Adolf Glaser
Masaniello
Adolf Glaser

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Salvator Rosas Zwiegespräch mit dem Fischer Gennaro

Salvator Rosas Zwiegespräch mit dem Fischer Gennaro.

Erstes Kapitel.

Am Parthenopischen Strande.

Es war an einem Frühlingsmorgen des Jahres 1633. Das Licht hatte kaum die leichten Nebel der Nacht überwunden, und die Sonne beglänzte in langsam majestätischem Aufsteigen den ungeheuren Raum der Hemisphäre. Wie eine zärtliche Mutter ihr Lieblingskind mit Küssen überdeckt, so warf sie die leuchtendsten ihrer Strahlen auf die Gegend um Neapel, denn hier hat die Natur eine jener Vereinigungen von landschaftlicher Schönheit geschaffen, wie sie das entzückte Auge nur selten erblickt. Eine wahre Zauberwelt enthüllte sich bei dem Erscheinen des Lichtes! Das tiefe und reine Blau des Himmels wölbte sich über dem entzückenden Panorama; die weiche aromatische Luft, die üppige Vegetation, welche die Berge umher bedeckt und dazwischen 4 die stolzen Paläste, die sich amphitheatralisch aufbauen und hoch oben von stolzen Kastellen beherrscht werden, alles vereinigte sich zur schönsten Wirkung! Von allen Großstädten der Erde hat Neapel sicherlich die schönste Lage und diese Überzeugung spricht sich auch in dem oft angewendeten Worte aus, daß man ruhig sterben könne, wenn man Neapel gesehen habe, da man dann den rechten Begriff von der Schönheit und Herrlichkeit der Erde gewonnen habe.

Köstlich war die Frische der Morgenluft, und alle Wesen schienen sie mit Wonne zu atmen. Ein Jüngling von etwa zwanzig Jahren, schlank von Gestalt, von etwas schmächtigen Zügen, mit breiter Stirn und Augen voll Feuer, schlenderte bereits an dem Ufer der Chiaia entlang und erquickte sich an dem Hauche der Frühe. Nachdem er seine Blicke an dem herrlichen Naturschauspiel der aufgehenden Sonne geweidet und die wunderbaren Lichteffekte beobachtet hatte, ließ er sich auf einen kleinen Sandhügel nieder und blickte unverwandt auf die bewegten Wellen des Meeres, wie jemand, der in tiefe Gedanken versunken ist. In geringer Entfernung von diesem Jüngling ordnete ein junger Fischer das Tauwerk seiner Barke und breitete die Netze aus, damit die aufgehende Sonne sie bestrahle. Dabei sang er eins jener charakteristischen Lieder, die in Worten und Melodie so ganz mit jenem Naturschauspiel in Harmonie sind, welches das neapolitanische Volk täglich vor Augen hat: jenem Himmel, der gleichsam völlig Liebe und Wonne ist; jener Gegend, die erfüllt ist von einer Poesie, welche sich nicht zergliedern und wissenschaftlich erklären läßt, aber vom Gefühl sofort begriffen wird, da sie die Seele mit dem Zauber einer Natur erfüllt, deren ganzes Wesen ein unsterblicher Gesang ist, sanft und melancholisch gleich einer süßen Erinnerung, gleich einem Echo, welches zwischen den Büschen und hinter den Bergen schläft und leise, kaum hörbar sich in sanftem Flüstern verliert, solange der Schrei der Leidenschaft und des Schmerzes seinen Frieden nicht stört und es zu grellen Dissonanzen aufruft.

Mit einem Male sprang der Jüngling auf, näherte sich dem Fischer und sagte zu ihm: »Lieber Freund, ich bitte Euch, hört auf mit Eurem Singen!«

Der Fischer blickte ihm einige Minuten lang mit höchstem Erstaunen in das Gesicht, aber er mußte offenbar darin etwas lesen, was seinen aufwallenden Zorn zurückdrängte, denn er erwiderte gelassen:

»Und warum, wenn ich fragen darf, soll ich nicht singen?«

»Weil Euer Lied mir Schmerzen bereitet.«

»Wie soll ich das verstehen?« entgegnete der Fischer. »Wie kann mein harmloses Lied Euch Schmerzen machen! Das ist doch ganz etwas Neues!«

5 »Würdet Ihr am Lager eines Sterbenden Euer Lied singen wollen?«

»Gewiß nicht, beim Seelenheile meiner Mutter. Aber auf Euch scheint dieser Vergleich nicht zu passen. Euer Gesicht ist nicht das eines Todkranken.«

»Und doch bin ich es, guter Freund«, versetzte der Jüngling und sein Gesicht verriet einen bitteren Ernst, »und auch Ihr seid es und wir alle sind leidend, die wir Neapel als unsre Heimat lieben; nicht mein eignes Schicksal macht mich unzufrieden, obgleich ich auch in dieser Beziehung Ursache genug zur Klage hätte. Aber Euer fröhliches Lied im Angesichte der heißgeliebten Vaterstadt zerriß mir das Herz, auch ich lache zuweilen, doch geschieht es fast nur aus Wut und Neid. Seht mich nicht so verwundert an, daß ich so trübe Worte spreche. Mein Herz krankt und seine tödliche Wunde wird täglich verschlimmert, solange ich Neapel unter dem Joche der fremden Bedränger sehe.«

Hatte der Fischer den Worten des Jünglings bisher mit teilnehmender Aufmerksamkeit gelauscht, so drückte nun sein Gesicht liebevolle Bewunderung für den leidenschaftlichen Anhänger des gemeinsamen Vaterlandes aus, aber zugleich auch ging ein Strahl des Einverständnisses von Blick zu Blick, und von dieser Minute an waren sich die beiden jungen Männer näher gerückt durch das gemeinsame Band, welches einen großen Teil der Bevölkerung Neapels unter allen Ständen gegen die Herrschaft der Spanier vereinigte.

Die Geschichte des Königreichs Neapel bietet eine Kette der verschiedenartigsten Schicksale, die eine Nation treffen können. Das von der Natur in überschwellendem Reichtum mit Schönheit und Fülle der Gaben beglückte Land war von jeher ein lockendes Ziel für kühne Eroberer, und man kann daher ohne Übertreibung sagen, daß das vielbegehrte Reich fortwährend aus einer Hand in die andre ging. Abgesehen davon, daß die Fürsten der andern italienischen Staaten stets gern bereit waren, sich in die inneren Händel zu mischen und sich dabei womöglich die Herrschaft anzumaßen, hatten auch kühne Eroberer aus ganz entfernten Ländern, Abkömmlinge fremdartiger Nationen oft auf lange Zeit hinaus den Besitz des schönen vielbegehrten Landes an sich gerissen, und bald waren es die Sarazenen, die von der Nordküste von Afrika herüberkamen, bald die Normannen vom entlegenen Frankreich, welche sich zu Herren und Gebietern Neapels machten. Zwar glaubten nun die spanischen Herrscher ein andres Recht als das des Eroberers geltend machen zu dürfen, denn das Haus Aragonien fühlte sich erbberechtigt auf dem Throne Neapels. Aber dem neapolitanischen Volke blieben sie fremde Monarchen, die sich das Recht der Herrschaft anmaßten und dasselbe arg mißbrauchten. Wie es im Leben 6 des Einzelnen sich ereignet, daß er nahestehenden Personen vieles gestattet, was man Fremden niemals erlauben würde, so empfindet auch eine Nation, wenn sie dem Zepter eines fremden Machthabers gehorchen muß, jeden Zwang doppelt und das Gefühl der Bedrückung lastet mit unerträglicher Schwere, da die Vorteile, welche die Regierung sich verschafft, den Abkömmlingen eines fremden Stammes zu gute kommen. Die Unzufriedenheit vergrößert alsdann die Übelstände und bald macht sich der Zorn in Klagen Luft, die offen aussprechen, daß des Volkes Schweiß und Blut dazu dienen müssen, die Schwelgereien und Ausschweifungen der fremden Bedränger zu bezahlen.

Ähnlich war die Stimmung, welche gegenwärtig wieder die gesamte Bevölkerung Neapels in unzufriedene Aufregung versetzte. Liegt es doch auch wieder ganz selbstverständlich in der menschlichen Natur, daß ein fremder Herrscher, der in fernen Landen thront, für die Leiden und Nöten des Volkes nicht das rechte Verständnis haben kann, und König Philipp IV. von Spanien war überdies ein schwacher und dabei starrköpfiger Mann, der die eroberten Provinzen wenig begünstigte. In Neapel residierte als Vizekönig der Herzog von Arcos, der an sich ein wohlwollender Herr war, aber die obersten Beamten, welche ihm zur Seite standen, drängten ihn häufig zu Schritten, die ihm persönlich widerstrebten, denen er sich aber nicht widersetzen konnte, da sie von Madrid aus angeordnet waren und er nicht die rechte Energie des Willens besaß. So war es nach und nach dahin gekommen, daß ein förmliches System von Steuererhebungen der raffiniertesten Art in Aufnahme kam, und das gutmütige niedere neapolitanische Volk, welches zufrieden war, wenn es ohne viele Mühe die einfachsten Lebensbedürfnisse erwerben konnte und sich dann um die Regierung nicht weiter kümmerte, war neuerdings aus seiner Lethargie aufgerüttelt und mit Groll erfüllt worden.

Der Fischer hatte während des Gespräches mit dem jungen Manne seine Barke festgebunden und die Netze auf dem bereits von der Sonne erwärmten Sande ausgebreitet. Nun konnte er eine Weile ruhen. Der Jüngling hatte wieder auf dem kleinen Hügel Platz genommen und jener lagerte sich zutraulich in seine Nähe, stützte den Kopf in die Hand, um mit ihm über die tausend Fälle von Anmaßung zu plaudern, deren sich die Spanier täglich schuldig machten. Endlich kam das Gespräch auf die persönlichen Schicksale der beiden jungen Leute. Der Fischer hatte nicht viel zu erzählen, während der junge Mann auf dem Sandhügel berichten konnte, daß er schon als Kind aus dem Elternhause bei Salerno nach Neapel gekommen sei; ursprünglich zum 7 Rechtsstudium bestimmt, habe er, aus leidenschaftlicher Liebe zur Malerei, schon als Knabe die Klosterschule verlassen und sich bei seinem Onkel in Neapel im Zeichnen und Malen zu vervollkommnen gesucht. Die jungen Leute tauschten darauf ihre Namen aus: der Fischer nannte sich Gennaro Annese, während der Name des Jünglings Salvatore Rosa war.

»Erzählt mir noch einiges aus Eurem Leben«, bat Gennaro, »denn seht, wie ich auch jetzt noch mich in meiner äußeren Erscheinung wenig oder gar nicht von meinen Freunden und Genossen unterscheide, so wird wohl auch mein Lebenslauf ganz derselbe sein, wie ihn die Tausende von Fischern und Schiffern in unserm gesegneten Neapel von jeher geführt haben und bis an der Welt Ende führen werden. Selten geschieht es einmal, daß einer unter uns sich durch irgend eine ganz absonderliche Fähigkeit von den andern unterscheidet, womit ich nicht gesagt haben will, daß wir nicht auch unsre bevorzugten Köpfe und besonders beliebten Günstlinge unter uns haben. Ich selbst kann mich rühmen, ein gewisses Ansehen unter meinen Freunden zu genießen und ich kann Euch sagen, dieser unverdiente Vorzug hat schon öfter den Hochmutsteufel in mir wachgerufen, so daß ich mir dachte, ich könne noch einmal eine besondere Rolle in der Welt spielen.«

»Und wie dachtet Ihr Euch diese Rolle?« unterbrach ihn mit einem leichten Anflug von Ironie der Maler; »hattet Ihr den Gedanken, als Künstler oder als Feldherr oder in sonst einer Weise zu Geltung oder Macht zu gelangen?«

Der Fischer lachte. »So genau«, entgegnete er, »habe ich nie darüber nachgedacht, aber wenn meine Kameraden mich meiner Schlauheit wegen rühmten und ich schon als Knabe von meinen Spielgefährten zum Schiedsrichter erwählt wurde, so bildete ich mir zuweilen ein, es werde einmal die Zeit kommen, wo ich auch in wichtigeren Dingen zu befehlen haben könne. Aber das sind eitle Träumereien und mir fehlt gar viel, um so etwas auszuführen. Vor allen Dingen fehlt mir dazu die Stimme.«

»Die Stimme?« fragte etwas verwundert der Maler. »Nun ich dächte, Ihr hättet Euer Lied vorhin mit ganz hübscher Stimme vorgetragen, und wenn mein Herz nicht so voll Gram und Bitterkeit wäre, würde ich Euch gewiß nicht unterbrochen und gern den frischen Tönen gelauscht haben.«

»Ihr seid sehr gütig«, erwiderte geschmeichelt der junge Mann, »aber das ist es nicht, was ich meine. Ich weiß selbst, daß meine Stimme nicht mißfällt, denn abgesehen von den Liedern, die ich singe und die manchen 8 Menschen wohlgefallen, bringt sie mir auch wirklichen Vorteil, denn Ihr glaubt nicht, wie sehr es oft auf die Stimme ankommt, mit welcher wir unsre Waren ausrufen. Seht, das geht so zu. Des Vormittags laufen und rennen die Verkäufer von tausenderlei Dingen durch die Straßen der Stadt und rufen ihre Waren aus. Ein jeder preist dieselben nach Kräften an, der eine rühmt den Wohlgeschmack seiner Fische, der andre die Süßigkeit und Saftigkeit seiner Früchte, der dritte die Schönheit und Frische seiner Gemüse, und so fort, wie es gerade kommt. Ihr glaubt nicht, werter Herr, wie sehr es dabei auf den Klang der Stimme ankommt, wir Händler wissen dies aus Erfahrung, und ich bin daher auch fest überzeugt, daß man mit der großen Masse des Volkes nur dann etwas unternehmen und durchführen kann, wenn man sie durch den Ton der Stimme zu begeistern vermag. Und dazu reicht mein Organ nicht aus. Wohl genügt es, um die gutmütigen Hausfrauen und ihre Dienerinnen zum Einkaufen zu locken, aber wenn es sich darum handelt, eine große Volksmasse hinzureißen, da muß ich mich bescheiden.«

»Ich glaube Euch«, entgegnete der Maler, »denn ich weiß, es gibt Naturkräfte in und außer uns, deren geheimnisvolle Einwirkung stets ein ungelöstes Rätsel bleibt. Wenn Ihr mich fragen wolltet, worin der wunderbare Zauber liegt, mit welchem die himmlischen Gefilde, die uns hier umgeben, jeden Beschauer umstricken, so würde ich antworten: wäre es Zauber, wäre es Wunder, wenn sich mit Worten der Eindruck erklären ließe? Jeder Versuch, dies zu thun, würde Thorheit sein, weil eben Worte nicht im stande sind, dasjenige zu zergliedern, was so mächtig auf die Seele wirkt, daß das Auge in Entzücken schwelgt und der Mund verstummt. Ähnlich ist es mit den Werken der Kunst, über deren hinreißenden Eindruck man auch nicht immer Rechenschaft ablegen kann. Und genau in derselben Weise erfahren wir oft im Leben, daß einzelne Menschen durch ihren Blick, ihre Stimme oder andre Ausstrahlungen ihres innersten Wesens einen mächtigen Zauber ausüben. Und so mag es denn auch gelten, wenn Ihr der Stimme solche Wunderdinge zuschreibt.«

»Freilich«, versetzte Gennaro, »trifft es nur bei uns gewöhnlichen Menschen zu, die nichts gelernt haben und weder mit dem Pinsel noch mit der Feder ihre Gedanken mitteilen können. Laßt uns davon nicht weiter reden, wo es sich darum handelt, von Euch etwas über Euren Lebensgang zu erfahren. Ich will nun schweigen und Euch aufmerksam zuhören.«

»Ich darf mich nicht weigern«, begann nun der Maler, »obgleich ich 9 überzeugt bin, daß meine Erzählung einfacher und nüchterner ist, als Ihr vielleicht erwartet. Mein Vater Vito Antonio war Landmann und besaß nicht unbeträchtliche Güter, die er gut zu bewirtschaften verstand, was ihn allerdings Mühe und Schweiß genug kostete. Nicht nur die Kunst des Zeichnens und Malens war in der Familie meiner Mutter erblich, sondern auch die göttliche Musik, aber weder die eine noch die andre war jemals zum Berufe gemacht worden und mein Vater wollte durchaus nicht zugeben, daß ich mich mit der Malerei befaßte, weil er behauptete, man könne dabei vielleicht ein erträgliches Frühstück, aber gewiß nur ein kümmerliches Mittagbrot erwerben. Diese Idee war bei ihm so fest gewurzelt, daß er mich frühzeitig hier in die Klosterschule schickte, um mich von den frommen Brüdern für das Rechtsstudium vorbereiten zu lassen. Aber ich fühlte mich unwiderstehlich zur Kunst hingezogen und da mein Onkel, der Bruder meiner Mutter, im Zeichnen eine gewisse Fertigkeit besaß, so schloß ich mich besonders an diesen an, verbrachte jede freie Stunde in seiner Nähe und, ohne meine Studien zu vernachlässigen, übte ich mich fortwährend in der geliebten Beschäftigung. Nach und nach aber entwickelte sich in mir der Trieb, besonders charakteristische Erscheinungen, ausdrucksvolle Gesichter und Gestalten, die mir vor Augen kamen, rasch mit Hilfe meiner Kunst festzuhalten, und so geschah es denn, daß ich zuweilen von diesem Triebe überwältigt, ein Stück Kohle zur Hand nahm und bald einen der frommen Brüder oder einen Mitschüler oder auch einen fremden Besucher der Schule an die Wände der Gänge und sonstigen Räume zeichnete. Dies gab denn zuweilen Unzufriedenheit und Lärm und die frommen Brüder ließen meine Schmierereien, wie sie es nannten, auf Kosten meines Vaters von den Wänden entfernen, bis dieser zuletzt ungeduldig wurde und mich aus der Klosterschule nahm, um mich vorläufig in Privatstunden im Lateinischen unterrichten zu lassen.

Ich war glücklich darüber, daß ich dem Zwange des Klosters entronnen war und ungehindert, soviel ich wollte, mit meinem Onkel Greco verkehren und an seiner Thätigkeit mich erfreuen konnte.

Eines Tages konnte ich mich nicht enthalten, ihm die Frage vorzulegen:

Sage mir, lieber Onkel, weshalb mein Vater mich durchaus nicht die Malerei erlernen lassen will?

Das ist mit zwei Worten erklärt, lieber Neffe, entgegnete er; dein Vater will nicht, daß du Hungers sterben sollst. Die Malerei ist eine unzuverlässige Kunst. Dem einen gibt sie zu viel, dem andern gar nichts. Nimm zum Beispiel 10 mich – mein Onkel wollte nicht zugestehen, daß er ein ganz unbedeutender Maler war – arbeite ich nicht vom Morgen bis zum Abend wie ein Pferd, und doch weiß ich manchmal nicht, wie ich meinen Hunger stillen soll, weil sich niemand findet, der meine Gemälde kaufen will, wollte ich sie auch den Trödlern auf dem Marktplatze überlassen.

Das ist schlimm, entgegnete ich, aber vorläufig möchte ich nichts weiter, als Unterricht im Zeichnen nehmen.

Du sollst deine lateinischen Studien fortsetzen, meinte er.

Das wird schwer durchzuführen sein, versetzte ich, da meinem Vater schon jetzt das Geld ausgeht.

Der Arme ist zu bedauern, meinte darauf der Onkel, eine so zahlreiche Familie und ein kleines Einkommen; wie soll er es durchsetzen?

Darum eben, lieber Onkel, sei so gut und gib mir Unterricht im Zeichnen. Ich habe eine große Neigung für die Malerei und kann einmal davon nicht lassen.

Der Onkel willigte endlich ein und ich flog ihm jubelnd um den Hals.

Von dieser Zeit an begann ein freudiges Lernen und Arbeiten und ich fühlte mich glücklich, als ich bemerkte, daß ich die geringen Fähigkeiten meines Lehrers bald überflügelt hatte. Ich schloß mich innig an einen andern jungen Menschen an, Namens Marzio Masturzo, mit dem ich zuweilen Ausflüge machte, um die Ufer unsres herrlichen Golfs von allen Seiten kennen zu lernen, und namentlich diejenigen Orte, welche den römischen Dichter Vergilius zu seinen erhabenen und unsterblichen Gesängen begeisterten. Aber auch bei diesen Gelegenheiten machte sich bald wieder der Drang geltend, ungewöhnliche Eindrücke sofort festzuhalten, und ich konnte mich in solchen Augenblicken nicht enthalten, auf frei stehenden Mauern oder an die Wände verlassener Häuser Skizzen von Landschaftsbildern hinzuwerfen. Eines Tages kamen wir in das Franziskanerkloster von Santa Theresa und der Anblick der vielen Fresken regte den künstlerischen Trieb in mir derart an, daß ich ein Stück Kohle, welches ich bei mir zu tragen pflegte, hervornahm, um auf der Mauer eines Seitengebäudes des Klosters eine Zeichnung zu entwerfen. Mein Freund hatte sich eine Strecke weit entfernt, und ich war derart in meine Arbeit vertieft, daß ich gar nicht bemerkte, wie der Ziegenhirt des Klosters aus einiger Entfernung mich beobachtete.

Heda! Junge! rief er mit näselnder Stimme, was machst du da? Warte Taugenichts, ich werde dich lehren, die Wände zu beschmieren. Du sollst deinen Lohn bekommen.

11 Und indem er einen Rohrstock nahm, lief er auf mich zu und schrie:

Aha, du stellst dich taub! Wer nicht hören will, muß fühlen.

Damit schlug er mir über die Schultern. Obgleich ich seine Rede vernommen hatte, war ich doch in meine Arbeit so vertieft gewesen, daß ich nun erschreckt auffuhr und dem wütenden Menschen in das Gesicht blickte. Ich stand offenbar einem Idioten gegenüber und machte daher, daß ich aus dem Bereiche seines Stockes kam. Als ich mich noch einmal umwendete, sah ich, wie er eine Schüssel mit Wasser herbeischleppte und mit einem Schwamme meine Zeichnung auslöschte.

Ich war damals etwa siebzehn Jahre alt und um diese Zeit begann das Schicksal mich und die meinigen schwer zu treffen. Ich hatte bereits einige Versuche in der Ölmalerei gemacht und diese zogen die Aufmerksamkeit einiger tüchtigen Maler auf sich, denn die Familie meiner Mutter hatte viele Beziehungen zu Künstlern, und wenn unter meinen Verwandten auch niemand war, der etwas Hervorragendes leistete, so brachten diese Bekanntschaften doch mir und später auch meinen Schwestern manchen Vorteil. Zuerst gab mir Francesco Fracanzano Unterricht. Mein Vater würde nie geduldet haben, daß ich mich ganz der Kunst widmete, aber er starb um diese Zeit plötzlich, und wenn sein Tod auch tief von uns betrauert wurde und uns alle in die größte Not stürzte, brachte er mir selbst doch zugleich die ersehnte Freiheit, mich ganz meinem inneren Berufe zu widmen. Unsre Armut war damals so groß, daß ich nicht einmal die Mittel besaß, mir Leinwand für meine Malereien zu kaufen. Der Bruder meiner Mutter nahm diese nebst eine meiner Schwestern zu sich, eine andre Schwester heiratete den Maler Fracanzano und die dritte wurde auf Verwendung einer einflußreichen Persönlichkeit in einem Kloster aufgenommen, aber für meine beiden jüngeren Brüder konnte gar nichts geschehen und sie sollen sich jahrelang in Neapel umhergetrieben haben, wo sie von kleinen Handreichungen lebten, vielfach aber auch die öffentliche Wohlthätigkeit in Anspruch nehmen mußten. Damals war es, wo das Schicksal der Meinigen und mein eignes Unglück meine Seele zum erstenmal mit Bitterkeit gegen die Einrichtungen dieser Welt erfüllte und mein leidenschaftliches Herz empfand dieses Leid so tief und gewaltig, daß es mein ganzes Wesen durchdrang und noch heute alle meine Gedanken beherrscht.«

Hier schwieg der Maler einen Augenblick und blickte düster vor sich hin.

»Und habt Ihr nie etwas wieder von Euren Brüdern erfahren?« fragte teilnehmend der Fischer.

12 »Sobald es mir möglich war«, entgegnete der Maler, »forschte ich nach ihnen, um mich ihrer anzunehmen. Der jüngste derselben, den ich mit vieler Mühe entdeckte, ist jetzt durch meine Vermittelung in einem Handelsgeschäfte zu Livorno, aber trotz aller Bemühungen ist es mir nicht gelungen, die Spur des andern Bruders aufzufinden.«

»Habt Ihr denn kein Erkennungszeichen, da Ihr ihn so lange nicht gesehen?« fragte Gennaro.

»Ein Zeichen?« erwiderte Salvatore nachsinnend; »vielleicht würde ich ihn an einem kleinen Liede erkennen, das unsre Mutter gern sang und gleichsam als einziges Vermächtnis uns mitgab. Wie war es doch?« und er summte eine Melodie vor sich hin zu den Worten:

»Arm war ich stets, doch acht' ich's nicht,
Ist rein mir nur das Herz geblieben,
Nach Gold und Schätzen frag' ich nicht,
Hab' ich nur Menschen, die mich lieben.«

»Wie Ihr das so eigentümlich ergreifend singt«, sagte Gennaro, »mir scheint, ich werde die einfache Melodie nie wieder vergessen.«

Salvatore wiederholte das Liedchen nochmals, dann versank er wieder in trübes Sinnen, bis ihn der Fischer durch die Bemerkung, daß er nun Abschied nehmen müsse, seinem Nachdenken entriß.

Inzwischen war die Sonne höher gestiegen und die milde Wärme begann bereits sich zu steigern. Gennaro untersuchte seine Netze und da er fand, daß sie trocken waren, rollte er sie zusammen, denn er durfte keine Zeit verlieren. In der nächsten Nacht kam die Reihe an ihn, zum Fischfang auszufahren, heute mußte er die Ausbeute der vergangenen Nacht auf dem Markte und in den Straßen zum Kauf ausbieten, so war es der Gebrauch. Abwechselnd fuhr ein Teil der Fischer des Nachts auf den Fischfang, während die andern sich im Schlafe stärkten, früh am Morgen die Netze in Ordnung brachten, dann den Fang der andern sortierten und in den Straßen umhertrugen, wobei jeder sein Möglichstes that, um die Käufer durch das Anpreisen der Ware anzulocken.

»Habt besten Dank«, sagte Gennaro, »für Euer Vertrauen, das ich wohl zu schätzen weiß. Wenn ich auch nicht erwarten kann, daß mein Gesicht Euch im Gedächtnisse haftet, so könnt Ihr versichert sein, daß ich Eure Züge nicht vergessen werde. Wenn Ihr gelegentlich auf dem Marktplatze oder auf den nahegelegenen Straßen einhergeht und es tönt Euch unerwartet 13 ein freundlicher Gruß entgegen, so könnt Ihr Euch darauf verlassen, daß er von mir ausgeht.«

Salvatore reichte dem gutmütigen Burschen freundlich die Hand und sagte:

»Auch ich hoffe mit Sicherheit, daß wir uns wiedersehen.«

Gennaro packte darauf geschäftig seine Netze zusammen, legte sie zu dem Segel in die Barke, ergriff dann die Ruder und entfernte sich nach der Gegend des Molo zu. Als er nun das Kastell del' Ovo erreicht hatte, erhob er sich einen Augenblick in der Barke und schwenkte die Mütze noch einmal nach dem Orte hin, wo die ernste Gestalt des jungen Malers hoch aufgerichtet stand. Salvatore hatte ihm nachgeblickt und winkte nun mit der Hand, bevor die Barke die befestigte Landzunge umbog und aus seinem Gesichtskreise verschwand.

Der junge Maler versank hierauf wieder für einige Zeit in eine seiner trüben Stimmungen, die ihn leider häufig genug beherrschten, und es war alsdann seiner Künstlerseele eigen, daß sie alles umher vergaß und sich völlig in ihr innerstes Wesen zurückzog, so daß auch der Zauber der Natur für eine Zeitlang wirkungslos blieb. So geschah es auch jetzt, als er sich im Sande hingestreckt hatte und mit offenen Augen in tiefe Träume versank.

Er mochte lange so gelegen haben, als ihn plötzlich unerwartete Laute, die von der Landseite herkamen, aufschreckten und in die Wirklichkeit zurückriefen. Seinem erstaunten Auge bot sich nun ein Anblick, wie er im allgemeinen nicht selten war, aber hier durch besondere Umstände allerdings einen ungewöhnlichen Charakter erhielt. Von der Anhöhe herab, wo sich eine Anzahl von herrschaftlichen Häusern mit weit gedehnten Gärten befanden, kam ein Leichenzug an das Ufer herab, und nun erst bemerkte Salvatore, daß in der kurzen Zeit seines träumerischen Versunkenseins ganz in seiner Nähe eine Barke angelegt hatte, welche ihrer Ausrüstung nach bestimmt war, zur Beförderung eines Verstorbenen nach irgend einem nahegelegenen Ufer zu dienen. Der junge Mann beobachtete den Vorgang von nun an aufmerksam, und die Umstände waren in der That geeignet, seine Blicke zu fesseln.

Zwar zeigten die Mönche, die singend und Gebete murmelnd in langer Reihe teils vor dem Sarge herschritten, teils denselben trugen und begleiteten, jene abstoßende Gleichgültigkeit, welche durch die Gewohnheit dieser Art von Beschäftigung hervorgerufen wird, aber zwischen ihnen, ziemlich dicht hinter dem Sarge erblickte Salvatore eine Gruppe trauernder Menschen, 14 welche wohl Beachtung auf sich ziehen mußten. Wie es üblich war, wurde der Sarg offen getragen, und obgleich sein Inhalt mit Palmenzweigen fast ganz verhüllt und zugedeckt war, konnte man doch die edlen Züge eines fein geschnittenen Frauenantlitzes erkennen und auch die blassen Hände, welche auf der Brust zusammengefaltet waren, leuchteten gleichsam und hoben sich deutlich von dem matten weißen Gewande und den glänzenden grünen Blättern ab. Um die dunklen Haare, welche aufgelöst den Kopf umrahmten, wand sich ein Kranz von weißen Rosen. Es mochte eine Frau in der Mitte der dreißiger Jahre sein, die da zur letzten Ruhe geleitet wurde, und es gehörte nicht sehr viel Unterscheidungskraft dazu, um zu erraten, daß unter den nachfolgenden Verwandten der Gatte und an seinem Arme eine erwachsene Tochter die nächststehenden Leidtragenden waren, während die andern Männer Brüder oder andre Angehörige der Verstorbenen sein mochten. Einige davon führten kleine Knaben an der Hand, welche die Geschwister oder Vettern des jungen Mädchens sein konnten.

Man sagt häufig, der Haß schärfe den Blick und dies bewährt sich auch in bezug auf die äußeren Kennzeichen der verschiedenen Nationen. Die kleinen Lächerlichkeiten und Absonderlichkeiten, welche jedem Volke anhaften, fallen nirgends mehr in die Augen, als wenn man sich in feindlich gesinnten fremden Ländern aufhält, und sie werden um so weniger nachsichtig aufgenommen, je mehr sie mit den dortigen Gewohnheiten in Widerspruch stehen. Für die leichtlebigen und in ihrem ganzen Wesen ungebundenen Neapolitaner war das formvolle und gemessene Verhalten der Spanier so wenig sympathisch, daß es ihnen neuerdings durch die gegenseitige Spannung geradezu unerträglich erschien. Auch in der Kleidung gab es kleine, kaum bemerkbare Unterschiede, welche dem Italiener sofort den spanischen Nationalcharakter verrieten. Abgesehen davon, daß schon die Mönche, welche den Leichenzug bildeten, einem Kloster angehörten, welches fast ausschließlich für Spanier bestimmt war, verrieten auch einige der Verwandten, die dem Sarge folgten, in Haltung und Kleidung, daß sie der verhaßten Nation entstammten.

In solchen Fällen ereignete es sich zuweilen, daß sich die gegenseitigen Gefühle nur in Blicken äußern, aber wenn auch kein Wort gesprochen wird, steigert sich die Abneigung doch bis zu jenem Grade, wo die Hand des Mannes fast unwillkürlich zum Schwerte greift. Ähnlich geschah es hier. Die feindselige Stimmung, welche den neapolitanischen Maler beherrschte, 15 mochte sich wohl in seiner Haltung, seinen Mienen und Blicken deutlich genug aussprechen, und da seine hoch aufgerichtete Gestalt auf dem Sandhügel am Ufer von den Leidtragenden nicht unbemerkt bleiben konnte, begegneten sich bald Blicke voll Haß und verhaltener Wut. Wußten doch die Spanier, wie sehr sie in Neapel unwillkommen waren und daß ihr Anblick überall heimliche Verwünschungen und unterdrückte Racheschwüre hervorrief. Kein Wunder, daß sie in Augenblicken der Verstimmung und Bitterkeit verdoppelt den Groll empfanden, der unaufhörlich in ihnen geweckt wurde.

Salvatore Rosa erblickt das Leichenbegängnis der Gemahlin Mendozas

Salvatore Rosa erblickt das Leichenbegängnis der Gemahlin Mendozas.

Der Leichenzug näherte sich jener Barke, welche zur Aufnahme des Sarges bereit stand. Offenbar handelte es sich darum, diesen nach irgend einem Kloster am jenseitigen Ufer oder auf eine nahegelegene Insel zu bringen. Dicht am Ufer hielt der Zug an und der Sarg wurde herabgenommen. Bisher hatte der Maler das Gesicht des jungen Mädchens nicht deutlich sehen können, denn sie hing förmlich am Arme ihres Vaters und schritt mit gesenktem Kopfe, das Gesicht durch einen schwarzen Schleier fast ganz verhüllt, unsicheren Ganges dahin. Nun aber, als die Tote langsam und vorsichtig in die Barke getragen wurde, schlug die trauernde Tochter den Schleier zurück und heftete ihre Augen auf das geliebte entseelte Antlitz, das nun bald für immer ihren Blicken entschwinden sollte. Und während die Mönche einen neuen Gesang anstimmten und in feierlicher Weise den Sarg in die Barke auf ein etwas erhöhtes Untergestell niederließen, ergriff die Wehmut das junge zarte Geschöpf derart, daß lautes Schluchzen sich ihrer jammernden Brust entrang und sie einen Augenblick wie leblos in die Arme des Vaters sank.

Und nun bewährte sich der Wankelmut, wie er in der Brust selbst des besten Menschen hervortritt, sobald es sich um den Reiz der Schönheit und die zärtlichen Gefühle des Herzens handelt. Salvatore, der noch eben ganz erfüllt war von der Empfindung des Hasses, die alle Neapolitaner den spanischen Eindringlingen gegenüber beherrschte, vergaß plötzlich diese feindseligen Gefühle und blickte mit inniger Teilnahme und zärtlicher Bewunderung auf das schöne junge Geschöpf, das von Trauer und Schmerz bezwungen dort stand. Wenn es auch nur selten und unter ganz besonderen Umständen vorkommen mag, daß der erste Blick eine mächtige Leidenschaft entzündet, so ist doch nicht zu bezweifeln, daß es zuweilen geschieht, und daß alsdann dieser erste Blick entscheidend werden kann für das ganze Leben. Auch jene zweite Eigentümlichkeit der Liebe, daß sie unbeirrt durch menschliche 16 Vorurteile ihre allmächtige Wirkung bewährt, feierte in diesem Augenblick in dem Herzen des Malers einen Triumph, denn er empfand nichts weiter als das stumme Entzücken seines Herzens, in welchem alle Überlegung, jedes Gefühl des Hasses gegen die fremde Nation, das soeben noch in ihm lebendig war, sich in nichts verflüchtigte. Nicht die junge Spanierin, die offenbar einem der vornehmsten Häuser angehörte, nur das reizende junge Mädchen sahen seine bezauberten Augen. Wohl kam auch hier wieder seine absonderliche Künstlernatur in Betracht, die in erregten Momenten alles umher vergaß und nur in einer einzigen Empfindung aufging. Ja, er vergaß in diesem Augenblick die äußeren Umstände so völlig, daß er sich von der Macht des Eindrucks hinreißen ließ und auf die trauernde Gruppe zutrat, als wolle er dem hilflosen holden Wesen Beistand leihen.

Kaum aber hatte er einige Schritte in dieser Richtung gethan, als eine rasche Bewegung der fremden Männer, welche wie auf gemeinschaftlichen Antrieb ihre Blicke drohend auf den Maler richteten, den Zauber zerstörte und ihn an die Wirklichkeit mahnte.

Ganz besonders hatten ihn die flammenden Blicke eines sehr jungen Mannes, fast eines Knaben, der sich dicht bei dem jungen Mädchen hielt und der Kleidung nach ebenfalls ein Spanier war, gleich gezückten Schwertern zurückgeschreckt; und wenn sein Herz noch eben von zärtlichen Gefühlen für die schöne Unbekannte geschwellt war, so stieg jetzt wieder die entgegengesetzte Empfindung in ihm auf und wunderbare Gedanken durchkreuzten sein Hirn. Es war ihm, als befände sich das reizende junge Mädchen unter feindlichen Gewalten, und ohne sich darüber klar zu werden, ob diese Voraussetzung nicht eine rein subjektive Täuschung sei, überließ er sich derselben und wähnte sich, in der weiteren Steigerung seiner Annahme, zu der Rolle eines Beschützers und Retters berufen. Doch hatte er Selbstbeherrschung genug, um einzusehen, wie unüberlegt und gefährlich es sei, einen Schritt weiter zu gehen, denn es lag gar kein Grund vor, mit den vor ihm stehenden Männern Streit anzufangen und er würde als einzelner Gegner ein solches übereiltes Unternehmen in diesem feierlichen Momente schwer gebüßt haben. Es war also nur ein Moment gegenseitiger stummer Beobachtung, dann zog sich Salvatore wieder an seinen früheren Standort zurück.

Inzwischen hatte sich das junge Mädchen erholt. Offenbar hatte sie von dem ganzen Vorgang nicht das Geringste bemerkt, denn alle ihre Gedanken und Gefühle weilten bei der toten Mutter, die im Sarge lag.

17 Die Mönche hatten diesen inzwischen in der Barke zurecht gestellt und die Blumen und Kränze geordnet. Dann zogen sie sich an das Ufer zurück, wo sie einen Halbkreis bildeten. Während darauf die Angehörigen der Verstorbenen in der Barke Platz nahmen, stimmten die Mönche ein volltönendes frommes Lied an. Salvatore sah aufmerksam diesen Vorgängen zu.

Im schönsten Blau wölbte sich der klare Himmel über der fast spiegelglatten Flut des Meeres. Langsam begannen die mit schwarzen Mützen und schwarzen Schärpen versehenen Schiffer die Barke vom Ufer fortzurudern. An der Seite des Vaters, von seinem Arm umschlungen, saß das weinende Mädchen und lehnte den Kopf an seine Schulter. Hinter ihnen befanden sich die beiden älteren Begleiter, von denen jeder einen Knaben an der Hand hatte. Gegenüber saß der junge Mann, der fast noch ein Knabe war und beinahe unverwandt seine Blicke auf dem thränenvollen Antlitz des jungen Mädchens ruhen ließ. Zuweilen aber hatte er bei der Abfahrt die Augen emporgehoben und dann waren sie denjenigen des Malers begegnet und hatten mit einem Ausdruck tiefer Abneigung dessen feindseligen Blick erwidert.

18 Je mehr sich die Barke in der Richtung nach Sorrent zu vom Lande entfernte, um so unruhiger wurde Salvatore, bis er es zuletzt als eine unerträgliche Qual empfand, das ganze Bild aus seinen Blicken entschwinden zu sehen ohne zu wissen, ob er dem lieblichen Frauenbild wieder einmal begegnen oder auch nur erfahren werde, wer diese Menschen waren, die auf so eindrucksvolle Weise, obgleich ganz zufällig, mit ihm in Berührung gekommen waren.

Aber da war ja Abhilfe zu schaffen, und unser Maler gehörte nicht zu denjenigen Menschen, die auf einen Wunsch verzichten, wenn es in ihrer Macht steht, denselben zu erfüllen. Zwar war seine Börse schmal und er durfte nicht daran denken, sich eine besondere Barke zu mieten, aber täglich in der Frühe fuhren Männer und Frauen nach Sorrent, um von dorther Früchte und Blumen zu holen. Zu diesem Zwecke gab es große Boote, in denen man billig übersetzen konnte. Nur eine kurze Strecke von des Malers jetzigem Standpunkte entfernt, hielten die Führer dieser Boote, um hinauszufahren. Rasch sprang der Maler in das erste zur Abfahrt gerüstete Boot und bat die Schiffer, womöglich jenem kaum noch sichtbaren Fahrzeug in der Richtung nach Sorrent zu folgen. Die Barke mit der Leiche interessierte sämtliche Insassen des Bootes, und da sich auch ein Mönch dabei befand, so gab es allerlei erbauliche Gespräche und Vermutungen über die Persönlichkeit der Verstorbenen. Die Trauerbarke fuhr langsam, und die eifrigen Schiffer hatten dieselbe bald eingeholt, so daß Salvatore schließlich ermahnen mußte, sich nicht in allzugroßer Nähe derselben zu halten, da es ihm nur darauf ankam, jenes Boot nicht aus dem Auge zu verlieren, ihm bis zu seinem Ziele zu folgen und dort womöglich zu erkunden, wer die Insassen waren. Tausenderlei seltsame Gedanken durchkreuzten das Hirn des Malers während dieser Fahrt.

Nach und nach verstummte das vom Hafen aus über die Flut dringende Geräusch. Die einzelnen Gebäude erschienen weniger deutlich und dafür traten die herrlichen Abhänge und Berge mehr und mehr hervor. Drüben ragte der Vesuv, der in der letzten Zeit wieder stärkeren Rauch entsandte und dessen Gipfel des Abends in glühendem Scheine leuchtete. Des Malers Seele war diesmal zu sehr mit inneren Bewegungen beschäftigt, welche sein Gemüt gewaltig ergriffen hatten, um für die äußere Natur Aufmerksamkeit zu haben. Wohl schweifte sein Blick zuweilen über die Herrlichkeiten umher, aber er kehrte immer wieder zu jener Stelle zurück, wo eine kurze Strecke vor ihm die dunkle Trauerbarke die Wellen durchschnitt. Deutlich erkannte 19 er die einzelnen Gestalten darin und vom Sonnenlichte bestrahlt, leuchtete das tote Antlitz zwischen den Kränzen und Blumen hervor.

Wie oft hatte der Maler die berühmte Küste von Sorrent nach allen Richtungen hin durchstreift, um sich an ihren wunderbaren Naturschönheiten zu ergötzen und Motive zu seinen Bildern daraus zu schöpfen. Hoch ragen diese felsigen Ufer aus dem Meere auf und oben breitet sich das fruchtbare Land weithin aus, von Schluchten durchbrochen, mit lachenden Obstgärten bedeckt und von fleißigen Bewohnern bevölkert. Das Meer mildert die Temperatur und gleicht dieselbe einigermaßen aus, so daß die Hitze des Sommers niemals ganz unerträglich wird und der Winter mit seinen Schrecknissen fern bleibt. Sind doch die kostbaren Früchte von Sorrent, die Feigen, Orangen und Granaten, ihrer Vorzüglichkeit wegen ganz besonders berühmt, und was das Jahr an duftenden Blüten dort hervorbringt, genügt zum Schmucke und zur Erheiterung für Tausende von Menschen.

Die beiden Barken näherten sich endlich diesem reich gesegneten Ufer. Zwischen den steil aufsteigenden Felsen und dem Meere befindet sich nur ein schmaler Strand und dort hatten sich wieder Mönche aufgestellt, welche mit feierlichem Gesang den Leichenzug begrüßten. Salvatore hatte seinen Bootführer gebeten, in einer kleinen Entfernung von der Trauerbarke anzulegen, und so stieg er fast zu gleicher Zeit an das Land, als die harrenden Mönche den Sarg auf die Schultern nahmen, um ihn den steilen Stufenweg zur Höhe Sorrents hinaufzutragen. Sämtliche Insassen des Bootes, welches Salvatore benutzt hatte, blieben stehen und die Frauen nahmen ihre Rosenkränze, um Gebete für die Verstorbene zu sprechen. Eine Menge Volkes hatte sich angeschlossen, und der Maler fand Gelegenheit, sich unbeachtet unter diese Menschen zu mischen.

Langsam erreichte der Zug die hochgelegene Ebene, wo sich die Stadt ausdehnt. Dort erwarteten noch andre Leidtragende, Männer, Frauen und Kinder, den Trauerzug und schlossen sich demselben an. Hier nun machte Salvatore die Bemerkung, daß diese neu hinzutretenden mit den ursprünglichen Begleitern der Leiche größtenteils nur auf einem sehr kühlen und förmlichen Fuße verkehrten. Eine Ausnahme machte ein junger schöner Mann, der mit großer Herzlichkeit sich dem Vater und der Tochter näherte und warme Worte des Beileids mit ihnen wechselte. Salvatores geübtes Auge entdeckte sofort, daß die Leidtragenden, die sich zu Sorrent angeschlossen, der italienischen Nationalität angehörten und seine leicht entzündliche Phantasie 20 entwarf sich ein Bild der obwaltenden Familienverhältnisse. Offenbar war die Verstorbene die Tochter aus einem italienischen Hause, die ihr Herz an einen spanischen Edelmann verloren und sich gegen den Willen ihrer Familie mit demselben verbunden hatte. Im weiteren Verlaufe malte er sich die Sache derart aus, daß die Italienerin unter dem Zwiespalt ihrer Empfindungen schwer gelitten habe und vielleicht als Opfer desselben gestorben sei. Ohne Zweifel war ihre Tochter die Vertraute ihrer Leiden gewesen und gewiß war das Herz derselben dem Vaterlande der Mutter mehr zugeneigt als der Heimat des Vaters, die ja ohnehin auch gar nicht die ihrige war. War es ein Wunder, wenn die zärtliche Empfindung des Malers für das schöne trauernde Mädchen, das er nun wieder an der Seite des Vaters einherschreiten sah, bei diesen Voraussetzungen sich noch höher steigerte, und wenn zugleich das Gefühl des Grolles gegen ihre männlichen Begleiter wuchs, namentlich gegen den jüngeren Mann, den er für ihren Bruder halten mußte? Oder sollte er am Ende nur ein entfernter Verwandter sein? Dieser Gedanke entfachte seinen Haß noch mehr, und da der Gegenstand seiner Abneigung der einzige Mensch in dem spanischen Trauergefolge war, welcher hatte beobachten können, daß Salvatore aus dem Meere der Barke gefolgt war und dessen Blicke auch jetzt wieder ihn zuweilen forschend trafen, so war es schon dahin gekommen, daß die beiden schroff entgegengesetzten Empfindungen der Liebe und des Hasses in der Brust des Malers ihre bestimmten Gegenstände gefunden hatten.

Jedenfalls mußte die Verstorbene einem sehr vornehmen Hause entsprossen gewesen sein, das bewiesen nicht nur ihre Verwandten, sondern auch die ganze Feierlichkeit, welche nun bei ihrem Begräbnisse stattfand. Man gelangte nach dem Kloster Santa Afra, zu welchem eine schöne und reich geschmückte Kirche gehörte. An der Pforte dieser Kirche empfingen die Nonnen des Klosters mit der Äbtissin an der Spitze den Zug und geleiteten ihn mit Gesang bis zum Hochaltar, woselbst der Sarg niedergesetzt wurde. Dann erfüllten die Klänge eines ernsten Requiems die geheiligten Räume und hierauf wurde der Sarg geschlossen, um in einer bereit gehaltenen Gruft beigesetzt zu werden. Als der Deckel des Sarges die geliebten Züge der Mutter für immer den Augen entzog, flossen die Thränen der trauernden Tochter wieder reichlicher als zuvor.

Ohne mit der italienischen Verwandtschaft der Verstorbenen mehr als die notwendigsten Förmlichkeiten auszutauschen, verließ der engere spanische 21 Familienkreis die Kirche wieder, nur der schöne Italiener, der kein Auge von der Tochter der Toten abwandte, schien zu vergessen, daß die nationale Scheidewand ihn zur Trennung nötigen sollte. Er blieb und wartete, bis die Spanier zurückfuhren. Es wurde von diesen im Refektorium des Klosters eine kurze Rast gemacht, um dann sofort wieder nach Neapel aufzubrechen.

Die Zeit jener Rast benutzte Salvatore, um sich über die Persönlichkeit der Verstorbenen und ihre Familienverhältnisse Aufklärung zu verschaffen.

Seine Vermutung hatte ihn nicht irre geleitet. Cornelia Cortesi hieß die Verstorbene mit ihrem Mädchennamen. Sie hatte den Grafen Diego di Mendoza bei einem jener Feste kennen gelernt, denen sich die einheimische Aristokratie nicht ganz entziehen konnte. Es war schon öfter vorgekommen, daß Töchter aus großen italienischen Häusern ihr Herz an spanische Granden verloren hatten, aber niemals gaben die Väter ihre Einwilligung, und häufig genug bildeten die Klöster schließlich die unübersteigliche Schranke für solche Herzenswünsche, welche mit der Politik nicht Hand in Hand gingen. Bei Cornelia lag die Sache anders. Ihre Eltern waren beide tot und bevor die Brüder sich ihrer Neigung in den Weg stellen konnten, hatte Mendoza die Vermittelung des Vizekönigs, des Herzogs von Arcos, angerufen und es war angeordnet worden, daß Cornelia sich unter den Schutz einer der einflußreichsten spanischen Familien begab. Die Vermählung wurde mit großer Pracht gefeiert, denn von spanischer Seite begünstigte man solche Heiraten, aber die Verwandten und Freunde des Hauses Cortesi blieben nicht nur von der Feier gänzlich fern, sondern beobachteten ein volles Jahr hindurch die Gebräuche der Familientrauer, als sei Cornelia für sie gestorben. Und nun war sie wirklich gestorben und wurde nach ihrem eignen Willen in der Klosterkirche Santa Afra beigesetzt, wo sich die Gräber der Familie Cortesi befanden. Das einzige Kind ihrer glücklichen Ehe war eine Tochter, die den Namen der Mutter Cornelia erhielt. Ein Sohn war früher gestorben.

Bis dahin hatte Salvatore ruhig und aufmerksam zugehört, nun aber drängte sich ihm eine Frage auf, die ihn lebhaft beschäftigte. Wenn Cornelia das einzige Kind war, wer war dann der junge Mann in ihrer Begleitung, der doch offenbar etwas älter sein mußte als das Mädchen? Der Maler erkundigte sich, aber niemand kannte den Jüngling. Jedenfalls mußte er zur Familie des Vaters gehören, denn er trug sich spanisch; wie wäre er sonst auch dazu gekommen, an der Begräbnisfeier teilzunehmen? Salvatore fühlte, wie sein Herz sich krampfhaft zusammenzog, denn der Gedanke lag nahe, 22 daß die spanische Verwandtschaft frühzeitig dafür sorgen werde, der holden Cornelia einen Mann aus ihren Kreisen zum Verlobten zu bestimmen.

Noch wartete Salvatore, bis die trauernde Familie sich wieder eingeschifft hatte. Verborgen beobachtete er diesen Vorgang und da sein Auge fast unverwandt an Cornelias Gestalt hing, entging ihm alles übrige. Nur ein einziges Mal begegnete sein Blick wiederum demjenigen des jungen Mannes und aufs neue flammte von beiden Seiten ein Blitz des Hasses hinüber und herüber. Der Maler hatte jedoch so viel ruhige Überlegung, daß er sich für den Augenblick gänzlich zurückhielt. Er kehrte erst nach Neapel zurück, als die Barke bereits seinen Augen entschwunden war, denn er mußte eben warten, bis das Boot, das ihn herübergebracht hatte, wieder abfuhr. So kam er teilweise abermals in dieselbe Gesellschaft und saß zwischen den hochgefüllten Marktkörben, in welchen alle Arten frischer Gemüse, Erdbeeren, Kirschen und eine Fülle der herrlichsten Blumen aufgestapelt waren. Auch der Mönch, der für sein Kloster gesammelt hatte, brachte einen reichgefüllten Korb mit köstlichen Erzeugnissen der Sorrentiner Gartenkultur in das Boot.

Das Gespräch drehte sich natürlich um das Begräbnis der Gräfin Mendoza. Jeder wußte irgend etwas über ihre Liebe und das Verhängnis, dem sie erlegen sei, zu erzählen. Am besten war der Mönch unterrichtet, denn beim Sammeln der Gaben werden immer lange Gespräche geführt.

»Die heilige Madonna verhüte, daß das Unheil sich in der Familie wiederholt«, sagte er bedenklich; »der junge Herr Ludovico von den Cortesi scheint seine spanische Base gern zu sehen. Wenigstens blieb er bei den Mendoza zurück, als die ganze Sippschaft der Cortesi sich von den Spaniern am Grabe trennte. Und er soll doch zum Todesbunde geschworen haben.«

Diese Nachricht erregte großes Interesse und nun erging sich das Gespräch lange Zeit über den geheimnisvollen Bund, von dem man wußte, daß jedes Mitglied sich durch einen furchtbaren Eid verpflichten mußte, der Todfeind aller Spanier zu sein, sie zu hassen und zu schädigen, wo es möglich war, und weder Freundschaft noch Liebe mit ihnen zu teilen. Viele Edelleute und Künstler, aber auch Menschen aus dem Volke gehörten dazu, und sie waren gebunden, sich untereinander zu überwachen. Wer seinem Eide untreu wurde, verfiel der Rache des Bundes. Daher die bedenklichen Worte des Mönches. – Salvatore hatte schweigend zugehört. Er kannte nun die Namen und wußte, mit wem er zu thun haben werde, wenn er den Zweck, der ihm jetzt das Herz erfüllte, weiter zu verfolgen gedachte. 23

 


 


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