Adolf Glaser
Masaniello
Adolf Glaser

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Terracina vom Meere aus gesehen

Terracina vom Meere aus gesehen.

Zwölftes Kapitel.

Die Liebe steht über den Parteien.

Im Hause des guten Gastwirts Matteo zu Terracina hatte die kurze Anwesenheit der jungen Gräfin Mendoza einen großen Eindruck hinterlassen. Die bezaubernde Liebenswürdigkeit Corneliens hatte nämlich nicht nur den Vater Matteo und seine Frau für den Gast eingenommen, sondern ganz besonders war Berardina seitdem wie umgewandelt. Da Cornelia in gänzlich erschöpftem Zustande und mit sehr defekten Kleidungsstücken in Terracina angelangt war, so hatte ihr Berardina in allen Dingen ausgeholfen. Die freundliche Art, wie die Tochter des vornehmen Spaniers mit dem einfachen Mädchen aus dem Volke vertraulich verkehrt hatte, gewann ihr das Herz der jugendlichen Berardina so vollständig, daß diese am liebsten das Anerbieten, mit der Grafentochter nach Neapel zu kommen, sofort angenommen haben würde. Das Wohlgefallen 208 war nämlich gegenseitig, und wie Berardina ganz hingerissen war von dem edlen Wesen, der sanften Anmut und der unbewußten Vornehmheit Corneliens, so war letztere entzückt von der frischen Natürlichkeit und offenen Zutraulichkeit Berardinas. Sie hatte ihr daher in vollem Ernste den Vorschlag gemacht, in ihren Dienst zu treten und mit ihr nach Neapel zu kommen. Da die Eltern jedoch nicht so rasch in die Trennung willigen wollten, hatte Cornelia im Einverständnis mit ihrem Vater dem jungen Wirtstöchterchen Bedenkzeit gestattet und ihr freigestellt, sich später zum Dienste bei ihr zu melden.

Die Sache hatte mancherlei einleuchtende Vorteile. Vater Matteo hatte schon öfter geäußert, es würde gut sein, wenn Berardina bis zu ihrer Verheiratung aus der Wirtschaft fortkäme, denn es verdroß ihn, wenn Gäste sich dem jungen Mädchen gegenüber zudringlich zeigten. Auch wuchsen die andern Kinder heran und sie konnten doch unmöglich sich von den Eltern ihr lebenlang ernähren lassen. Das war bis jetzt nur eine Redensart geblieben, aber da sich nun die Gelegenheit bot, hielt das schlaue Töchterchen den Vater gleichsam beim Worte, und auch die Mutter wußte wenig dagegen einzuwenden. Salvatore Rosa, der als alter Hausfreund mit ins Vertrauen gezogen wurde, wußte nicht recht, was er zu dem Plane sagen sollte, aber soviel stand bei ihm fest, daß die junge Gräfin das Musterbild aller weiblichen Tugenden sei und jedes junge Mädchen sich glücklich schätzen dürfe, welches gewürdigt werde, in ihrer Nähe zu sein, sich ihres Umgangs zu erfreuen und ihrem Beispiele nachstreben zu können.

So schien diese Angelegenheit sich nach Berardinas Wunsch zu gestalten, als eines Tages wieder einmal Masaniello von Amalfi in Terracina eintraf, um seine Braut und deren Eltern zu besuchen. Wie es häufig zu geschehen pflegt, hatte sich das Verhältnis zwischen den beiden jungen Leuten völlig umgekehrt. Während ihrer Kinderzeit war das kleine Mädchen stets im Gefolge des wilden Knaben zu finden gewesen; sie hatte nicht nur seine kindischen Ungezogenheiten, sondern oft sogar Mißhandlungen von ihm mit Geduld ertragen, und wenn sie sich auch einmal schmollend von ihm entfernte, dauerte es nur sehr kurze Zeit, bis sie sich wieder in der Nähe ihres Tyrannen einfand. Nach und nach aber hatte sich ganz unmerklich das Verhältnis geändert. Besonders, seitdem die Familie Matteo von Amalfi nach Terracina übergesiedelt war, schien es, als sei der junge Fischer dem niedlichen Wirtstöchterlein ganz gleichgültig geworden, während er selbst die Zeit gar nicht abwarten konnte, bis er sie wiedersah, so daß er sogar oft 209 genug davon sprach, sich selbständig zu machen, um Berardina heiraten zu können.

Das hatte aber gute Wege, denn er war noch sehr jung, und solange er mit seinen Eltern zusammen wohnte, war daran nicht zu denken. Seine Pläne hingen somit schon seit Jahren in der Luft.

Daß Berardina an bestimmten Tagen oft genug auf das Meer hinausblickte, ob nicht eine gewisse Barke am südlichen Horizont sichtbar werde, wußte niemand, und sie selbst würde es auch entschieden abgeleugnet haben. Ebenso behauptete sie stets, wenn Masaniello einmal auf diesen oder jenen Gast eifersüchtig wurde, daß sie selbst gar nicht wisse, was diese gefährliche Leidenschaft eigentlich zu bedeuten habe, trotzdem aber konnte sie doch mit großem Eifer über seinen schlechten Geschmack schelten, wenn er einmal ein Mädchen hübsch fand, von dem sie innerlich überzeugt war, daß es nicht den geringsten Vorzug besitze; kurzum, das Liebespärchen war in nichts von andern unterschieden und es war sogar schon einige Male zu recht leidenschaftlichen Zerwürfnissen gekommen, an denen allerdings Masaniellos aufbrausendes Wesen die meiste Schuld trug. Ein Unterschied gegen früher war dann freilich zu beobachten, denn bei den Versöhnungen, welche Masaniello durch Nachgeben herbeiführte, umarmte und küßte er seine kleine Berardina, bis sie seinem Eifer energisch Einhalt gebot.

Auch diesmal sah Berardina voraus, daß ihr Bräutigam wohl ein Wort mitreden werde, wenn es sich um ihre Übersiedelung nach Neapel handle, aber sie konnte nicht voraus bestimmen, in welcher Weise er die Sache auffassen werde. Vielleicht war es für ihn ein Sporn, gleichfalls sein Glück in Neapel zu versuchen; hatte er doch oft genug ähnliche Pläne geäußert.

Es hätte ihm auffallen müssen, daß Berardina ihm diesmal in unverhohlener Lebhaftigkeit entgegenkam, denn wenn er auch nicht ahnen konnte, daß sie schon seit mehreren Tagen sehnsüchtig nach seiner Barke ausgeschaut hatte, so verriet ihr ganzes Wesen doch eine ungewöhnliche Erregung. Kaum waren denn auch die Begrüßungen mit den Eltern gewechselt, als ihm die überraschenden Neuigkeiten der letzten Zeit erzählt und besonders Berardinas Absicht, nach Neapel zu gehen, ihm mit allen Nebenumständen mitgeteilt wurde. Die Geschichte der jungen Gräfin, von dem räuberischen Überfall bis zur Flucht mit Signor Rosa und schließlich ihr Anerbieten, Berardina in ihre Dienste zu nehmen, alles dies stürmte derart auf das Begriffsvermögen des jungen Fischers ein, daß er im wörtlichen Sinne mit offenem Munde 210 und weit aufgerissenen Augen bald in Vater Matteos Gesicht und bald in das von Berardina blickte, je nachdem der Vater oder die Tochter das Wort führten. Zuweilen schielte er auch nach der Mutter hin, die sich schweigend verhielt und auf deren Ansicht er gerade deshalb sehr neugierig war. Endlich konnte er nicht mehr an sich halten und brach ziemlich unvermittelt in die Worte aus:

»Aber das ist ja alles gar nicht möglich! Wie kann Signor Salvatore dafür stimmen, daß Berardina in das Haus eines spanischen Edelmanns und in die Dienste von dessen Tochter tritt?«

»Wir wollen ihn rufen«, entgegnete Matteo; »er ist im Hause und wird dir alles bestätigen, was du von uns gehört hast.«

In der That war Salvatore Rosa auf einer Veranda, die nach dem Garten hinausging, mit Malen beschäftigt. Er fing bereits an, einige seiner Skizzen aus den Abruzzen auf die Leinwand zu bringen und vertiefte sich ganze Tage lang in diese Arbeit, die ihn der Gegenwart entrückte, seinem Herzen Vergessenheit brachte und ihn zugleich ermüdete, daß er des Nachts wenigstens einigen Schlaf fand. Als er hörte, daß Masaniello angekommen sei, kam er gern und freudig zum Vorschein, denn er war dem jungen Fischer besonders zugethan, weil derselbe ein kräftiger Naturmensch war und doch dabei eine ungemein lebhafte, fast dichterische Phantasie besaß. Masaniello dagegen verehrte in dem Maler nicht nur den Künstler und überlegenen Geist, sondern vor allen Dingen den leidenschaftlichen Patrioten. Niemand im Lande war den Spaniern geneigt, aber den tiefen Haß gegen die Bedrücker des Vaterlandes hatte Masaniello doch erst von Salvatore Rosa eingesogen, und deshalb konnte er nicht begreifen, wie gerade dieser für Berardinas Eintritt in des Grafen Mendoza Haus hatte stimmen können.

Eine Röte der Verlegenheit überzog das blasse Gesicht des Malers, als er erfuhr, was er hier bestätigen sollte. In der That schien es, als sei er auf einem Widerspruch betroffen worden, aber der Anblick Masaniellos rief sein patriotisches Gefühl wieder in voller Stärke wach und er sagte daher:

»Was ich gesprochen habe, ist meine Überzeugung. Donna Cornelia ist das Muster eines edlen Frauenwesens, und wer in ihrer Nähe weilt, wird in ihr ein herrliches Vorbild haben, aber sie ist allerdings die Tochter eines spanischen Edelmanns, und wenngleich ihre vortrefflichen Eigenschaften daran erinnern, daß ihre Mutter eine Cortesi, also eine echte Neapolitanerin war, so bleibt sie doch eine Spanierin und ihr Vater gehört zu den 211 Unterdrückern unsres geliebten unglücklichen Vaterlandes. Es ist brav von Masaniello, daß er sich sofort dieses Umstandes erinnerte und ich kann ihn deshalb nicht tadeln.«

Nun war die Reihe des Erstaunens an Matteo und seiner Tochter. In dem Gesichte der Mutter zeigte sich ein gewisses Einverständnis mit Masaniello und Salvatore. Ersterer fühlte sich durch die Worte des Malers bedeutend ermutigt und fuhr fort:

»Alle gutgesinnten Freunde des Vaterlandes stimmen darin überein, daß zwischen uns und den Spaniern nur die notwendigste Gemeinschaft stattfinden kann; wo aber liegt hier die Notwendigkeit? Selbst wenn Berardina eine Waise wäre, würde ich nie zugeben, daß sie in einem spanischen Hause eine Zuflucht suche, nun aber hat sie ihren Vater, und wenn es wirklich für ein junges Mädchen nicht gut ist, in einem Gasthause zu leben, wo selbst die Eltern nicht immer vermeiden können, daß sie belästigt oder beleidigt werde, nun gut, so machen wir doch ein Ende und heiraten wir uns! Mir kommt in diesem Augenblicke ein prächtiger Gedanke. Berardina möchte gern in Neapel leben, auch ich sehe ein, daß ich in Amalfi keine richtige Existenz finden werde und mich endlich entschließen muß, anderwärts mein Glück zu versuchen. Wie wäre es, wenn wir recht bald Hochzeit machten und dann gemeinsam nach Neapel gingen?«

Masaniello hatte in seinem ganzen Wesen von frühster Jugend an so viel Entschlossenheit und männliche Energie gezeigt, daß selbst ein etwas abenteuerlicher Plan in seinem Munde nicht zum Spott herausforderte. Auch war das leichtlebige Völkchen jener gottbegnadeten Gegend an rasche Entschlüsse gewöhnt. Dennoch wagte Vater Matteo den Einwurf: »Wie willst du das machen?«

»Wie er das machen will?« – mischte sich nun Salvatore Rosa in die Familienangelegenheit ein – »ganz einfach, er schließt sich den neapolitanischen Fischern an und treibt seine Gewerbe dort wie anderwärts. Daß ihm dies gestattet werde, dafür mag Berardina durch die junge Gräfin Mendoza sorgen, und somit wäre ihre Bekanntschaft mit der jungen Donna doch noch der Weg zu ihrem Glücke.«

Das Wort des Malers schlug alle Bedenken nieder, und da Berardina hoffen durfte, auf diese Weise doch mit Donna Cornelia in Verbindung zu bleiben, war auch sie dem Plane sofort geneigt.

Ganz so rasch, wie der junge Fischer sich die Verwirklichung seines 212 Herzenswunsches ausgemalt hatte, war die Sache doch nicht ins Werk zu setzen. Noch bevor die Hochzeit ausgerichtet werden konnte, hatte Vater Matteo schon wieder eingesehen, daß er in Terracina nicht am rechten Orte war. Er konnte nicht emporkommen, da die älteren Gastwirte ihm die Fremden alle wegschnappten. War es nun der Gedanke, daß er näher bei Neapel vielleicht leichter sein Glück machen könne, oder hatte Salvatores Schilderung von Puzzuoli ihn zu dem Entschlusse bewogen, dorthin zu ziehen? genug, er behauptete, die Solfatara und der Serapistempel sowie der Blick auf das Meer mit der herrlichen Inselgruppe ziehe in neuester Zeit alle Fremden nach Puzzuoli, und nur dort sei für einen tüchtigen Wirt etwas zu machen. Gesagt, gethan! Bald war der Umzug geschehen, und wenn Masaniello nun seine Berardina nach Neapel bringen und dort mit ihr einen Hausstand gründen wollte, hatte er es leichter als vorher, denn Puzzuoli war ganz dicht bei der Hauptstadt, näher als Amalfi und Terracina, und man konnte täglich mit den Bewohnern derselben verkehren.

Für Salvatore Rosa, der inzwischen doch auch die Abruzzen verlassen hatte und nach Neapel zurückgekehrt war, gab es bei seiner Ankunft daselbst Neuigkeiten genug, und zwar gerade solche, die geeignet waren, seine Gedanken von einem Teile der letzten Erlebnisse abzulenken. Seit Jahren hatte er nun nichts von seiner näheren Familie erfahren, denn er hatte nicht gewagt, seinem Vater entgegenzutreten und von den Seinigen hatte sich niemand nach ihm erkundigt. Es war dies nichts gar so Seltenes in einem Lande und zu einer Zeit, wo die Not des Lebens jeden einzelnen Menschen ganz in Anspruch nahm. Als er nun seinen Onkel aufsuchte, erfuhr er von diesem, daß sein Schwager Fracanzoni immer weniger im stande war, für die eigne Familie genügend zu sorgen, wodurch die unglückliche alte Mutter Salvatores der trübsten Zukunft entgegensah und nur noch für ihr eignes Schicksal Gedanken hatte. Bald kam es so weit, daß Fracanzoni durchaus nichts mehr für seine Schwiegermutter thun konnte, da er selbst in Armut fast gänzlich unterging, und somit kam Salvatore gerade zur rechten Zeit, um seine Mutter vor dem Hungertode zu schützen. Der reiche Schatz an Skizzen kam ihm vortrefflich zu statten und er machte sich sofort an die Arbeit, um einige Landschaften zu malen, die er mit Gruppen aus dem wilden Räuberleben der Abruzzen ausstaffierte. Er brachte dieselben seinem früheren Gönner Lanfranco, welcher über die eminenten Fortschritte Salvatores ganz außer sich geriet und ihm die 213 glänzendsten Erfolge prophezeite. Salvatore trat wieder mit den übrigen neapolitanischen Malern in Verbindung und schloß sich besonders enge an den Schlachtenmaler Aniello Falcone an, der ihn in den Todesbund aufgenommen hatte. Das Fach, welches dieser kultivierte, sagte seinem leidenschaftlichen Naturell und seiner ganzen gegenwärtigen Gemütsverfassung vorzugsweise zu.

Auch mit den übrigen Mitgliedern des Todesbundes trat Salvatore wieder in lebhafte Verbindung und nach wie vor liebte er es, sich an allen Orten umherzutreiben, wo das malerische Volksleben Neapels am anschaulichsten sein Wirken entfaltete. Dies war besonders am Ufer in der Nähe des Kastell del' Ovo bei der Kirche Santa Lucia der Fall. Dort konnte das Auge des kundigen Malers sich nicht satt sehen an der Fülle lebendiger Gruppen. Spielende Kinder häufig wie Mutter Natur sie geschaffen, Knaben und Männer, die an den Barken beschäftigt waren und Lebensmittel aus- und einluden, Frauen in lebhaftem Gespräche; hier eine Anzahl Makkaroniesser, welche das beliebte Gericht mit den Fingern zum Munde führten, dort ein paar junge Leute, die zum Klange des Tamburins die Tarantella tanzten; dazwischen die Bettelmönche, welche beständig hin und her schreiten, einen mächtigen Korb am Arme, die von Bude zu Bude gehen, denn da gibt es ein Stück Brot, dort Käse, hier einen Fisch, dort eine Handvoll Obst, so daß der Korb im Nu gefüllt ist. Dabei erteilt der Mönch allerlei gute Ratschläge oder gibt den Kindern seinen Segen oder plaudert auch wohl über recht weltliche Dinge; sein Korb ist bald schwer voll und er trägt ihn dann in sein Kloster, wo wieder zu bestimmten Stunden die Armensuppe verteilt wird. Auch einen Bekannten aus früheren Tagen, den Fischer Gennaro Annese, hatte Salvatore wiedergesehen. Die letzten Jahre hatten auch diesen treuherzigen Menschen selbstverständlich reifer gemacht und er gehörte unter den Fischern zu den Hauptstimmführern bei ihren Zusammenkünften. Wenn auch Salvatore ihn kaum erkannt hätte, sorgte Gennaro dafür, ihn an die erste Begegnung zu erinnern und riß, indem er an das damals stattfindende Begräbnis anknüpfte, die Wunde im Herzen des Malers wiederum auf.

»Wie oft habe ich an Euch und Euer Lied gedacht«, sagte er im Gespräche zu diesem, »mir ist die einfache Melodie unvergeßlich geblieben und ich kann Euch das kleine Liedchen vorsingen, als hätte ich es gestern erst von Euch vernommen. Er summte dabei halblaut den Vers: 214

»Arm war ich stets, doch acht' ich's nicht,
Ist rein mir nur das Herz geblieben,
Nach Gold und Schätzen frag' ich nicht,
Hab' ich nur Menschen, die mich lieben.«

Der gutmütige Mensch konnte nicht ahnen, daß er auch mit dieser Rückerinnerung eine der wundesten Stellen in Salvatores Gemüt berührte. Vergeblich war bisher alles Bemühen gewesen, von Tebaldo Kunde zu finden, und da er nicht wußte, ob der Graf Mendoza vielleicht inzwischen eine Nachricht erhalten hatte, so quälte ihn die Ungewißheit doppelt.

Salvatore verdiente bald reichlich so viel, daß er für seine Mutter sorgen und auch der Schwester Unterstützung zukommen lassen konnte. Je mehr sein Ruhm sich ausbreitete und je reichlicher die Geldmittel flossen, um so mehr blutete sein Herz, wenn er des verschollenen Bruders gedachte. Da es in Neapel allgemein Gebrauch war, sich untereinander nur beim Vornamen zu nennen, so daß der Familienname eigentlich nur bei besonderen Veranlassungen, um Verwechselung zu vermeiden, in Anwendung kam und Tausende von Menschen weder ihren Vatersnamen noch den Tag ihrer Geburt wußten, war es ganz begreiflich gewesen, daß die beiden Knaben in der Zeit, als sie in der Stadt umherirrten, über ihre Herkunft keine Aufklärung geben konnten. So hatten Mutter und Schwester längst alle Hoffnung auf ein Wiederfinden aufgegeben.

Inzwischen hatte denn auch Masaniellos Hochzeit stattgefunden, wobei Vater Matteo ein großes Fest veranstaltete. Die junge Gräfin Mendoza hatte die Braut reich beschenkt und sich herzlich über ihr Glück gefreut. Salvatore nahm den lebhaftesten Anteil an Masaniellos junger Häuslichkeit. Der junge Fischer fand sich sehr rasch unter seinen neuen Bekannten zurecht. Sein ohnehin kraftvolles Wesen war durch das Glück seiner jungen Ehe noch gehoben, und da er sowohl beim Fischen auf der See mehr als andre leistete und beim Verkaufe in der Stadt durch seine heitere Manier und die Kraft und den Wohllaut seiner Stimme – denn darauf kam bei dem Ausrufen in den Straßen ungewöhnlich viel an – reichen Absatz erzielte, so war er bald unter seinesgleichen vorteilhaft bekannt und allgemein beliebt. Salvatore Rosa sah ihn zuweilen auf der Straße, aber er besuchte ihn auch in seiner Wohnung, und die junge Frau, der die Zufriedenheit aus den Augen strahlte, hatte ihm mehr als einmal ein Gericht Fische in Öl gebraten, das er sich mit einem Glase Wein trefflich munden ließ.

215 Salvatore hatte absichtlich sich nicht im Palaste des Grafen Mendoza eingefunden, soviel schmerzliche Überwindung es ihn auch kostete. Sein Eid als Mitglied des Todesbundes stand drohend vor seiner Seele, und wenn er auch den Tod nicht fürchtete, hielt ihn doch der Gedanke an seine hilfsbedürftige Mutter davor zurück, das Leben nutzlos zu wagen. Aber er hatte nicht überlegt, daß das weibliche Herz durch ganz andre Motive geleitet wird, als das Gemüt des Mannes. Cornelia vergaß niemals diejenigen, denen sie Dank schuldig war, und auch Masaniellos junge Frau hatte sich durch keinerlei Bedenken abhalten lassen, die junge Gräfin aufzusuchen. Was war natürlicher, als daß Salvatores Schicksal von den beiden jungen Frauen lebhaft besprochen wurde? und da Berardina bemerkte, welchen lebhaften Anteil ihre vornehme Gönnerin an dem Maler nahm, so wurde es für sie zur ganz besonderen Aufgabe, Cornelia und Salvatore zusammenzubringen.

Berardina ging nunmehr direkt auf ihr Ziel los, indem sie Salvatore Rosa, als er wieder einmal in ihre ärmliche, aber schmucke Wohnung kam, darauf anredete, weshalb er sich bisher noch nicht in dem gräflichen Palaste habe sehen lassen.

»Ich bin nicht beliebt bei den Spaniern«, erklärte ihr Salvatore, »denn obgleich der Vizekönig und sein Anhang große Summen für Kunstwerke ausgeben, habe ich bis jetzt noch wenig oder nichts von meinen Bildern an spanische Edelleute abgesetzt. Der große Ribera sowie seine Genossen und Schüler versehen die Kirchen und Paläste unsrer aufgenötigten Beherrscher hinlänglich mit ihren Kunstwerken, und darum können sie auch leben wie die Großen und mit diesen auf gleichem Fuße.«

Die junge Frau ließ sich nicht irre machen. Es war ihr nicht darum zu thun, daß Salvatore Bilder verkaufte, aber sie dachte, vielleicht sei dies ein Weg zu ihrem Ziele.

»Wenn Ihr natürlich gar nichts thut, um mit den spanischen Herrschaften in Verbindung zu kommen, kann auch für Eure Kunst kein Vorteil herausspringen«, meinte sie; »der Graf Mendoza und seine Tochter sind Euch von Herzen zugethan und fühlen sich überdies Euch zu Dank verpflichtet. Weshalb verschmäht Ihr es, sie aufzusuchen und durch Vermittelung des Grafen Eure Malereien auch dem Vizekönige empfehlen zu lassen? Die junge Gräfin ist mit der Tochter des Vizekönigs innig befreundet und würde sich gewiß freuen, Euch förderlich sein zu können.«

216 »Wie könnt Ihr glauben, daß ein echter Neapolitaner um die Gunst der spanischen Großen betteln wird?« entgegnete tadelnd Salvatore.

»Wie Ihr alles gleich übertreibt«, erwiderte Berardina unerschrocken; »nennt Ihr es betteln, wenn Ihr der Einladung des Grafen und dem Wunsche Cornelias folgt und sie einmal besucht? Alles übrige findet sich dann von selbst, und ich bin überzeugt, wenn Ihr erst einmal dort gewesen seid, wird Euer Weg gewiß öfter in den Palast Mendoza führen.«

»Das eben ist es, was ich vermeiden will«, entgegnete Salvatore mit einem tiefen Seufzer, und als müsse er sich vor seinen eignen Empfindungen schützen, setzte er heftig hinzu: »Habt Ihr denn ganz vergessen, Berardina, was Masaniello und ich so oft in Eurer Gegenwart besprochen haben? Keine Gemeinschaft zwischen Neapolitanern und Spaniern! Leichter vereinigen sich Feuer und Wasser, als wir mit ihnen. Wir wollen mit ihnen handeln und für unsre Arbeit von ihnen Bezahlung nehmen, aber freundschaftlich mit ihnen verkehren, sie aufsuchen, wäre Verrat an unsrer eignen heiligen Sache.«

»Das ist alles gut zwischen Männern«, versetzte die unerschrockene Berardina, »aber was hat Cornelia Mendoza mit Eurem Haß gegen die Spanier zu thun?«

Einen Augenblick überwältigte die Erinnerung an das süße Geschöpf den jungen Maler.

»Cornelia!« seufzte er und hielt die Hand vor die Augen.

Aber er ermannte sich rasch wieder und verließ mit kurzem Gruße die dürftige Stätte häuslichen Glücks.

Berardina glaubte genug gesehen zu haben, und mit der Hartnäckigkeit, welche Frauen bei Herzensangelegenheiten an den Tag legen, ging sie auf dem betretenen Wege vorwärts, ohne selbst ihrem Manne davon zu sagen. Als sie wieder mit Cornelia sprach, erzählte sie dieser, daß Salvatore Rosa sich durch die Spanier zurückgesetzt und in seinem Talente gekränkt glaube, da man seine Bilder nicht beachte und der Vizekönig sich ganz allein durch den spanischen Maler Ribera leiten lasse. Cornelia ließ diesen Wink nicht unbeachtet und kurze Zeit darauf erschien der Graf Mendoza in Begleitung seiner Tochter in der bescheidenen Wohnung des Malers Salvatore Rosa, um die im Atelier aufgestellten Bilder zu sehen und mehrere davon zu kaufen. Er gab dabei die Versicherung, er werde diese Malereien selbst dem Vizekönige zeigen und denselben auf das große Talent Salvatore Rosas 217 aufmerksam machen. – Salvatores Herz hatte zugleich Wonne und Verzweiflung empfunden, als Cornelia seine Wohnung betrat. Wie geheiligt erschien ihm der Raum durch ihre Gegenwart und seine Phantasie konnte von dieser Zeit an sich nicht mehr von ihrer Erscheinung trennen. Er litt unsäglich unter diesen Eindrücken, und die gute Berardina hatte keine Ahnung davon, welch ein verzehrendes Feuer sie in der Seele ihres Freundes aufs neue entzündet hatte.

Selbstverständlich mußte Salvatore bei der Ablieferung der Bilder im Palaste Mendoza zugegen sein. In großer Aufregung begab er sich dorthin und diese Stimmung erreichte den höchsten Grad, als er durch die Dienerschaft erfuhr, daß der Graf im vizeköniglichen Schlosse sei und nur die junge Gräfin ihn empfangen könne. Er hatte eine solche Begegnung gefürchtet und nun war derselben nicht auszuweichen.

Er wurde in einen Saal gewiesen, wo er die Bilder so vorteilhaft wie möglich aufstellen ließ und seinen Begleiter dann verabschiedete. Bald darauf erschien die junge Gräfin. Wie klopften die beiden Herzen so stürmisch, als Cornelia ihm errötend entgegentrat und die Hand zum Gruße reichte. Sie mußte sich gewaltsam zur Fassung zwingen, um ihre Verlegenheit und Erregung nicht zu verraten. Sie betrachtete die Bilder lange und aufmerksam und war entzückt über die hohe Meisterschaft, die sich darin aussprach. Sie hatte Kunstverständnis genug, um einige treffende Bemerkungen zu machen, welche den Maler hoch erfreuten und die Stimmung seiner Seele wesentlich veränderten. Dies bewirkte wieder, daß auch sie sich freier und sicherer fühlte, und so kam nun ein Gespräch in Gang, welches sich auf dem Gebiete der Kunst bewegte und sie beide für kurze Zeit über die augenblickliche Lage hinwegtäuschte. Bald jedoch brachte Cornelia unabsichtlich eine andre Wendung in das Gespräch.

»Wie schade«, sagte sie, »daß unser guter Tebaldo nicht hier sein kann, um diese Meisterwerke zu bewundern. Sein lebhaftes Interesse für die Kunst war dem Vater und mir immer eine große Freude. Freilich liebte er über alles die Musik, und seine schöne Stimme hat uns manchen Genuß bereitet. So oft ich irgend einen künstlerischen Eindruck empfange, muß ich seiner in Wehmut gedenken. Was mag sein Schicksal sein? Ich flehe täglich zur Madonna, daß sie ihn beschützen und uns wieder zuführen möge, denn er war mir wie ein Bruder.«

»Habt Ihr keine Spur von ihm entdeckt?« fragte nun Salvatore. »Gern 218 würde ich meine Vermittelung antragen, aber die Banditen martern mich ohne jede Frage zu Tode, sobald sie mich in ihre Gewalt bekommen.«

»Auch wäre jeder Versuch vergeblich«, entgegnete Cornelia, »denn die Räuber haben jene schreckliche Burg verlassen und ihren Gefangenen mit sich geschleppt. Er ist für uns verloren und er war ein so treuer Freund. Vielleicht ist er tot. Ach!« setzte sie hinzu: »Freunde thun uns not in Neapel, besonders mir, die durch die Mutter so viele Sympathien für die Neapolitaner geerbt hat. Auch Ihr, Signor Salvatore, habt mir die größten Beweise von Freundschaft gegeben, ja« – setzte sie errötend hinzu – »Ihr ließet mich glauben, daß Euer Herz mir aufrichtig zugethan sei, und doch vermeidet Ihr unser Haus und scheint vergessen zu haben, wie sehr schon die Dankbarkeit mich wünschen lassen muß, Eure wohlwollende Gesinnung mir erhalten zu sehen.«

Nun konnte Salvatore nicht länger an sich halten. Er stürzte vor Cornelia auf die Kniee, und indem er ihre Hand leidenschaftlich an seine Lippen drückte, stammelte er:

»Ihr wißt nicht, wie grausam Eure Worte mein Herz zerfleischen. Meine ganze Seele fühlt sich zu Euch hingezogen, aber wie darf und kann ich hoffen, daß Ihr einem Gegner Eures Vaters Euer Herz zuwenden solltet, einem Manne, den sein Schwur zum Feinde der Spanier macht, dessen Leben verloren ist, wenn er jemals diesem Eide ungetreu wird.«

Erschreckt fuhr Cornelia zurück. Totenblässe überzog ihr Gesicht, als sie die Worte hervorstieß:

»So gehört auch Ihr diesem furchtbaren Bunde an, von dem ich zuerst erfuhr, als mein Vetter Ludovico ihm zum Opfer fiel? O, wenn dies der Fall ist, entfernt Euch rasch, damit sie Euch hier nicht entdecken und beim Verlassen unsres Hauses ermorden. Mit Schaudern gedenke ich jenes entsetzlichen Abends, als mein Vetter sterben mußte, weil er unsern Umgang nicht vermied. Geht, geht und vergeßt mich, denn wenn Ihr den Schwur geleistet habt, alle Spanier zu hassen, so ist auch mein Vater unter denen, die Euer Haß bis zum Tode verfolgt. Dann freilich ist keine Gemeinschaft zwischen uns möglich, und es ist besser, wenn wir uns niemals wiedersehen.«

Schon wollte Salvatore den Saal verlassen, als ihm ein Gedanke durch den Kopf fuhr und er sich noch einmal zu der halb ohnmächtigen Cornelia wendete:

»Ihr sagtet mir damals im Walde, daß jener junge Mann, den Ihr 219 Tebaldo nanntet, weder Euer Bräutigam noch Euer Bruder sei. Auch er war kein Spanier und doch brachte Euer Vater ihn in dieses Haus?«

»So ist es«, entgegnete Cornelia, »nicht wir hassen die Bewohner Neapels, sondern diese hassen und verabscheuen uns! Wir haben nie etwas Näheres über Tebaldos Familie erfahren, und da er nur seinen Vornamen wußte, blieben alle Nachforschungen vergeblich. Ihr nehmt so lebhaften Anteil an dem Verschollenen, daß ich fast voraussetzen muß, er sei Euch näher bekannt«, setzte sie hinzu und sah ihn forschend an. Diese neue Wendung des Gesprächs war wichtig genug, ihr Interesse völlig in Anspruch zu nehmen, aber Salvatore wußte nicht, was er ihr antworten sollte, denn es stürmte abermals eine solche Flut von Empfindungen auf ihn ein, daß er keine Worte fand. Er entfernte sich daher rasch und ließ Cornelia in sprachloser Verwirrung zurück. Sein Blut drängte mächtig zu Kopf und Herzen, denn es bedurfte für ihn keiner weiteren Bestätigung, daß Tebaldo, den der Graf Mendoza von der Straße aufgelesen und dem Elende entrissen hatte, um ihn nicht nur vor dem Hungertode zu schützen, sondern auch der Wohlthat einer guten Erziehung teilhaftig werden zu lassen, sein eigner Bruder war, den er vergeblich überall gesucht hatte und der nun vielleicht durch seine eigne Schuld eines qualvollen Todes hatte sterben müssen. Welch ein Chaos der wunderbarsten Verwickelungen umgab ihn. Er haßte die Unterdrücker seines Vaterlandes und war einem Bunde beigetreten, der ihn verpflichtete, jeden Spanier als seinen persönlichen Todfeind zu betrachten und zu behandeln, und nun mußte er nicht nur die Tochter eines der Hauptvertreter dieser verabscheuten Nation mit unwiderstehlicher Leidenschaft lieben, sondern er mußte auch in ihm den Retter und Wohlthäter seines eignen Bruders erkennen, seines Bruders, den die angestammte Familie dem Elende hatte überlassen müssen und den er selbst unwissentlich aus Liebe für die Spanierin einem Schicksale anheim gegeben hatte, welches auszudenken er gar nicht wagen durfte. War es ein Wunder, wenn sein Kopf glühte und er eine Zeitlang befürchtete, der Wahnsinn möge ihn erfassen?

Soviel stand bald bei Salvatore fest, daß seines Bleibens nicht in Neapel war, obgleich sein Talent dort jetzt Anerkennung fand und durch des Grafen Mendoza Vermittelung ihm vielleicht eine glänzende Zukunft hätte bevorstehen können. Was konnte ihm dies alles jetzt helfen, wo das drohende Gespenst der Verzweiflung ihm überall entgegengrinste und er die 220 einzige Rettung in möglichst schneller Flucht erblickte. Nur der Gedanke, Neapel so schnell als möglich wieder zu verlassen, erhielt ihn aufrecht und schützte ihn vor dem Untergang.

Die wenigen Tage, die er noch verweilen mußte, um für seine Mutter zu sorgen, wurden für seine Landsleute durch ein tumultuöses Fest in Anspruch genommen, und es war ihm ganz erwünscht, durch den Lärm und das endlose Getöse, welche dieses Ereignis hervorrief, aus seinen Gedanken gerissen zu werden.

Außer dem Schutzpatron Neapels, dem heiligen Gennaro, dessen Reliquien für das Volk als der größte Schatz gelten, wurde ganz besonders die Madonna daselbst verehrt, und zwar vorzugsweise als Beschützerin des Karmeliterordens, der in Neapel und der Umgegend mehrere große Niederlassungen besaß. Der große Marktplatz oder Mercato, der Mittelpunkt des Volkslebens, wurde von der einen Seite durch die Kirche Sta. Maria del Carmine begrenzt, und das Volk hatte sich daran gewöhnt, in dieser Kirche und der darin verehrten Madonna gewissermaßen das Wahrzeichen für den Stadtteil zu sehen, in welchem die Fischer und die Händler mit den Produkten der Gegend wohnten. Für diese Volksklasse war der Tag Maria del Carmine das höchste Fest und an ihm fand auf dem Mercato eine Volksbelustigung statt, die sich jahrhundertelang erhalten hatte und an die Vertreibung der Sarazenen, zugleich also an den Sieg des Christentums über die Türken anknüpfte.

An solchen Festtagen waren zwar die Wachen verstärkt, aber das Militär hatte strengen Befehl, sich nicht unter die Menge zu mischen.

Stundenlang strömte das Volk aus allen Teilen der Stadt auf dem Platze zusammen und erwartete mit Ungeduld das Schauspiel des Streites zwischen den Ungläubigen und den Christen. Es war eine Art volkstümlichen Turniers, ein ganz eigenartiges Kampfspiel für die neapolitanischen Fischer.

Mitten auf dem Platze erhob sich eine Festung, aus einfachen Brettern errichtet, die mit allerlei Emblemen in türkischem Geschmack verziert war. Diese Festung war von den jungen Männern des neapolitanischen Volkes umgeben, welche sich auf Anordnung einiger dazu erwählten Leute in zwei Scharen teilten. Diejenigen, welche die Ungläubigen vorstellten, waren dadurch kenntlich gemacht, daß sie ein buntes Tuch turbanartig um den Kopf gewunden hatten; diejenigen, welche die Christen vorstellten, trugen ein 221 großes Kreuz auf der Brust. Erstere hatten die Aufgabe, die Festung zu besetzen und zu verteidigen, letztere mußten dieselbe im Sturm erobern und die Fahne der Madonna daselbst aufpflanzen. Oft ging es dabei gewaltig lebhaft her, und wenn der Kampf lange unentschieden blieb, nahm zuletzt das ganze Volk die Partei der Christen, um der Madonna zum sicheren Triumphe zu verhelfen. Beide Parteien wählten sich irgend jemand zum Hauptmann, der bei dem Volke beliebt war und mit welchem sie Ehre einzulegen hofften.

Schon hatten an diesem Tage die Türken sich ihren Heerführer erwählt, es war ein Mann von herkulischen Gliedern, der bereits als Zeichen des Anführers einen silbernen Halbmond an seinem Turban befestigt hatte. Das Abzeichen seines Gegners war ein prächtig gearbeitetes, großes goldenes Kreuz, mit Edelsteinen verziert, das Kreuz des Karmel genannt, welches zu diesem Zwecke im Kirchenschatze aufbewahrt wurde. Die Kampfrichter ließen das Kreuz von den neugierig herandrängenden jungen Leuten bewundern, während sie die Liste derjenigen Namen prüften, deren Träger als Anführer vorgeschlagen waren.

In diesem Augenblicke war Salvatore Rosa nahe hinzugekommen. Die Mitglieder des Todesbundes trieben sich bei solchen Gelegenheiten gern unter den Volksmassen umher. Obgleich alle den Maler kannten und als Künstler sowohl wie als Volksfreund hoch verehrten, hatte doch in diesem Augenblicke niemand Aufmerksamkeit für ihn.

Als jedoch plötzlich der laute Ruf ertönte: »Nehmt Masaniello von Amalfi!« wendeten sich alle Köpfe um, und kaum hatte man entdeckt, daß der allbeliebte Maler mit lauter Stimme jenen Rat erteilt hatte, als die ganze Partei einstimmig die Worte ertönen ließ:

»Ja, Masaniello! Masaniello!«

Wie ein elektrischer Funke durchflog der Ruf die ganzen Massen und »Masaniello! Masaniello!« schallte es in triumphierendem Tone über den ganzen Platz.

»Wo ist er? Wo ist er?« riefen alle Stimmen, und das Kreuz in die Höhe haltend, blickte sich der erste Kampfrichter nach ihm um. Masaniello hatte nicht entfernt an solche Auszeichnung gedacht, aber bald war der junge Fischer herausgefunden und unter lautem Jubel wurde er zu der Stelle geführt, wo man ihm das Kreuz anheften konnte. Er wollte einige Einwendungen machen, denn seine Bescheidenheit hatte ihn bis jetzt 222 von jeder öffentlichen Rolle zurückgehalten, aber Salvatore Rosa, der nun einmal die Wahl auf ihn gelenkt hatte und selbst von der Erregung des Augenblicks hingerissen wurde, wendete sich zu ihm und sprach mit lauter Stimme, so daß es die Umstehenden hören konnten:

»Vergiß nicht, daß schon dein Name dich zu dieser Wahl berechtigt. Es sind jetzt hundert Jahre her, unter der Regentschaft des Don Pedro di Toledo, als die Neapolitaner sich erhoben, um gegen die Einführung der spanischen Inquisition zu kämpfen; damals trat ein Tomaso Aniello an die Spitze des Volkes und zwang die spanische Herrschaft zum Nachgeben. Wenn daher deine Freunde dich nun für würdig achten, das Karmeliterkreuz zu tragen und gegen unsre Feinde zu kämpfen, so darfst du nicht zögern und mußt eingedenk deines Namens an der Spitze deiner Brüder den Kampf mutig beginnen.«

Es ist ganz unmöglich, sich eine Vorstellung davon zu machen, welche Begeisterung diese Worte unter dem Volke hervorriefen. Wer zu weit entfernt gestanden hatte, um alles verstehen zu können, ließ sich den Inhalt der Rede von seiner Umgebung vermitteln, und es konnte nicht ausbleiben, daß der Sinn einige Änderungen erlitt und man schließlich eine Menge Anspielungen auf die gegenwärtigen Verhältnisse und besonders auf die Unzufriedenheit des Volkes mit dem übertriebenen Steuerdruck bezog. Der Jubel und das Geschrei wollte daher gar kein Ende nehmen und da Masaniello sich inzwischen bereit erklärt hatte, die Stelle des Anführers zu übernehmen, worauf der Kampfrichter ihm das Karmeliterkreuz anheftete, blickten alle Augen auf ihn mit dem Ausdruck der Bewunderung und des Vertrauens, als handle es sich um einen wirklichen Kampf für die Rechte des Volkes. Wer das Jauchzen und Geschrei der Menge beobachtete, konnte leicht auf den Gedanken kommen, daß aus dem harmlosen Spiele unter Umständen blutiger Ernst werden könne. Hier und da vernahm man verdächtige Rufe gegen die Spanier und nur der Beginn der Erstürmung lenkte die Aufmerksamkeit der Menge wieder auf die bevorstehende Festlichkeit.

Eine Stunde später war die türkische Festung von den Christen erstürmt, aber die letzteren hatten auch unter ihrem Anführer Masaniello mit solcher Begeisterung gekämpft, daß dem Angriff kein langer Widerstand geleistet werden konnte. Der Anführer der Türken mußte von der Höhe seiner Bretterfestung weichen, und nachdem ihn der siegreiche Arm Masaniellos hinabgestoßen hatte, erschien dieser auf der Höhe und sprach einige Worte 223 zu dem Volke, worauf er unter dem rasenden Jubel der Menge die Fahne der Madonna aufpflanzte.

Von diesem Augenblicke an war Masaniello der gefeierte Held des neapolitanischen Volkes, und da sein offenes und biederes Wesen ihm schon vorher alle Herzen gewonnen hatte, besaß er keinen Feind unter seinen Genossen. Gennaro Annese hatte sich an Salvatore Rosa herangedrängt und ihm zugeflüstert: »Erinnert Ihr Euch, was ich bei unsrer ersten Begegnung von der Macht der menschlichen Stimme sagte? Masaniello ist zu großen Dingen berufen, denn ihm ist jener Zauber verliehen. Ihr seht es, wenn er seine Stimme erhebt, reißt er alle Menschen gewaltsam hin.«

Der Maler nickte zustimmend.

Salvatore Rosa hielt es nun doppelt geraten, sich von Neapel zu entfernen, denn obgleich er den Tod nicht fürchtete, wollte er doch weder ohne Grund sein Leben wagen, noch in den spanischen Kerkern zu langwierigen Qualen verurteilt werden. Er schlug den Weg nach Rom ein und hoffte dort im Besitze seiner Studien aus den Abruzzen durch die Macht seiner Kunst sich eine Zukunft zu begründen, ohne gegen die Intrigen eines Ribera vergeblich ankämpfen zu müssen. 224

 

 


 


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