Adolf Glaser
Masaniello
Adolf Glaser

 << zurück weiter >> 

Im Gemach des Papstes Urban

Im Gemach des Papstes Urban.

Sechstes Kapitel.

»Der Zweck heiligt die Mittel.«

Es währte nur noch kurze Zeit, bis der aufsteigende Rauch aus dem weltbekannten Kaminschlott des Konklavesaals im Vatikan zu Rom der auf dem Petersplatze harrenden Menge verkündete, daß die Wahlzettel den Flammen übergeben wurden und somit der neue Papst erkoren sei. Es gab da Menschen genug, welche die ganze Zeit über tagtäglich unverwandten Auges auf dieses Zeichen gewartet hatten, denn jeder wollte der erste sein, der den Jubelruf »habemus« ertönen lassen konnte welcher dann hundert- und tausendfach wiederholt das weite Rom durchbrauste und in der ganzen christlichen Welt seinen Widerhall fand. Ein neuer Papst! In der That war dies in jener Zeit ein großes unberechenbares 102 Ereignis, denn von der Persönlichkeit des »Stellvertreters Gottes« auf Erden hing ja für Tausende von Menschen unendlich viel ab. Am meisten allerdings für die Bewohner der alten Siebenhügelstadt, die denn auch mit fieberhafter Ungeduld auf die Bestätigung oder Verwerfung ihrer Erwartungen harrten.

Und nun folgten die pomphaften Festlichkeiten, welche die neue Wahl eines kirchlichen Oberhauptes mit sich brachte, in derselben Weise, wie dies von jeher üblich war. Die zahllosen Glocken Roms läuteten unaufhörlich und die Menge des Volkes strömte in die Kirchen, um mit andächtiger Miene den Funktionen der Geistlichen, welche an den reich geschmückten und mit unzähligen Kerzen erleuchteten Altären dem Himmel ihren Dank darbrachten, zu lauschen. Alle Kirchenschätze waren für die Augen der Menge ausgestellt, die Reliquien wurden betastet und geküßt und Sünder wie Gerechte erfreuten sich des allgemeinen Ablasses. Dazu kamen Aufzüge in den Straßen; ländliche Musikbanden in ihrer malerischen Tracht durchwanderten die Stadt und alles trug das Gepräge vollkommenster Festesfreude.

Am hellsten flammte der Jubel auf, als der neu erwählte Papst, der den Namen Urban VIII. angenommen hatte, umgeben von den Kardinälen auf dem Altan der Peterskirche erschien und der nach Tausenden zählenden dicht gedrängten Menge unten auf dem Platze zum erstenmal den Segen erteilte. Der Augenblick, als die kolossale Menge der versammelten Gläubigen auf die Kniee fiel, um des Segens teilhaftig zu werden, war sowohl für Barberini wie für seinen Freund Bellarmin die erste Huldigung und damit der Anfang ihrer gewaltigen vereinten Herrschaft. Daß dieser Augenblick für eine kleine Gruppe von Menschen, die mit aufrichtiger Anteilnahme mitten unter dem Volke niederknieten, um gleichfalls den Segen zu empfangen, die Wurzel unsagbarsten Jammers werden solle, ahnte niemand von ihnen. Es war die Gesellschaft, welche sich um den berühmten Florentiner Mathematiker Galilei gebildet hatte. Außer einigen älteren Freunden des großen Gelehrten hatte sich auch ein eifriger, jüngerer Anhänger zu ihm gesellt und mit Viviani bereits innige Freundschaft geschlossen. Es war Evangelista Toricelli, der seine Studien in Rom bei Benedetto Castelli machte und zu großen Hoffnungen berechtigte. Galilei war voller Zuversicht, denn wenn er auch in seiner Schrift die Ansicht der Kirche 103 gegeißelt und verhöhnt hatte, war es ihm doch nicht in den Sinn gekommen, durch die Bezeichnung Simplicio auf seinen Gönner Barberini hinzudeuten, und er konnte daher auch nicht ahnen, welch eine Schlinge sein Erzfeind aus diesem Umstand für ihn bereitet hatte. Frohen Mutes sah er daher die Erhöhung seines Gönners und in gleicher Weise blickte Bernardo Spinelli stolz und hoffnungsvoll auf seinen Verwandten, dessen Hand sich segnend erhob und sicherlich glückbringend in das Schicksal des talentvollen Künstlers eingreifen mußte. Wäre der junge Künstler weniger unbefangen und selbstlos gewesen, er würde vielleicht in diesem Augenblicke schon an bevorzugter Stelle dem Vorgang zugesehen haben, aber ihm war die Gesellschaft Galileis und Cäciliens lieber als jede andre. Auch Viviani nebst dem jungen Toricelli und den älteren römischen Freunden des großen Florentiner Gelehrten, die sich in dessen Nähe befanden, waren voll Hoffnung und in ihren Gemütern herrschte so heller Sonnenschein, daß auch nicht der leichteste Schatten der kommenden Ereignisse darin Platz fand.

Bernardo durfte erwarten, daß sein Großoheim ihn schon in den nächsten Tagen empfangen werde, denn er hatte bereits Schritte gethan, sich bei demselben anzumelden; auch Galilei wußte, daß der neue Papst nicht lange zögern werde, sein Gesuch um eine Audienz zu bewilligen; was jeder von ihnen in der Tiefe seines Herzens am sehnlichsten wünschte, sollte durch den Mann dort auf dem Altan seine Erfüllung finden – war es ein Wunder, wenn auch Cäcilie mit frommgläubigen Augen zu ihm aufblickte und in ihm wirklich den Stellvertreter Gottes verehrte, der die Schlüssel führt, welche zur Seligkeit oder zur Verdammnis die Pforten der Ewigkeit öffnen? Wenn sie den neuen Papst daraus in der gewaltigen Peterskirche ganz in Gold gehüllt mit der dreifachen Krone auf dem ehrwürdigen Haupte im vergoldeten Tragsessel auf den Schultern der Träger zwischen der andächtig knieenden Menge hinschweben und ihn dann am Hochaltare die geweihte Hostie erheben sah, Weihrauchwolken umher und herrliche Stimmen Hosianna singend, mußte er ihr nicht als eine Art Gottheit erscheinen, als ein Wesen, von dessen Entscheidung wirklich ihr ganzes Schicksal abhing?

In der That gingen die ersten Hoffnungen Bernardos und Galileis insofern in Erfüllung, als der Bescheid auf ihre Gesuche um Audienz nicht lange ausblieb. Durften doch beide voraussetzen, daß kein förmlicher 104 Empfang ihrer warte und daß sowohl der Neffe wie der Freund an dem neuen Papste den unveränderten wohlwollenden Gönner finden werde. Um so freudiger waren sie überrascht, als Bernardo die Nachricht brachte, an welchem Tage sein Oheim ihn empfangen wolle und sich herausstellte, daß auch Galilei an demselben Tage und nur wenige Stunden nach dem jungen Maler in den Vatikan beschieden war. Dies Zusammentreffen verstärkte die frohe Zuversicht und Cäcilie erblickte darin eine ganz besondere Fügung, die sie in dankbarem Herzen der Madonna zuschrieb, zu welcher sie täglich die inbrünstigsten Gebete gesendet hatte.

An dem Abend, der dem Tage so erfreulicher Nachrichten folgte, fand die große Illumination statt, welche jedesmal die Festlichkeiten bei der Erwählung eines neuen Papstes beschlossen. Es wurde dabei alles aufgeboten, was in dieser Hinsicht zu jener Zeit möglich war und die bis zur höchsten Kuppelspitze mit bunten Lichtern geschmückte Peterskirche bildete den Mittelpunkt des glanzvollen Schauspiels. Auch diesmal wieder wogte eine heitere und glückselige Volksmenge durch die Straßen und belebte besonders den großen Platz vor der Peterskirche und dem Vatikan. Die leichtlebige Natur der Italiener, deren Frohsinn sich besonders in der Freude an öffentlichen Volksbelustigungen äußert, kommt bei solchen Gelegenheiten zur schönsten Geltung, und da diesmal die Erwartungen fast aller Parteien durch die Wahl Barberinis zufriedengestellt waren, so störte kein Mißklang den Beschluß der festlichen Tage. Auch Galilei und seine Freunde betrachteten das herrliche Schauspiel und sahen dem folgenden Morgen in freudiger Hoffnung entgegen, denn die beiden wichtigen Audienzen im Vatikan sollten alsdann ihren Verlauf haben.

Ermüdet von den Anstrengungen der letzten Tage saß der neue Papst am folgenden Vormittag in seinem Privatgemach und erwartete den Besuch seines Neffen Bernardo Spinelli. Er hatte die Empfangsfeierlichkeiten der in Rom anwesenden fremden Fürstlichkeiten und auswärtigen Gesandtschaften sowie die Huldigungen seines geistlichen Hofstaates gleich einer schweren Bürde überstanden und sehnte sich förmlich danach, einmal einen Menschen bei sich zu sehen, der ihm verwandtschaftlich nahe stand und von dem er überzeugt sein durfte, daß er nicht allein den allmächtigen Papst, sondern auch das verehrte Haupt der Familie seiner Mutter in ihm erblickte. War ihm doch seine Nichte Elena immer besonders lieb gewesen; er erinnerte 105 sich ihrer, da sie noch ein reizendes Kind war und hatte sie auch später nie aus den Augen verloren. Es hatte ihn interessiert, daß ihr Sohn eine leidenschaftliche Neigung für Kunst an den Tag legte, und da der Beginn seines Pontifikates mit einer so herben Täuschung in bezug auf Galilei begonnen hatte, versprach er sich eine Erholung, vielleicht sogar eine Entschädigung durch das Interesse, welches er seinem Großneffen entgegenzubringen gedachte.

Sein Wohlwollen wuchs, als der junge Mann bei ihm eintrat und durch seine vorteilhafte Erscheinung, das feste und doch bescheidene Wesen den günstigsten Eindruck machte. Die Gesichtszüge erinnerten entschieden an die Mutter und trugen überhaupt gewisse charakteristische Eigentümlichkeiten der Familie Barberini. Das Auge, der Mund – es regte sich fast ein väterliches Gefühl in dem greisen Papste und die Umstände konnten für den jungen Mann unmöglich günstiger liegen.

Dem Gebrauche gemäß kniete Bernardo nieder und küßte den rechten Fuß seines Oheims. Dieser gab ihm mit den beiden ersten Fingern der rechten Hand den apostolischen Segen, zog dann aber den Kopf des Jünglings näher zu sich und küßte ihn auf die Stirn.

»Sei herzlich mir gegrüßt, Sohn meiner lieben Nichte Elena«, sagte er in besonders warmem Tone und fügte die Frage hinzu: »Seit wann bist du in Rom?«

»Der Zufall wollte es«, entgegnete Bernardo, »daß ich gerade zu der Zeit hier ankam, als Euer Vorgänger auf dem heiligen Stuhle, Papst Gregor, das Zeitliche gesegnet hatte und das heilige Kollegium der Kardinäle im Konklave versammelt war. So mußte ich meine Ungeduld zügeln und abwarten, bis es mir nun vergönnt wurde, Eure Heiligkeit zu begrüßen. Aber ich kann dies nun auch mit einem Herzen thun, das von freudiger Verehrung überströmt.«

»Ich danke dir, lieber Neffe«, versetzte Urban, dessen Wohlgefallen an dem jungen Manne mit jeder Minute zunahm. »Es ist mir ein wohlthuendes Gefühl, daß ich mehr noch als früher in der Lage bin, deine Bestrebungen zu unterstützen. Du gefällst mir und ich werde es deine Eltern wissen lassen, daß ich die Begründung deines zukünftigen Lebensglückes ganz in meine Hand nehmen will. Du schwärmst für die Kunst und hast dich dem Studium der Malerei gewidmet? Ich tadle es nicht 106 und werde dir auch auf diesem Wege in jeder Weise zur Seite stehen, aber als mein Neffe kannst du deine Blicke auf die höchsten Ziele richten, denn wenn ich auch nicht gleich von Anfang an in auffallender Weise meiner Familie große Vorteile zuwenden will, so steht es mir doch zu, die Angehörigen des Hauses Barberini zu Würden und Ansehen zu erheben und ihnen die Mittel zu gewähren, sich auf hohem Standpunkte zu behaupten. Übereile dich also in nichts und gewöhne dich zuerst an den Gedanken, daß dein Ehrgeiz sich die kühnsten Ziele stecken darf.«

»O teurer Oheim«, erwiderte Bernardo gerührt, »wie werde ich Euch jemals für solche Güte danken können. Noch schwirrt die Menge der neuen Eindrücke mir um Hirn und Herz und ich weiß des Glückes Fülle kaum zu bewältigen. Euer Wohlwollen ist das kostbarste Geschenk, das mir der Himmel machen konnte, und wenn ich denke, daß wir uns auch in der Verehrung und Neigung zu einem Manne begegnen, der gleichfalls auf Eure Gnade hofft und den ich schon in Florenz kennen und schätzen gelernt habe, so wird mein Dank gegen die Vorsehung noch größer und inniger. Ihr werdet ihn heute sehen und vielleicht, wenn seine eignen wichtigen Angelegenheiten nicht alle seine und Eure Gedanken in Anspruch nehmen, wird er Euch auch erzählen, durch welche Veranlassung ich ihm nahe getreten bin. Hört ihn alsdann gütig an, teurer Oheim, dies ist meine erste Bitte an Euch, werdet mein Wohlthäter, mein Beschützer auch in einer Frage, die mein volles Herz jetzt noch nicht auszuströmen wagt.«

Urban blickte den Jüngling etwas erstaunt an. Dann fragte er: »Von wem sprichst du?«

»Ich rede von Galilei«, entgegnete Bernardo; »aber ich sehe, daß sich Eure Stirne umwölkt, und ich weiß ja auch, daß er gar mächtige Feinde in Eurer Nähe hat und eben deshalb hierher kommt, um persönlich sein Recht bei Euch zu suchen. Gewiß, er wird es finden, denn Ihr seid so groß und gütig, wie er Euch geschildert.«

»Hat er das?« fragte Urban mit scharfem Tone. »Wenn er es gethan, so war es Heuchelei. Nenne seinen Namen nicht mehr vor mir, er hat meine Freundschaft für immer verscherzt!«

Bernardo glaubte nicht recht gehört zu haben. Sprachlos starrte er dem Papste in das erzürnte Gesicht. Dieser fuhr mit ganz verändertem Tone fort: »Du kennst den Mann nicht, von dem du sprichst. Ich schätzte 107 ihn hoch, aber er hat an mir, seinem besten Gönner, den schändlichsten Verrat geübt.«

Bernardo wußte nicht, wie ihm geschah. »Gewiß, Oheim«, sagte er, »man hat Euch getäuscht, seine Feinde haben Euch hintergangen. Worauf gründet sich Euer Verdacht?«

»O«, entgegnete Urban, »auch mir wurde es schwer, an solche Schändlichkeit zu glauben, aber es liegen Beweise vor, die jeden Irrtum ausschließen.«

Bernardo war vernichtet. Noch faßte seine junge Seele nicht die ganze Größe des Unheils, welches sich auf Galileis Haupt und damit auch auf ihn und seine Liebe zu entladen drohte. Er fühlte in diesem Augenblicke nur, daß der Oheim, den er persönlich kaum kennen gelernt und der ihm anfänglich so viel Wohlwollen gezeigt hatte, einen Verdacht gegen Galilei aussprach, gegen den Mann, der ihm schon um Cäciliens willen so nahe stand wie sein eigner Vater. Was gab der edle, feurige Jüngling in diesem Augenblicke auf alle glänzenden Hoffnungen, welche sich für ihn an die Person des neuen Papstes knüpften! Sein Herz kannte nur einen höchsten Wunsch, und wenn er auf dessen Erfüllung verzichten sollte, galt ihm Ansehen und Reichtum nichts. Noch vor wenigen Minuten hätte er zu des greisen Oheims Füßen dankerfüllt und vertrauensselig das süße Geheimnis seiner Liebe enthüllen mögen, aber nun zog sein Herz sich krampfhaft zusammen und wenn er in die verfinsterten Züge des Papstes blickte, wurde sein Gemüt von Groll erfüllt. Es war ihm, als müsse er sein liebstes Gut auf Erden gegen eine feindselige Macht verteidigen. Welch eine Wandlung! Noch konnte er die Beweggründe nicht fassen, welche den Papst gegen Galilei feindselig stimmten und er würde vielleicht doch wieder zu der kindlichen Stimmung von vorhin zurückgekehrt sein und seine aufflammende Entrüstung zur flehentlichen Bitte umgewandelt haben, wäre nicht in diesem Augenblicke der schwere Vorhang an der Thür zurückgeschlagen worden, um der hohen Gestalt Bellarmins den Eintritt zu ermöglichen.

Es war nämlich festgesetzt, daß nicht der Papst selbst, sondern Bellarmin, der inzwischen zum Kardinalinquisitor für Rom ernannt war, den angeklagten Galilei empfangen solle, und Bellarmin erschien zu der ihm festgesetzten Stunde.

Kaum hatte Bernardo den ihm von Florenz her bekannten Kardinal erblickt, so glaubte er, des Rätsels Lösung gefunden zu haben und sein 108 ganzer Ingrimm wendete sich gegen den Eintretenden. Unfähig, die furchtbare Erregung, in welcher er sich befand, zu beherrschen, rief er aus:

»Was frage ich länger, wer den edlen Galilei verlästert hat? Dieser war es, der schon in Florenz mit den schmählichsten Mitteln ihn zu verderben suchte und der sein Werk hier nun zu vollenden trachtet.«

Über diese Sprache gerieten sowohl Urban wie Bellarmin in großen Unmut. Letzterer sagte: »Kann der Papst dulden, daß man die treuesten Diener der Kirche in seiner Gegenwart so unerhört beleidigt?«

Urban selbst war im höchsten Grade erzürnt und fühlte sich im Beisein Bellarmins doppelt aufgebracht.

»Wahre dich«, rief er Bernardo entgegen, »sonst sollst du meinen Zorn fühlen.« Er blickte dabei streng und strafend auf seinen Neffen, der ganz außer sich geriet und ihm die Worte entgegenrief:

»Wie, Oheim, habt Ihr Euch denn ganz verwandelt? Ihr vorhin so mild und edel, seid jetzt von Haß und Groll erfüllt gegen einen Mann –?«

Aber der Papst ließ ihn nicht ausreden.

»Gerade für jenen Mann«, entgegnete er, »war meine Milde kein Grund zur Schonung, denn er hat mich mit Verrat dafür belohnt.«

Aber diese Worte steigerten nur den Tumult in des Jünglings Blute, der von Galileis edler Gesinnung fest überzeugt war.

»Glaubt es nicht!« rief er aus, »was es auch sei, dessen man ihn beschuldigt, Ihr seid hintergangen. Man will ihn verderben und darum sucht man ihm den sichersten Schutz zu rauben, indem man Euch gegen ihn aufreizt.«

Eine solche Sprache war für Urban, namentlich in Gegenwart des Kardinals, nicht zu ertragen.

»Du schweigst!« donnerte er dem jungen Manne entgegen;»ich gebiete es dir, verwegener Jüngling! Du wirst des Galilei Umgang meiden oder meine Geduld ist zu Ende.«

»Bei aller Verehrung, die ich Euch schulde und bei dem Gehorsam, den Ihr von mir erwarten dürft, werde ich doch nichts thun, was ich nicht vor meinem Gewissen verantworten kann, und das würde ich nicht können, wenn ich einen so hochherzigen Menschen und ausgezeichneten Gelehrten wie Galilei kränken und beleidigen wollte«, erwiderte Bernardo.

Nun mischte sich auch Bellarmin in das Gespräch, indem er sagte:

109 »Es ist nicht ratsam, solch ein junges unerfahrenes Blut sich selbst zu überlassen. Leicht könnte die Überstürzung den jungen Mann in Gefahr bringen und es wird daher zur Pflicht, seine Thaten streng zu überwachen.«

Fühlte Bernardo seinem Oheim gegenüber immer noch einen Rest von Ehrfurcht und Fügsamkeit, so schwand dem Kardinal gegenüber jede Spur von Zurückhaltung. Kühn trat er diesem einen Schritt entgegen und sagte:

»Ihr glaubt, ich rede nur wie ein Fremdling von dieser Angelegenheit, weil ich noch unerfahren und wenig bewandert in der Wissenschaft bin, aber seid versichert, daß ich die Fähigkeit besitze, um Galileis Verdienste zu würdigen und schon in Florenz, als ich die öffentlichen Angriffe des dreisten Mönchs vernahm, zu der Überzeugung gelangte, daß Ihr ihn haßt, weil er im Dienste der Wahrheit steht und daß Galilei größer ist als Ihr. Darum allein sucht Ihr sein Verderben!«

Darauf wendete er sich zu Urban und sprach: »Der Kunst wollt Ihr Euer Wohlwollen zuwenden und doch glaubt Ihr die Wahrheit unterdrücken zu können, als ob nicht Schönheit und Wahrheit unzertrennlich verbunden wären. Ich sollte Galileis Schicksal mich entziehen, den edlen Mann jetzt feige verlassen, wo ich sehe, daß ein schmachvolles Gewebe ihm hinterlistig über das Haupt geworfen werden soll und man ihn hier in Rom verderben will?«

»Ich darf nicht dulden«, warf nun Urban wieder ein, »daß du mit den Feinden der Kirche verkehrst und ich werde es zu hindern wissen, darauf verlasse dich.«

»Thut, was Euch gut dünkt«, versetzte Bernardo in höchster Aufregung, »aber seid versichert, daß ich meiner Überzeugung treu bleiben und abwarten werde, was die Gewalt über mich vermag.«

Damit stürmte er aus dem Gemach und enteilte aus dem Vatikan, ohne sich nach rechts oder links umzusehen, nur das Freie suchend, da ihm der Atem zu vergehen drohte.

Urban und Bellarmin blickten sich eine Weile schweigend und verstört an; ersterer seufzte tief, denn sein Gemüt war schwer belastet und er fühlte sich außer stande, irgend einen Entschluß in bezug auf seinen Neffen zu fassen. Bellarmin bemerkte dies und um den Kampf in der Seele des Papstes so rasch wie möglich zu Ende zu führen, schritt er energisch im Gemache auf und ab und sagte:

110 »Das mußten wir ruhig mit anhören und ganz vernichtet starrst du vor dich hin, als habe des übermütigen Jünglings Rede dir das Herz getroffen. Vergiß nicht, Papst Urban, daß solch leicht erregtes Blut nichts für unmöglich hält und vielleicht durch Aufruhr und Empörung den Mann zu retten sucht, den er nicht nur als berühmten Gelehrten hoch stellt, sondern zu dessen schöner Tochter ihn das Herz mit Allgewalt zieht. Es war mir schon in Florenz bekannt, daß er mit Galileis Tochter in Beziehung steht und ihr Bildnis gemalt hat. Übersieh nicht, daß bei seiner Jugend die Liebe sein ganzes Wesen beherrscht und daß kein Wagnis zu groß, keine Thorheit zu vermessen erscheint, wenn es sich um das Wohl oder den Besitz der Geliebten handelt.«

Urban nickte bestätigend mit dem Kopfe, aber er blieb in gebeugter Haltung und sagte halblaut vor sich hin:

»Wo führt das Geschick mich gegen meinen Willen unaufhaltsam hin! Soll ich gewaltsam gegen ihn verfahren? Ihn aus Rom entfernen? Was ist zu thun?«

»Gib ihn in meine Hand«, entgegnete Bellarmin; »mein Bestreben wird sein, ihn unschädlich zu machen, ohne ihn zu gefährden. Im schlimmsten Falle wird er verhaftet, bis die Angelegenheit des Galilei zu Ende geführt ist.«

»Es sei«, erwiderte Urban mit einem schweren Seufzer, und Bellarmin war eben im Begriffe, einen Beamten rufen zu lassen, um die nötigen Schriften und Befehle auszufertigen, als gemeldet wurde, daß Meister Galilei bereits längere Zeit angelangt sei und auf den Empfang bei Sr. Heiligkeit sehnlichst warte.

Mit allen Zeichen der Entrüstung und Verwirrung erhob sich Urban und sagte: »Selbst wenn ich es gewollt hätte, kann ich ihn jetzt unmöglich sehen. Dir überlasse ich alles und was du in dieser Sache beschließen wirst, genehmige ich im voraus.«

Damit entfernte er sich und in seinem Innern pries er Gott dafür, daß er ihm in Bellarmin eine so starke Stütze verliehen habe. Dieser gab inzwischen einige Befehle in bezug auf die Überwachung des jungen Malers und er wußte dabei seine Leute so gut zu wählen, daß er sich darauf verlassen konnte, Bernardo werde unschädlich gemacht, müsse dabei selbst das Äußerste gewagt werden.

111 Galilei war von seinem Schüler Viviani begleitet im Vatikan angelangt, und letzterer sollte im Vorzimmer warten, bis die Audienz vorüber sei. Ein banges Gefühl beschlich die Brust des Gelehrten, als man ihn längere Zeit warten ließ, und als Bernardo dann plötzlich in höchster Aufregung an ihm vorüberstürmte, ohne ihn und Viviani zu beachten, stieg seine Besorgnis beträchtlich. Weder seine Tochter Cäcilie noch sein Schüler Viviani ahnten, wie sehr in den letzten Tagen sein Mut gesunken, wie tief sein Herz bekümmert war. Der toscanische Gesandte hatte ihm die Ernennung des seitherigen Erzbischofs von Florenz zum Inquisitor mitgeteilt, und von andern Seiten waren ihm Warnungen zugegangen. Er konnte nicht umhin, einige Kardinäle, die sich für seine Forschungen interessierten, zu besuchen. Dazu gehörte der Graf Eitelfriedrich von Hohenzollern, der ihm wohlwollend zuredete, sich den Forderungen der Kirche nicht zu widersetzen. Zwischen der französischen und spanischen Regierung bestand schwerer Zwiespalt; Frankreich begünstigte die freieren Regungen, aber nur, um für sich etwas zu fischen; Spanien war überall für verschärfte Maßregeln. Der Kardinal Filomarino, Erzbischof von Neapel, hatte einen schweren Stand. Er wußte, daß in Neapel alles zu befürchten war, sobald die Inquisition daselbst eingeführt werden sollte, denn der Zündstoff war vorhanden und es bedurfte nur irgend eines Anlasses, um genau in derselben Weise wie zur Zeit Toledos eine Revolution hervorzurufen. Der Kardinal selbst wurde vom neapolitanischen Volke seiner vorsichtigen Haltung wegen hochverehrt, aber die neue Wendung in Rom flößte ihm Besorgnisse ein. Er wußte auch, daß Galilei großen Anhang in Neapel hatte und daß man dort auf den Ausgang seines Prozesses achten werde.

Endlich wurde Galilei vorgelassen, aber die Sprache versagte ihm, als er sich nicht seinem Gönner Urban, sondern seinem Todfeinde Bellarmin gegenüber sah. Es verging eine Pause, in welcher sich die beiden Männer mit eisigen Blicken maßen, dann begann Bellarmin:

»Ihr seid erstaunt, es ist Euch unvermutet, mich hier zu finden?«

»In der That«, entgegnete Galilei, »denn ich erbat Gehör bei Sr. Heiligkeit und nicht bei Euch.«

Bellarmin setzte sich auf einen Sessel und erwiderte ruhig: »Der heilige Vater überließ mir das Amt, Euch zu empfangen, da die Angelegenheit, die Euch nach Rom geführt, bereits geprüft, erwogen und dem 112 Inquisitionsgericht übergeben ist. Euer letztes Werk, das Gespräch über die Lehre des Kopernikus, ist als eine Auflehnung gegen die Kirche zu betrachten und Ihr werdet darüber Rechenschaft abzulegen haben. Wenn Ihr dem heiligen Vater irgend etwas in bezug auf Eure Verteidigung habt mitteilen wollen, so stehe ich an seiner Stelle hier und fordere Euch auf zu reden.«

Galilei fühlte sich in tiefster Seele gekränkt. Wieder einmal drängte sein empörtes Gefühl das Gebot der Klugheit zurück; er war einmal kein berechnender vorsichtiger Mensch und wurde stets von der Stimmung des Augenblicks überwältigt. Er hatte seinen Gönner zu finden gehofft und fand seinen Todfeind. Er haßte den Kardinal in diesem Augenblicke mehr als je zuvor und konnte sich nicht enthalten, ihm mit Geringschätzung zu antworten:

»Euch habe ich nichts zu sagen, Kardinal.«

Dies Verhalten reizte Bellarmin nur noch mehr und er entgegnete daher:

»Destomehr habe ich Euch zu sagen. Ihr erinnert Euch wohl, daß Ihr in Florenz von mir einen Widerruf begehrtet und daß Ihr, als ich ihn verweigerte, mir Trotz geboten. Ihr suchtet den Kampf, wohlan! Ihr habt ihn. Damals hätte sich Eure Sache noch friedlich schlichten lassen, nun ist es zu spät, und ich stehe jetzt vor Euch, um den Widerruf der Lehre von Euch zu verlangen, die Ihr so kühn zu verteidigen gedacht.«

Galilei glaubte seine Sache noch immer nicht verloren, denn er konnte nicht wissen, durch welche Mittel Urban gegen ihn gestimmt worden war.

»Ist hier das Tribunal?« sagte er daher, »wo sind meine Richter? Stellt mich vor Gericht und ich werde reden, hier, ich wiederhole es, habe ich nichts zu sagen.«

»Wohlan, was Ihr begehrt, soll Euch werden«, entgegnete Bellarmin und schritt durch eine Thür nach einem Seitengemach, woselbst er dem wachhabenden Offizier einen Befehl erteilte. Er kam dann zurück, sprach aber kein Wort weiter, bis der Offizier mit einigen Mann Soldaten eingetreten war. Dann sagte er zu diesem:

»Hier ist Meister Galilei, Euer Gefangener.«

Darauf war Galilei denn doch nicht gefaßt gewesen. Er fühlte plötzlich das ganze Gewicht der Gefahr, in welcher er sich befand. Aber es galt nun, standhaft zu bleiben und mit Fassung das Weitere zu ertragen. 113 Er wußte, daß Viviani im Vorzimmer auf ihn wartete und es war ihm tröstlich, daß dieser wenigstens als Cäciliens Schutz zurückblieb. Viviani hatte denn auch bereits etwas von den Vorgängen bemerkt, und als sein verehrter Meister nun gefangen abgeführt wurde, drängte er sich bis zu ihm heran, ließ sich mit kurzen Worten erzählen, was vorgefallen war, küßte ihm weinend die Hände und versprach, über Cäcilie zu wachen, da ja doch seine Verhaftung nur kurze Zeit dauern könne.

Inzwischen war Bernardo nach dem Palaste des toscanischen Gesandten geeilt, wo Galilei mit seiner Tochter Wohnung genommen hatte. Die Wichtigkeit der Stunde lastete schwer auf Cäciliens besorgtem Gemüte und ihr frommer Sinn hatte sie in dem ihr überlassenen Gemach vor einem kleinen Hausaltar zum Gebete niedersinken lassen, über welchem ein Bild der schmerzensreichen Mutter Gottes angebracht war. Die Erlebnisse der letzten Tage hatten ihr Vertrauen auf die Rechtfertigung des Vaters wieder gehoben, und je mehr sie sich der neu erwachten Hoffnung auf eine glückliche Zukunft überließ, um so stärker ergriff sie die Bedeutung des heutigen Tages. Von der Unterredung ihres Vaters mit dem Papste hing für sie nicht nur die Entscheidung über ihr irdisches Wohl, sondern auch über das Schicksal des Vaters in der Ewigkeit ab. Mit fieberhafter Spannung lag sie daher auf den Knieen und ließ die Perlen ihres Rosenkranzes eifrig durch die Finger gleiten, wobei sie sich die größte Mühe gab, die in beständiger Flucht begriffenen Gedanken auf die Gebete zu richten, die ihre Lippen flüsterten. Aber so oft ein Geräusch sich in der Nähe vernehmen ließ, fuhr sie empor und glaubte, nun sei der Augenblick gekommen, der ihr Himmel und Hölle bringen solle.

Da stürmte ein Tritt die Treppe hinauf und Bernardo trat in heftiger Erregung in das Zimmer. Dem Neffen des neuen Papstes öffneten sich überall leicht die Pforten. Cäcilie eilte ihm entgegen, aber fast wäre sie ohnmächtig in seine Arme gesunken, so sehr verriet sein Gesicht Unheil, und so wild und drohend blickten seine Augen. Noch ahnte er selbst nicht, daß Galileis Schicksal rasch eine schlimme Wendung genommen hatte, aber er wollte warnen, vorbereiten und zugegen sein, wenn das Unheil hereinbreche. In der Eile der Flucht aus dem päpstlichen Gemache hatte er nicht einmal auf Galilei und Viviani geachtet, nun erst besann er sich, daß die Audienz bereits stattgefunden haben mußte und es fiel ihm zugleich ein, 114 daß er Cäcilie schonen und ihr die Gefahr nicht ganz enthüllen dürfe. Wie sinnlos war er gewesen, bis er bei ihr angelangt war und sie in seine schützenden Arme schließen konnte. Nun erst löste sich der Bann, der auf ihm lag und er konnte zurückdenken an dasjenige, was ihn hierher getrieben hatte, als wären die Furien hinter ihm.

Es wäre ein vergeblicher Versuch gewesen, hätte er Cäcilie ausreden wollen, daß ihren Vater Gefahr bedrohe. Was sonst hätte den Geliebten in solche Aufregung bringen können, daß er ganz verstört und verwirrt zu ihr in das Zimmer stürzte? Er gab zu, es habe Besorgnis für ihren Vater ihn hierher getrieben, da er im Gespräche mit dem Papste leider in Erfahrung gebracht, daß dieser erzürnt über den Gelehrten sei und ihn nicht in Schutz nehmen werde. Er habe in der Eile weder den Vater noch Viviani im Vatikan gesehen und sei hierher geeilt, um in der Nähe zu sein, wenn irgend etwas sich ereignen sollte. Er bat die Geliebte, ruhig zu bleiben und sich nicht vorzeitig schlimmen Befürchtungen hinzugeben, er sei ja nun hier, bald müßten auch der Vater und Viviani zurückkehren und dann wollten sie überlegen, was zu thun und ob nicht vielleicht schleunige Abreise das Klügste sei. Daß auch seine eignen Lebenshoffnungen Schiffbruch gelitten, erwähnte er nicht, ja er dachte nicht einmal daran, denn ihn beschäftigte ausschließlich die Sorge um Cäcilie und ihre Sicherheit.

Noch hatten sie in fliegender Hast kaum die ersten Mitteilungen ausgetauscht, als Viviani anlangte. Was konnte es helfen, mit seinen Nachrichten zurückzuhalten? In höchster Eile teilte er mit, was geschehen war und was der Meister ihm aufgetragen hatte.

Nun war selbstverständlich Cäciliens Fassung dahin. Laut weinend stürzte sie an Bernardos Brust, ohne ein Wort hervorbringen zu können.

Der junge Maler knirschte vor Wut, aber er preßte die Geliebte an sein Herz und flüsterte ihr zu:

»So ist es recht! Ja, weine, weine nur. O hätte auch ich Thränen wie ein Weib, daß sie mir die Brust erleichtern könnten, während jetzt der Durst nach Rache mir das Herz zernagt und den Atem hemmt.«

Noch während ihre Thränen flossen, blickte Cäcilie angstvoll fragend dem Geliebten in das Gesicht und stieß die Worte hervor: »Was soll nun aus meinem Vater werden? Denke nicht an mich«, flehte sie dann und ihre großen dunkelblauen Augen blickten ihn bittend an; »ich bin in diesem 115 Hause in voller Sicherheit, o, hätte es der Vater nie verlassen! Was wird nun aus ihm?«

»Frage mich jetzt noch nicht«. entgegnete Bernardo, »aber vertraue mir, daß ich alles daran setzen werde, ihn zu retten. Vor allem gilt es, dich in Sicherheit zu bringen, dann aber, das schwöre ich dir, befreie ich deinen Vater und müßte ich zehnmal mein Leben wagen und ganz Rom zum Aufstand bringen.«

»Du willst ihn befreien«, erwiderte Cäcilie und die Angst begann ihre Gedanken zu verwirren; »gewaltsam ihn befreien, daß ihr beide mit dem Fluch beladen als Feinde der Kirche auf ewig verdammt werdet? Nennst du das Rettung? Ich, ich allein konnte ihn retten, aber ich versäumte es, denn ich dachte nur an dich, vergaß die heiligsten Pflichten und sehe nun, wie wir alle dem Verderben verfallen müssen.« – Der schwache Schimmer von Hoffnung hatte in der Seele des armen Mädchens schon wieder dem finsteren Aberglauben Raum gemacht und vergeblich versuchte Bernardo, ihr die trüben Vorstellungen auszureden.

»Verstehe mich recht«, sagte sie, »vor jenem Schreckenstage in Florenz war mir schon im Beichtstuhl oft warnend gesagt worden, des Vaters Seele sei von finsteren Mächten umgarnt, und ich entschloß mich damals, um seiner Seele Heil zu retten, mich ganz der Andacht zu weihen und für mich selbst auf jedes irdische Glück zu verzichten. Da nahtest du mir und vergeblich wehrte ich mich gegen den Zauber, der mich umstrickte. Konnte ich ahnen, daß der ewige Feind, der meinen Vater ins Verderben zog, auch mich verlocken wollte, konnte ich deinem Blicke, deinen Worten mißtrauen? Ach, ich war ja nur ein armes schwaches Weib und ahnte den Himmel, wo die Hölle mich umgarnte.«

Bernardo bebte heftig. Daß Cäciliens Geist wieder von diesen unheimlichen Bildern gepeinigt wurde, brachte ihn fast zur Verzweiflung. Er redete ihr freundlich zu, indem er sagte:

»Du bist verwirrt, Cäcilie, fasse dich, wirf diesen falschen Wahn von dir, wir sind nicht preisgegeben der Macht des Bösen.«

Aber Cäcilie entgegnete:

»Du selbst weißt es nicht, doch aber ist es der Fall, der Versucher wußte wohl, daß du allein ihm zu seinem Ziele verhelfen konntest; erkenne es nur, verloren sind wir doch. Ihn haben sie als Ketzer angeklagt 116 und es wird unmöglich sein, sein Schicksal zu wenden. Denke an Giordano Bruno! Lange schon ist die Asche fortgeschwemmt, aber der Holzstoß und die Ketten und die Pfähle warten auf den neuen Ketzer.«

Indem sie dies sagte, blickte sie in dem leeren Raume umher und es schien, als ob sie eine schreckliche Vision habe.

»Siehst du«, sagte sie, »dort führen sie ihn her! Kennst du ihn, sind dir seine sanften milden Züge schon begegnet? Sieh, wie er ruhig und gelassen dahinschreitet, während das rohe Volk fühllos gaffend nach ihm blickt und bald eine Lästerung, bald einen Fluch ausstößt; sieh', wie die Mönche leise Gebete murmeln. Nun binden sie ihn fest, die Fackel naht, die Flamme schlägt empor, der Rauch verbirgt den Greis, haltet ein! haltet ein! er stirbt, mein Vater stirbt, o haltet ein!«

Sie wäre ohnmächtig zu Boden gefallen, hätte Bernardo sie nicht in seinen Armen aufgefangen. Ratlos stand er mit Viviani und beide bemühten sich um die Unglückliche. Diese erholte sich, aber ihre Gedanken weilten noch immer bei den schrecklichen Bildern, die ihre Seele peinigten.

»Noch ist's nicht alles«, begann sie wieder, »anstatt das Knie im Staub zu beugen für das Seelenheil des Vaters, anstatt mir die Hände wund zu ringen im Flehen um Gnade, habe ich an Liebe und Himmelslust gedacht. Hörst du nun das Hohngelächter der Hölle, siehst du den ewigen grauenvollen Brand? Er starb als Gottesleugner und mir bleibt nicht mehr Zeit übrig, um seine Seele zu retten.«

Bernardo konnte diese Qualen nicht länger mit ansehen. »Wenn ich dir sage, daß er schuldlos ist«, redete er ihr zu, »gilt mein Wort dir denn gar nichts mehr? Er suchte die Wahrheit, Gott ist die Wahrheit, wo also siehst du jene Schuld, die dich entsetzt?«

Es war, als ob ein Lichtstrahl in Cäciliens umdüsterte Seele falle.

»Sprich weiter«, sagte sie, »dein Wort wirkt wie ein kühlender Hauch auf die Angst, die mich durchglüht. Du also hältst den Vater nicht für schuldig?«

Mit voller Überzeugung erwiderte Bernardo:

»Er leidet für die Wahrheit, für seine innerste Überzeugung, wie die Heiligen litten, aber noch ist es nicht so weit und dein angsterfülltes Gemüt malt dir Schrecken vor, die nur in deiner Phantasie leben. Dem Manne ziemt es nicht, so rasch sich zu ergeben, und ich lasse nicht von der 117 Hoffnung, ihn dennoch zu retten. Vielleicht wird der Groll meines Oheims sich legen oder es gelingt mir, ihn zu überzeugen, daß Bellarmin ihn hinterlistig aufgereizt hat und deinen Vater verderben will. Ich eile sofort wieder nach dem Vatikan, um alles zu versuchen, was in meinen Kräften steht. Ihr bleibt hier, Viviani, und wacht über Cäcilie, daß ihre Sicherheit inzwischen nicht gefährdet wird.«

Erschreckt fuhr Cäcilie auf. »Du willst mich verlassen«, rief sie, »jetzt in dieser fürchterlichen Stunde mich der Qual meiner Gedanken überantworten, und ich soll nicht nur um den Vater, sondern auch um deinetwillen in schwerer Sorge sein? O nein, das kannst und wirst du nicht von mir begehren. Ich fühle selbst, daß du hier nicht bleiben kannst, die Angst, die Unruhe würde dich verzehren, wie sie auch an meinem Herzen nagt. Laß uns zusammen gehen, Viviani begleitet uns, und wir wollen in der Nähe des Vatikan forschen, ob man uns etwas über das Schicksal meines Vaters sagen kann. Nur mich verlassen darfst du nicht, denn in deiner Nähe allein habe ich Mut und Hoffnung, und du sollst sehen, daß ich stark genug bin, dich überallhin zu begleiten.«

Was sollte Bernardo thun? Er befand sich in demselben aufgeregten Zustande wie Cäcilie, und es erschien ihm in der That besser, wenn sie sich nicht trennten, sondern gemeinschaftlich nach Galileis Schicksal forschten. Auch der Gesandte konnte für Cäciliens Vater jetzt nichts thun und an ihre eigne Sicherheit dachte sie nicht. Sie nahm daher einen Schleier und da auch Viviani mit ihnen ganz eines Sinnes war, so machten sie sich alle drei sofort auf den Weg. Bernardo, dessen Jugend ihn über manche Schwierigkeiten hinwegtäuschte, war der festen Meinung, es werde ihm gelingen, irgend jemand von den päpstlichen Beamten zu sprechen und von ihm Auskunft zu erlangen. Er ahnte nicht, daß er auf Bellarmins Befehl genau beobachtet wurde und daß man sowohl ihn wie Cäcilie und Viviani erkannte, als sie sich nach dem Vatikan begaben.

Dort angelangt, zeigte sich keine Möglichkeit, in das Innere des Gebäudes zu dringen. Daß der junge Maler die Versicherung gab, er gehöre zu den nächsten Verwandten des Papstes, war für die wachehaltenden Offiziere nur eine Bestätigung dessen, was sie bereits wußten, und Bernardos ungestümes Drängen wurde mit steigender Entschiedenheit und zuletzt mit energischen Warnungen zurückgewiesen. Gekränkt und voller Verzweiflung 118 ließ er sich endlich zu Drohungen hinreißen, und bevor Cäcilie es verhindern konnte, hatte er den Offizier der Wache so heftig gereizt, daß beide den Degen zogen. Der betreffende Offizier hatte seine genauen Weisungen, Bernardo befand sich gegen das päpstliche Verbot in Gesellschaft der Tochter und eines Schülers von Galilei, er versuchte gewaltsam in den Vatikan einzudringen und achtete nicht auf die Warnung, welche ihn davon abzuhalten suchte.

Mit gehobener Stimme forderte der Offizier den jungen Maler daher auf, seinen Degen in Ruhe zu lassen und ihm sofort zu folgen, da er ihn verhaften müsse. Dies brachte Bernardo völlig außer sich. Er zog nicht nur mit Wut seinen Degen, sondern rief mit drohender Stimme:

»Wer mich zu berühren wagt, den steche ich nieder!«

Der Offizier gab der Wache einen Wink, während er selbst seinen Degen gegen Bernardo richtete. Die Soldaten drangen mit gefällten Partisanen auf den Maler ein, aber obgleich dieser sich umringt und in lebensgefährlicher Weise bedroht sah, suchte er sich doch gegen den Offizier zu verteidigen und erreichte damit nichts weiter, als daß dieser alle Schonung beiseite ließ und nach kurzem Gefechte ihn ohne Rücksicht niederstach.

Ein lauter Aufschrei Cäciliens folgte dem Falle ihres Geliebten, der mit einem stöhnenden Laute sein Leben aushauchte. Alles war so unvermutet und rasch gekommen, daß sie während des Vorfalls kaum ihrer Sinne mächtig gewesen war und nur dumpfe Laute des Entsetzens hatte ausstoßen können. Nun sank sie ohnmächtig zu Boden und Viviani kniete bei ihr hin, um sie zu unterstützen. Inzwischen ließ der Offizier durch die Mannschaft die Leiche des Malers aufheben und in den Vatikan bringen, worauf sofort dem Kardinal Bellarmin Meldung gemacht wurde.

Mit größter Mühe gelang es Viviani, die ohnmächtige Cäcilie ins Leben zurückzurufen. Der ganze Vorfall hatte natürlich eine Gruppe Neugieriger herbeigelockt und unter diesen befanden sich einige mitleidige Frauen, von denen eine sich erbot, im nahegelegenen Kloster Santa Clara Hilfe zu suchen. Bald darauf kamen mehrere Nonnen, und als sie bemerkten, daß Cäcilie zwar die Besinnung wieder erlangt hatte, aber offenbar vorläufig sich nicht erinnern konnte, was mit ihr vorgegangen war, trafen sie Anstalten, das arme Mädchen in ihr Kloster zu bringen, wo ihr Pflege und Sorgfalt zu teil werden konnte.

120 Viviani mußte sich darein ergeben und durfte die Tochter seines geliebten Meisters nur bis zur Pforte des Klosters begleiten. Das Herz voll Leid und Jammer, eilte er darauf zu dem toscanischen Gesandten, um ihn von dem Vorfall zu benachrichtigen, und suchte dann noch am späten Abend die wenigen Bekannten auf, welche Galilei in Rom besaß, um ihnen das Schicksal des allverehrten Mannes zu erzählen. Aber was war alle Achtung vor der Gelehrsamkeit, alle Bewunderung für den genialen Forschungsdrang Galileis gegenüber den Schrecken der Inquisition! Selbst die beherztesten Anhänger seiner Lehre wagten es von diesem Augenblicke an nicht mehr, sich zu ihm zu bekennen, da der Kampf gegen die übermächtige Gewalt als Tollkühnheit erschien. Angstvoll hörten sie die Mitteilungen des jungen Schülers, und die meisten bekreuzten sich bei der ganz unerwarteten Nachricht, daß Galilei die Gnade des neuen Papstes verloren habe und bereits eingekerkert sei. Einzelne darunter atmeten auf, als sie erfuhren, daß die unglückliche Cäcilie bereits in einem Kloster Aufnahme gefunden habe, denn jedermann würde sich gescheut haben, die Tochter des Mannes, welcher der Ketzerei angeklagt war, unter seinem Dache zu beherbergen. Es gab Menschen genug in Rom, welche sich in Scherz und Ernst mit naturwissenschaftlichen Studien beschäftigten, darunter auch Alchimisten, welche der Kunst des Goldmachens nachspürten, Mechaniker, die den Vögeln das Fliegen nachahmen wollten, Teufelsbanner und Wahrsager; man ließ sie gewähren, und einzelne Bischöfe und Kardinäle beschäftigten sich selbst insgeheim mit derartigen Künsten, aber sobald sich das Inquisitionsgericht um die Versuche bekümmerte, verlor die Sache ihre Harmlosigkeit und Angst und Schrecken bemächtigte sich der Beteiligten. Weit schlimmer erachtete man die Ketzerei des Galilei. Er hatte gewagt, einen Irrtum zu bekämpfen, den bis dahin die ganze Menschheit geteilt hatte und der in den heiligen Schriften als unumstößliche Wahrheit angenommen war. Eine dumpfe Angst erfüllte alle diejenigen, welche erfuhren, daß das Inquisitionsgericht eingeschritten sei und den Verteidiger der verpönten Lehre in Gewahrsam genommen habe. 121

 


 


 << zurück weiter >>