede, »daß ich dieser Lieblichsten niemals würdig sein kann, daß ich für sie ein Unglück werden müßte: wie aber sollte ich das Unglück eines Mädchens wollen, das ich liebe? Nein, laß mich frei entsagend zurücktreten, solange ich es noch vermag, wenn auch mit Schmerzen: als ein reines Ideal hat meine Seele die holde Gestalt ergriffen und soll sie als Ideal mein Leben lang festhalten; ferne aber sei es mir, mich, den Unwürdigen, ihr, der Herrlichsten, Würdigsten, Geliebtesten aufdringen zu wollen.«

»Willst du gleich stillschweigen, du entsetzlicher, erbarmungswürdiger Querkopf du! Aber wahrhaftig, mit solchen Grundsätzen wärst du in der Tat nicht wert, daß sich ein ordentliches Mädchen in dich verliebte! Oh, du Unglückswurm, siehst du, du kannst mir glauben, ich halte mich auch nicht für etwas Großes und kenne zehnmal würdigere Frauen – aber das weiß ich doch: wenn sich einmal ein Mann aus Versehen in mich verlieben sollte und ich hätte ihn auch gern: ei, da dürfte mir einer kommen und sagen: Laß ab von diesem! Du bist seiner nicht würdig, mußt ihm aus Liebe entsagen! – 73 Hu, den würde ich abtrumpfen! So einen Unsinn mir vorzureden –«

In diesem Augenblicke öffnete sich mit Geräusch die Durchgangstür vom Vorderhause her, der Hausknecht trat heraus, schritt über den Hof auf das Zeltchen zu und meldete:

»Fräulein, es ist wieder einer da. Wenn ich diesen nu aber 'rausschmeißen soll –«

»O Himmel!« rief das Fräulein aufspringend, »schon wieder! Das ist nun der siebente! Was habe ich angerichtet! – Aber warte Er noch ein wenig mit Seinem Zugreifen! Im Grunde habe ich alles selbst verschuldet. Wie nennt sich der neue Besucher?«

»Reff, Anton Reff; früher war er Küster, bis er stahl, und jetzt steht er im Dienst bei Herrn Rittmeister von Jageteufel.«

»Ah!« rief Hildegard sehr lebhaft, »lasse Er den Mann gleich hereinkommen – wenn er Küster gewesen ist, muß man ihn anhören, das ist ja halb ein Geistlicher.«

Und nachdem der Hausknecht gegangen, erzählte sie dem Bruder mit eiligen Worten:

»Ja, siehst du, eine schöne Suppe habe ich mir da eingebrockt in meinem Übermut! Fragt mich da gleich bei meiner Ankunft der Herr Gastwirt ein bißchen sehr neugierig über unsere Reisezwecke aus – sie sehen ja hier immer ein Stück Spion in uns –, die ganze Wahrheit mochte ich nicht sagen, und die halbe mit deinem Vortrage verfing nicht recht: da stach mich der Hafer, mir fielen die geheimnisvollen Dinge ein, die man von einem preußischen Tugendbunde erzählt, und ich erfand schnell eine höchst wunderbare Geschichte – und meine feierliche Miene dabei hättest du sehen müssen: Ein reicher Erbonkel habe eine stattliche Summe ausgesetzt als einen Tugendpreis und mir und dir die Pflicht übertragen, das tugendhafteste Menschenkind in deutschen Landen auszusuchen. Das aber könne natürlich nur in Alt-Preußen zu finden sein, und die allergrößte Wahrscheinlichkeit spreche für dieses Städtchen, und ich wolle die verborgene Perle hier schon entdecken.

Hartmut lächelte, und sie fuhr lachend fort:

74 »Das dachte ich nun recht gut und witzig gesagt zu haben und habe mir doch nur eine schwere Plage damit aufgeladen! Denke nur, gleich nachdem der Herr Wirt mich verlassen hatte und sich vor die Haustür begab, konnte ich aus dem Fenster mit meinen eigenen Augen leibhaftig ein großes Wunder sich vollziehen sehen; ich sah, wie ein Gerücht entsteht. Ich sah es die Straße leise hinaufrieseln, erst langsam in kleinen Ringeln sich vorwärts schlängelnd, dann immer breiter, immer schneller hinwirbelnd, zuletzt in die Seitengassen abfließend – getragen von hundert flüsternden, raunenden, schwatzenden Menschenköpfen! Und siehe da, heute in aller Frühe erkannte ich die fürchterlichen Folgen meines Streiches: zwei Männer und vier Weiber haben mich schon heimgesucht, allesamt mit feurigen Zungen ihre Tugend anpreisend und diese mit den obrigkeitlichsten Zeugnissen belegend – Hartmut, mein Bruder, rette mich! und nun ist der siebente da, und obendrein ein Küster!«

Hartmut wollte eben etwas über seine Bekanntschaft mit dem angekündigten Menschen bemerken, als dieser schon würdevoll über den Hof geschritten kam und ihm das Wort abschnitt. Es schien jedoch, wie Hartmut auffiel, seit gestern eine neue Veränderung in seinem Wesen vorgegangen zu sein: sein bartloses Gesicht war heute überlagert von einem rührenden Ausdruck kindhafter Unschuld, der gestern so nicht sichtbar geworden war.

Ohne, wie es schien, den Zechgenossen wiederzuerkennen, wandte er sich an das Fräulein, das ihn am Tische sitzend mit einem vornehmen Kopfnicken begrüßte, und begann:

»Oh, mein gnädigstes Fräulein, oh, es ist ein guter Zweck, ein reines Streben, das mich zu Ihnen führt. Oh, so rein! Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen, noch sitzet, da die Spötter sitzen. Ei, lasset uns hier Zeugnis ablegen für einen Mann, der viel verleumdet wird und viel verkannt von den Spöttern um seiner Tugend willen. Ei, wer ist doch das? Wer? Wer? Oh, wer? Es ist mein Herr und Beschützer, der Herr Rittmeister von Jageteufel, wohnhaft hier selbst, Alter sechsundfünfzig Jahre. Oh, welch eine Abirrung 75 wäre es doch von der Gerechtigkeit, wenn irgendein anderer Mann neben ihm einen Tugendpreis erlangen sollte! Nein, o nein! Die Völker freuen sich und jauchzen, daß du die Leute recht richtest. Sela. Dieser allein unter uns ist gerecht und wahrhaftig würdig, er ist rein, groß, edel, ja geradezu moralisch! Der Herr wolle ausrotten alle Heuchelei und die Zunge, die da stolz redet.«

»Ah, also das ist Ihr Wunsch?« nahm Hildegard überrascht das Wort, »das konnte ich nicht vermuten nach meinen bisherigen Erfahrungen, daß jemand für den Tugendpreis einen anderen als sich selbst vorschlagen würde.«

»Einen anderen?« fragte tief erstaunt der Mann mit dem Kinderblick und knickte mit einem Ruck zusammen, als wenn einige Bänder in seinen Gelenken gerissen wären, »oh, wie sollte ich doch jemals einen anderen erwählen als ihn? Das wäre ja nicht geredet nach der Gerechtigkeit. Aber wie? Aber wie? Das gnädigste Fräulein glaubt doch nicht etwa gar, ich wollte mich selbst –? – – Oh!«

Sein Gesicht nahm den Ausdruck eines unermeßlichen Seelenleidens an.

»Nun, nun«, begütigte Hildegard, »das müssen Sie schon verzeihen. Andere vor Ihnen dachten anders darüber.«

»Oh, wirklich?« sagte Anton Reff mit unsäglicher Treuherzigkeit, »aber das war ja gar nicht recht von den Leuten! Man soll niemals zuerst an sich selber denken, das ist nicht schön, das ist gar nicht schön. Herr, du erforschst mich und kennst mich. Nicht, um einen irdischen Preis zu erlangen, soll man das Gute tun, sondern einzig um der Gerechtigkeit willen. Und ich Armer, wie sollte ich mich je an Gerechtigkeit meinem Herrn vergleichen? Wenn ich strebe, ihm ein treuer Knecht zu sein, anhänglich, tätig, gewissenhaft, redlich, was tue ich Sonderliches? Tun nicht die Heiden auch desgleichen? Und wenn die Leute mir gerne nachrühmen und viel Redens machen, ich sei gegen meinen Nächsten allezeit von Herzen gerecht, mitleidig, hilfreich, liebevoll, ich wisse das Unrecht zu meiden, die Sünde zu fliehen, was ist das mehr als meine Pflicht? Und was sind so kleine Verdienste gegen die großen 76 des Herrn Rittmeisters? Wohl ist es wahr, er ist reich, glücklich, gebildet, und ein solcher mag wohl leichter auf der Bahn der Tugend wandeln als ein Unglücklicher, dem tausend Fallstricke gelegt sind in den Sorgen der Armut; doch kann das sein Verdienst wohl schmälern? Nein! Nein! O nein! Es ist auch wohl richtig, daß er eines Geldpreises nicht bedarf, da er selbst genug besitzt, auch anderen zu geben, doch nimmermehr darf das der Grund werden, ihm einen anderen, einen Ungerechten vorzuziehen! Das sei ferne! Wohl bekenne ich auch das und leugne nicht: Sündlos ist auch er nicht, o nicht doch! Die Sündlosigkeit bleibt allein unserem Heiland vorbehalten. Er hat schwache Stunden, Stunden des Irrens und Strauchelns, des tiefen Sinkens in den Sumpf der Verderbnis. Leider! Leider! O ja! O ja! Und er wäre gar oft noch tiefer gesunken, wenn ich ihm nicht warnend, rettend zur Seite stand. Doch sage ich dieses mir zum Ruhme? Das sei ferne! Was bin ich? Ein armselig Werkzeug Gottes des Allerhöchsten, ein schwaches Gefäß seiner Gnade! Sondern ich sage es ihm selbst zur Ehre, denn wer einen guten Kampf gekämpft hat, für den ist auch das Unterliegen nicht schimpflich. Es steht auch geschrieben: Es wird Freude sein im Himmel über einen Sünder, der Buße tut, vor neunundneunzig Gerechten!«

Anton Reff schwieg und strich sich nach einer Gewohnheit des Rittmeisters nachdenklich mit dem Daumen über die Augenbrauen, obgleich er seinesteils gar keine hatte. In Hildegards klaren Zügen spiegelte sich ein rascher Wechsel von Empfindungen, die zuletzt alle in eine große Heiterkeit übergingen. Doch zwang sie sich bald zu einem feierlichen Ernst und entgegnete:

»Wenn man mit Fug von einem trefflichen Diener auf einen trefflichen Herrn schließen darf, so ist jener Mann gewißlich meines Tugendpreises nicht unwürdig. Nur gestehe ich, daß er in der Tugend der Selbstlosigkeit sich noch von seinem Diener übertreffen läßt. Oder warum kommt er nicht, mir diesen als wert des Preises zu empfehlen? Doch wie dem auch sei, ich werde nicht Sie allein, Herr Reff, an allererster Stelle mir notieren zur Berücksichtigung, sondern 77 auch diesen Herrn Rittmeister. Dazu bedarf es jedoch der Form wegen noch einiger Auskunft über seine Personalien. Wollen Sie die Güte haben, mir solche hier sogleich zu erteilen. Ist der beregte August von Jageteufel verheiratet oder ledigen Standes?«

»Er ist Witwer«, sagte Anton Reff mit tiefer Wehmut.

»Hat er Kinder?«

»Leider nicht.«

»Sonstige Verwandte? Brüder? Schwestern? Neffen? Nichten?«

»Ein Fräulein Nichte.«

»Der Name dieser Nichte?«

»Fräulein Lisbeth Hellwig.«

»Wie alt?«

»Neunzehn Jahre.«

»Verheiratet?«

»Ach nein.«

»Verlobt?«

Anton Reff zögerte mit der Antwort.

»Gewissermaßen – nein«, sagte er endlich.

»Gewissermaßen?« fragte Hildegard, »das heißt also etwa: versagt, heimlich versprochen oder so etwas? Wie?«

Dem Küster rissen wieder einige Bänder, und er sah noch treuherziger aus als zuvor.

»Oh, meinen Sie?« sagte er.

»Mit wem also?« forschte sie unbeirrt weiter, »ich muß das wissen; es ist alles wichtig für die Erteilung des Preises.«

Reff faltete die Hände.

»Gnädigstes Fräulein«, sagte er, »wollen allergütigst bedenken, daß es mir schaden könnte, ich will sagen, daß es nicht ganz tugendhaft erscheinen könnte, wenn ich die Geheimnisse meiner Herrschaft ohne einleuchtende Gründe fremden Augen preisgäbe. Zwar, ich möchte Ihnen so gern gefällig sein – gerade Ihnen –«

»Einleuchtende Gründe?« sagte Hildegard mit einem unterdrückten Lächeln; »doch Sie haben recht. Ich ehre diesen Zweifel in Ihrer Brust. Der Kampf um die Tugend ist 78 schön und rühmlich der Sieg. Allein Sie sagten selbst: nach gutem Kampf ist auch das Unterliegen nicht schimpflich. Bitte, kämpfen Sie!«

Sie stöberte in ihrer Tasche, zog ein Goldstück aus der Börse und ließ es spielend über die Tischdecke rollen.

Der Küster schien von solcher Tändelei nichts zu bemerken. Sein Auge blickte nachdenklich zur Erde oder in seinen kämpfenden Busen hinein. Nach längerem Zaudern aber fuhr er mit der Hand über die Stirn und hauchte zusammenknickend:

»Gnädiges Fräulein, ich glaube, ich unterliege soeben. Ich habe ein weiches Gemüt und vermag im Kampfe mit kalten Prinzipien nicht lange zu bestehen. Wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhms, den wir vor Gott haben sollen. Herr, du wollest nicht ansehen unsere Sünde um deines Namens willen. Na, warum sollte ich denn eigentlich nicht alles sagen, was ich weiß? Es ist ja doch nichts Böses dabei. Und es ist auch der reine Zufall, daß ich etwas von der Geschichte erfahren habe.

Na, also nämlich vor ein paar Wochen, da lassen der Herr Rittmeister das Fräulein kommen und schicken mich fort. Daraus konnte ich merken, daß etwas Besonderes im Gange war. Und ich höre denn auch gleich den Herrn Rittmeister sagen – denn er spricht manchmal sehr laut, und ich pflege sehr langsam zu gehen von wegen der Anständigkeit, und es schadete auch nichts, daß ich etwas hörte, weil mir doch der Herr Rittmeister in allen Stücken so großes Vertrauen schenkt – also er fragt so geradezu, wie das manches Mal seine Art ist: ob das Fräulein Lust hätte, zu heiraten. Da hat sie nun natürlich etwas gesagt, was nein heißen sollte; hören konnte ich's nicht, aber man weiß ja, wie junge Damen so sind. Und der Herr Rittmeister sagte darauf, und das hörte ich Wort für Wort, denn seine Stimme, die kenne ich: seine Stimme ist, wie eines Predigers in der Wüste: ›Also nicht?‹ sagt er ruhig, ›keine Neigung? Vortrefflich! So kannst du ungeteilt der Pflicht nachleben, ganz ohne den Trug mitwirkender Neigung. Deine Pflicht aber ist dein Gehorsam gegen mich, der ich an deines Vaters Statt für dich das Gesetz vertrete‹, und solche 79 Reden mehr, wie sie der Herr Rittmeister so herrlich verstehen. Nun hörte ich aber das Fräulein kläglich dagegenarbeiten, bitten und weinen. Und er schimpfte und donnerte, ganz wie das so in den Geschichten steht, wo die Eltern immer so gemein sind und wollen ihren Töchtern so eklige Männer geben. Aber dann kam's da mit einmal heraus, wen sie eigentlich heiraten sollte, nämlich den Herrn Sohn von der Frau Geheimrätin, die wir Tante Doris nennen, Herrn Ulrich Seybold, der sich nun schon seit vielen Jahren irgendwo hinten im Reich herumtreibt von wegen – na, von dem könnte ich Ihnen auch Geschichten erzählen! Nämlich, wenn Sie es wissen wollen –«

»Nichts will ich wissen!« unterbrach ihn Hildegard mit auffallender Heftigkeit, »ich fragte Sie nach harmlosen Dingen, deren Kenntnis niemandem Schaden bringen kann, nicht nach den schmerzlichen Wunden jenes Hauses. Also erzählen Sie von Fräulein Lisbeth und nichts weiter!«

Anton Reff zuckte in sich zurück wie eine Schnecke, die mit ihren Fühlhörnern anstieß.

»Oh«, seufzte er, »wieder mein allzu weiches Gemüt! – Also, Fräulein Lisbeth, sowie sie diesen Namen hört, läßt sie das Weinen sein und plappert bloß noch so allerlei durcheinander, bald ja, bald nein, bis es zuletzt herauskommt, daß sie den Herrn Seybold mit dem größten Vergnügen nehmen will. Und das habe ich nun immer gesagt: den ärgsten Schwerenöter nimmt solche junge Dame immer am liebsten. Und der Herr Rittmeister sagt bloß: ›Gut, ich werde es Tante Doris mitteilen; sie wird mit dir zufrieden sein!‹ Und damit war die Sache in Ordnung, und weiter weiß ich auch nichts zu erzählen. Was ich mir aber noch dazudenken kann, das ist, daß der Herr Ulrich natürlich beim Herrn Rittmeister wird um die Hand der Fräulein Nichte angehalten haben sowie auch, daß die beiden jungen Leutchen seit Jahren schon müssen unter einer Decke gesteckt haben. Ach, gnädigstes Fräulein, Jugend hat keine Tugend, und was der junge Herr ist, der ist immer ein Racker gewesen von Anbeginn und scharf auf die Mädchen. Aber das ist nun sicher, daß die beiden sich 80 kriegen, nachdem der Herr Rittmeister es einmal auf sich genommen und für kategorischen Imperativ erklärt haben. Denn was der will, das geschieht. Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von denen meine Hilfe kommt.«

»Es ist gut! Ich weiß genug«, erklärte Hildegard jetzt kurz und hastig, als der Küster schwieg und mit kindlichem Blicke zu ihr aufsah, »von dem Tugendpreise reden wir ein andermal mehr. Nehmen Sie einstweilen diese Kleinigkeit zum Andenken.«

Sie reichte ihm das Goldstück, das er nach einigen ablehnenden Verrenkungen und stummen Andeutungen des tiefsten Erstaunens nachlässig in die Tasche gleiten ließ. Dann fand er seine Würde wieder und entfernte sich mit dem vornehmen Schreiten eines geistlichen Mannes.

Hildegard sank in ihren Sessel zurück und blieb lange stumm, in Gedanken verloren. Ihr Bruder störte ihr Schweigen nicht; er selbst war von einer großen Überraschung betroffen, die er langsam in sich zu verarbeiten beschäftigt war. Endlich nahm er doch das Wort.

»Hildegard«, sprach er feierlich mit einem fast verklärten Lächeln, »ein großes Glück ist über mich gekommen. Dieses Mädchen gehört einem anderen an. Also darf ich sie lieben fortan, ohne ihrem Glücke zu nahe zu treten. Das irdische Glück für jenen, die reinere Seligkeit für mich.«

Die Schwester erwachte wie aus einem Traum und sah ihm verwundert ins Gesicht.

»Nein! Nein! Nein!« rief sie plötzlich mit neuem Aufleuchten ihrer Blicke, »nein und aber nein! Ich glaube es nicht. Es ist nicht wahr. Nun und nimmermehr!«

»Was ist nicht wahr?« fragte Hartmut sehr überrascht durch ihren heftigen Ausbruch, »wie sollte es nicht wahr sein? Du kannst doch nicht annehmen, daß dieser Mensch so eine ganze Geschichte einfach aus der Luft greifen konnte und obendrein ohne jeden vernünftigen Grund – zwar wenn ich mir das rätselhafte Gebaren des schönen Geschöpfes vergegenwärtige –«

»Ja, das ist allerdings«, fiel sie ihm lächelnd in die Rede, 81 »für mich die einzige Gewähr, daß dieser lügenhafte Heuchler für diesmal doch die Wahrheit sprach. Sieh, lieber Junge, das ist mir nun ganz klar geworden, welcher wunderliche Irrtum das arme Mädchen dir so vertrauensvoll entgegengeführt hat. Ganz einfach: sie hielt dich für einen anderen, sie hielt dich für Herrn Ulrich Seybold, den ihr die Gnade ihres höchst eigentümlichen Herrn Oheims zum Bräutigam bestimmt hatte. – So unerklärlich ist der Irrtum nämlich nicht, wenn man bedenkt, daß sie jenen mindestens fünf Jahre lang nicht gesehen haben kann, und daß sie dich zuerst im blendenden Sonnenglanz erblickte: denn eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihm und dir ist immerhin vorhanden, die unter diesen Umständen wohl auf Augenblicke täuschen könnte; und also zweifle ich nicht an der Richtigkeit dieser Vermutung und nicht an der Richtigkeit dessen, was dieser Narr erzählte. Und doch –«

»O Hilda!« rief der Bruder ganz aufgeregt, »o welch ein blinder, blinder Tor war ich, das nicht gleich zu merken, was jetzt so sonnenklar mir vor Augen liegt! Nun, dem Himmel sei Dank, mein Glück wird durch diese Entdeckung nicht mehr getrübt, ich stehe auf sicherem Grunde unirdischer Freuden. Dich aber verstehe ich nicht, wie du so klar dies alles durchschauen und entwirren kannst und dann doch zugleich erklärst, es sei nicht wahr –«

»Und ich sage noch einmal«, rief sie leidenschaftlich, »es ist nicht wahr! Alles andere, ja, das ist kein Zweifel, nur das eine nicht, daß Ulrich Seybold um ihre Hand sollte geworben haben. Das ist nicht wahr. Nun und nimmermehr.«

»Und warum soll gerade das nicht wahr sein?« fragte Hartmut sehr verwundert und fast verschüchtert durch die Bestimmtheit ihrer Rede.

Sie sah ihm mit einem stillen, tiefen, leuchtenden Blick in die Augen.

»Hartmut, lieber Hartmut«, sagte sie weich mit einem feinen Erröten, »warum soll ich's dir nicht endlich sagen? Es ist ja so natürlich, daß man einem Bruder es sagt, wen man lieb hat! Und doch vermochte ich es eher nicht über die Lippen zu bringen. Es ist so seltsam, so ein Geständnis. Man macht 82 es so gern, und es wird doch so schwer. Und so mußte ich schweigen und immer lügen mit halber Wahrheit. Aber nun – Ulrich Seybold ist der Mann, den ich liebe.«

Hartmut ergriff hastig ihre Hand, beugte sich tief darüber und küßte sie stumm.

»Und darum bin ich hierhergekommen«, fuhr sie fort, »darum! Nicht um kalt berechnend ihm seine Wohltat zurückzuzahlen mit einer anderen Wohltat, sondern um mit der Gnade seiner Mutter ihm seine Seele zurückzuerobern, seine frische, freie, gesunde Seele, die ihm genommen ward und die mir gehört! Hartmut, denn auch er liebt mich, ich weiß es. Ich weiß es. Er hat mir's nie gesagt und nie gezeigt, und dennoch weiß ich es. Ich weiß es, weil ich es glaube, und ich glaube es, weil ich nicht anders kann. Und darum ist's unmöglich, daß er diese andere liebt und um sie wirbt. Und wenn es hundert Zeugen mir sagen und beweisen, ich glaube es doch nicht. Nein! Nein! Nein! Unbekümmert um sie alle gehe ich meinen Weg geradeaus weiter und glaube an ihn, weil ich glauben muß. Ich könnte nicht leben mit verwirrtem Herzen!«

Hartmut hielt die Hand der Erregten in der seinen und streichelte sie leise. Sie hob sich auf die Zehen ihm entgegen und küßte ihn über den Tisch hinweg auf die Stirn. Ihre Heiterkeit strahlte wieder ganz siegreich hervor.

»Und wenn ich um ihn kämpfen muß«, rief sie fröhlich, »desto besser! So habe ich auch mein kleines Verdienst bei meinem Glücke. Und siegen werde ich schon, sei ohne Sorge, du weißt, ich siege immer, wenn ich siegen will. Aber freilich, in diesem Herrn Rittmeister ahne ich einen Feind, der mir vielleicht zu schaffen machen wird. Tut aber nichts, ich fürchte ihn nicht. Wenn ich nur das eine erst wüßte, wie ich an ihn kann und wie er zu behandeln ist – ob als ein Narr oder als ein Weiser. Nach allem, was ich hier hörte und sah, sollte ich das erstere glauben, wenn nicht Ulrich Seybold selbst in Ausdrücken tiefster Verehrung von dem Manne gesprochen hätte. Wer erklärt mir den Widerspruch? Und wie erkläre ich mir die Mutter? Wie darf ich zu ihr reden? 83 Ehrfürchtig oder vertrauend? Wüßte ich's nur, ich ginge gleich zu ihr und spräche frei und fröhlich: Verzeihen Sie Ihrem Sohne, er ist es wert! So aber ist alles so zweifelhaft; wer weiß, ob ich nicht viel verderben könnte durch einen unbedachten Schritt, durch ein allzu keckes Wort; nun muß ich erst lauern und lauschen, was die Leute sagen von dieser Frau, ob ich vielleicht ein Bild von ihr gewinne, wo ich bis jetzt nur schwankende Lichter sehe. Und nun wieder der seltsame Zwischenfall mit diesem jungen Mädchen! Wie soll ich ihn verstehen? Als einen Zwang, der auf beide ausgeübt wird oder auf meinen Freund allein? Rätsel über Rätsel! Dazu sagt man mir, die Frau lebe unzugänglich und menschenscheu, es sei kaum möglich, zu ihr zu dringen außer durch den Willen dieses tollen Rittmeisters, von dem sie sich völlig abhängig gemacht habe – und er gerade scheint mir der finstere Geist zu sein, der ihre kalte Strenge erhält und stärkt und wie ein böser Engel die Gnade abwehrt. Mit ihm also gilt es zuerst den Kampf zu wagen. Hartmut, versprich mir eins: mir beizustehen in diesem Kampfe. Du mußt dem Manne eher gewachsen sein. Wenn er ein Narr ist, muß er ein philosophischer Narr sein: das ist dein Fall. Was man mir erzählt hat von seinem Unfug mit diesem kategorischen Imperativ – ja, für alle Fälle müßte ich eigentlich doch auch gewappnet sein! Was heißt das schreckliche Wort, und was bedeutet es? Läßt sich der Sinn (wenn es einen hat!) nicht in irgendeine kurze Formel zusammenpressen, die man aussprechen kann, wenn man sie auch nicht versteht? Daß man doch zeigen kann, was man gelernt hat, um solchem Tyrannen Achtung abzugewinnen!«

Hartmut lachte. »Das läßt sich schon machen«, sagte er, »und mir wär's lieb, wenn du dir so bequem die Gunst des Mannes gewinnen könntest, ohne mich. Denn auf mich habe ich kein Vertrauen. Es ist nicht meine Geschicklichkeit, mich fremden Menschen leicht zu nähern, und dieser zumal flößt mir von vornherein Schrecken ein. Ich könnte dir mehr verderben als nützen in meiner Zagheit. Präge dir also nur diese Formel ein, wenn du es für nützlich hältst: Kant gibt sie selbst 84 in folgender Fassung als Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft:

›Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.‹

Das Bewußtsein dieses Grundgesetzes bezeichnet er als ein ursprüngliches Faktum der reinen Vernunft; es ist ein Gebot, das aus der Autonomie des Willens fließt –«

Hildegard schauderte. »Wie ist es möglich, solches Zeug im Kopfe zu behalten!« stöhnte sie. Aber sie versuchte es doch und brachte es bald mit einigem Glück zustande.

»Dann aber noch ein anderes Versprechen«, fügte sie lächelnd nun hinzu, »wenn du, wie ich hoffe, deiner Freundin wieder begegnest, versprich mir, auf sie zu wirken, daß sie den Mann freigebe, der ihr nicht gehört – sage ihr getrost: den bekommt sie doch nicht! Wenn sie aber einen anderen haben will – doch für jetzt gestatte mir, auf ein halbes Stündchen mich in meine Klause zurückzuziehen. Mein Herr Physikus hat mir versprochen, sich heute nach dem Befinden meiner schwer verwundeten Hand zu erkundigen, und da muß ich ihn doch in würdiger Kleidung empfangen, denn es gilt hier, jeden zu bezaubern, der mir in meiner Sache irgend nützlich sein kann. Und warum sollte nicht auch er das können?«

Sie erhob sich leicht, reichte dem Bruder die linke Hand und schritt anmutig über den Hof dem Vorderhause zu.

So saß nun Hartmut in dem stillen Hofraum wieder gedankenvoll und einsam wie gestern in der stillen Weinschenke. Kein menschliches Wesen ließ sich erblicken, nur die Meerschweinchen huschten geräuschlos hin und her und die gelben Vögel putzten ruhevoll ihr Gefieder.

Er suchte sich ganz in die beruhigende Morgenstimmung zu versenken. Doch es gelang ihm noch nicht; seine Gedanken und Empfindungen waren allzu lebendig aufgerührt. All die Gewaltsamkeit des Erlebten von gestern und heute zog lärmvoll schwirrend an seinem Geiste vorüber, und es gelang ihm nicht, die Wirrnis der neuen Eindrücke in dieser traumhaft verzerrten Welt sich übersichtlich nach reinlichen Kategorien zu ordnen.

85 Da ergriff ihn ein unklares Sehnen nach einer noch tieferen Ruhe vor der Außenwelt, nach einem schattigeren Dämmerlicht. Der zudringliche Sonnenschein verdroß ihn.

Zögernd erhob er sich und wandelte hinaus auf die Straße. Still war's hier immer noch; wohl waren die Kaufläden heute geöffnet und die Besitzer standen geduldig harrend in ihren Türen; Käufer hingegen schien es hierorts nicht zu geben, auch niemand nach solchen zu verlangen. Die Leute gähnten nicht einmal, auf so gutem Fuße standen sie mit der Ruhe.

Hartmut überschritt die sonnenhelle Straße eiliger, stand vor der Tür seiner Weinstube und drückte die Klinke. Die Tür öffnete sich, und er atmete tief und befreit, da er die feierliche Halle ganz einsam fand, als sei sie einzig bestimmt, ihn und seine Träume in Schatten und traulicher Kühlung zu bergen. 86

 


 


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