Adolf Glaser
Masaniello
Adolf Glaser

 << zurück weiter >> 

Vorwort.

Im Schicksal der Völker gibt es eine Wendung, welche jederzeit die Teilnahme denkender Menschen wachruft und besonders die Jugend mit Begeisterung erfüllt: es ist der Kampf des empörten Selbstgefühls gegen die Fremdherrschaft, der verzweifelte Widerstand gegen die Unterdrückung durch aufgezwungene Tyrannei. Wenn ein Volk so weit gekommen ist, daß es um jeden Preis das unerträglich gewordene Joch abschütteln muß, dann entwickeln sich jene erhabenen Züge von Opfermut und Heldengröße, die Schiller in seinem »Tell« so ergreifend vorgeführt hat:

Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht.
Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
Wenn unerträglich wird die Last – greift er
Hinauf getrosten Mutes in den Himmel
Und holt herunter seine ew'gen Rechte.

Gern heftet sich die allgemeine Teilnahme an die Namen der Träger solcher Bewegungen, an bestimmte Persönlichkeiten, die oft vielleicht nur zufällig an die Spitze gelangten und, von der Gewalt des allgemeinen Aufstandes vorwärts gedrängt, im entscheidenden Augenblicke den Hauptstreich ausführten. Mögen die ursprünglichen Antriebe auch nur persönlicher Natur gewesen sein; sobald sie rein menschlich erscheinen, sprechen sie um so mehr zu unserm Gemüte, rühren um so stärker unser Herz. So bei Tell, wenn er die teuren Häupter des Weibes und der Kinder sicher stellen will, so auch bei dem Helden der vorliegenden Erzählung, dem einfachen, unwissenden Fischer Masaniello. VI Aus seinem gutmütigen Wesen zuerst durch eine Kränkung, die seiner jungen Frau widerfuhr, aus dem Gleichgewicht gebracht und aufgescheucht, wurde er dann im weiteren Verlaufe der Begebenheiten durch die Begeisterung seiner Genossen zum Helden einer gewaltigen Revolution in dem herrlichen Neapel erhoben. So übertrug ihm das Schicksal eine Rolle, der er nicht gewachsen war und welche ihn schließlich auch erdrückte.

Es galt jedoch nicht nur, diese kurze, schauerlich erhabene Begebenheit zu schildern, es mußte auch versucht werden, die Fäden aufzudecken, welche die neapolitanische Revolution gegen die Fremdherrschaft der Spanier damals mit andern, besonders mit den geistigen Bewegungen in benachbarten Staaten verbinden. Insbesondere galt es, den damals zuerst in die Öffentlichkeit getretenen Kampf der wissenschaftlichen Erkenntnis gegen das Dogma der päpstlichen Herrschaft zu schildern. Mit Rücksicht hierauf ist Galileo Galilei eine Hauptgestalt der Erzählung geworden und ragt geistig vor allen andern hervor. Der Anteil, den die Kunst an den Ereignissen nahm, wird durch den abenteuerlustigen Salvatore Rosa, den Freund Masaniellos, dargestellt.

Die herrliche Natur Italiens, namentlich die nie genug gepriesene Schönheit der Umgebung Neapels, bildet den Rahmen, der die lebendigen Vorgänge umgibt und sie hoffentlich in ein möglichst helles und wirksames Licht setzt.

Berlin, im September 1887.

Dr. A. Glaser.


 << zurück weiter >>