Johann Wolfgang von Goethe
Gedichte. Ausgabe letzter Hand
Johann Wolfgang von Goethe

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Epigramme

Venedig 1790

 

Wie man Geld und Zeit vertan,
Zeigt das Büchlein lustig an.

 

 

1

Sarkophagen und Urnen verzierte der Heide mit Leben:
    Faunen tanzen umher, mit der Bacchantinnen Chor
Machen sie bunte Reihe; der ziegengefüßete Pausback
    Zwingt den heiseren Ton wild aus dem schmetternden Horn.
Zimbeln, Trommeln erklingen; wir sehen und hören den Marmor.
    Flatternde Vögel! wie schmeckt herrlich dem Schnabel die Frucht!
Euch verscheuchet kein Lärm, noch weniger scheucht er den Amor,
    Der in dem bunten Gewühl erst sich der Fackel erfreut.
So überwältiget Fülle den Tod; und die Asche da drinnen
    Scheint, im stillen Bezirk, noch sich des Lebens zu freun.
So umgebe denn spät den Sarkophagen des Dichters
    Diese Rolle, von ihm reichlich mit Leben geschmückt.

 

2

Kaum an dem blaueren Himmel erblickt ich die glänzende Sonne,
    Reich, vom Felsen herab, Efeu zu Kränzen geschmückt,
Sah den emsigen Winzer die Rebe der Pappel verbinden,
    Über die Wiege Virgils kam mir ein laulicher Wind:
Da gesellten die Musen sich gleich zum Freunde; wir pflogen
    Abgerißnes Gespräch, wie es den Wanderer freut.

 

3

Immer halt ich die Liebste, begierig im Arme geschlossen,
    Immer drängt sich mein Herz fest an den Busen ihr an,
Immer lehnet mein Haupt an ihren Knieen, ich blicke
    Nach dem lieblichen Mund, ihr nach den Augen hinauf.
»Weichling!» schölte mich einer, »und so verbringst du die Tage?«
    Ach, ich verbringe sie schlimm! Höre nur, wie mir geschieht:
Leider wend ich den Rücken der einzigen Freude des Lebens;
    Schon den zwanzigsten Tag schleppt mich der Wagen dahin.
Vetturine trotzen mir nun, es schmeichelt der Kämmrer,
    Und der Bediente vom Platz sinnet auf Lügen und Trug.
Will ich ihnen entgehn, so faßt mich der Meister der Posten,
    Postillone sind Herrn, dann die Dogane dazu!
»Ich verstehe dich nicht! du widersprichst dir! du schienest
    Paradiesisch zu ruhn, ganz, wie Rinaldo, beglückt.«
Ach! ich verstehe mich wohl: es ist mein Körper auf Reisen,
    Und es ruhet mein Geist stets der Geliebten im Schoß.

 

4

Das ist Italien, das ich verließ. Noch stäuben die Wege,
    Noch ist der Fremde geprellt, stell er sich, wie er auch will.
Deutsche Redlichkeit suchst du in allen Winkeln vergebens:
    Leben und Weben ist hier, aber nicht Ordnung und Zucht;
Jeder sorgt nur für sich, mißtrauet dem andern, ist eitel,
    Und die Meister des Staats sorgen nur wieder für sich.
Schön ist das Land; doch ach! Faustinen find ich nicht wieder.
    Das ist Italien nicht mehr, das ich mit Schmerzen verließ.

 

5

In der Gondel lag ich gestreckt und fuhr durch die Schiffe,
    Die in dem großen Kanal, viele befrachtete, stehn.
Mancherlei Ware findest du da für manches Bedürfnis,
    Weizen, Wein und Gemüs, Scheite, wie leichtes Gesträuch.
Pfeilschnell drangen wir durch; da traf ein verlorener Lorbeer
    Derb mir die Wangen. Ich rief: Daphne, verletzest du mich?
Lohn erwartet ich eher! Die Nymphe lispelte lächelnd:
    Dichter sündgen nicht schwer. Leicht ist die Strafe. Nur zu!

 

6

Seh ich den Pilgrim, so kann ich mich nie der Tränen enthalten.
    O wie beseliget uns Menschen ein falscher Begriff!

 

7

Eine Liebe hatt ich, sie war mir lieber als alles!
    Aber ich hab sie nicht mehr! Schweig, und ertrag den Verlust!

 

8

Diese Gondel vergleich ich der Wiege, sie schaukelt gefällig,
    Und das Kästchen darauf scheint ein geräumiger Sarg.
Recht so! Zwischen der Wieg und dem Sarg wir schwanken und schweben
    Auf dem großen Kanal sorglos durchs Leben dahin.

 

9

Siehst du neben dem Doge den Nuntius feierlich gehen?
    Sie begraben den Herrn, einer versiegelt den Stein.
Was der Doge sich denkt, ich weiß es nicht; aber der andre
    Lächelt über den Ernst dieses Gepränges gewiß.

 

10

Warum treibt sich das Volk so, und schreit? Es will sich ernähren,
    Kinder zeugen, und die nähren, so gut es vermag.
Merke dir, Reisender, das und tue zu Hause desgleichen!
    Weiter bringt es kein Mensch, stell er sich, wie er auch will.

 

11

Wie sie klingeln, die Pfaffen! Wie angelegen sies machen,
    Daß man komme, nur ja plappre, wie gestern so heut!
Scheltet mir nicht die Pfaffen; sie kennen des Menschen Bedürfnis!
    Denn wie ist er beglückt, plappert er morgen wie heut!

 

12

Mache der Schwärmer sich Schüler wie Sand am Meere – der Sand ist
    Sand; die Perle sei mein, du, o vernünftiger Freund!

 

13

Süß, den sprossenden Klee mit weichlichen Füßen im Frühling
    Und die Wolle des Lamms tasten mit zärtlicher Hand;
Süß, voll Blüten zu sehn die neulebendigen Zweige,
    Dann das grünende Laub locken mit sehnendem Blick.
Aber süßer, mit Blumen dem Busen der Schäferin schmeicheln;
    Ach! den gewohnten Genuß läßt mich entbehren der Mai.

 

14

Diesen Amboß vergleich ich dem Lande, den Hammer dem Fürsten,
    Und dem Volke das Blech, das in der Mitte sich krümmt.
Wehe dem armen Blech! wenn nur willkürliche Schläge
    Ungewiß treffen, und nie fertig der Kessel erscheint.

 

15

Schüler macht sich der Schwärmer genug, und rühret die Menge,
    Wenn der vernünftige Mann einzelne Liebende zählt.
Wundertätige Bilder sind meist nur schlechte Gemälde:
    Werke des Geists und der Kunst sind für den Pöbel nicht da.

 

16

Mache zum Herrscher sich der, der seinen Vorteil verstehet:
    Doch wir wählten uns den, der sich auf unsern versteht.

 

17

Not lehrt beten, man sagts; will einer es lernen, er gehe
    Nach Italien! Not findet der Fremde gewiß.

 

18

Welch ein heftig Gedränge nach diesem Laden! Wie emsig
    Wägt man, empfängt man das Geld, reicht man die Ware dahin!
Schnupftabak wird hier verkauft. Das heißt sich selber erkennen!
    Nieswurz holt sich das Volk, ohne Verordnung und Arzt.

 

19

Jeder Edle Venedigs kann Doge werden; das macht ihn
    Gleich als Knaben so fein, eigen, bedächtig und stolz.
Darum sind die Oblaten so zart im katholischen Welschland;
    Denn aus demselbigen Teig weihet der Priester den Gott.

 

20

Ruhig am Arsenal stehn zwei altgriechische Löwen;
    Klein wird neben dem Paar Pforte, wie Turm und Kanal.
Käme die Mutter der Götter herab, es schmiegten sich beide
    Vor den Wagen, und sie freute sich ihres Gespanns.
Aber nun ruhen sie traurig; der neue geflügelte Kater,
    Überall schnurrt er, und ihn nennet Venedig Patron.

 

21

Emsig wallet der Pilger! Und wird er den Heiligen finden?
    Hören und sehen den Mann, welcher die Wunder getan?
Nein, es führte die Zeit ihn hinweg: du findest nur Reste,
    Seinen Schädel, ein paar seiner Gebeine verwahrt.
Wir sind alle Pilger, die wir Italien suchen;
    Nur ein zerstreutes Gebein ehren wir gläubig und froh.

 

22

Jupiter Pluvius, heut erscheinst du ein freundlicher Dämon,
    Vielfach ist das Geschenk dieses Momentes fürwahr:
Gibst Venedig zu trinken, dem Lande grünendes Wachstum,
    Manches kleine Gedicht gibst du dem Büchelchen hier.

 

23

Gieße nur, tränke nur fort die rotbemäntelten Frösche,
    Wäßre das durstende Land, daß es uns Broccoli schickt.
Nur durchwäßre mir nicht dies Büchlein; es sei mir ein Fläschchen
    Reinen Arraks, und Punsch mache sich jeder nach Lust.

 

24

Sankt Johannes im Kot heißt jene Kirche; Venedig
    Nenn ich mit doppeltem Recht heute Sankt Markus im Kot.

 

25

Hast du Bajä gesehn, so kennst du das Meer und die Fische.
    Hier ist Venedig; du kennst nun auch den Pfuhl und den Frosch.

 

26

»Schläfst du noch immer?« Nur still, und laß mich ruhen; erwach ich,
    Nun, was soll ich denn hier? Breit ist das Bette, doch leer.
Überall ist Sardinien, wo man allein schläft, und Tibur,
    Überall ist es, Freund, wo dich die Liebliche weckt.

 

27

Oft sind alle Neune gekommen, ich meine die Musen;
    Doch ich achtet es nicht, hatte das Mädchen im Schoß.
Nun verließ ich mein Liebchen; mich haben die Musen verlassen,
    Und ich schielte verwirrt, suchte nach Messer und Strick.
Aber der Himmel ist voll von Göttern; du kamst mir zu Hülfe,
    Langeweile! du bist Mutter der Musen gegrüßt.

 

28

Welch ein Mädchen ich wünsche zu haben? Ihr fragt mich. Ich hab sie,
    Wie ich sie wünsche, das heißt, dünkt mich, mit wenigem viel.
An dem Meere ging ich, und suchte mir Muscheln. In einer
    Fand ich ein Perlchen; es bleibt nun mir am Herzen verwahrt.

 

29

Vieles hab ich versucht, gezeichnet, in Kupfer gestochen,
    Öl gemalt, in Ton hab ich auch manches gedruckt,
Unbeständig jedoch, und nichts gelernt noch geleistet;
    Nur ein einzig Talent bracht ich der Meisterschaft nah.
Deutsch zu schreiben. Und so verderb ich unglücklicher Dichter
    In dem schlechtesten Stoff leider nun Leben und Kunst.

 

30

Schöne Kinder tragt ihr, und steht mit verdeckten Gesichtern,
    Bettelt: das heißt mit Macht reden ans männliche Herz.
Jeder wünscht sich ein Knäbchen, wie ihr das dürftige zeiget,
    Und ein Liebchen, wie mans unter dem Schleier sich denkt.

 

31

Das ist dein eigenes Kind nicht, worauf du bettelst, und rührst mich;
    O wie rührt mich erst die, die mir mein eigenes bringt!

 

32

Warum leckst du dein Mäulchen, indem du mir eilig begegnest?
    Wohl, dein Züngelchen sagt mir, wie gesprächig es sei.

 

33

Alle Künste lernt und treibt der Deutsche; zu jeder
    Zeigt er ein schönes Talent, wenn er sie ernstlich ergreift.
Eine Kunst nur treibt er, und will sie nicht lernen, die Dichtkunst.
    Darum pfuscht er auch so; Freunde, wir habens erlebt.

 

34a

Oft erklärtet ihr euch als Freunde des Dichters, ihr Götter!
    Gebt ihm auch, was er bedarf! Mäßiges braucht er, doch viel:
Erstlich freundliche Wohnung, dann leidlich zu essen, zu trinken
    Gut; der Deutsche versteht sich auf den Nektar, wie ihr.
Dann geziemende Kleidung und Freunde, vertraulich zu schwatzen;
    Dann ein Liebchen des Nachts, das ihn von Herzen begehrt.
Diese fünf natürlichen Dinge verlang ich vor allem.
    Gebet mir ferner dazu Sprachen, die alten und neu'n,
Daß ich der Völker Gewerb und ihre Geschichten vernehme;
    Gebt mir ein reines Gefühl, was sie in Künsten getan.
Ansehn gebt mir im Volke, verschafft bei Mächtigen Einfluß,
    Oder was sonst noch bequem unter den Menschen erscheint.
Gut – schon dank ich euch, Götter; ihr habt den glücklichsten Menschen
    Ehstens fertig: denn ihr gönntet das meiste mir schon.

 

34b

Klein ist unter den Fürsten Germaniens freilich der meine;
    Kurz und schmal ist sein Land, mäßig nur, was er vermag.
Aber so wende nach innen, so wende nach außen die Kräfte
    Jeder, da wärs ein Fest, Deutscher mit Deutschen zu sein.
Doch was priesest du Ihn, den Taten und Werke verkünden?
    Und bestochen erschien' deine Verehrung vielleicht;
Denn mir hat er gegeben, was Große selten gewähren,
    Neigung, Muße, Vertraun, Felder und Garten und Haus.
Niemand braucht ich zu danken als Ihm, und manches bedurft ich,
    Der ich mich auf den Erwerb schlecht, als ein Dichter, verstand.
Hat mich Europa gelobt, was hat mir Europa gegeben?
    Nichts! Ich habe, wie schwer! meine Gedichte bezahlt.
Deutschland ahmte mich nach, und Frankreich mochte mich lesen.
    England! freundlich empfingst du den zerrütteten Gast.
Doch was fördert es mich, daß auch sogar der Chinese
    Malet, mit ängstlicher Hand, Werthern und Lotten auf Glas?
Niemals frug ein Kaiser nach mir, es hat sich kein König
    Um mich bekümmert, und Er war mir August und Mäzen.

 

35

Eines Menschen Leben, was ists? Doch Tausende können
    Reden über den Mann, was er und wie ers getan.
Weniger ist ein Gedicht; doch können es Tausend genießen,
    Tausende tadeln. Mein Freund, lebe nur, dichte nur fort!

 

36

Müde war ich geworden, nur immer Gemälde zu sehen,
    Herrliche Schätze der Kunst, wie sie Venedig bewahrt.
Denn auch dieser Genuß verlangt Erholung und Muße;
    Nach lebendigem Reiz suchte mein schmachtender Blick.
Gauklerin! da ersah ich in dir zu den Bübchen das Urbild,
    Wie sie Johannes Bellin reizend mit Flügeln gemalt,
Wie sie Paul Veronese mit Bechern dem Bräutigam sendet,
    Dessen Gäste, getäuscht, Wasser genießen für Wein.

 

37

Wie, von der künstlichsten Hand geschnitzt, das liebe Figürchen,
    Weich und ohne Gebein, wie die Molluska nur schwimmt!
Alles ist Glied, und alles Gelenk, und alles gefällig,
    Alles nach Maßen gebaut, alles nach Willkür bewegt.
Menschen hab ich gekannt und Tiere, so Vögel als Fische,
    Manches besondre Gewürm, Wunder der großen Natur;
Und doch staun ich dich an, Bettine, liebliches Wunder
    Die du alles zugleich bist, und ein Engel dazu.

 

38

Kehre nicht, liebliches Kind, die Beinchen hinauf zu dem Himmel;
    Jupiter sieht dich, der Schalk, und Ganymed ist besorgt.

 

39

Wende die Füßchen zum Himmel nur ohne Sorge! Wir strecken
    Arme betend empor; aber nicht schuldlos wie du.

 

40

Seitwärts neigt sich dein Hälschen. Ist das ein Wunder? Es träget
    Oft dich ganze; du bist leicht, nur dem Hälschen zu schwer.
Mir ist sie gar nicht zuwider, die schiefe Stellung des Köpfchens:
    Unter schönerer Last beugte kein Nacken sich je.

 

41

So verwirret mit dumpf willkürlich verwebten Gestalten,
    Höllisch und trübe gesinnt, Breughel den schwankenden Blick;
So zerrüttet auch Dürer mit apokalyptischen Bildern,
    Menschen und Grillen zugleich, unser gesundes Gehirn;
So erreget ein Dichter, von Sphinxen, Sirenen, Zentauren
    Singend, die Neugier mit Macht in dem verwunderten Ohr;
So beweget ein Traum den Sorglichen, wenn er zu greifen,
    Vorwärts glaubet zu gehn, alles veränderlich schwebt:
So verwirrt uns Bettine, die holden Glieder verwechselnd;
    Doch erfreut sie uns gleich, wenn sie die Sohlen betritt.

 

42

Gern überschreit ich die Grenze, mit breiter Kreide gezogen.
    Macht sie Bottegha, das Kind, drängt sie mich artig zurück.

 

43

»Ach! mit diesen Seelen, was macht er? Jesus Maria!
    Bündelchen Wäsche sind das, wie man zum Brunnen sie trägt.
Wahrlich, sie fällt! Ich halt es nicht aus! Komm, gehn wir! Wie zierlich!
    Sieh nur, wie steht sie, wie leicht! Alles mit Lächeln und Lust!«
Altes Weib, du bewunderst mit Recht Bettinen! du scheinst mir
    Jünger zu werden und schön, da dich mein Liebling erfreut.

 

44

Alles seh ich so gerne von dir; doch seh ich am liebsten,
    Wenn der Vater behend über dich selber dich wirft,
Du dich im Schwung überschlägst und, nach dem tödlichen Sprunge,
    Wieder stehest und läufst, eben ob nichts wär geschehn.

 

45

Schon entrunzelt sich jedes Gesicht; die Furchen der Mühe,
    Sorgen und Armut fliehn, Glückliche glaubt man zu sehn.
Dir erweicht sich der Schiffer und klopft dir die Wange; der Säckel
    Tut sich dir kärglich zwar, aber er tut sich doch auf,
Und der Bewohner Venedigs entfaltet den Mantel und reicht dir,
    Eben als flehtest du laut bei den Mirakeln Antons,
Bei des Herrn fünf Wunden, dem Herzen der seligsten Jungfrau,
    Bei der feurigen Qual, welche die Seelen durchfegt.
Jeder kleine Knabe, der Schiffer, der Höke, der Bettler
    Drängt sich, und freut sich bei dir, daß er ein Kind ist wie du.

 

46

Dichten ist ein lustiges Handwerk; nur find ich es teuer:
    Wie dies Büchlein mir wächst, gehn die Zechinen mir fort.

 

47

»Welch ein Wahnsinn ergriff dich Müßigen? Hältst du nicht inne?
    Wird dies Mädchen ein Buch? Stimme was Klügeres an!«
Wartet, ich singe die Könige bald, die Großen der Erde,
    Wenn ich ihr Handwerk einst besser begreife wie jetzt.
Doch Bettinen sing ich indes; denn Gaukler und Dichter
    Sind gar nahe verwandt, suchen und finden sich gern.

 

48

Böcke, zur Linken mit euch! so ordnet künftig der Richter:
    Und ihr Schäfchen, ihr sollt ruhig zur Rechten mir stehn!
Wohl! Doch eines ist noch von ihm zu hoffen; dann sagt er:
    Seid, Vernünftige, mir grad gegenüber gestellt!

 

49

Wißt ihr, wie ich gewiß euch Epigramme zu Scharen
    Fertige? Führet mich nur weit von der Liebsten hinweg!

 

50

Alle Freiheitsapostel, sie waren mir immer zuwider;
    Willkür suchte doch nur jeder am Ende für sich.
Willst du viele befrein, so wag es, vielen zu dienen.
    Wie gefährlich das sei, willst du es wissen? Versuchs!

 

51

Könige wollen das Gute, die Demagogen desgleichen,
    Sagt man; doch irren sie sich: Menschen, ach, sind sie wie wir.
Nie gelingt es der Menge, für sich zu wollen, wir wissens;
    Doch wer verstehet, für uns alle zu wollen, er zeigs!

 

52

Kreuzigen sollte man jeden Propheten im dreißigsten Jahre;
    Kennt er nur einmal die Welt, wird der Betrogne der Schelm.

 

53

Frankreichs traurig Geschick, die Großen mögens bedenken;
    Aber bedenken fürwahr sollen es Kleine noch mehr.
Große gingen zugrunde: doch wer beschützte die Menge
    Gegen die Menge? Da war Menge der Menge Tyrann.

 

54

Tolle Zeiten hab ich erlebt, und hab nicht ermangelt,
    Selbst auch töricht zu sein, wie es die Zeit mir gebot.

 

55

»Sage, tun wir nicht recht? Wir müssen den Pöbel betrügen.
    Sieh nur, wie ungeschickt wild, sieh nur, wie dumm er sich zeigt!«
Ungeschickt scheint er und dumm, weil ihr ihn eben betrüget;
    Seid nur redlich, und er, glaubt mir, ist menschlich und klug.

 

56

Fürsten prägen so oft auf kaum versilbertes Kupfer
    Ihr bedeutendes Bild; lange betriegt sich das Volk.
Schwärmer prägen den Stempel des Geists auf Lügen und Unsinn;
    Wem der Probierstein fehlt, hält sie für redliches Gold.

 

57

Jene Menschen sind toll, so sagt ihr von heftigen Sprechern,
    Die wir in Frankreich laut hören auf Straßen und Markt.
Mir auch scheinen sie toll; doch redet ein Toller in Freiheit
    Weise Sprüche, wenn ach! Weisheit im Sklaven verstummt.

 

58

Lange haben die Großen der Franzen Sprache gesprochen,
    Halb nur geachtet den Mann, dem sie vom Munde nicht floß.
Nun lallt alles Volk entzückt die Sprache der Franken.
    Zürnet, Mächtige, nicht! Was ihr verlangtet, geschieht.

 

59

»Epigramme, seid nicht so frech!« Warum nicht? Wir sind nur
    Überschriften; die Welt hat die Kapitel des Buchs.

 

60

Wie dem hohen Apostel ein Tuch voll Tiere gezeigt ward,
    Rein und unrein, zeigt, Lieber, das Büchlein sich dir.

 

61

Ob ein Epigramm wohl gut sei? Kannst dus entscheiden?
    Weiß man doch eben nicht stets, was er sich dachte, der Schalk.

 

62

Je gemeiner es ist, je näher dem Neide, der Mißgunst,
    Desto eher begreifst du das Gedichtchen gewiß.

 

63

Chloe schwöret, sie liebt mich; ich glaubs nicht. Aber sie liebt dich!
    Sagt mir ein Kenner. Schon gut; glaubt ichs, da wär es vorbei.

 

64

Niemand liebst du, und mich, Philarchos, liebst du so heftig.
    Ist denn kein anderer Weg, mich zu bezwingen, als der?

 

65

Ists denn so großes Geheimnis, was Gott und der Mensch und die Welt sei?
    Nein! Doch keiner mags gern hören; da bleibt es geheim.

 

66

Vieles kann ich ertragen. Die meisten beschwerlichen Dinge
    Duld ich mit ruhigem Mut, wie es ein Gott mir gebeut.
Wenige sind mir jedoch wie Gift und Schlange zuwider,
    Viere: Rauch des Tabaks, Wanzen und Knoblauch und †.

 

67

Lange schon hätt ich euch gern von jenen Tierchen gesprochen,
    Die so zierlich und schnell fahren dahin und daher.
Schlängelchen scheinen sie gleich, doch viergefüßet; sie laufen,
    Kriechen und schleichen, und leicht schleppen die Schwänzchen sie nach.
Seht, hier sind sie! und hier! Nun sind sie verschwunden! Wo sind sie?
    Welche Ritze, welch Kraut nahm die entfliehenden auf?
Wollt ihr mirs künftig erlauben, so nenn ich die Tierchen Lazerten;
    Denn ich brauche sie noch oft als gefälliges Bild.

 

68

Wer Lazerten gesehn, der kann sich die zierlichen Mädchen
    Denken, die über den Platz fahren dahin und daher.
Schnell und beweglich sind sie, und gleiten, stehen und schwatzen,
    Und es rauscht das Gewand hinter den eilenden drein.
Sieh, hier ist sie! und hier! Verlierst du sie einmal, so suchst du
    Sie vergebens; so bald kommt sie nicht wieder hervor.
Wenn du aber die Winkel, die Gäßchen und Treppchen nicht scheuest,
    Folg ihr, wie sie dich lockt, in die Spelunke hinein!

 

69

Was Spelunke nun sei, verlangt ihr zu wissen? Da wird ja
    Fast zum Lexikon dies epigrammatische Buch.
Dunkele Häuser sinds in engen Gäßchen; zum Kaffee
    Führt dich die Schöne, und sie zeigt sich geschäftig, nicht du.

 

70

Zwei der feinsten Lazerten, sie hielten sich immer zusammen,
    Eine beinahe zu groß, eine beinahe zu klein.
Siehst du beide zusammen, so wird die Wahl dir unmöglich;
    Jede besonders, sie schien einzig die schönste zu sein.

 

71

Heilige Leute, sagt man, sie wollten besonders dem Sünder
    Und der Sünderin wohl. Gehts mir doch eben auch so.

 

72

Wär ich ein häusliches Weib, und hätte, was ich bedürfte,
    Treu sein wollt ich und froh, herzen und küssen den Mann.
So sang, unter andern, gemeinen Liedern, ein Dirnchen
    Mir in Venedig, und nie hört ich ein frömmer Gebet.

 

73

Wundern kann es mich nicht, daß Menschen die Hunde so lieben:
    Denn ein erbärmlicher Schuft ist, wie der Mensch, so der Hund.

 

74

Frech wohl bin ich geworden; es ist kein Wunder. Ihr Götter
    Wißt, und wißt nicht allein, daß ich auch fromm bin und treu.

 

75

»Hast du nicht gute Gesellschaft gesehn? Es zeigt uns dein Büchlein
    Fast nur Gaukler und Volk, ja was noch niedriger ist.«
Gute Gesellschaft hab ich gesehn, man nennt sie die gute,
    Wenn sie zum kleinsten Gedicht keine Gelegenheit gibt.

 

76

Was mit mir das Schicksal gewollt? Es wäre verwegen,
    Das zu fragen; denn meist will es mit vielen nicht viel.
Einen Dichter meint es zu bilden, es wär ihm gelungen,
    Hätte die Sprache sich nicht unüberwindlich gezeigt.

 

77

Mit Botanik gibst du dich ab? mit Optik? Was tust du?
    Ist es nicht schönrer Gewinn, rühren ein zärtliches Herz?
Ach, die zärtlichen Herzen! ein Pfuscher vermag sie zu rühren;
    Sei es mein einziges Glück, dich zu berühren, Natur!

 

78

Weiß hat Newton gemacht aus allen Farben. Gar manches
    Hat er euch weisgemacht, das ihr ein Säkulum glaubt.

 

79

»Alles erkläret sich wohl«, so sagt mir ein Schüler, »aus jenen
    Theorien, die uns weislich der Meister gelehrt.«
Habt ihr einmal das Kreuz von Holze tüchtig gezimmert,
    Paßt ein lebendiger Leib freilich zur Strafe daran.

 

80

Wenn auf beschwerlichen Reisen ein Jüngling zur Liebsten sich windet,
    Hab er dies Büchlein; es ist reizend und tröstlich zugleich.
Und erwartet dereinst ein Mädchen den Liebsten, sie halte
    Dieses Büchlein, und nur, kommt er, so werfe sies weg.

 

81

Gleich den Winken des Mädchens, des eilenden, welche verstohlen
    Im Vorbeigehn nur freundlich mir streifet den Arm,
So vergönnt, ihr Musen, dem Reisenden kleine Gedichte:
    O behaltet dem Freund größere Gunst noch bevor!

 

82

Wenn, in Dunst und Wolken verhüllt, die Sonne nur trübe
    Stunden sendet, wie still wandeln die Pfade wir fort!
Drängt der Regen den Wandrer, wie ist uns des ländlichen Daches
    Schirm willkommen! Wie sanft ruht sichs in stürmischer Nacht!
Aber die Göttin kehret zurück! Schnell scheuche die Nebel
    Von der Stirne hinweg! Gleiche der Mutter Natur!

 

83

Willst du mit reinem Gefühl der Liebe Freuden genießen,
    O so laß Frechheit und Ernst ferne vom Herzen dir sein.
Jene will Amorn verjagen, und dieser denkt ihn zu fesseln;
    Beiden das Gegenteil lächelt der schelmische Gott.

 

84

Göttlicher Morpheus, umsonst bewegst du die lieblichen Mohne;
    Bleibt das Auge doch wach, wenn mir es Amor nicht schließt.

 

85

Liebe flößest du ein, und Begier; ich fühl es, und brenne.
    Liebenswürdige, nun flöße Vertrauen mir ein!

 

86

Ha! ich kenne dich, Amor, so gut als einer! Da bringst du
    Deine Fackel, und sie leuchtet im Dunkel uns vor.
Aber du führest uns bald verworrene Pfade; wir brauchten
    Deine Fackel erst recht, ach! und die falsche erlischt.

 

87

Eine einzige Nacht: an deinem Herzen! – Das andre
    Gibt sich. Es trennet uns noch Amor in Nebel und Nacht.
Ja, ich erlebe den Morgen, an dem Aurora die Freunde
    Busen an Busen belauscht, Phöbus, der frühe, sie weckt.

 

88

Ist es dir Ernst, so zaudre nun länger nicht, mache mich glücklich!
    Wolltest du scherzen? Es sei, Liebchen, des Scherzes genug!

 

89

Daß ich schweige, verdrießt dich? Was soll ich reden? Du merkest
    Auf der Seufzer, des Blicks leise Beredsamkeit nicht.
Eine Göttin vermag der Lippe Siegel zu lösen;
    Nur Aurora, sie weckt einst dir am Busen mich auf.
Ja, dann töne mein Hymnus den frühen Göttern entgegen,
    Wie das Memnonische Bild lieblich Geheimnisse sang.

 

90

Welch ein lustiges Spiel! Es windet am Faden die Scheibe,
    Die von der Hand entfloh, eilig sich wieder herauf!
Seht, so schein ich mein Herz bald dieser Schönen, bald jener
    Zuzuwerfen; doch gleich kehrt es im Fluge zurück.

 

91

O wie achtet ich sonst auf alle Zeiten des Jahres,
    Grüßte den kommenden Lenz, sehnte dem Herbste mich nach!
Aber nun ist nicht Sommer noch Winter, seit mich Beglückten
    Amors Fittich bedeckt, ewiger Frühling umschwebt.

 

92

Sage, wie lebst du? Ich lebe! und wären hundert und hundert
    Jahre dem Menschen gegönnt, wünscht ich mir morgen wie heut.

 

93

Götter, wie soll ich euch danken! Ihr habt mir alles gegeben,
    Was der Mensch sich erfleht; nur in der Regel fast nichts.

 

94

In der Dämmrung des Morgens den höchsten Gipfel erklimmen,
    Frühe den Boten des Tags grüßen, dich, freundlichen Stern!
Ungeduldig die Blicke der Himmelsfürstin erwarten,
    Wonne des Jünglings, wie oft locktest du nachts mich heraus!
Nun erscheint ihr mir, Boten des Tags, ihr himmlischen Augen
    Meiner Geliebten, und stets kommt mir die Sonne zu früh.

 

95

Du erstaunest, und zeigst mir das Meer; es scheinet zu brennen.
    Wie bewegt sich die Flut flammend ums nächtliche Schiff!
Mich verwundert es nicht, das Meer gebar Aphroditen,
    Und entsprang nicht aus ihr uns eine Flamme, der Sohn?

 

96

Glänzen sah ich das Meer, und blinken die liebliche Welle,
    Frisch mit günstigem Wind zogen die Segel dahin.
Keine Sehnsucht fühlte mein Herz; es wendete rückwärts,
    Nach dem Schnee des Gebirgs, bald sich der schmachtende Blick.
Südwärts liegen der Schätze wie viel! Doch einer im Norden
    Zieht, ein großer Magnet, unwiderstehlich zurück.

 

97

Ach! mein Mädchen verreist! Sie steigt zu Schiffe! – Mein König,
    Äolus! mächtiger Fürst! halte die Stürme zurück!
Törichter! ruft mir der Gott, befürchte nicht wütende Stürme:
    Fürchte den Hauch, wenn sanft Amor die Flügel bewegt!

 

98

Arm und kleiderlos war das Mädchen, als ichs geworben;
    Damals gefiel sie mir nackt, wie sie mir jetzt noch gefällt.

 

99

Oftmals hab ich geirrt, und habe mich wieder gefunden,
    Aber glücklicher nie; nun ist dies Mädchen mein Glück!
Ist auch dieses ein Irrtum, so schont mich, ihr klügeren Götter,
    Und benehmt mir ihn erst drüben am kalten Gestad.

 

100

Traurig, Midas, war dein Geschick: in bebenden Händen
    Fühltest du, hungriger Greis, schwere verwandelte Kost.
Lustiger geht mirs auf ähnliche Weise; denn was ich berühre,
    Wird mir unter der Hand gleich ein behendes Gedicht.
Holde Musen, ich sträube mich nicht; nur daß ihr mein Liebchen,
    Drück ich es fest an die Brust, nicht mir zum Märchen verkehrt.

 

101

Ach, mein Hals ist ein wenig geschwollen! so sagte die Beste
    Ängstlich. – Stille, mein Kind! still! und vernehme das Wort:
Dich hat die Hand der Venus berührt; sie deutet dir leise,
    Daß sie das Körperchen bald, ach! unaufhaltsam verstellt.
Bald verdirbt sie die schlanke Gestalt, die zierlichen Brüstchen;
    Alles schwillt nun, es paßt nirgends das neuste Gewand.
Sei nur ruhig! es deutet die fallende Blüte dem Gärtner,
    Daß die liebliche Frucht schwellend im Herbste gedeiht.

 

102

Wonniglich ists, die Geliebte verlangend im Arme zu halten,
    Wenn ihr klopfendes Herz Liebe zuerst dir gesteht.
Wonniglicher, das Pochen des Neulebendigen fühlen,
    Das in dem lieblichen Schoß immer sich nährend bewegt.
Schon versucht es die Sprünge der raschen Jugend; es klopfet
    Ungeduldig schon an, sehnt sich nach himmlischem Licht.
Harre noch wenige Tage! Auf allen Pfaden des Lebens
    Führen die Horen dich streng, wie es das Schicksal gebeut.
Widerfahre dir, was dir auch will, du wachsender Liebling –
    Liebe bildete dich; werde dir Liebe zuteil!

 

103

Und so tändelt ich mir, von allen Freuden geschieden,
    In der Neptunischen Stadt Tage wie Stunden hinweg.
Alles, was ich erfuhr, ich würzt es mit süßer Erinnrung,
    Würzt es mit Hoffnung; sie sind lieblichste Würzen der Welt.

 


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