Adolf Glaser
Masaniello
Adolf Glaser

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Achtes Kapitel.

Galileis Prozeß nahm seinen traurigen Verlauf und das Inquisitionsgericht versuchte auf alle mögliche Weise, ihn zum Widerruf zu bewegen. Der unglückliche Gelehrte war so sehr von der Wahrheit der Lehre, um derentwillen man ihn angeklagt hatte, durchdrungen, daß er weniger daran dachte, sein eignes Schicksal in günstiger Weise zu lenken, als die Wahrheit des Systems des Kopernikus unumstößlich darzuthun. Er sagte bei dem entscheidenden Verhöre: »Da es mir erschien, als dürfe in Fragen von so gewichtiger Art nur der Allgemeinheit und der alles reinigenden Zeit ein Urteil zustehen, so glaubte ich weder an Gott, noch an der heiligen Kirche Verrat zu üben, wenn ich dasjenige, was ich als wahr erkannt hatte, auch öffentlich lehrte.«

Bellarmin, der den Gerichtssitzungen als Ankläger beiwohnte, warf hier die Bemerkung ein: »Merkt auf, ihr Richter, denn dies ist der erste 140 Punkt! Dem allgemeinen Menschensinn spricht der Beklagte das höchste Urteil zu in Fragen, die über Gott und seine Werke handeln.«

Fest und ruhig fuhr Galilei fort:

»So glaube ich, denn es scheint mir nicht mit Gottes Willen im Widerspruch, wenn er sich uns in den Werken der Natur ebenso herrlich offenbart als im Worte der Schrift, ja, er spricht dort noch mehr zu dem Herzen der Menschheit, weil für den vollkommenen Geist seine Allmacht in der äußeren Welt offen vor den Sinnen liegt und deshalb leichter erfaßt werden kann. Auch gestehe ich, daß die Lust an der Forschung in den Geheimnissen der Natur mich nie abgeleitet hat von der Verehrung für denjenigen, der sie schuf, nein, ich muß bekennen, daß mir das Herz von immer höherem Danke für den Schöpfer erglühte, je mehr ich die Gesetze der Natur erforschte und je näher ich ihm dadurch kam. Ich sah, wie der Allgütige uns gestattet hat, in unsrer Unvollkommenheit ihn suchen zu dürfen, um ihm immer näher zu kommen, mehr und mehr ihn zu verstehen, indem wir die Schöpfung als sein Werk betrachten und erkennen. Daß aber Gott, der uns fünf Sinne gab, gebieten soll, seine Gabe zu mißachten und andre Wege zu wählen, um zur Klarheit zu gelangen, als diejenigen, die er in der Natur uns zeigt, vermag ich nicht zu glauben. Ist doch die Natur unmittelbar durch sein Wort erschaffen, während die heiligen Schriften immer nur von Menschen aufgezeichnet wurden, welche das Wort Gottes in der eignen Brust vernahmen und es so wiedergaben, wie sie es verstanden. Da aber Menschen unvollkommen sind und Irrtum unser aller Erbteil ist, so bleibt es möglich, daß auch jene Menschen, welche die heiligen Schriften aufgezeichnet haben –«

Als er so weit gekommen war, erkannte Bellarmin den geeigneten Augenblick, um durch eine Unterbrechung in seinem Sinne auf die Richter zu wirken.

»Wie?« rief er aus, »darf solche freche Lästerung unsre Ohren schänden? Dem mangelhaften, sündlich niederen Sinn gibt er größere Urteilskraft als dem Worte der heiligen Schrift, welches die Propheten als Offenbarung Gottes aufgezeichnet haben. Was seine Blicke sehen, hält er für wahr, dasjenige aber, was die Heiligen verkündigt haben, bezweifelt er und zeigt somit klar und deutlich die dreiste Überhebung seines ketzerischen Geistes. Nur die größte Strenge kann solchem verderblichen Wirken Einhalt thun.«

Die Richter waren durch diese Zwischenrede sämtlich belehrt und derart gegen Galilei aufgebracht, daß der Vorsitzende den Gefangenen für kurze 141 Zeit abführen ließ, damit die Ansichten ausgetauscht und ein gemeinsamer Beschluß gefaßt werden konnte. Als man Galilei darauf wieder hereinführte, wurde ihm mitgeteilt, seine Verteidigung habe erst recht gezeigt, wie gefährlich seine Stellung zu den Lehren der Kirche sei, und das Inquisitionsgericht müsse deshalb von ihm den Widerruf jener Lehre von der Umdrehung der Erde fordern, da dies der einzige Weg sei, wie er sich mit der Kirche versöhnen könne.

Aber Galilei wollte sich diesem Verlangen nicht fügen. Unbeirrt entgegnete er:

»Was als unumstößliche Wahrheit mir felsenfest ins Herz gegraben ist, das sollte ich selbst zur Lüge wandeln, mein Mund soll reden, was mein Herz verwirft? Das hieße mich selbst verleugnen, hieße den schlimmsten Meineid schwören. Unmöglich kann ich damit einer guten Sache dienen und deshalb erkläre ich, daß ich es nicht thun werde. Müßte ich mich nicht durch solchen Schwur für blind und taub erklären, indessen mein Auge sieht und mein Ohr hört? Nein, es wäre ein Verrat an Gott, an mir, und an der ganzen Welt, wenn ich für falsch erklären wollte, was ich als wahr erkennt habe.«

»Ihr vergaßet«, entgegnete hierauf Bellarmin, »daß Eure erste Pflicht der Kirche gehört, der Ihr bei der Taufe Gehorsam gelobtet. Meineid war also alles, was Ihr gegen das Gebot der Kirche gelehrt habt und Euer Widerruf allein sühnt diese schwere Schuld.«

Zu einer letzten Warnung erhob sich hierauf noch einmal der Richter und sagte: »Bedenkt, daß die Kirche Mittel hat, Euch zum Widerruf zu zwingen, wenn Ihr durch Eure Weigerung uns zum Äußersten treibt!«

Aber ungebeugten Sinnes entgegnete Galilei:

»Wenn die Kirche von mir fordern würde, daß ich den schwachen Leib, das arme Werkzeug meines Denkens und Handelns, zerstören solle, so würde ich willig gehorchen, den Geist, der in mir lebt, zu töten, vermag ich nicht, denn er ist mächtiger als Ihr und ich. In Eurer Hand liegt die Macht, das Furchtbarste, das sich ersinnen läßt, an mir zu vollbringen, und ich kann nichts thun, als Euch um Schonung anflehen. Bedenkt, daß nichts die Wahrheit ändern kann und daß sie dennoch siegt. Ein kraftloser Greis steht vor Euch, an Widerstand ist nicht zu denken, dennoch spreche ich hier offen aus: was ich gelehrt, ist Wahrheit, und die Erde bewegt sich, ob Ihr es gelten laßt, ob nicht!«

142 »Ihr hört es nun«, wendete sich hierauf Bellarmin zu den Richtern, »starrsinnig hält er seine sündhafte Behauptung fest, obgleich schon der Versuch, die Worte der Schrift zu bezweifeln, Ketzerei ist. Aber das sind die Zeichen der Zeit. Überall erheben sich hochmütige Zweifel und freche Gegner der Kirche. Eine neue Sündflut ist im Reiche der Geister entfesselt und die einzige Arche, die uns retten kann, ist die Kirche und ihr Gesetz.«

»Wohlan«, entgegnete hierauf der Richter, »so sind wir denn genötigt, da der Verklagte die Schuld hartnäckig leugnet und sich weigert, der Kirche zu gehorchen, die strengsten Mittel anzuwenden, bis er sich uns fügt.«

Hierauf gab er Befehl, den Gefangenen wieder fortzuführen, und Galilei, der nicht nur im Hinblick auf sein eignes Schicksal, sondern auch in der Sorge um seine Tochter die schwersten Seelenqualen erduldete, wurde in seinen einsamen Kerker zurückgebracht. Dort erfuhr er auf sein Befragen, daß jeder Verkehr mit der Außenwelt bis zur Verkündigung des Urteilspruchs ihm auf das strengste untersagt sei.

Inzwischen hatte sich in der Seele des Papstes Urban ein unvorhergesehener, gewaltiger Umschwung vollzogen. Es war ihm die Meldung gemacht worden, daß der junge Maler Bernardo Spinelli sich seiner Verhaftung widersetzt hatte und im Gefechte mit dem Offizier der Wache getötet worden war.

Auf diesen gewaltigen Schlag war der Papst nicht vorbereitet gewesen, und der Eindruck war um so furchtbarer, wenn er sich vorstellte, welche Verzweiflung die Mutter des jungen Mannes erfassen mußte, sobald sie dessen Tod erfuhr. Sonst bedeutete die Wahl eines neuen Papstes für dessen Familie das höchste irdische Glück, denn alle Verwandten, selbst die entfernteren, nahmen in irgend einer Weise an der günstigen Veränderung teil. Seiner Nichte Elena hätte er so gern reichen Ersatz dafür gegeben, daß sie durch ihre Heirat eigentlich dem Wunsche der Familie entgegen getreten war und ihrer Liebe ein schweres Opfer gebracht hatte. Bei seiner Vorliebe für ideale Vorstellungen, wie sie durch die Kunst verherrlicht werden, war ihm ihr selbständiges Empfinden sympathisch, und alle diese Umstände hatten dazu beigetragen, sein Wohlwollen für den jungen Maler Bernardo zu erwecken. Wenn er diesem auch im ersten Augenblicke der Aufwallung heftig gezürnt hatte wegen seiner energischen Parteinahme für Galilei: nachdem er erfahren, daß die Liebe dabei im Spiele sei und nachdem er sich alles ruhiger überlegt hatte, hoffte er, unter Beihilfe von Bernardos Mutter 143 diesen von seiner Leidenschaft zu heilen. Er malte es sich ungemein anziehend aus, wie er dann für die Zukunft des jungen Mannes in glänzender Weise sorgen und denselben, da er nicht viele näherstehende Verwandte hatte, für immer in Rom und an seine Umgebung fesseln wolle. Und nun war er tot, in rücksichtsloser Ausführung eines ihm in der ersten Entrüstung durch Bellarmin entlockten Befehls ermordet, denn selbst, wenn der junge Mann sich bei der Verhaftung zur Wehre setzte, hätte man ihn entwaffnen können, ohne ihn zu töten. Es war ein unverantwortlicher Übergriff. Der Offizier der Wache mußte doch wissen, daß ein naher Verwandter Sr. Heiligkeit nicht wie jeder andre staatsgefährliche Mensch niedergestochen werden durfte. Aber offenbar lag der Fehler in der Instruktion, die dem Offizier zu teil geworden war, und diese Instruktion ging von Bellarmin aus, der in seiner Feindseligkeit gegen Galilei geradezu jedes Maß überschritt. Der große Eifer für die Sicherheit der kirchlichen Institutionen war gewiß des höchsten Lobes wert, aber in solchen Fällen konnte man gegen einzelne Personen Schonung walten lassen, der Eifer durfte nicht zum persönlichen Haß werden. Wenn jemand Ursache hatte, sich tief verletzt zu fühlen, so war es der Papst selbst, der von Galilei öffentlich verspottet worden, und gerade darum hätte Bellarmin ihm diesen großen Schmerz, den ihm Bernardos Tod bereitete, ersparen sollen.

Alle diese Überlegungen wirkten so mächtig auf Urban ein, daß er mit einem Male geneigt war, in das gegenteilige Extrem zu verfallen, und in Bellarmin, den er noch vor kurzem als seinen besten Freund betrachtete, die Quelle der vielen Widerwärtigkeiten zu erblicken, welche seit seiner Erhebung zum Papste unaufhörlich auf ihn eindrangen.

Da seinem energielosen Wesen jeder mannhafte Entschluß schwer fiel, nahm er vorläufig seine Zuflucht zu einem passiven Verhalten und, Krankheit vorschützend, verweigerte er jede Zusammenkunft mit Bellarmin. Dagegen beschäftigte er sich auf das liebevollste mit der Beerdigung Bernardos. Er ließ dessen Eltern von Bologna nach Rom kommen und suchte die trostlose Mutter auf jede Weise zu beruhigen. Er gelobte ihr, an ihrem Gatten und den Geschwistern Bernardos gut zu machen, was durch den Tod des talentvollen Jünglings der Familie zuleide geschehen. In den Gesprächen mit ihr erfuhr er so viel Gutes von dem Verstorbenen, daß dieser ihm nach und nach in immer günstigerem Lichte erschien und er zuletzt wirklich auf den Gedanken kam, ob die Parteinahme des jungen Mannes nicht an und 144 für sich schon ein günstiges Zeichen für Galilei sei und ob nicht Bellarmin ihn am Ende wirklich in bezug auf die Schmach, welche sein gelehrter Freund ihm angethan, absichtlich getäuscht habe. Jedenfalls wuchs seine Abneigung gegen den Kardinal, während seine Teilnahme für Galilei sich steigerte, und da Elena Spinelli den lebhaften Wunsch hegte, das Mädchen kennen zu lernen, dem ihr unglücklicher Sohn sein Herz geschenkt und für deren Vater er sein Leben verloren hatte, so wurde nach und nach auch in Urban das Verlangen rege, Erkundigungen über das Schicksal Cäciliens einzuziehen.

Es währte nicht lange, so wußte der Papst, daß Cäcilie Galilei sich unter der Pflege der frommen Schwestern zu Santa Clara befand, welche die Ärmste mitleidig aufgenommen hatten. Es war ihm zugleich berichtet worden, daß ein junger Mensch, Vincenzo Viviani, ein Schüler des Florentiner Gelehrten, sich häufig nach ihr erkundige, und daß dieser der einzige Mensch sei, mit dem sie inzwischen einige Worte gewechselt habe. Ihr Geist sei noch immer umnachtet und sie hege nur den einzigen Wunsch, zu ihrem Vater gelangen zu können.

Elena Spinelli machte sich nun auf, das unglückliche Mädchen zu besuchen. Aber sie kam mit der Nachricht zurück, in diesem traurigen Falle sei nur von einem einzigen Mittel Erfolg zu hoffen: Cäcilie müsse mit ihrem Vater zusammengebracht werden, vielleicht daß dann die Nebel wichen, welche ihre Sinne umfangen hielten.

Es gab mancherlei Überlegungen und Beratungen. Vielleicht, so urteilte die Nichte des Papstes und dieser selbst schloß sich ihrer Meinung an, war es denkbar, daß der Anblick seines leidenden Kindes und der Wunsch, sie vom Irrsinn zu retten, von so mächtiger Wirkung auf Galilei werden konnte, um ihn doch noch zum Widerruf zu bringen.

Schon war Urban den Meinungen seiner Nichte zugänglich genug, um alle andern Rücksichten hintanzusetzen. Er selbst wollte diesen letzten Versuch leiten und bei dieser Gelegenheit Cäcilie sehen. Es war ohnehin Gebrauch, daß jeder neue Papst einzelne Gefängnisse besuchte, um sich von den Einrichtungen zu überzeugen, bei welcher Gelegenheit viele Begnadigungen stattfanden. Man konnte also ohne allzugroßes Aufsehen die betreffende Begegnung ins Werk setzen.

Dem Kardinal Bellarmin konnte es natürlich nicht verborgen bleiben, daß der heilige Vater sich absichtlich weigerte, ihn zu empfangen und viel 145 mit der Mutter Bernardos verkehrte. Er war daher doppelt wachsam, damit ihm nichts entging, was der Papst unternahm. Er erfuhr also auch von den Vorbereitungen, welche getroffen wurden, um eine Zusammenkunft zwischen Urban und Galilei zu veranlassen, und wenn irgend etwas den starken Geist des Kardinals außer Fassung bringen konnte, so war es die Befürchtung, Urban möge sich durch den Anblick Galileis zur Milde bewegen lassen und den ganzen Prozeß niederschlagen. Das durfte unter keinen Umständen geschehen, und um es zu hindern, traf nun auch Bellarmin seine Vorkehrungen.

Der verhängnisvolle Tag brach an, an welchem die Zusammenkunft zwischen Cäcilie und ihrem Vater stattfinden sollte. Bellarmin bestimmte denselben Tag zu dem letzten gewaltsamen Vorgehen gegen Galilei.

Frau Elena Spinelli hatte sich bereit erklärt, das Mädchen aus dem Kloster abzuholen, und Viviani war benachrichtigt worden, weil man sich von seiner Gegenwart einen günstigen Einfluß versprach. Sie warteten sämtlich in einem großen Raume, aus welchem man sowohl in die einzelnen Kerkerzellen wie auch in die Gerichtssäle und Folterkammern gelangen konnte. Als der Papst eintrat, fielen sämtliche Anwesende auf die Kniee, um seinen Segen zu empfangen, und nachdem er diesen erteilt hatte, erhob sich alles wieder. Urban trat auf Cäcilie zu, blickte sie lange mitleidig an und sagte in sanftem Tone zu ihr:

»Armes Kind! Des Vaters Schicksal hat dich tief gebeugt. Sieh', alles dieses trifft ihn und dich, weil er von einem falschen Wahn befangen, sich dem Gebote der Kirche widerspenstig zeigt. Vielleicht kannst du ihn noch retten. Willst du es versuchen?«

Da Cäcilie stumm vor sich hin brütete, ergriff Viviani für sie das Wort und sagte:

»Heiliger Vater, es ist alles umsonst, was Ihr sprecht, sie versteht Euch nicht, denn ihre Seele schläft und träumt, da sie von mitleidigem Irrsinn befallen ist.«

Noch einmal versuchte Urban, sich Cäcilie verständlich zu machen. »Weißt du«, begann er, »an welchem Orte du dich befindest und wer es ist, der mit dir spricht?«

Auch diesmal erfolgte keine Antwort, aber Cäcilie erhob langsam den Kopf, blickte mit dem Ausdruck des tiefsten Seelenleidens auf den Papst und sank dann in die Kniee, indem sie die Arme flehend zu ihm emporhob.

146 Urban legte gerührt die Hand auf ihre Stirn und sprach nochmals den Segen über sie. Dann befahl er, daß der Gefangene vorgeführt werde.

In diesem Augenblick öffnete sich zum Erstaunen des Papstes diejenige Thür, welche aus dem Gerichtssaal führte, und heraus trat Bellarmin mit den Inquisitionsrichtern. So überrascht Urban auch war, ließ sich doch in diesem Augenblicke nichts thun. Sein Groll gegen Bellarmin hatte jedoch den höchsten Grad erreicht.

Nun wurde Galilei aus seiner Zelle herbeigeführt. Er sah blaß und verstört aus. Bei seinem Anblick eilte Cäcilie auf ihn zu, warf ihre Arme um seinen Hals und rief: »Mein Vater!« Auch Viviani drängte sich an ihn heran und Galilei war durch dieses Wiedersehen offenbar tief erschüttert.

»O meine Kinder!« schluchzte er und setzte dann zu Viviani gewendet hinzu: »Wie kommt Cäcilie hierher? Wie bleich sie ist; sie sieht verstört und krank aus! So muß denn jeder leiden, der mich liebt und sie am meisten, am unsäglichsten. O Gott! Mein Gott!« rief er aus, »wo ist Erbarmen? Soll denn mein Kind, wenn ich zu kühn emporgestrebt, durch mich und mit mir das schreckenvollste Los erfahren? Siehst du denn nicht des unschuldvollen Kindes Not? Warum solch schweres Leid auch ihr? Warum nicht alles auf mein greises Haupt?«

Bei diesem Jammer des unglücklichen Vaters standen Urban und seine Nichte tief erschüttert. Aber Bellarmin erkannte die Gefahr des Augenblicks und alles beiseite lassend, entgegnete er auf Galileis Klagen:

»Ihr fragt noch? Habt Ihr nicht selbst durch Euren Starrsinn es so weit gebracht? Und könntet es selbst jetzt noch ändern, wenn Ihr wolltet. Hier ist das Dokument, unterschreibt es und schwört damit jene sündhafte Lehre ab, so ist alles gesühnt.«

Auch Urban glaubte, daß nun der Augenblick gekommen sei und er sprach eindringlich zu Galilei:

»Blickt auf Euer armes Kind! Sie stirbt, wenn Ihr Euch ihrer nicht erbarmt. Laßt Euch bewegen: Ihr dürft frei der Tochter folgen, sobald Ihr den Widerruf unterzeichnet habt.«

Um noch den letzten stärksten Hebel anzusetzen, sagte Bellarmin:

»Ihr bedenkt nicht, was Euch erwartet. Nicht der Tod des Ketzers dient uns, sondern nur sein Widerruf.«

Hierauf wendete sich der Kardinal zu dem Vorsitzenden des Inquisitionsgerichts und sagte:

»Leset ihm das Urteil vor, auf daß er erfahre, was ihm droht.«

Der Richter öffnete eine Rolle und laß folgende Worte:

»Da die Gesinnung, welche der Angeklagte starrköpfig festhält, mit der Kirche im Widerspruche steht und er sich trotz allen Zuredens weigert, den auferlegten Widerruf zu thun, so achten wir für nötig, daß mit ihm zum peinlichen Verhör geschritten werde, bis er diejenige Anwort gibt, welche die Kirche durch das Inquisitionsgericht von ihm verlangt.«

Ein lauter Aufschrei, der zugleich aus Cäciliens und Elenas Munde kam, der Ausruf Vivianis: »die Folter! Gott! Gerechter Gott!« Und Galileis Jammerwort: »Cäcilie! O mein armes Kind!« Alles dies durchschwirrte die Luft, und Papst Urban fühlte sich auf das tiefste erschüttert. Er trat näher zu Galilei heran und sagte in mildem Tone zu ihm:

»Ihr habt mich, der Euch stets wohlwollend gesinnt war, schwer gekränkt, aber ich will es vergessen und Euch vergeben. Sehe ich Eure Qual und den Jammer des armen Kindes, so wendet sich mir das Herz im Gram. Ich möchte retten, helfen und darum hört auf meine Mahnung. Laßt Euch bewegen, leistet den Widerruf. Erspart uns und Euch den schweren Schritt zum Äußersten. Bedenkt, daß wir nicht mehr nachgeben können und daß Ihr doch zuletzt zum Widerruf gezwungen werdet.«

»Dann wäre es der unerträgliche Schmerz allein, nicht mein Bewußtsein, was nach eurem Willen spricht«, erwiderte Galilei. »Nicht ich, sondern das Werkzeug eurer Martern ruft alsdann Nein aus mir, mein Geist sagt ewig ja, ihn könnt ihr mehr nicht foltern, als es hier bereits geschehen.«

Nun wagte auch Viviani, dem verehrten Meister zuzureden, indem er bittend sagte:

»O Meister, rettet Euch! In den Sternen steht Euer Recht geschrieben, wozu wollt Ihr es hier suchen? Die Nachwelt wird das Urteil sprechen. Nicht Gott hat Euch verdammt, die kurzsichtigen Menschen thun es. Erhaltet Euer Leben, und bedenkt, daß Ihr in Euch der Welt ein unersetzliches Gut raubt.«

Gleich einem Seher des Altertums wendete sich Galilei zu dem Jüngling, indem er sagte:

»Du, der mir wie ein Sohn zur Seite steht, nimm in dieser Stunde meinen Dank für deine Liebe, aber laß dich durch mein Geschick nicht entmutigen, denn es ist der Prüfstein für jene Lehre, die ich in deine junge Seele gepflanzt habe. Blicke hin auf meine Gegner und auf mich. 149 Starr bleibt ihr Herz, fern jeder höchsten Lust wie tiefsten Qual, entfremdet der Natur. Doch sei gewiß, jegliche Macht, die sich nicht durch natürliche Bande zu halten vermag, überlebt sich selbst und geht dereinst sicher zu Grunde. Nun aber entfernt Euch von mir. Cäcilie, mein geliebtes Kind, verlaß mich jetzt, Viviani geht mit dir.«

Er wollte Cäciliens Arme frei machen, aber sie klammerte sich nur um so fester an ihn und schien in seiner Nähe auch ihre klare Besinnung wieder erhalten zu haben.

»Ich will nicht«, flehte sie, »daß du leben sollst für mich, du sollst nicht thun, was du nicht darfst, sollst treu der Wahrheit bleiben und nicht zur Lüge schwören und koste es auch dein Leben. Doch ich will mit dir sterben, Hand in Hand erscheinen wir vor Gottes Richterstuhl und seine Gnade endet unsre Qual.«

Nun versuchte Frau Elena Spinelli sich des unglücklichen Mädchens anzunehmen. Indem sie sanft Cäciliens Schulter berührte, sagte sie:

»Der Vater wird ja nicht zum Tode geführt.«

Aber Cäcilie ließ sich nicht zureden.

»Ihr täuscht mich nicht«, entgegnete sie, »ich weiß, was ihn bedroht.« Und indem sie sich wieder zu ihrem Vater wendete, fuhr sie fort: »Du weißt noch nicht, daß auch Bernardo getötet wurde. Sieh, alles, alles verläßt mich, und ich soll leben, während ich doch den Tod begehre. Hier, in dieser grausamen Welt, bin ich so verlassen und allein, der Tod ist süß, da finde ich ihn und dich.«

Mit Schrecken hatte Galilei die Nachricht von Bernardos Tode vernommen. Er blickte ungläubig auf den Papst und fragte, ob es wahr sei, was Cäcilie gesagt hatte.

»Er ist tot«, entgegnete Urban, »aber wehe denen, die es verschuldet.«

Noch einmal wendete sich Galilei an Cäcilie, indem er zärtlich zu ihr sagte:

»O Kind, welch neues großes Leid bereitet mir diese Kunde, ich kann nichts thun, um dich zu trösten. Gehe mit Viviani, vermehre nicht den Kummer deines Vaters, du kannst ja doch nicht weilen, wohin man mich führt.«

»Komm«, bat nun auch Elena, »ich geleite dich zurück zum Kloster, wo du im Gebete Trost findest.«

Aber Cäcilie wendete sich heftig zu ihr und fragte:

»Zu wem denn soll ich beten? Zu Eurem Gott, dem Gott der Kirche, der meines Vaters Tod begehrt? Soll ich mit meinem Gebete dem edlen 150 Greise fluchen, den er haßt? Der Gott, den Ihr verehrt, ist ein ungerechter, grausamer, dort aber, wohin der Tod uns führt, herrscht Gnade und Erbarmen. O, eilen wir, mein Vater, verlassen wir die Welt der Grausamkeit und Heuchelei, dort wird man die Wahrheit nicht mit Elend und Jammer belohnen.«

Während dieser Szene tiefsten Leidens harrte ungeduldig Bellarmin mit den Richtern am Eingange in die Folterkammer. Es mußte der Sache ein Ende gemacht werden und er trat daher näher mit den Worten:

»Schon zu lange währt diese Zögerung. Wir müssen nun zu Werke gehen. Führt den Gefangenen dort hinein.«

Zwei der Richter näherten sich Galilei, und dieser bemühte sich, Cäciliens Hände von seinem Halse zu lösen. Alle schluchzten, als das arme Mädchen ihn nicht loslassen wollte, aber endlich gelang es ihm, sie in die Arme von Bernardos Mutter zu legen, wo sie ohnmächtig wurde.

Während nun Madonna Elena und Viviani um die bewußtlose Cäcilie beschäftigt waren und Galilei in die Folterkammer abgeführt wurde, trat Urban dicht zu Bellarmin heran und sagte:

»Nicht ich gab den Befehl, meinen Neffen Bernardo Spinelli zu töten, und ich werde Aufklärung darüber fordern, wie es geschehen konnte.«

»Er widersetzte sich seiner Verhaftung, und da ich dem Offizier der Wache die Weisung gegeben hatte, ihn unter allen Umständen unschädlich zu machen, so kam es durch seine eigne Schuld zum Äußersten«, erwiderte der Kardinal.

Von allem, was vorgegangen war, in tiefster Seele erschüttert, brach Urban in die Worte aus:

»Wehe über diese schwarze That! Wehe über mich und die neue Würde, die mich zwingt, alles das zu verfolgen, was meinem Herzen lieb und teuer ist.«

In dieser Gefühlsäußerung glaubte Bellarmin ganz den wankelmütigen schwachen Barberini zu erkennen, und es schien ihm der Augenblick gekommen, um das alte Übergewicht wieder geltend zu machen. Tadelnd sagte er daher:

»Dem höchsten Haupte der Christenheit ziemt es nicht, in solchen Augenblicken zu verzagen.«

Aber Urban war nicht mehr derselbe wie früher, wenigstens wollte er sich von Bellarmin nicht mehr beherrschen lassen. Zürnend entgegnete er daher:

»Drängst du dich wieder in meine Nähe, falscher Freund, und willst nach deinem Willen mich regieren? Weiche von mir! Blutig zwischen dir 151 und mir liegt die Leiche jenes Jünglings, der mir teuer war. Du nennst mich das Haupt der Christenheit, aber ich fühle des ganzen Leibes Pein und rufe noch einmal: Wehe der schlimmen That! Wehe deinen Ratschlägen, und wehe mir, daß ich sie befolgt habe!«

Wie ein Bild von Erz stand Bellarmin und erwiderte mit eisiger Stimme: »Was ich gethan, that ich zum Wohle der Kirche, deren willenloses Werkzeug ich bin, denn nur im Gehorsam und in der Selbstverleugnung ruht unsre Macht!«

Gereizt versetzte Urban: »Opfere nur, was andern lieb ist, das ist leicht gethan. Könnte ich das Urteil ändern, das nun hier vollzogen werden soll, noch jetzt würde ich es thun.«

Rasch entgegnete Bellarmin: »Das ist unmöglich, denn du selbst hast den Urteilsspruch bestätigt.« Beruhigend setzte er dann hinzu: »Ich glaube noch immer nicht, daß es zum Schlimmsten kommen wird.«

»Wohlan«, erwiderte Urban, »so höre denn mein letztes Wort: Erinnere dich an Sixtus, meinen Vorfahr, der als gebrechlicher Greis an der Krücke schlich, bis die Kardinäle ihn zum Papste gewählt hatten, und dann, als die unumschränkte Herrschaft ihm zu teil geworden war, die Krücke von sich warf und zum Entsetzen seiner Wähler mit kraftvoller Hand das Regiment selbst führte. Noch ist Galilei an seinem Körper nicht geschädigt, und vielleicht wird die Folter von ihm abgewendet. Dem Gebrauche gemäß müssen ihm vorher die Werkzeuge gezeigt und erklärt werden. Gibt er dann noch nach, so will ich vergessen, was zwischen uns geschehen ist und Bernardos Tod als eine Schickung Gottes betrachten, wird aber Galilei gefoltert, was gleichbedeutend ist mit seinem Tode, denn der in unermüdlicher geistiger Thätigkeit ergraute Mann überlebt weder die Qualen noch die Schande, so schleudere ich meine Krücke von mir und deine Herrschaft ist aus, dann führe ich selbst das Ruder, und wie du aus meinem Herzen ausgetilgt bist, so bist du aus meinen Augen verbannt auf Nimmerwiederkehr!«

Der Ton, in welchem diese Worte gesprochen wurden, ließ keinen Zweifel, daß sie ernsthaft gemeint seien. Der Gedanke, sich selbst eine Grube gegraben zu haben, wirkte so mächtig auf Bellarmin, daß er wie vernichtet vor sich hinstarrte.

In diesem Augenblicke trat der erste Inquisitionsrichter aus der Folterkammer und berichtete in großer Erregung, Galilei habe eingewilligt, den Widerruf zu unterzeichnen. Mürbe gemacht durch die unsäglichen Seelenqualen, 152 die er vorher überstanden hatte, brachte ihn der Anblick des düsteren Gemachs mit den schrecklichen Folterwerkzeugen zum Wanken, und als man ihm mit grausamer Genauigkeit die einzelnen schauerlichen Geräte erklären wollte, erfaßte ihn ein Schwindel, der ihn unfähig machte, länger zu widerstehen. Gebrochen in seinem innersten Wesen, erklärte er sich bereit, den Widerruf zu unterzeichnen.

Kaum hatte der Richter diese Mitteilung gemacht, als der Verklagte, gestützt von zwei andern Inquisitoren, in der Thür der Folterkammer erschien. Es war, als sei der ehrwürdige Mann in der kurzen Zeit um Jahre gealtert, denn seine Haltung war gebrochen, seine Züge erschlafft und sein Auge erloschen. Er befand sich offenbar in diesem Augenblicke in einem Zustande halber Unzurechnungsfähigkeit. Er ließ sich zu dem Tische führen, auf welchem das Dokument seines Widerrufs lag, und ohne einen Blick auf seine Umgebung zu werfen, nahm er die Feder und schrieb seinen Namen darunter.

Ein tiefer Atemzug der Erleichterung entschlüpfte Bellarmins Brust, dann richtete derselbe einen Blick des Triumphes auf Urban, der gleichfalls offenbar mit diesem Ausgange zufrieden war.

Galilei starrte noch eine Weile auf seine Unterschrift, bis der erste Inquisitionsrichter das Dokument aufnahm, um es dem Papste sowie nach diesem Bellarmin zur Einsicht zu überreichen.

Während dies geschah, hatte der Gefangene sich aufgerichtet, und es schien, als kehre nach und nach seinem Geiste das klare Bewußtsein wieder. Seine Gestalt hob sich und sein Auge ruhte fest zuerst auf Urban, dann auf Bellarmin. Hierauf glitt sein Blick zu der Gruppe, welche sich um Cäcilie gebildet hatte. Er sah die trauernde Mutter Bernardos über das noch immer ohnmächtige Mädchen gebeugt. Es schien fast, als sei die Ärmste dem Tode verfallen, und dieser schreckliche Gedanke machte wieder für einen Moment das Blut Galileis erstarren. Er wankte auf seine Tochter zu, ergriff ihre Hand und berührte ihre Stirn. Da plötzlich übermannte ihn ein unsagbares Gefühl der Empörung über alles das, was mit ihm geschehen war. Sein Gesicht verzerrte sich, er kehrte seine Blicke gegen Urban und Bellarmin, und indem er sich hoch aufrichtete, schleuderte er ihnen mit von innerer Überzeugung durchdrungener Stimme die Worte entgegen: »Und sie bewegt sich doch!« 153

 


 


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