Karl Gjellerup
Antigonos
Karl Gjellerup

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Zwischen den Stürmen

Gefallene – von den Aufrührern?«

»Ungefähr zehn, Prokonsul, die Verwundeten abgerechnet.« –

»Soldaten?«

»Keine ... sieben Verwundete.«

»Und die Christen – arme Toren – wie ist es ihnen ergangen?«

»Zwei Kornhändler sind gegeißelt worden und ein Armer, halbtot von Peitschenhieben und Brandwunden; den übergab ich der Gemeinde.«

»Sehr sparsam. – Und Gefangene? – wie viele, nur so ungefähr?«

»So viele als die viereckige Säulenhalle aufnehmen kann. Als ich die Christen weggeschickt hatte, zog ich die Soldaten heraus und besetzte den Eingang mit starker Wache.«

»Vortrefflich. Vorläufig ist wohl nichts anderes zu tun, als sie streng zu bewachen. Augenblicklich habe ich keine Gelegenheit, das früheste wäre morgen. Die Verproviantierung der Stadt wird mich ganz in Anspruch nehmen ... Ich bin mit dir zufrieden, Flaminius,« fügte der Prokonsul mit einer abfertigenden Handbewegung hinzu, als der Tribun noch zögerte sich zu entfernen.

»Aber – bedenkt der Prokonsul die Zustände, in denen sie sich befinden? ... Wenn nicht Maßregeln getroffen werden, ich meine, es werden nicht viele Gefangene für das Gerichtsverfahren übrig bleiben.«

»Dann wird Korn gespart.«

Der Tribun sah ihn an, ob er scherze. Aber Statius Quartus beugte sich schon wieder über seine Pergamente und Papiere.

»Sie haben alle ihr Leben verwirkt,« äußerte er, ohne aufzublicken, »aber ich will Gnade für Recht ergehen lassen und diejenigen, deren Leib es aushält, nur mit der Geißel strafen.«

Der Tribun zog sich zurück. Quartus aber saß noch immer bei seiner Arbeit, als gegen Abend Polykarpos gemeldet wurde. Der Bischof wollte ihm für seine Milde und seine Fürsorge danken. Aber der Prokonsul unterbrach ihn. Es wäre seine Pflicht, für die Sicherheit der Bürger zu sorgen. Sowohl Cäsar als der Senat hätten diese tumultuarischen Verfolgungen verboten. Wenn sie jedoch eine gesetzmäßige anordneten, würde er ihn vor die Tiere werfen lassen. Und als nun Polykarpos es wagte, seinen eigentlichen Auftrag vorzubringen und Quartus bat, schonend mit dem armen verhungerten Pöbel zu verfahren, ersuchte ihn dieser kurz, sich um sich selbst und seine Gemeinde zu bekümmern, und sich nicht in Sachen der Obrigkeit zu mischen. Dann rief er seinen Schreiber herein und brach die Unterhandlung ab.

»Das sollte wohl einen edlen Eindruck machen,« murmelte er, als Polykarpos wegging, »und im Grunde genommen kostete es ihn nichts, denn er weiß wohl, daß keine seiner Bitten berücksichtigt wird.«


Indessen war Antigonos in ein Haus gebracht worden, das der Gemeinde gehörte. Hier wurde er mit der größten Sorgfalt von den Witwen gepflegt, die, wie Polykarpos sich ausdrückte, der Altar Gottes seien. Schon am Tage nach dieser fürchterlichen Nacht war Antigonos bei vollem Bewußtsein und hatte schwer zu leiden.

Die ganze Gemeinde betete für ihn. Der Bischof besuchte ihn täglich, und gleich nach seinem ersten Besuch begab er sich zum Prokonsul. Polykarpos' scharfer Blick hatte schon bei dem ersten Zusammentreffen entdeckt, wie verschieden Antigonos' Geist von dem seinigen sei, und er bemerkte ständig etwas an ihm, das seiner apostolischen Norm zufolge ketzerhaft sei. Aber er sah ihm, seiner Leiden um Christi willen gedenkend, durch die Finger, und beugte sich vor seiner Milde und Liebe.

Was die Gemeinde betraf, so hätte Antigonos' Wort eine im übrigen häretische Lehre geheiligt. Der Bekenner Theophilos, wie er jetzt immer genannt wurde, war ihr zweiter Stolz geworden und durchaus kein geringerer, als der erste, nämlich der Johannesjünger Polykarpos. Sie hatte keine Verfolgungen erlitten: sie hatte keinen Märtyrer. Aber der Bekenner war für sie ein auferstandener Märtyrer, eine lebende Reliquie. Wenn seine Laken gewechselt wurden, riß man sie zur Verteilung in Stücke, und seine Schweißtücher brachte man den Kranken. Als er genas, feierten sie die Liebesmähler an seiner Lagerstatt. Als er anfing auszugehen, reichten die Mütter ihre Kindlein ihm entgegen, damit er sie segne. Und die Christen, die im Angesicht des Todes verzagt und unter den vollzogenen Martern ihren Abfall gefürchtet hatten, beichteten ihm ihre sündhafte Schwäche, und er sagte ihnen Vergebung zu. Dieser Eingriff in das Bischofsrecht kränkte Polykarpos, und er begann überhaupt, die dem Bekenner entgegengebrachte Gunst scheel anzusehen, in der er Ketzereien zu spüren schien. Darum eiferte er gegen das Johannesevangelium, das Antigonos der Gemeinde vorlas und ihr deutete.

Diese Zustände machten Antigonos den Aufenthalt in Smyrna unerträglich. Er fürchtete, seiner Eitelkeit möchte geschmeichelt werden, und er war weit davon entfernt, Unverträglichkeit unter der Gemeinde erregen zu wollen und möglicherweise das Ansehen des Aposteljüngers zu schmälern.

Hierzu gesellte sich noch die Unruhe, die Erinnas Nähe ihm einflößte. Nach Verlauf so vieler Jahre durchdrang sie seine Gedanken aufs neue, mischte sich störend in seine Andacht, was ihn zwang, sich mit der Geißel zu heilen. Eines Tages begegnete ihm ein prachtvoller, von purpurgekleideten Sklaven getragener Tragsessel; durch die dunklen Spatscheiben ließen sich die Züge der Insassin nur ahnen. Ein Schwindel und ein starkes Herzklopfen befiel ihn, so daß er sich an die nahe Mauer lehnen mußte.


Schließlich fühlte Antigonos eine starke Sehnsucht, Judäa und die heiligen Orte zu sehen. Sobald sich eine Gelegenheit bot, reiste er, von einem Sendschreiben an die Gemeinde zu Jerusalem begleitet, dahin ab. Aber Jerusalem war nicht mehr. Kaum daß ein alter Name noch in der Erinnerung lebte, nachdem der Stern Jakobs erloschen und das Szepter Israels zerbrochen war. Er kam zu einer römischen Provinzstadt, die dem Jupiter geheiligte Alia Capitolina. Es war die Zeit der Ostern, und die christliche Gemeinde beklagte sich darüber, daß hier, wo ihre Väter vor undenklichen Zeiten das Osterlamm für Jehova geschlachtet hatten, – dem Jupiter geopfert würde – in seinem Tempel, auf dem heiligen Berg. Aber die marcionitischen Heiden-Christen priesen den Brand des alten Judentempels und verhöhnten diejenigen, die noch den gerechten Gott heiligten und damit bewiesen, daß sie den guten nicht kennten. Draußen vor der Stadt, so weit entfernt vom Tore, daß man den großen Schweinskopf nicht sehen konnte, der darüber gähnte, traf Antigonos die armen Ebioniten, die von fernher gepilgert waren, um soweit als möglich die Osterreise zu machen und das Gesetz zu erfüllen, das zu bestätigen – nicht, um es zu vernichten – ihr Erlöser, der Sohn des Zimmermanns, hergekommen war. Sie verfluchten die Unbeschnittenen und knirschten mit den Zähnen, wenn Paulus erwähnt wurde.

Nach einem kurzen Aufenthalt zog Antigonos weiter, und als er Judäa und Galiläa durchwandert hatte, lebte er in der Wüste jenseits des toten Meeres, bei den Essenern, einer Sekte von Priestern, die sich vom Tempeldienst losgerissen hatte, indem sie das levitische Priestertum vergeistigte. Als er ihr erstes Dorf erreichte, war er von Hunger und Ermattung ganz erschöpft. Sie empfingen ihn wie einen Bruder und pflegten ihn gastfreundlich, aber einfach wie sich selbst. Denn sie lebten streng asketisch und enthielten sich des Fleisches und des Weines; auch hielten sie sich vollkommen keusch und vermehrten sich nur geistig, indem sie außerhalb Stehende bekehrten. Unter ihnen fand er keine Sklaven und keine Notleidenden, auch keine Reichen, denn sie hatten alles gemein. Niemals hörte man hier harte oder unkeusche Redensarten oder derbe Flüche. Ihr Tagewerk – Feldarbeit oder Handwerk – wurde still und friedlich vollbracht, eingeleitet und beschlossen vom Gebet. In Gebaren und Denkweise erschienen sie Antigonos gleich wahren Christen. Als er aber in ihren Versammlungen von Jesus und der Erlösung durch ihn sprach, schüttelten sie ihre Köpfe – sie könnten von Jesus nichts lernen, da er erst alles von ihnen gelernt hätte. Bei ihnen war er ja vierzig Tage lang gewesen, nachdem er die Taufe empfangen hatte. Deshalb hatte er ein allgemeines Priestertum verkündigt und den Geist des Gesetzes vollendet, indem er seine Formen brach. Er hatte den Eid verboten, die Armen und Keuschen selig gepriesen. »Ich habe den Propheten von Nazareth gesehen,« sagte ein Greis von anderthalb hundert Jahren, »wahrlich, er war ein heiliger Mann und darum ein Sohn Gottes. Aber seine fleischlich gesinnten Jünger haben seine Lehre verpfuscht und sie nach dem Geschmack der Welt eingerichtet, sowohl für die Juden als für die Heiden. Darum wird die Welt wohl christlich werden, aber wir bleiben Essener.«

Und Antigonos wunderte sich höchlich; es schien ihm, daß er hier das Grenzland zwischen dem Reiche des Baumeisters und dem des höchsten Gottes gefunden habe.


Nach zwei Jahren kehrte Antigonos nach Smyrna zurück. Polykarpos empfing ihn mit kühler Freundlichkeit. Die Gemeinde aber hielt Dankgebete ab, weil sie den Bekenner wieder in ihrer Mitte hatte. Antigonos hatte freilich nicht die Absicht, sich in Smyrna niederzulassen, obwohl er keine Sehnsucht nach Alexandria verspürte oder danach verlangte, sich einer anderen Gemeinde zuzuwenden. Er fühlte sich nur mit dieser verknüpft – denn bei ihr hatte er seinen Glauben mit seinen Leiden besiegelt, darum schien es ihm eine Unmöglichkeit, diese Stadt mit einer anderen zu vertauschen – die schönste Stadt unter der Sonne, deren Eigentum das Meer war und der die Quellen des Zephirs gehörten.

Da kam Antigonos der Gedanke, die Einsamkeit zu suchen. Vielleicht würden andere seinem Beispiel folgen; sie würden dann eine Kolonie von Eremiten bilden, wie die Therapeuten bei Moeris, fern von Weltlärm und Versuchungen, die Zeit gleich der Ewigkeit, beinahe stillstehend verlebend, in der Beschäftigung mit Feldarbeit, Gebet und Betrachtungen.

Zuerst war er geneigt, sich in der Homerschule niederzulassen. In einem einsamen Tal gegen Süden gelegen, umschattet von uralten Platanen, war eine Felsengrotte mit Steinbänken, die Sammelstätte der Zugehörigen.

Zwischen fruchtbaren Ufern strömte der Meles das Tal entlang, über den sich in einiger Entfernung eine graue Steinbrücke wölbte, auf der man von Zeit zu Zeit eine Karawane in ihrer bunten Reihe dahinziehen sah.

Aber der Ort war ihm zu nahe an der Stadt, er strebte weiter hinweg. Er wählte endlich seinen Aufenthalt am südlichen Abhang des Sipylosberges. Die Gegend war eine Mischung von Wüste und lächelnder, strahlender Fruchtbarkeit. Felsblöcke lagen ringsum verstreut und übereinander gehäuft, als ob Titanen damit gespielt hätten; tiefe steile Klüfte kreuzten sich wie ungeheure Inschriften von dem großen Erdbeben, das unter Tiberius die Gegend bis nach Sardes hin zerstört hatte. Unten grünte ein liebliches, bewohntes Tal an einem Nebenfluß des Hermus, der sich gegen Südosten schlängelte, wo Tmolus sich wie eine scharfe blaue Wolke erhebt, die am Horizont befestigt ist. An seinem Fuß hatte Sardes, die alte Hauptstadt Lydiens, gelegen, deren Reichtum und Üppigkeit ein Sprichwort geworden war; sie war von neuem erbaut worden, und Antigonos erinnerte sich der fürchterlichen Worte des Apokalyptikers: »Man sagt von dir, daß du lebest, obgleich du tot bist.«

Im Hintergrunde seiner Höhle rieselte eine Quelle durch die Felswand und lief in eine natürliche Vertiefung, wie in einen Regenfang hinunter, an dessen Rand eine junge Palme Wurzel gefaßt hatte, während von oben her das Licht durch eine Felsenritze, wie durch eine Deckenlyra schien.

Ein Lager von Palmblättern, eine Schilfmatte als Sitzplatz, ein rohes Holzkreuz, über dessen einem Arm die Geißel hing, ein Holzkasten mit einigen Schriftrollen und unbeschriebenem Pergament und ein Tonkrug – das war seine ganze Habe.

Dicht vor der Höhle war ein Streifen guter Erde, beschützt vom Felsen und von der Quelle bewässert. Hier hatte er in einem kleinen Garten Hülsenfrüchte, Kohl und Rüben angebaut. Zweimal im Monat wanderte er den acht Meilen langen Weg nach Smyrna, wo er Einkäufe von Brot und Gemüse machte, wenn der Ertrag seines Gartens nicht mehr vorhalten wollte. Bisweilen begleitete ihn dann der eine oder der andere Bruder zurück, um seine Gesellschaft auf einige Tage zu genießen und damit vereint die Lieblichkeit der Einsamkeit zu kosten.

Dann und wann zogen Karawanen von Sardes nach Magnesia bei ihm vorüber, und es wurde ihnen bald zur Gewohnheit, vom Wege abzubiegen, um bei Antigonos' Höhle zu rasten, seine Rede anzuhören und seinen Segen zu empfangen. Denn die vulkanische Gegend war von Dämonen angefüllt, und selbst die Heiden sahen und hörten den heiligen Mann gern, der sich von der Welt hierher zurückgezogen hatte.

Dieses Leben hätte Antigonos vollkommen befriedigt, wenn nicht ein starkes Verlangen nach Wirksamkeit unerfüllt geblieben wäre. Die Äußerung Polykarpos' über die Zersplitterung der Kirche und noch mehr alles, was er selbst, und besonders auf seiner letzten Reise, gesehen hatte, erfüllte ihn mit einem starken Drang, diese Kluft auszufüllen und alle zu einer Herde zu vereinen – zu einem unwiderstehlichen, einträchtigen Heer des Geistes, das die Welt überwinden sollte, anstatt sich durch Uneinigkeiten und Wortgefechte aufzureiben. Sein alter Römerhaß hatte sich in Haß wider die sündige Weltlichkeit verwandelt, mit Rom als Symbol für das große babylonische Sündenweib. Aber als überwunden durfte die Welt nicht zugrunde gehen, sondern mußte bekehrt, mußte um Christus versammelt werden. Das Wort der Essener: »Die Welt wird christlich werden, aber wir bleiben Essener« bedeutete für ihn das unerbittliche Todesurteil der Askese. Auch das Judenchristentum stand zu niedrig, um das Bindeglied zu sein, denn die Geistigen konnten nicht ins Seelische zurückgezogen werden, wohl aber konnte man die Seelischen zum Höheren emporheben. Derjenige, welcher die Streitenden sammelte, müßte den höchsten und umfassendsten Standpunkt einnehmen. So wurde denn die Deutung des Johannesevangeliums und der Gnostiker von Christus als Wort, die Blüte der Äonwelt, welche die ganze vor weltliche Fülle in sich barg, das Haupt der Schöpfung, unter dem sich alles sammeln müßte; – – für ihn jetzt der Hauptgedanke, um den sich alles gruppierte. Durch Christus war die Scheidewand zwischen Juden und Heiden abgebrochen, und der Zwiespalt war verschwunden.

Wie aber konnte er wirken? Er besaß nicht die mächtige Redegabe, die Feuerzunge des Geistes. Sein Ansehen in Smyrna wies ihn darauf hin, da seinen Anfang zu machen.

Aber noch war Polykarpos dort, und er würde vielleicht nur Zwistigkeiten erregen, wo er für die Einigkeit arbeiten wollte.

Nachdem er sich ein Jahr lang mit diesen Gedanken beschäftigt hatte und noch immer in Unsicherheit schwebte, saß er eines Tage sehr niedergeschlagen und matt in seiner Höhle. Draußen glühte die Mittagssonne auf den hellgelben Felsen, und eine scharfe blanke Steinkante – wie ein Hohlspiegel flammend, – warf einen Strahl in sein Auge. Von diesem Lichte gelähmt und zugleich angezogen wollte er den Kopf wegwenden, vermochte es aber nicht. Ein Gefühl von plötzlicher Erleichterung und Befreiung hatte seinen Geist gleichsam dem Körper entrückt. Er stand von einem Lichtstrom, dessen göttlichen Ursprung er ahnte, umflossen, der, von einer goldigen Wolke getragen, unter der die sieben Planeten kreisten, diese wie betaute Glaskugeln erscheinen ließ. Aus diesem Lichtstrom aber trat ihm jetzt eine hohe Gestalt entgegen. Ihr Haupt war von kurzem, krausem Bart und Haar umgeben und mit einem Regenbogen umkränzt. Der Mantel, der sie einhüllte, glich einer von der Sonne beschienenen Wolkenspitze. Als Stütze gewahrte er ein langes spitzes Schwert, das wie ein Blitz leuchtete.

»Erschrick nicht, Theophilos,« sagte die Erscheinung, »ich bin Paulus. Schreibe meinen Brief an die Gemeinde in Colossä, die mich nicht im Fleisch gesehen hat.«

»Und was soll ich schreiben?«

»Schreib! –«

Er saß wieder in seiner Höhle. Der Strahl, der seinen Geist ins Paradies geführt, war von ihm gewichen. Hinter ihm aber beleuchtete er noch das weiße Pergament, das aus dem Bücherkasten herausragte.

Dann machte er sich daran, Worte und Gedanken niederzuschreiben, die ihm ganz von selbst kamen, – durch Eingebung. Und bisweilen, wenn er zögerte, hörte er eine starke Stimme ihm vorsagen, was er schreiben solle.

Als er bei Sonnenuntergang die Feder hinlegte, fiel er ohnmächtig zurück. Schon färbte die Abendröte wieder die Wolken, als er mit einem brennenden Durst erwachte.

Am nächsten Morgen las er das Geschriebene durch und weinte vor Freude, als er sah, daß der Apostel dieselben Gedanken ausgesprochen hatte die auch ihn schon längst bewegt hatten. Denn er sah sich als keinen anderen als einen der Schreiber an, denen Paulus, schon während er lebte, seine Briefe zu diktieren pflegte. Was ihn wunderte, waren die Worte des Schlußverses: »Gruß mit meiner, Pauli, Hand.« Aber er durfte nichts verbessern.

Die nächste Zeit benutzte er zur Reinschrift des Briefes, und bald hatte er eine Anzahl von Abschriften vorrätig, um damit die ganze Christenheit zu versehen, wenn sie von Gemeinde zu Gemeinde in immer zahlreicheren Mengen geschickt würden.

Die Schwierigkeit aber bestand in der Aussaat. Er wußte recht wohl, daß gewöhnliche Christen mit ihren noch fleischlichen Begriffen den Brief nicht für echt gelten lassen würden, wenn sie sähen, daß er im selbigen Jahr von einem Einsiedler geschrieben war. Indes hatte nicht auch das Johannesevangelium, dessen Echtheit Polykarpos leugnete, seinerzeit einen mächtigen Widerhall im christlichen Bewußtsein gefunden? Hatte er nicht in Rom gehört, wie einer den Philipperbrief anzweifelte? Und doch wurde er zurzeit in allen Gemeinden gelesen. Außerdem war er dessen gewiß, daß die Vorsehung den Brief bewachen und sein apostolischer Geist alle Hindernisse überwinden werde. Jedesmal, wenn eine Karawane vorüber kam, mit der auch Christen reisten, gab er ihnen ein oder mehrere Stücke als Tausch für Lebensmittel; bei Gelegenheit tauschte er wohl auch einen Galater- oder Philipperbrief ein, von denen er beständig Abschriften fertigte.

Ehe ein Jahr verflossen war, hatte er alle Kolosserbriefe vergeben, so daß er neue anfertigen mußte.


Indessen ereignete sich alles, wie er es erwartet hatte. Mehrere Christen aus Smyrna, die ihn besucht hatten, ergriff das Verlangen, die Welt zu fliehen und wie er, in dieser Einsamkeit zu leben. Es waren Greise ohne Angehörige, ungefähr zehn an der Zahl. Weil sich in der Gegend nur noch wenige Höhlen vorfanden, gruben sie selbst solche aus und rollten mit großer Anstrengung Steine dahin, die sie mit Erde und Moos verdichteten; auch bauten sie, zwischen Felsenspalten eingeklemmt, ein paar einfache Hütten. Bei Sonnenauf- und -untergang versammelten sie sich zum Gebet. Den Tag brachte jeder für sich zu, indem sie ihre Gärten anpflanzten, die verstreut zwischen den Felsenstücken lagen; oder sie übten sich in ihrer Höhle im Lesen und in Betrachtungen.

Antigonos hatte, so oft sich die Gelegenheit darbot, Grüße an seine Freunde in Alexandria gesandt und von dort Nachrichten über seinen Sohn erhalten, der im Hause des Bischofs erzogen wurde. Eines Tages kam ein Jüngling den Bergsteig heraufgewandert und bat einen der Eremiten, der in seinem Garten jätete, ihm den Weg zum Bekenner Theophilos zu zeigen.

Einen Augenblick später umarmten Vater und Sohn einander.

Agathos war jetzt achtzehn Jahre alt und ein großer kräftiger Jüngling. Dunkelbraunes Haar lag in dichten Locken um die breite Stirn und den kräftigen Nacken. Seine Augen ähnelten mit ihrem dunklen Glanz denen des Vaters; die starken Lippen hatten die Bogenlinie Erinnas.

Draußen in der Wüste in einer Höhle und abgeschieden von der Welt leben zu können, wenigstens auf ein Jahr, – nichts hätte seiner jugendlichen Neigung für das Abenteuerliche und Ungewöhnliche mehr zusagen können.

In dieser Zeit hatte Antigonos einen neuen Brief in Paulus' Namen vollendet, ohne Offenbarung, aber durch den inneren Antrieb des Geistes und oft unter dem Einfluß übernatürlichen Hörens. Ohne eine bestimmte Adresse wurde er als ein Rundschreiben an die kleinasiatischen Gemeinden gerichtet.

Agathos las eines der Schriftstücke und erging sich in Freude darüber, einen ihm unbekannten Brief von Paulus zu finden. Das war freilich etwas anderes, als was man heutzutage schrieb! – wie matt war nicht sogar das Schreiben Polykarpos' an die Philipper im Vergleich zu dieser apostolischen Fülle und Kraft! – Und hier, diese Rede über die Gemeinde, die Kirche und das große Geheimnis der Ehe, das hätte kein Neuerer gewagt, weil es an Valentinos erinnern würde!

Antigonos lächelte, – nicht aus Verfasserstolz, sondern aus Freude über das geistige Verständnis des Sohnes, das so sicher das echt Apostolische von der Epigonenliteratur unterschied.


Inzwischen hatte seine Gesundheit nachgelassen. Die starken geistigen Anspannungen hatten seine Kräfte erschlafft. Ganze Wochen hindurch mußte er unter inneren Schmerzen still auf seinem Blätterlager liegen bleiben. Er fühlte, daß sein Wirken zu Ende ging, aber er freute sich seiner Schwäche in der Hoffnung, daß Christus ihn bald aus dieser Welt abrufen werde. Dann begannen Anfechtungen und Versuchungen sich einzustellen. Zu Anfang waren es weltliche und sündige Gedanken; aber bald sah und hörte er, was ihn lockte oder entsetzte. In solchen Zuständen war es günstig für ihn, den Sohn bei sich zu haben, der die Gaukelbilder nicht sah, sondern sie verscheuchte, indem er auf sie trat oder mit dem Kreuz auf die Stellen schlug, wo die Schlangen zischten, gehörnte Teufel grinsten oder nackte Weiber sich streckten. Und wenn sein eigener Arm zu matt war, züchtigte Agathos' kräftige Hand den Vater mit der Geißel.

Es war an einem Maitag zur Mittagsstunde. Agathos lag schlafend unter der Palme im kühlen Hintergrund der Höhle. Antigonos saß matt und betäubt auf der Schilfmatte, den Kopf in die Hand gestützt, und erhob seine Augen von der Offenbarung Johannes', die aufgerollt auf seinen Knien lag. Sein Finger zeigte auf die Worte: »Und ich sah den Himmel geöffnet, und siehe, ein weißes Pferd, und der, der darauf saß – –«

Er sah hinaus. Die Sonnenstrahlen brannten senkrecht auf die weißglühenden Felsen herab. Sein Gaumen war versengt vom Durst, dennoch konnte er sich nicht dazu überwinden, den Wasserkrug zu holen. Anhaltend starrte er hinaus, gefesselt durch den weißgelben, flimmernden Schein und die blitzenden Glimmersteine an den Felsenkanten. Ungerufene Gedanken jagten einander willenlos durch sein Gehirn.

Draußen wurde das weiße Licht in prachtvollen Farben gebrochen, die umher wogten und Formen annahmen. Er hörte ein Brausen, Rieseln und Plätschern, als ob die Quelle hinter ihm zum Wasserfall würde. Und siehe! – jetzt saß sie draußen auf dem scharlachroten Tier, in Purpur gekleidet, von Edelsteinen blitzend, die große Sünde, sie, die über den vielen Wassern sitzet. Ihr Lächeln entflammte ihn, eine innere Glut begann schon, ihn zu verzehren. Er kannte dies Lächeln! – Jetzt glitten die Kleider von ihr ab, und aus dem Tier bildete sich ein breites Scharlachpolster, auf dem Stratonike lag, nackt, mit dem goldigen Haar über der Brust, gewiegt auf den Wassern wie Aphrodite im purpurbeschlagenen Boot.

Er wollte die Geißel ergreifen, vermochte aber nicht die Hand zu erheben; – er wollte Agathos wecken, aber die Zunge klebte ihm am Gaumen. Und während sein Auge an der Erscheinung haften blieb, veränderte sich diese. Das Lager verschwand, sammelte sich oben zur Wolkenschicht, von der Abendröte erleuchtet, und das lange Haar Stratonikes lag auf den rollenden Wogen, graugelb, wie die des Tibers. Jetzt trennten sich oben die Wände der Höhle und verlängerten sich zu einer engen Felsengasse, in welcher die vielen brausenden Wasser zusammenflossen und einen breiten, leise murmelnden Strom bildeten; die Ufer wurden von Wald überschattet, dessen frisches Brausen sich mit dem kühlen Rieseln des Wassers mischte. Und dort auf einem moosbewachsenen Felsenstück saß ein junges lächelndes Weib in safrangelbem Chiton. Es war nicht mehr Stratonike, sondern die Braut seiner Jugend, die ihn an den Ufern des Peneus im Tempetal erwartete.

Berauscht und von Schwindel erfaßt, wand er sich am Felsenboden, damit die scharfen, schneidenden Kanten der Steine die Lust seines sündigen Fleisches verdrängen möchten. Aber während er sich wand, näherte er sich mehr und mehr der Erscheinung. Weit davon entfernt, geheilt zu werden, wurde ihm der Schmerz ein Sporn zur Lust; schon fühlte er die Wogen seinen schweißbedeckten Körper bespülen, – er war ihr so nahe, so nahe. – Da, während er sein Gesicht an die Erde kehrte, erzitterte er durch, einen fürchterlichen Klang, der von den Felsen widerhallte. – Es war die erste Posaune, die ihn inmitten seiner Sünden überraschte. – Als er wieder aufblickte, hielt vor der Höhle ein Reiter auf einem milchweißen Hengst, dessen Helm und Panzer im Sonnenlicht glänzten, während Tempe wie gefärbter Staub unter ihm dahinwogte. – Antigonos aber erhob sich auf seinen Knien und sammelte seine letzten Kräfte, um den Christus der Offenbarung anzubeten. Indem er seine Arme ausbreitete, sank er ohnmächtig zusammen, während die zweite Posaune ihm in die Ohren dröhnte.

Obschon tiefe Nacht seine Sinne umhüllte, vernahm er noch immer den Klang des Hornes, und jetzt weckte dieser auch Agathos.

Draußen hielt ständig der Reiter auf dem weißen Hengst, von der Menge einer Heerschar umringt, deren Waffen wie Silber erglänzten. Und der Christus der Offenbarung beugte sein braunes Haupt über die weiße Mähne des Pferdes herab, indes er seine Augen, die unter der Helmblende blitzten, in der Höhle umherschweifen ließ. Dann richtete er sich auf, und die Hand ausstreckend, rief er mit tiefer Donnerstimme: »Hier ist noch mehr Löwenfutter! Vier Mann absteigen!«

Die Schuppenpanzer der Soldaten rasselten, als sie in die Höhle eintraten. Agathos war vollständig erwacht aufgesprungen. Da er keine Waffen in der Höhle vorfand, stürzte er sich wie ein junger Löwe auf den Ersten und nahm ihn an der Kehle. Er wurde an die Erde geschleudert, rücklings gebunden und hinter Antigonos, den zwei Landsknechte an den Schultern und Beinen hinaustrugen, weggeführt.

»Bei den Fäusten Herkules'! Der Kerl wird sich ausnehmen auf der Arena!« rief der auf dem weißen Pferd und zeigte dabei auf Agathos.

»Aber den anderen verlohnt es sich beinahe nicht, erst mitzuschleppen; in dem ist nicht viel Leben zurück. Wollen wir ihn nicht dort in die Schlucht werfen?« fragten die beiden Soldaten, indem sie Antigonos seitlich schwenkten.

»Unsinn! – das wird sich schon geben, wenn beim Feuer das Mark in den Knochen zu sieden beginnt. Sitz auf und nimm ihn vor dich aufs Pferd... Sind die Höhlen alle leer?«

»Ja, Centurio. – Hier sind zwölf Gefangene.« »Blast zum Aufbruch!«

Zum drittenmal schmetterten die Hornsignale und schallten zurück aus den Felsen. Als die Klänge hinstarben, umhüllte schon eine Staubwolke die Reiterschar auf dem Wege westwärts nach Smyrna, wo Marcus Aurelius vor wenigen Tagen ein Verfolgungsedikt erlassen hatte.


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