Adolf Glaser
Masaniello
Adolf Glaser

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Salvatore Rosa findet seinen geblendeten Bruder Tebaldo

Salvatore Rosa findet seinen geblendeten Bruder Tebaldo.

Fünfzehntes Kapitel.

Der Aufruhr wird erstickt. Schluß.

Inzwischen hatte Salvatore Rosa seine Reise von Florenz über Rom nach Neapel so rasch als möglich beendet. Ganz Italien war in Erregung über die neapolitanische Revolution und überall vernahm man die abenteuerlichsten Gerüchte. Die Reise zur See war nicht ratsam, da eine Anzahl französischer Kriegsschiffe unter dem Befehle des Herzogs von Guise im Hafen von Piombino gegenüber der Insel Elba ankerte, um geeigneten Falls sofort nach dem Süden abzugehen.

Zu seinem größten Erstaunen erfuhr der Maler, daß sein Freund Masaniello von Amalfi an die Spitze des Volksaufstandes getreten war und als oberster Anführer der revolutionären Massen die höchste Gewalt in Neapel in Händen habe.

282 Mit fieberhafter Ungeduld beschleunigte er daher seine Reise, aber als er am Ziele derselben anlangte, fand er die Verhältnisse abermals vollkommen umgewandelt.

Er erfuhr die Ermordung des Masaniello, den man allgemein beschuldigte, daß er sich, durch seine Eitelkeit verblendet, zur voreiligen Unterwerfung dem Herzoge von Arcos gegenüber habe verleiten lassen, besonders aber sei der Ausbruch vollkommenen Wahnsinns die Hauptursache seiner Beseitigung gewesen.

In den ersten Tagen nach Masaniellos Tode hatte es geschienen, als werde die alte Ordnung vollständig wiederkehren, aber die Rädelsführer des Volkes erhoben bald aufs neue ihr Haupt und hielten die spanische Besatzung fortwährend in Furcht. Die Hauptvertreter des Todesbundes schürten unaufhörlich die Erregung, ohne in ihrer idealistischen Richtung eigentlich ein rechtes Ziel zu verfolgen.

Augenblicklich war Francesco di Toralto der Nachfolger Masaniellos, aber seine Stellung begann zu wanken, da eine spanische Flotte unter der Anführung des Don Juan d'Austria an der Einfahrt in den Golf bei der Insel Ischia erschienen und Toralto in den Verdacht geraten war, mit dem Prinzen in Verhandlung zu stehen. Gleich dem berühmten Don Juan d'Austria, dem Sohne Kaiser Karls V. mit der schönen Regensburger Bürgerstochter Barbara Blomberg, der beinahe hundert Jahre früher als spanischer Seeheld großen Ruhm erwarb, sollte auch dieser jüngere Don Juan d'Austria, der ein Sohn König Philipps IV. und der reizenden Schauspielerin Maria Calderon war, sich durch seine Tapferkeit zur See hervorthun, damit der König ihn später zu hohen Ehren aufsteigen lassen könne. Er war noch sehr jung, aber seine Schönheit, Kühnheit und Liebenswürdigkeit lebte bereits in jedem Munde.

Es war für Salvatore Rosa schwierig, sich in die neue Gestaltung der Dinge zu finden. Seine Freunde vom Todesbunde hofften noch immer auf den Sieg der republikanischen Partei, dagegen hatte das Volk bereits die Überzeugung gewonnen, daß es nur unter dem Schutze einer großen Macht die Spanier vertreiben könne, und man verbreitete die Ansicht, schon Masaniello habe mit dem Herzog von Guise in Verhandlung gestanden. Da die erste Auflehnung gegen die drückendsten Steuern von Erfolg gewesen war, wurde nun bald diese, bald jene Anforderung gestellt und dabei mit neuen Tumulten gedroht, so daß vorläufig gar nicht abzusehen 283 war, wie das alles enden sollte. Masaniellos Witwe war auf Befehl des Vizekönigs vorläufig in einem Kloster untergebracht worden, wo sie streng gehalten wurde und so gut wie im Gefängnis verwahrt war, damit sie nicht gelegentlich dem Volke als Mittel zur Erregung von Unzufriedenheit dienen könne.

Eine sehr hervorragende Rolle spielte Gennaro Annese, den man eigentlich als Masaniellos Nachfolger in der Volksgunst betrachtete und der nur dem Toralto hatte weichen müssen, weil letzterer der Kunst des Schreibens mächtig und überhaupt besser in die Geschäfte eingeweiht war.

Salvatore mußte zu seinem Kummer erfahren, daß sein Schwager Fracanzano tot war, seine Schwester mit ihren Kindern und die Mutter hatten sich auf das Land zurückgezogen, wo sie von dem Einkommen lebten, welches er ihnen schon früher zugewiesen hatte und nun vermehrte.

Eine große Beruhigung empfand er, als er sich überzeugen konnte, daß der Palast des Grafen Mendoza unversehrt geblieben war. Er vernahm auf sein Befragen, daß sowohl der Graf als auch seine Tochter Cornelia während der schlimmsten Tage der Revolution die Wohnung nur verlassen hatten, wenn ihre Pflicht sie in die Nähe der vizeköniglichen Familie rief. In der Ungeduld seines Herzens verlangte der Maler, dem Grafen und seiner Tochter gemeldet zu werden, ohne zu überlegen, daß er durch diesen Schritt notwendigerweise die Meinung erwecken mußte, seine Sympathie gehöre den Spaniern.

Er wurde denn auch vom Grafen mit warmen Händedrücken, von Cornelia mit leuchtenden Blicken empfangen und sein Herz schlug mächtig, als er bemerkte, welche vorteilhafte Veränderung mit dem jungen Mädchen vorgegangen war. Das zarte schüchterne Geschöpf war inzwischen zu einem voll entwickelten Weibe erblüht, ihre Gestalt schien größer, ihre Züge energischer, und es war offenbar, daß ihre äußere Erscheinung durch die Seelenkämpfe, welche sie glücklich hinter sich hatte, erst zur vollen Reife gekommen war.

Man setzte, sich und der Graf begann mit herzlicher Freundlichkeit das Gespräch.

»Ihr seid zurückgekommen«, sagte er, »in einem Augenblicke, wo der blutige Karneval dieser entsetzlichen Katastrophe zu Ende ist und Ruhe und Ordnung wiederkehren. Ihr dürft dem Himmel danken, daß er Euch den Anblick so vieler Greuelszenen erspart hat. Roheit und Wahnsinn hatten 284 sich das Zepter angemaßt, aber die Vorsehung hat alles glücklich gewendet und wir können wieder mit Zuversicht und frohem Mute in die Zukunft blicken.«

»Ihr seid ohne Zweifel von allem unterrichtet, was inzwischen hier vorfiel«, setzte Cornelia hinzu; »der unglückliche verblendete junge Mensch, den der Zufall zum Haupte der Rebellen machte, ist tot und seine arme Frau lebt vorläufig wenigstens in Sicherheit. Ich habe sie nicht aus dem Gesicht verloren und werde thun, was ich kann, um ihr Los zu mildern. Niemand wird länger zweifeln, daß nur irrige Ansichten und böswillige Aufhetzungen diese ganze furchtbare Katastrophe bewirkt haben; die Werkzeuge waren arme unwissende Menschen, aber die Lenker wird Gott strafen. Ihr habt indessen nur Eurer Kunst gelebt und gewirkt und werdet uns gewiß viel zu erzählen wissen von Eurer Reise und den Werken, die Ihr inzwischen geschaffen. Ist erst die Ordnung völlig hier in Neapel wieder hergestellt, sind die Thränen getrocknet, welche der Verlust so manches teuren Menschen hervorgerufen hat, dann werden wir auch hier wieder die Segnungen des Friedens kosten und uns an den schönen Werken der Kunst erfreuen können.«

Salvatore fühlte, wie sein Herz sich krampfhaft zusammenzog.

»So sehr ich mich freue«, sagte er, »daß Ihr, Herr Graf, und Eure edle Tochter die schwere Zeit der Bedrängnis glücklich überstanden habt und mit Freudigkeit in die Zukunst blickt, kann ich doch Eure Zuversicht nicht teilen. Mich trieb die Liebe zu meiner Vaterstadt hierher, denn wie man in die Nähe eines teuren Angehörigen eilt, wenn eine schwere Krankheit ihn betroffen oder sonst eine Gefahr ihm droht, so fand ich nicht Ruhe noch Rast, bis ich wieder in Neapel war. Aber ich sehe die Verhältnisse hier noch immer in großer Verwirrung und wenn mich nicht alles täuscht, kann es wieder einmal zu einem langwierigen Kriege um dies paradiesische Stück Erde kommen. Ihr wißt doch ohne Zweifel, daß französische Schiffe unter dem Befehl des Herzogs von Guise sich der Stadt nahen?«

»Er wird nicht wagen«, entgegnete der Graf, »so nahe zu kommen, daß die spanische Flotte, die bei Ischia ankert, ihm gefährlich werden kann, denn unser junger Seeheld Don Juan würde dem französischen Herzog die Gelüste nach der Herrschaft in Neapel bald zu vertreiben wissen.«

Der Maler überlegte eben, was er hierauf erwidern könne, ohne die Eigenliebe des Spaniers zu verletzen und doch auch ohne seine eigne Ansicht zu verleugnen. Mit tiefem Schmerze sah er ein, wie viel größer die 285 Kluft geworden war, die ihn von Cornelien trennte und er bereute, nach Neapel zurückgekehrt zu sein.

Aber während er noch sann, hatten sich Stimmen auf der Straße vernehmen lassen, die deutlich bewiesen, daß sich wieder irgend ein ungewöhnliches Ereignis im Volke zutrug oder vorbereitete. Wilde Rufe erklangen, immer lauter und gellender erscholl das Geschrei von vorübereilenden Haufen und es war im Augenblicke nicht an die Fortsetzung eines ruhigen Gesprächs zu denken. Der Graf eilte in ein Nebenzimmer, um sich nach der Ursache des Tumultes zu erkundigen. Salvatore blieb mit Cornelia allein, und da er sah, wie letztere keine Spur von Furcht verriet, wenngleich sie mit gespannter Erwartung auf nähere Auskunft harrte, konnte er nicht umhin, ihr seine Bewunderung ihrer Fassung wegen auszusprechen.

Sie blickte ihn an. Ihre Wangen waren gerötet und ihre Augen leuchteten.

»In der Gefahr wächst der Mut«, sagte sie rasch, »und ich habe erst in diesen letzten Wochen kennen gelernt, was dieses Wort bedeutet. Ihr habt mich früher nicht von dieser Seite gekannt, aber Ihr werdet hoffentlich nicht denken, daß in den großen Fragen, welche über die Geschicke der Völker entscheiden, dem Weibe kein Urteil zustehe? Können wir denn nicht lieben und hassen? Ich bin Spanierin und liebe diejenigen, welche sich unsrer Sache weihen, während ich unsre Gegner leidenschaftlich hasse. Geht jetzt, Sennor Salvatore, und seht zu, was sich in Neapel augenblicklich begibt. Ihr kennt meine Meinung und werdet mir zutrauen, daß die furchtbaren Erlebnisse der letzten Zeit die Kraft meiner Seele nur noch gestählt haben. Ihr habt uns aufgesucht, und ich nehme dies als ein gutes Zeichen. Jetzt ist die Zeit des raschen, entschiedenen Handelns gekommen. Entsagt jenen Verbindungen, die so viel Unheil über Neapel gebracht haben. Wenn Ihr wiederkehrt in dieses Haus, so betrachte ich Euer Erscheinen als einen Beweis, daß Ihr zur Partei meines Vaters gehört.«

Salvatore verneigte sich schweigend und wollte sich entfernen, aber eben kam der Graf zurück und brachte in großer Erregung die Nachricht, das Volk habe sich aufs neue empört; man habe das wunderthätige Kruzifix aus der Kirche Maria del Carmine nebst der Statue der Madonna auf den Marktplatz getragen, um sich des Schutzes dieser Heiligtümer zu versichern; Francesco Toralto sei ermordet und die allgemeine Meinung gehe dahin, daß das Volk mit den Franzosen fraternisieren wolle. Zum 286 Schluß sprach der Graf die Überzeugung aus, die Gefahr sei für die Spanier nicht so groß als in den ersten Tagen der Rebellion, da der Kampf bereits nicht mehr innerhalb der Stadt zum Austrag kommen werde. Dagegen seien gerade jetzt die politischen Anschauungen weit gereizter als in jener Zeit. Deshalb ordnete der Graf an, daß die Thore des Palastes geschlossen, sonst aber keine Vorkehrungen getroffen werden sollten.

Salvatore Rosa, der vor innerer Erregung so blaß geworden war wie ein Toter, verabschiedete sich rasch von dem Grafen und seiner Tochter und eilte nach dem Marktplatz. Für ihn gab es jetzt keine Rücksicht auf seine Sicherheit mehr, je größer die Gefahr, um so willkommener war es ihm. Hier die Spanier, dort die Franzosen, aber für Neapel und ihn blieb keine Hoffnung.

Er kam auf den Marktplatz und fand dort alles bestätigt, was der Graf gesagt hatte. Toralto war ermordet und sein Kopf steckte auf einer Pike, das Volk hatte bereits seinen Nachfolger erwählt und dieser war kein andrer als Gennaro Annese, der Freund Masaniellos, ein Fischer wie dieser.

Salvatore sah ihn und schüttelte ihm als alter Bekannter die Hand. Er war abermals erstaunt über die Veränderung, welche in so kurzer Zeit im Aussehen auch dieses Menschen vorgegangen war. Gennaros Züge waren scharf geworden, die Augen lagen tief und er schien um Jahre gealtert. An Kenntnissen war er gewiß seinem Freunde Masaniello in keiner Weise überlegen, auch fehlte ihm der Zauber, welcher im Blick und in der Stimme des ersten Volksanführers so hinreißend zu Tage trat, aber sein nüchterner Verstand bewahrte ihn auch wieder vor Übereilungen und vor den Schlingen der Eitelkeit. Er trug eine phantastische Kleidung, die etwas vollständiger war als diejenige der Fischer und doch weit von der spanischen Mode entfernt. Im Gürtel hatte er mehrere Pistolen und sein scheuer Blick sowie die Unruhe seines Wesens verrieten deutlich, daß er fortwährend um sein Leben besorgt war.

Salvatore hielt sich zurück, denn er war durchaus nicht gesonnen, den Plänen des Herzogs von Guise in die Hände zu arbeiten. Er wollte es abwarten, bis der Zufall ihn mit seinen früheren Freunden zusammenführe, denn sein Geist sah zu klar und sein Herz war viel zu bewegt, um ihn zu freudiger Teilnahme an den Vorgängen zu begeistern. So trieb er sich einige Tage in seiner Vaterstadt umher und beschränkte sich darauf, die Ereignisse zu beobachten.

287 Seine Anwesenheit konnte jedoch nicht verborgen bleiben, und es währte nicht lange, so redete ihn Aniello Falcone auf der Straße an. Die Begrüßung von seiten dieses fanatischen Todesbündlers war keine besonders herzliche, denn man verdachte es Salvatore Rosa, daß er seit seiner Aufnahme in den Bund sich von Neapel ganz fern gehalten und nur seine persönlichen Zwecke im Auge gehabt hatte. Als Falcone jedoch erkannte, mit welcher unveränderten Gesinnung Salvatore an der gemeinsamen Vaterstadt hing, forderte er ihn auf, einer Zusammenkunft des Bundes an demselben Abend beizuwohnen.

Bei der großen Gefahr, welche dem Bunde in der Stadt selbst drohte, hatte man als Ort der Versammlungen das Kloster Camaldoli erwählt, welches hoch über dem Vomero liegt. Dort befindet sich die Klosterkirche und jeder der in ganz weiße Kutten gehüllten Mönche hat sein eignes kleines Häuschen nebst einem Gartenfleck.

Salvatore nahm an der Versammlung schweigend teil. Sein Herz zuckte schmerzhaft, als er die vielen begeisterten und schwärmerischen Reden vernahm. Unten verblutete das unglückliche Volk, drüben, wo die Insel Ischia im Abendrot leuchtend auf der herrlichen Meerflut schimmerte, erwartete die spanische Flotte den geeigneten Moment, um die Stadt mit Gewalt zu bezwingen, und hier wurden schwungvolle Worte verschwendet, die nur dem eignen Drange der Sprecher Genüge thaten.

Der tiefbewegte Maler trat an den Bergvorsprung, von welchem dem entzückten Auge der schönste Blick über den Golf von Neapel sich erschließt. Die Inseln Capri, Nisida, Procida und Ischia tauchten in der Glut des Abendrotes aus den dunklen Wellen, dort ragte der Vesuv, zu dessen Füßen Portici und die Nachbarorte bis zur Küste von Sorrent sich lagern. Weiter erblickt das Auge Bajä, von Horaz so oft in seinen Oden besungen, das Thal am Kap Miseno, wo Neros Mörder seine Mutter auf Befehl des grausamen Sohnes töteten, und die Küste, an welcher zu derselben Zeit der Apostel Paulus landete, um der im Niedergang begriffenen Weltstadt Rom das neue Evangelium der Menschenliebe zu bringen. Welche Eindrücke! Welche Erinnerungen! Und als die Versammlung sich heimwärts begab, den malerisch gewundenen Bergpfad mit den herrlichen Ausblicken hinab, am Grabe des Dichters Vergil vorüber, da war es Salvatore, als müsse das Herz ihm zerspringen vor Leid um die schöne unglückliche Heimat.

Bald darauf hatten sich die Franzosen bei der Insel Procida festgesetzt 288 und die Verhandlungen zwischen den Vertretern des Herzogs von Guise und dem Generalkapitän des neapolitanischen Volkes Gennaro Annese nahmen einen günstigen Verlauf. Als ein Sprößling des Hauses Anjou hoffte der Herzog seine Ansprüche auf Neapel durch Erbrecht begründen zu können, und es währte seinem Ehrgeize schon fast zu lange, bis er sein Ziel erreichte. Kardinal Mazarin hatte ihm abgeraten, sich persönlich an der Expedition zu beteiligen, weil dem staatsklugen Blicke des Ministers das Unternehmen aussichtsloser erschien als dem heißblütigen Prätendenten, der darauf bestand, sich den Rebellen aufzudrängen.

Die Sache kam so weit, daß der Herzog von Guise sich heimlich zur persönlichen Verhandlung mit Gennaro in Neapel einfand. Aber die Zusammenkunft des verwöhnten französischen Prinzen mit dem ungebildeten Plebejer hatte keinen guten Erfolg. Wie sein Vorgänger Masaniello, so war auch Gennaro ein Mensch von völlig unentwickeltem Geiste und plumpen Manieren. Verstimmt zog sich der Prinz auf seine Schiffe zurück. Gennaro aber, welcher mit seinem nüchternen Verstande sehr wohl begriffen hatte, daß der Franzose dem neapolitanischen Volke nur in eigennütziger Absicht seine Protektion zuwenden wollte, brach alle Verhandlungen mit den Geschäftsträgern des Herzogs von Guise sofort ab. Die französischen Schiffe segelten darauf der größeren Sicherheit wegen nach dem Hafen von Salerno. Gennaro würde sich gern mit Don Juan d'Austria verständigt haben, hätte er dies dem Volke gegenüber wagen dürfen.

In dieser kritischen Lage war es dem Generalkapitän ein wahrer Trost, als sich ihm der Maler Salvatore Rosa wieder näherte. Ihn kannte er besser als alle übrigen Mitglieder des Todesbundes und ihm vertraute er unbedingt. Mehrmals waren sie nun schon zu Besprechungen der Lage zusammengekommen, und obgleich er einsah, daß unter einer solchen Führung kaum auf ein gutes Ende zu hoffen sei, wollte er doch ausharren bis zu irgend einer Entscheidung.

Eines Tages kamen die beiden Männer zufällig im Gespräch auf jenen Morgen zurück, wo sie sich zuerst am Gestade des Meeres kennen gelernt hatten. Es beschlich beide ein wehmütiges Gefühl bei der Überlegung, was sie inzwischen alles erlebt hatten und daß sie eigentlich dem Ziele ihrer patriotischen Schwärmerei kaum näher gerückt waren. Wenn der einfache Sohn aus dem Volke auch ganz anders über die Sachlage dachte, wie Salvatore Rosa, so fühlte er doch gleichfalls, daß der rechte Weg zum Ziele 289 nicht gefunden sei. Die ihm zugefallene ungeheure Aufgabe, welcher er in keiner Weise gewachsen war, hatte ihn zwar nicht zum Wahnsinn wie seinen Vorgänger Masaniello, wohl aber zu einer fieberhaften Angst und Unruhe gebracht, welche ihm des Nachts den Schlaf raubte und ihn keinen Bissen und keinen Trunk genießen ließ, ohne daß er befürchtete, man suche ihm Gift beizubringen.

Während sie so in Erinnerungen verloren von jener ersten Begegnung sprachen, blitzte es plötzlich in Gennaros Augen auf und er sagte:

»Die Last der Geschäfte und die Gewalt der Ereignisse nimmt uns nach und nach jedes Interesse für persönliche Angelegenheiten. Wie oft habe ich gewünscht, Euch wiederzusehen, um Euch eine Mitteilung zu machen, die, an sich trauriger Art, vielleicht doch wertvoll für Euch ist. Und nun verkehre ich seit Tagen mit Euch, und wäre nicht zufällig unser Gespräch auf jenes erste Zusammentreffen gekommen, wer weiß, ob meine wirren Gedanken jemals wieder zu jenem Ereignis zurückgekehrt wären. So hört denn: Ihr entsinnt Euch, daß Ihr damals von jenem Liede spracht, welches die Mutter Euch und die Brüder gelehrt und das Ihr gewissermaßen wie ein Familienheiligtum betrachtet habt. Ihr wißt, daß ich die einfache Melodie nicht vergessen konnte. Nun denn, jenes Lied habe ich vor einiger Zeit wieder gehört, und da ich es nur in diesem einzelnen seltsamen Falle vernahm, wußte ich sofort, daß es dasselbe sei, und erinnerte mich augenblicklich, wie Ihr es mir damals vorgesungen hattet.«

Salvatore sah überrascht auf. »Das ist merkwürdig«, sagte er, »es kann ein bloßer Zufall sein, aber es wäre auch möglich, daß ich auf diese Weise die Spur meines verlorenen Bruders Tebaldo wiederfände. Gebe Gott, daß es keine neue Täuschung ist, denn schon einmal erhielt ich Kunde über ihn, aber seine Spur verschwand dann wieder völlig.«

»Ich weiß nicht, was ich in diesem Falle zu Eurem Besten wünschen soll«, entgegnete Gennaro, »aber unter allen Umständen will ich Euch meine Wahrnehmung mitteilen und Ihr könnt dann selbst nachforschen. Verfügt Euch nach Portici und begebt Euch dort zur Kirche Santa Maria von Konstantinopel. Dort, vor dem Portale, das seit der Erstürmung beim Beginn unsrer Revolution wieder völlig hergestellt ist, vernahm ich das Lied aus dem Munde eines Mannes, der wohl noch daselbst zu finden sein wird, wenn die letzten Ereignisse ihn nicht verscheucht haben.«

»Eines Bettlers?« schrie Salvatore in schmerzlichem Erstaunen auf.

290 »Macht Euch auf das Schlimmste gefaßt«, erwiderte Gennaro, »denn ich wiederhole Euch, daß ich nicht entscheiden mag, ob es besser wäre, wenn Ihr ihn gar nicht mehr fändet.«

»Wenn er lebt, danke ich unter allen Umständen Gott, der mich ihn wiederfinden ließ«, versetzte Salvatore, der nun ganz von dem einen Gedanken an den verlorenen Bruder beherrscht wurde und daher für nichts andres mehr Sinn hatte. Er verabschiedete sich von Gennaro und trat sofort den Weg nach Portici an.

Verwundert blickten die zahllosen Gruppen von Landleuten, die zu Fuß oder mit Maultieren nach der Stadt zogen, auf den eilig dahinschreitenden Wanderer, der nichts von dem malerischen Gewühl umher bemerkte und weder den links majestätisch aufragenden Vesuv mit seiner Rauchgarbe beachtete, noch rechts sein Auge auf der herrlichen Flut des Meeres ruhen ließ. Ein einziger Wunsch beherrschte ihn, und wenn er auch kaum erwartete, den Bruder sofort zu finden, so genügte ihm schon die entdeckte Spur, um die Möglichkeit der Wiedervereinigung sich auszumalen. Lebte derselbe im Elend, er wollte ihn daraus befreien, war er krank und verkommen, er wollte ihn heilen lassen und aufrichten. Solche Menschen wie Gennaro halten es für eine Schande, wenn jemand zerlumpt ist und betteln muß, aber das alles kann ja sofort geändert werden, und glücklicherweise lag es in Salvatores Macht, dem armen Bruder die Mittel zu gewähren, deren er bedurfte.

So näherte er sich der bezeichneten Kirche und schon von weitem sah er, daß zu beiden Seiten des Portals, wie es überall im Lande Sitte war, sich Krüppel und Bettler befanden, welche, teils von Alter gebeugt, teils von Leiden geplagt, auf das Mitleid der frommen Kirchgänger hofften.

Er konnte sich nicht täuschen, dort saß der junge Mann, der sein Bruder sein konnte; er hielt die Laute im Arm und sang, aber noch konnte der Maler nicht verstehen, welche Worte und zu welcher Melodie er sie vortrug.

Neben dem jungen Manne kauerte am Boden ein Kind, ein kleines Mädchen, das sich offenbar langweilte und gierig an einer Orange saugte.

Salvatore eilte auf den jungen Mann zu, aber nun stockten seine Schritte, denn er vernahm eine Stimme, deren wunderbar ergreifender Klang ihm das innerste Herz berührte. Und was er hörte, war das Lied der Mutter, ja, es waren wirklich ohne jede Frage die einfachen Verse, 291 deren Sinn und Klang vielleicht für jeden andern Hörer ohne besondere Wirkung waren, ihn aber bis in das tiefste Mark ergriffen.

Das Kind sah den herannahenden Fremden, es schaute neugierig und auf eine Gabe hoffend auf; auch die andern Bettler bemerkten ihn und sprachen ihre Gebete lauter oder wendeten sich mit flehenden Bitten an den Ankömmling, wie es der Brauch war. Auch der junge Mann erhob den Kopf und nun kam es über Salvatore mit plötzlichem Erkennen. Ja, es war jener junge Mann, den er damals beim Begräbnis Cornelia Cortesis zuerst gesehen, den er seitdem mit seinem Haß verfolgt, der ihn dann beim Wiedersehen am Palaste des Grafen Mendoza zur Wut gereizt, den er in der Gewalt der Räuber gelassen, und von dem er nicht nur sofort unzweifelhaft wußte, daß er sein Bruder, sondern auch, daß er bejammernswerter sei als seine Phantasie ihn sich hätte denken können, denn der Unselige war des Augenlichts beraubt und saß da in der entsetzlichen Nacht der Blindheit.

Mochte der Maler auch in seinem Leben schon vieles Bittere erfahren, mochte auch das Wiedersehen Corneliens und die Ereignisse der letzten Tage sein Gefühl für menschliches Leiden etwas abgehärtet haben, hier trat ihm der Jammer eines unglücklichen teuren Menschendaseins so unmittelbar ans Herz, daß er überwältigt wurde und alle seine Fassung verlor. Mit dem Schmerzensruf: »Mein Bruder! Mein unglücklicher Bruder!« fiel er vor dem wieder Aufgefundenen auf die Kniee, schlang seine Arme um ihn und suchte ihn an sich zu ziehen.

Erschreckt und im höchsten Grade überrascht, wußte der Blinde nicht, wie ihm geschah, ein Zittern überlief seinen Körper und seine Gesichtsmuskeln zuckten vor Erregung. Er betastete die Haare und das Gesicht des vor ihm knieenden Mannes und es währte lange Zeit, bevor er aus Ausrufen, aus Fragen und Antworten nur erst notdürftig einen Teil der Wahrheit begriff.

Das Kind, welches an der Seite des Blinden am Boden gesessen hatte, war inzwischen davongelaufen und es währte nicht lange, so kam dasselbe in Begleitung einer Frau zurück, welche alsbald große Klagen anhub und unter lautem Weinen die Hoffnung aussprach, man werde ihr doch den Tebaldo nicht nehmen wollen, der ihr einziger Trost und ihre letzte Stütze sei. Obgleich Salvatore vorläufig nicht wissen konnte, in welchem Verhältnis sein Bruder zu dieser Frau stand, erbot er sich doch sofort, für 292 allen Schaden einzustehen, den sie etwa erleiden könne, aber von seinem Bruder werde er sich unter keinen Umständen wieder trennen und nicht zugeben, daß derselbe auch nur einen Augenblick länger in diesem erbarmungsvollen Zustande verharre. Beim Anhören dieser Worte klammerte sich Tebaldo mit den Händen an des Bruders Arm und gab durch wenige Worte zu verstehen, daß er überglücklich sei, mit demselben gehen zu können und durch ihn aus dieser jammervollen Lage erlöst zu werden. Salvatore hatte reichlich Geld mit sich genommen und er konnte das heulende Weib daher vorläufig zum Schweigen und zur Einwilligung bringen, auch sah sie recht wohl ein, daß sie nichts gegen die Ansprüche des Bruders ausrichten konnte.

Der Maler brachte seinen wiedergefundenen Bruder nun in seine Wohnung und sorgte dafür, daß derselbe von seinen eignen Kleidern anzog, sich durch Speise und Trank erquickte und überhaupt körperlich erholte.

Nur nach und nach und ganz gelegentlich ließ er sich von dem Ärmsten alsdann dessen Schicksale mitteilen. Aus Rache hatten die rohen Briganten unter Anführung des schwarzen Beppo damals den unglücklichen Tebaldo tagelang mit sich in der Wildnis umhergeschleppt und als sie darauf befürchteten, daß er sie doch über kurz oder lang in Verdacht bringen und verraten könne, verlangten einige derselben seinen Tod. Aber Beppo meinte, er habe versprochen, der junge Mann solle seinen Vater nicht wiedersehen, aber das Leben werde er ihm schenken. Darauf hatten sie ihn grausam geblendet, ihn noch einige Tage mit sich fortgeführt, so daß er gar nicht mehr wußte, wo er sich eigentlich befand, und endlich hatten sie ihn jener Frau überliefert, deren Mann vor einigen Jahren als Bandit gefangen und gehängt worden war. Beppo, der die Begabung Tebaldos für Gesang und Lautenspiel kennen gelernt hatte, wollte damit für den Unterhalt der Frau sorgen, denn von nun an mußte der arme Blinde, der sich nicht selbst befreien konnte und niemand fand, dem er sich mitteilen durfte, mit andern Bettlern und Krüppeln am Portal der Kirche Santa Maria zu Portici von frommen Leuten milde Beiträge sammeln. Sein Lautenspiel und sein Gesang schützten ihn wenigstens davor, daß er gleich den andern Bettlern geradezu Gaben hätte verlangen müssen; das Kind hielt sich immer bei ihm auf, nahm die Geschenke in Empfang und führte ihn des Abends nach Hause.

Was der feinfühlende, im Hause des Grafen Mendoza an alle Bequemlichkeiten des Lebens und geistige Förderung gewöhnte junge Mann 293 bei diesem traurigen Dasein litt, wie seine Tage in Kummer und anfangs oft auch in Verzweiflung vergingen, war herzzerreißend für den Bruder zu hören; nach und nach hatte sich Tebaldo in sein Schicksal ergeben und betrachtete dasselbe als eine Fügung Gottes zum Heile seiner Seele. In der ersten Zeit hatte er Tag und Nacht darüber gegrübelt, auf welche Weise er dem Grafen Mendoza ein Lebenszeichen geben könne, aber zuletzt hatte sich in ihm die Idee ausgebildet, sein jetziger Zustand sei eine Art Vergeltung dafür, daß er so lange Zeit unberechtigt im Hause eines spanischen Großen gelebt und also gewissermaßen die Vorteile mit genossen habe, welche die Feinde seines Vaterlandes auf Kosten der Neapolitaner sich schufen. Führte ihn seine Phantasie zu jener Zeit zurück und malte ihm die Stunden, die er in Gesellschaft Corneliens und ihres Vaters verlebt hatte, in ihrer ganzen Glückseligkeit auf, so mußte er sich gegen diese Gedanken wie gegen Versuchungen wehren und Schutz und Hilfe in inbrünstigem Gebete suchen. Als letzter einziger Trost war ihm in der schwersten Trübsal das kleine Lied der Mutter geblieben, das er stündlich sang, in der leisen Hoffnung, der Himmel möge einmal jemand von seinen Geschwistern oder Verwandten des Weges führen. Und seine stille Sehnsucht war nun erfüllt, sein Gebet erhört worden.

Salvatore war tief erschüttert. Zwar wußte er im Augenblicke nicht, was er mit seinem Bruder beginnen werde, aber das eine war klar bei ihm, daß er denselben nie verlassen und alles aufbieten werde, ihm das traurige Los der Blindheit möglichst erträglich zu gestalten. Er bemerkte bald, daß Tebaldo nicht nur eine ungewöhnlich schöne Stimme, sondern auch große musikalische Fähigkeiten besaß. Wenn der Blinde sang, war es, als sprächen alle Schmerzen, die er gelitten, aus den ergreifenden Tönen und ein unsagbares Etwas machte seinen Gesang geradezu unvergleichlich. Darauf gründete Salvatore seinen Plan, aber vorläufig traten wieder andre Ereignisse zwischen diese Gedanken und ihre Ausführung.

Seitdem das französische Geschwader mit dem Herzoge von Guise nach Salerno abgesegelt war, hatte der spanische Befehlshaber Don Juan d'Austria alle Rücksichten gegen die Neapolitaner fallen lassen und drängte nun auf Entscheidung. Man war in Spanien überzeugt, daß die gutmütige Schwäche des Herzogs von Arcos die größte Schuld an der Ausbreitung der Revolution trug, denn der Meinung aller dortigen Granden nach hätte er den Masaniello mit der Folter und dem Rade und ganz Neapel mit 294 Feuer und Schwert bestrafen müssen. Es sollte nun nicht länger gezögert werden, seinen Fehler gut zu machen und die Rebellen mit aller Energie niederzuwerfen.

Gennaro Annese befand sich in einer sehr schwierigen Lage. Er selbst und die besonnenen Elemente im Volke würden bereit gewesen sein, die Stadt dem jungen Seehelden zu übergeben, unter der Bedingung, daß die in den ersten Tagen des Aufstandes bewilligten Vorrechte anerkannt würden. Aber ein großer Teil des Volkes und im Anschluß daran die Mitglieder des Todesbundes wollten von Nachgiebigkeit nichts wissen, und somit blieb nichts andres übrig, als Gewalt gegen Gewalt zu versuchen.

Don Juan d'Austria kommandierte den Angriff auf die Stadt und da derjenige Teil des Hafens, wo die Schiffe landeten, zugleich vom Kastell St. Elmo beherrscht wurde, woselbst die spanische Besatzung mit ihren Kanonen dominierte, konnte die Ausschiffung der Truppen ohne ernstliche Gefahr bewerkstelligt werden.

Nun begann ein Straßenkampf, wie man ihn sich nicht furchtbarer denken kann. Die gemeinsame Gefahr vereinte die verschiedenen Richtungen in der Stadt, und im Angesichte des nahen Todes schwiegen zwischen den Volksparteien die Leidenschaften des Hasses und der Eifersucht. Es gab nur auf der einen Seite Neapolitaner und auf der andern Spanier, bei denen sich allerdings deutsche Hilfstruppen befanden, welche Don Juan mitgebracht hatte. Jeder Schritt, den die Spanier vorwärts thaten, kostete Ströme neapolitanischen Blutes. Was an Waffen in der Stadt aufzutreiben war, hatte das Volk unter sich verteilt, und wenn die spanischen Soldaten auch besser eingeübt waren, so standen auf seiten der Neapolitaner die Todesverachtung und der Mut der Verzweiflung. Selbst Frauen kämpften in den Reihen derselben. Das Volk verschanzte sich in den Kirchen und es gab keine Rücksicht mehr auf die geheiligten Stätten.

Am schlimmsten tobte der Kampf selbstverständlich in der Nähe des Hafens, namentlich in dem volkreichen Stadtteile Santa Lucia.

Um die Volksmassen einigermaßen in Ordnung zu halten, hatten sich die Anführer zu Pferde mitten in den Kampf gewagt und mit Gennaro Annese und Aniello Falcone sah man auch Salvatore Rosa hoch zu Roß im dichtesten Haufen tapfer kämpfend. Das Volk kannte den berühmten Maler und sein Anblick rief überall neuen Mut, neue Begeisterung wach.

Aber alles war vergeblich. Immer mehr drängte der Feind die Kämpfer 295 nach dem Innern der Stadt zurück, und da die befestigten Höhen im Hintergrunde Neapels in den Händen der Spanier waren, die dort ihre Geschütze aufgepflanzt hatten, so befand sich das unglückselige Volk in einer entsetzlichen Lage. Es wurden Häuser und Paläste niedergerissen, um sich hinter den Schutthaufen verschanzen zu können.

So waren bereits viele Paläste in Trümmer gelegt und über diese hinweg rückten die Spanier immer weiter vorwärts. Einen Augenblick schien es, als wolle sich der Kampf nach der Straße wälzen, in welcher der Palast des Grafen Mendoza sich befand, aber es gelang Salvatore, die Richtung der rückwärts drängenden Masse abzulenken.

Da bemächtigte sich nach vielen Stunden tapferer und verzweiflungsvoller Gegenwehr endlich das entsetzliche Gefühl, daß alles verloren sei, der Herzen des Volkes. Die Tapfersten lagen erschlagen, viele waren verwundet, andre in Gefangenschaft geraten und so verließ zuletzt die Kämpfenden der Rest von Mut. Sie flüchteten in die Kirchen und Klöster, schlossen sich dort und in ihren Häusern ein und überließen das Feld den siegreichen Spaniern.

Diese besetzten sofort alle Wachen, worauf Don Juan d'Austria unter Trommelschlag eine Proklamation erließ, nach welcher die furchtbare Katastrophe ihr Ende erreicht hatte.

Unter den Toten befanden sich die Maler Lanfranco und Aniello Falcone, unter den Gefangenen Gennaro Annese und unter den Verwundeten Salvatore Rosa.

Befreundete Hände hatten den letzteren noch rasch in ein Haus gerettet, wo ihm ein erster Verband zu teil wurde. Die Wunde war ungefährlich und hatte ihn nur im ersten Augenblicke betäubt und kampfunfähig gemacht. Sein Schmerz über den unglücklichen Ausgang des Gefechts war größer als das Leiden, welches ihm die Verwundung bereitete. Von Blutverlust erschöpft, mußte er gegen seinen Willen bis zum Einbruch der Nacht an seinem ersten Zufluchtsorte weilen, dann gelang es ihm, verkleidet nach seiner eignen Wohnung zu kommen, wo sein Bruder in fieberhafter Angst auf den Ausgang des Kampfes gewartet und schon die Hoffnung aufgegeben hatte, ihn jemals wieder in seine Arme schließen zu können. Die Freude des armen Blinden, als er den kaum wiedergefundenen Bruder aus der furchtbaren Gefahr zurückkehren hörte und an seine Brust drücken konnte, gab Salvatore in diesem Augenblicke den mächtigsten Trost. Der sonst hoffnungsvolle 296 gefeierte Künstler würde vielleicht jetzt, wo die Welt seiner Ideale in Trümmern lag, schwer einen Halt gegen die Verzweiflung gefunden haben, hätte ihn nicht die Pflicht, für seinen hilflosen Bruder sorgen zu müssen, noch an das Leben gefesselt.

Aber nun galt es, nicht zu zögern. Die Wunde brannte, aber der Verband war fest und die Kraft reichte noch aus. Fand man ihn in den nächsten Tagen in der Stadt, so war er in der größten Gefahr, denn sein Name stand jedenfalls längst auf der Liste der Verurteilten. Eilig wurde zusammengerafft, was ohne allzugroße Beschwerde mitzunehmen war und dann ging es hinaus nach Resina und Portici, wohin die Flüchtlinge in ganzen Haufen strömten.

An eine Verfolgung war vorläufig nicht zu denken, dazu machte die notwendige Ordnung in der inneren Stadt dem Sieger noch zu viele Sorgen. Was von Kähnen und Barken aufzutreiben war, wurde von den Flüchtlingen in Beschlag genommen. Jammern und Wehklagen ertönten überall. Dort suchten Weiber ihre Männer, hier Kinder ihre Eltern. Der blinde Bruder klammerte sich an den Maler und es gelang dem letzteren, für schweres Geld einen Schiffer mit seiner Barke zu mieten, der sie vorläufig nach dem Felseneiland Capri zu bringen versprach.

Welch ein Sturm von Gefühlen wogte in Salvatores Brust, als die Barke in der sternklaren Nacht über die glatten Wogen des Golfes dahinfuhr, zur Rechten das von unzähligen Fackeln erleuchtete Neapel mit dem Kastell oben und dem spanischen Geschwader auf dem Wasser. Glühend stieg der Dampf aus dem rückwärts gen Himmel ragenden Vesuv, aus dessen Schlunde die rote Lava leuchtend herabfloß. Es war ein großartiges Bild, das die Nacht nur halb mit ihrem Schleier zu verdecken vermochte, und während der Maler tief ergriffen seine Blicke umherschweifen ließ, begann sein blinder Bruder mit gedämpfter, aber in der Stille der Nacht doppelt das Herz erschütternder Stimme jenes Lied zu singen, das ihre Mutter sie einst gelehrt hatte.

Wohl brachten die Tage, welche Salvatore mit seinem Bruder auf Capri zubrachte, manchen schmerzlichen Eindruck, denn wo ruft das Schicksal des Nichtsehenkönnens größeres Bedauern hervor als dort, wo die Natur ihre schönsten Wunder enthüllt hat? Es kostete dem Maler oft Überwindung, seine Klagen nicht laut werden zu lassen, wenn er das felsengetürmte Eiland, den entzückenden Blick auf das Meer und die unbeschreiblich 297 herrlichen Mondnächte genoß, oder von den Trümmern der Villa des Kaisers Tiberius die ganze Rundsicht des einzig schönen Golfes überschaute. Dann ergriff ihn tiefe Wehmut über das Schicksal Tebaldos, der in ewiger Nacht sein Leben verbringen mußte. Aber er kannte noch nicht die unerschöpfliche Kraft wahrer Frömmigkeit, welche sein Bruder in den härtesten Stunden seines leidvollen Daseins zu seinem Troste gewonnen hatte. Erst später sollte er einsehen lernen, daß selbst die bittersten Erlebnisse im Gemüte eines wahrhaft guten Menschen die edelsten Früchte reifen.

* * *

Zu den Mitgliedern des Todesbundes gehörten außer Salvatore Rosa, Lanfranco und Aniello Falcone noch eine ganze Anzahl von neapolitanischen Malern, denn diese gerade waren in den letzten Jahren durch die schändlichen Intrigen des Giuseppe Ribera fortwährend in ihrem künstlerischen Selbstgefühl auf das tiefste beleidigt worden. Riberas allmächtiger Einfluß in Sachen der Kunst hatte sich hauptsächlich auf die Schwächen des Herzogs von Arcos gestützt, von dem behauptet wurde, er regiere Neapel und lasse sich selbst von den schönen Augen der Frau des Ribera beherrschen.

Gleich bei Ausbruch der Revolution war der spanische Maler mit seiner Familie, dem Beispiele vieler andrer vornehmer Spanier folgend, aus der Stadt geflohen und hatte sich auf einem benachbarten Landgute in Sicherheit gebracht. Kaum war die Stadt jedoch von Don Juan d'Austria eingenommen worden, so kehrten die vornehmen Flüchtlinge dahin zurück. Es begann nun für die hervorragende spanische Gesellschaft eine Zeit großer Feierlichkeiten, deren Mittelpunkt selbstverständlich der schöne und tapfere Königssohn Don Juan war.

Der seitherige Vizekönig war sofort abberufen worden und an seine Stelle der Graf Villamedina in königlichem Auftrage getreten.

Während dann der abgesetzte Vizekönig in Spanien einer strengen Untersuchung und vorläufigen Haft entgegenging, wurde sein Nachfolger an der Stätte seines neuen Wirkungskreises mit großen Ehrenbezeigungen begrüßt, und so folgten den Festlichkeiten zu Ehren des jungen Siegers diejenigen zur Bewillkommnung das neuen Herrschers.

Um den Neapolitanern zu zeigen, wie hoch er nach wie vor in der Gunst der spanischen Großen stand, veranstaltete auch Ribera in seinem eignen Palaste eine glänzende Ballfestlichkeit, zu welcher er den Prinzen 298 Don Juan d'Austria einlud. Der schöne junge Held erschien zur festgesetzten Stunde und wurde an der Schwelle des Empfangssaales von der Gattin und den beiden reizenden Töchtern des Malers begrüßt, welche sich die Ehre ausbaten, ihm die Hand küssen zu dürfen. Don Juan war entzückt über die Liebenswürdigkeit der Damen und bewunderte die auffallende Schönheit der beiden jungen Mädchen, von denen namentlich die jüngste, Namens Rosa Maria, die auch der Liebling des Vaters war, sein Herz gewann. Während des ganzen Balles hielt er sich in ihrer Nähe, und der geschmeichelte Vater war stolz auf diese Bevorzugung.

Bereits am nächsten Morgen kehrte der junge Held in das Haus Riberas zurück, und zwar unter dem Vorwande, die Gemälde des Meisters zu bewundern. Er überschüttete bei dieser Gelegenheit den Hausherrn sowohl wie die Damen mit Schmeichelei und ausgesuchter Galanterie und wußte es einzurichten, beim Abschiede ein Briefchen in Rosa Marias Hand zu spielen. Niemand bemerkte den Beginn dieser Verständigung noch auch den Fortgang derselben, bis wenige Tage später Ribera seine Tochter zu sich rufen lassen wollte und die überraschende Mitteilung erhielt, sie sei im ganzen Hause nicht zu finden.

Man suchte Rosa Maria überall, forschte bei allen Bekannten nach ihr und erfuhr nach und nach, daß sie in der Nacht mit dem Sohne des Königs nach Monreale bei Palermo geflohen sei.

Vergeblich rief der verzweifelte Vater sie zurück. Er durfte nicht einmal wagen, die Behörde um Hilfe anzugehen, denn seit der Abberufung des Herzogs von Arcos war sein ganzer Einfluß dahin.

Der junge Held verlebte mit der schönen Tochter des Malers an jenem sizilianischen Zufluchtsorte eine Zeit überschwenglichen Liebesglücks, und als sein Beruf als Anführer einer Flotte, welche von Spanien gegen Frankreich ausgesandt wurde, ihn von dort fortrief, brachte er das unglückliche Mädchen in ein Kloster nach Palermo.

Ribera aber wurde über die seiner Familie angethane Schmach, die sein thörichter Hochmut heraufbeschworen hatte und gegen welche es weder Recht noch Rache gab, derart von düsterer Schwermut befallen, daß er Neapel verließ und sich in die Einsamkeit jenes Landsitzes am Meere zurückzog, wo er während der Revolution Zuflucht gesucht hatte. Seine Kunst war ihm gänzlich verleidet und er verlebte nur wenige Jahre in finsterer menschenfeindlicher Stimmung, bis der Lebensüberdruß ihn zum Selbstmord trieb. 299 Eines Abends verschwand er plötzlich, um nie wiederzukehren und es blieb nur die Annahme übrig, daß er in den Wellen des Meeres seinen Tod gesucht habe.


Salvatore Rosa hatte mit seinem Bruder nur kurze Zeit auf der Insel Capri zugebracht und war dann mit der ersten Gelegenheit zu Schiff nach Civita Vecchia und von da nach Rom gereist. Er gedachte dort nicht sehr lange zu bleiben und dann nach Florenz weiter zu gehen, wo er seinen dauernden Aufenthalt nehmen wollte. Aber die Verhältnisse in Rom hatten sich inzwischen völlig verändert. Der neue Papst, der einen ernsten Sinn hatte, brachte eine andre Geschmacksrichtung auf. Hauptsächlich war es die Musik, welche Innocenz mit Vorliebe pflegte, und er zog daher die bedeutendsten Sänger in die päpstliche Kapelle.

Antonio Scacciati, Salvatore Rosas bester Freund, war mit seiner jungen Gattin wieder nach Rom gezogen und lebte dort mit dem alten Capuzzi, der ganz verwandelt war, in demselben Hause.

Die arme, ganz verwaiste Serpa war bei Marianne geblieben, und das gute Mädchen fühlte sich glücklich, nach dem abenteuerlichen Leben an der Seite ihres Vaters, endlich einmal eine ruhige Häuslichkeit kennen zu lernen.

Da Scacciati den lebhaften Wunsch hegte, Salvatore Rosa möge sich entschließen, gleichfalls in Rom zu bleiben, so hatte er dahin zu wirken gesucht, daß demselben von verschiedenen Seiten sofort ehrenvolle Aufträge zu teil wurden.

Übrigens war inzwischen der Ruhm des neapolitanischen Malers bereits in der ganzen Welt verbreitet und überall wollte man Gemälde von seiner Hand besitzen.

So blieb er denn in lebhaftem Briefwechsel mit seinen Freunden in Florenz, aber er kehrte nicht dorthin zurück. Neben dem Pinsel führte er auch die Feder und manches geistvolle, freilich auch manches scharf zugespitzte Gedicht entfloß derselben.

Kaum hatten Salvatores Freunde in Rom Gelegenheit gehabt, die unvergleichliche Stimme und das gründliche musikalische Verständnis des blinden Tebaldo kennen zu lernen, so bewirkten sie, daß der Kapellmeister des Papstes auf den jungen Mann aufmerksam gemacht wurde, und kurz darauf war derselbe Mitglied der vatikanischen Kapelle. Es wurde von den Komponisten in ihren neuen Werken stets darauf Rücksicht genommen, 300 daß in ihren Messen und andern Kirchenmusiken der wunderbar ergreifende Gesang des blinden Künstlers zur größten Geltung kam. Bald führte derselbe die blasse Serpa, der sein Herz noch aus früherer Zeit in treuer Neigung zugethan war, als Gattin in sein Haus.

Nun würde Salvatore Rosa wieder einsam gewesen sein, hätte auch er nicht inzwischen sich entschlossen, ein treues Herz zu belohnen, das ihm seit Jahren in bescheidener Anspruchslosigkeit ergeben war und niemals gewagt hätte, eine Verbindung mit dem geistig so hoch stehenden und berühmten Manne für möglich zu halten. Als er sich nämlich vorgenommen hatte, in Rom zu bleiben, erbaute er sich ein bequemes Haus in gesunder Lage mit einem Atelier, wie er es sich nur wünschen konnte. Um seine Wirtschaft in bewährten Händen zu wissen, nahm er jene einfache alte Frau zu sich, bei welcher er in früheren Jahren wiederholt gewohnt hatte und deren Tochter Lucrezia ihm bei manchem seiner schönsten Bilder als Modell gedient hatte. Er wußte längst, daß das schöne Mädchen eine innige Neigung zu ihm empfand, und da er nun mit der Welt so weit abgeschlossen hatte, daß er nur noch seiner Kunst und einer ruhigen Häuslichkeit leben wollte, nahm er später die inzwischen verwaiste Lucrezia zum Weibe. Er hatte die Freude, von ihr einen Sohn zu erhalten, dessen Erziehung seine späteren Tage noch mit manchem Lichtblick erhellte.

Es konnte denn auch weder seine Gemütsruhe noch sein häusliches Glück stören, als er zufällig später erfuhr, daß der Graf Mendoza sich von Neapel nach Madrid habe zurückberufen lassen, weil er die Trennung von seiner Tochter nicht ertragen konnte, welche die Gattin des Grafen Ognatte geworden war, eines Neffen des gegenwärtigen Vizekönigs von Neapel, der bei der Einnahme der Stadt im Gefolge Don Juan d'Austrias gewesen war und die Bekanntschaft mit der jungen Gräfin bei den darauf folgenden Feierlichkeiten erneuert hatte. Ognatte war nach dem Feldzuge in seine Heimat zurückgekehrt und hatte dort eine Stellung übernommen, die seinen großen Fähigkeiten eine glänzende Zukunft verhieß.

Die junge Gräfin Ognatte galt dann später in Madrid als große Kunstkennerin, und ihrem Einflusse besonders hat es Spanien zu verdanken, daß einige der Meisterwerke Salvatore Rosas in den dortigen Galerien die Bewunderung aller Kenner finden.

 

Ende.

 


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