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Neunundvierzigstes Kapitel.

Unterredungen verschiedener Art – angenehme und unangenehme. Schließlich erfährt der geneigte Leser, wem das Schloß gehört.

Droben fand sie denn auch alsbald den Verwalter; doch war Rosalie bei ihm, und sie hätte um Alles in der Welt nicht vermocht, so in ihrer Gegenwart mit der traurigen Botschaft, die sie zu überbringen hatte, heraus zu platzen. Es dauerte auch eine Zeit lang, bis die Wirthin im Stande war, dem Verwalter einen Wink zu geben, worauf dieser seine Tochter unter irgend einem Vorwande entfernte. Dann sagte sie ihm Alles.

Es zog ein düsterer Schatten über das Gesicht des alten, braven Mannes, er biß die Lippen auf einander, faltete die Hände und schaute bekümmert vor sich nieder. Dann seufzte er tief auf und sagte nach einem längeren Nachdenken: »es ist traurig, aber besser so. Sie kennen mich lange genug, Frau Rosel, um zu wissen, ob ich hartherzig oder grausam bin.« Dabei zitterte eine Thräne in seinem Auge. – »Niemand weiß auch besser als ich, wie sehr sich die beiden jungen Leute geliebt, wie sehr sie zusammen gepaßt, ja, ich will es Ihnen gestehen, wie glücklich mich, – den Vater, diese Verbindung gemacht. Aber,« fiel er mit einer Handbewegung der Wirthin in's Wort, welche ihm eifrigst etwas sagen wollte, »aber ich bin leider nicht der Herr meiner Handlungen; ich habe nicht allein über das Schicksal dieses Mädchens zu bestimmen. – Sprechen wir nicht weiter darüber! Sie wissen es, Frau, daß mir damals das Herz fast gebrochen ist, als ich dem unglücklichen jungen Manne jene Antwort geben mußte, und daß mich der Jammer fast niederdrückte, als ich Rosalien von hier entfernte. – Liebe ich denn das Mädchen nicht,« fuhr der alte Mann mit emporgehobenen Händen fort, »liebe ich sie denn nicht, als wäre sie –« Da unterbrach er sich plötzlich und sprach nach einer kleinen Pause mit leiser Stimme wieder: »liebe ich denn nicht meine Tochter? Dabei aber können Sie mir glauben, wenn er nicht gestorben wäre, wenn er heute wieder vor mich hinträte, lebendig, frisch und gesund wie damals, und wie damals das Mädchen liebend, und wenn mir Beide zu Füßen fielen und mich anflehten, ihnen meine Einwilligung zu geben, ich könnte heute nicht anders handeln, als ich es an jenem Tage gethan.«

Frau Rosel warf einigermaßen empört ihren Kopf in die Höhe, dann zuckte sie mit den Achseln und sagte: »verzeihen Sie mir, Herr Verwalter, Sie haben immer mit vornehmen Leuten gelebt und zu thun gehabt, und die vornehmen Leute sollen zuweilen, was das Glück ihrer Kinder anbelangt, ganz sonderbare Ansichten haben; und davon haben Sie was profitirt, wie mir scheint. Ich aber, eine einfache, schlichte Frau, denke nun einmal ganz anders, und wenn mein Kind eine rechtschaffene Neigung zu einem braven jungen Manne hätte, und selbst wenn der junge Mann nur ein Künstler wäre, da würde ich auf Ehre nicht Nein sagen. Das ist so meine Ansicht. Und damit Gott befohlen!«

»Sehen Sie, Frau Rosel,« sprach traurig lächelnd der Verwalter, »da werfen Sie wieder Alles über das Haus hinüber, Kern und Schale. – Wie lange kennen wir uns denn eigentlich?«

»Nun,« entgegnete die Frau, von dieser Frage überrascht, »ich sollte meinen, das sind jetzt beinahe zwanzig Jahre. Sie kamen damals hieher, ein Wittwer, mit der kleinen Rosalie, die kaum geboren war. Ihre Frau starb in Ihrem früheren Wohnorte, nachdem sie den armen Wurm auf die Welt gesetzt.«

»So ist es,« sagte nachdenkend der Verwalter. »Also wir kennen uns zwanzig Jahre. Nun hören Sie mich an, Frau Rosel. Ist Ihnen von mir in diesen zwanzig Jahren etwas Unrechtes bekannt geworden, etwas Liebloses, etwas Hartherziges? Habe ich nicht alle meine Nebenmenschen geliebt und denselben das bewiesen, nicht nur mit Worten, sondern auch mit Werken? – Wie, Frau Rosel?«

»Dazu muß ich freilich Ja sagen,« antwortete die Frau; »man kann Ihnen nichts Uebles nachreden.«

»Nun also!« fuhr der alte Mann fort. »Und jetzt, wo ich nach zwanzigjähriger Bekanntschaft irgend etwas thun muß, was Sie – nicht begreifen können, was Ihnen hartherzig erscheint, wollen Sie mich verdammen und wollen nicht meinem Worte glauben, wenn ich Ihnen mit tiefbetrübtem Herzen sage: bei Gott im Himmel, ich konnte nicht anders! – Gehen Sie ruhig nach Hause, Frau Rosel, und glauben Sie, das Herz thut mir weh, glauben Sie auch, daß eine Zeit kommen wird, wo ich mich zu Ihnen hinsetze und wo Sie sagen werden: jetzt sehe ich es ein, es war nicht anders zu machen.«

»Nun ja, ich will es glauben,« sagte die Frau mit gepreßter Stimme, nachdem sie einen Augenblick in das offene, ehrliche Auge des alten Mannes geschaut. »Was nützt auch all das Gerede? Todt ist todt, und wenn Sie selbst jetzt den besten Willen hätten, Den machten Sie doch nicht wieder lebendig.«

Damit ging die Frau nach der Thüre, und im Hinausgehen reichte ihr der Verwalter die Hand. »Bleiben wir gute Freunde,« sprach er, »und thun Sie mir einen Gefallen. Sagen Sie Ihrem jungen Schauspieler da drunten, er würde mir ein großes Vergnügen machen, wenn er mich morgen einen Augenblick besuchte. Ich möchte gar zu gern wissen, woher er jene Nachricht hat.«

Frau Rosel stieg ziemlich betrübten Herzens den Berg wieder hinab, erzählte ihrem Gaste, wie sie droben ihre Botschaft ausgerichtet, und wiederholte ihm die Bitte des Verwalters.

»Jetzt wird sie es wissen,« sagte Eugen zu sich selber und trat mit untergeschlagenen Armen an das Fenster, von wo er aufwärts nach dem Schlosse blicken konnte, »die Bestätigung ihres Unglücks, das arme Mädchen! Und es ist am Ende besser für sie,« wiederholte er nachsinnend. »Jetzt ist sie frei; sie kann noch glücklich werden.«

Droben am Horizont rechts neben dem Schlosse zeichneten sich die breiten dunkeln Wipfel der Bäume ab, unter denen die Kapelle lag. Dort hatte er sie zum ersten Male gesehen, unerklärlich, aber tief überrascht beim Anblicke dieses lieben, leidenden Gesichtes, von ihr angezogen auf eine unbegreifliche Weise. Ja, er hatte in den letzten Tagen weniger an Katharina gedacht, als sonst wohl, und wenn er sich das auf Augenblicke zum Vorwurfe machte, so lächelte er still in sich hinein und sagte: »Ach, das ist ganz was Anderes!« Er wußte selbst nicht, weßhalb, aber das Mädchen droben erschien ihm so gut, so rein, so edel, und den jungen Bildhauer kannte er ja blos aus der Erzählung des Doktor Wellen. »Wer weiß auch,« dachte er, »ob diese Verbindung für sie segensreich gewesen wäre!« Und dann wiederholte er seine früheren Worte: »jetzt ist sie frei; sie kann noch glücklich werden.«

Am andern Nachmittage kleidete sich Eugen wieder sorgfältiger an, zum ersten Mal, seit er die Residenz verlassen, und er schien so auffallend verändert, daß ihn der lustige Rath kopfschüttelnd anblickte und sich nicht enthalten konnte, ihm zu sagen: »nimm mir nicht übel, du bewahrst unser Incognito schlecht. Du hast heute viel mehr das Ansehen eines reisenden Grafen, als das eines reisenden Künstlers.«

»Laß mir diese Grille!« entgegnete lächelnd Eugen. »Du weißt, ich muß droben auf dem Schloß als Zeuge erscheinen, und da muß ich schon ein Uebriges an meinem Aeußeren thun, daß man meinem Zeugnisse Kredit gibt. Leider ist die Welt einmal so verderbt, daß man Jemandem in Frack und Glacéhandschuhen eher meint Glauben schenken zu können, als Jemandem, der im leichten Sommerrock und einem zerriebenen Strohhut auf dem Kopfe erscheint.«

»Und dir ist Alles daran gelegen,« antwortete Herr Sidel, »dein Zeugniß recht und bündig hinzustellen.«

»Das ist natürlich,« meinte Eugen.

»Ich verstehe!« sagte laut lachend der lustige Rath. »Der arme Bildhauer soll todt sein – mausetodt – arme Katharine!«

Eugen, welcher dergleichen Ausfälle von Seiten des lustigen Raths schon gewohnt war, antwortete nicht eine Sylbe darauf, sondern vervollständigte seinen Anzug, indem er ein paar lederfarbene Handschuhe anzog, die ihm der getreue Pierrot darreichte.

War dieser letztere brave junge Künstler nunmehr mürbe geworden durch die Schläge des Schicksals, welche ihm dasselbe vermittelst der Person des Schauspieldirektors zukommen ließ, oder war es, weil er heute seinen Herrn zum ersten Male wieder in einem andern Kleide erblickte, oder that es die Erinnerung an eine bessere Zeit: genug, Herr Hannibal war von einer Unterwürfigkeit, einem Diensteifer, so daß sich sogar sein Herr veranlaßt sah, ihm dieselben Vorstellungen zu machen, wie der lustige Rath einen Augenblick vorher ihm selbst – das Incognito nämlich zu bewahren.

Darauf ging Eugen die Treppen hinab, und der lustige Rath legte sich in's Fenster, um seine stillen und lauten Bemerkungen zu machen. Frau Rosel, welche unten im Gange stand, erkannte ihren Gast im ersten Augenblicke nicht wieder und machte vor dem eleganten Fremden einen tiefen Knix. Dann lachte sie freundlich hinaus und so laut, daß Marie alsbald an der Küchenthüre erschien, »Ei, ei!« sagte sie, »das nenne ich einmal zu seinem Vortheil sich verändern! Der Tausend, Herr Wellen!« Und darauf stieß sie ihre Tochter mit dem Ellbogen an, als wollte sie sagen: »was hältst du davon?« Und als die Tochter hierauf ebenfalls ganz verwundert drein blickte, schüttelte sie den Kopf und meinte: »ja, wer lange lebt, erfährt mancherlei.«

Mutter und Tochter konnten sich auch nicht enthalten, ihren Gast bis zur Hausthüre zu begleiten, allwo der würdige Herr Trommler stand und mit nicht geringem Erstaunen die Erscheinung seines Collegen betrachtete. Er besah ihn von oben bis unten, dann wandte er sich wie ein Kenner zu der Wirthin und sagte mit leisem, aber bestimmtem Tone: »untadelhaft! So soll in einem Lustspiel der Herzog gekleidet sein.«

Der lustige Rath beugte sich fast mit dem halben Leibe aus dem Fenster; denn er konnte nicht begreifen, wo Eugen so lange blieb, und hatte eine eifersüchtige Ahnung, als befleißige er sich einiger zierlichen Complimente gegen die hübsche Marie. Als er nun endlich an der Hausthüre erschien, hustete Herr Sidel gewaltig und rief dann in die leere Straße hinaus: »vorfahren – sogleich!« Eugen lächelte dem Spötter zu und sagte ihm hinauf: »du hättest eigentlich recht und würdest wohl daran gethan haben, für einen Wagen zu sorgen,« worauf der Andere entgegnete: »ich bedaure recht sehr, es ist nichts dergleichen im ganzen Dorfe zu finden; Euer Excellenz müßten sich denn mit einem kleinen zierlichen Heuwagen behelfen.«

Eugen machte lachend eine Handbewegung hinauf, als danke er, grüßte die Wirthin und Marien auf eine ungezwungene und höchst elegante Art, und ging dem breiten Fahrwege zu, den er heute benutzen wollte, um den Schloßberg zu besteigen.

Der getreue Pierrot war ihm in liebenswürdiger Selbstvergessenheit, die Kleiderbürste in der Hand, bis vor das Haus gefolgt, und als er sich nun umwandte, um wieder hinein zu gehen, begegnete sein Blick den grauen Augen in dem gelblichen Gesichte der blonden Schwägerin. Diese Augen drückten ein sehr potenzirtes Erstaunen aus, und die Besitzerin dieser beiden Sterne konnte sich nicht enthalten, mit etwas spitzigem Tone zu fragen, »warum sich Herr Hannibal so außerordentlich dienstfertig bewiesen.«

Der arme Künstler stotterte etwas von inniger Anhänglichkeit, die zwischen ihm und jenem Anderen bestehe, und daß man unter Freunden so etwas nicht so genau nehme; und versicherte schließlich auf sein Ehrenwort, diese Dienstleistungen seien ganz gegenseitig und Herr Wellen habe ihn, Hannibal, auch schon hie und da ausgeklopft.

Eugen stieg unterdessen rüstig den Berg hinan und gelangte nach einer halben Stunde unter den dunkeln Thorbogen und über den Schloßhof hin an die Thüre des Verwalters, die ihm von einem Bedienten augenblicklich geöffnet wurde. Man führte ihn in ein kleines, einfach möblirtes Zimmer, und der Vater Rosaliens trat fast zu gleicher Zeit mit ihm zu der anderen Thüre herein.

Beide Männer machten einander eine Verbeugung und begrüßten sich stumm. Doch, während Eugen ernst und ruhig blieb, drückte das Auge des alten Mannes Ueberraschung aus.

»Ich habe die Ehre, Herrn Wellen vor mir zu sehen?« sagte er nach einer Pause, während er dem jungen Manne artig einen Stuhl anbot.

Eugen setzte sich und entgegnete: »so heiße ich; Sie hatten den Wunsch ausgedrückt, mich zu sprechen.«

»Allerdings,« antwortete der Verwalter, indem er sich ebenfalls niederließ. »Und ich danke Ihnen herzlich, daß Sie so freundlich waren, mir diesen Wunsch zu erfüllen und sich hieher auf's Schloß zu bemühen. – Sie sind, wenn ich nicht irre, drunten –«

Hier stockte der alte Herr und blickte sein elegantes Gegenüber fragend an.

»Ich bin drunten bei der Gesellschaft des Herrn Direktors Müller,« ergänzte Eugen. »Ein reisender Schauspieler.«

Der Verwalter verbeugte sich lächelnd, als wollte er sagen: »nehmen wir an, es sei so!« und dann fuhr er fort: »es sind sonderbare Verhältnisse, Herr Wellen, welche Sie zur Kenntniß gewisser Sachen kommen ließen, die mich veranlassen, über eben diese Sachen mit Ihnen zu sprechen, als seien Sie ein langjähriger Freund unseres Hauses.« Bei diesen Worten wurde die Stimme des alten Mannes ernst, und seine Züge beschatteten sich.

»Sie sprachen zufällig,« fuhr er fort, »mit der Wirthin drunten über diese Vorfälle, und ich wollte Sie nur bitten, mir Ihre Erzählung zu bestätigen, und Sie vielleicht veranlassen – wenn dies nicht indiskret erscheint, – mir die Quelle zu nennen, woher Sie diese Mittheilungen erhielten. Ohne nur den geringsten Zweifel in Ihre Worte zu setzen, können Sie sich denken, Herr Wellen, daß es mir als Vater des armen Mädchens von der größten Wichtigkeit ist, zu erfahren, ob Sie nicht vielleicht getäuscht wurden oder ob Sie mich versichern, daß ich diesen schlimmen Nachrichten unbedingten Glauben schenken kann.«

Eugen schwieg einen Augenblick nachdenkend still, dann sagte er, ohne die Fragen des Verwalters zu beantworten: »und diese schlimmen Nachrichten theilten Sie Ihrer Tochter mit?«

»So that ich,« entgegnete der Vater.

Eugen blickte ihn fragend an.

Der alte Mann, der diesen Blick vollkommen verstand, zuckte mit den Achseln und sagte: »was wollten wir machen? Obgleich Rosalie überzeugt war, daß es ein solches Ende mit dem jungen Manne genommen, so hat diese Nachricht sie doch begreiflicher Weise auf's Tiefste erschüttert.«

»Sie weinte und klagte?«

»Nein, das that sie nicht; es war das nie ihre Art, ihrem Schmerze Linderung zu verschaffen. Sie begab sich heute Morgen in die kleine Kapelle, und da ist sie jetzt wieder. – Aber bitte, Herr Wellen, würden Sie mir nicht sagen, woher Sie jene Nachrichten erhielten? Oder haben Sie vielleicht selbst jenen Feldzug mitgemacht?«

»Das nicht,« sagte Eugen. »Aber ich erhielt jenen Bericht von einem meiner bewährtesten Freunde, einem in meiner Vaterstadt sehr bekannten Arzte, Doktor Wellen.«

»Ah, einem Verwandten!« sagte der Verwalter.

Eugen, der einen Augenblick vergessen, daß er jetzt ebenfalls Wellen hieß, entgegnete einigermaßen befremdet: »nein, verwandt ist dieser Arzt nicht mit mir,« worauf der Verwalter erwiderte: »verzeihen Sie, ich glaubte das nur, weil Sie den gleichen Namen führen. – Doch bitte, fahren Sie fort!«

»Dieser Doktor Wellen,« sagte Eugen ein wenig verwirrt, »machte den italienischen Feldzug mit und lernte dort im Hauptquartier einen Freiwilligen kennen, den er in kurzer Zeit lieb gewann und der ihm eine seltsame Geschichte erzählte von dieser Gegend, diesem Schlosse, jener Kapelle und den Marmorbildern, die er dort aufgestellt, dann vor allen Dingen von einem Mädchen, das er geliebt, und – verzeihen Sie mir – von einem hartherzigen Vater, der, Gott weiß, welchem Plane zu Liebe, durch ein einfaches Nein sein ganzes Lebensglück zerstört.«

»Ja,« versetzte der alte Mann mit einem tiefen Seufzer, während ein sonderbares Lächeln über seine Züge flog, »es ist eine seltsame und traurige Geschichte. Es ist nicht daran zu zweifeln: ich war jener hartherzige Vater. – – Und das Ende jenes unglücklichen jungen Mannes war also in der That so, wie ich vernommen? – Es ist fürchterlich!«

»Er blieb in der Schlacht von Novara,« sagte Eugen mit ziemlich kaltem Tone; denn er konnte sich nicht verhehlen, er sitze hier einem harten, wenigstens räthselhaften Manne gegenüber. Deßhalb fuhr er auch nach einer Pause fort: »ich glaube nicht, daß Sie, mein Herr, dieses traurige Ende des jungen Bildhauers befremden kann. So viel ich mich erinnere von Doktor Wellen gehört zu haben, hatte er mit Ihnen vor seinem Weggehen eine Unterredung, worin er Ihnen, dem Vater, nicht undeutlich zu verstehen gab, er könne ohne den Besitz Rosaliens nicht leben und sei entschlossen, einen anständigen, aber sicheren Tod zu suchen.«

»So etwas sagte er allerdings,« entgegnete der alte Mann in ernstem Tone, setzte aber mit trübem Lächeln hinzu: »Sie müssen mir jedoch zugestehen, Herr Wellen, wer von euch jungen Leuten sagte nicht schon etwas Aehnliches bei einer gleichen Veranlassung? Daß das Schicksal so schnellen und fürchterlichen Ernst machen würde, das hätte ich, bei Gott! nicht geglaubt.«

»Also wenn er nicht in Italien geblieben wäre,« fiel Eugen rasch und aufathmend ein, »so wäre es Ihnen lieber? Oder wenn Sie gewußt hätten, seine Worte würden sich so schnell und blutig erfüllen, so hätten Sie damals anders an ihm gehandelt?«

»Wozu diese Fragen?« sprach düster der alte Mann. »Kann ich Geschehenes ungeschehen machen?«

»So ist es Ihnen also lieb,« sagte Eugen mit einigermaßen heftigem Tone, »daß ihn die fremde Erde deckt, daß er nicht zurückkommen kann, um nochmals ehrlich um die Hand Ihrer Tochter zu werben? So ist es Ihnen also lieber, daß Ihr armes Kind vielleicht vergeht in Gram und Verzweiflung?«

»Sie sprechen da harte Worte zu mir,« bemerkte der Verwalter in mildem Tone, »und ich begreife in der That nicht, woher es kommt, daß ich von Ihnen diese Worte, wenn auch mit tiefem Schmerze, doch mit großer Ruhe anhören kann.«

»Sie haben Recht,« sagte Eugen so gefaßt als möglich, indem er aufstand. »Ich vergaß mich. Sie baten mich um Bestätigung jener Nachricht, und ich erlaubte mir, zu Ihnen zu sprechen, als sei jener unglückliche junge Mann, den ich nicht gekannt, mein Freund gewesen, oder als habe ich die Ehre, Ihr langjähriger Bekannter zu sein.«

Der alte Mann war bei diesen Worten ebenfalls aufgestanden und trat an eines der großen Fenster, die auf die Blumenterrasse gingen. Er fuhr sich mit der Hand über die Augen.

»Sie baten mich,« fuhr Eugen fort, »jene Nachricht zu bestätigen. Das habe ich gethan; ich glaube, wir haben weiter kein Geschäft mit einander.«

»Bleiben Sie noch einen Augenblick,« antwortete der alte Mann, ohne sich von dem Fenster, an welchem er stand, abzuwenden. »Wie Sie über mich denken, so wird es Jeder thun, der diese traurige Geschichte erfährt, und Sie und Jeder vielleicht beim ersten Anblick der Sache vollkommen Recht haben. Ein junger, angesehener Mann, ein braver Künstler mit sicherem Auskommen wirbt um die Hand meiner Tochter. Ich sage Nein; nehmen wir an aus Eigensinn, nehmen wir an, ich habe erst prüfen wollen, ob die Liebe jenes jungen Mannes mehr als eine vorübergehende Leidenschaft gewesen sei. Ich spielte gewagt, und da ich dieses Spiel so blutig verloren, so schreit man entsetzt auf, ich sei der Mörder jenes Unglücklichen. Das ist allerdings sehr traurig; aber ich bin zu entschuldigen. Nun aber erfahre ich jenes tragische Ende, und da ich hierüber scheinbar nicht in Verzweiflung gerathe, mir nicht das Haar ausraufe und nicht sage: o, hätte ich das gewußt! so bin ich in Ihren Augen hartherzig, grausam.«

»Wenigstens räthselhaft und sehr unbegreiflich,« sagte Eugen.

»Und so möchte ich nicht dastehen in den Augen der Welt, namentlich aber nicht in den Ihrigen,« entgegnete der Verwalter, sich rasch umwendend. »O, glauben Sie mir, junger Mann, mein Wille war und ist gebunden; ich gebe Ihnen die heiligste Versicherung: hätte ich frei handeln können, Alles, Alles wäre anders gekommen.«

»Ich muß Ihnen glauben,« sprach Eugen sehr kalt, »weil Sie es sagen.«

»Nein, Sie sollen mir glauben, weil Sie von meinen Worten überzeugt sind.«

»So überzeugen Sie mich!«

»Ich halte Sie für einen Ehrenmann,« erwiderte bewegt der Verwalter, indem er vor Eugen hintrat und seine beiden Hände faßte. »Sie scheinen an dem unglücklichen Mädchen und an jenem Anderen den innigsten Antheil zu nehmen. Sie verlassen diese Gegend nicht so bald, Sie bleiben wenigstens noch einige Wochen hier. Nun denn, ich schwöre Ihnen zu, daß sich schon nach Verlauf weniger Tage Ihre Ansicht über mich vollkommen geändert haben soll.«

»Nach wenigen Tagen,« sagte Eugen mit harten Worten. »Wozu soll das führen? Ueberhaupt will ich mich ja gern mit Ihren heutigen Worten bescheiden. Es ist wahr, ich nehme an Ihrer Tochter einen unbegreiflichen Antheil, einen so innigen Antheil, daß, wenn Sie mir gesagt hätten: das ist ein fürchterliches Unglück, o, wenn es doch nicht geschehen wäre, dieses Unglück! wenn jener junge Mann nur jetzt vor mich hinträte und spräche: hier bin ich, gewährt mir die Hand Eurer Tochter! so würde ich mit tausend Freuden Ja sagen – ich Ihnen gerührt die Hand gedrückt haben würde. Aber wozu die vielen Reden? Ihnen ist dieser Tod erwünscht gekommen; Sie würden heute nicht anders handeln, als damals.«

»Sagen Sie, ich könnte nicht anders handeln!« rief verzweiflungsvoll der alte Mann. »Ich würde nicht anders handeln; ja, damit Sie mich ganz kennen lernen: ich bin gezwungen, noch viel Schlimmeres zu thun. Ja, Rosalie hat ihn geliebt, wie nie vielleicht ein Mädchen einen Mann liebte, das weiß ich alles; sie hängt heute noch mit derselben Innigkeit an ihm wie damals; sie wird ihn nie vergessen. Und doch muß ich, will ich sie zwingen, in nächster Zeit eine andere Verbindung einzugehen.«

»Ah! das ist zu viel!« brachte Eugen mühsam hervor.

»Ja, es ist zu viel!« wiederholte der alte Mann mit einem Blicke gegen den Himmel. »Und doch wird es geschehen! Die Macht, die über uns gebietet, hatte noch ganz andere Dinge begonnen und durchgesetzt.«

»Und welche Macht kann einen Vater zwingen, seine Tochter zu tödten?« rief Eugen empört. »Was sage ich – zu tödten? Der Begriff dieses Wortes ist unbedeutend gegen das, was Sie jenem armen Mädchen schon gethan, was Sie ihm noch zu thun gedenken! Mein Herr!« fuhr er heftig fort, »entweder sind Sie ein Narr oder ein Verbrecher!«

»Keines von Beiden,« entgegnete der alte Mann mit einem unbegreiflich ruhigen Tone, indem er aber seine Zähne auf einander biß, daß sie knirschten. »Ich bin nur der Diener meines Herrn.«

»Ah!« machte Eugen mit dem Tone der tiefsten Verachtung. »So hören Sie auf, ein solcher Diener zu sein! Sprengen Sie ein solch fluchwürdiges Band! Brauchen Sie dazu menschliche Hülfe, hier ist meine Hand.«

»Die eines reisenden Schauspielers,« sagte der Verwalter mit einem seltsamen Blicke.

»Vielleicht auch mehr,« entgegnete Eugen. »Oeffnen Sie mit Ihr Herz, schenken Sie mir Ihr Zutrauen!«

»Ihnen,« sagte der Verwalter mit einem sonderbaren Lächeln. »Ihnen, einem unbekannten, jungen Manne? Ihnen in einer Frage, die das Schicksal, das Glück eines so guten und edlen Wesens, wie das meiner Rosalie, betrifft? – Von mir gar nicht zu reden! – Ihnen, der unter der Maske eines reisenden Schauspielers auftritt, einer Maske, so wenig gut gemacht, daß sie den Unbefangensten nicht täuschen wird? – Vertrauen um Vertrauen! Wollen Sie mir helfen und rathen – wohl! Deßhalb vor allen Dingen: wer sind Sie? – – Doch nein!« fuhr er nach einem Augenblicke fort, »reden Sie nicht, folgen Sie mir!«

Mit diesen Worten wandte sich der alte Mann um, nahm einen Bund Schlüssel von der Wand, winkte seinem Besuche mit der Hand und ging vor ihm zur Thüre des Kabinets hinaus. Eugen folgte in ängstlicher Erwartung seltsamer Dinge, die sich diesem räthselhaften Manne gegenüber begeben könnten.

Beide gingen über einen langen Korridor, stiegen am Ende desselben eine kleine steinerne Treppe hinauf und gelangten so in den ersten Stock des weitläufigen Gebäudes. Dort öffnete der Verwalter eine Thüre und bat den jungen Mann, einzutreten. Ein kleines Vorzimmer, in welchem sie sich nun befanden, führte auf eine große Reihe von Zimmern, durch deren geöffnete Flügelthüren man von dem einen in's andere schauen konnte. Rasch schritt der Verwalter durch das erste, zweite, dritte und vierte, dann öffnete er eine zweite Thüre; sie traten in ein Eckzimmer und kamen durch dieses in den andern Flügel des Schlosses. Hier drückte der alte Mann eine Thüre auf, die nur angelehnt war, und bat seinen Begleiter hinein zu treten.

Eugen wußte nicht, wie ihm geschah. Alles, was ihn in diesem Gemache, sowie in dem nächstfolgenden umgab, die Möbel, Teppiche, Kupferstiche – Alles hatte für ihn etwas Bekanntes, Heimathliches. Sein Erstaunen wuchs, je näher er hier die Sachen betrachtete, je weiter er in den Zimmern voranschritt. Er fragte sich, ob er wache oder träume, und ob es möglich sei, was er vor sich sehe. – Ja, das waren die alten bekannten Geräthe, die schwer geschnitzten Stühle, Tische, Schränke des elterlichen Hauses; vor denen der Knabe so oft neugierig gestanden und es versucht hatte, die seltsamen Zeichnungen zu entziffern und zu begreifen, den sonderbaren Gewinden der Blumen, die sich hin und her zogen, dort verschwanden, hier wieder zum Vorschein kamen, zu folgen. Das waren die so oft gesehenen Kupferstiche in den dunkelbraunen Rahmen, die Jagd- und Pferdestücke, die Liebhaberei des verstorbenen Vaters; in anderen Zimmern bekannte Oelbilder, die sich oft durch eine gewisse Farbe oder durch eine merkwürdige Figur in dem Gedächtnisse des Knaben fest eingeprägt hatten.

Eugen faßte seine Stirn; träumte er oder wachte er? Und wenn er wachte, wie konnte er es begreifen, daß er hier diese bekannten Gegenstände wieder sah? wenn auch zuweilen eine Idee in ihm aufblitzte, die vielleicht die richtige war, so verwarf er sie doch lächelnd wieder als eine Unmöglichkeit.

Der alte Mann, der ihm ruhig von Zimmer zu Zimmer folgte, drückte sich sachte in die Fenstervertiefungen hinter die großen Vorhänge, um den jungen Mann ganz sich selbst zu überlassen und seine Gedanken durch nichts zu zerstreuen.

Eugen schien ihn auch vergessen zu haben und eilte, mehr und mehr überrascht, durch die Zimmer, bis er an eine Thüre kam, welche wie die erste ebenfalls nur angelehnt war. Hastig drückte er sie auf und blieb mit einem Rufe der Ueberraschung auf der Schwelle stehen. Er blickte in ein kleines, achteckiges Gemach, und an der Wand, ihm gerade gegenüber, von einem einzigen Fenster auf's Schönste beleuchtet, sah er – das Portrait seiner Mutter in weißseidenem Kleide, ihr wohlbekanntes schönes Gesicht aus Spitzen, Brillanten und Blumen hervorlächelnd – dieses Gesicht, wie es ihm noch in der Erinnerung aus den Zeiten der Kinderjahre vorschwebte; die ganze, hohe Gestalt so, wie er sich erinnerte, sie oftmals gesehen zu haben, wenn er Abends in seinem Bettchen lag und schlief und durch ihren warmen Kuß aufgeweckt wurde, wo er dann aber die Augen gleich wieder schloß vor der schönen Erscheinung, die vor ihm stand – eine gute Fee, wie er glaubte, schimmernd und strahlend. – Wie er so vor dem Bilde stand und es anschaute, so begann er langsam sich zu erinnern, daß er vor langen, langen Jahren dieses Bild ebenfalls irgendwo gesehen; dann war es aber plötzlich und spurlos verschwunden.

In diesem Augenblicke fühlte er sich bei der Hand gefaßt; er schien es völlig vergessen zu haben, daß außer ihm noch Jemand durch diese Zimmer schritt, und blickte hastig und überrascht auf die Seite.

Es war der alte Verwalter, der neben ihm stand, der seine Hand gefaßt hielt, der ihn fragend ansah und alsdann auf das Bild wies.

»Meine Mutter!« rief Eugen.

Ein freudiges Lächeln flog über die Züge des alten Mannes, indem er sagte: »ich habe es geahnt, und ich bin glücklich, daß es so ist.«

Jetzt erst trat Eugen mit seinen Gedanken in die Wirklichkeit zurück und blickte seinen Begleiter überrascht an. »Was soll das alles bedeuten?« sagte er. »Warum finde ich hier ein gutes Theil des elterlichen Hauses? warum finde ich hier auf dem fremden Schlosse das Porträt meiner Mutter?«

»Es ist dies kein fremdes Schloß,« sagte freudig der alte Mann. »Dort ist die Besitzerin desselben.« Und er wies abermals auf das Bildniß.

»Ah!« sagte Eugen, immer mehr überrascht, »spielen wir in einem Märchen? Sagen Sie mir offen und ehrlich: was soll dies alles bedeuten?«

Bei diesen Worten verbeugte sich der Verwalter vor dem jungen Manne und erwiderte: »es ist weder Fabel noch Märchen. Auch spreche ich offen und ehrlich mit Ihnen, wenn ich Ihnen sage: ich heiße den Herrn Stillfried willkommen auf der Besitzung seiner Mutter!«

Kopfschüttelnd blickte Eugen bald den Verwalter, bald das Bild an. Dann trat er einen Augenblick an das Fenster, faltete die Hände und schaute hinab.


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