Adolf Glaser
Masaniello
Adolf Glaser

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Am Wachtfeuer in Neapel

Am Wachtfeuer in Neapel.

Vierzehntes Kapitel.

Das Gewitter kommt zum Ausbruch.

Die meisten Revolutionen entstehen dadurch, daß dem Volke schließlich die Geduld ausgeht, wenn man ihm die notwendigsten Lebensbedürfnisse durch immer größere Auflagen verteuert, ohne einen stichhaltigen Grund dafür anzugeben. In der alten Welt war die unterste Volksklasse unfrei, und es gehörte schon eine geradezu unmenschliche Behandlung dazu, wenn Sklaven sich empörten, denn sie thaten dies gewiß nur aus äußerster Not, da sie wußten, daß ein martervoller Tod ihr Los war, wenn sie besiegt wurden. Die römische Geschichte zeigt trotzdem solche Beispiele. Seit das Christentum die Sklaverei im Prinzip aus der Welt geschafft hat, reißt dem Volke etwas leichter die Geduld, aber zu einer 256 wirklichen blutigen Revolution wird es doch gewöhnlich erst dann getrieben, wenn es sieht, daß man seine materielle Existenz böswillig oder leichtsinnig auf das Spiel setzt. Die Neapolitaner haßten die Fremdherrschaft der Spanier seit langer Zeit, aber die Revolution des Jahres 1647 hatte ihren Ursprung doch einzig und allein in der Frage der vermehrten Abgaben, welche die einfachsten Lebensmittel verteuerten.

Spanien hatte damals unermeßliche Einkünfte. Die Prachtliebe und Verschwendung seiner Könige und ihres Anhangs übertraf jedoch alle Begriffe. Die Kirche hatte die Ausrottung der eingebornen Völkerstämme im neu entdeckten Amerika gerechtfertigt und dadurch dem Könige von Spanien die Hand gereicht zur Erwerbung unerschöpflicher Schätze, dafür unterstützte die dankbare Regierung zu Madrid den heiligen Stuhl mit ungeheuren Mitteln.

Wenn die Nachwelt staunend die großartigen Bauwerke betrachtet und sich an den unsterblichen Werken der Architektur, Malerei und Bildhauerkunst bewundernd erfreut, fällt leicht ein versöhnender Nachglanz auf jene Perioden, in welchen die verschwenderische Prachtliebe einzelner Herrscher den schaffenden Genius der Kunst zu neuem höheren Fluge anspornte.

Ähnlich war es unter der Regierung Philipps IV. von Spanien. Seine freigebige Hand lockte viele Künstler an seinen Hof und förderte überall das Talent, wo es ihm in den Weg trat. Als eifriger Patron der dramatischen Kunst gab Philipp IV. in seinem Palast Buen retiro vor den Thoren Madrids glanzvolle Theatervorstellungen, und das Dekorations-, Maschinen- und Kostümwesen verschlang große Summen. Die Zeugen dieser Freigebigkeit, soweit sie der zerstörenden Zeit trotzen konnten, behalten ihren Wert bis zu den spätesten Geschlechtern, was aber in gleicher und vielleicht größerer Munifizenz durch den Willen des Monarchen zu einem nur ephemeren Dasein gerufen wurde, schwand längst dahin. Daher ist es notwendig, in der Phantasie nicht nur die weiten Hallen der stolzen Königsschlösser zu durchwandern und in den Museen Europas die unsterblichen Meisterwerke der zeitgenössischen Maler zu bewundern, wenn man verstehen will, wie die maßlose Verschwendung schließlich das Volk zum hellen Aufruhr trieb. Man muß sich jene Prachtsäle mit den vergänglichen Stoffen geschmückt denken, welche ihrer Seltenheit wegen damals noch viel kostbarer waren als jetzt, man muß sich vergegenwärtigen, welcher Glanz bei großen Festlichkeiten entfaltet wurde. Die herrlichen Blumen und Früchte, mit welchen die Tafeln besetzt waren, bot das südliche Klima in verschwenderischer 257 Fülle, aber mit raffiniertestem Geschmacke wurden prunkvolle Geräte von edlem Metall und mit Juwelen besetzt verwendet, der Luxus in der Wahl schwer zu erzeugender Leckerbissen und seltenster Weine, die Pracht der Gewänder, alles dies ist teils in Staub und Moder zerfallen, teils in fremde Hände gelangt oder in verschwiegenen Schatzkammern aufgehäuft. Mehr als alles dies betrugen die kolossalen Summen, die dem gewährenden Blick der Liebe zu teil wurden oder welche die Versorgung einer zahlreichen Nachkommenschaft, die nach dem Gesetz keine Ansprüche hatte, verschlangen. Ganz zu geschweigen der unermeßlichen Summen, welche durch Schmeichler und Betrüger beiseite geschafft wurden. Da war es denn natürlich, wenn die scheinbar unerschöpflichen Quellen zuweilen versiegten und dann in ebenso gewissenloser Weise Ersatz geschafft wurde, wie man vorher mit leichtfertigen Händen das Vorhandene gedankenlos verschleuderte.

In solchem Falle befand sich die spanische Regierung zu der Zeit, als die Unruhen in den Vizekönigreichen Neapel und Sizilien begannen. In der alten Welt wurden die Bewohner unterworfener Länder unfrei und mußten Frondienste leisten, im Mittelalter waren sie diejenigen, auf welchen vorzugsweise der Steuerdruck mit unerträglicher Härte lastete. Aber so gutmütig und lenksam das unwissende neapolitanische Volk auch war, es erschien ihm doch etwas zu grausam, als es auch noch für das Mehl, den Wein, die Oliven und zuletzt sogar für die Gemüse und Baumfrüchte, welche die Umgegend in so großer Fülle zeitigte, dem Könige von Spanien Abgaben entrichten sollte. Lange, lange Jahre hatte der Unmut über die Fremdherrschaft sich in Feindseligkeiten aller Art, in Schimpfnamen und Spottliedern, in geheimen Verbrüderungen und öffentlichen Schlägereien zwischen einheimischen Fischern und spanischen Soldaten Luft gemacht, nun aber, als jede Marktfrau und jeder Fischhändler, bevor sie auf dem Marktplatze ihre Waren feilbieten durften, erst in die Halle neben der Kirche Santa Maria del Carmine treten und dort ihre Vorräte von den verhaßten spanischen Steueraufsehern prüfend betrachten und betasten lassen sollten, erst da war das Maß zum Überlaufen voll, und die Wut des Volkes kannte keine Grenzen mehr. Der eine erzählte, daß man seine Mutter mit ihren Oliven stundenlang habe warten lassen, der andre berichtete, seine Frau sei von den spanischen Soldaten mit dreisten Zumutungen geplagt worden, dieser klagte, man habe seinen Bruder geschlagen, jenem waren wegen Widersetzlichkeit die Fische aberkannt worden, und so ging es fort ins Unendliche. 258 Dem einfachen Sinne des leichtblütigen Völkchens wollte der Ernst der neuen Maßregel nicht zu Kopf. Diese Fischer, von denen viele ihren Vatersnamen nicht wußten noch ihren Geburtstag und die samt und sonders weder lesen noch schreiben konnten, glaubten sich der Willkür von Unterbeamten preisgegeben und die meisten verstanden gar nicht, daß alle diese Maßregeln ihren Ursprung im fernen Spanien hatten. Ja, selbst der Vizekönig lag ihrem Hasse zu hoch und zu fern, und wenn sie auf das schlechte Regiment schalten, dachten sie ausschließlich an die Steuern und die Behörden, welche dieselben eintrieben.

Eines Tages war Masaniellos junges Weib in Puzzuoli gewesen und die Eltern hatten ihr dort ein Quantum Mehl und ein Säckchen Oliven für den Haushalt mitgegeben. Es kam ihr nicht entfernt in den Sinn, daß sie für diese Lebensmittel, die sie von außerhalb in die Stadt Neapel einführen wollte, eine Abgabe entrichten müsse. Als der wachhabende Soldat am Ufer bei Ankunft der Barke den Inhalt der beiden Säcke revidieren und danach die Steuer bemessen wollte, geriet das lebhafte junge Weib in Eifer und weigerte sich energisch, der Aufforderung Folge zu leisten. Es blieb schließlich nichts andres übrig, als die widerspenstige junge Frau nach dem Steuerbüreau zu führen, wozu sie sich anfangs nicht verstehen wollte, bis der Beamte sie am Arme ergriff, um sie nach der gefürchteten Halle zu führen. Dies ging nicht ohne bittere Thränen ab. Da in der Halle noch andre Leute auf Abfertigung warteten, mußte Berardina sich auf eine Steinbank niedersetzen, bis die Reihe an sie kam. In der Halle gingen Wachen auf und ab, und die spanischen Soldaten scherzten und lachten zusammen. Was sie sprachen, konnte die Neapolitanerin nicht verstehen, aber es war der rechtschaffenen Frau unerträglich, sich begaffen und bespötteln zu lassen. Inzwischen war jemand von den Leuten, die in der Barke von Puzzuoli mitgekommen waren, zu Masaniello gegangen und hatte ihn von dem Vorfall unterrichtet. Der junge Fischer war eben im Begriffe gewesen, seiner Frau entgegenzugehen, denn er konnte sich denken, daß sie nicht mit leeren Händen kam. Im ersten Augenblicke stieg auch ihm das Blut zu Kopfe, aber er war besonnener als die meisten seinesgleichen, und wenn er auch den Steuerdruck unerträglich fand, sah er doch ein, daß in einem einzelnen Falle keine Ausnahme gemacht werden konnte. Er eilte nach der Steuerhalle. Als er dort seine reizende junge Frau in Thränen gebadet, fassungslos sitzen sah, nagte der Groll über die Zustände 259 in seinem Vaterlande an seinem Herzen. Berardina war sofort beruhigt, als sie ihn sah, und er tröstete sie, so gut es gehen wollte. Als die Reihe an sie kam, entschuldigte er ihre Widersetzlichkeit so gut es ging, der hochmütige spanische Beamte konnte es jedoch nicht unterlassen, einige Bemerkungen über den Unverstand der Weiber fallen zu lassen. Masaniello schwieg, bezahlte die Gebühr und ging mit seiner Frau nach Hause. Aber es blieb ein Funke von Haß in seinem Gemüte haften, der im Unterschiede zu der Abneigung gegen die spanische Herrschaft einen mehr persönlichen Charakter trug. Man hatte sein gutes unschuldiges Weib gekränkt und mißachtet. Die ganze Nacht mußte er daran denken, und je mehr er nachdachte, um so lebhafter wurde der Wunsch, sich zu rächen.

In ähnlicher Weise gärte es fortwährend bei dem niedrigen Volke in ganz Neapel, und auf der Insel Sizilien herrschten dieselben Zustände. Der gebildete Teil der Bevölkerung, namentlich die Mitglieder des Todesbundes, begrüßten die Erregung in den unteren Klassen als willkommenes Zeichen und schürten dieselbe, um einen Tumult zu bewirken, der in seinem Verfolg die spanische Herrschaft vernichten, die fremden Bedränger überall vertreiben und zu einer Republik führen könne.

Da sich solche unzufriedene Stimmungen wie ein Lauffeuer verbreiten, wurden bald auch die Gesandtschaften in Rom von der wachsenden Gärung benachrichtigt.

Überdies waren die Zeichen der Unzufriedenheit schon wochenlang an mehreren Orten zu Tage getreten. Schon im Mai hatte in Palermo ein kleiner Aufstand stattgefunden. Da Spanien fortwährend Feindseligkeiten mit Frankreich auswechselte, war es ganz natürlich, daß letztere Macht sich in Bereitschaft setzte, beim ersten Ausbruch einer Revolution das Protektorat über die Neapolitaner zu übernehmen und womöglich die Spanier zu verjagen.

Während also das harmlose und unwissende Volk eigentlich nur den Wunsch hegte, seine auf heimatlichem Boden gewachsenen Melonen, Feigen und Oliven ohne Abgaben verzehren zu dürfen und sich nebenbei über die spanischen Uniformen in der Stadt und die Anwendung der spanischen Sprache bei den Erlassen der Regierung lustig machte, setzte sich der Kardinal Mazarin mit der befreundeten Regierung von Toscana ins Einvernehmen und ließ französische Schiffe in der Nähe von Neapel kreuzen unter dem Vorwande, toscanische Handelsangelegenheiten zu besorgen und die 260 Kaufleute zu schützen. Auch die Genueser, diese Erbfeinde Neapels, gleichviel unter welcher Herrschaft es stand, regten sich, und es wurden Bündnisse geschlossen zwischen bisher gegnerischen Mächten, nur um bei einem etwaigen Ausbruch der Rebellion und dem alsdann bevorstehenden Kampfe um das Kleinod Neapel nicht unthätig zu sein und womöglich irgend einen Vorteil zu erreichen.

Aber der Ausbruch kam so unvorbereitet, aus kleinlichen Anlässen hervorgehend und durch Elemente geleitet, welche der Aufgabe in keiner Weise gewachsen waren, daß der Tumult nach kurzem vulkanartigen Toben ebenso rasch unterdrückt werden konnte, wie er entstanden war.

Wenn sich das Volk auch nach und nach an die Steuer für das Mehl und die Fische zu gewöhnen anfing, so fand doch die Abgabe für Früchte fortwährend passiven Widerstand.

Das Volk begriff diese Maßregel absolut nicht. Die freigebige Natur spendete ihre Gaben in so reichlicher Fülle, daß die einheimischen Früchte nur sehr geringen Wert besaßen und erst durch die Abgaben verteuert wurden. Es war daher, als sei diese Maßregel der letzte Tropfen, der das Maß der Unzufriedenheit zum Überfließen brachte. Bei der lebhaften Gemütsart des neapolitanischen Volkes gab es täglich heftige Zankszenen, namentlich zwischen den Frauen, welche ihre Obstkörbe zu Markte trugen, und den Steueraufsehern, die streng darauf angewiesen waren, unter allen Umständen die Entrichtung der Abgabe zu erzwingen. Solange es dabei blieb, daß die Frauen ihrer Zunge freien Lauf ließen und sich über die Härte des Gesetzes beklagten, achtete man nicht darauf; jede einzelne mußte ihren Schein lösen und durfte erst dann ihre Ware feilbieten. Widersetzlichkeiten wurden anfangs mit einer geringen Geldbuße und später mit Konfiskation der Früchte bestraft.

An einem der größeren Markttage in den ersten Tagen des heißen Juli gab es wieder einmal einen Auflauf, der dem zündenden Funken glich. Wie es häufig zu geschehen pflegte, hatten sich mehrere Gruppen gebildet, welche lebhaft über die Tagesfragen sich unterhielten. Die Fischer trugen ihr übliches Kostüm, bestehend in Hemd und kurzer Hose, eine hohe weiche Mütze auf dem Kopfe und das unentbehrliche Amulett der Madonna del Carmine auf der nackten Brust. Masaniello, der heute als Fischverkäufer dort weilte, sprach in lebhafter Weise seine Ansichten aus, und man konnte an den Gesten, womit er seine Worte begleitete, und an den Erwiderungen seiner Freunde erkennen, daß der allgemeine Groll von Tag zu Tage wuchs.

261 In diesem Augenblick entstand wieder ein Konflikt zwischen einem Landmann aus Puzzuoli und einem Steuerbeamten. Ersterer hatte einen Korb voll Feigen, welche er von einem Gutsbesitzer am Posilipp gekauft hatte, nach der Stadt gebracht, um durch den Wiederverkauf eine Kleinigkeit zu verdienen, und es erschien ihm nun als die höchste Ungerechtigkeit, noch eine Abgabe an die Behörde zahlen zu sollen, die ohnehin nach seiner und seiner Freunde Ansicht gar nicht das Recht hatte, in Neapel Gesetze zu machen. Der Mann stellte sich in die Reihe der Obstverkäufer und hatte bereits einen Teil seiner Feigen glücklich abgesetzt, als ein Steueraufseher ihn nach dem Erlaubnisscheine fragte. Der Verkäufer konnte einen solchen nicht aufweisen, gab aber dafür seine Ansicht von der Unrechtmäßigkeit dieser Neuerungen unzweideutigen Ausdruck. Der Soldat ließ sich auf keine Verhandlungen ein, sondern verlangte, daß der Mann ihm sofort nach der Halle folge, wo die Steuern erhoben wurden. Jener weigerte sich hartnäckig. Selbstverständlich erweckte der Streit sofort die Aufmerksamkeit aller Umstehenden. Nicht nur die Freunde und Bekannten des Verkäufers, der fortfuhr, mit lauten Worten und lebhaften Gestikulationen über die Ungerechtigkeit, die ihm widerfahren sollte, in nicht sehr gewählten Worten loszuziehen, sondern auch andre Menschen drängten sich in die Nähe. Beifällige Rufe steigerten die Erregung des Mannes, bis endlich der Beamte der ganzen Szene ein Ende machen wollte. Er packte den renitenten Obsthändler beim Kragen, forderte ihn mit nachdrücklicher Stimme auf, ihm sofort zu folgen und wollte dann den Weg nach dem Steueramte mit ihm einschlagen.

Bis dahin hatte die Sache den Verlauf, wie ähnliche Vorfälle schon öfter gehabt. Wäre der Mann mitgegangen, so würde ihm ein Haufen Volks bis zum Eingange in die gefürchtete Halle schreiend gefolgt sein und hätte sich dann wieder zerstreut, um die Sache bald zu vergessen. Nun aber geschah etwas Unerwartetes. Wütend riß sich der Landmann los, ergriff seinen Korb, schüttete die darin enthaltenen Feigen auf den Boden und trat mit beiden Füßen auf denselben herum, bis die saftigen Früchte sich in einen formlosen Brei verwandelt hatten.

Dieser rasche Entschluß wurde von dem leicht enthusiasmierten Volke, welches sich um die Gruppe versammelt hatte, mit ungeheurem Jubel begrüßt. Der Einfall, die Früchte lieber zu vernichten, als sie von der Behörde konfiszieren zu lassen, erschien so originell, daß man den aufgeregten 262 Verkäufer in diesem Augenblicke mit Bewunderung betrachtete und seine That als einen Triumph über die ungerechte Obrigkeit ansah. Der Steuerbeamte geriet in große Verlegenheit. Mit der Sinnesart des Volks vertraut, wußte er, daß dieser Vorfall Nachahmung finden und, wenn er ungeahndet blieb, die Widersetzlichkeit gegen die Steuerbehörde nur steigern werde. Ehe er sich's versah, war er von laut lachenden und jubelnden Menschen umringt, deren Anblick seine Fassung stark erschütterte. Um sich vor thatsächlichen Insulten zu schützen, bedurfte es eines Signals mit der Pfeife, um eine Anzahl bewaffneter Soldaten aus der Wachstube der Steuerbehörde nach dem Marktplatz zu rufen, um dem bedrohten Beamten zu Hilfe zu kommen. Dies bewirkte eine ungeheure Aufregung und nahm der Sache die letzte Spur ihres harmlosen Charakters. Das Volk drängte sich auf dem Platze zusammen; der Landmann, um dessen Feigen der Tumult begonnen hatte, war sofort im Gewühle verschwunden. Die übrigen Männer und Frauen sahen sich nach ihm um, und da sie ihn nicht erblickten, wollten sie sich schon zerstreuen, denn wenn die Masse niemand findet, um den sie sich scharen und dessen Weisungen sie folgen kann, hält sie bei Annäherung einer Anzahl bewaffneter Soldaten niemals stand. Mehrere besonders kecke Bursche hatten zwar versucht, die herannahenden Soldaten zu verhöhnen und sich ihnen entgegenzustellen, aber einige flache Säbelhiebe genügten, sie zurückzudrängen. Nun aber nahm die Sache unerwartet wieder eine andre Wendung. Plötzlich scharte sich das Volk um Masaniello, der einige Male mit lauter Stimme rief: »Keine Steuern mehr!« und dadurch die Aufmerksamkeit des Volkshaufens auf sich zog. Als er darauf in seiner Entrüstung in einen Obstkorb griff und mit beiden Händen, was er gerade erfassen konnte, heftig gegen die anrückenden Soldaten schleuderte, folgten alle übrigen seinem Beispiele, und bald entwickelte sich ein höchst eigentümlicher Kampf. Der erste, welcher Masaniello zur Seite trat, war Gennaro Annese, der schon seit längerer Zeit mit ihm befreundet war. Die in großen Massen vorhandenen saftreichen Obstarten dienten dem Volke als Verteidigungsmittel und da sie gut zielten, setzten sie die auf solchen Angriff nicht vorbereiteten Soldaten in heillose Verwirrung. Als die Früchte nicht ausreichten, folgte das Gemüse, die Fische, endlich die Körbe und was dem rasenden Volke sonst noch in die Hände fiel. Die Soldaten mußten sich in ihr Wachtlokal zurückziehen, um weitere Befehle zu erwarten. Nun aber ergriff die Begeisterung über den unerwarteten Erfolg den immer anwachsenden Volkshaufen und seine Anführer. 264 Es bedurfte keiner weiteren Verhandlungen, denn der lang verhaltene Grimm durchbrach endlich alle Dämme, und es war ganz selbstverständlich, daß Masaniello der Mittelpunkt des Aufstandes wurde. Er fand auch Gelegenheit, den sonoren Klang seiner kraftvollen Stimme, den seine Freunde oft bewundert hatten, zu erproben, und sobald er sprach, schwiegen alle übrigen und lauschten allein seinem Worte. Viel durfte allerdings nicht gesprochen werden, denn es galt Eile und für den Augenblick wußten instinktiv alle, was sie wollten. Weithin vernahm man Masaniellos Worte, als er rief: »Der Augenblick ist gekommen! Wir müssen zusammenstehen und ganz Neapel muß zeigen, daß es einig ist in dem Rufe: Gott und die heilige Madonna del Carmine stehen uns bei! Es lebe der Papst, es lebe der König von Spanien, aber nieder mit der schlechten Regierung! Alle schrieen und riefen diese Worte nach; plötzlich hatten die meisten der Männer sich mit Stöcken bewaffnet, einer davon heftete ein Stück schwarzes Zeug an eine Stange und so zogen sie, von Masaniello geführt, vor den Palast des Vizekönigs, wo sie ihre Rufe wiederholten und die Zustimmung zur Abschaffung der mißliebigen Steuern verlangten.

Ausbruch der Revolution auf dem Marktplatze zu Neapel

Ausbruch der Revolution auf dem Marktplatze zu Neapel.

Die Sache war so rasch und unerwartet gekommen, daß der Vizekönig selbst den Kopf verlor und sich nicht zu helfen wußte. Wie es damals bei den meisten Herrschern Sitte war, besaß er eine kleine Leibgarde von Deutschen, die seinen Palast bewachte, und alle übrigen Wachtposten waren von spanischen Soldaten besetzt. Beim Anrücken der unabsehbaren schreienden und tobenden Volksmenge flüchtete ein Teil der Soldaten und einzelne warfen ihre Waffen fort, welche darauf von den in den Palast dringenden Aufrührern in Beschlag genommen wurden. Der Vizekönig versuchte vom Balkon des Palastes aus, das Volk zu beruhigen, indem er versprach, die Steuer auf die Früchte solle erlassen werden, man möge sich zufrieden geben und wieder an die Geschäfte des Tages gehen. Aber das aufgeregte Volk befand sich einmal in der Siegeslaune und wollte sich dabei nicht beruhigen, sondern verlangte die Abschaffung sämtlicher Steuern und wiederholte fortwährend die von Masaniello ausgegebene Parole: »Es lebe der König von Spanien, nieder mit der schlechten Regierung!«

So unglaublich es erschien, brachte es doch der mit Stöcken bewaffnete wilde Volkshaufen dahin, daß er sämtliche Wachen des Palastes verjagte und endlich sogar in die Gemächer selbst eindrang. Der Vizekönig, von wenigen seiner Kavaliere umgeben, zog sich in die innersten Räume zurück. 265 Er beschloß, sich sofort nach der Festung Sant Elmo zu begeben, wo sich seine Familie und die Damen der Vizekönigin bereits seit mehreren Tagen aufhielten. Aber es galt nun, das Volk für den Augenblick zu beruhigen und von der Aufmerksamkeit auf ihn abzulenken.

Ein Kavalier aus seiner Umgebung trat daher dem Volke entgegen, sprach besänftigende Worte und überreichte dem Masaniello ein eigenhändiges Schreiben des Vizekönigs mit dessen Siegel versehen, in welchem die Aufhebung der Zölle auf Früchte und Mehl verfügt war.

Inzwischen hatte man einen geschlossenen Wagen mit zwei Pferden bespannt an einer Hinterthür vorfahren lassen, in welchem der Herzog sich heimlich nach der Festung verfügen wollte.

Aber das Volk, welches weder schreiben noch Geschriebenes lesen konnte, beruhigte sich nicht bei der schriftlichen Erklärung und verlangte, daß der Vizekönig persönlich erscheinen und Auge in Auge mit Masaniello verhandeln solle. Der Vizekönig hatte inzwischen den an dem hinteren Portale vorgefahrenen Wagen bestiegen und hoffte mit heiler Haut aus dem Bereiche des Tumultes zu gelangen. Einige Männer aus dem Volke jedoch bemerkten seine Flucht und folgten dem Wagen, indem sie fortwährend riefen: der Vizekönig solle ihnen mündlich die Abschaffung der Steuern versprechen, dann wollten sie ihn in Ehren halten. Die nachlaufenden schreienden Menschen wurden endlich so zudringlich, daß der Vizekönig es für geraten hielt, in der nahegelegenen Kirche San Luigi Schutz zu suchen. Die wenigen Kavaliere und die spanischen Soldaten, die ihm folgten, waren froh, als sie glücklich und mit heiler Haut dort anlangten, und bald schlossen sich hinter ihnen die Pforten der Kirche sowohl wie des dazu gehörigen Klosters.

Inzwischen war der Abend herangebrochen und es mußten Vorkehrungen für die Nacht getroffen werden. Die Zusammenrottungen des Volkes hatten riesige Dimensionen angenommen, und wenn die Fischer auch vorläufig größtenteils nur mit Stöcken bewaffnet waren, denen sich vereinzelte Schießwaffen, worunter die Armbrust noch eine Hauptrolle spielte, zugesellten, so war doch ihre Zahl und ihre beispiellose Aufregung derart, daß auch nur der Versuch eines bewaffneten Einschreitens ohne Beihilfe von außen, das furchtbarste Unheil herbeigeführt hätte.

Die wichtigste Sorge für das Volk war nun die Beschaffung von Waffen. Das Arsenal befand sich auf dem Wege nach Portici. Dorthin also eilte die Schar der Aufständischen. Da die Dunkelheit bereits 266 hereingebrochen war, wurden Fackeln angezündet und unter wildem Geschrei rannte der Haufen das Ufer entlang auf der Straße nach Portici. Es war ein grausiges Bild und der Vesuv mit seinem leuchtenden Gipfel überragte die merkwürdige Szenerie.

Die Besatzung des Arsenals setzte natürlich dem Ansinnen der Rebellen Widerstand entgegen, aber diese erschlugen die Verteidiger. Es war das erste Blut, das vergossen wurde. Die Fischer drangen dann unter Masaniellos Führung in das Arsenal, doch der größte Teil der Waffen war bereits beim Heranrücken der Aufrührer in die Kirche Santa Maria di Constantinopoli geflüchtet worden. Weiter also! Was galt den Fischern die heilige Maria von Konstantinopel! Ja, wenn es die Madonna del Carmine gewesen wäre, ihre Schutzpatronin! Die Kirche sollte erstürmt werden, aber die schweren Thüren wehrten den Versuch. Man legte Feuer an. Daran, daß hier das schwere Verbrechen der Kirchenschändung verübt wurde, dachte jetzt keiner. Die Thüren gaben nach, und die wütende Menge drang ein. Man erbeutete die Waffen, zerschlug einiges Geräte und unter wildem Geschrei, grausigen Gesängen und furchtbaren Drohungen ging es zurück nach Neapel.

Der Kommandeur der Flotte war Graf Maddaloni. Er hatte bereits den Befehl erteilt, aus den nahen Häfen Kriegsschiffe zu requirieren, bis von Spanien aus Hilfe käme. Der Name des Grafen wurde deshalb vom Volke sofort als derjenige des größten Feindes und Verräters gebrandmarkt. In der Nacht noch, während die Volkshaufen von Portici zurückkehrten, hatte der Graf, der an Energie dem Vizekönig weit überlegen war, einen teuflischen Plan gefaßt. Es war seit alters Gebrauch, bei persönlichen Racheakten sich der Bravi zu bedienen, die für geringen Lohn jeden Feind aus dem Wege räumten; der Graf kam nun auf den abscheulichen Gedanken, die Banditen in Masse aufzubieten, da die Besatzung Neapels zu gering war, um die Rebellen zu besiegen. Er schickte daher rasch Eilboten zu den bekannten Banditenführern, namentlich zu dem schwarzen Beppo, um mit ihnen zu unterhandeln und sie für schweren Lohn gegen das aufrührerische Volk von Neapel zu werben.

Sobald dieser Entschluß des Grafen Maddaloni beim Volke bekannt wurde, ergriff eine unbeschreibliche Wut die ganze Stadt. Ein Haufe von Tumultuanten stürmte nach dem Palaste des Grafen, um Rache zu nehmen. Aber der Graf hatte sich mit seiner Familie rechtzeitig nach dem Kastell 267 del Ovo geflüchtet, an dessen Steinwällen und Zugbrücken selbst die unbändigste Wut machtlos abprallte. Dafür aber wurde alles zerstört und zerschlagen, was sich im Palaste Maddaloni vorfand. Die kostbaren Möbel wurden aus den Fenstern auf die Straße geworfen, wo man sie völlig in Trümmer schlug. Bei der einmal entfesselten Wut ging es in den Häusern einiger andrer spanischen Großen ähnlich zu. Einer der ersten Paläste, welche in Flammen aufloderten, war der des obersten Steuerkassierers Alfonso Vagliano.

Der unbändige Haß, von dem Masaniello gegen den Grafen Maddaloni erfüllt war und der ihn selbst in seinen späteren Delirien nicht verließ, gibt dem einfachen Fischer mit der beschränkten Einsicht eine Art heroischer Größe. Es war nicht die Person, nicht Masaniello, es war das mit Füßen getretene Volk, das durch diese abscheuliche Maßregel in seiner tiefsten Seele beleidigt wurde. Die Aufrührer kämpften für ihre unterdrückten Rechte und man wollte die Banditen auf sie hetzen! Der Staat erklärte also die Verbrecher zu seinen Bundesgenossen gegen das Volk! Masaniello, der für sich selbst nie den geringsten Vorteil suchte, setzte sofort einen Preis auf den Kopf des Grasen. Mit Wollust hätte er ihn zu seinen Füßen um Gnade winseln lassen und ihn zum Stricke verurteilt.

Er erließ sofort den Befehl, daß jeder Bravo, der in der Stadt ergriffen wurde, gehängt werde. Dagegen bekämpfte er mit aller Macht die nutzlosen Grausamkeiten und in gleicher Weise die Ausschreitungen gegen die Wohnungen der Spanier und bedrohte jeden mit dem Tode, der fremdes Eigentum in Besitz nehmen werde. Hierauf ließ das Volk von der Zerstörung und Plünderung völlig ab.

Die Vorkehrungen für die nächste Nacht wurden dahin getroffen, daß der Marktplatz, an welchem sich auch die Wohnung Masaniellos befand, als Mittelpunkt betrachtet wurde, von welchem aus die ganze Bewegung ihre Leitung erhielt. Es hatten sich drei oder vier Freunde Masaniellos zu seiner Verfügung gestellt und diese nahmen seine Befehle in Empfang und sorgten für deren Ausführung. Masaniello kannte die Zustände in den unteren Schichten der Bevölkerung Neapels und der Umgegend ganz genau und wußte, daß es sich um Niederhaltung des Raubgesindels handelte, wenn die ganze Empörung irgend einen Zweck haben sollte. Es wurden also auf allen Hauptplätzen und in den größeren Straßen Wachtfeuer angezündet und bei jedem derselben eine Anzahl zuverlässiger Leute postiert. 268 Zur Unterhaltung dieser Wachtfeuer wurden anfangs auch die zerschlagenen, mit kostbaren Stoffen überzogenen Möbel aus den Wohnungen der spanischen Großen verwendet.

Masaniello hatte in diesen ersten Tagen kaum Zeit, nach seiner Wohnung zu eilen, um nach seinem Weibe zu sehen, aber da seine Begleiter mit ihm gingen, war er keinen Augenblick mit Berardina allein. Das Gefühl des gemeinschaftlichen Handelns war so groß und allgemein, daß niemand an sich selbst dachte, und hätte Berardina nicht rasch für einen Imbiß gesorgt, so würden weder Masaniello noch seine Gefährten daran gedacht haben, daß schließlich doch auch der Körper seine Rechte verlangte. Aber die junge Frau bereitete stets rasch ein Mahl von Makkaroni und gebratenem Fisch, wozu kräftiger Landwein getrunken wurde, so daß die Männer gestärkt und erfrischt die Wohnung wieder verließen. In der nächsten Nacht fand Masaniello keinen Schlaf, denn er revidierte mit seinen Freunden die verschiedenen Posten. Da das Unterhalten der nächtlichen Feuer durch die dabei stationierten Wachen zu mancherlei Unzuträglichkeiten Veranlassung gab, bestimmte Masaniello, unter Androhung schwerer Strafen bei Widersetzlichkeit, daß alle Fenster nach der Straße zu hell erleuchtet werden sollten, so daß der Schein der Lichter aus den Häusern die ganze Stadt erhellte. Er ordnete überhaupt strenge Maßregeln an, schlichtete Streitigkeiten und erneuerte vor allen Dingen das strenge Verbot der Plünderung. Um auch die einzelnen Briganten aus der Umgegend fern zu halten, erließ er den Befehl, daß jeder Mann, den man auf frischer That bei einem Raube ertappte, sofort aufgehängt werde.

Am dritten Morgen hatte sich die Sachlage nicht viel verändert. Der Vizekönig hatte sich nach dem sogenannten neuen Schlosse Castell nuovo zurückziehen können, denn in dem Kloster San Luigi wäre er auf die Dauer nicht in Sicherheit gewesen. Masaniello hatte in seiner Wohnung am Marktplatze eine Art Hauptquartier eingerichtet, wo er fortwährend Nachrichten empfing und Anordnungen leitete. Aus Furcht vor den Ausschreitungen der Massen hatten sich die meisten vornehmen Familien auf ihre Villen und Landgüter außerhalb der Stadt geflüchtet.

Im Laufe des Vormittags nahm die Sache insofern eine neue Wendung, als der allbeliebte würdige Kardinal Filomarino mit einem großen Gefolge von Mönchen aus verschiedenen Orten nach der Kirche Santa Maria del Carmine zog, um dort ein feierliches Hochamt abzuhalten und darauf 269 mit Masaniello im Auftrage des Vizekönigs in Verhandlung zu treten. Bei der Eigentümlichkeit des niederen Volks von Neapel, welches in seiner Unwissenheit eine geradezu kindische Verehrung für die Heiligen der Kirche und deren Priester empfand, und bei der großen Beliebtheit, dessen sich der mildgesinnte ehrwürdige Kardinal erfreute, war seine Vermittelung von großem Einfluß. Wie unentwickelt die Begriffe des Volks in bezug auf religiöse Dinge waren, ergab sich z. B. aus der merkwürdigen Anschauung über die Madonna, denn es fiel den Verehrern der Madonna del Carmine gar nicht ein, dieselbe mit andern Madonnen zu identifizieren, ja, sie waren sogar fest überzeugt, daß ihre Gottesmutter im Himmel weit mächtigeren Einfluß ausübe als diejenigen, welche in andern Kirchen verehrt wurden. Was war natürlicher, als daß der pomphafte Aufzug des Kardinals an diesem denkwürdigen Tage großen Eindruck auf die Massen ausübte, und da die Kirche del Carmine am Marktplatze lag, so strömte alles dort anwesende Volk hinein, und Masaniello selbst, der ein kindlich frommes Gemüt besaß, fühlte das Bedürfnis, sich durch eine religiöse Zeremonie zu dem Berufe zu stärken, der ihm wie ein Wunder zu teil geworden war.

Die zahllosen Mönche und Geistlichen kannten die Unwissenheit des Volkes von Grund aus, und auch der Kardinal wußte, wie tief der Bildungsgrad der Massen stand. Als ihm Masaniello nach der Messe mit der gewohnten Kniebeugung die Hand küßte, teilte der Kardinal ihm mit, daß der Vizekönig eine allgemeine Amnestie für politische Vergehen erlassen und auch die Erstürmung der Kirche Santa Maria di Constantinopoli zu Portici nicht bestrafen wolle, wenn das Volk die Urkunde über die Abschaffung der Steuer auf Nahrungsmittel annehmen werde, wie dieselbe vom Vizekönig ganz nach den Bestimmungen, die der große Kaiser Karl V. früher für Neapel erlassen, abgefaßt sei. Masaniello erwiderte hierauf:

»Das Volk fürchtet, daß Ihr, hochwürdiger Herr, auf Seiten der Spanier steht, aber ich selbst glaube dies nicht und vertraue Euch unbedingt. Wenn Ihr mir sagt, daß jenes Schriftstück nach den Bestimmungen Karls V. abgefaßt ist, so bin ich zufrieden und werde von nun an nicht allein rufen: Es lebe der König Philipp! sondern auch: Es lebe der Herzog von Arcos!«

»Mein Sohn«, entgegnete hierauf der Kardinal, »da du des Schreibens und Lesens unkundig bist, wirst du gut thun, einen zuverlässigen und frommen Mann zur Seite zu nehmen, der die eingehenden Schriftstücke dir 270 vorliest und in deinem Sinne beantwortet. Du siehst wohl ein, daß Verhandlungen, welche rechtliche Gültigkeit haben sollen, nicht allein auf mündlichen Besprechungen beruhen dürfen, sondern durch einen Bevollmächtigten auch für die Dauer schriftlich festgesetzt werden müssen, damit nicht später Streit und Widerspruch entstehe.«

Masaniello sah dies ein. Mit Bedauern dachte er daran, daß der Maler Salvatore Rosa von Neapel fern war, denn diesem würde er unbedingt sein volles Vertrauen geschenkt haben. Unter seinen Gefährten und Freunden befand sich nicht ein einziger, welcher der Schrift kundig war, und er sah sich also genötigt, entweder sich den Mitgliedern des Todesbundes anzuschließen oder den Vorschlag des Kardinals anzunehmen. Der Todesbund hatte viel weitergehende Absichten als Masaniello: Einsetzung einer republikanischen Regierung, Vertreibung aller Jesuiten und freie wissenschaftliche Forschung. Schmerzlich empfand Masaniello seine völlige Unwissenheit, aber da er den Plänen und Hoffnungen der Todesbündler nicht recht vertraute und die anerzogene Abhängigkeit vom Einfluß der geweihten Priester in ihm mächtig war, so entschied er sich für den Kardinal und nahm den ihm von diesem vorgeschlagenen Vertrauensmann an, der ein schriftkundiger Mönch Namens Marco Vitale war.

Nachdem der Kardinal mit seinem Gefolge die Kirche wieder verlassen und von den Stufen derselben dem versammelten, auf den Knieen liegenden Volke den apostolischen Segen erteilt hatte, gab Masaniello, der Volkshauptmann, wie er genannt wurde, den Feldruf aus: »Es lebe der König Philipp, der Kardinal Filomarino und der Herzog von Arcos, nieder mit der schlechten Verwaltung!«

Nun wäre eigentlich die Revolution zu Ende gewesen, aber Masaniello und seine Anhänger wollten nicht früher vom Schauplatz zurücktreten, bevor die Bestätigung ihrer Errungenschaften von Spanien angelangt sei, und somit behielt der Volkshauptmann thatsächlich die Aufrechthaltung der Ordnung in der Stadt für die nächste Zeit in seinen Händen. Zwischen dem Kardinal Filomarino und dem Vizekönig wurden fortwährend Depeschen gewechselt, da die Gewalt zwar in Masaniellos Macht stand, aber die spanische Verwaltung doch die Fühlung nicht verlieren wollte. Der eigentliche Zweck des Zurücktretens der Regierung und der Vermittelung des Kardinals ging dahin, Zeit zu gewinnen und den Abgott des Volks in guter Stimmung zu erhalten.

271 Da mehrere Fälle von Plünderung vorgekommen waren, hatte Masaniello, um sein Wort einzulösen, auch das Recht über Leben und Tod ausüben müssen und außer einigen schlechten Subjekten aus der Hefe des Volks waren auch mehrere Briganten, die sich in die Stadt geschlichen hatten, zum Galgen verurteilt worden. Einer der ersten darunter war der schwarze Beppo, der wirklich mit einer Anzahl seiner Anhänger eingetroffen war, aber ganz anders empfangen wurde, als er gehofft hatte. An seine Leiche wurde ein Zettel geheftet, worauf stand: Verräter des Vaterlandes und Volkes.

Noch vor Masaniellos Gespräche mit dem Kardinal hatte das Volk mehrere Gefängnisse erstürmt, in der Absicht, die Opfer willkürlicher Gewalt zu befreien; aber mit den gering Belasteten, die wegen Steuerdefraudation oder Widersetzlichkeit eingesperrt waren, hatte man auch wirkliche Verbrecher herausgelassen, wodurch die Unsicherheit in der Stadt größer und größer wurde. Der gutmütige Masaniello sah sich daher zu immer strengeren Maßregeln genötigt. Wenn sein Ehrgeiz ihn vielleicht auch früher zuweilen zu Träumen von Macht und Größe geführt hatte, waren seinem unerfahrenen Geiste doch niemals die furchtbaren Schattenseiten einer solchen Stellung in der Phantasie erschienen. Ob er wollte oder nicht, er mußte vorwärts auf der Bahn, die er eingeschlagen hatte, und seine wenig entwickelten Geisteskräfte gerieten bald in einen krankhaften Zustand, der sich in völliger Schlaflosigkeit äußerte und seine Nerven derart überreizte, daß er auch in seinen Anordnungen sich zuweilen traurige Übereilungen zu schulden kommen ließ.

Inzwischen hatten die Verhandlungen, welche der Kardinal Filomarino mit dem Vizekönig unterhielt, dahin geführt, daß ein großes Aktenstück ausgefertigt wurde, worin die einzelnen Paragraphen der Zugeständnisse an das Volk aufgestellt waren. Zur Publikation dieser Urkunden war vorsichtigerweise eine Zusammenkunft in der Hauptkirche der Stadt, dem Dome, in welchem sich auch die Kapelle des heiligen Gennaro befand, veranstaltet.

Das Volk hatte sich in ungeheurer Menge vor der Kirche versammelt, um die Ankunft des Vizekönigs zu erwarten. Masaniello stand mit seinen Gefährten am Fuße der Treppe vor dem Haupteingange. Der Vizekönig erschien zu Pferde mit einem kleinen Gefolge. Masaniello trat vor und leistete dem etwas korpulenten Herrn beim Absteigen vom Pferde bereitwillig Dienste, dann umarmte er denselben, was der Vizekönig mit wohlwollender Miene geschehen ließ. Hierauf trat er mit ihm in die Kirche, 272 wo auf einer Estrade neben dem Hochaltar prächtige Sessel für den Vizekönig und die Herren seines Gefolges aufgestellt waren. Dann fuhr der Kardinal in seiner Karosse mit geistlichem Gefolge vor. Auch ihn empfing Masaniello mit Kniebeugung und Handkuß. Der Kardinal trat in den Dom und segnete das harrende Volk. Darauf celebrierte er am Hochaltar die Messe. Nach derselben trat Masaniellos Sekretär Marco Vitale vor und verlas die einzelnen Artikel des Vertrags. Die Hauptpunkte der umfangreichen Kundgebung betrafen die Aufhebung der Abgaben auf einfache Lebensmittel, dann die bereits bekannte allgemeine Amnestie für politische Vergehen und noch eine besondere Amnestie für Masaniello und seine Gefährten als Anstifter des gegenwärtigen Aufstandes.

Schon während dieser langdauernden Vorlesung zeigte Masaniello ein ungemein aufgeregtes Wesen. Er unterbrach dieselbe fortwährend durch Einwürfe und Fragen und that dies in seiner ungebildeten täppischen Manier. Als darauf das voluminöse Aktenstück bis zu den Unterschriften des Vizekönigs und seiner Ratgeber verlesen war, warf sich Masaniello vor dem Kardinal zu Boden, küßte dessen Füße und erklärte, nun habe er erreicht, was er gewollt und wünsche wieder als Fischer weiter zu leben wie vorher; dann stimmte er mit lautem Tone das Tedeum an, worauf das gesamte Volk begeistert einfiel, ohne zu bemerken, wie seltsam das Gebaren seines Anführers war.

Obgleich Masaniello erklärt hatte, er werde nun wieder zu seinem Fischergewerbe zurückkehren, führte er dies vorläufig doch noch nicht aus. Damit er bei den Feierlichkeiten im Dome nicht in bloßen Füßen und seiner Fischerhose zwischen den spanischen Granden erschiene, hatte ihm der Herzog von Arcos aus seiner eignen Garderobe einen neuen kostbaren Anzug nebst Mantel und Herzogshut geschenkt. Mit dem Anlegen dieser Kleider schien ein widerspruchsvoller Geist in ihn gefahren zu sein, denn von nun an schwankte seine Handlungsweise zwischen demutvoller Bescheidenheit, Ausbrüchen wilder Grausamkeit und den ungereimtesten dünkelhaftesten Anmaßungen. Soeben hatte er erklärt, daß seine Aufgabe erfüllt sei, und in der nächsten Minute erließ er wichtige Anordnungen aller Art. Sein Haß gegen den Chef der Admiralität, Grafen von Maddaloni, der sich inzwischen aus dem Kastell del Ovo nach der Insel Capri in Sicherheit gebracht hatte, steigerte sich derart, daß er einen Preis von 15 000 Dukaten auf seinen Kopf setzte; auch ließ er an diesem und dem folgenden Tage 273 mehrere Angeklagte auf dem Marktplatze hinrichten und gab außerdem den Befehl, daß kein Mann außer den spanischen Granden und ihm einen Mantel tragen solle. Ferner erteilte er nach wie vor in seinem Hause Audienzen und schien seinen Vorsatz des Rücktritts vom Kommando ganz vergessen zu haben. Nicht ohne Einfluß auf sein Gebaren mochte der Umstand sein, daß seine Mutter, sein Bruder und seine Schwägerin aus Amalfi herübergekommen waren, um sich durch den Augenschein zu überzeugen, ob das unglaubliche Gerücht, Masaniello sei Herzog von Neapel geworden, Wahrheit sei.

274 Der Mangel an Bildung und Einsicht verleitete den einfachen Fischer nun zu immer größeren Thorheiten. Um seine intimen Beziehungen zum Vizekönig seinen Anverwandten vor Augen zu führen, schickte er seinen Sekretär in den Palast und bat um die Erlaubnis, seine Frau, seine Mutter und Schwägerin dort einführen zu dürfen. Die Vizekönigin gestattete darauf den Besuch Berardinas und schickte derselben zu diesem Zwecke aus ihrer Garderobe ein Kleid. Das war ein Staunen und Bewundern! Der kostbare Stoff, der elegante Schnitt! Niemals hatten die armen Fischerfrauen so etwas in der Nähe gesehen. Und als Berardina nun das Gewand anlegte, wobei zuweilen weder sie noch Masaniellos Mutter und Schwägerin damit zurecht kommen konnten, war der Ausrufe, des Betastens und Zurechtzupfens gar kein Ende. Glückstrahlend stand das junge Weib endlich in dem prachtvollen Gewande vor ihren Verwandten und mit Stolz blickte die Mutter Masaniellos, die immer noch eine stattlich schöne Frau war, auch auf ihren Sohn, der in den Anblick des heiter lächelnden Gesichts seiner Berardina zärtlich versunken war.

Masaniello in Herzogskleidern vor dem Palaste des Vizekönigs

Masaniello in Herzogskleidern vor dem Palaste des Vizekönigs.

Die Vizekönigin empfing die hübsche junge Frau mit herablassender Güte. Die harmlose Unbefangenheit Berardinas, die trotz ihrer Unbildung jene angeborne naive Grazie besaß, welche selbst der geringsten Frau des Volkes in Neapel eigen ist, versöhnte die Herzogin und ihre Damen mit dem aufgezwungenen Besuche und sie lächelten gutmütig, als Berardina in kindlicher Naivität sagte:

»Eure Exzellenz sind die Vizekönigin für die vornehmen Leute und ich bin die Vizekönigin für das gewöhnliche Volk.«

Strahlend vor Freude und Stolz kehrte das junge Weib in ihre Behausung zurück, aber nun hatte Masaniello gar den Einfall, daß auch sein Bruder vom Vizekönig und andern spanischen Großen empfangen werden solle, was ihm sein Sekretär nur mit großer Mühe ausreden konnte.

Am zweiten Tage nach dem Vorgange im Dome fand wie alljährlich eine große Prozession zu Ehren der Madonna del Carmine statt. Auf dem Marktplatze war eine Tribüne errichtet, von wo aus der Vizekönig und sein Gefolge die Prozession sehen konnten. Auch für Masaniello und seine Angehörigen waren daselbst Plätze bestimmt. Schon war sein Ansehen im Volke etwas wankend geworden, denn obgleich er wiederholt alle Anerbietungen von Einkünften für sich und die Seinigen abgelehnt hatte, glaubte man doch nicht mehr an seine Uneigennützigkeit, seitdem sein kindischer 275 Ehrgeiz ihn verleitet hatte, die einfache Fischertracht ganz mit den kostbaren Kleidern des Herzogs zu vertauschen und sich bei jeder Gelegenheit in der Nähe des letzteren zu zeigen. Die große Masse des Volks fühlte sich zwar durch die Freundlichkeit, die der Vizekönig dem Volkskapitän erwies, in diesem geschmeichelt und darauf war es ja auch abgesehen, aber die Mitglieder des Todesbundes, wie überhaupt der gebildetere Teil der Vaterlandsfreunde sah in allen diesen Vorgängen nur eine abgeschmackte Komödie. Während der Prozession hatte Masaniello einen Anfall von religiöser Zerknirschung. Er versicherte die Umstehenden, daß alles, was er gethan habe, nur zum Besten des Volks geschehen sei und daß er für sich und die Seinigen nichts begehre, als die Stiftung von Messen zu seinem Seelenheile, die für ewige Zeiten an seinem Todestage alljährlich gelesen werden sollten.

Als die Prozession vorüber war, sprach er den Wunsch aus, eine Fahrt auf dem Meere zu machen. Er bestieg eine Barke und ließ sich von Schiffern hinausrudern auf die blauen Wellen des im Sonnenschein schimmernden Golfes. Als sie eine Strecke gefahren waren, erhob er sich und betrachtete mit trunkenen Blicken das Wasser und die herrliche Umgebung. Dann rief er aus:

»Das Meer ist mein Reich! Hier bin ich Herr und Gebieter!« und sprang plötzlich über Bord. Ein so vortrefflicher Schwimmer und Taucher er auch war, hinderte ihn doch der schwere Mantel an der freien Bewegung, und er wäre vielleicht ertrunken, hätten die Schiffer ihm nicht wieder in die Barke geholfen.

Am Abend fuhren seine Verwandten wieder nach Amalfi zurück. In der darauf folgenden Nacht konnte er wieder nicht schlafen, und zum erstenmal geriet Berardina seinetwegen in große Angst. Es schien nämlich, als plage er sich fortwährend mit Visionen, denn bald stieß er schreckliche Verwünschungen gegen den Grafen Maddaloni aus und sagte, er bestehe darauf, daß derselbe enthauptet und sein Kopf auf einer Pike umhergetragen werde, bald wieder hielt er Anreden an das Volk und sprach davon, daß sein Körper hingeschwunden sei unter der Last der Anstrengungen, aber gern wolle er alles ertragen und selbst sein Leben opfern, wenn das getreue neapolitanische Volk ihn für alle Zeit in sein Gebet einschließen werde. Manchmal erging er sich auch in ganz verwirrten unverständlichen Worten, so daß selbst seine einfache Frau zu der Überzeugung gelangen mußte, sein Geist sei zerrüttet.

276 Kaum begann der Tag zu grauen, so redete sie ihm zu, er möge zur Madonna del Carmine beten und sich in ihrer Kirche Kraft und Stärke holen. Er entschloß sich dazu und der Gedanke daran beruhigte ihn einigermaßen.

Inzwischen waren Umstände eingetreten, welche das niedere Volk nur teilweise erfuhr und in seinem Unverstande falsch auslegte. Es waren schon früher auch an andern Orten des Königreichs Unruhen ausgebrochen und der Tumult zu Neapel hatte selbstverständlich wieder anderwärts das Volk zum Aufruhr gebracht. Der französische Minister Mazarin hatte so schnell als möglich die Ordre zum Vorrücken einiger Kriegsschiffe gegen Neapel gegeben und der König von Spanien durfte nicht zögern, seinerseits gegen diese Gefahr zu rüsten. Dem Vizekönig war der Befehl zugegangen, alle in Neapel vorhandenen Streitkräfte und sämtliche Munition in den Verteidigungswerken zu konzentrieren, um einen etwaigen Angriff zur See von französischer Seite sofort zurückweisen zu können. Die Morgensonne beleuchtete daher die ganz heimlich auf der Citadelle aufgestellten Geschütze und zeigte dem überraschten Volke von Neapel, welche Vorkehrungen im Dunkel der Nacht getroffen worden waren. Als Masaniello seine Wohnung verließ, begegnete er einigen Fischern, welche ihn auf die militärische Ausrüstung aufmerksam machten. Daß die Ereignisse sich derart entwickeln könnten, hatten die wenigsten erwartet und alle standen ratlos der Zukunft gegenüber. Die drohenden Geschütze, welche die Stadt beherrschten, zeigten ihnen den Ernst der Situation, und es entstand die Frage, ob nicht noch andre Maßregeln getroffen oder doch zu erwarten seien.

Und nun stellte sich heraus, daß Masaniellos Einfluß einen gewaltigen Stoß erhalten hatte. Es sammelte sich ein Haufen Volks um ihn, aber auf vielen Mienen lag nicht mehr das unbedingte begeisterte Vertrauen, sondern die bleiche Furcht vor dem Wahnsinnigen.

Als er die Menge erblickte, schob er die Ärmel zurück und öffnete sein Wams auf der Brust. »Seht«, rief er aus, »wie meine Kraft im Kampfe für das Volk Neapels dahingeschwunden ist! Ich bin nur noch ein elender Mensch, der bald sterben muß. Betet alsdann für meine arme Seele.«

Schon hatte sich das Gerücht wie ein Lauffeuer verbreitet, daß Masaniello den Verstand verloren habe, und wenn auch seine Gefährten dagegen stritten und sein Ansehen aufrecht zu erhalten suchten, ging doch ein verdächtiges Flüstern von Mund zu Mund, und es kam in diesem Augenblicke 277 ganz darauf an, ob der Volkshauptmann selbst seine Fassung wiederfinden und sich in der früheren Weise der Menge zeigen werde.

Kaum hatte er jedoch erfahren, was eigentlich die Volkshaufen schon so früh am Tage in Bewegung setzte, als er den Befehl gab, sein Pferd vorzuführen, da er selbst mit dem Vizekönig zu sprechen gedenke. Auch sein Sekretär, Marco Vitale, sollte ihn dahin begleiten, aber derselbe war nicht aufzufinden und man erfuhr, daß der Mönch die vergangene Nacht im Schlosse des Vizekönigs zugebracht habe. Die übrigen Gefährten Masaniellos schlossen sich ihm an und ein Teil des Volkes wurde durch seine energische Haltung wieder mit Vertrauen erfüllt.

Aber wie sehr sich an diesem Tage alle Verhältnisse umgestaltet hatten, wurde sofort klar, als der Vizekönig sich weigerte, den Volksanführer zu empfangen und statt dessen der Mönch Marco Vitale dem letzteren im Auftrage des Herzogs von Arcos die Mitteilung machte, er möge nur wieder zurückkehren und in der Kirche del Carmine das weitere erwarten.

Masaniello war über diese in barschem Tone vorgebrachten Worte so empört, daß er seinen Degen zog und den Mönch in voller Wut schwer verwundete. Darauf trat er seinen Rückweg nach dem Marktplatze an, aber das Volk murrte bereits über ihn und einzelne dreiste Bursche wagten sogar, ihn laut einen Narren zu nennen und noch in andrer Weise zu verhöhnen.

Im höchsten Grade aufgeregt und in Schweiß gebadet, kam er in der Kirche del Carmine an, wo eben der Kardinal Filomarino eingetroffen war. Masaniello stürzte ihm entgegen, sank vor ihm auf die Kniee und rief:

»Seht, hochwürdigster Herr, wie das undankbare Volk sich von mir abwendet und mich verrät. Ich weiß, daß ich dem Tode verfallen bin, denn sie werden mich ermorden, aber ich sterbe mit dem Bewußtsein, daß ich meinen Zweck erreicht und Neapel von seinem Drucke befreit habe. Mein letzter Wunsch ist, daß für meine arme Seele Messen gelesen werden, damit Gott und die heilige Jungfrau sich meiner in Gnaden erbarmen.«

Der Kardinal suchte ihn zu beruhigen und brachte ihn wirklich so weit, daß er die Messe mit Andacht und Ruhe anhörte. Darauf kniete er noch einmal vor dem Kardinal nieder und bat denselben um seinen Segen, den ihm der alte ehrwürdige Herr bereitwillig erteilte.

Masaniello ging hierauf durch die Menge der Andächtigen und trat aus dem Portal der Kirche auf den Vorraum, von welchem einige Stufen zum Marktplatze hinabführten. Durch das Gerücht von seinem Wahnsinn 278 war das Volk scheu geworden und die Menschen mieden seine unmittelbare Nähe. So kam es, daß er ganz vereinzelt vortrat. Er trug die Kleidung, welche der Vizekönig ihm geschenkt hatte, den kostbaren Mantel und den Herzogshut, auch war er mit dem Schwerte umgürtet. Auf dem Marktplatze hatte sich wieder eine Menge Volks versammelt und alle Blicke waren gespannt auf ihn gerichtet. Er erhob die Stimme und sagte:

»Du erwartest mich, getreues Volk, und verlangst mich zu sehen? Hier bin ich –«

Weiter konnte er nicht reden, denn aus dem dritten Stockwerk eines der gegenüberliegenden Häuser trafen ihn mehrere Schüsse, so daß er sofort niedersank und nur noch die Worte ausstoßen konnte: »O, Ihr Verräter! Undankbare!« – worauf er sofort verschied.

Masaniellos meuchlerische Erschießung

Masaniellos meuchlerische Erschießung.

Ein furchtbarer Schrei des Entsetzens rang sich aus den Kehlen von Tausenden los. Gewiß, er war wahnsinnig gewesen und hatte sich seiner gewaltigen Aufgabe nicht gewachsen gezeigt, aber sein Herz war rein geblieben und er hatte das Volk wahrhaft geliebt. Alles drängte um den Leichnam des Getöteten. Die Kunde drang sofort in seine nahegelegene Wohnung und mit lauten Schmerzensrufen suchte sein armes Weib den Weg durch die Volksmassen zu finden. So gewaltig das Gedränge und so wild das Toben der Menge auch war, man ließ Berardina doch durch, bis sie mit einem gellenden Jammerschrei ohnmächtig bei der Leiche ihres Masaniello zu Boden sank. Mitleidige Frauen hoben sie auf und trugen sie durch die Menge, da sie sonst in Gefahr gewesen wäre, zertreten zu werden, denn ein roher Haufen umdrängte die Leiche. Kaum war Berardina fort, so vermehrte sich aufs neue der Lärm und das Gedränge um den Toten. Ein Arbeiter hieb mit einem Beile dem Leichnam den Kopf ab, der auf eine Lanze gesteckt wurde, welche man darauf im Triumphe durch die Straßen Neapels trug mit dem lauten Rufe: »Masaniello ist tot, es lebe der König von Spanien!« Inzwischen schleiften die Straßenjungen den kopflosen Körper unter wüstem Geschrei auf dem Marktplatze umher.

Von spanischer Seite wurde der Augenblick sofort ausgebeutet. Der Vizekönig setzte sich zu Pferde und ritt mit seinem sämtlichen Gefolge, den Ministern und Räten, langsam und feierlich durch die Straßen der Stadt. Auch der Kardinal bestieg ein reich geschirrtes Pferd und schloß sich dem Zuge an, der bis zur Hauptkirche ausgedehnt wurde, wo man die Reliquien des heiligen Gennaro auf dem Hauptaltar aufstellte.

280 Der Zug wendete sich nach dem Marktplatze, wo sich inzwischen viele Tausende von Menschen angesammelt hatten. Der Vizekönig erklärte mit lauter Stimme, daß die der Stadt neuerdings zu teil gewordenen Privilegien derselben ungeschmälert erhalten bleiben sollten. Das Volk stimmte in die Rufe ein: »Es lebe der König von Spanien! Es lebe der Kardinal Filomarino! Es lebe der Herzog von Arcos!« Aus vielen Palästen vornehmer Spanier wurde Geld unter die Menge geworfen, worüber des Jubels kein Ende war. Die spanischen Soldaten bezogen wieder alle Wachen wie vor dem Tumulte, und der Name Masaniellos, dessen Herrschaft zehn Tage gewährt hatte, wurde nicht mehr genannt. Seine näheren Vertrauten hatten sich teils durch die Flucht gerettet, teils hielten sie sich verborgen oder waren in Gefangenschaft geraten. Erst nach einigen Tagen, als die Ruhe wieder völlig hergestellt war, besänftigte sich auch der Unmut über Masaniello, seine Freunde kamen wieder zum Vorschein, und das Volk schob alle Schuld seiner Ausschreitungen dem Wahnsinn zu, der ihn ergriffen hatte.

Der Kardinal Erzbischof Filomarino hielt dem Toten sein Wort und las in der Kirche Santa Maria del Carmine für ihn eine feierliche Seelenmesse. An dem Tage, als dies geschah, wurde auf Veranlassung der Regierung für das Volk größeres Brot als sonst gebacken und dieser Umstand beschäftigte die Neapolitaner derart, daß sie an der Trauer um den gefallenen Liebling nur geringen Anteil nahmen.

Der Körper Masaniellos und sein Kopf waren verschwunden und niemand hat jemals mit Sicherheit anzugeben gewußt, wohin seine Überreste gelangt sind. Eine Sage läßt ihn in der Kirche Santa Maria del Carmine beigesetzt sein, aber das unwissende Völkchen von Neapel ist in allen diesen Dingen gänzlich unzuverlässig und die Geschichte weiß nur, daß in der genannten Kirche sich das Grab des letzten der Hohenstaufen, des auf dem Marktplatze zu Neapel fast vierhundert Jahre früher enthaupteten Konradin von Schwaben befindet. Von Masaniellos Grab besteht keine glaubwürdige Kunde. 281

 


 


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