Adolf Glaser
Masaniello
Adolf Glaser

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Drittes Kapitel.

Vorboten des Gewitters.

Die Welt wird ewig jene unermeßlichen Kunstschätze bewundern, welche das Zeitalter der Renaissance in Italien geschaffen hat, aber trotzdem geschieht es nicht häufig, daß sich Künstler und Kunstliebhaber darüber klar zu werden suchen, durch welche Mittel jene wunderbare Blüte geistiger Thätigkeit hervorgerufen wurde. Die Renaissance fällt zusammen mit dem höchsten Aufschwung des Kirchenregiments. Das Papsttum besaß damals eine Machtfülle und zugleich einen Zufluß von Geldmitteln wie zu keiner andern Zeit. Die kleineren Fürsten Italiens verdankten zum großen Teil ihre Macht und ihren Besitz dem heiligen Stuhle und befanden sich mehr oder weniger in Abhängigkeit von diesem. Auf den Reliquienhandel und 47 den schmählichen Ablaßkram folgte das großartige Geschäft mit den wieder entdeckten Meisterwerken der antiken plastischen Kunst. Die Päpste wurden selten nach ihrer Würdigkeit gewählt, sondern entweder nach den Summen, die sie daran wenden konnten, oder nach Alter und Gebrechlichkeit, damit ihr Regiment nicht lange währe. Viele bekleideten ihre unermeßlich einflußreiche Stellung nur ganz kurze Zeit, aber diese Spanne genügte, um ihre Verwandten zu den höchsten Würden und Ehrenämtern zu erheben und denselben die ergiebigsten Stellungen zu gewähren. Fortdauernd hielten sich Scharen von reichen Pilgern, darunter die höchsten Fürstlichkeiten, in Rom auf, wo sie zum Heile ihrer Seele große Stiftungen machten und Geldopfer darbrachten. Die einträglichsten Bistümer wurden meistens den Brüdern und Neffen der Päpste geschenkt, während andre Fürsten und große Häuser ungeheure Summen daran setzen mußten, um ein Mitglied ihrer Familie zu einer hohen Kirchenwürde befördern zu lassen. Im Zeremoniell ging der Papst allen gekrönten Häuptern der Welt voraus, und die Kardinäle, aus deren Mitte der jeweilige Stellvertreter Petri gewählt wurde und die deshalb als die päpstliche Familie galten, standen nur hinter den regierenden Häuptern zurück. Gerade in dieser Zeit bestimmte der Papst, daß die Kardinäle mit dem Prädikat Eminenz geehrt werden sollten, um ihre Stellung ganz besonders hervorzuheben. Fast jeder der Kardinäle hatte über außerordentlich große Einkünfte zu disponieren und diejenigen, welche Sinn für Kunstschöpfungen besaßen, kauften große Territorien, auf welchen sie Paläste bauten und prachtvolle Gärten anlegen ließen. Bei dieser Gelegenheit wurde dann der Boden umgewühlt und man kam auf die Trümmer antiker Bauwerke, in denen sich zuweilen die vollendetsten Werke der früheren Kulturepoche fanden. Auf diese Weise entstanden die Museen der Familien Borghese, Ludovisi, Gigi, und diese Familien erzielten außerdem durch den Verkauf einzelner Statuen große Summen. So war Italien und vorzugsweise Rom eine unerschöpfliche Schatzkammer, eine Fundgrube der kostbarsten Kleinodien von hohem Geldwerte.

Der schrankenlose und oft durch Verbrechen gestützte Despotismus in den kleineren Fürstentümern des nördlichen Italiens suchte sich ein freundlicheres und edleres Aussehen zu geben, indem er sich gleichfalls die Pflege der schönen Künste zur Aufgabe machte, um dadurch wenigstens eine Art von Ersatz zu schaffen.

In viel geringerem Grade war dies im Süden Italiens der Fall, wo 48 die Spanier mit denselben Mitteln des Verrats und der Intrige die angemaßte Herrschaft behaupteten, wie sie dieselbe gewonnen hatten, aber die erpreßten Geldmittel nur zu den eignen Zwecken benutzten. Auch hier waren die Würden und Ämter käuflich und in bezug auf die Steuern wurde ein förmliches Aussaugesystem in Anwendung gebracht. Dabei lag es den Aragonesen fern, ihre Dynastie mit jenem Lorbeer zu schmücken, der den Mediceern oder den Beherrschern Mailands, den Republiken von Venedig und neben dem päpstlichen Stuhle auch den Hofhaltungen der Kardinäle eigen war. In Spanien selbst mochte sich die Pflege der Kunst größeren Wohlwollens erfreuen, aber die spanischen Vizekönige zu Neapel standen dem Lande fremd gegenüber und warteten meistens nur darauf, bis sie sich bereichert hatten und in ihr Mutterland zurückkehren durften. Wohl herrschte in Neapel und in Palermo, den beiden vizeköniglichen Residenzen, ein großartiger Luxus, eine pomphafte Pracht, aber an eine edlere Entwickelung des Geschmacks, an eine liebevolle Ausschmückung der Wohnräume war nicht zu denken. Der jeweilige Herrscher mußte fortwährend die Hand am Schwerte haben, um bald einem Überfall verbündeter einheimischer Barone, bald dem Aufruhr des empörten Volkes entgegentreten zu können.

Das einzige, was der Kunst in Neapel damals zu statten kam, war der große Reichtum, dessen sich einzelne Klöster erfreuten. Von hier aus gingen die Anregungen für Maler und Bildhauer. Die Werke dieser abgesonderten Schule entsprachen dem südlichen Charakter der Nation, der durch die Einflüsse des Sarazenentums eine Neigung für das Phantastische und Wunderbare hatte. Daher in der Architektur die Verschwendung an kostbaren Steinarten zu bunten Mosaiken, darum aber auch das eigentümliche Raffinement in der Malerei, wo sich die größten Talente in einer Kunstrichtung ergingen, bei welcher die Qualen der Märtyrer die beliebtesten Stoffe hergaben.

Ein Hauptvertreter dieser Richtung war der in Neapel lebende Spanier Giuseppe Ribera, den die Italiener seiner kleinen Gestalt wegen lo spagnoletto, den kleinen Spanier, nannten. Als halber Knabe ging er von Valenzia, wo er von einem hervorragenden Meister den ersten Unterricht in der Malerei erhalten hatte, nach Neapel, um dort, wo so viele spanische Abenteurer ihr Glück versuchten, dies gleichfalls zu thun. Es ist eine ewige Wahrheit, daß in der Kunst stets Neues geschaffen werden muß, wenn der Künstler die öffentliche Aufmerksamkeit für sich gewinnen will. So kommt es, daß 49 gerade auf diesem erhabenen Gebiete menschlichen Ringens oft die äußersten Gegensätze dicht aneinander grenzen. Der Idealismus in der Malerei hatte in Raffael seine höchste Vollendung erklommen; mehr Innerlichkeit, himmlischeren Ausdruck, reinere Schönheit war nicht zu erreichen, schon verfielen die römischen Meister der darauf folgenden Epoche einer süßlichen Manier; wollten daher die nachkommenden Geschlechter die Beachtung auf sich ziehen, so mußten sie eine andre Richtung anstreben, und so geschah es, daß fünfzig Jahre nach dem göttlichen Raffael eine Reihe großer Talente sich dem äußersten Naturalismus in die Arme warf. Zu diesen gehörte Michelangelo da Caravaggio, der seine Aufgabe darin suchte, die grausamen Martern einzelner Heiligen in abschreckender Genauigkeit darzustellen und überdies Szenen aus der biblischen Geschichte in greller Natürlichkeit zu malen. Aber auch durch Genrebilder in derselben Richtung wußte er Aufsehen zu machen, und hier mag wohl der niederländische Einfluß wirksam gewesen sein. Bei der Schilderung von Spielern, leichtsinnigen Frauenzimmern, Soldaten und Zigeunern ging das Talent des Caravaggio vollständig in dem Gegenstande auf. Wie er das Häßliche in der Kunst bevorzugte, so war er auch von Charakter voll Selbstsucht, Neid und Gehässigkeit. Alle übrigen Maler, mit welchen er zusammentraf, suchte er durch mißgünstige Ausfälle zu ärgern und zu reizen, und es kam dabei zuweilen bis zu blutigen Händeln. Einmal zog er gegen einen berühmten Maler, dem er vielen Dank schuldig war, den Degen und erstach einen Schüler desselben, der zur Verteidigung seines Meisters sich ins Mittel legen wollte. Infolge dieses Mordes zur Flucht genötigt, wandte er sich nach Neapel, wo seine Malweise und sein unruhiges, leicht aufbrausendes Temperament neue Nahrung fand. Doch auch hier war seines Bleibens nicht lange. Wieder in blutige Händel verwickelt, mußte er nach der Insel Malta flüchten. Sein Talent gewann ihm die Gunst des Großmeisters der Malteserritter, aber anstatt endlich sich zu mäßigen und seinen Vorteil wahrzunehmen, verfiel er auch hier wieder seinen wüsten Leidenschaften und wurde ins Gefängnis geworfen. Auf Verwendung eines Kunstfreundes, des Kardinals Gonzaga, wurde er begnadigt und sollte nach Rom zurückkehren. Doch schon in Neapel kam er abermals mit Soldaten in Streit, wurde verwundet und suchte sich nun bis Rom durchzuschlagen. Unterwegs blieb er krank und zum Tode erschöpft liegen, verfiel in ein hitziges Fieber und starb, noch bevor er sein Ziel erreicht hatte.

50 Dieser Caravaggio war der Meister, nach welchem sich Joseph Ribera heranbildete. Letzterer war damals ein Jüngling und es ist begreiflich, wie das wüste Treiben seines Lehrers auch auf seine Lebensweise von großem Einfluß sein mußte. In seiner Natur lag ein Zug zum Abenteuerlichen und Grausigen, und so entwickelte sich auch in ihm bald, wie in der Kunst, so im Leben, die Auflehnung gegen Gesetz, Sitte und Ordnung.

Als sein Lehrer nach Malta flüchtete, ging Ribera nach Rom, vielleicht weil er mit in die mißlichen Händel seines Meisters verwickelt war. Völlig mittellos kam er in der ewigen Stadt an, aber er verließ sich auf sein Talent und schlug bald auf irgend einem freien Platze, bald vor einem der Thore unter freiem Himmel sein Atelier auf. Eines Tages bemerkte ein angesehener Prälat den jungen Künstler, der wie gewöhnlich obdachlos auf der Straße vor der Staffelei saß. Der geistliche Herr ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein, und da er bemerkte, daß der junge Mann feine Manieren hatte, fühlte er sich veranlaßt, demselben eine Wohnung in seinem Palaste anzubieten. Spagnoletto nahm das Anerbieten zuerst freudig an, aber kaum hatte er sich in dem Palaste installiert, als ihn das Gefühl überkam, als sei er in Gefangenschaft geraten, und mit dem trotzigen Selbstbewußtsein des Spaniers entsagte er der Gunst des Kardinals, um zu Mangel und Armut, damit aber zugleich auch zur Freiheit zurückzukehren.

Übrigens war der Aufenthalt in Rom für den jungen Ribera doch von großer Bedeutung und bald trat er als Künstler aus seinem bisherigen Dunkel hervor und stellte alle übrigen Vertreter seiner Richtung in den Schatten. Er kehrte wieder nach Neapel zurück und wurde dort in kurzer Zeit ein gefeierter Mann.

Dies war die Zeit, in welcher auch Salvatore Rosa seine ersten selbstständigen Versuche als Maler gemacht hatte. Bei seinem Onkel lebend, hatte er vorläufig keine großen Sorgen, und es war ihm vergönnt, ganz nach Neigung und Lust zu arbeiten. Seine Bilder fanden Absatz, wenn auch niemand eine besondere Begabung in denselben entdeckte. Salvatore beschäftigte sich nicht ausschließlich mit der Malerei, er versuchte sich auch in Dichtungen und war zugleich eine Art Musiker, obgleich seine Stimme keinen rechten Klang hatte. Er setzte die eignen Verse in Noten, trug dieselben selbst vor und begleitete sie mit der Laute.

Dies war ungefähr die Zeit, in welcher der junge Maler eines Morgens, unmutig wie gewöhnlich, am Chiaiaufer einherschlenderte, zuerst 51 seinem Groll gegen den jungen Fischer Gennaro Annese Luft gemacht und dann dem Begräbnis der edlen Cornelia Mendoza beigewohnt hatte, bei welcher Gelegenheit sein leicht entzündliches Herz von heftiger Leidenschaft für die Tochter der Verstorbenen erfaßt wurde.

Wie ein Träumender durchirrte er von diesem Tage an die Straßen Neapels und oft genug ging er dabei an dem Palaste vorüber, wo der Vater des von ihm angebeteten Wesens wohnte, aber jeder Versuch, das junge Mädchen wiederzusehen, war vergeblich. Nach spanischer Sitte lebten die Frauen in diesen Palästen fast nur in den Gemächern, deren Fenster nach dem Hofe gingen, der mit Gartenanlagen und Springbrunnen geschmückt war. Nur zur Messe und zu freundschaftlichen Besuchen verließen sie das Haus, dann aber tief verschleiert und in geschlossenen Sänften, die von robusten Dienern des Hauses getragen wurden.

Salvatore war nicht der Mensch, sich durch Schwierigkeiten leicht abschrecken zu lassen. Er wußte, daß manche Künstler in hohem Ansehen standen und in den Palästen der Großen verkehrten; dies bewirkte, daß seine Hoffnungen einen hohen Flug nahmen und er nicht zurückbebte, seine Wünsche bis zu der Tochter eines spanischen Edelmanns zu erheben. Überdies glaubte er mit der Zähigkeit des Verliebten, Cornelia fühle sich nicht heimisch unter den Verwandten ihres Vaters und sehne sich nach der Familie ihrer Mutter. Wenn er sich diesen Zwiespalt in der Seele des jungen Mädchens recht lebhaft ausdachte, so glaubte er im Verlaufe sich dazu ausersehen, denselben zu lösen und dem gequälten Herzen Cornelias Frieden zu bringen.

Salvatores künstlerische Neigung führte ihn eigentlich der Landschaftsmalerei zu, aber die Erfolge der naturalistischen Schule brachten unter den jungen Künstlern Neapels den Hang hervor, sich an historischen Bildern zu versuchen, zu welchen sie die Stoffe teils der Bibel, teils den Legenden der Heiligen und der Geschichte der antiken Völker entnahmen. Daß Ribera so rasch sein Glück gemacht hatte, war selbstverständlich in den jugendlichen Künstlerkreisen ein wichtiges Gesprächsthema. Das Martyrium des heiligen Bartholomäus, der lebendig geschunden wurde, war ein Gegenstand, den der Spagnoletto wiederholt und in verschiedenen Variationen behandelt hatte. Eines Tages, als ihm wieder die Behandlung dieses Vorwurfs besonders gelungen war, hatte er das eben vollendete Gemälde vor seiner Wohnung, die unfern des vizeköniglichen Palastes lag, aufgestellt, um es in 52 der Sonne trocknen zu lassen. Alsbald versammelten sich die Vorübergehenden vor dem Bilde, und obgleich die meisten nichts von dessen Kunstwerte verstanden, fesselte sie doch der Anblick des mit naturalistischer Treue geschilderten schauderhaften Gegenstandes. Genug, die Menge der Bewunderer wuchs mit jedem Augenblicke. Der Lärm, welcher durch laute Beifallsrufe fortwährend vergrößert wurde, drang endlich bis zu den Ohren des Vizekönigs, Herzogs von Arcos, der sich nach der Ursache desselben erkundigte. Als er erfahren, um was es sich handelte, ließ er Ribera zu sich kommen, der denn auch nicht ermangelte, diesem Wunsche zu willfahren und durch sein geschmeidiges Wesen die Gunst des Herzogs bald für sich zu gewinnen. Erfreut darüber, daß der talentvolle Künstler ein Spanier war, kaufte ihm der Herzog das Bild ab und ernannte ihn zu seinem Hofmaler mit einem beträchtlichen Gehalte.

Nun war Spagnoletto ein gemachter Mann. Der angesehenste Gemäldehändler von Neapel, Cortesiano mit Namen, überhäufte ihn mit Aufträgen und zog ihn gastfreundlich in sein Haus. Leonora, die Tochter Cortesianos, ein bildschönes Mädchen, von der die Verleumdung wissen wollte, daß der Vizekönig ihr besonders gewogen sei, gefiel dem spanischen Maler, und es gelang diesem, ihr Herz zu gewinnen. Bald war der Hofmaler der Gatte der schönen Tochter des reichen Gemäldehändlers, und es währte nicht lange, so häuften sich Ehren auf Ehren für ihn. Der spanische Einfluß erstreckte sich bis Rom, und der Papst verlieh dem gefeierten Maler den Christusorden, was als seltene Auszeichnung großes Aufsehen machte.

Salvatore Rosa war damals noch zu jung, um schon mit berühmten Männern in die Schranken treten zu können, aber er erfuhr doch alle diese Vorgänge, die auf sein ohnehin verdüstertes Gemüt sehr drückend einwirkten. Daß Ribera ein großer Maler war, erkannte er willig an, aber die ungewöhnliche Gunst, welche diesem Spanier von seiten des Vizekönigs zu teil wurde, weckte alle Dämonen in seiner Brust und stachelte den Ingrimm des Neapolitaners zu immer glühenderem Hasse.

Ribera genoß nach kurzer Zeit in Neapel ein fast fürstliches Ansehen. Sein Haus wurde bald der Sammelplatz des reichen spanischen Adels, der ihm wegen seiner Künstlerschaft, und seiner Frau ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit wegen huldigte.

Bekanntlich ist der heilige Gennaro oder Januarius der Schutzpatron Neapels, woselbst in der Kathedrale als größtes Heiligtum ein Kristallgefäß 53 mit dem Blute des Heiligen aufbewahrt wird. Der Kalendertag dieses Heiligen ist ein Tag höchster Aufregung für sämtliche Bewohner der Stadt, denn an diesem Tage kommt das getrocknete Blut in Fluß, und sobald dieses Wunder sich ereignet, gerät ganz Neapel in einen unbeschreiblichen Jubel, der in tausenderlei Festlichkeiten seinen Ausdruck findet. Würde das Blut des heiligen Januarius einmal nicht flüssig, so wäre dies ein sehr schlimmes, unheildrohendes Zeichen für die ganze Stadt. Schon der Umstand, daß es zuweilen etwas längere Zeit bedarf, bis das Blut in dem Kristallgefäß fließt, bringt die Bewohnerschaft in fieberhafte Erregung; erst wenn der Erzbischof das sehnlich erwartete Ereignis als eingetreten verkündet, bricht die Festesfreude sich in allen Schichten der Bevölkerung Bahn.

Selbstverständlich ist die Kapelle des heiligen Gennaro (Januarius) im Dome zu Neapel ein Ort, der mit der größten Ehrfurcht betrachtet und als das heiligste Wahrzeichen der Stadt hochgehalten wird. Diese Kapelle sollte damals neu ausgemalt werden, und man hatte sich wiederholt an die bedeutendsten italienischen Maler, u. a. an Guido Reni und Dominichino, gewandt, aber jedesmal wurde dem Berufenen in irgend einer Weise die Sache vereitelt, ja es kam sogar vor, daß den betreffenden Malern von anonymer Seite mit Gewaltthätigkeiten gedroht wurde, wenn sie es wagen sollten, nach Neapel zu kommen. Alles dies war die Folge des spanischen Einflusses und besonders Riberas, der gleich seinem Vorgänger Caravaggio keinen Nebenbuhler dulden wollte und vor keinem Mittel zurückschreckte, wenn es galt, seinem Neide freien Lauf zu lassen. Nach und nach war Ribera nicht nur als Maler, sondern auch als spanischer Spion allgemein verhaßt und vom Todesbunde bereits längst als der verdächtigste Bewohner der Stadt gekannt.

Die Gesellschaft, welche sich der »Todesbund« nannte, weil ihre Mitglieder schwören mußten, die Spanier bis auf den Tod zu hassen und selbst mit ihrem Leben zu büßen, wenn sie diesem Schwur untreu würden, bestand seit langen Jahren und war häufig genug der Gegenstand von Verfolgungen seitens der spanischen Partei. Aber wenn dieser Bund auch scheinbar zuweilen sich auflösen mußte, blieb er doch in Wahrheit immer unverändert und umfaßte alle diejenigen Elemente, welche überhaupt einem freieren Aufschwung zugethan waren. Namentlich befanden sich viele junge Künstler dabei, und neben den Bestrebungen für die staatliche Unabhängigkeit wurde die Teilnahme für alle reformatorischen Ideen, die in der Welt nach 54 Anerkennung rangen, darin gehegt und gepflegt. So hatten auch in ganz Italien die Erfolge der kirchlichen Reformation, welche in Deutschland stattgefunden, gerade in Neapel die größte Anerkennung gehabt und die Schriften der deutschen Humanisten wurden in den Kreisen des Todesbundes vielfach gelesen. Ebenso stand die Lehre des Galilei dort in hohem Ansehen.

Die Zusammenkünfte dieser geheimnisvollen Gesellschaft fanden an den verschiedensten Orten statt, je nachdem der Bund strenger überwacht wurde oder sich freier bewegen konnte. Zuweilen trafen sich die Mitglieder in einer jener großen Felsgrotten in Neapels Umgegend oder auch in den Katakomben, wo sie keinen Lauscher zu befürchten hatten, meistens aber bildeten die Ateliers der Künstler ihre Versammlungsorte, wo sie scheinbar zum Zwecke ihrer Studien sich trafen und Liebhaber der Kunst zuzogen.

Salvatore Rosa kannte viele Mitglieder des Todesbundes, und obgleich er bis jetzt noch nicht selbst beigetreten war, gehörte er doch seiner ganzen Gesinnung nach längst dazu. Die Mitglieder waren ziemlich genau darüber unterrichtet, wer ihnen freundlich zugethan oder feindlich gesinnt war und sie richteten sich auch in ihrem Umgange danach. Salvatore war schon öfter bei ganz intimen Zusammenkünften als Freund der Sache eingeführt worden und hatte wiederholt das Versprechen gegeben, sich thatsächlich dem Bunde anzuschließen, sobald er demselben wirklich etwas nützen könne. Seine Bescheidenheit ließ ihn vorläufig noch nicht an eine günstige Wendung seines Schicksals denken.

Der junge Maler hatte gehofft, es werde ihm vielleicht gelingen, durch irgend ein Bild in den Palast des Grafen von Mendoza zu gelangen, und so arm er auch war, wußte er es doch einzurichten, sich die nötigen Materialien zu einem großen Bilde zu verschaffen. Es ging ihm nämlich seltsam genug mit seinem Talente. Man erzählt, daß aus den Theatern die Darsteller komischer Rollen ganz besonders darauf versessen seien, in tragischen Partien zu wirken, und es trifft sich dann gewöhnlich, daß diese Neigung auf einem Irrtum beruht; ähnlich erging es unserm jungen Maler, der sich nun einmal in den Kopf gesetzt hatte, durch historische Bilder sich einen Ruf zu machen, während er unbedingt das größte Talent für die Landschaft besaß. Er malte also jetzt die Ermordung des Cäsar und hoffte sicherlich auf einen günstigen Erfolg. Die Liebe brachte ihn zu Schritten, die er sonst nicht gethan haben würde. Da er wußte, daß der Gemäldehändler Cortesiano, der Schwiegervater Riberas, viele Geschäfte mit spanischen 55 Großen machte, so bot er alles auf, um diesen für sich zu interessieren, und er brachte es wirklich dahin, daß der angesehene Mann seine Ermordung des Cäsar begutachtete. Aber das Urteil fiel nicht besonders ermutigend aus. Der Bilderhändler erkannte Salvatores Talent, aber er wollte nichts von dem Ankauf des großen Gemäldes wissen. Als er dagegen in dem ärmlichen Atelier einige Genrebilder und Landschaftsskizzen sah, forderte er Salvatore auf, ihm dergleichen zu malen, da er für diese Sachen wohl Liebhaber finden werde.

Anstatt durch diesen Besuch neue Hoffnungen zu gewinnen, sah sich Salvatore aus allen seinen Himmeln gestürzt. Eine grimmige Wut erfaßte ihn. Er glaubte sein Talent verkannt und zerstörte nun mit eigner Hand das Werk, von dem er sich eine günstige Wirkung versprochen hatte. Stundenlang saß er dann wieder in sich selbst versunken und brütete über sein feindseliges Schicksal. Als der Abend herangekommen war, eilte er ins Freie und ging mit eiligen Schritten am Ufer des Golfes entlang. Die sinkende Sonne färbte das Firmament in den wunderbarsten Tönen, und die herrliche Stadt mit ihren aufsteigenden Terrassen und der unbeschreiblich großartigen landschaftlichen Umgebung erstrahlte in der Glut des untergehenden Tagesgestirns. Salvatore sah diese glückstrahlende heitere Landschaft und mehr als je schnürte ihm das Bewußtsein die Brust zusammen, daß sein künstlerischer Genius von diesem Anblick keine Anregung empfangen könne und sein Gemüt kalt dabei bleiben müsse. Immer mehr geriet er mit sich selbst in Zwiespalt, und bald wurde seine Stimmung so unerträglich, daß er den Weg wieder in das Innere der Stadt einschlug, wo er stundenlang durch zahllose Straßen und Gäßchen umherlief, um auf andre Gedanken zu kommen. Schon war die Dunkelheit längst völlig hereingebrochen, als er sich plötzlich vor dem Palaste der Familie Mendoza befand.

Gerade in diesem Augenblicke näherte sich von einer Seitenstraße eine Sänfte, die von vier Dienern in der Hauslivree getragen wurde und von mehreren Fackelträgern und einigen Bewaffneten umgeben war. Das Thor des Hauses war verschlossen. Der vorderste Fackelträger gab nun mit dem ehernen Thürklopfer wiederholt ein lautes Zeichen, worauf die Pforte geöffnet wurde. Salvatores Herz klopfte fast hörbar und er war seiner Sinne kaum mächtig, als er in der Dame, welche im Hofraum des Palastes der Sänfte entstieg, wirklich die zarte Jungfrau wiedererkannte, deren Bild 56 seine Phantasie fort und fort beschäftigte. Sie war noch immer in Trauer, aber mit solch auserlesenem Geschmacke gekleidet, daß der feinfühlige Maler über ihre Erscheinung in das höchste Entzücken geriet. Er wagte sich etwas weiter vor, als es vielleicht schicklich war, und sah nun, wie der fast knabenhafte junge Mann, den er auch am Morgen des Begräbnisses bereits mit Eifersucht und Grimm betrachtet hatte, die Treppe des Palastes herabeilte, an deren Fuß die Sänfte niedergesetzt worden. Das junge Mädchen hatte in der kindlichen Ungeduld die Thür der Sänfte selbst geöffnet und war mehrere Stufen emporgeeilt, als der Jüngling ihr begegnete und sie begrüßte. Bevor er sich alsdann umwandte, um sie nach oben zu begleiten, warf er noch einen Blick auf die Sänfte und die Dienerschaft, und der Zufall wollte es, daß sein Auge den dicht an der Pforte harrenden Salvatore sah. Blitzschnell erkannte ihn der Jüngling. Wie damals begegneten auch jetzt wieder ihre Blicke sich in düsterem Hasse, und Salvatores Hand faßte unwillkürlich an seine linke Seite. Aber der junge Mann auf der Treppe gab mit gebietender Miene den Dienern unten einen Wink und rasch wurde die Pforte zugeschlagen, so daß der Maler draußen fast zurücktaumelte.

Ein Gefühl äußerster Zerknirschung bemächtigte sich seiner. Man hatte ihn wie einen Nichtswürdigen, wie einen Menschen von der Straße behandelt und er konnte nichts dagegen thun. Sein künstlerisches Selbstgefühl empörte sich. Wer war der bartlose Knabe, der es gewagt, ihn gleich einem Hunde von der Schwelle zu scheuchen? Offenbar ein Spanier, ein Todfeind, ein anmaßender Eindringling. Er war nahe daran, mit den Fäusten gegen das Thor zu schlagen, aber er sah noch rechtzeitig ein, daß dieser Ausdruck ohnmächtiger Wut nicht nur seiner unwürdig gewesen wäre, sondern ihn vielleicht auch obendrein mit der Behörde in Konflikt gebracht hätte.

Der junge Maler fühlte sich wie vernichtet. Der Boden brannte ihm unter den Füßen. Er hatte eine Beleidigung empfangen und konnte sich nicht rächen. In seinem Innern schwur er, daß er nicht leben wolle, wenn er diesen Schimpf nicht abwaschen könne.

In dieser Gemütsstimmung stieß er plötzlich auf einen Bekannten, den er in der Eile fast umgerannt hätte. Es war der Maler Aniello Falcone, der durch seine Schlachtenbilder berühmt war und bei allen Freunden der Unabhängigkeit Neapels für eines der eifrigsten Mitglieder des Todesbundes 57 galt. Erstaunt blickte Falcone dem jüngeren Genossen in das Gesicht. In seinen Augen war Salvatore ein talentvoller Maler, der durch seine schwankende Haltung sowohl in der Ausübung seiner Kunst wie in seiner politischen Gesinnung vorläufig keinen bestimmten Charakter zeigte. Die auffallende Verstörung in den Mienen desselben überraschte den erfahrenen älteren Mann und veranlaßte diesen zur Anknüpfung eines Gesprächs. Salvatore, der selbst das Gefühl hatte, daß er seine Gedanken sammeln und von dem gehabten Erlebnisse ablenken müsse, ging darauf ein und bald schlenderten die beiden Künstler zusammen durch die Straßen der Stadt.

Nach einigen gleichgültigen Bemerkungen richtete Falcone die Frage an seinen Begleiter:

»Wißt Ihr auch schon, daß man wieder Anstrengungen macht, die Inquisition bei uns einzuführen? natürlich in der gelindesten Form. Man spioniert bereits nach verbotenen Schriften, das heißt nach solchen, welche der Dummheit den Krieg erklären und dem Jesuitismus in die Hände arbeiten. Der alte Papst Gregor soll lebensgefährlich krank sein, und da regt sich nun das finstere Geschmeiß in allen alten Schlupfwinkeln, um zur rechten Zeit hervorzukriechen.«

Das war ein Gespräch, welches selbst die erlahmten Gedanken Salvatores aufrüttelte. Er wünschte, daß Falcone fortfahre und darum sagte er nun:

»In Neapel werden sie es nicht leicht haben!«

»Es sind jetzt hundert Jahre her, daß der Herzog von Toledo dem neapolitanischen Volke mit andern spanischen Kostbarkeiten auch die Inquisition zum Geschenke machen wollte, und es scheint, daß diese lange Zeit unsern Unterdrückern den Erfolg jenes Versuchs aus dem Gedächtnisse getrieben hat, denn sie haben offenbar die damalige Revolution, in welcher die Fischer in ihren Leinwandhosen bei den spanischen Herren in Samt und Seide sich gehörig in Respekt setzten, völlig vergessen, aber was damals geschah, kann sich jeden Augenblick wiederholen! Wir dulden die Spanier, solange sie uns nicht allzu deutlich daran erinnern, daß wir sie dulden müssen, aber kommt einmal der Augenblick, wo der Becher überläuft, so wird das Strafgericht schrecklich werden«, sagte Falcone.

Das war Balsam auf Salvatores Wunde. Eifrig meinte er:

»Bedroht die Inquisition den Bund der Vaterlandsfreunde?«

Und rasch, als habe er sich übereilt, setzte er hinzu:

58 »Verzeiht, daß ich meine Worte mit so wenig Vorbedacht wählte, aber Ihr dürft überzeugt sein, daß ich die Spanier mehr hasse als irgend jemand, der ihnen den Tod geschworen hat, und ich selbst bin jeden Augenblick bereit, einen Eid darauf abzulegen, daß mein Leben der Rache an diesen fremden Blutsaugern gewidmet sein soll.«

Erstaunt blickte Falcone den jungen Mann an, dessen bleiche Züge die tiefe Erregung verrieten, welche in ihm wogte.

»Ist es Euer Ernst?« fragte er rasch, und da Salvatore nur durch ein stummes, aber entschiedenes Kopfnicken antwortete, fuhr er fort: »Die Gelegenheit ist günstig und ich vertraue auf Eure ehrliche Gesinnung. Wir kommen diesen Abend zusammen und Ihr könnt sofort Aufnahme finden, wenn Ihr bereit seid, eine Probe Eurer Unerschrockenheit abzulegen. Ist es wirklich Euer Wille, so werde ich Euch Ort und Stunde angeben.«

Salvatore lechzte nach einer gewaltigen Erschütterung seines innerlich gebrochenen Seins und er entgegnete daher rasch:

»Ich bin entschlossen und schrecke vor nichts zurück, wenn es sich darum handelt, dem Hasse für die Spanier Ausdruck zu geben und auf Rache zu sinnen.«

»Wohl«, erwiderte Falcone, »so findet Euch diesen Abend in der Nähe des Eingangs zu den Katakomben ein. Seid Punkt 9 Uhr dort, so wird sich alles weitere finden.«

Salvatore sagte zu, schlug in die dargebotene Hand und setzte dann allein seinen Weg weiter fort, nun nicht mehr an die erfahrene Beschimpfung denkend, sondern einzig und allein an die ihm bevorstehenden Enthüllungen.

Zur festgesetzten Stunde fand er sich an dem bezeichneten Orte ein. Die kleine Pforte, welche zu den Katakomben führte, war versperrt und nichts deutete darauf, daß dort Menschen anwesend seien. Plötzlich trat ein Mann, der sich sorgfältig in einen Mantel gehüllt hatte, auf ihn zu, blickte ihn forschend an und sagte dann nichts weiter als: »Folge mir!« worauf er an der Pforte in besonderer Weise anklopfte. Diese öffnete sich, rasch fühlte sich Salvatore hineingezogen und gleich darauf hörte er, wie man die Pforte wieder verschloß. Eine gewisse Bangigkeit bemächtigte sich seiner, aber er war nun einmal auf alles gefaßt und ließ sich von seinem Führer tiefer in die Höhlungen hineinführen. Gleich den Katakomben Roms sind auch die von Neapel unterirdische Gänge, die von der Natur als Grotten im Tuffstein gebildet, dann aber von Menschenhand 59 vergrößert und weiter geführt wurden. In den Zeiten der Christenverfolgungen dienten sie auch hier zu Begräbnisstätten und verborgenen Versammlungsorten. Die neapolitanischen Katakomben sind weder so zahlreich noch so unergründlich wie diejenigen von Rom, aber sie sind geräumiger und daher besser zu Versammlungen geeignet. Salvatore folgte seinem Führer durch die finsteren Gänge, bis sie endlich in einen größeren Raum gelangten.

Welch ein Schauspiel bot sich hier seinen Augen dar! Der Ort war nur mäßig erleuchtet. Phantastisch gekleidete Wesen saßen darin, und an den Wänden umher erblickte er weiße unbewegliche Gestalten, deren Umrisse man kaum erkennen konnte. Das Schrecklichste aber zeigte sich in der Mitte des Raumes, wo ein ermordeter blutender und verstümmelter Mensch lag. Eine tiefe, sonderbar klingende Stimme hieß den jungen Mann näher treten und verlangte, daß er seine Hand auf den Leichnam lege. Er gehorchte mit Schaudern und nun fuhr jene seltsame Stimme fort: »Schwöre«, sprach sie, »schwöre, daß du niemals verraten willst, was du hier sahst 60 oder noch sehen wirst.« Tief ergriffen von der eigentümlichen Szene leistete Salvatore den Eid.

Salvatore Rosas Aufnahme in den Todesbund

Salvatore Rosas Aufnahme in den Todesbund.

Nun begannen die Gestalten sich zu erheben und langsam im Kreise umherzuschreiten. Einige traten aus dem Kreise hervor, ergriffen den blutigen Leichnam, richteten ihn an einer Wand empor und forderten Salvatore auf, nahe heranzutreten, um sich mit dieser unheimlichen Bürde zu beladen. Einen Augenblick dachte er daran, sich zu widersetzen, aber er wollte nicht mutlos erscheinen und somit beugte er sich, damit man ihm die unheimliche Last aufladen konnte. Nun sollte er in den Reigen der andern eintreten, aber während er, so gut es gehen wollte, den starren und unbeweglichen Körper fortschleppte, glaubte er plötzlich zu fühlen, wie sich derselbe belebte, die Arme fest um seinen Hals schlang und seine Füße am Gehen zu hindern suchte. Dies war der kritische Moment. Salvatore glaubte, vor Entsetzen zu Boden sinken zu müssen, aber er ermannte sich, wendete sich rasch um und faßte mit kräftigem Griff den vermeintlichen Leichnam, den er zur Erde riss. Ein Laut allgemeiner Befriedigung klang hierauf an seine Ohren, und bevor er sich besinnen konnte, war der finstere Raum von hellem Kerzenschimmer durchflossen.

Und was erblickte er nun? Der Leichnam war sein Freund Falcone, der sich in wahrhaft bewundernswürdiger Weise durch Farben den Leib so zugerichtet hatte, daß man ihn für einen verstümmelten, mit Blut bedeckten leblosen Körper halten mußte. Die Gestalten umher warfen ihre Verhüllungen ab und zeigten sich als würdige Neapolitaner, unter denen Salvatore mehrere seiner Freunde erkannte. Alle näherten sich ihm und beglückwünschten ihn wegen der Unerschrockenheit, mit welcher er die schwere Prüfung bestanden hatte. Falcone war inzwischen verschwunden und kehrte bald zurück, nachdem er sich die Farben abgewaschen und seine Kleider wieder angelegt hatte.

Nun begann die Zeremonie des Schwures. Noch einmal fragte der Vorsitzende der Versammlung den jungen Maler, ob er fest entschlossen sei, dem Todesbunde beizutreten, und nachdem Salvatore dies deutlich bejaht hatte, hielt ihm der Vorsitzende ein Kruzifix vor, indem er feierlich sagte, daß der Eid auf dieses Symbol der leidenden Menschheit geleistet werden müsse. Mit lauter und entschlossener Stimme sprach darauf Salvatore die Worte eines furchtbaren Schwures nach, welche der Vorsitzende ihm vorsagte. Er gelobte ewige Feindschaft den Unterdrückern seines Vaterlandes 61 und erklärte sich damit einverstanden, daß sein eignes Leben geopfert werden solle, sobald er seinem Schwure ungetreu werde.

Der ganze Vorgang hatte den jungen Mann doch tief erschüttert und nur scheu blickte er die Anwesenden der Reihe nach an. Da plötzlich zuckte sein Auge, denn er erkannte unter den versammelten Mitgliedern des Todesbundes jenen jungen Mann, der sich damals beim Begräbnisse Cornelia Cortesis von der Verwandtschaft der Verstorbenen getrennt und den Mendozas angeschlossen hatte. Also hatte der Bettelmönch damals doch recht gehabt! Einen Augenblick wirbelten Salvatore die Gedanken im Kopfe, aber es blieb ihm nicht viel Zeit, denn Falcone nahm seine Aufmerksamkeit in Beschlag, um ihn über die näheren Bestimmungen des Bundes, dem er nun angehörte, zu unterrichten.

Nicht lange währte es, so sah sich Salvatore genötigt, den unheimlichen Raum zu verlassen, wollte er nicht den Eindrücken erliegen. Es war zu viel, was alles an diesem einen Tage auf ihn einstürmte und es kam ihm plötzlich das Gefühl, als sei er der unglücklichste Mensch und könne in Neapel nicht länger leben. Er beschloß, noch diesen Abend zu entfliehen. Eilig schlich er sich in das Haus seines Oheims, packte seine geringe Habe zusammen, hing die Laute über die Schulter und begab sich sofort auf die Wanderschaft. Es ließ ihm keine Ruhe, bis er die Stadt Neapel im Rücken hatte. Er schlug die Richtung nach dem Vesuv ein, durcheilte Resina, Portici und die andern Vororte am Fuße des Feuerberges und gelangte endlich an jene Gegend, von welcher behauptet wurde, daß unter den prangenden Weingärten ganze Städte begraben liegen, welche der Vesuv einst mit heißem Schlamm und glühender Asche überschüttet hatte. Aber das Gedächtnis der Menschen war nicht im stande gewesen, genau die Orte festzuhalten, unter welchen jene Städte früher gelegen hatten. Alles war gleichmäßig fruchtbares Land mit Reben, Obstbäumen und edlen Gemüsearten bepflanzt. Jetzt freilich, in der nächtlichen Dunkelheit, die nur vom Lichte des Mondes fahl erhellt wurde, konnte man sich vorstellen, daß eine weite Strecke als großes Leichenfeld vor den Blicken lag. Und hoch darüber hinaus ragte die majestätische Pyramide des Vesuvs, aus dessen Gipfel leuchtender Dampf zum Himmel stieg, während auf einzelnen Stellen die rotglühende Lava streckenweise herabfloß. Es war ein schauerlich schöner Anblick, und Salvatore beschloß, den Rest der Nacht in dieser wunderbaren Umgebung zuzubringen. Bei der Milde des Klimas war dies kein Wagnis, 62 und so ruhte er denn im Schutze eines mächtigen Baumes, unter sich die begrabene Herrlichkeit einer versunkenen Welt und über sich den Vesuv, der seine leuchtende Feuergarbe zu dem tiefdunklen Nachthimmel emporsandte.

Am andern Tage wanderte der junge Maler weiter nach Süden, über Hügel und durch Thäler, bis er an den Golf von Salerno kam. Dies war die Stätte, wo er seine Kindheit verlebt hatte, aber sein Herz empfand es bitter, daß er längst so gut wie verwaist war. Niemand kannte ihn dort. Seine Mutter war bei der Schwester, die mit ihrem Gatten Fracanzano ein ärmliches Leben führte. Was war aus dem ältesten seiner beiden Brüder geworden? Lebte er noch als Bettler in Neapel oder war er in Hunger und Elend dort untergegangen? Noch immer war die Gegend paradiesisch schön. Sanft abfallende Höhen senkten sich bis an die Ufer des glänzenden Meeres. Die Gipfel krönte zuweilen eine einst gewaltige, zerfallene Burg als Erinnerungszeichen an die Zeit der normannischen Herrschaft. Weiterhin, etwas abseits vom Ufer, ragten die wunderbaren Tempeltrümmer von Pästum, an die Herrlichkeit der antiken Welt erinnernd. Unbeschreiblich ist der Zauber dieser edlen Säulenhallen in ihrer erhabenen Symmetrie. Der majestätische Poseidontempel, der anmutige Tempel der Ceres und die gewaltige Basilika stehen als unvergängliche Zeugen griechischer Weltanschauung mitten in dürrer Heide, unweit des Meeres, das einst den Hafen der Stadt bespülte. Hier hat selbst die Natur sich verwandelt, denn wo es sonst blühte und in Halmen schoß, ist jetzt öde, fieberdunstige Ebene, nur die Werke der schönheitbegeisterten Menschenhand reden noch von der Griechenstadt Poseidonia, die einst diese Gegend beherrschte. Und weiter wanderte der ruhelose Künstler und gelangte nach dem lieblichen Amalfi, umgeben von der üppigsten Natur, hingelagert am Golf gleichen Namens, ein Anblick, wie ihn die Erde nur selten bietet. Da entschloß er sich, hier vorläufig seinen Stab niederzulegen. 63

 


 


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