Adolf Glaser
Masaniello
Adolf Glaser

 << zurück weiter >> 

Straßenpredigt eines Dominikaners in Florenz

Straßenpredigt eines Dominikaners in Florenz.

Zweites Kapitel.

Unversöhnliche Gegensätze.

Hundert Jahre waren vergangen, seitdem die Malerei in dem göttlichen Raffael Sanzio ihren höchsten Vertreter gefunden, der ebensowohl durch die vollendete Technik und den feinsten Geschmack in der Kunst wie durch die Idealität seiner Motive alle andern hinter sich zurückließ. Aber er stellte doch nur die höchste Spitze einer ganzen Periode dar, in welcher sich die größten Meister der Malerei zu einem wundervollen und einzig dastehenden Gesamtwirken vereinigten. Neben der unvergleichlichen Anmut des Urbinaten selbst erhebt sich riesengroß in strotzender Kraftfülle die Gestalt Michelangelos, Leonardo da Vincis Gemütstiefe und reiche Gestaltungskraft, Correggios Süßigkeit und herrliche Farbenpracht reihen sich daran und noch viele andre standen damals zusammen, um dem Genius der Kunst in hingebender Weise zu huldigen und durch ihr Wirken ihrem 24 Jahrhundert die Palme zu erringen. Inzwischen hatte sich in Neapel die neue Richtung der spanischen Naturalisten, an deren Spitze Giuseppe Ribera, genannt il spagnoletto, stand, hervorgethan, aber man betrachtete ihre künstlerische Wirkung vielfach als eine Verirrung des Geschmacks. Erst nachdem die Thätigkeit jener hohen Meister des 15. Jahrhunderts völlig abgeschlossen war, konnte die ganze Größe ihrer Bedeutung gewürdigt werden, und nun glänzten Raffael und Michelangelo als zwei helle Sterne am Kunsthimmel Italiens. Da sich ihre Hauptwerke in Rom befanden und ihre schöpferische Kraft in den Fresken des Vatikans den höchsten Flug genommen hatte, so wuchs die Anziehungskraft der ewigen Stadt für die jüngeren Talente bald in so hohem Grade, daß kaum ein Maler öffentlich aufzutreten wagte, bevor er nicht die letzte Feile in Rom selbst empfangen hatte. Zwar befanden sich auch außerhalb Roms viele der besten Werke der beiden großen Meister, namentlich war Florenz reich an Bildhauerarbeiten des vielseitigen und nach verschiedenen Richtungen hin unvergleichlich erhabenen Michelangelo, ebenso wie Mailand durch die Werke Leonardos und Venedig durch Tizian und seine Schule große Anziehungskraft ausübten, aber an Fülle und Mannigfaltigkeit der Kunstschätze stand Rom himmelhoch über allen andern Städten. Der Riesendom St. Peter, die Stanzen und Loggien sowie die Sixtinische Kapelle im Vatikan bargen Werke von unerreichbarer Bedeutung. War doch allein das Standbild des Moses vom unvollendeten Grabmal Julius' II. in der Kirche S. Pietro in vinculis als Meisterwerk Michelangelos von unerreichbarer Erhabenheit.

Zu den Altarbildern, welche Raffael für Kirchen außerhalb Roms gemalt hatte, gehört die heilige Cäcilie, welche er im Auftrag des Kardinals Lorenzo Pucci für die Kirche S. Giovanni in Monte bei Bologna schuf. Das herrliche Bild zeigt die schon damals zur Schutzheiligen der Musik erhobene römische Märtyrerin von vier Heiligen umgeben. Die knospenhaft jugendliche, von himmlisch reiner Schwärmerei getragene schöne Heilige hat ihr Spiel in Gegenwart der Freunde beendet. Da tönt der Widerhall vom Himmel herab. Sechs Engel, auf dem Wolkenrande sitzend, haben die Melodie aufgegriffen und als Gesang weitergeführt. Unter dem Eindruck der Engelstöne verstummen die Heiligen auf Erden. Cäcilia hält die Orgel nur mechanisch in den Händen und horcht verzückt, Kopf und Auge nach oben gerichtet, auf den Gesang. Der Apostel Paulus links von ihr stützt die rechte auf die linke Hand, welche letztere den Schwertgriff gefaßt hält, und hat das 25 Kinn in die rechte Hand gelegt. Der Kopf ist geneigt und zeigt den Ausdruck tiefsten Nachsinnens. Cäcilia und Paulus erscheinen beide der wirklichen Welt entrückt, die eine in der Empfindung emporschwebend, der andre ganz in sich vertieft. Als anmutiger Gegensatz steht die heilige Magdalena zur Rechten Cäcilias. Ihre großen dunklen Augen drücken offene Lebensfreude und Gemütsruhe aus. Zwei weitere Gestalten, Johannes der Evangelist und der heilige Augustinus, stehen in innerer Ergriffenheit da. Die Gestalten bilden jede für sich und alle untereinander eine wunderbare Harmonie des Ausdrucks und der Stimmung, die auch in bezug auf das Kolorit vollendet zu Tage tritt. Kein andres Bild des großen Meisters bringt so sehr den Ausdruck des Schwärmerischen hervor wie seine heilige Cäcilie und die Idee, daß die wahre Kunst eine himmlische Offenbarung ist, tritt darin sichtbar vor die Seele des Beschauers. Das Bild ist eines jener Kleinode, die einer ganzen Stadt zum höchsten Schmucke gereichen.

In Bologna lebte ein verarmter Zweig der ehemals unermeßlich reichen römischen Familie Spinelli, deren gegenwärtiges Haupt eine hervorragende Staatsanstellung bekleidete, aber fortwährend in bedrängten Verhältnissen war. Camillo Spinelli war als junger Mann von imponierender Schönheit gewesen, und da der hohe Rang seiner Familie ihm während der Zeit seiner Studien, denen er in Rom oblag, den Eintritt in die ersten Häuser daselbst ermöglichte, so geschah es, daß er die Liebe einer Tochter des Hauses Barberini gewann. Wenngleich dieses Geschlecht damals noch nicht den hohen Rang besaß, den ihm in der Folge der Umstand verschaffte, daß ein Barberini den heiligen Stuhl bestieg, so war es doch immerhin ein auffallendes Ereignis, als Elena Barberini dem jungen Spinelli ihre Hand reichte. Die Verhältnisse der Familie Barberini hatten sich in letzter Zeit ganz außerordentlich geändert. Ein Sprosse des Hauses hatte, wie schon mehrere vor ihm, den geistlichen Stand erwählt und sich durch seine Fähigkeiten und Verstandeskräfte zur Würde eines Kardinals aufgeschwungen. Es war gerade die glänzendste Zeit der römischen Hierarchie. Unermeßliche Geldmittel flossen aus der gesamten christlichen Welt nach Rom und in die päpstlichen Schatzkammern. Die Kardinäle bezogen kolossale Einkünfte von ihren Bistümern und Abteien, und so war auch der Kardinal Barberini gar bald in der Lage, sich mit allem erdenklichen Luxus zu umgeben. Die unermeßlichen Einkünfte der Kirchenfürsten wurden meistens für die prunksüchtigen Liebhabereien, wie sie die Zeit der Renaissance kennzeichnen, vergeudet. Was da für Ausschmückung der 26 Wohnungen, für kostbare Stoffe, wertvolle Schnitzarbeiten, Schmuckgefäße, Bilder und Skulpturen ausgegeben wurde, entzieht sich jeder Schätzung. Häufig war die Pflege der Künste und Wissenschaften nur ein Mittel, um die Welt zu täuschen, aber nicht immer huldigten die Großen der Welt im Innern ihrer Paläste der Schwelgerei oder verfielen in schmutzige Habsucht – wenigstens war dies bei dem Cardinal Barberini nicht der Fall, denn er liebte, pflegte und trieb nicht nur die schönen Künste, sondern beschäftigte sich voll leidenschaftlichen Eifers auch mit den Naturwissenschaften, wie sie damals im Aufschwung waren. Die Gesetze der Physik zu ergründen, astronomische Beobachtungen anzustellen und die Entdeckungen andrer Forscher zu studieren, waren ihm die liebsten Zerstreuungen, wenn er den Pflichten seines Amtes beim heiligen Stuhle genügt hatte.

Man wußte bereits, daß der Kardinal Barberini günstige Aussichten bei der nächsten Papstwahl haben werde. Gregor XV. aus dem Hause Ludovisi saß damals auf dem Stuhle Petri, und da er selbst ein höchst kunstsinniger Herr war, so fand auch unter seiner Herrschaft jedes geistige Streben mächtige Förderung. Es war gar nichts Seltenes mehr, daß Söhne aus den ersten Familien nicht nur in innigster Freundschaft mit jungen Künstlern verkehrten, sondern viele übten sich selbst in der Malerei und waren stolz darauf, einigermaßen Hervorragendes darin zu leisten.

Camillo Spinelli und seine Gattin bemerkten bei ihrem ältesten Sohne Bernardo eine besondere Hinneigung zur Malerkunst. Schon als Knabe zeichnete und kolorierte er mit so viel angebornem Talent, daß seine Eltern und deren Umgebung darauf aufmerksam werden mußten. Später studierte er die großen Meister, soweit dies in den Kirchen und Sammlungen seiner Vaterstadt Bologna möglich war. Unter den einheimischen Malern hatte früher vorzugsweise daselbst Francesco Francia großen Ruhm erworben, aber so ergreifend seine aus tiefer Religiosität und hoher Kunstbegeisterung geschaffenen Gemälde auch wirkten, das Cäcilienbild Raffaels überstrahlte doch seine Schöpfungen ganz bedeutend. Auch die kunstliebende Seele Bernardo Spinellis fand in Raffaels Werke die höchste Offenbarung jenes Genius, der seiner eignen Seele den Weihekuß erteilt hatte, und da er als heranwachsender Knabe und Jüngling mit einer wahren Glut von Schwärmerei für dieses Meisterwerk erfüllt war, so nannten ihn seine Freunde scherzhaft den Ritter der heiligen Cäcilie, was er mit gutmütigem Lächeln aufnahm und gelten ließ.

Elena Spinelli hatte überhaupt niemals daran gedacht, ihre eignen 27 Familienbeziehungen zu ihrem Vorteile auszubeuten, aber nun, da ihr Sohn mit ganzer Seele danach dürstete, sich dem Studium der Kunst völlig ergeben zu dürfen, und da ihr Gatte nicht besonders freudig seine Zustimmung zu diesem Entschlusse gab, wendete sie sich an ihren Oheim, den vielvermögenden Kardinal, um ihn für die Sache Bernardos zu gewinnen. Sie sandte einige Proben von dem Talente und Fleiße ihres Sohnes nach Rom: Zeichnungen und Entwürfe, welche der Kardinal von den Meistern der Akademie prüfen ließ, um nach deren Urteil sich zu entscheiden. Es währte nicht lange, so kam die Aufforderung nach Bologna, Bernardo möge sich zu seinem Großoheim nach Rom begeben und sich unter seiner direkten Protektion dort ganz dem Studium der Kunst widmen. Man kann sich denken, welch ein Jubel in der Brust des Jünglings entstand. Er hatte bis dahin noch mit der Wahl eines Lebensberufes geschwankt und war seiner Unentschlossenheit wegen oft hart vom Vater geschmäht worden, der mit Sorge an seine große Familie dachte. Nur der Umstand, daß er der Liebling beider Eltern war, hatte ihn bis über das zwanzigste Jahr hinaus in dieser zuwartenden Stellung verharren lassen, und nun zeigte sich mit einem Male die volle Erfüllung seiner kühnsten Wünsche. Er war vorläufig noch frei von Ehrgeiz und schwelgte nur in der naiven Freude, sich mit ganzer Seele und allen seinen Kräften dem Studium seiner Kunst hingeben zu dürfen.

Es wurde beschlossen, Bernardo solle einige Wochen in Florenz zubringen und sich dann, nachdem er die Kunstschätze in der glänzenden Stadt der Mediceer kennen gelernt hatte, nach Rom begeben. Ganz erfüllt von Glück und Hoffnung, traf er in Florenz ein. Nie war ihm die Welt so schön erschienen, nie hatte er sein Vaterland mehr geliebt, nie war seine Brust von Hoffnungen höher geschwellt gewesen.

War es ein Wunder, daß sein jugendliches Herz gerade in dieser Zeit auch für den Eindruck jungfräulicher Schönheit empfänglicher war als sonst? Er hatte niemals verschmäht, mit seinen Jugendgenossen an Tanz und Lustbarkeiten teilzunehmen, und schon früher hatte sein geübtes Auge die Schönheit zu finden und zu würdigen gelernt, aber solange er im Hause der Eltern lebte, unter dem milden Auge seiner edlen Mutter, war kein unreiner Gedanke, kein sträflicher Wunsch in seiner Brust aufgestiegen. Es bestand ein selten inniges Verhältnis zwischen Mutter und Sohn. Solange er denken konnte, hatte sie an allem, was ihn betraf, den lebhaftesten Anteil genommen: sie interessierte sich für die Spiele seiner Knabenzeit, für seine Liebhabereien 28 und Neigungen und nahm teil an den Schwärmereien und künstlerischen Bestrebungen seiner Jünglingsjahre. Ohne Frömmigkeit zu heucheln, hielt sie streng auf die religiösen Gebräuche und gewöhnte auf diese Weise ihren Sohn an eine ernste Lebensauffassung. Zuweilen mußte sie vermittelnd der Strenge des Vaters entgegentreten, und sie that dies alsdann in einer so feinfühlenden und beide versöhnlich berührenden Weise, daß sie in Wahrheit als der gute Genius des Hauses betrachtet werden konnte. Bernardo liebte sie wie die verkörperte himmlische Güte, und da er nur selten erlebt hatte, daß sich ihr schönes Auge zürnend auf ihn richtete, so trat die Erinnerung an diesen Blick stets warnend vor seine Seele, wenn sich die Versuchung ihm nahen wollte. Vielleicht trug die Trennung von der Mutter dazu bei, sein Herz empfänglicher zu machen für die Empfindung, die jetzt dort eingezogen war. Eines Tages, als er das Innere der Kirche Santa Croce besichtigt hatte, war er beim Herausgehen einem jungen Mädchen von edler Erscheinung begegnet, die soeben in das Gotteshaus eingetreten war. Ihrer Gewandung nach gehörte sie zu den höheren Ständen, an Anmut der Gestalt und Lieblichkeit der Züge schien sie in seinen Augen alles zu übertreffen, was er an jugendlich weiblicher Schönheit gesehen hatte. Ihr goldblondes Haar umgab wellig das reizende Köpfchen, halb vom Schleier verhüllt, den zum Kirchgang auch die Damen der edleren Häuser trugen. Bei dieser ersten Begegnung hatte er ihr Auge nicht gesehen, denn sie hatte die Blicke gesenkt und war an ihm vorübergeschritten, ohne ihn zu beachten, aber als er den folgenden Tag zu derselben Stunde und an demselben Orte sich wieder einfand, traf es sich, daß ihr Blick dem seinigen begegnete, und obgleich sie sofort die dunkelblauen Augen wieder zu Boden senkte, fühlte er sich doch wie von einem elektrischen Strahle berührt und konnte seitdem seine Gedanken nicht mehr von dieser Erinnerung abwenden. Es war nicht nur der sanfte Strahl ihrer großen seelenvollen Augen, was ihn so tief berührt hatte, sondern auch ein gewisser Ausdruck heiligen Ernstes, der auf ihren Zügen lag. Genug, Bernardo war von dieser Zeit an täglich in der Kirche Santa Croce zu finden, wo er seine Augen an jener lieblichen Erscheinung weidete, und da die Bewunderung der Kunstschätze in Florenz ihn doch nur einseitig beschäftigte und er sich nach selbstthätiger Verwertung seiner Kraft sehnte, so stellte er in seiner Wohnung eine Leinwand auf und entwarf ein Bild, von dem er in der ersten Zeit nicht recht wußte, was es werden sollte. Niemals würde er gewagt haben, auch nur in Gedanken mit dem großen Raffael in 29 die Schranken zu treten, aber doch erinnerten ihn die Züge der schönen Jungfrau, die er jetzt fast täglich sah und von der er wußte, daß sie auch ihn bemerkt hatte, an das Bild der heiligen Cäcilie in Bologna, so daß er sich entschloß, die christliche Schutzgöttin der Musik einmal in ganz andrer Auffassung zu malen.

Die Arbeit machte ungewöhnliche Fortschritte, aber auch seine Bekanntschaft mit der schönen jungen Dame, die ihm, ohne es zu wissen, als Modell für seine Heilige diente, hatte sich von den schüchternen Anfängen eines durch ihn gewagten Grußes, der mit Erröten erwidert wurde, weiter entwickelt, hatte bald am Ausgang der Kirche zu der Anknüpfung eines Gesprächs geführt, und es schien dem jungen Manne fast wie ein Wunder des Himmels, als er erfuhr, daß der Gegenstand seiner Verehrung den Namen Cäcilie trug. Sie war die Tochter des Mathematikers Galileo Galilei, von dessen Ruhm Italien erfüllt war und den auch Bernardo oft als eine Zierde der Wissenschaft von seinem Vater hatte nennen hören. Freilich hatte auch er das Gerücht vernommen, daß Galilei vom Volke und einem Teile der Geistlichkeit als ein Zauberer betrachtet werde, weshalb viele Gemüter bei seinem Namen eine Art von Entsetzen wie vor einem unsauberen Geiste empfanden. Bernardo achtete von nun an mehr auf dasjenige, was über den gelehrten Mann gesprochen wurde. Manche stellten ihn sehr hoch, andre mieden ihn, und besonders die strengen Anhänger des Glaubens betrachteten seine Forschungen im Reiche der Naturkräfte als eine Auflehnung gegen den Schöpfer und die Kirche, welche die Vermittelung zwischen Gott und den Menschen für sich allein in Anspruch nahm.

Dies alles erfuhr Bernardo, aber er war im voraus selbstverständlich fest überzeugt, daß nur die Verleumdung und der Neid Galileis Verdienste in Zweifel zogen. Zum erstenmal in seinem Leben versuchte er es, sich über den Stand der wissenschaftlichen Forschungen auf den Gebieten der Mechanik Klarheit zu verschaffen, und da die großen Vorbilder in seiner Kunst, Leonardo da Vinci und Michelangelo, gleichfalls auf diesem Felde gearbeitet hatten, so dünkte es ihm vorteilhaft, selbst einige Studien in der Physik zu beginnen. Die Folge war, daß er bald ein begeisterter Anhänger Galileis wurde und sehnlich wünschte, denselben persönlich kennen zu lernen. Da er aber bereits seinen Aufenthalt in Florenz viel weiter ausgedehnt hatte, als ursprünglich beabsichtigt war, so riefen ihn einige mahnende Briefe seiner Mutter zu sich selbst zurück, und er sah ein, daß er weder von dem ursprünglich 30 festgesetzten Plane seiner Studien nach eignem Gutdünken abweichen, noch auch wagen dürfe, der Tochter eines so hoch angesehenen Gelehrten wie Galilei Liebesanträge zu machen, ohne durch seine Lebensstellung dazu berechtigt zu sein. Noch hatte er nichts geleistet, was eine sichere Aussicht für die Zukunft gewährte und mit dem guten Willen allein war nichts gethan, wenn es sich darum handelte, das Schicksal des geliebten Wesens an das seinige zu knüpfen. Er faßte einen raschen Entschluß. Das Bild der heiligen Cäcilie war vollendet, und da es die Bewunderung aller seiner Freunde erweckte, schenkte er es dem Kloster San Spirito, um es in der dortigen Kirche an einem Seitenaltare aufzuhängen. Dann setzte er den Tag seiner Abreise fest, und so schwer ihm dies alles wurde, blieb er doch bei seinem Entschlusse und ordnete alles für die Stunde des Abschiedes.

Im Grunde seiner Seele war allerdings noch eine Ursache vorhanden, die ihn verhinderte, der Geliebten seine Gefühle zu gestehen und die ihn fast ebenso sehr wie die Mahnung der Mutter dazu trieb, sich von Florenz loszureißen. Es war ihm selbst rätselhaft, wie sein Herz solche Widersprüche vereinigen konnte, aber trotz seiner heißen Liebe zu der Tochter Galileis und obgleich er die innere Überzeugung hatte, daß Cäcilie dieselbe teile, fühlte er doch, wie eine geheimnisvolle Macht das junge Mädchen von ihm abzog, ihn verhinderte, sich ihr zu erklären, und ohne daß sie es ihm jemals gesagt hatte, glaubte er zu wissen, daß zwischen ihm und ihr sich ein unübersteigliches Hindernis befinde, eine stille, aber nicht zu beseitigende Macht, welche gleichsam alles, was in ihm selbst zur frohen Hoffnung wurde, in Cäciliens Herzen zur stummen Qual und zur schweigenden Resignation führte.

Hätte er ein Gespräch belauschen können, welches am frühen Morgen des Tages, an welchem er seine Abreise festgesetzt hatte, in Galileis Vorzimmer zwischen Cäcilie und einem Freunde ihres Vaters stattfand, so würde er den Schlüssel gefunden haben, um jenes Rätsel zu lösen. Cäcilie war gekleidet, wie sie es zu sein pflegte, wenn sie die Messe besuchte, ein weißer Schleier verhüllte ihr blondes Haar und in der Hand trug sie ein Andachtsbuch. So trat sie gerade aus dem Studierzimmer ihres Vaters, um ihren Weg zur Kirche Santa Croce einzuschlagen, als sie an der Thür des Vorgemachs von außen ein leises Pochen hörte. Etwas erschreckt öffnete sie die Thür und ließ den Freund ihres Vaters, den ehrwürdigen Gelehrten Donato Cassini eintreten. Flüsternd sagte sie dabei:

»Ihr seid es, Cassini? Wollt Ihr den Vater so früh schon stören?«

31 Ihr Beispiel bewirkte, daß auch Cassini die Stimme dämpfte, als er entgegnete:

»Niemand gönnt ihm lieber die Ruhe als ich, aber es drängt mich –«

Cäcilie unterbrach ihn, indem sie erregt erwiderte:

»Kaum hat sich der eigne Drang, der ihn die Nacht zum Tage wandeln läßt, in ihm beruhigt, kaum hat sich sein müdes Auge geschlossen, so tritt sein bester Freund herein, um ihn zu neuen Sorgen zu wecken. Umsonst ist mein Flehen, daß er sein Alter bedenken und sich schonen solle, er opfert sich auf für die Wissenschaft, sein Geist zerstört den Körper und die Welt raubt mir den Vater.«

Mit wohlwollend ernstem Blicke entgegnete Cassini:

»Dürft Ihr klagen, Cäcilie, wenn Euer Vater dem Genius folgt, der ihn hoch über die gewöhnliche Menschheit seine Bahnen führt?«

»Ich klage ja auch nicht um meinetwillen«, versetzte Cäcilie, »aber sagt selbst: was ist sein Dank? Wohl staunen seine Anhänger und Freunde über die Größe seines Geistes, aber die Welt, für die er wirkt und schafft, hat keinen Dank für ihn. Wie sollte meine Liebe und treue Pflege ihm das Alter schmücken, wenn ich nicht zurückstehen müßte vor der Wissenschaft, der er sich opfert.«

Cassini reichte ihr die Hand entgegen und sagte gerührt:

»Ich verstehe Euren Gram und stimme Euch bei, aber was ist zu thun?«

»Wenn Ihr wüßtet«, sagte hierauf Cäcilie und Thränen traten ihr in die Augen, »was in mir vorgeht, Ihr würdet mich bemitleiden.«

Rasch blickte Cassini erschrocken in ihr Gesicht und sagte:

»Um aller Heiligen willen, was wollt Ihr damit sagen?«

Aber Cäcilie, die es fühlte, daß ihr zum Zerspringen volles Herz dem treuen Freunde gegenüber sich nicht würde bezwingen können, versuchte sich dem Gespräche zu entziehen.

»Nein«, sagte sie, »ich wage nicht, den furchtbaren Gedanken, der mich quält, in Worte zu kleiden. Und was auch können Worte und Wünsche helfen, wo selbst das Gebet vergeblich um Erhörung ringt, wo sich der Himmel verschließt und jede Hoffnung schwindet.«

Nun ahnte Cassini, was das Herz des armen Mädchens bedrückte.

»Verhehlt mir Euren Kummer nicht«, sagte er, »denn ich ahne, daß man den Vater bei seinem Kinde verleumdet, um den edlen Mann recht sicher zu treffen. Hört meine Warnung und verschließt Euer Ohr allen 32 Einflüsterungen und kämen sie selbst im Heiligenschein zu Euch. Glaubt Ihr, Euren Vater belaste eine Schuld?«

»O schweigt«, bat Cäcilie, aufs neue mit Thränen ringend; dann fuhr sie nach einer Pause fort: »Als ich vorhin, bevor ich Euch hier traf, mit leisem Schritte in sein Gemach eintrat, fand ich ihn auf seinem Lehnstuhl vor dem Arbeitstische, von Büchern, Karten und Pergamenten umgeben, fest entschlummert. Das greise Haar umrahmte sein edles Antlitz und obgleich die Stirn von sorgenvollem Denken gefurcht war, thronte doch der Frieden auf ihr. Da hob ich unwillkürlich meine Hände und sprach im Herzen: Ist dies Angesicht ein Bild der Lüge, so hat uns Künstlerhand niemals die Heiligkeit wahrhaft gezeigt, so thront auf jedem Hochalter, wo uns das Bild des Heilands zur Andacht stimmt, nur eitle Täuschung.«

»Ihr dachtet recht«, sprach Cassini beistimmend; Cäcilie aber fuhr fort:

»Hört nur weiter. Schrecklich pochte darauf die fürchterliche Mahnung an mein Herz: was wäre die Lüge, wenn sie auch als Lüge erschiene? Im Kleid der Tugend schleicht sich die Sünde ein; so kann auch diese edle Form eine Täuschung sein, er kann der finsteren Macht verfallen, auf ewig von Gott getrennt, auf ewig verloren sein.«

Die leidenschaftliche Erregung, womit sie diese Worte sprach, zeigte Cassini ihren ganzen Gemütszustand.

»Verbannt solche Sorgen!« sprach er eindringlich zu ihr: »Wehe denen, die den Frieden Eurer Seele störten, das Herz des frommen Kindes gegen den eignen Vater empörten und damit gegen das Gebot Gottes frevelten.«

Aber das Gift, welches schlaue Mönche dem unschuldigen, im demütigen Glauben erzogenen Mädchen im Beichtstuhl beigebracht hatten, war nicht so leicht aus ihrer Seele zu entfernen, der Zweifel, der sie quälte, machte sich in den Worten Luft:

»Wer darf entscheiden, wo hier der Frevel liegt? Und wenn er schuldig ist, ist es dann nicht besser, für ihn und mich, daß ich es weiß? Wer auf der Welt steht ihm näher als ich, sein Kind? Niemand also kann ihn erretten, wenn ich es nicht vermag. Darum ist mein Entschluß gefaßt. Ich will der Welt und allem Erdenglück entsagen, als Büßerin auf meinen Knieen zum Himmel flehen, bis mein Gebet das Ohr der Heiligen rührt und Gnade für ihn erwirkt.«

Im Eifer ihres Gesprächs war ihre Stimme wohl etwas lauter gewesen, als sie gewollt hatte, und da der Schlummer des greisen Forschers 33 nicht allzufest war, erwachte er und erhob sich aus seinem Lehnstuhle. Das Geräusch, welches hierdurch entstand, riß Cäcilie aus ihrer Erregung und sie enteilte mit den Worten: »Er ist erwacht, er darf mich in dieser Stimmung nicht sehen! Gehabt Euch wohl!«

War Cassini schon mit der Absicht gekommen, ein warnendes Wort mit Galilei zu sprechen, so sah er nun ein, daß es höchste Zeit sei, seine Mahnung anzubringen.

Galilei mußte Cäciliens Stimme vernommen haben, denn er sah sich forschend und verwundernd um, als er in das Zimmer trat und nur den Freund erblickte. Herzlich wie immer begrüßte er diesen und sagte dann:

»War mir's doch, als hätte Cäciliens Stimme mein erwachendes Ohr getroffen. So hat mich wohl ein halber Traum getäuscht.«

»Nicht doch«, entgegnete Cassini, »es war kein Traum, Eure Tochter Cäcilie verließ soeben dies Gemach, um zur Messe zu gehen.«

»Das fromme Kind!« entgegnete Galilei. »Ihr erstes Denken täglich ist ein Gebet für ihren Vater.«

»So ist es wahrlich und die Sorge um Euer Wohl wirft überdies düstere Schatten in die sonnige Zeit ihrer Jugend. Angstvoll erzählte sie mir, daß Ihr Euch nicht Ruhe gönnt, ganze Nächte hindurch arbeitet und Eure Kräfte schwächt.«

»Das gute Kind ängstigt sich und weiß nicht, daß der thatgewohnte Geist wenig Ruhe bedarf. Kurz ist uns die Spanne Zeit zugemessen, da heißt es mit dem edlen Gute haushälterisch umzugehen.«

»Nun«, meinte Cassini, »wenn man die Kräfte für die Zukunft schont, wenn man die Lebenszeit vorsichtig verlängert, anstatt die Kräfte aufzureiben, ist es am Ende auch ein Gewinn.«

»Nein, Freund«, entgegnete Galilei, »was heute geschehen kann, muß auch heute geschehen, die Gegenwart ist mein, die Zukunft darf ich erhoffen, aber nicht fest auf sie rechnen.«

»So seid Ihr«, sagte bedenklich Cassini, »Euer Blick ist stets nur auf das eine Ziel gerichtet.«

»Weil mir dies eine eben alles ist«, erwiderte Galilei, indem er den Freund fragend anblickte, da es ihm schien, als sei derselbe nicht in der gewohnten heiteren Stimmung.

»Zuweilen«, sagte nun Cassini, »ist es geraten, auch ein wenig nach rechts oder links zu schauen.«

34 Galilei liebte es nicht, mit seinen Gedanken zurückzuhalten. Er sagte ernst: »Wenn ich Euch richtig kenne, so habt Ihr etwas auf dem Herzen. Ihr wißt, ich liebe den geraden Weg. Sprecht also, habt Ihr mein neues Werk geprüft?«

»Ich wollte Euch warnen«, entgegnete Cassini, »denn wirklich geht Ihr, ohne nach rechts oder links zu blicken, im vollen Eifer Eurem Verderben entgegen. Ich habe es oft gesagt und wiederhole es abermals: Ihr seht nicht ein, wieviel Ihr wagt, bis es zu spät ist. Das neue Werk, das Ihr mir anvertraut habt, ist so gefährlich, daß es Euch nicht nur die Freiheit, sondern wohl gar das Leben kosten kann, wenn Eure Gegner Euch damit verderben wollen.«

»Ihr übertreibt«, versetzte Galilei, »und habt übersehen, daß ich diesmal Euren und andrer Freunde Rat befolgt habe, indem ich die größte Vorsicht walten ließ. Ist es Euch entgangen, daß ich diejenige Ansicht zum Siege gelangen lasse, welche die Kirche mir zu lehren befiehlt, und daß ich damit der Autorität des heiligen Stuhles die gebotene Rücksicht zolle?«

»Das thatet Ihr«, erwiderte Cassini mit besonderer Betonung, »aber jeder Leser bemerkt, daß Ihr es aus Zwang und mit Erbitterung gethan habt.«

»Nach Eurer Ansicht soll der Sklave seine Ketten wohl mit Jauchzen tragen? Das wäre zu viel verlangt. Das Wort kann man fesseln, nicht aber den Gedanken, und wenn man aus meinen Worten erkennt, daß sie nur dem Zwang entsprungen sind und meinen Gedanken als Maske dienen – wohl, so ist meine Absicht erreicht«, entgegnete Galilei.

»Was soll ich Euch hierauf erwidern?« versetzte Cassini. »Euer mutiger Geist denkt nie an die Gefahr und sucht nur stets nach Mitteln, Eure bessere Meinung, trotz der Verbote, in die Öffentlichkeit zu bringen. Ich weiß, es ist Euch lästig, meine warnenden Worte zu hören, aber ich kann nicht müde werden, sie zu wiederholen. Gebt diesmal der Besonnenheit Gehör und haltet Euer neues Werk zurück.«

Diese letzten Worte riefen in Galilei wieder den ganzen Trotz wach, den er im Gefühle seines inneren Rechts und der Wahrheit seiner Behauptungen allen Hindernissen entgegensetzte.

»Wie?« sagte er, »das Werk so vieler Tage, so vieler Nächte, in das ich meines Denkens besten Teil, alles, was ich von meiner frühsten Jugend an erstrebt und erforscht habe, niederlegte, soll ich in seinem Laufe aufhalten? Meine Gegner haben die Macht gehabt, mich scheinbar zur Nachgiebigkeit 35 zu zwingen, ihrer Ansicht nach ist es ihnen gelungen, die Wahrheit im Keim zu ersticken, denn ich mußte mich dem Gesetze fügen und scheinbar meinen Gegnern recht geben, aber der Geist läßt sich nicht töten, und unsterblich wird die Wahrheit auf zukünftige Geschlechter übergehen. Was habe ich zu fürchten? Die Zensur der Inquisition hat meine Schrift geprüft und den Druck und die Verbreitung genehmigt. Ihrem blöden Blick entging der wahre Sinn: die Frage, ob die Erde sich dreht, ob sie, wie jene wollen, stille steht, geht gelöst auf die zukünftigen Geschlechter über und, was der finstere Aberglaube auch gegen diese Lehre vorbringen mag, der Wahrheit bleibt der Sieg.«

Mit bedenklichem Kopfschütteln hörte Cassini diesen begeisterten Worten zu. »Habt Ihr auch bedacht«, warf er nun ein, »daß der Spruch, den die Zensoren der Inquisition gefällt haben, Eure schlimmsten Gegner noch mehr reizen muß? Mancher unter ihnen und namentlich einer, der zum Kollegium der Kardinäle gehört, wird den Sinn Eurer Schrift sofort erkennen.«

»Ich weiß, auf wen Ihr zielt. Der Kardinal Erzbischof Bellarmin ist jener Mann, aber wenn er auch wollte, schaden kann er mir nicht, da Gregor ihm abgeneigt ist und er keinen Einfluß hat.«

»Gregor ist krank, ein achtzigjähriger Greis, und Bellarmin hat viele Freunde.«

»Auch ich habe mächtige Gönner in Rom und einen mir zu sichern soll gerade dieses neue Werk bestimmt sein. Ich werde es dem Kardinal Barberini widmen, der ein Freund der Wissenschaft und mir besonders zugethan ist. Er hat mir schon manchen Beweis seines Wohlwollens gegeben, und wenn ich mein Werk unter seinen Schutz stelle, darf ich getrost in die Zukunft blicken.«

Die Erwähnung des Namens Barberini weckte bei Cassini offenbar einen Gedanken, der ihm sonst vielleicht nicht gekommen wäre. Da man ihn als Hausfreund Galileis betrachtete, waren ihm von verschiedenen Seiten Nachrichten über Bernardo Spinelli zugetragen worden und er fragte nun:

»Ihr wißt doch, daß Barberinis Neffe, Bernardo Spinelli, seit kurzer Zeit hier in Florenz verweilt?«

Galilei hörte den Namen zum erstenmal und er entgegnete, daß er weder überhaupt etwas von diesem Neffen seines Gönners, noch davon wisse, daß derselbe sich in Florenz aufhalte.

»Nun«, versetzte Cassini, »so kann ich Euch eine Neuigkeit erzählen, 36 die Euch gewiß interessieren wird. Eben dieser junge Maler, der Sohn der Nichte Eures Gönners Barberini, hat in diesen Tagen dem Kloster San Spirito ein Gemälde der heiligen Cäcilie verehrt, und das Antlitz der Heiligen soll, wie mir berichtet wurde, Eurer Tochter Zug für Zug gleichen.«

Galilei war überrascht. Er hatte in der letzten Zeit bemerkt, daß Cäcilie ernst und nachdenklich geworden war, ja er hatte sie wiederholt dabei betroffen, daß sie Thränen zu verbergen suchte. In der That, die Befürchtung stieg in ihm auf, daß er doch wohl, wenn auch in anderm Sinne, als Cassini gemeint hatte, sich zu wenig um das Wohl der Tochter kümmere. Aber wenn dieser junge Maler die Ursache ihrer stillen Thränen und ihres geheimen Grams war, so konnte alles noch gut werden, denn Cäcilie war des edelsten Mannes wert. Nach kurzem Nachdenken war Galilei sogar erfreut über dieses Zusammentreffen und er nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit das Herz der Tochter zu erforschen und dann alles zu thun, um ihr zu ihrem Glücke zu verhelfen. Zu Cassini sagte er:

»Ich denke, ein solches Werk kann nicht die Frucht einer unedlen Neigung sein, und darum freue ich mich über diese Nachricht. Darin mögt Ihr recht haben, daß die Wissenschaft und der Forschensdrang mich zuweilen blind machen gegen das, was um mich vorgeht, aber wenn es das Wohl meiner Tochter gilt, kann ich auch einmal eine Weile meinen Büchern und Instrumenten untreu werden, und Ihr sollt sehen, wie lebhaft mich diese Angelegenheit beschäftigen wird.«

Er ließ sich hierauf weitere Auskunft über Bernardo Spinelli geben und beide Männer vertieften sich in ein hoffnungsfreudiges Gespräch, ohne zu ahnen, daß zu derselben Zeit sich ein Ereignis zutrug, welches alle ihre Pläne vereitelte.

Bernardo war nämlich an diesem Morgen mit einigen Freunden zusammengetroffen, von denen er sich bei einem Frühtrunke verabschieden wollte. Er hatte gehofft, sie würden ihn später allein gehen lassen und lehnte alle Begleitung ab, als er aufbrach, aber einige der Genossen ließen sich nicht abhalten und schlossen sich ihm an. In den ersten Wochen waren zwei oder drei dieser jungen Künstler seine unzertrennlichen Begleiter gewesen; die geheimnisvolle Kraft der Kunst verband die jungen Leute und das gemeinschaftliche Ziel gab ihrer Freundschaft den festesten Kitt. Dann war allerdings das innige Freundschaftsband etwas gelockert worden, aber die Freunde hatten anfänglich geglaubt, es sei einzig die neue Arbeit, welche Bernardo 37 von ihnen abzog, und erst nach und nach tauchte bei ihnen die Vermutung auf, sein Herz könne einen andern Magnet gefunden haben, und sie versuchten es, durch Anspielungen und gutmütige Neckereien dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Aber Bernardo war für alle diese Versuche unzugänglich und auch jetzt wieder, als ihn die Freunde begleiteten und einige darunter scherzhafte Sticheleien laut werden ließen, ging er durchaus nicht darauf ein. So langten sie auf dem Platze vor der Kirche Santa Croce an. Bernardo blieb stehen und sagte:

»Ich bitte euch, liebe Freunde, laßt mich hier allein und kehrt zu den Genossen zurück. Der letzte Augenblick hier in Florenz soll von mir einer andachtsvollen Pflicht geweiht sein, die ich mir gelobt habe, dann reise ich sofort ab.«

Nun begannen die Freunde ihn zu drängen, daß er seine Abreise verschieben solle. Bleibe noch einen Tag, bat der eine. Bis zum Abend, drängte der andre; aber Bernardo mochte nun nicht mehr die Pein des Abschieds, die er allein in ihrer ganzen Macht empfand, verlängern und er bat, ihn ziehen zu lassen und seinen Vorsatz nicht weiter wankend zu machen. So empfahlen sie ihn denn dem Schutze Gottes und aller Heiligen, schüttelten ihm mit warmer Herzlichkeit die Hand und kehrten zurück. Nur einer von ihnen, Guido Sarto aus Bologna, der schon als Knabe mit Bernardo gespielt hatte, blieb noch bei ihm und rief den andern nach, er werde ihnen bald folgen.

»Wer kann dir's verargen«, sagte darauf Guido, »daß du von hier eilst, da dein Ziel das ewige Rom ist? Ich beneide dein Los, aber ich hoffe, dir bald zu folgen, denn auch ich sehne mich nach dem Orte, wo unser hoher Raffael ewig lebt, wenngleich sein Leib in Staub zerfallen ist.«

»Du hast recht«, versetzte Bernardo, »und ich werde mich freuen, dich recht bald in Rom wiederzusehen. Laß uns dann in treuer Freundschaft zusammenhalten! Wir wollen die alten Götter ehren und an ihnen emporblicken, aber auch die lebenden Meister sollen uns Vorbilder sein. Ihr Beispiel darf uns nicht kleinmütig machen und an unsrer eignen Kraft verzagen lassen.«

Als die Freunde noch zusammenstanden, begann die Glocke das Zeichen zur Messe zu geben, und von verschiedenen Seiten näherten sich Männer und Frauen dem Portal der Kirche. Die Frauen und Mädchen trugen sämtlich den üblichen Schleier, der jedoch nicht hinderte, daß glühende Augen ihre Pfeile dahinter versendeten.

38 »Sieh' dort«, sagte Guido, »die schöne Lucia Bentalio, wie sie verstohlen unter dem Schleier zärtliche Blicke nach uns wirft. Nun«, setzte er hinzu, »auch an lebendiger Schönheit wird es in Rom nicht fehlen und du wirst die Blüten von Florenz schwerlich vermissen.«

In diesem Augenblicke kam Cäcilie Galilei, die sich durch das Gespräch mit Cassini etwas verspätet hatte, eilig über den Platz geschritten, stieg die Stufen empor und verschwand in der Kirche, ohne daß ihr Blick nach rechts oder links abgeschweift hatte. Bernardo suchte seine Erregung zu verbergen, aber es gelang ihm schlecht, und als er Guido nun die Hand reichen wollte, um sich rasch von ihm zu verabschieden, hielt ihn dieser zurück und flüsterte ihm zu:

»Ist es recht, daß du mir gegenüber dein Herz verbirgst? Du kennst die Dame; sprich, wer ist sie? Du kannst dein Gefühl nicht zurückdrängen, denn die Röte, die deine Wangen überflammt, verrät dich.«

»Nun ja«, entgegnete Bernardo und gab sich Mühe, einen möglichst gleichmütigen Ton festzuhalten, »ich kenne sie und weiß, daß sie die Tochter des berühmten Naturforschers Galilei ist.«

»Des Galilei?« versetzte Guido rasch, »des Astronomen, von dem jetzt so viel die Rede ist? Ich erinnere mich des Mannes schon aus meiner Kindheit, denn mein Vater erzählte mir damals, daß Galilei im Dome zu Pisa das Gesetz des Pendels entdeckt habe, indem er mit den Augen unaufhörlich den Schwingungen der ewigen Lampe gefolgt sei. Ich hielt es damals für einen Frevel, daß jemand in der Kirche sich mit etwas anderm beschäftige als mit Gott und den lieben Heiligen. Inzwischen haben sich meine Ansichten geändert und ich verdenke es dem gelehrten Manne nicht einmal, daß er nun durch seine Forschungen die ganze Klerisei gegen sich aufbringt. Sei ja vorsichtig, denn wenn dein Onkel Barberini erfährt, daß dir die Tochter Galileis gefällt, könnte er ungehalten werden.«

»Mein Oheim schätzt den Galilei sehr«, erwiderte Bernardo.

Guido blickte ihn erstaunt und ungläubig an. »Dein Oheim, der Kardinal, den Astronomen Galilei? Das möchte ich denn doch bezweifeln.«

»Und dennoch ist es, wie ich sage«, versetzte Bernardo. »Mein Oheim ehrt die Wissenschaft und rühmt sich gern der Freundschaft ihrer hervorragenden Vertreter, unter allen aber besonders des Galilei. Er hat sogar kürzlich ein Lobgedicht auf den berühmten Mann veröffentlicht. Ich will nicht sagen, daß mein Onkel ein Ariost ist; für zarte Reime, wie Petrarca 39 sie gedichtet, ist er ein zu würdiger Mann, aber mit der Wissenschaft zu liebeln, ist selbst einem Kardinal erlaubt.«

»Nun denn«, begann Guido, »so weiß ich nicht mehr, was ich von der Sache denken soll. Mir ist bekannt, daß die Kirche kürzlich feierlich erklärt hat, die Frage, ob die Erde um die Sonne oder die Sonne um die Erde sich drehe, sei durch die heilige Schrift längst entschieden, und es werde darum von seiten des heiligen Stuhles festgestellt, daß die Sonne sich bewege und die Erde still stehe. Es ist streng untersagt worden, diesen Satz öffentlich in Zweifel zu ziehen. Die ganze Verfügung soll nun lediglich des Galilei wegen erlassen sein, da er das Haupt derjenigen Partei ist, welche nach dem Vorgange eines deutschen Forschers die Bewegung der Erde annimmt. Wie wäre es also möglich, daß ein hoher Kirchenfürst, wie dein Oheim, einem Manne freundlich gesinnt sein soll, der eine Lehre vertritt, die mit einer Entscheidung der Kirche im Widerspruch steht?«

»Und doch ist es so«, entgegnete Bernardo, »denn ich weiß ganz sicher, daß mein Oheim in früherer Zeit ihn wiederholt aufgefordert hat, sich ganz in Rom niederzulassen, was Galilei allerdings aus vorsorglicher Klugheit ablehnte. Ein seltsames Zusammentreffen hat es nun gefügt, daß der schlimmste Feind des Galilei, der Kardinal Bellarmin, seit dem Tode Pauls V. sich von Rom entfernt hat und hier in Florenz seinen Aufenthalt nahm, weil er mit Gregor in Feindschaft lebt und dessen milde Gesinnung nicht dulden will. Bellarmin beschränkt sich darauf, im verborgenen seine Ansichten zur Geltung zu bringen, denn er muß den Anschein wahren, als halte er sich von allem Einfluß auf die Angelegenheiten der Kirche fern. Im stillen aber intrigiert der schlaue Jesuit gegen jeden freien geistigen Aufschwung und mag daher auch durch seine Helfershelfer den Galilei arg verleumden lassen.«

»Ganz recht«, versetzte Guido, »dieser Bellarmin gehört dem Orden Jesu an und wartet seine Zeit ab. Gregor ist ein alter kranker Mann, der nicht lange leben wird. Wer kann wissen, wen die Wahl dann trifft?«

Bernardos Geduld war schon seit einiger Zeit erschöpft. Er wollte Cäcilie noch einmal sehen und es zog ihn mit Allgewalt nach dem Innern der Kirche, wo die Geliebte jetzt weilte. Aber gerade in diesem Augenblicke, als er sich von Guido losreißen und ihm ein letztes Abschiedswort sagen wollte, drängte sich aus einer der Straßen, die auf den Platz mündeten, ein Haufe Volkes heran, der einem Dominikanermönche folgte und sich mit Tumult und Geschrei auf der Kirchentreppe und in der Nähe umher gruppierte.

40 Der Mönch war einer jener Prediger, deren sich die Kirche während der Festtagszeiten aber auch bei andern Gelegenheiten bediente, um auf das Volk zu wirken. Es schien, als sei dieser ein bekannter und besonders beliebter Redner, das konnte man aus den Gestikulationen und Ausrufen entnehmen, welche sich hier und da unter der Menge hören ließen. Im ersten Augenblicke wäre es für Bernardo unmöglich gewesen, den Eingang durch die Kirchenpforte zu gewinnen, so sehr drängte sich das Volk auf der Treppe zusammen, um dort recht bequem sitzend der bevorstehenden Predigt lauschen zu können. Ein dienender Mönch folgte dem eigentlichen Redner und trug eine Art von hohem Schemel, für welchen er nun eine geeignete Stelle aussuchte, damit der Prediger von allen Seiten gehört werden könne.

Guido betrachtete es als selbstverständlich, daß sie diesem Volksschauspiel, wenigstens in seinem Beginne, beiwohnen mußten, und es wäre vorläufig auch ganz vergeblich gewesen, wenn Bernardo versucht hätte, sich demselben zu entziehen.

Inzwischen hatte der Redner seine sehr primitive Tribüne bestiegen und wendete sich nach einigem Räuspern an das umstehende Volk. Zuerst gebot er Schweigen, dann wartete er eine Weile und sagte endlich:

»Glaubt nicht, daß ich hierher gekommen bin, um euch leichtfertige Märchen und lustige Geschichten, wie ihr sie so gern von euren Rhapsoden hört, zu erzählen, dazu müßt ihr zum Signoriaplatze gehen, denn hier im Angesichte des Gotteshauses gibt es nur ernste Dinge zu hören.« Noch einmal räusperte er sich und wartete eine Weile, bis die vereinzelten Bemerkungen, welche hier und da unter der Menge laut wurden, verhallt waren. Dann erhob er seine Stimme und begann seine eigentliche Predigt mit den Worten:

»Als einst der Herr die Welt erschuf –«

Er wurde nochmals unterbrochen, denn einer der Zuhörer, der gern den Lustigmacher abgab, machte die Bemerkung, der Dominikaner fange recht gründlich an, worüber andre lachten und wieder andre durch laute Rufe Schweigen geboten. Der Mönch reckte seine hagere Gestalt in die Höhe und begann mit noch lauterer Stimme:

»Als einst der Herr die Welt erschuf, setzte er zuerst das große Licht, die Sonne genannt, zur Erleuchtung des Tages an das Himmelszelt und gebot ihr, daß sie des Morgens auf- und des Abends untergehen solle. Und so ist es geblieben bis auf diesen Tag. Fest ruht die Erde in ihren 41 Angeln und das Himmelslicht umkreist sie, wie ihr alle täglich sehen könnt. Wenn nun einer daher käme und euch sagte, ihr alle steht auf dem Kopfe, so dächtet ihr, der Mensch ist ein Narr, und wenn einer käme und behauptete, die Erde, auf der wir alle stehen, rollt und dreht sich um sich selbst, so denkt ihr wieder, es ist ein Narr, denn bei dem bloßen Gedanken daran ergreift uns ein Schwindel, weil ja der Boden unter unsern Füßen weichen müßte und wir das Gleichgewicht verlieren würden, wenn es wahr wäre, daß die Erde sich um sich selber dreht.«

Als er bis zu diesen Worten gekommen war, flüsterte Guido dem Freunde zu: »Merkst du, wo er hinaus will? Er zielt auf Galilei«; aber Bernardo winkte ihm, zu schweigen, denn er selbst war ganz Ohr und lauschte mit angehaltenem Atem.

Der Mönch fuhr fort: »Damit ist es nicht gethan, denn es ist nicht nur Narrheit, sondern auch Gotteslästerung, wenn Menschen sich erkühnen, solche Ansichten zu verbreiten. Bedenkt nur, die Erde, die Gott gegründet, damit sie feststehen soll, auf die er seine heilige Kirche aufgebaut hat, die soll, so behaupten übermütige, vom bösen Geist getriebene Menschen, um sich selbst rollen; die Sonne aber, so sagen jene Lästerer, steht still am Himmel. Merkt ihr den frechen Hochmut? Wer ist Herr und Knecht? Wem sollen Sonne und Erde zu Willen sein? Dem, der sie erschuf, oder diesen gelehrten Männern, die sich dem Schöpfer und seiner heiligen Kirche keck widersetzen. Gott offenbart sich nur durch die Kirche und von ihr empfangen dann die Menschen Belehrung. Aber es gibt Leute, die sich im Hochmut versteigen und mit frevelhaftem Sinn ohne Scheu des höchsten Herrn Gewalt und Rechte antasten wollen. Aber sie sollen dies nicht ungestraft wagen. Wir wollen es nicht dulden, daß unsre heilige Kirche schändlich gelästert wird, denn es ist jedes wahren Christen Pflicht, in solchem Kampfe für Gott zu streiten, weil eine größere Sünde niemand begehen kann, als die Auflehnung gegen die göttliche Ordnung.«

Der Redner machte eine Pause. Bernardo hatte alles um sich her vergessen; sein Auge blickte funkelnd nach dem Mönche hin; am liebsten wäre er ihm sofort entgegengetreten, aber Guido faßte die Hand des Freundes und flüsterte ihm zu, sich ruhig zu verhalten. Der Redner fuhr fort:

»Ihr denkt vielleicht: was geht uns alles dieses an? Aber glaubet nicht, daß euch die Sache fern liegt und wähnt euch auch nicht selbst frei von aller Schuld. Ist es nicht schon ein Unrecht, wenn man die Feinde Gottes 42 hegt und unter sich duldet? Nun denn, mitten unter euch leben diejenigen, welche solche Irrlehren verbreiten, und euer Zorn hat sie noch nicht zermalmt. Ich sage euch: wer Gottes Feinde haßt, der ist sein Freund, wer seine Gegner verfolgt, zeigt wahre Frömmigkeit, und wer sie austilgt, begeht ein wohlgefälliges Werk.«

Diese letzten Worte sprach er mit erhobener Stimme und starker Betonung. Die Zuhörer, von denen nur wenige wußten, um was es sich eigentlich handle, waren auf das Weitere gespannt, aber sie wurden abgelenkt, als sich ein kleiner Tumult in der Nähe der Rednertribüne erhob. Bernardo hatte sich nämlich dort vorgedrängt und vergeblich versuchte Guido ihn zurückzuhalten oder ganz vom Platze fort in eine Seitenstraße zu ziehen. Jener war für seine Ermahnungen taub und riß sich von ihm los, indem er rief:

»Lasse mich! Ich dulde es nicht länger, daß Heuchelei und Hinterlist das unwissende Volk bethört.«

Er hatte sich jedoch verrechnet. Das Volk kannte den Mönch und verehrte in ihm den geweihten Seelsorger. Es nahm sofort Partei für ihn gegen den fremden Störer. Man rief demselben zu, wenn ihm die Rede nicht gefalle, möge er sich entfernen; einzelne Weiber kreischten und meinten, der schöne Herr sei wohl auch ein Ketzer; fast wäre es zum Handgemenge gekommen, hätte der Mönch seine Stimme nicht noch lauter als vorher ertönen lassen.

»Doch daß ihr wißt«, fuhr er fort, »wer der Feind unsrer Kirche ist, vernehmt, wie schon die heilige Schrift ihn bezeichnet. Dort heißt es: Was steht ihr galiläischen Männer da und blickt zum Himmel? Diese Worte sind Weissagungen und sie deuten auf Galileische Männer, die hier in Florenz unter uns wohnen.«

Wiederum wollte Bernardo versuchen, den Mönch zu unterbrechen, aber die Menge umdrängte ihn und hielt ihn drohend zurück. Der Dominikaner war mit seiner Rede zu Ende und stieg von seinem Schemel herunter, den sein Begleiter wieder aufnahm. Ein Teil des Volkes scharte sich sofort um den Mönch, viele küßten ihm die Hand, andre baten um seinen Segen und wieder andre verlangten weitere Aufklärung über das, was er gesprochen hatte. Er verweigerte eine bestimmte Antwort, aber seine Ablehnung enthielt neue Winke, die auf die rechte Spur führten. Diejenigen, welche ihn befragt hatten, wendeten sich dann wieder an andre und so entstand bald ein lebhaftes Gespräch über die Bedeutung der Worte des Mönches.

44 »Habt ihr's wohl bemerkt«, sagte der eine, »auf was der fromme Bruder anspielen wollte? Er sprach von Galileischen Männern in Florenz. Das sind die Anhänger des Astronomen Galilei.«

»Also in der Bibel kommt der Name schon vor?« meinte ein andrer, »dann kann doch kein Zweifel sein, daß der Antichrist seine Hand dabei im Spiele hat. Diese Ketzer bringen uns noch alle ins Verderben.«

»Sehen wir nicht täglich mit eignen Augen, wie die Sonne im Osten aufgeht und im Westen wieder versinkt«, warf ein dritter ein, »wer das leugnen wollte, müßte doch ein Narr sein, und es ist nicht der Mühe wert, sich um solche Albernheiten zu erzürnen.«

»Das versteht ihr nicht«, sagte nun eine alte Frau; »der Galilei ist kein Narr und kein Dummkopf, sondern ein hochgelehrter Mann, der nichts behauptet, wovon er nicht überzeugt ist. Aber täusche ich mich nicht«, rief sie nun plötzlich, indem sie nach der Kirchenpforte blickte, wo eben Cäcilie heraustrat, »seht doch, wer kommt dort?«

Die Menge, welche sich auf der Treppe gelagert hatte, war nach und nach verschwunden, als der Mönch seine Rede geendigt hatte, und somit war der Ausgang aus der Kirche wieder frei geworden. Cäcilie ahnte nichts von dem, was vorgefallen war, aber eine gewisse Unruhe, die Folge ihres früheren Gesprächs mit Cassini, trieb sie nach Hause. Das Weib deutete nun auf sie hin und sagte:

»Das ist die Tochter des Galilei, von dem der fromme Bruder sprach, die ist es, die soeben hier vorbei kommt.«

In lebhafter Weise drängte nun das Volk heran und jeder wollte Cäcilie genau betrachten. »Des Ketzers Tochter«, sagte der eine; »die Galileerin«, rief ein andrer, und ehe Cäcilie selbst bemerken konnte, was um sie her geschah, wurde sie umringt und sogar von einzelnen Menschen schonungslos bedroht. Da sie den Schleier vor dem Gesichte trug, faßte die freche Hand eines gemeinen Weibes das zarte Gewebe an und riß es ihr vom Haupte.

Zu Tode erschrocken, fühlte sich das überraschte Mädchen fast einer Ohnmacht nahe und sie würde im nächsten Augenblicke zu Boden gesunken sein, wäre Bernardo nicht rasch hinzugesprungen, um sie in seinen Armen aufzufangen. Guido trat an seine Seite und da beide aus edlen Familien waren und den Degen an der Seite trugen, so wich die andrängende Menge sofort zurück. Zwar wurden Ausrufe, Drohungen und Fragen laut, wie die Herren dazu kämen, die Tochter des Ketzers zu beschützen, während 45 andre meinten, sie gehörten wohl auch zu den Galileern, aber doch wagte niemand, sich der Gruppe wieder zu nähern. Nachdem Cäcilie sich so weit erholt hatte, daß sie fest auf ihren Füßen stehen konnte, eilte sie zwischen den beiden jungen Künstlern zitternd ihrer Wohnung zu.

Bernardo Spinelli beschützt Cäcilie Galilei

Bernardo Spinelli beschützt Cäcilie Galilei.

Es bedurfte nur weniger Worte, um das junge Mädchen aufzuklären. Cäciliens bekümmertes Herz erriet mehr, als die beiden Männer ihr zu sagen vermochten. Bernardo befand sich in einer furchtbaren Aufregung. Er machte seinem Herzen Luft, indem er sich darüber aussprach, welche Niederträchtigkeit und welches schmähliche Unrecht es sei, mit solcher gewichtigen wissenschaftlichen Frage an den dumpfen Sinn des gemeinen Volkes und seine niederen Leidenschaften zu appellieren. Dann gelobte er, er wolle nicht umsonst Zeuge dieser frevelhaften Szene gewesen sein, alles werde er daran setzen, um dem hohen Geiste Galileis Gerechtigkeit zu verschaffen. Er werde seine Abreise verschieben, denn er halte es für seine heilige Pflicht, als Zeuge gegen den frechen Mönch aufzutreten, wenn es nötig und nützlich sein sollte.

Cäcilie hatte nichts gesprochen. Schaudernd bedachte sie, was aus ihr hätte werden können, wenn sie zwischen der tobenden rohen Volksmasse die Besinnung verloren hätte und ohne Schutz geblieben wäre. Sie schritt langsam und gesenkten Kopfes zwischen ihren beiden Begleitern dahin und es kostete sie die größte Anstrengung, sich aufrecht zu erhalten. Sie konnte daher im Augenblick kaum einen andern Gedanken fassen, als die fortwährende Besorgnis, daß nochmals ihr Bewußtsein sie hier auf offener Straße verlassen und sie zu Boden sinken könne. Sie flehte im Jammer zu Gott, sie davor zu bewahren, und sie atmete auf, als sie endlich an der Pforte ihrer Wohnung sich von den beiden Künstlern verabschieden und ihnen mit wenigen bewegten Worten Dank sagen konnte. Dann eilte sie zu der alten Hüterin des Hauses, die zugleich Mutterstelle bei ihr vertrat, und weinte sich dort aus, bevor sie sich entschloß, ihrem Vater von dem Geschehenen Mitteilung zu machen. 46

 


 


 << zurück weiter >>