Herodot
Orientalische Königsgeschichten
Herodot

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Xerxes läßt den Hellespont peitschen

Xerxes machte Anstalt, als wenn er nach Abydus gehen wollte. Während der Zeit wurde die Brücke über den Hellespont geschlagen, aus Asien nach Europa überzugehen. Zwischen der Stadt Sestus und Madylus in dem Chersones an dem Hellesponte ist ein festes in das Meer hervorlaufendes Ufer Abydus gegenüber, auf welchem wenige Zeit darauf die Athener, welche unter dem Feldherrn Xantippus, des Ariphrons Sohns, standen, den gefangenen persischen Führer, Artayktes, lebendig an einen Pfahl angenagelt haben. Es hatte aber derselbe zu Eleus Weiber in den Tempel des Protesilaus geführt und schändliche Dinge begangen.

An dieses Ufer schlugen die, welchen es aufgetragen war, die Brücken von Abydus an herüber, und zwar gebrauchten die Phönizier zu ihrer Brücke den weißen Flachs, die Ägypter aber zu der anderen das Schilf aus dem Nilstrome. Die Breite von Abydus nach der anderen Seite beträgt sieben Stadien. Die Brücken aber waren kaum zustande gekommen, als ein großer Sturm entstand, welcher alles zerbrach und auseinanderriß.

Xerxes geriet darüber in einen großen Unwillen und befahl, dem Hellespont dreihundert Schläge mit einer Peitsche zu geben und ein Paar Fußeisen in das Meer zu versenken. Ich habe sogar gehört, daß er Leute mitgeschickt, welche den Hellespont brandmalen sollten. Das ist gewiß, daß er befohlen, denselben mit Fäusten zu schlagen und die tollen und abscheulichen Worte zu sagen: Du bitteres und salziges Wasser, der Herr legt dir diese Strafe auf, weil du ihm Schaden getan, da er dich doch auf keine Weise beleidigt hat. Doch wird der König Xerxes hinübergehen, du magst wollen oder nicht. Dir aber opfert billig kein Mensch, weil du ein betrüglicher und salziger Fluß bist. So befahl er das Meer zu strafen und zugleich denen, welche dem Brückenbau vorgestanden, die Köpfe abzuschlagen.

Diese unangenehme Belohnung bekamen die, welche die ersten Brücken verfertigt hatten. Darauf schlugen andere Baumeister neue Brücken auf folgende Weise auf: sie fügten hinaufwärts gegen das Schwarze Meer zu dreihundertundsechzig große Schiffe von zwei verschiedenen Gattungen so zusammen, daß sie gegen das Meer zu in die Quere standen; herunterwärts aber wurde eine andere Reihe von Schiffen nach dem Strome des Hellesponts in die Länge aneinandergehangen, damit die Stricke fest angezogen würden, hierauf ließen sie sehr große Anker in das Meer, auf der einen Seite gegen das Schwarze Meer zu wegen der Winde, die von der Seite her wehen; auf der anderen gegen Abend und nach dem Ägäischen Meere zu wegen des Ost- und Südwindes. An drei Orten ließen sie zwischen den Schiffen einen Zwischenraum, daß man mit kleinen Schiffen nach dem Schwarzen Meere und aus demselben durchfahren könnte. Darauf zogen sie die Seile vom Lande mit Winden an, nicht aber eine jede Gattung besonders, sondern auf einer jeden Seite zwei von weißem Flachse und vier von dem Schilfe. Sie waren zwar von gleicher Dicke und Gestalt; aber die von Flachs doch ungleich schwerer, und eine Elle wog ein Talent. Nachdem nun die Brücken soweit imstande waren, schnitten sie Balken, so lang als ein Schiff breit war, legten dieselben ordentlich auf die ausgespannten Seile, machten sie fest aneinander, legten über dieselben wieder anderes Holzwerk und schütteten Erde darauf. Nachdem dieses geschehen, machten sie auf beiden Seiten einen Zaun, damit das Zugvieh und die Pferde nicht scheuten, wenn sie in das Meer heruntersähen.

Nachdem die Brücken zustande gebracht und die Arbeit bei dem Athos, auch die Dämme (oder Schleusen) an den Mündungen des Kanals, welche verhindern sollten, daß die Mündungen nicht verstopft würden, fertig waren, und da auch von der Vollendung des Kanals selbst Nachricht gegeben wurde, brach die Armee, welche in guten Stand gesetzt war, mit dem Anfange des Frühlings von Sardes, wo sie im Winterquartiere gelegen hatte, auf und nahm ihren Weg nach Abydus. Als sie aufbrach, verließ die Sonne ihren Ort am Himmel und wurde unsichtbar, nicht unter den Wolken, sondern bei vollkommen heller Luft. Der Tag wurde also in Nacht verwandelt. Xerxes, welcher dieses sah und betrachtete, geriet darüber in Sorgen und fragte daher seine Weisen, was diese Erscheinung bedeutete. Sie gaben zur Antwort, Gott zeige damit den Griechen den Untergang ihrer Städte an; denn die Sonne sei der Beschützer der Griechen, der Mond hingegen ihr Beschützer. Über diese Auslegung hatte Xerxes eine große Freude und ließ den Marsch fortsetzen.


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